Erklärt der Neorealismus den Ausbruch des Irakkrieges von 2003?


Hausarbeit, 2020

12 Seiten, Note: 2.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Neorealismus
2.1. Neorealismus und Kriege

3. Der Irakkrieg von 2003
3.1. Die Vorgeschichte des Irakkrieges von 2003
3.2. Kriegsgründe und Motive der USA
3.3. Kriegsverlauf kurz skizziert

4. Fazit: Anwendung des Neorealismus auf den Ausbruch des Irakkrieges von 2003

1. Einleitung

Um einen ersten Eindruck über die politische Lage vor dem Irakkrieg von 2003 zu gewinnen, folgt ein kurzes Zitat aus der Einleitung der neuen Nationalen Sicherheitsstrategie der USA, die am 20. September 2002 veröffentlicht wurde.

„In der neuen Welt in der wir leben, ist der einzige Weg zu Frieden und Sicherheit der Weg des Handelns.“1

Der kurze Ausschnitt zeigt schon, dass die USA sich in ihrer Sicherheit bedroht fühlte und keinen diplomatischen Weg gehen wollte, um diese wiederherzustellen. Geprägt durch die Terroranschläge vom 11. September und der terroristischen Verbindung von Massenvernichtungswaffen und Selbstmordattentätern intervenieren die Streitkräfte der Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten 2003 im Irak.2 Da Sicherheitsmaximierung der zentrale Aspekt des Neorealismus ist, soll diese Hausarbeit die Frage, ob der Neorealismus den Ausbruch des Irakkrieges von 2003 erklärt, beantworten.

Dafür werden in Kapitel eins zunächst die Grundannahmen des Neorealismus sowie seine Entstehungsgeschichte erläutert. Zudem geht Kapitel eins noch auf die Frage ein, wie man mit Hilfe der neorealistischen Theorie Kriege erklären kann. Kapitel zwei beschäftigt sich dann mit dem Irakkrieg von 2003 (auch Dritter Golfkrieg genannt) und kontextualisiert dabei auch die Vorgeschichte und die Handlungsmotive der USA, um verständlich zu machen wie es überhaupt zu einem weiteren Golfkrieg kommen konnte. Außerdem wird der Kriegsverlauf noch kurz skizziert. Im letzten Teil der Arbeit wird dann noch einmal die Forschungsfrage aufgegriffen und die Theorie des Neorealismus nach Kenneth N. Waltz mit dem Irakkrieg von 2003 in Verbindung gebracht, dabei wird vor allem die Rolle der USA berücksichtigt.

Die Hauptwerke denen diese Arbeit zu Grunde liegt, sind zum einen „Theorien der Internationalen Beziehungen“ von Xuewu Gu, da der Professor sehr genau auf die neorealistische Theorie eingeht und auch ihre Fähigkeit Kriege zu erklären, präzise darstellt. Zum anderen wird „Der neue Golfkrieg“ von Herfried Münkler - hier geht der Autor sehr ausführlich auf die Vorgeschichte sowie den Verlauf des Dritten Golfkrieges ein und erläutert dabei auch die Sicherheitsbedrohung seitens der USA - als Werk benutzt.

2. Neorealismus

Bei der Theorie des Neorealismus nach Kenneth N. Waltz3 handelt es sich um ein Paradigma der internationalen Beziehungen, welches versucht die Gründe und Gegebenheiten für Konflikte und Zusammenarbeit von Staaten im internationalen System zu erklären.4 Die Theorie geht auf den klassischen Realismus nach Morgenthau zurück, allerdings bildet im klassischen Realismus das Machtstreben des Menschen die anthropologische Grundlage. Der Neorealismus hingegen verwirft diese Grundannahme und fokussiert sich auf die Struktur des internationalen Systems. Grundvoraussetzung bleibt aber - genau wie im Realismus - die internationale Anarchie, also die Abwesenheit einer Weltregierungsinstanz, die auf internationaler Ebene zwischen Staaten vermitteln könnte.

Der Neorealismus setze sich im Zuge der Neorealismus-Institutionalismus-Debatte durch, wo sich beide Denkschulen überwiegend mit der der Frage, ob und inwieweit Staaten unter der Bedingung der Anarchie kooperationsfähig sind, befassten. Außerdem wurde noch die staatszentrische Sichtweise des Realismus diskutiert.5 Die Debatte endete mit einer Annäherung beider Seiten.

