Im Rahmen dieser Arbeit sollen wesentliche Ursachen für die sinkende Tarifbindung in Deutschland ermittelt und untersucht werden. Hierzu werden Standpunkte aus der Literatur aufgegriffen, kritisch untereinander verglichen und zu einer Argumentationslinie zusammengeführt. Zusätzlich werden die Ergebnisse relevanter Studien und eigene Überlegungen eingebracht. Das Ziel dieser Arbeit ist nicht die Entwicklung vollumfänglicher Lösungsansätze für die identifizierten Probleme. Dennoch sollen Lösungsideen punktuell dargestellt und hinterfragt werden. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt insbesondere auf der Tarifbindung der Arbeitgeberseite, trotzdem bleibt die Arbeitnehmerseite nicht unbeachtet. Es wird zunächst Fachwissen über Tarifverträge und das Tarifvertragsgesetz vermittelt, bevor eine nähere Untersuchung der sinkenden Tarifbindung folgt.
Eine Tarifbindung geht für Arbeitnehmer mit zahlreichen Vorteilen einher. So müssen tarifgebundene Arbeitnehmer in der westdeutschen Metall- und Elektroindustrie nur 35 Stunden pro Woche arbeiten, haben sechs Wochen Urlaubsanspruch pro Jahr und erhalten ein zusätzliches Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Dagegen arbeiten Vollzeitbeschäftigte in Deutschland im Durchschnitt 41 Stunden pro Woche. Der gesetzliche Mindesturlaub umfasst lediglich vier Wochen und es besteht auch kein gesetzlicher Anspruch auf ein zusätzliches Urlaubs- oder Weihnachtsgeld. Zudem erhalten tarifgebundene Arbeitnehmer häufig höhere Löhne und Gehälter.
Aber auch Arbeitgeber können in verschiedenen Hinsichten von einer Tarifbindung profitieren. Dadurch, dass die Arbeitsbedingungen kollektiv ausgehandelt werden, kann ein Unternehmen, abhängig von der Beschäftigtenzahl, unter Umständen hohe Transaktionskosten einsparen. Des Weiteren sind während der Laufzeit eines Tarifvertrags Streikmaßnahmen untersagt, sodass Produktionsausfälle reduziert und die Planbarkeit verbessert werden kann. Durch die Vereinheitlichung der Arbeitsbedingungen wird die Betriebsplanung zudem vereinfacht. Da die Vorteile einer Tarifbindung bei den Arbeitnehmern bekannt sind, verbessert diese außerdem das Arbeitgeberimage.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Tarifverträge und Tarifvertragsrecht
2.1 Tarifbindung
2.2 Wege aus der Tarifbindung
2.3 Flächen- und Firmentarifverträge
2.4 Abweichungen vom Tarifvertrag
3 Sinkende Tarifbindung in Deutschland
3.1 Unzureichende Flexibilität der Flächentarifverträge
3.2 Mitgliedschaften ohne Tarifbindung
3.3 Arbeitnehmerseitiges Trittbrettfahrerverhalten
4 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die wesentlichen Ursachen für den seit über 20 Jahren anhaltenden Rückgang der Tarifbindung in Deutschland. Dabei wird insbesondere analysiert, warum Arbeitgeber zunehmend von Tarifverträgen Abstand nehmen und welche Rolle das Verhalten von Arbeitnehmern in diesem Prozess spielt.
