Informelles Lernen. Was es ist und welche Möglichkeiten und Grenzen es gibt


Hausarbeit, 2020

18 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der (un)klare Begriff des informellen Lernens
2.1 Der Begriff Lernen
2.2 Der Begriff informell
2.3 Die Begriffsentwicklung des Informellen Lernens
2.3.1 Green
2.3.2 Mak
2.3.3 Folkestad
2.3.4 Colley
2.3.5 Ardila-Mantilla
2.4 Die aktuelle Begriffsdefinition

3 Möglichkeiten und Grenzen des informellen, musikalischen Lernens
3.1 Peergroups
3.1.1 Die 4 Kategorien Jugendlicher nach Harring
3.2 Die Ganztagsangebote als informeller, schulischer Lernort
3.3 Die Familie als musikalischer Sozialisations- und informeller Lernort

4 Schluss

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Das informelle Lernen macht Schätzungen der FAURE-Kommission der UNESCO aus dem Jahre 1972 zu Folge ca. 70% des gesamten menschlichen Lernprozesses aus. Wir lernen also die meiste Zeit unseres Lebens informell.

Was genau der Begriff des informellen Lernens allerdings beschreibt, ist bis heute, nach ca. 100 Jahren Begriffsgeschichte, nicht abschließend geklärt.

In dieser Arbeit soll erläutert werden, welche Möglichkeiten das informelle Lernen mit sich bringt und wo es an seine Grenzen stößt. Diese Frage lässt sich mit Hilfe der Literatur klären. Da es bisher nur wenige Arbeiten gibt, die diese Fragestellung dann auch nur am Rande bearbeiten, werden auch eigene Überlegungen angestellt.

Die Literatur lässt sich, gerade im Hinblick auf die Bedeutsamkeit des Themas und hier insbesondere für den Bereich des informellen Lernens mittels und mit Musik, als dürftig bezeichnen. Der Begriff und die Begriffsentwicklung des informellen Lernens hingegen sind etwas besser erforscht und diskutiert. Hier besonders hervorzuheben ist die Arbeit von Natalia Ardila-Mantilla die eine sehr ausführliche Darstellung der verschiedenen historischen Begriffsdefinitionen im Verlauf vornimmt, dann aber auch ihre eigene Sichtweise erläutert und eine ausführliche Definition liefert.1

Ältere Debatten und Standpunkte der Forschung plädierten dafür, das informelle Lernen strikt von den formalen Institutionen zu trennen, da es gerade durch das Nichtvorhandensein dieser organisatorischen Strukturen gekennzeichnet sei. Jüngere Debattenbeiträge hingegen, gehen davon aus, dass informelles Lernen auch in formalen Umgebungen stattfinden kann und auch stattfindet.2 Deshalb sollen in dieser Arbeit nicht nur außerinstitutionelle Settings betrachtet werden, sondern auch die Möglichkeiten innerhalb dieser Einrichtungen.

Einen stärkeren direkten musikpraktischen Bezug weist die Arbeiten von Dagmar Hoffmann auf. Sie geht weniger auf die Begrifflichkeit ein, sondern erläutert verstärkt die Zusammenhänge der Musik und des informellen Lernens und geht vertieft auf Ebenen einer Auseinandersetzung mit Musik ein.3

Um die oben dargestellte Fragestellung zu bearbeiten, ist es wichtig, zunächst die Begriffe „Lernen“ und „informell“ zu definieren, sowie den Begriff des informellen Lernens historisch zu betrachten. Anschließend wird der aktuelle Stand der Begriffsdefinition betrachtet. Fortführend werden im zweiten Teil der Arbeit die Möglichkeiten und Grenzen des informellen Lernens in verschiedenen Settings erläutert. Hierbei wird die aktuelle Literatur hinzugezogen, aber es werden auch eigene Thesen aufgestellt.

2 Der (un)klare Begriff des informellen Lernens

2.1 Der Begriff Lernen

Das Begriffspaar „Informelles Lernen“ besteht aus den beiden Begriffen „informell“ und „Lernen“. Zunächst sollte geklärt werden, worum es sich beim Lernen eigentlich handelt, bevor man es als informell bezeichnen kann.

Eine gängige Begriffsdefinition der Bildungswissenschaften lautet:

„Unter Lernen verstehen wir alle nicht direkt zu beobachtenden Vorgänge in einem Organismus, […] die durch Erfahrung […] bedingt sind und eine relativ dauerhafte Veränderung bzw. Erweiterung des Verhaltensrepertoires zur Folge haben.“4

Der Fokus dieser Definition liegt auf dem Organismus selbst und dessen Erfahrungen.

