Welche Rolle spielen die Plattform YouTube und die YouTuber als Sozialisationsagenten und Wertevermittler für die Identitätsbildung der Jugendlichen?


Hausarbeit, 2019

8 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil

3. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

98% der Jugendliche in der Altersgruppe von 14 bis 19 Jahren nutzt YouTube täglich in ihrem Alltag. Die App der Videoplattform rangiert auf dem dritten Platz der beliebtesten Programme nach WhatsApp und Instagram. Einen festen Bestandteil der Website bilden YouTuber, die von den Jugendlichen abonniert werden können und durch das regelmäßige Hochladen von Content Geld verdienen. Zu den beliebtesten weiblichen YouTuberinnen gehören Bianca Heinicke mit ihrem Kanal „BibisBeautyPlace“ (5,68 Millionen Abonnenten) und Dagmar Nicole Kazakov, die auf ihrem Kanal „DagiBee“ 4,01 Millionen Abonnenten unterhält. Beide sind durch Schmink-Tutorials und Klamotten-Hauls bekannt geworden und produzieren Videos zu Themen aus den Bereichen Mode, Kosmetik und Lifestyle. Von ihren Fans werden die beiden erfolgreichen Webvideoproduzentinnen als Vorbilder und Idole betrachtet.

Durch den hohen Stellenwert, den die YouTuber im, von Medien geprägten, Alltag der Jugendlichen einnehmen, stellt sich die Frage welche Rolle sie als Sozialisationsagenten und Wertevermittler für die Identitätsbildung der Heranwachsenden spielen. Können sie überhaupt auf die Identitätsentwicklung der Jugendlichen einwirken? Und wenn ja, welche Wirkmechanismen kommen zur Anwendung.

In der folgenden Arbeit folgt zu Klärung dieser Fragestellung zunächst eine Darstellung der Medienwelt als neue Sozialisationsinstanz der Jugendlichen. Daran schließt eine Erklärung des Begriffs der Identität in Verbindung mit einer Erläuterung des Konzepts der Entwicklungsaufgaben an, um eine Grundlage für den nachfolgenden Teil der Arbeit zu bilden. In diesem erfolgt eine Beschreibung der konkreten Identitätsbildung durch YouTube. In Anlehnung dessen, wird beschrieben, welchen Beitrag die YouTuber als spezifische Medienpersönlichkeiten zur Identitätsbildung leisten.

Schlussendlich werde ich ein Fazit ziehen und die oben gestellten Fragen, sofern möglich, beantworten.

2. Hauptteil

Jedes Individuum innerhalb einer Gesellschaft durchläuft während der Lebenszeit einen Sozialisationsprozess, in welchem die Persönlichkeitsentwicklung und das Hineinwachsen in die Gesellschaft mithilfe der primären und sekundären Sozialisationsinstanzen ermöglicht werden. In diesem Prozess eignen Jugendliche sich, im Austausch mit den Sozialisationsinstanzen, Verhaltensweisen, Werte, Moralvorstellungen und Normen an, die ihnen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen. Primäre Sozialisationsfelder wie die Familie gehen zugunsten von ausdifferenzierten, sekundären Gesellschaftssegmenten wie Institutionen und Organisationen einerseits und Peer-Groups andererseits zurück.1

Medien wie YouTube, die sich auf jugendliche Bedürfnisse einstellen und diese mitbestimmen,2 werden hingegen selten als eigenständige, autonome Sozialisationsinstanz gewertet, da nicht zurückspiegeln können.3 Laut der Sozialisationstheoretiker können nur über direktes Feedback Werte internalisiert und Verhalten adaptiert werden, sowie Rollenidentifikation erfolgen.4 „Es wird angenommen, dass Menschen nur über (…) soziale Realitäten und authentische Ereignisse lernfähig sind, reflexiv verarbeiten und handeln können.“ 5 Heutzutage kommt es allerdings zu einer Vermischung der sozialen und medialen Aspekte, da Familien mehr denn je von Medien aller Art umgeben sind.6 Dabei spielt die Auseinandersetzung mit Medien für die Jugendlichen eine große Rolle in ihrem Alltag. Denn die Hauptaufgabe im Jugendalter besteht darin herauszufinden wer man ist und wer man nicht ist.7 Durch Bewältigung jugendspezifischer Entwicklungsaufgaben werden körperliche, psychische, soziale und ökologische Anforderungen in individuelle Verhaltensmuster umgesetzt.8

