Theaterpädagogik. Können die beiden Künste Theater und Musik gleichberechtigt koexistieren?


Seminararbeit, 2021

24 Seiten, Note: 1,00


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1 Allgemeines und Einleitung
1.1 Musik im Theater
1.2 Christoph Marthaler
1.3 Kurze Geschichte des Chors in der Theaterpädagogik
1.4 Der Chor in der Theaterpädagogik
1.5 Chorerziehung in der Theaterpädagogik

2 Der musikalische Chor bei Christoph Marthaler
2.1 Monologischer Chorgesang
2.2 Der Chor singt gegeneinander
2.3 Der Chorgesang ist dialogisch organisiert
2.4 Singen als ein Ort der kollektiven Erinnerung
2.5 Die Konsonanz der Figuren
2.6 Der Einfluss auf das Stück

3 Vorstellung der Methoden aus Theater- und Musikpädagogik
3.1 Solmisation
3.2 Vocal Painting (VOPA) und Soundpainting
3.3 Live-Arrangement (LA)
3.4 Stimmbildung
3.5 Das chorische Prinzip
3.6 Improvisationstheater

4 Die Verbindung der Methoden aus Theater- und Musikpädagogik und Marthalers Behandlung des musikalischen Chores durch Übungen
4.1 Übungen zu „Monologischer Chorgesang“
4.2 Übungen zu „Der Chor singt gegeneinander“
4.3 Übungen zu „Der Chorgesang ist dialogisch organisiert“
4.4 Übungen zu „Singen als ein Ort der kollektiven Erinnerung“
4.5 Übungen zu „Die Konsonanz der Figuren“
4.6 Übungen zu „Der Einfluss auf das Stück“

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

7 Anhang

Vorwort

Vor einigen Jahren durfte ich in den Münchner Kammerspielen das Stück „Tiefer Schweb“ von Christoph Marthaler sehen. Das Werk packte mich ab der ersten Sekunde. Ich war emotional tief bewegt. Auf Bühnen sind oft Musiker und Bands zu sehen, jedoch hatte ich einen ganzen großen Chor, der mit viel Präzision alte Lieder mehrstimmig und in Szene gesetzt singt, in dieser Form noch nicht erlebt. Aber da war noch etwas Anderes, etwas Magisches. Man merkte, dass diese Musik sehr gut in das Gesamtkonzept passte, es sogar bestimmte. Ich hatte sogar das Gefühl, dass der ganze Abend aus einigen Liedern entstanden ist. Das Lied „Eine feste Burg ist unser Gott“ stand neben dem Song „Sound of silence“. Obwohl diese beiden Musikstücke eine unterschiedliche Stilistik haben, wirkten sie harmonisch und ergriffen mich. Ich fühlte mich augenblicklich in meine Kindheit und Jugend zurückversetzt. Theater und Musik standen an diesem Abend gleichbedeutend nebeneinander. Obwohl ich Marthalers Stück im Moment erlebte, war ich durch die Liedauswahl und den singenden Chor von meiner Vergangenheit ergriffen und spürte, an welche Zukunftsvision der Regisseur denken könnte.

Der Versuch, die beiden Künste Theater und Musik durch die Vision der Utopie und der Regiearbeit von Marthaler im schulischen Kontext und in der Arbeit mit Laien zu vereinen, ist das Anliegen dieser Arbeit.

1 Allgemeines und Einleitung

Können die beiden Künste Theater und Musik gleichberechtigt koexistieren? Wenn ja, kann davon die Theaterpädagogik profitieren?

Nach Roesner (2003) erlebt die Musikalisierung des Theaters seit den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts einen Aufschwung. Hat dieser Aufschwung Bestand? Gab es diesen Aufschwung schon in früheren Zeiten?

Für Hetzenecker (2012) ist das Verhältnis der Kunstformen Theater und Musik manchmal nah und dann wieder entfernt, aber immer fruchtbar.

Aus dem Zusammentreffen kann etwas Neues mit Sprengkraft entstehen. Der Regisseur Christoph Marthaler lässt etwas Neues entstehen. Er hat damit großen Erfolg, sowohl beim Publikum als auch in der Forschung.

Der Einsatz des Chores ist sehr markant bei Marthaler. Er setzt das Chorische in das konkret Szenische. Mal spricht der Chor, mal singt er. Der Chor ist aber fast immer auf der Bühne. Der singende Chor hat einen ausgewogenen Klang und eine perfekte Intonation (Sommer, 2011).

