Psychische Gewalt in der Erziehung

Auswirkungen psychischer Gewalt im Kindesalter auf die Entwicklung in der Adoleszenz


Hausarbeit, 2020

12 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Psychische Gewalt
2.1 Begriffliche Annäherung
2.2Fallbeispielaus „Mary Poppins“

3 Auswirkungen auf die Entwicklung in der Adoleszenz
3.1 Körperlich- Kognitive Entwicklung
3.2 Sozial- Emotionale Entwicklung
3.3Psychische Entwicklung

4 Präventionsmaßnahmen

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Gewalt in der Erziehung stellt ein viel diskutiertes Thema in der Wissenschaft, wie auch in der medialen Öffentlichkeit dar. Betrachtet wird allerdings zumeist die physische Gewalt, welche Kinder und Jugendliche im eigenen Haushalt erleiden müssen. Psychischer Gewalt wird an dieser Stelle deutlich weniger Aufmerksamkeit beigemessen. Das mag daran liegen, dass psychische Gewalt vergleichsweise schwerer zu fassen ist, eine Auseinandersetzung könnte sich deshalb schwieriger darlegen. Psychische Gewalt in der Erziehung ist jedoch allgegenwärtig, weit verbreitet und bringt schwerwiegende Folgen mit sich, welche nicht zu unterschätzen sind. Nach dem § 1631, 2 BGB hat jedes Kind das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung - dazu gehören neben körperlicher Bestrafungen auch seelische Verletzungen, sowie andere entwürdigende Maßnahmen (vgl. OAo. J.).

Welche Auswirkungen kann psychische Gewalt im Kindesalter auf die Entwicklung in der Adoleszenz haben? Eine spezifische Auswahl jener Auswirkungen soll im Rahmen folgender Arbeit vorgestellt werden. Hierfür wird zunächst versucht, sich dem Begriff der psychischen Gewalt anzunähern. Um diesen zugänglicher zu machen, wird ein Textauszug aus dem Werk von Pamela L. Travers „Mary Poppins“ als Fallbeispiel für psychische Gewalt in der Erziehung angeführt. Nachfolgend werden exemplarisch ausgewählte Auswirkungen psychischer Gewalt auf die körperlich- kognitive, die sozial- emotionale und die psychische Entwicklung dargestellt. Die exemplarische Auswahl beschränkt sich hierbei vor allem auf mögliche Auswirkungen während der Adoleszenz. Abschließend soll ein Ausschnitt an Präventionsmaßnahmen gegen psychische Gewalt in der Erziehung aufgeführt werden.

2 Psychische Gewalt

2.1 Begriffliche Annäherung

Psychische Gewalt lässt sich, im Vergleich zu anderen Formen der Gewalt, nur schwer erkennen und ist insofern auch nur schwer als eindeutig definierter Begriff zu fassen. Einige Definitionen begnügen sich in Folge dessen mit der einfachen Darstellung exemplarischer Formen psychischer Gewalt. Die Formen psychischer Gewalt sind sehr vielfältig. Diese können z.B. beschämende Maßnahmen, entwürdigende Bezeichnungen und Herabsetzungen oder das Verächtlichmachen vor Anderen sein (vgl. Krappmann 2007:46).

Zudem lassen sich emotionale Erpressung, die intentionale Abhängigmachung der Kinder von den Eltern und das Erzeugen von Schuldgefühlen als weitere Formen der psychischen Gewalt nennen (vgl. Ludmann 1996:18-20).

Synonym für den Begriff der psychischen Gewalt werden u.a. auch die Begriffe der psychischen Misshandlung, der emotionalen Misshandlung oder der seelischen Grausamkeit verwendet (vgl. Bund Deutscher Kriminalbeamter o. J.:68).

Körperliche Misshandlung lässt sich aufgrund meist sichtbarer Spuren oftmals einfacher als psychische Misshandlung identifizieren, welche hingegen meist nur durch Verhaltensauffälligkeiten diagnostiziert werden kann (vgl. Bund Deutscher Kriminalbeamter o. J.:69). Psychische Gewalt kann sowohl als integrale Komponente anderer Misshandlungsformen, als auch isoliert auftreten. (vgl. Engfer & Kintzer 1986:12).

Nach Engfer sind mit psychischer Misshandlung ,,[...] elterliche Äußerungen und Handlungen gemeint, die das Kind terrorisieren, es in zynischer oder sadistischer Weise herabsetzen, überfordern und ihm das Gefühl der Ablehnung, der eigenen Wertlosigkeit vermitteln.“ (Engfer & Kintzer 1986:11)

Psychische Misshandlung begreift demnach alle Handlungen oder Unterlassungen der Eltern oder Betreuungsperson/en ,,[...] die Kinder ängstigen, überfordern, herabsetzen, ihnen das Gefühl der eigenen Wertlosigkeit vermitteln und sie in ihrer psychischen und/oder körperlichen Entwicklung beeinträchtigen können.“ (Bund Deutscher Kriminalbeamter o. J.:68 f.)