- Grundlagen des Tarifvertragsrechts und der Tarifbindung
- Die Rolle der Flexibilität von Flächentarifverträgen
- Bedeutung der Mitgliedschaft ohne Tarifbindung (OT-Mitgliedschaft)
- Analyse des arbeitnehmerseitigen Trittbrettfahrerverhaltens
- Perspektiven für die Zukunftsfähigkeit des Tarifsystems
Auszug aus dem Buch
3.1 Unzureichende Flexibilität der Flächentarifverträge
In den 1990er Jahren begann einhergehend mit der schwierigen wirtschaftlichen Situation ein entscheidender Wandel in der Tarifpolitik – in der Literatur wird dieser häufig als die „Krise des Flächentarifvertrags“ beschrieben (Bispinck et al., 2009, S. 65 f.). Die Arbeitgeberseite übte massive Kritik an den gegenwärtigen TV und stellte Forderungen nach flexibleren und betriebsnäheren Gestaltungsmöglichkeiten des FlächenTV auf (Bahnmüller, 2017, S. 34). Wie Bispinck et al. (2009, S. 66) darstellen, wurde in der Metallindustrie der neuen Bundesländern 1993 erstmals eine Härtefallklausel eingeführt. Diese Härtefallklausel hatte eine wichtige Signalwirkung, denn unter dem zunehmenden Druck akzeptierten die GW in den nachfolgenden Jahren mit zunehmender Häufigkeit solche Klauseln. Als entscheidendes Ereignis wird vielmals der von der IG Metall 2004 in Pforzheim abgeschlossene TV dargestellt. Durch das „Pforzheimer Abkommen“ war es erstmals möglich, dass Betriebe nicht nur in Härtefällen, sondern auch generell zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit von den Tarifvereinbarungen abweichen (Südwestmetall, 2021). Die Abweichungen vom FlächenTV haben seit dem Pforzheimer Abkommen stark an Bedeutung gewonnen und laut Stettes (2008, S. 302) konnte die zunehmende Flexibilisierung das Absinken der Tarifbindung in den folgenden Jahren zunächst verlangsamen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik des stetigen Rückgangs der Tarifbindung ein und umreißt die wissenschaftliche Vorgehensweise der Arbeit.
2 Tarifverträge und Tarifvertragsrecht: Hier werden die theoretischen Grundlagen erläutert, wie Tarifverträge rechtlich wirken, wie sie entstehen und welche Wege es für Arbeitgeber gibt, die Bindung zu beenden.
3 Sinkende Tarifbindung in Deutschland: Das Hauptkapitel analysiert die Ursachen für den Rückgang, wobei der Fokus auf mangelnder Flexibilität, der OT-Mitgliedschaft und dem Trittbrettfahrerverhalten liegt.
4 Fazit: Die Arbeit schließt mit einer zusammenfassenden Bewertung der Ergebnisse und einem Ausblick auf notwendige Lösungsansätze für die Tarifpartner.
Schlüsselwörter
Tarifbindung, Flächentarifvertrag, OT-Mitgliedschaft, Tarifflucht, Arbeitszeitvolumen, Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände, Tarifvertragsgesetz, Trittbrettfahrerverhalten, Flexibilisierung, Pforzheimer Abkommen, Differenzierungsklauseln, Betriebsfrieden, Tarifautonomie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Gründe für den seit mehr als 20 Jahren anhaltenden Rückgang der Tarifbindung in Deutschland aus einer literatur-basierten Perspektive.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Felder sind die institutionelle Ausgestaltung von Tarifverträgen, die Flexibilisierungsbedarfe von Betrieben, die Entwicklung der OT-Mitgliedschaften sowie das Verhalten von Arbeitnehmern bezüglich Gewerkschaftsmitgliedschaften.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die wesentlichen Treiber der sinkenden Tarifbindung zu identifizieren und die Standpunkte aus der Fachliteratur kritisch gegenüberzustellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturbasierte Analyse, bei der relevante Studien und Fachdiskussionen ausgewertet und argumentativ zusammengeführt werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit der Unflexibilität von Flächentarifverträgen, den Auswirkungen von Mitgliedschaften ohne Tarifbindung und dem Phänomen des Trittbrettfahrerverhaltens auf Arbeitnehmerseite.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind Tarifbindung, Flächentarifvertrag, OT-Mitgliedschaft, Tarifflucht und Flexibilisierung.
Warum spielt die Flexibilität eine so große Rolle für Unternehmen?
Viele Unternehmen empfinden starre Flächentarifverträge als Hindernis, um auf kurzfristige Nachfrageschwankungen oder spezielle betriebliche Situationen angemessen reagieren zu können.
Was ist die Konsequenz der OT-Mitgliedschaft für das Tarifsystem?
OT-Mitgliedschaften bieten Unternehmen Vorteile durch Netzwerke und Rechtsberatung der Verbände, führen aber gleichzeitig zu einer Schwächung der Flächentarifbindung.
Wie wirkt sich das Trittbrettfahrerverhalten der Arbeitnehmer aus?
Da Arbeitnehmer auch ohne Gewerkschaftsmitgliedschaft häufig von Tarifleistungen profitieren, sinkt der Anreiz für eine Gewerkschaftsmitgliedschaft, was wiederum die Organisationsquote der Gewerkschaften schwächt.
- Citar trabajo
- Dominik Schöberl (Autor), 2021, Die sinkende Tarifbindung in Deutschland. Eine literaturbasierte Einführung in die Problematik, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1003307