Eine weitere Definition, die eher in der Psychologie anerkannt ist und die Umgebung des Individuums in den Fokus stellt, lautet:

„Lernen ist der Prozess, der zu einer relativ stabilen Veränderung von Reiz-Reaktions-Beziehungen führt; er ist eine Folge der Interaktion des Organismus mit seiner Umgebung mittels seiner Sinnesorgane."5

2.2 Der Begriff informell

Um den Begriff des informellen Lernens zu komplettieren, muss nun nach dem Lernbegriff auch der Begriff des „Informellen“ geklärt werden.

Hier ist die Literatur viel unpräziser als bei dem Begriff des Lernens. „Informell“ wird oft als Grundvokabel vorausgesetzt, obwohl dieser Begriff nicht weniger wichtig und erst recht nicht selbstverständlich ist.

Eine deutliche Definition gibt beispielsweise Günther Dohmen. Er beschreibt informelle Prozesse als „Lernprozesse, die sich mehr spontan und ‚natürlich’ außerhalb fremdorganisiert-planmäßiger Lehr-/Lernveranstaltungen vollzieh[en]“6.

Dass es bisher keine einheitliche Begriffsdefinition gibt, zeigt, wie komplex das informelle Lernen sowie der Begriff des informellen Lernens ist.

Eine Annäherung hat es jedoch über viele Jahre gegeben.

Hier soll die Begriffsentwicklung anhand von vier ausgewählten Autoren erläutert werden.

2.3 Die Begriffsentwicklung des Informellen Lernens

2.3.1 Green

Lucy Green bettet ihre auf das musikalische Lernen bezogene Definition in eine Untersuchung über das Lernen in und außerhalb der Schule. Sie geht bei ihrer Definition so vor, dass sie zunächst die „formal music education“ beschreibt. Hierzu gehören laut ihrer Definition ausgeschriebene Lehrpläne, professionelle Lehrer und am Ende ein qualifizierendes Zertifikat und der Unterricht ist aus der Sicht des Lernenden intentional.

Hiervon grenzt sie dann das informelle Lernen ex negativo ab. Das informelle Lernen weist laut ihr keine oder nur sehr wenige der Eigenschaften auf, die das formelle oder formale Lernen aufweist. Sie beschreibt es als autodidaktisches Lernen, bei dem Fähigkeiten und Wissen von verschiedenen Quellen aufgegriffen werden. Dies kann beispielsweise durch die Familie oder Peers geschehen. Hierzu gehört, dass der Lernende beim Musizieren zuschaut und versucht den Protagonisten zu kopieren bzw. zu imitieren.7

Sie grenzt diese beiden Sphären des Lernens gegen eine dritte, unbenannte Ebene ab, auf die hier aus Platzgründen nicht weiter eingegangen werden kann.

2.3.2 Mak

Maks Definition des informellen Lernens weicht leicht von der Greens ab. Laut ihm ist das informelle Lernen unstrukturiert, führt am Ende zu keiner Zertifizierung, findet im Rahmen von alltäglichen Aktivitäten statt - er nennt hier Arbeit, Freizeit und Familie – und ist aus der Sicht des Lernenden intentional oder nicht intentional.

Auch er grenzt das formelle und informelle Lernen gegen eine dritte Ebene ab. Er nennt sie das „nicht formale Lernen“. Das nicht formale Lernen weist sowohl Elemente des formalen Lernens als auch des informellen Lernens auf und bildet somit eine Dimension des Lernens, die zwischen den beiden gedachten Polen „informellen Lernens“ und „formalen Lernens“ liegt.8

2.3.3 Folkestad

Folkestad hingegen ist ein starker Kritiker solcher Definitionen. Ihm sind die bisher genannten Kategorien zu statisch. Er fordert auf, diese Kategorien grundsätzlich zu überdenken. In der bisherigen Literatur (bis 2006 als sein Werk erschien) kritisierte er die oft auftretenden kategorialen Vermischungen. So etwa z.B. die Annahme, dass dass der Lehrende in der Schule die Art und Weise bestimmt, in der gelernt wird oder dass in nicht-schulischen Kontexten notierte Musik gar keine Rolle spielt u. Ä.

Er hat in der bisherigen Literatur vier Umgangsweisen im Diskurs festgestellt, die undifferenziert anzutreffen sind und sich auf unterschiedliche Schwerpunkte der Lernsituation beziehen.

