Gartenstädte in der Nachkriegszeit. Die Gartenstadttheorie Howards und dessen Umsetzung nach 1945 am Beispiel von Deutschland und England


Hausarbeit, 2020

30 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung - Stunde Null

2. Gartenstädte in Deutschland
2.1 Neue Heimat
2.2 Gartenstadt Hamburg Farmsen
2.2.1 Organisation und Durchsetzung
2.2.2 Städtebauliche Struktur
2.2.3 Mobilität
2.2.4 Soziale Ausgewogenheit
2.3 Gartenstadt Bremen Vahr
2.3.1 Organisation und Durchsetzung
2.3.2 Städtebauliche Struktur
2.3.3 Mobilität
2.3.4 Soziale Ausgewogenheit
2.4 In wie weit entsprechen Farmsen und Vahr der Leitidee <Gartenstadt>?

3. Gartenstädte in England
3.1 New Towns Act
3.1.1 Organisation und Durchsetzung
3.1.2 Städtebauliche Struktur
3.1.3 Mobilität
3.1.4 Soziale Ausgewogenheit
3.2 Der Vergleich mit Howard

4. Das Fazit

I. Literatur

II. Quellen

III. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung - Stunde Null

»Das ganze Leben ist ein ewiges Wiederanfangen.«1 Hugo von Hoffmanstal beschreibt die Situation, die sich den Architekten und Stadtplanern nach dem 2. Weltkrieg zeigt, äußerst präzise.

Ganze Landstriche Europas lagen in Schutt und Asche, Millionen Menschen hatten ihr gesamtes Hab und Gut verloren und lebten nach dem Kriegsende in notdürftigen Baracken zwischen den Trümmern.2

Es galt also möglichst schnell und kostengünstig Wohnraum zu bauen, um die Situation der Bürger zu verbessern, gleichzeitig jedoch, die Chance des Neuanfangs nicht ungenutzt zu lassen, um traditionelle urbane Strukturen zu überdenken und zu opti- mieren.3

So stellte sich vielen Planern und Bürgern in den Jahren nach 1945 die Frage: Wie wollen wir zukünftig leben?

Die Bevölkerung tolerierte das Leben auf engstem Raum in den überlasteten Innenstädten zunehmend weniger und auch das Thema der autogerechten Stadt konnte bei einer Neugestaltung nicht länger ignoriert werden. Die Trennung von Stadtbereichen in Fußgänger- und Autozonen sollte eine neues Leben unter- stützen.4

So war der Wiederaufbau ein Konstrukt aus zukunftsträchtigen Visionen neuer Städte und radikalem Pragmatismus aus mangelnden Fachkräften, Budget und der Not tausende Wohnungen in kürzester Zeit zu stellen.

Inmitten dieser unsicheren Epoche der Geschichte besannen sich einige Planer auf ein Stadtmodell, welches ursprünglich von Ebenezer Howard stammt und 1998 in England seinen Ursprung fand. Denn schon vor dem Krieg und der sogenannten <Stunde Null> sollten geplante Wohnsiedlungen im Grünen Bewohnern Luft, Licht und Gesundheit bringen.5

Im 19. Jahrhundert führte die immense Landflucht gepaart mit dem stetigen Bevölkerungswachstum zu immer schlechter werdenden Lebensverhältnissen in den Großstädten. Ausgelöst durch die industrielle Revolution herrschte beispielsweise in London eine enorme Wohnungsnot.

Der englische Stadtplaner Ebenezer Howard entwickelte damals die Idee der Gartenstadt. Durch eine vollkommen neue Herangehensweise an die Planung wollte er ein Modell schaffen, welches nachhaltig zu einer Verbesserung der Lebensumstände der Bevölkerung Englands führen sollte.

Das Konzept soll die positiven Aspekte der Stadt und des Landes verbinden. Themen wie Funktionstrennung, eine strukturierte Stadteinteilung mit differenzierten öffentlichen Freiräumen und einer autarken öffentlichen und sozialen Infrastruktur und Versorgung spielten eine übergeordnete Rolle und sollten das Leben der Bewohner auf Dauer positiv beeinflussen (Abb. 2+3).6

Genau dieses Modell, welches bereits im 19. Jahrhundert zu einem regelrechten Bauboom führte, sollte nun zu neuem Leben erweckt werden.

