Der erste Teil der Arbeit nähert sich dieser Thematik und beschreibt, dass viele solcher Erwartungen aus Institutionen heraus entstehen. Organisationen sind eingebettet in eine Umwelt, die hinsichtlich des Bestehenbleibens von großer Bedeutung ist. Doch für das menschliche Zusammenleben ist es nicht untypisch, dass nicht immer alle Regelungen strikt hingenommen werden. Im Gegenteil: Insbesondere bei Interessenskonflikten kann der Egoismus überwiegen. Organisationen sind soziale Systeme, die auf mehreren Individuen basieren. Dies führt nicht zuletzt dazu, dass bei größeren Organisationen den Handlungsstrukturen eine gewisse Komplexität unterstellt werden kann. Der Neo-Institutionalimus knüpft an dieser Stelle an, indem Strukturen einer Organisation erläutert werden.
Die Rational-Choice Theorie ist hingegen die passende Ergänzung zu den makroperspektivischen Überlegungen, da hier auf die individuelle Entscheidungsfindung eingegangen wird. Einen besonderen Einfluss auf diese Arbeit hatten die theoretischen Überlegungen von Coleman in seinem 1986 erschienenen Werk "Die asymmetrische Gesellschaft". Nicht nur, dass Beziehungen zwischen Individuen und Organisationen darstellt werden, entsteht auch eine Neugierde, wie die Gesellschaft die Rahmenbedingungen und Folgen dieser bewertet. Der Volkswagen Skandal mit seinen Urteilen auf organisationaler und individueller Ebene ist insofern interessant, als das der Schuldfrage nachgegangen werden kann. Nicht im Sinne von moralisch "richtig" oder "falsch", sondern wie das gesellschaftliche Verständnis einer angemessenen Strafverfolgung Wirkung auf die Urteilsfindung ausübt.
Der zweite Teil dieser Arbeit behandelt zum einen die gerichtlichen Dokumente der zwei verurteilten Manager und zum anderen die mediale Berichterstattung zu eben diesen Verurteilungen und Anklagen. Ziel ist es, mittels einer Inhaltsanalyse auf die soziale Wirklichkeit zu schließen, in welcher die Verantwortlichkeit und Haftbarkeit im Zentrum steht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Neo-Insitutionalismus
2.1 Institutionen
2.2 Strukturen von Organisationen
3. Interaktionen mit Organisationen
3.1 Asymmetrische Beziehungen
3.2 Die Rational-Choice-Theorie
4. Organisationsskandale
4.1 Der Volkswagen Dieselskandal – ein Überblick
4.2 Der Ford Pinto Skandal:
4.3 Vorstandshaftung
5. Inhaltsanalyse
5.1 Methodisches Vorgehen
5.2 Analyseteil 1 – Verurteilungen
5.3 Auswertung Analyseteil 1
5.4 Analyseteil 2 – Mediendarstellung
5.5. Auswertung Analyseteil 2
5.6 Ergebnisse
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Verantwortungszuschreibung bei organisationalen Straftaten am Beispiel des Volkswagen-Dieselskandals. Dabei wird analysiert, inwieweit individuelle Manager in den USA für die Fehlhandlungen des korporativen Akteurs zur Rechenschaft gezogen werden und welche Rolle dabei öffentliche Diskurse und juristische Begründungen spielen.
- Analyse der Verantwortungszuschreibung bei organisationalem Fehlverhalten
- Untersuchung von gerichtlichen Urteilen gegen Volkswagen-Manager
- Betrachtung der medialen Berichterstattung zur Schuldfrage
- Anwendung neo-institutionalistischer und rational-theoretischer Erklärungsmodelle
- Gegenüberstellung von individueller und korporativer Haftung
Auszug aus dem Buch
Die Rational-Choice-Theorie
Die Rational-Choice-Theorie erklärt gesellschaftliche Phänomene auf Basis von individuellen Handlungen, die wiederum auf rationalen und vernünftigen Entscheidungen basieren (vgl. Diefenbach 2009, S. 239). Zu den Grundannahmen gehört, dass Akteure stets ihren Nutzen maximieren wollen und die Mittel und die erwartbaren Folgen ihrer Handlungen kennen. (Bundeszentrale für politische Bildung o. J., o. A.). Demnach vergleichen Akteure verschiedene Handlungsoptionen und entscheiden sich für jene mit dem größten Nutzen und den aussichtsreichsten Folgen. Dem methodogischen Individualismus stehen Handlungstheorien gegenüber, die auf kollektive Prozesse eingehen, also Phänomene, die beispielsweise nicht durch individuelle Handlungen erklärt werden können, sondern aus sozialen Gesetzmäßigkeiten heraus entstehen. Coleman beschreibt, dass es trotz von der ebenfalls existierenden irrationalen Handlungen sinnvoll ist, eine formalisierte Theorie rationalen Handelns zu benutzen, da diese eine höhere Erklärungskraft und eine einfachere Anwendbarkeit mit sich bringt (vgl. Voss 2017, S. 214).