Nach Glaser und Prior handelt es sich bei psychischer Gewalt um Verhältnisse, in denen die Grenze zur erheblichen Schädigung oder Traumatisierung dann als überschritten gilt, wenn das Gleichgewicht zwischen guter und inakzeptabler Interaktion so zerstört ist, dass die misshandelnden Interaktionsfaktoren charakteristisch für die Gesamtbeziehung anzunehmen sind (vgl. Weiß 2013:31).

Psychische Gewalt entspringt einer Fehlhaltung gegenüber dem Kind, einer gestörten Beziehung und Interaktionsstörung zwischen den Eltern oder Betreuungsperson/en und dem Kind. Die Beziehung ist durch eine Machtstruktur der Überlegenheit der Eltern oder Betreuungsperson/en und der Unterwerfung des Kindes gekennzeichnet: Dem Kind wird seine Würde als Individuum gänzlich aberkannt. Es wird als unvernünftiges, uneinsichtiges „Objekt“ wahrgenommen. Erziehungsinteraktionen wie das Vermitteln von Regeln, das Anhalten um Mithilfe oder das Abverlangen von Anstrengungen wird im Falle von psychischer Gewalt nicht mit dem Kind gemeinsam angestrebt, sondern mittels psychischer Mittel erzwungen (vgl. Krappmann 2007:46 f.).

Welche Handlungen der elterlichen oder betreuenden Ablehnung eines Kindes schädliche Auswirkungen haben können und in welchem Ausmaß sich diese darstellen, hängt von verschiedenen Faktoren ab wie beispielsweise dem Entwicklungsstand des Kindes. Aufgrund dessen ist psychische Gewalt auch darüber zu definieren, was das Kind individuell beängstigt, bedroht und in seinem Selbstwertgefühl beeinträchtigen vermag (vgl. Engfer & Kintzer 1986:12).

Nach Garbarino und Vondra (1985) lässt sich psychische Misshandlung mit drei zentralen Merkmalen kennzeichnen: Die Ablehnung des Kindes, das Terrorisieren des Kindes und die Isolation des Kindes. Ablehnung meint an dieser Stelle die Vermittlung des Gefühls der eigenen Wertlosigkeit des Kindes u.a. durch ständige Kritik, Herabsetzung oder Überforderung. Das Beängstigen und Einschüchtem des Kindes durch Drohungen beschreibt eine Form des Terrorisieren. Mit der Isolation ist die Vermittlung des Gefühls der Einsamkeit und Verlassenheit, z.B. durch Maßnahmen der Abtrennung zu Außenkontakten oder des Einsperrens, verbunden. Garbarino und Vondra verstehen die psychischen Beeinträchtigungen des Kindes als Konsequenzen elterlichen Verhaltens als das zentrale Kriterium, nachdem das Eltemverhalten als Misshandlung definierbar ist (vgl. Engfer & Kintzer 1986:11 f.).

2.2 Fallbeispiel aus „Mary Poppins“

Der folgende Dialog stellt einen Textausschnitt aus dem Kinderbuch „Mary Poppins“ von Pamela L. Travers dar und soll als exemplarische Darstellung psychischer Gewaltausübung für ein umfassenderes Verständnis dienen.

Mary Poppins betritt mit ihren Pflegekindern Jane und Michael den Lebkuchenladen von Frau Corry, die mit ihren Kindern Fannie und Annie hinter der Ladentheke steht.

,,‘Ich nehme an, meine Liebe‘ - sie 'wandte sich anMary Poppins, die eine alte Bekannte zu sein schien -, ‘ihr seid wegen der Pfefferkuchen gekommen ?‘

'Erraten, Mistreß Corry', antwortete Mary Poppins sehr höflich

‘Sehr gut! Haben Euch Fannie und Annie noch keine gegeben ?‘ Bei dieser Frage sah sie Jane undMichael an.

Jane schüttelte den Kopf. Zwei schüchterne Stimmen kamen hinter den Ladentisch hervor. ‘NeinMutter‘, sagteMiß Fannie betreten.

‘Wir waren dabei,Mutter‘ -flüßterteMiß Annie verschüchtert.