In der folgenden Arbeit soll untersucht werden, inwieweit das ursprüngliche Konzept Howards nach dem Krieg umgesetzt wurde. Für die Analyse werden 2 Gartenstädte Deutschlands, die Gartenstädte Hamburg Farmsen und Bremen Vahr, sowie die englische New Town Harlow durchleuchtet und mit den Leitideen des Gartenstadt Vaters verglichen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2, Modell Gartenstadt, 2020

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Abb. 3, Modell Gartenstadt, 2020

2. Gartenstädte in Deutschland

2.1 Neue Heimat

»Aus allen Wunden blutend raffte sich der Deutsche in einer alle Schichten des Volkes umfassenden Gemeinschaft auf zu unerhörter Tat, indem er aus rauchenden Trümmern innerhalb eines kurzen Decenniums eine Neuschöpfung entstehen ließ, die die Welt in Staunen versetzte [...]. Den Blick nach vorne gerichtet, erkannten wir, daß der Krieg nicht nur Zerstörer sein muß, sondern daß er auch als revolutionärer Neugestalter zu wirken vermag.«7

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Abb. 4, Logo der Neuen Heimat

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Abb. 5, Erstausgabe Neue Heimat Monatshefte, 1954

Dieses Zitat des Architekten und Stadtplaners Ernst May beschreibt die Gedanken des Gründers der ersten Ausgabe (Abb. 5) der Zeitschrift <Neue Heimat Monatshefte> 1954 nach dem zweiten Weltkrieg.

Um Großprojekte wie Bremen Vahr oder Hamburg Framsen in kurzer Zeit realisieren zu können, waren gemeinnützige Wohnungsgesellschaften wie die <Neue Heimat> unabdingbar.

Das Unternehmen wurde bereits im Jahre 1920 gegründet und plante zunächst gewerkschaftseigene Wohnungsunternehmen für Arbeiter.8

Zum Kriegsende übernahmen die Alliierten sämtliches Vermögen deutscher Unternehmen. So auch das der <DAF>9, wie die <Neue Heimat> zur Zeit des Nationalsozialismus genannt wurde. Zum Wiederaufbau wurden alle gewerkschaftseigenen Bau- und Wohnungsgesellschaften in Deutschland zur <Neuen Heimat> zusammengefasst und diese war in den folgenden Jahren als größte Wohnungsgesellschaft der westlichen Welt bekannt. Sie baute in den Jahren von 1950 bis 1986 ca. eine halbe Millionen Wohnungen als gemeinnütziger Konzern. Unter der Leitung von May wurden unter anderem die Siedlungen Parkstadt Bogenhausen in München, Grünhöfe in Bremerhaven und Bremen Vahr sowie Hamburg Framsen realisiert.10

2.2 Gartenstadt Hamburg Farmsen

Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs war wie in den meisten Deutschen Städten auch Hamburg zu einem Großteil zerstört, weswegen der Wiederaufbau der Stadtstrukturen für die mehrheitlich obdachlose Bevölkerung zu den größten Aufgaben der Stadt gehörte.

1947 bildete hierbei einen Meilenstein für den Siedlungsbau in Hamburg. Durch die Lockerungen des Generalbebauungsplans zogen viele Bürger Hamburgs auch in die Außenbezirke der Hansestadt und das Umland.11

Gleich der heutigen Struktur ist die Innenstadt vor allem Beherbergungsort für Büroräume, öffentliche Einrichtungen und Geschäfte.

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Abb. 6, Fotografie, Hamburg Framsen, Foto: Neue Heimat

Zweifellos führte auch der bessere Ausbau des Verkehrs- und U-Bahnnetzes dazu, immer entfernter liegenden Bezirke zu erschließen und die Stadt damit stetig zu erweitern um neuen Wohnraum zu gewinnen. Hierzu zählt beispielsweise der Bezirk Hamburg-Farmsen-Berne im Nordosten der Stadt.12 Dieser war anfänglich den Hamburger Walddörfern zugehörig und besaß seit jeher einen eher dörflichen Charakter (Abb. 6).13

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Abb. 6, Fotografie, Hamburg Framsen, Foto: Neue Heimat

2.2.1 Organisation und Durchsetzung

Die Hansestadt musste nach dem Krieg etwa 300.000 Wohnungen stellen. 50.000 Flüchtlinge suchten in der Stadt ein neues Zuhause.