Das wichtigste Element in Waltz Theorie ist das Ziel aller Staaten im System: Sicherheit6. Waltz selber sagte nämlich: „Survival is a prequisite to achive any goals that states may have, other than the goal of promoting their own disappearance as political entities.“ „The survial motive“, erklärt Waltz weiter „is taken as the ground of action in a world where the security of states is not assured“.7 Denn das Überleben, welches durch Sicherheit garantiert wird, kann nur durch Selbsthilfe gewonnen werden, da im internationalen System Sicherheit, aufgrund der Anarchie, nicht persé garantiert werden kann. Dadurch werden Staaten zu sogenannten „self-help-agents“8. Macht spielt dabei nur eine beiläufige Rolle und dient als Mittel zum Zweck, ergo um Sicherheit zu gewährleisten. Folglich hat sich die „grundlegende Zielsetzung der Staaten [in der neorealistischen Theorie] in der internationalen Politik von Machtvermehrung auf Sicherheitsgewährleistung [gewandelt].“9

Die Grundlage des Menschenbildes in Waltz Theorie bildeten die Neorealisten aus der „micro theory“ von Adam Smith und dabei konzentrierten sie sich vor allem auf den „homo oeconomicus“. Denn dieser „Wirtschaftsmensch [...] denkt rational, ist gut informiert, strebt danach sein berechtigtes Interesse zu maximieren, kennt aber auch seine Grenzen“.10 Für Waltz ist dabei sein von Adam Smiths „economic man“ inspiriertes Postulat des Staates als „self-interested“ besonders wichtig, genauso wie das Ziel sein Nationalinteresse zu maximieren.11 Folglich geht Waltz von einem internationalen System aus, welches aus Akteuren besteht, die die eigene Sicherheit im Zuge der von Anarchie und Machtverhältnissen bestimmten Struktur aufrechterhalten wollen.

Ein weiterer Aspekt des Neorealismus ist seine strukturelle Sichtweise, denn die Intentionen und Motivationen, die einen Staat zum außenpolitischen Handeln veranlassen, haben keinen direkten Einfluss auf das internationale Geschehen. Außerdem wird das Handeln der Staaten durch die Struktur des internationalen Systems vorbestimmt, was zu einer begrenzten Optionsauswahl führt. Deswegen lassen sich, nach Waltz, die Ergebnisse der Interaktion zwischen Staaten nur durch Analyse der internationalen Struktur erklären.12 Den daraus resultierenden „Strukturzwängen“ („strucural constraints“)13 unterliegen alle Staaten im internationalen System, da die Staaten, sobald sie in diese Struktur eingebettet sind, keine andere Wahl haben, als sich den strukturellen Zwängen anzupassen, wenn sie in der Struktur überleben wollen.14 Bei der Anpassung an die Strukturzwänge stellt die Selbsthilfe dann ein unerlässliches Prinzip der neorealistischen Sichtweise dar.

Wenn man im Neorealismus von Struktur und Strukturzwängen spricht, muss man sich auch mit den sogenannten „capabilities“, die ein Staat zur Verfügung hat, beschäftigen. Unter „capabilities“ versteht man die Machtressourcen, die ein Staat aufbringen kann und je mehr „capabilities“ ein Staat aufbringen kann, desto strukturbildender ist er auch, weshalb diese Staaten im Neorealismus als Großmächte definiert werden. „So long as the major states are the major actors, the structure of international politics is defined in terms of them.“15 Durch die Verteilung der Machtressourcen bilden sich drei mögliche Strukturen in der internationalen Politik: Unipolarität, Bipolarität und Multipolarität, wobei die Bipolarität, aus Waltz Sicht, die größte Stabilität aufweist.