Mistreß Corry richtete sich auf, so hoch sie konnte, und betrachtete ihre riesigen Töchter 'voll Zorn. Sie sagte leise, aber 'verärgert und höhnisch:

‘Eben dabei? Wirklich? Das ist höchst interessant. Und wer, darf ichfragen, Annie, gab dir die Erlaubnis, meine Pfefferkuchen fortzugeben - ?‘

‘Niemand,Mutter. Und ich hab' sie auch nicht fortgegeben. Ich dachte nur - ‘

‘Du dachtest nur. Das ist sehr gütig von dir. Aber ich wäre dir dankbar, wenn du es bleiben ließest. Was es hier zu denken gibt, besorge ich!‘ erklärteMistreß Corry mit ihrer leisen, schrecklichen Stimme. Dann brach sie in ein grelles, gackerndes Gelächter aus.

‘Schaut sie an! Schaut sie nur an! Angsthase! Heulsuse!‘ kreischte sie und zeigte mit ihrem knotigen Finger auf die Tochter.

Jane undMichael drehten sich um, und sahen, wie eine große Träne überMissAnnies trauriges Gesicht kollerte. Aber sie 'wagten nichts zu sagen, denn so winzigMistreß Corry war, siefühlten sich vor ihr 'verlegen und eingeschüchtert.“ (Pamela L. 2020:167-169)

Was in diesem Ausschnitt zunächst vordergründige Verhaltensweisen beschreiben soll, verdeckt tiefere Motivationsgründe. Beobachten lässt sich eine Verunsicherung, das Absprechen eigener Denkleistung und abschließend eine Verhöhnung sowie eine Einschüchterung. Diese Formen sind als Mittel der psychischen Gewalt zu werten.

Mistreß Corry nutzt diese Mittel psychischer Gewalt, um die Überlegenheit gegenüber ihren Töchtern und deren Abhängigkeit aufrecht zu erhalten und abzusichern. Die Töchter von Mistreß Corry sind sichtlich eingeschüchtert und wagen keine Widerworte gegen ihre Mutter. Dies zeugt davon, dass den Kindern nahezujede Möglichkeit der eigenständigen Entwicklung genommen wird. Das erzieherische Verhältnis ist primär durch die Machtposition der Mutter und der Unterwürfigkeit ihrer Töchter gekennzeichnet (vgl. Ludmann 1996:18 f.).

3 Auswirkungen auf die Entwicklung in der Adoleszenz

An dieser Stelle gilt erneut zu betonen, dass psychischer Gewalt in der Erziehung aufgrund der erschwerten Identifizierbarkeit durch deren meist subtile Ausübung oftmals zu wenig Bedeutung beigemessen wird. Psychische Gewalt impliziert jedoch häufig schwerwiegende Folgen für die weitere Entwicklung im Lebenslauf und darf nicht unterschätzt werden.

Außerdem soll erwähnt werden, dass die Folgen psychischer Misshandlung von anderen Formen der Misshandlung oft keine direkte Abgrenzung in wissenschaftlicher Literatur findet und deshalb dessen Auseinandersetzung wie auch Darstellung erschwert. Die Auswirkungen sind daher nicht spezifisch für psychische Gewalt anzunehmen, sondern sollen viel mehr als Hinweise auf den Verdacht psychischer Misshandlung sowie auf eine gestörte Beziehung zwischen den Eltern oder Betreuungsperson/en und dem Kind angenommen werden.

Auswirkungen psychischer Gewalt in der Erziehung können erhebliche Beeinträchtigungen in der körperlich-kognitiven, der sozial-emotionalen Entwicklung und der psychischen Entwicklung im Kindes- Jugend- aber auch Erwachsenenalter darstellen. Da der Umfang an möglichen Auswirkungen nicht ganzheitlich zu fassen ist, soll im Folgenden eine Auswahl, unter besonderer Beachtung der Auswirkungen auf die Adoleszenzentwicklung, vorgestellt werden.

3.1 Körperlich- Kognitive Entwicklung

Oft lassen sich körperliche und kognitive Retardierungen als Auswirkungen von fehlender Erfahrung und Interaktion mit der Umwelt, einem mangelnden kognitiven Kompetenzerwerb, während der Kindheit und Adoleszenz beobachten. Retardierungen beschreiben die Unterentwicklung eines altersgemäßen Entwicklungstandes (vgl. Engfer & Kintzer 1986:122).

[...]

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Details

Titel
Psychische Gewalt in der Erziehung
Untertitel
Auswirkungen psychischer Gewalt im Kindesalter auf die Entwicklung in der Adoleszenz
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Institut für Psychosoziale Intervention und Kommunikationsforschung)
Veranstaltung
Spezielle Kommunikations- und Handlungskompetenzen: Jugendliche und Gewalt
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
12
Katalognummer
V1000968
ISBN (eBook)
9783346372680
Sprache
Deutsch
Schlagworte
psychische, gewalt, erziehung, auswirkungen, kindesalter, entwicklung, adoleszenz
Arbeit zitieren
Katharina Hofer (Autor), 2020, Psychische Gewalt in der Erziehung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1000968

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