Dabei müssen die persönlichen Bedürfnisse und Kompetenzen mit gesellschaftlichen Erwartungen in Einklang gebracht werden.9 Zur Bewältigung der Entwicklungsaufgaben greifen Jugendliche auf verschiedene Ressourcen zurück. Die Medien, insbesondere soziale Plattformen wie YouTube, ermöglichen ihnen eine Selbstverortung in der dargestellten Welt mit anschließender Rückbindung der sozialen Realität durch die Kommunikation mit dem sozialen Umfeld.10 Auf diese Weise eröffnen Medien den Jugendlichen „ „temporäre und kontingente Felder der Identifikation“,11 beispielsweise in Bezug auf Normen, Werte und Rollenbilder, welche in Gesprächen mit Eltern oder Peers an Bedeutung gewinnen.12

Daraus lässt sich ableiten, dass sich Identität nicht mehr alleine in der Orientierung an unterschiedlichen gesellschaftlichen Identitätsangeboten manifestiert, sondern zunehmend auch im Aushandeln der verschiedenen Regeln und Rollen.13 Diese Identität ist nicht stabil und unveränderlich, sondern vielmehr eine „ soziale, kulturelle und diskursive Konstruktion (…) deren Bedeutung sich nach Kontext und Ort, als auch in der Zeit verändern “ kann.14 Diese moderne, veränderbare Identität bildet sich einerseits aus der Ich-Identität, welche die Reflexivität und biografische Selbsterfahrung umfasst. Andererseits aus der sozialen Identität, die die Zugehörigkeit zu einer Gruppe beschreibt, welche das Individuum, in Abhängigkeit zu seinen Mitmenschen, als die Stellung die es im Kreis einzunehmen meint, empfindet.15

Soziale Plattformen wie YouTube, auf denen sich Videoclips zu den verschiedensten Themen finden lassen, versorgen die Jugendlichen mit symbolischen Ressourcen, Identifikationen und Geschichten, die die Basis für den reflexiven Teil der Ich-Identität bilden. Diese Videoclips können bei kompetentem Gebrauch zu einer reflexiven Regulierung des Alltags beitragen, wobei die Verarbeitung der Videoinhalte in kreativen und produktiven Eigenproduktion und in der Reflexion über das eigene Leben erfolgt. Somit lässt sich die Annahme in das Modell der produktiven Realitätsverarbeitung einbetten, welches laut Hurrelmanns der Erarbeitung einer Persönlichkeit und Herausbildung der Identität dient.16

Dabei können auch Communitys, welche kennzeichnend für die Plattform YouTube sind, ebenfalls eine Rolle spielen. Sie werden aus den Abonnenten des jeweiligen YouTubers gebildet und unterscheiden sich in ihrer Zusammensetzung. Das durch sie hervorgerufene Gefühl von Zugehörigkeit kann bei der Bewältigung jugendspezifischer Entwicklungsaufgaben von fundamentaler Bedeutung sein. Dadurch dass solche Communities Begegnungsorte für Jugendliche darstellen, können sie durch die Vermittlung von Selbstbildern identitätsstiftend wirken und den Heranwachsenden ebenfalls die Möglichkeit zur Selbstdarstellung und Selbstreflexion bieten.17 Die Communities können den Jugendlichen somit das Gefühl vermitteln, Teil einer online basierten Peer-Group zu sein.

In Verbindung damit, dient das nicht medial basierte, soziale Umfeld der Heranwachsenden zur Auseinandersetzung mit den konsumierten Videoinhalten auf Basis einer Diskussion. Vor diesem Hintergrund erfolgt eine Aushandlung über dargestellte Lebensformen, wobei die eigene Vorstellung des Jugendlichen gefestigt oder infrage gestellt werden kann.18

In Bezug auf die Entwicklung einer Geschlechtsidentität, als Bestandteil der Entwicklungsaufgaben im Jugendalter, können diese Mechanismen von Bedeutung sein.

In vielen der hochgeladenen Videos werden geschlechtsspezifische und geschlechterstereotype Rollenverhalten vorgeführt, was die Herausbildung einer Geschlechtsidentität bei Jugendlichen beeinflusst. Denn Jugendliche „suchen und schaffen sich niedrigschwellige Vergewisserungsmöglichkeiten, um über […] Beobachtung, der medialen Informationen und […] Freundschaftsbeziehungen sexuelle Orientierung und Selbstvertrauen zu erwerben.“19

In Auseinandersetzung mit dem sozialen Umfeld und den Mitgliedern der Community werden Vorstellungen dahingehend diskutiert und gefestigt.