2.1. Neorealismus und Kriege

Wie bereits im ersten Kapitel erläutert, dient Macht im Neorealismus als Mittel zum Zweck und zwar um den Staat zu befähigen, seine zentrale Aufgabe, welche sich aus der anarchischen Struktur ergibt, nämlich durch Sicherheit das eigene Überleben zu gewährleisten, zu erfüllen. Macht wird dementsprechend nicht mehr als „Herrschaft über das Denken und Handeln der anderen“, sondern als „combined capability of a state“ verstanden.16 Für das internationale System bedeutet dieses aus neorealistischer Sicht, dass Staaten ihre relative Stellung gegenüber anderen Staaten bewahren wollen, oder dass sie versuchen ihre Stellung zu verbessern. Das Verhalten der Staaten wird also durch „die sich aus der Struktur ergebene Notwendigkeit, sich als autonom und unabhängig im anarchischen System zu behaupten und gegen die ständige Gefahr, Opfer der Gewaltanwendung andere zu werden, gegenzusteuern“17, bestimmt.

Um näher zu veranschaulichen, wie der Neorealismus Kriege erklärt, muss man das Sicherheitsdilemma18, welches auf den US-amerikanischen Politikwissenschaftler John H. Herz zurück geht, betrachten. Denn durch die im Neorealismus vorherrschende Anarchie, könnten sich alle Staaten im System angreifen, was die Sicherheit eines Staates einschränkt. Sicherheit wird als den Schutz des eigenen Gebietes, insbesondere vor militärischen Angriffen definiert und um einem solchen Angriff vorzubeugen, rüstet ein Staat im System militärisch, beispielsweise durch neue Waffentechnik, auf. Andere Staaten, die diese Aufrüstung mitbekommen, könnten sich dann in ihrer Sicherheit bedroht fühlen und rüsten daher selber militärisch auf, aber mehr als der vorherige Staat, da man durch Macht als Mittel zum Zweck politische Sicherheit gewährleisten will. Dies führt dann zu einem erneuten militärischen Aufrüsten anderer Staaten, die sich bedroht fühlen und man spricht von einem Wettrüsten. Nach Waltz existiert das Sicherheitsdilemma auch in der Ökonomie und in Nationalstaaten, kann dortjedoch durch die übergeordnete Ordnungsmachtund das Gewaltmonopol des Staates kontrolliert werden.

3. Der Irakkrieg von 2003

3.1. Die Vorgeschichte des Irakkrieges von 2003

Eine Möglichkeit für den Beginn der Vorgeschichte des Irakkrieges von 2003 (auch Dritter Golfkrieg genannt) ist die Entscheidung der britischen Regierung alle Militärstützpunkte östlich von Suez bis Ende des Jahres 1971 aufzugeben.19 Denn dadurch hinterließen sie ein machtpolitisches Vakuum in der Golfregion, welches die Amerikaner mit dem Ziel der Eindämmung der Sowjetunion in der geopolitisch wichtigen Golfregion, füllten. Außerdem hatte die US-amerikanische Regierung ein Eigeninteresse an dem wirtschaftlich wichtigen Erdöl20 und wollte als Stabilitäts- und Sicherheitsgarant auftreten. Konkret bedeutete dies, dass die USA ihren politischen Gegner, die Sowjetunion, vom Golf fern halten und zugleich verhindern musste, dass eine regionale Macht an eine strategische Kontrollposition gelangte.21

Durch den Ersten Golfkrieg (1980-1988)22 wandelte sich die Beziehung der USA gegenüber den Golfstaaten. Denn zunächst zeigte die USA kein Interesse an einer Übernahme der Region (sie wollten lediglich Stabilität bringen23 und um diese zu gewährleisten, rüsteten sie gemäß der Nixon- Doktrin Saudi-Arabien und insbesondere den Iran militärisch auf), doch „Mitte der 80er Jahre gingen die USA von der indirekten zur direkten Kontrolle der Region über“.24 Dies war vor allem aufgrund einer zunehmenden Destabilisierung der Region nach der iranischen Revolution und dem drohenden militärischen Zusammenbruch des Irak im Krieg gegen den Iran nötig.

Im Zweiten Golfkrieg (1990-1991)25, dessen Beginn durch die Besetzung Kuwaits durch irakische Truppen im August 1990 und die anschließende Intervention eines von der USA angeführten Militärbündnisses gekennzeichnet wird, zeigen alleine die asymmetrischen Todeszahlen auf beiden Seiten die militärische Überlegenheit der USA. Man kann also sagen, dass der Zweite Golfkrieg klargestellt hatte, dass die Zeit der gepanzerten Landstreitkräfte zu Ende gegangen war und der Einsatz der Luftwaffe als Grund dafür zu nennen ist. Folglich konnte man gegen die militärtechnisch unendlich überlegene USA nur mit Atomwaffen oder Strategien systematischer Asymmetrisierung bestehen.26 Eine dieser Strategien war der Terrorismus27 und die sich aus dem Kontext bildende al-Qaida unter Osama bin Laden.

