In der Arbeit werden die Begriffe Normativität, Normalität und Stigmatisierung erklärt und im Hinblick auf inklusive Perspektiven diskutiert. Das bedeutet zwar, dass Inklusion als Leitbild der UN-Behindertenrechtskonvention (BRK) zwar zum Ziel gemacht wird. Dieses Ziel reibt sich jedoch an gesellschaftlichen "Normen", an dem, was als "normal" zu gelten scheint. Selbst- und Fremdstigmatisierung wird zum Stolperstein in der Realität vieler Menschen mit Behinderung. Inklusion - ein Spannungsfeld zwischen Realität und Vorstellung.
Als Leitbild der UN-Behindertenrechtskonvention (BRK) 2009 zielt Inklusion darauf ab, in einer heterogenen Gruppe ein Lebensverhältnis zu schaffen, in dem jedes Individuum seine Fähigkeiten und Kompetenzen frei entfalten kann. Um das Leitbild lebbar zu machen, braucht es vor allem genügend personelle und institutionale Ressourcen. Doch sind nicht nur staatlich organisierte Maßnahmen zur Erfüllung des Leitbilds nötig. Als Basis gelungener Inklusion ist eine gesellschaftliche „Bewusstseinsbildung“ entscheidend, die es erlaubt, sozialen Barrieren und Ängsten entgegenzutreten, um „Klischees, Vorurteile und schädliche Praktiken gegenüber Menschen mit Behinderungen, einschließlich aufgrund des Geschlechts oder des Alters, in allen Lebensbereichen zu bekämpfen“ (BRK, Art. 8, § 1b). Im Hinblick auf gesellschaftliche Reaktionen gegenüber Menschen mit Behinderungen wird deutlich, dass genügend Vorurteile und Barrieren vorhanden sind, die Inklusion erschweren.
Inhaltsverzeichnis
1 Inklusion als Leitbild der Behindertenrechtskonvention 2009
2 Inklusive Perspektive auf Normativität, Normalität und Stigmatisierung
2.1 Behinderung zwischen Normativität und Normalität
2.2 Normativität
2.3 Normalität
2.3.1 Das Dispositiv des Protonormalismus
2.3.2 Das Dispositiv des flexiblen Normalismus
2.4 Die Strategie der Normalität im Behindertendiskurs
2.5 Inklusive Perspektiven in der Normalitätsdebatte
2.6 Stigmatisierung
2.6.1 Begrifflichkeit und Stigmatypen
2.6.2 Diskriminierung als Folge von Stigmatisierung
2.6.3 Identitätsproblematik
2.7 Selbststigmatisierung
2.8 Stigmamangement und seine Folgen
2.9 Inklusive Perspektiven in der Stigmatisierungsdebatte
3 Perspektiven
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das komplexe Wechselspiel zwischen Behinderung, gesellschaftlicher Normsetzung und den daraus resultierenden Prozessen der Stigmatisierung. Ziel ist es, inklusive Perspektiven aufzuzeigen, die über ein medizinisches Verständnis von Behinderung hinausgehen und eine barrierefreie Teilhabe als gesellschaftlichen Standard etablieren.
- Analyse des Normalitätsdispositivs und dessen Wandel
- Mechanismen der Stigmatisierung und deren soziale Folgen
- Stigmacoping und die Auswirkungen auf die Identität
- Inklusionsansätze im Spannungsfeld von Politik und Gesellschaft
Auszug aus dem Buch
2.6.1 Begrifflichkeit und Stigmatypen
Nähert man sich dem Begriff des Stigmas etymologisch, findet man seinen Ursprung im Altgriechischen mit den Bedeutungen „Stich, Brandmal“ (Kardoff 2016, 407). Damals wurden Sklaven oder diskreditierte Personen markiert, um erkannt zu werden. Heutzutage funktioniert das „Markieren“ einer Person als soziales Konstrukt. Stigmata sind Merkmale oder Verhaltensweisen einer Person, die diese in einer ausgrenzenden und abwertenden Weise etikettieren. Dies geschieht, wenn eine Person im Aussehen oder Verhalten im Vergleich zu der Mehrheit der Gesellschaft andersartig ist. Eine Person hat laut Goffman ein Stigma, wenn sie „in unerwünschter Weise anders [ist], als wir es antizipiert hatten“ (Goffman 1975, 13).
Dabei unterscheidet er drei verschiedene Stigmatypen:
- „Abscheulichkeiten des Körpers“ (physische Deformationen wie körperliche Behinderungen, Entstellungen, Sprachfehler, usw.)
- „Individuelle Charakterfehler“ (basierend auf Zuschreibungen wie Willensschwäche, illustriert an Drogenabhängigen, Alkoholikern, Straftätern, Arbeitslosen, etc.)
- „Phylogenetische Stigmata“ (Rasse, Nation, Religion) (Kardoff 2009, 139)
Allein die Wörter, die Goffman in seiner Klassifikation benutzt („Abscheulichkeiten des Körpers“), machen die Wirkung eines Stigmas deutlich. Abneigung und Abwertung werden spürbar. Wichtig ist, dass es sich bei Stigmata nicht um pure Merkmale handelt, sondern immer um Relationen von Merkmalen im Zwischenraum von Normalität und Anormalität. Je stigmatisierter eine Person ist, desto größer ist ihr Abstand zum Normaliätsdispositiv einer nicht stigmatisierten Person. (vgl. ebd., 140). Stigmata stehen nie für sich allein. Sie erfüllen den Zweck der Orientierung, der eigenen Verortung im Vergleich zum Gegenüber und werden interaktiv ausgehandelt. Sie sind soziale Konstrukte und bestehen nur solange, wie sie im gesellschaftlich relevanten Vergleich Differenzen aufzeigen können.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Inklusion als Leitbild der Behindertenrechtskonvention 2009: Einführung in die Thematik der Inklusion als UN-Leitbild und die Relevanz der gesellschaftlichen Bewusstseinsbildung.