Um die Realisierung neuer Wohnbauprojekte voran zu treiben, wurde im Hamburger Osten eine bisher landwirtschaftlich genutzte Fläche erschlossen und sollte ein Zuhause für etwa 5000 Menschen werden (Abb. 7).

Die Architekten Prof. Dr. Hans Bernhard Reichow und der Stadtplaner Otto Gühlk, welche beide maßgeblich an dem Wiederaufbau des deutschen Nordens beteiligt waren, versprachen den Bewohnern Licht, Luft und Sonne für jede Wohnung. Ziel war also nicht nur eine simple Erweiterung der Stadt, sondern die Erhaltung der vorwiegend grünen Struktur sowie des dörflichen Charakters.14

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Abb. 8, Fotografie, Mieteraufstand, Foto: mgf Farmsen

Im wiederentdeckten Modell der Gartenstadt sollten die Bewohner, hauptsächlich Familien von Arbeitern und Angestellten, naturverbunden und fernab der lauten und verdreckten Städte wohnen. Um die Mietkosten möglichst gering zu halten, wurde der Bau von Farmsen, wie auch in Bremen Vahr, von der Wohnungbaugesellschaft <Neue Heimat> errichtet und betrieben. Einen großen Meilenstein erlebten die Mieter im Jahre 1985. Durch die Pleite der Neuen Heimat drohte Farmsen der Verkauf an Investoren. Viele Mieter bangten um Ihren Wohnraum, woraufhin sich die Mieterinitiative <Neue Heimat Farmsen> gründeten und durch unerbittlichen Einsatz auf sozialer und politischer Ebene vor dem Senats in Hamburg gegen den Verkauf der Siedlung protestierten (Abb. 8).15

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Abb. 9, Fotografie, Siedlung Denkmalschutz, Foto: mgf Farmsen

Durch die Gründung einer Genossenschaft im Jahre 1988 konnte der alte Bestand der Siedlung erworben werden und wurde im Folgenden an diese verpachtet.16

Seit jeher wurde die Siedlung zunehmend saniert und erweitert. Im Jahre 2003 wurde zusätzlich der nördliche Teil der Siedlung unter Denkmalschutz gestellt um die Architektursprache zu erhalten (Abb. 9). Die Genossenschaft sieht ihre Aufgabe vor allem darin »[...] für eine gute, sichere und sozialverträgliche Wohnraumversorgung zu sorgen. Das war so und wird auch so bleiben. Zusätzlich besteht seit dem 01.10.2018 für 30 % der Wohnungen im Treuhandbestand die Preisbindung für öffentlich geförderten Wohnraum - und das für die gesamte Vertragslaufzeit!«17.

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Abb. 10, Gartenstadt Farmsen, Grünräume

Abb. 11, Gartenstadt Farmsen, Nutzung

Städtebaulich ist zu erkennen, dass Farmsen die Planungsprinzipien dieser und anderer Siedlungen des Wiederaufbaus aufzeigt, welche sich stark von ursprünglichen urbanen Strukturen lösen wollen:

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Abb. 12, Fotografie, Reihenhäuser, Foto: mgf Farmsen

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Abb. 13, Fotografie, Reihenhäuser, Foto: mgf Farmsen

Auf einer Gesamtfläche von etwa 50 ha befinden sich in der Gartenstadt im Hamburger Osten grob 2616 Wohnungen aufgeteilt auf mehrere Gebäudetypologien.

Framsen steht für eine differenzierte Mischung und besteht aus insgesamt 27 Duplex-Reihenhäuser, 98 Reihenhauszeilen, 51 Mehrfamilienhäuser und 13 Punkthäusern (Abb. 12+13).18 Alle Wohngebäude mit 2-6 Geschossen sind sehr niedrig gehalten. Zwischen den gebauten Strukturen spannen sich großflächige Grünflächen und Wälder gepaart mit kleineren urbanen Plätzen auf und prägen so den dörflichen Charakter und das unverwechselbare Bild der Siedlung.19

Selbst für eine Gartenstadt besticht Farmsen mit einer sehr losen Bebauung.