Um diesen perfekten Chorklang zu erreichen, arbeitet Marthaler mit einer festen Gruppe, die ihn immer begleitet. Meist sind das Schauspieler/-innen, die mit sehr feiner Intonation singen können. Diese Gruppe trifft auf die fest engagierten Schauspieler/-innen des jeweiligen Hauses.

Der Chor ist für Marthaler ein soziales Gefüge, das durch die Lieder verbunden wird. Das Erinnern im Singen ist ein wichtiger Aspekt (Hetzenecker, 2012). Wie ist das zu verstehen? Der Leser kann vielleicht das Gefühl nachvollziehen, beim Hören des bekannten Weihnachtsliedes „Stille Nacht“ wieder in die Kindheit zurückversetzt zu werden. Bestimmte Lieder tauchen zu verschiedenen Zeiten auf. Es kann eine Erinnerung ausgelöst werden.

Zudem ist ein Chor für Marthaler wie eine Utopie. Der Chor stellt auf der Bühne ein Zusammenleben von Menschen dar, wie Marthaler es gerne in der Zukunft in der Gesellschaft sähe.

Durch das chorische Prinzip entsteht gerade bei Jugendlichen eine tiefe gemeinsame Erfahrung; das Improvisationstheater fördert soziale Kompetenzen. Erlauben die heutigen Methoden der Theater- und Musikpädagogik, in der Praxis und im Unterricht mit Laiendarstellern und Schüler/-innen einen ähnlichen Prozess wie die Arbeit von Marthaler mit Profis zu verfolgen? Kann Marthalers Idee von einer idealen Gesellschaft durch einen singenden Chor im Theaterunterricht umgesetzt werden?

Nach der Begriffsbestimmung soll im Folgenden aufgezeigt werden, wie Marthaler seinen Chor einsetzt. Im darauffolgenden Kapitel werden Methoden aus der Theater- und Musikpädagogik skizziert, die es den Theaterpädagoginnen und Theaterpädagogen ermöglichen, sich der Arbeitsweise von Marthaler anzunähern. Im letzten Kapitel werden systematisch Übungen dargestellt, die es ermöglichen, in regelmäßig stattfindenden Proben die beiden Künste im Stil von Marthaler zu vereinen.

Der Schwerpunkt dieser Semesterarbeit liegt in der theoretischen Auseinandersetzung, daher werden die Übungen nur skizziert.

1.1 Musik im Theater

Im Nachschlagwerk „Metzler Lexikon Theatertheorie“ werden vier verschiedene Dimensionen von Musik und Theater beschrieben. Neben den Begriffen „Musiktheater“, „Schauspielmusik“ und „Theatralisierung von Musik“ ist für diese Arbeit die Dimension „Theater als Musik“, also die Musikalisierung des Theaters, relevant (Hetzenecker, 2012).

Eine Komposition ist vom Aufbau wie eine Sprache notiert. Ein Buchstabe ist ein Ton und mehrere Töne bilden ein Motiv, gleich einem Wort. Viele Worte bilden einen Satz und in der Musik ein Thema.

Die Musikalisierung bewirkt, dass das Theaterstück wie eine Partitur gelesen wird. Marthaler inszeniert musikalisch. Der Regisseur handelt wie ein Komponist. Roesner (2003) geht in seiner Dissertation sogar soweit, dass er theatrale Ereignisse mit musikalischen Begriffen wie Ton, Motiv, Melodie und Thema beschreibt (Roesner, 2003).

1.2 Christoph Marthaler

Christoph Marthaler wurde 1951 in Erlenbach im Kanton Zürich in der Schweiz geboren. Er studierte zuerst Blockflöte und Oboe in Zürich, bevor er die Theaterschule von Jacques Lecoq in Paris besuchte.

Neben Robert Wilson und Einar Schleef ist er als Regisseur zu nennen, der die Entwicklung des musikalisierten Theaters seit 1980 vorantreibt. Er hat etwas Einzigartiges in der deutschsprachigen Theaterlandschaft geschaffen. Musik und vor allem Chorgesang haben bei Marthaler Funktion. Die Lieder sind Ausdruck eines utopischen Ideals. In der Trostlosigkeit wird die Sehnsucht nach Harmonie in den Chorliedern gezeigt (Hetzenecker, 2012).