Soziale Bedürfnisse und von der Natur vorbestimmte Veranlagungen formen den Menschen, der zwischen zwei fluktuierenden Polen von Lust und Unlust Bedürfnisse befriedigen will, wobei ein absoluter Zustand umgeben von Glück nie erreicht werden kann und der Mensch folglich nach einer subjektiven Nutzenoptimierung strebt (vgl. Blank 2011, S. 242f). Handlungspräferenzen sind hier also eher egoistisch orientiert sowie von den sozialen Motiven Fairness, Altruismus und Neid geprägt (vgl. Voss 2017, S. 214). Die unterstellte Rationalität in diesem Modell trifft auf viel negative Kritik, wenn bedacht wird, dass den Menschen eine Fähigkeit zugeschrieben wird, die in vielen Situationen nicht so vorzufinden ist. Doch der Ansatz erklärt eine Handlungsentscheidung nur insoweit für rational, „als sie für den spezifischen Kontext und den spezifischen Zeitpunkt der Entscheidung konsistent ist“ (Blank 2011, S. 245). Genauer bedeutet dies, dass den Menschen keine vollkommene, sondern eine begrenzte Rationalität unterstellt wird. Innerhalb einer räumlich-zeitlich begrenzten Situation entscheidet das Individuum seinem größten subjektiven Nutzen entsprechend. Es gelten folglich keine objektiven allgemeingültigen Werte, sondern diese werden von dem Individuum für sich selbst festgelegt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik der strafrechtlichen Verantwortlichkeit von Organisationen ein und stellt den Volkswagen-Dieselskandal als zentralen Forschungsgegenstand vor.
2. Der Neo-Insitutionalismus: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen der Organisationssoziologie, insbesondere wie Institutionen und formale Strukturen das Handeln von Organisationen beeinflussen.
3. Interaktionen mit Organisationen: Es wird untersucht, wie Individuen mit korporativen Akteuren interagieren, wobei Machtasymmetrien und individuelle Entscheidungsfindungen im Fokus stehen.
4. Organisationsskandale: Das Kapitel bietet einen Überblick über den Volkswagen-Dieselskandal und den Ford-Pinto-Skandal sowie eine Diskussion zur rechtlichen Vorstandshaftung.
5. Inhaltsanalyse: Dieser Abschnitt beschreibt das methodische Vorgehen bei der Analyse von Gerichtsdokumenten und Medienberichten und präsentiert die Auswertungsergebnisse.
6. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse der Arbeit zusammen und beantwortet die Forschungsfrage zur Verantwortungszuschreibung bei korporativen Akteuren.
Schlüsselwörter
Volkswagen-Dieselskandal, Organisationssoziologie, Neo-Institutionalismus, Rational-Choice-Theorie, Vorstandshaftung, Inhaltsanalyse, US-amerikanisches Strafrecht, Unternehmensethik, Verantwortung, Schuldfrage, korporative Akteure, Compliance, Skandal, Soziale Systeme, Sanktionierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der soziologischen Untersuchung von Verantwortungszuschreibungen bei Skandalen in großen Organisationen, insbesondere am Beispiel des Volkswagen-Dieselskandals.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen umfassen die Rolle von Institutionen, asymmetrische Machtbeziehungen zwischen Individuen und Organisationen sowie die juristische und mediale Aufarbeitung von organisationalem Fehlverhalten.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, zu verstehen, wie und warum in einem komplexen organisationalen System einzelne Manager für globale Fehlhandlungen verantwortlich gemacht werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt die qualitative Inhaltsanalyse nach Kuckartz, um Gerichtsdokumente (Anklageschriften, Einredevereinbarungen) und Online-Artikel renommierter US-Zeitungen systematisch auszuwerten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden theoretische Konzepte (Neo-Institutionalismus, Rational-Choice) erörtert, die Skandalfälle dargestellt und die Inhaltsanalyse der Verurteilungen von Volkswagen-Managern sowie deren mediale Rezeption durchgeführt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Organisationsskandale, Vorstandshaftung, Schuldfrage, korporative Akteure und das US-amerikanische Strafrecht.
Inwiefern unterscheidet sich der Ford-Pinto-Skandal vom VW-Fall?
Der Ford-Pinto-Fall dient als Vergleichsbeispiel, bei dem es ebenfalls um Kosten-Nutzen-Abwägungen bei Sicherheitsmängeln ging, jedoch damals keine individuelle strafrechtliche Verfolgung der verantwortlichen Manager stattfand.
Welche Rolle spielt die "Rational-Choice-Theorie" bei der Analyse?
Sie dient dazu, die individuellen Entscheidungsgründe der verurteilten Manager zu beleuchten, indem Handlungsalternativen und deren erwarteter subjektiver Nutzen betrachtet werden.
Wie reagiert VW laut der Analyse auf den Skandal?
Die Analyse kommt zu dem Ergebnis, dass Volkswagen eine eher zurückhaltende Kommunikationsstrategie verfolgt und versucht, den Betrug als isoliertes Fehlverhalten einzelner Personen darzustellen, um die Legitimität des Unternehmens zu wahren.
- Arbeit zitieren
- Jacob Künzer (Autor:in), 2020, Wer trägt die Verantwortung an dem Volkswagen-Dieselskandal? Eine Inhaltsanalyse zu Urteilen und Berichten zweier in den USA verurteilten Managern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1000903