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Abb. 14, Schwarzplan Farmsen

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Abb. 15, Sanierung, Foto: mgf Farmsen

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Abb. 16, Kirche, Foto: mgf Farmsen

Bei genauerem Betrachten des Schwarzplans erkennt man, dass die Form Farmsens an ein stilisiertes Ahornblatt erinnert (Abb. 14). Dieses steht zudem sinnbildlich für das Konzept des Architekten die Natur in die Wohngebiete mit einfliesen zu lassen. Alle Gebäude stehen im Bezug zur organisch geplanten Landschaft. Die Straßen erinnern in ihrer mäanderartigen Anordnung an die Adern des Ahornblatts (Abb. 17, S.10) und komplettieren das Bild der organischen Städtebaukunst.20 Zudem bieten Parks und angelegte Pfade einen hohen Erholungswert seit der Gründung der Gartenstadt.21 In Kooperation mit dem Denkmalschutz wurde im Laufe der Jahre das Quartier behutsam modernisiert und saniert (Abb. 15), um auch heute den Ansprüchen der Bewohner und dem demographischen Wandel gerecht zu werden.22 »So wurden beispielsweise an den fünfgeschossigen Punkthäusern Aufzugsanlagen angebaut, Heizhäuser an bestehenden Fassaden errichtet, auf den Dächern thermische Solaranlagen aufgestellt oder Garagen gebaut.«23 Wichtig ist der Genossenschaft jedoch zu jedem Zeitpunkt das ursprüngliche Bild der Siedlung zu wahren und bestmöglich zu erhalten.

Zusätzlich zu den Wohngebäuden prägen auch die öffentlichen Gebäude das Stadtbild. Vor allem die Kirche am südlichen Rand Farmsens, bildet den Eingang der Siedlung (Abb. 16). Hier wird nochmals die Wichtigkeit der Nachbarschaft und des Miteinanders in der Siedlung bewusst. Die Kirche als Institution steht für Gemeinschaft und Zusammenhalt und wurde bewusst an den Auftakt der Siedlung gesetzt um den Grundgedanken der Gartenstadt zu versinnbildlichen. Zudem bildet der Turm in seiner Höhe eine Landmark in der Umgebung.

Neben ausreichend Grünflächen und preiswertem Wohnraum befinden sich im direkten Umfeld der Gartenstadt Kindergärten, Schulen sowie Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten.

Das Leitbild des gegliederten, aufgelockerten Städtebaus, wie es Reichow in seiner Vorstellung einer „organischen Stadt“ formuliert hatte, wird in der städtebaulichen Struktur deutlich und somit gilt die Gartenstadt Hamburg Farmsen seit jeher als erstklassiges Beispiel für die Stadtplanung nach 1945 in Deutschland.24

[...]


1 Von Hoffmanstal, 1921, Seite unbekannt

2 Vgl. Beyme / Berger, 1992, S. 57f.

3 Vgl. Mönninger, 2018, S. 32

4 Heidenfelder, 2020

5 Ebd.

6 Vgl. Berner / Kryszon, 2020

7 May, 1954, zitiert nach Mönninger, 2018, S. 12

8 Vgl. Wikipedia, Neue Heimat, 2020

9 Deutsche Arbeitsfront

10 Vgl. Mönninger, 2018, S.6

11 Vgl. Geschichtsbuch Farmsen, 2020

12 Vgl. Ebd.

13 Vgl. Wikipedia, Gartenstadt Farmsen, 2020

14 Vgl. Hamburg.de, 2020

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Gartenstädte in der Nachkriegszeit. Die Gartenstadttheorie Howards und dessen Umsetzung nach 1945 am Beispiel von Deutschland und England
Hochschule
Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung Konstanz
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
30
Katalognummer
V1002367
ISBN (eBook)
9783346399748
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gartenstädte, nachkriegszeit, gartenstadttheorie, howards, umsetzung, beispiel, deutschland, england
Arbeit zitieren
Carla Weiland (Autor), 2020, Gartenstädte in der Nachkriegszeit. Die Gartenstadttheorie Howards und dessen Umsetzung nach 1945 am Beispiel von Deutschland und England, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1002367

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