1.3 Kurze Geschichte des Chors in der Theaterpädagogik

Der Chor ist so alt wie das Theater selbst. Beginnend mit der griechischen Antike, ist er in der Tragödie und der Komödie enthalten. Beide Formen des Dramas sind aus chorischen Formen entstanden. In der griechischen Tragödie ist der Chor undramatisch und steht nicht im Dialog. Er ist für Aristoteles daher unwichtig. Für zeitgenössisches Theater ist diese antike Haltung interessant, da sich daraus experimentelle Formen ergeben können.

Der Wechsel von verstoßenem Individuum und Kollektiv ist ein Merkmal der Tragödie. Der Chor der Komödie karikiert und übertreibt. „Parodos“, „Stasima“ und „Exodos“ sind gängige Chorlieder (Sommer, 2011, S. 47).

Gerade in der Komödie treten einzelne Personen aus dem Chor heraus und nehmen Kontakt zum Publikum auf. Der Chor zeigt in Ansätzen wesentliche Elemente der Theaterpädagogik, wie chorisches Spiel im theaterpädagogischen Sinn, körperliche Gruppenbewegung, innere Differenzierung, Charakterisierung über die Gruppe, Flexibilität, Künstlichkeit und Spiel mit dem Publikum.

In den folgenden Jahrhunderten erlebt der Theaterchor keine Blütezeit. Die performative Lebendigkeit ist nicht mehr vorhanden.

Friedrich Schiller belebt 1803 den Chor wieder durch seine Abhandlung „Über den Gebrauch des Chors in der Tragödie“ (Sommer, 2011, S. 49).

Schiller sieht gesellschaftliche Veränderungen. Sowohl Zuseher/-in als auch Schauspieler/-in sind nicht mehr in einem rituellen Theaterspielfest wie in der griechischen Antike verhaftet. Das Volk in Schillers Zeit hat sich nun verändert. Es findet sich als Masse und Staat. Schiller sieht im Chor ein Abbild des Volkes. Dies bedingt auch eine Veränderung des Chors.

Außerdem setzt Schiller zwei Grenzen. Zum einen wendet er sich gegen den Realismus, zum anderen möchte er aber auch keine ungezügelte Fantasie. Ihn beschäftigt die Frage, wie Kunst ideell und gleichzeitig reell sein kann. Im Chor findet er beide Seiten. Dieser Ansatz ist für die Theaterpädagogik von Interesse. Die einzelne Person kann sich im geschützten Raum des Chors reflektierend, aber auch sinnlich spielend finden. Der Chor bildet gleichzeitig eine Art Zuschauerraum, in welchem die einzelne Person wechseln kann zwischen der Möglichkeit, Gefühle auszudrücken und der Möglichkeit zur Distanz. Die einzelne Person ist somit Individuum, aber auch Teil einer Gruppe. Diese Doppeldeutigkeit ist ein Schritt in Richtung individualisierter Chor, wie wir ihn später auch bei Bertold Brecht sehen werden.

In der Epoche der Reformpädagogik entwickeln sich ab 1890 interessante Aspekte für ein chorisches Spielprinzip, aber auch für die Entwicklung der Theaterpädagogik. Der freie und autonome Mensch steht jetzt im Zentrum. Nach dem Ersten Weltkrieg gewinnt die Jugendbewegung an Einfluss und mit ihr die Sprechchorbewegung. In Gruppen entsteht durch sprachlich chorisches Gestalten ein gruppendynamischer Prozess und damit einhergehend ein Gemeinschaftserlebnis. In diesem Kontext sind Wilhelm Peuler und Erich Drachs zwei hervortretende Persönlichkeiten mit Konzepten zu Reformpädagogik.

Der Schul- und Jugendtheaterpädagoge Martin Luserke möchte ab 1934 mit seinen Ansätzen die Kreativität der Schüler/-innen anregen. In seinem Bewegungsspiel stellt er den Körper und den Rhythmus der Aufführung über die Sprechtexte. Die Choreographie der Aufführung besteht aus Einzel- und Gruppenszenen. Die jungen Laienschauspieler/-innen beteiligen sich an der Textbearbeitung (Sommer, 2011).

In Bertold Brechts Chorkonzept ist der Chor eine Interessensgemeinschaft, die sich verändern kann. Die Gruppe kann sich verkleinern, vergrößern oder erlaubt Wechselmöglichkeiten. Der Chor ist ein Mittel zur Verfremdung.