[...]


1 Die neue Nationale Sicherheitsstrategie der Vereinigten Staatenvom 20. September 2002 [Einleitung], in: Blätter für deutsche und internationale Politik, November 2002, S. 1392.

2 Vgl. Münkler, Herfried, Der neue Golfkrieg, Hamburg 2003, S. 30.

3 Kenneth N. Waltz, damals Professor für Politikwissenschaft, veröffentlichte 1979 seine Monographie „Theoiy of International Politics“ und präsentierte damit erstmals die Theorie des Neorealismus.

4 Grico, Joseph M., Realist International Theory and the Study of World Politics, in: Doyle, Michael W. und Ikenberiy, John G. (Hrsg.), New Thinking in International Realtions Theory, Boulder, Colorado 1997, S. 163.

5 Vgl. Xuewu, Gu, Theorien der Internationalen Beziehungen, Stuttgart 2010, S. 40 f.

6 Siehe dazu Waltz, Kenneth N., Realist Thought and Neorealist Theory, in: Journal of International Affairs 44:1 (1990), S.36: „The ultimate concern of states is not for power but for security“.

7 Waltz, Kenneth N.: From Theory of international Politics, in: Vasquez, John A. (Hrsg.): Classics of international Relations, 2. Auflage, Englewood Cliffs 1990, S. 289.

8 Grico, Thinking, S. 166 f.

9 Gu, Theorien,S.80.

10 Gu, Theorien, S. 79.

11 Vgl. Ders., S. 79.

12 Vgl. Waltz, Kenneth N., Theory of International Politics, New York, 1979, S.69ff.

13 Ders., S. 109.

14 Vgl. Gu, Theorien, S. 83.

15 Waltz, Theory, S. 94.

16 Vgl. Gu, Theorien, S.80.

17 Ders., S.80.

18 Für eine ausführliche Darstellung siehe: Erik Antoncyk, Das Sicherheitsdilemma, In: Susanne Feske, Eric Antonczyk, Simon Oerding (Hrsg.), Einführung in die Internationalen Beziehungen. Ein Lehrbuch. Budiich, Opladen 2014, S. 247-252.

19 Vgl. Münkler, Herfried, Der neue Golfkrieg, Hamburg 2003, S. 8.

20 Siehe zur Rolle des Erdöls: Münkler, Golfkrieg, S. 46-49.

21 Vgl. Ders., S. 9.

22 Für eine ausführliche Darstellung siehe beispielsweise: Fürtig, Henner, Der irakisch-iranische Krieg. Ursachen - Verlauf - Folgen, Berlin 1992.

23 Vgl. zu den Grundzügen der amerikanischen Politik: Pawelka, Peter, Der Vordere Orient unter der Hegemonie der USA. Eine politische Ökonomie der US-amerikanischen Außenpolitik, in Pawelka, Peter/Wehling, Hans-Georg (Hrsg.), Der Vordere Orient an der Schwelle zum 21. Jahrhundert. Politik - Wirtschaft - Gesellschaft, Opladen und Wiesbaden 1999, S.13-33.

24 Münkler, Golfkrieg, S.ll.

25 Für eine ausführliche Darstellung siehe beispielsweise: Dilip Hiro, Desert Shild to Desert Storm, London 1992.

26 Vgl. Münkler, Golfkrieg S.17.

27 Für eine ausführliche Darstellung siehe: Münkler, Herfried, Die neuen Kriege, Reinbeck 2002, Kapitel 1.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Erklärt der Neorealismus den Ausbruch des Irakkrieges von 2003?
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Institut für politische Wissenschaft und Soziologie)
Veranstaltung
Proseminar: Realismus in den internationalen Beziehungen
Note
2.0
Autor
Jahr
2020
Seiten
12
Katalognummer
V1001471
ISBN (eBook)
9783346375803
ISBN (Buch)
9783346375810
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Neorealismus, Irakkrieg von 2003
Arbeit zitieren
Patrick Mooren (Autor:in), 2020, Erklärt der Neorealismus den Ausbruch des Irakkrieges von 2003?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1001471

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