Auf dieser Grundlage wählt der Heranwachsende wiederum für ihn relevante Videoinhalte aus, die seinen Vorstellungen einer (Geschlechts-)Identität entsprechen. Dies lässt sich anhand von Statistiken darstellen. Werden Musikvideos, Parodien und lustige Videoinhalte in einem ausgeglichenen Verhältnis von beiden Geschlechtern favorisiert,20 lässt sich bei dem Genre „Fashion, Mode, Beauty“ sowie „Let´s Plays und Gaming“ eine geschlechtsdifferente Tendenz erkennen. 55% der befragten Mädchen konsumieren Mode und Beauty spezifische Videoinhalte und 7% der männlichen Befragten. Im umkehrten Verhältnis schauen sich 74% der Jungen Gaming Videos oder Let´s Plays an, von den Mädchen 20%.21

Spezifische Medienhelden oder Vorbilder wie beispielsweise Barbara Heinicke (BibisBeautyPalace – 5,84 Mio. Abonnenten) oder Erik Rage (Gronkh – 4,88 Mio. Abonnenten) sind bei der Bildung von Identität, und deren Aspekten wie Geschlechtsidentität, von großer Relevanz. Die augenscheinliche Nähe der YouTuber zu den Zuschauern ermöglicht die Bildung parasozialer Beziehungen und eine Akzeptanz der ´Content-Creator` als Freunde.22 Durch das regelmäßige Hochladen von Content in Form alltagsbegleitender Vlogs oder spezifischer Themenvideos entwickeln sich die YouTuber zu Bezugspersonen für die Heranwachsenden und dienen zudem als Wertevermittler und Rollenmodelle. Als Bezugspersonen bieten sie den Jugendlichen, trotz individualisierter Lebensentwürfe, Orientierung innerhalb der facettenreichen Medienwelt.23 Durch die Nachahmung von Verhaltensweisen, die sich am Vorbild des YouTubers als Bezugsperson orientieren,24 können Jugendliche wiederum eigene Rollenvorstellungen im sozialen Umfeld erproben und Rückmeldung erhalten.25

[...]


1 Vgl. Dietrich 2005, S. 168.

2 Vgl. ebd. S. 169.

3 Vgl. Mikos/Winter/Hoffmann 2009, S,10.

4 Vgl. ebd. S.10.

5 Vgl. ebd. S.10.

6 Vgl. Dietrich 2005, S. 169.

7 Vgl. Hermida 2017, S. 42 zit. nach Abels 1993: zit. nach Niederbacher/ Zimmermann 2011, S. 150.

8 Vgl. ebd. S. 42, zit. nach Hurrelmann 2013 S. 27.

9 Vgl. ebd. S. 43, zit. nach Hurrelmann 2013 S. 91.

10 Vgl. Mikos/Winter/ Hoffmann 2009, S.14.

11 Vgl. ebd. S. 7.

12 Vgl. ebd. S. 9.

13 Vgl. ebd. S. 23.

14 Vgl. ebd. S. 12.

15 Vgl. Mikos/Winter/Hoffmann 200, S. 12.

16 Vgl. Bauer 2010, S. 67.

17 Vgl. Daniel Kehr: YouTube als Sozialisationsinstanz für Kinder [online]

18 Vgl. Mikos/Winter/Hoffmann 2009, S. 11.

19 Vgl. ebd. S. 11, zit. nach Klein 2003, S. 61.

20 Anm.: Musikvideos: 61% Jungen, 65% Mädchen; Lustige Videoinhalte: 68% Jungen, 56% Mädchen.

21 Vgl. Statista 2019: Schaust du Videos aus diesen Themenbereichen an?

22 Vgl. Daniel Kehr: YouTube als Sozialisationsinstanz für Kinder, S. 53 [online].

23 Vgl. ebd. S. 55 [online].

24 Vgl. M, I, I, S. 40.

25 Vgl. M, I, I, S. 13.

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Welche Rolle spielen die Plattform YouTube und die YouTuber als Sozialisationsagenten und Wertevermittler für die Identitätsbildung der Jugendlichen?
Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,0
Jahr
2019
Seiten
8
Katalognummer
V1003902
ISBN (eBook)
9783346383068
Sprache
Deutsch
Schlagworte
welche, rolle, plattform, youtube, youtuber, sozialisationsagenten, wertevermittler, identitätsbildung, jugendlichen
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Welche Rolle spielen die Plattform YouTube und die YouTuber als Sozialisationsagenten und Wertevermittler für die Identitätsbildung der Jugendlichen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1003902

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