In seiner Antigone-Bearbeitung lässt Brecht den Chor laut denken, reflektieren und handeln. Der Chor kommentiert aber auch in der Vergangenheitsform und wird dadurch zum Erzähler. Der Chor geht nicht ab und wird zum Beobachter.

Bei Brecht ist der Chor individualisiert, er wird zu einem „gemeinsamen Ich“ (Sommer, 2011, S. 65).

1956 gründet Jacques Lecoqs in Paris seine eigene Schauspielschule. Ihn interessiert die Dynamik des Chors. Die spielerische Erfahrung des Tragischen wird durch den menschlichen Körper ausgedrückt. Die Bedeutung im chorischen Spiel ist für ihn der Unterschied des Einzelnen zur Gruppe.

Im postdramatischen Theater ab 1990 ist der Chor stark vertreten. Bedeutend sind Begriffe wie die Betonung des Prozesses von Körperlichkeit und von Materialität. In Zeiten des Kapitalismus mit seinen Einzelkämpfern kann der Chor für die Gemeinschaft als eine Chance gesehen werden.

Einar Schleef verbindet den Sprechchor, den Bewegungschor und den Raum. Jedoch sieht Schleef den Chor als Ganzes und nicht individualisiert.

Christoph Marthaler ist dem chorischen Prinzip aus theaterpädagogischer Sicht näher. Bei Marthaler wird das Thema wie bei einem Mosaik umkreist. Der Chor ist eine Art Schicksalsgemeinschaft und verlässt den Theaterraum nicht mehr. Die Gruppe wird durch den gemeinsamen Aufenthalt auf der Bühne zum Chor.

Für die Schauspielerin und Regisseurin Nora Somaini werden die Begriffe „Chor“ und „Ensemble“ gleichgesetzt. Sie arbeitet mit professionellen Schauspielern und mit Solisten, welche in einem Chor Angst vor Individualitätsverlust haben könnten. Durch Wahrnehmungsübungen wird in der Gruppe die Angst vor diesem Verlust genommen. Sie setzt auf die Spannung zwischen Individualität und dem Ganzen der Gruppe. Sie lässt die Grenze zwischen Theater und Theaterpädagogik aufweichen. Der Chor wechselt die Perspektive, so fühlt sich der Zuseher von ihm gleichermaßen vertreten wie verunsichert (Sommer, 2011).

1.4 Der Chor in der Theaterpädagogik

Ein Chor ist einerseits künstlerisches Inszenierungsmittel, andererseits ein theaterpädagogisches Verfahren, verbunden mit einer chorischen Arbeitsweise. Zu einem starken Effekt kann ein sprechender oder singender Chor werden (Sommer, 2011). Über das Sprechen kann die Grenze zum Singen überwunden werden. Traditionsgemäß ist ein Chor eingeschränkt durch einen Chorleiter. Diese Rolle kann aber auch ein Chorist übernehmen. Im Idealfall reagiert der Chor in sich.

1.5 Chorerziehung in der Theaterpädagogik

Es gibt wenig Untersuchungen zum Thema Chorerziehung in der Theaterpädagogik, dabei sind sich singender und sprechender Chor nicht unähnlich. Gemeinsamkeiten sind z. B. der Blick auf den Körper und den Atem. Überschneidungen gibt es auch bei den Themen Stimmbildung, Stimmansatz, Betätigung des Zwerchfells und Hören bzw. Wahrnehmen in der Gruppe. Im nächsten Abschnitt beziehe ich mich auf eigene Erfahrungen als Chorleiter.

Um den perfekten Chorklang von Marthaler zu erzeugen, braucht es Chorerziehung. In einem singenden Chor finden sich oft versierte Sänger/-innen, die nach jahrelangem Training sehr gute Leistung erzielen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Theaterpädagogik. Können die beiden Künste Theater und Musik gleichberechtigt koexistieren?
Hochschule
Private Pädagogische Hochschule der Diözese Linz
Veranstaltung
Semesterarbeit
Note
1,00
Autor
Jahr
2021
Seiten
24
Katalognummer
V1003422
ISBN (eBook)
9783346381217
ISBN (Buch)
9783346381224
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theaterpädagogik, Musik, Marthaler, Musikpädagogik
Arbeit zitieren
Norbert Huber (Autor), 2021, Theaterpädagogik. Können die beiden Künste Theater und Musik gleichberechtigt koexistieren?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1003422

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