1) „Die Situation des Lernens (wo findet das Lernen statt),
2) die Eigenschaften des Lernprozesses (z.B. Musiklernen nach Noten oder dem Gehör),
3) die Entscheidungsgewalt der verschiedenen Akteure (wer bestimmt, was und wie es gelernt werden soll?)
4) und die Intentionalität (Fokus auf dem Tun oder auf dem Lernen?)“9

Er bezieht allerdings auch direkt die Definitionen von Green und Mak in seine Arbeit ein und nimmt hierzu Stellung. Er kritisiert, dass die beiden entgegengesetzten Pole eine Vermengung der Perspektive des Lehrenden und des Lernenden implizieren würde. Er stellt es generell in Frage, ob die „formal music education“ wirklich als formal bezeichnet werden kann. Dem entsprechend stellt er auch bei Mak in Frage, ob es nicht auch formales Lernen in der Familie oder Peers geben kann und inwieweit dies einen Einfluss auf das gesamte Phänomen des formalen bzw. informellen Lernens hat.

„One conclusion of the research presented above is that it is too simplified, and actually false, to say that formal learnings only occurs in institutional settings and that informal learning only occurs outside school. […] It is rather a question of whether the intentionality of the individuals is directed towards music making, or towards learning about music, an of whatever the learning situation is formalized in the sense that someone has taken on the role on being ‘the teacher’, thereby defining the others as ‘Students’”10.

Er stellt hier das gesamte System des formalen und informellen Lernens in Frage.

Ardila-Mantilla fasst seine Intention pointiert zusammen:

„Es ginge hier also darum, die Rolle des In-/Formalität-Konzepts neu zu definieren: Nach Folkestad sollten formales und informelles Lernen nicht als statische Kategorien betrachtet werden, die ermöglichen Lernsituationen zu klassifizieren, sondern als dynamische Kategorien, die Aspekte des ganzheitlichen Phänomens des Lernens in und außerhalb von Bildungseinrichtungen und ihre dialektische Interaktion sichtbar machen.“11

2.3.4 Colley

Auch für Colley et al. sind zwei verschiedene, voneinander abgrenzbare Vorstellungen über die Lernformen irreführend, wie auch die Auffassung, es wäre möglich oder wünschenswert, formales und informelles Lernen gezielt miteinander in Verbindung zu bringen. Er kritisiert auch, dass Definitionen ex negativo (siehe Kapitel 2.3.1) nur entstehen, um etwas Anderes zu kritisieren. Dies würde die vielen Gemeinsamkeiten, Überschneidungen und Zwischenbeziehungen verdecken, die aber für einen ganzheitlichen Blick auf das Phänomen Lernen unerlässlich sind.

Er schlägt den Begriff „Attribute von In-/Formalität” vor. Dieser soll einerseits für die verschiedenen Merkmale stehen, die das Lernen in verschiedenen Kontexten aufweisen kann, andererseits aber verdeutlichen, dass diese Merkmale eigentlich Attribuierungen darstellen, die von Menschen mit konkreten politischen, ökonomischen, professionellen oder ethischen Anliegen vorgenommen werden. Diese Sichtweise macht den Begriff „nicht formales Lernen“ überflüssig.

Beachtet man, dass alle Lernprozesse Merkmale des informellen und des formalen Lernens in sich tragen, sind nicht formale Lernprozesse nicht die Ausnahme, sondern die Regel und sind genauso wie die sogenannten formalen und informellen Kontexte in ihrer spezifischen Balance und Form der Zwischenbeziehung von Formalität und Informalität zu betrachten.12

2.3.5 Ardila-Mantilla

Auch Ardila-Mantilla hält den Begriff des „nicht formalen Lernens“ für überflüssig:

„Es gibt keine Lernsituation, die als formal oder informell definiert werden kann. In jeder möglichen Lernsituation sind sowohl Attribute von Formalität als auch von Informalität identifizierbar, die in einer spezifischen Gewichtung, Interdependenz und Wechselwirkung zueinander stehen. Dieser Umstand macht den Begriff nicht formales Lernen [Herv. i. O.] als eigenständige Kategorie überflüssig.“13

Für sie muss eine Begriffsdefinition im musikalischen Kontext die „Dynamik, Vielschichtigkeit und Heterogenität aller Lernsituationen“14 beachten, die sowohl innerhalb als auch außerhalb des schulischen Umfeldes stattfinden.