2 Inklusive Perspektive auf Normativität, Normalität und Stigmatisierung: Theoretische Auseinandersetzung mit der Abgrenzung von Normativität und Normalität sowie deren Einfluss auf die Konstruktion von Behinderung.
2.1 Behinderung zwischen Normativität und Normalität: Analyse der unterschiedlichen Definitionszugänge zu Behinderung und der sozialen Produktion von Stigmatisierung.
2.2 Normativität: Untersuchung der normativen Dispositive und deren ordnende sowie ausgrenzende Funktion für das Zusammenleben.
2.3 Normalität: Historische und soziologische Betrachtung von Normalität als statistisch-deskriptive Kategorie und ihre dynamische Veränderbarkeit.
2.3.1 Das Dispositiv des Protonormalismus: Beschreibung des starren Normalismus mit klarer Grenzziehung zwischen Normalität und Anormalität.
2.3.2 Das Dispositiv des flexiblen Normalismus: Darstellung einer erweiterten, dynamischeren Normalitätszone, die Spielräume für Diversität bietet.
2.4 Die Strategie der Normalität im Behindertendiskurs: Erörterung, wie flexible Normalitätskonzepte helfen können, Behinderung als soziales Konstrukt statt als absolutes Stigma zu verstehen.
2.5 Inklusive Perspektiven in der Normalitätsdebatte: Reflexion über die Teilhabe am Prozess der Inklusion und rechtliche Rahmenbedingungen.
2.6 Stigmatisierung: Einführung in das Problem der Stigmatisierung als eng verknüpftes Phänomen mit dem Normalitätsdiskurs.
2.6.1 Begrifflichkeit und Stigmatypen: Etymologische Herleitung und Klassifizierung von Stigmata nach Goffman.
2.6.2 Diskriminierung als Folge von Stigmatisierung: Analyse der performativen Prozesse, die von der Stigmatisierung zur Diskriminierung führen.
2.6.3 Identitätsproblematik: Untersuchung der Auswirkungen von Stigmatisierung auf die soziale und persönliche Identität Betroffener.
2.7 Selbststigmatisierung: Erläuterung des Phänomens der antizipierten Stigmatisierung und deren Folgen für das Selbstbild.
2.8 Stigmamangement und seine Folgen: Darstellung von Bewältigungsstrategien (Coping) und den negativen Auswirkungen von Geheimhaltung und sozialem Rückzug.
2.9 Inklusive Perspektiven in der Stigmatisierungsdebatte: Zusammenfassende Betrachtung, wie Inklusion durch Empowerment und institutionelle Veränderungen gegen Stigmatisierung wirken kann.
3 Perspektiven: Fazit zur notwendigen gedanklichen Revolution, um Diversität als Normalität zu etablieren und Stigmatisierung dauerhaft abzubauen.
Schlüsselwörter
Inklusion, Normativität, Normalität, Stigmatisierung, Diskriminierung, Behindertenrechtskonvention, Identität, Soziale Konstruktion, Empowerment, Normalitätsdiskurs, Stigmacoping, Diversität, Behindertenpädagogik, Gesellschaft, Teilhabe
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem spannungsreichen Verhältnis zwischen Behinderung, gesellschaftlichen Normalitätsvorstellungen und den ausgrenzenden Prozessen der Stigmatisierung im Kontext von Inklusion.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Schwerpunkte liegen auf der Analyse von Normalitätsdispositiven, den Ursachen und Wirkmechanismen von Stigmatisierung, der Entwicklung der Identität bei Stigmatisierung sowie Ansätzen für eine inklusive Gesellschaft.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Mechanismen aufzudecken, die zu einer Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen führen, und inklusive Perspektiven aufzuzeigen, um diese Barrieren zu überwinden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine theoretisch-analytische Vorgehensweise, basierend auf soziologischen Konzepten wie dem "Labeling Approach" nach Goffman und dem Normalitätsdiskurs nach Waldschmidt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Erörterung der Normalitätsdebatte, die Analyse von Stigmatypen, Diskriminierungsfolgen, die Problematik der Selbststigmatisierung und das Stigmamanagement Betroffener.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Begriffe sind Inklusion, Normalität, Stigmatisierung, Identität, soziale Konstruktion und Diskriminierung.
Welchen Einfluss hat das "Dispositiv des flexiblen Normalismus" auf die Inklusion?
Es bietet die Möglichkeit, die starren Grenzen zwischen "normal" und "anormal" zu erweitern, was es erleichtert, Menschen mit Behinderung nicht als Randseiter, sondern als Teil einer pluralistischen Gesellschaft zu begreifen.
Warum ist das Stigmatisierung-Management für Betroffene oft problematisch?
Stigmatisierung-Management erfordert einen hohen persönlichen Aufwand und führt oft zu Geheimhaltung oder sozialem Rückzug, was wiederum die Integration erschwert und die psychische Belastung erhöht.
Was versteht die Autorin unter der "gedanklichen Revolution" im Fazit?
Damit ist ein gesellschaftlicher Umdenkprozess gemeint, in dem Diversität nicht mehr als etwas Diskreditierbares oder Angstbehaftetes betrachtet wird, sondern als natürlicher Bestandteil des Menschseins anerkannt wird.
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- Astrid Hornung (Author), 2018, Inklusive Perspektiven auf Normativität, Normalität und Stigmatisierung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1001498