2.4 Die aktuelle Begriffsdefinition

Selbstverständlich ist, dass es aktuell weiterhin mehrere Sichtweisen und Bezeichnungen für ein und dasselbe Phänomen gibt. Die Begriffe „formales Lernen“, „nicht formales Lernen“ sowie „informelles Lernen“ scheinen sich jedoch immer weiter aufzuweichen. Vielmehr geht es aus meiner Sicht darum, speziell im musikalischen Bereich, die Vielschichtigkeit und damit auch die Heterogenität aller Lernsituationen zu berücksichtigen.

Um eine Begriffsdefinition überhaupt vorlegen zu können, muss geklärt werden, ob es die Begriffe des Formalen und Informellen in Lernprozessen überhaupt braucht und ob es überhaupt förderlich ist, Lernprozesse derart kategorisierend zu beschreiben, da diese Begriffe ohnehin zu simplifiziert sind und damit schlichtweg zu kurz greifen würden, um eine Lernsituation überhaupt angemessen zu beschreiben oder ob die beiden Begriffe eher als Tendenzen der Beschreibung und eben nicht als starre Konstrukte gesehen werden müssen. Wie Colley et. al.15 vertrete auch ich die Auffassung, eher von Attribuierungen zu sprechen und die starren Begriffe aufzuweichen.

Der Begriff des „formalen“ weist tendenziell eher auf ein Lernen innerhalb von Institutionen hin und der Begriff „informell“ wird verwendet, um Lernsituationen außerhalb dieser Institutionen zu beschreiben.

Im Folgenden werden die Begriffe „formal“ und „informell“ im pragmatischen Sinn verstanden und verwendet und geben vor allem Tendenzen bzw. Attribuierungen an. Sie sind daher nicht als absolute, starre Begriffe zu verstehen.

3 Möglichkeiten und Grenzen des informellen, musikalischen Lernens

Wenn man sich mit dem informellen Musiklernen auseinandersetzt, kommen einem Gedanken an die eigene musikalische Ausbildung. Diese sind mal mehr formell und mal mehr informell. Neben diesem klassischen Weg des „Musiklernens“ gibt es aber auch noch einen autodidaktischen, für den es viele prominente Namen gibt, die die Musikwelt maßgeblich prägten und auch immer noch prägen. Hierzu gehören beispielsweise Die Beatles und Eric Clapton, aber auch Jamie Cullum, um einen sehr aktuellen Künstler zu nennen. Auffällig ist hierbei schon, dass es sich fast ausschließlich um Vertreter der populären Musik handelt.

[...]


1 Vgl. Ardila-Mantilla: Musiklernwelten, S. 61-83.

2 Vgl. Coelen et al. 2016, S. 326.

3 Vgl. Hoffmann: Musik und informelles Lernen, S. 539-553.

4 Becker, Nicole / Treml, Alfred K.: Lernen, in: Krüger, Heinz-Herrmann / Helsper, Werner: Einführung in die Grundbegriffe der Erziehungswissenschaft, Opladen, 2007, S. 107.

5 Gerrig: Psychologie, S. 229.

6 Dohmen: Das informelle Lernen, S. 53.

7 Vgl. Green: How Popular Musicians Learn. A Way Ahead for Music Education (2002), S. 3ff, zitiert nach: Ardila-Mantilla: Musiklernwelten, S. 68f.

8 Vgl. Mak: Learning Music in Formal, Non-Formal and Informal Contexts (2009), S. 32ff, zitiert nach: Ardila-Mantilla: Musiklernwelten, S. 69.

9 Ardila-Mantilla: Musiklernwelten, S. 70.

10 Folkestad: Formal and informal learning situations or practices vs formal and informal ways of learning (2006), S. 141, zitiert nach: Ardila-Mantilla: Musiklernwelten, S. 71.

11 Ardila-Mantilla: Musiklernwelten, S. 71.

12 Vgl. ebd., S. 77f.

13 ebd., S. 80.

14 ebd., S. 81.

15 vgl. Kapitel 2.3.4 dieser Arbeit

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Informelles Lernen. Was es ist und welche Möglichkeiten und Grenzen es gibt
Hochschule
Hochschule für Musik Köln
Note
2,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
18
Katalognummer
V1001370
ISBN (eBook)
9783346376268
ISBN (Buch)
9783346376275
Sprache
Deutsch
Schlagworte
informelles, lernen, möglichkeiten, grenzen
Arbeit zitieren
Tim Sammel (Autor), 2020, Informelles Lernen. Was es ist und welche Möglichkeiten und Grenzen es gibt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1001370

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