Ethik und Profit. Medienethische Verantwortung gegenüber Risikodarstellungen in Bezug auf den Risikosport Freeriding


Bachelorarbeit, 2019

71 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

2. Risiko
2.1 Risikowahrnehmung und Risikoverhalten
2.2 Risikosport
2.2.1 Definition von Risikosport
2.2.2 Risikosport – Freeriding

3. Medien
3.1 Medienunterhaltung
3.1.1 Der Begriff Unterhaltung
3.1.2 Individuelles Erleben und Triadisches Fitting
3.1.3 Medienwirkung
3.2 Medienethik
3.2.1 Der Begriff (Medien-)Ethik
3.2.2 Ethik und Profit

4. Methodik
4.1 Untersuchungsverfahren
4.2 Rekrutierung der Probanden
4.3 Vorbereitung der Interviews
4.4 Durchführung

5. Auswertung und Darstellung der Ergebnisse
5.1 Auswertung
5.2 Ergebnisdarstellung

6. Interpretation und Reflexion
6.1 Interpretation der Ergebnisse
6.2 Reflexion

7. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Abstract

In the last years Freeriding has been getting a major factor in skiing industry and as a marketing instrument for different kinds of companies. The publicity of this sport has increased a lot. In the media there are lots of presentations including Freeriding. However, the risks and dangers are not illustrated.

The aim of this research is to determine to what extent companies that produce medial content showing the risk sport of Freeriding point out the risks and dangers of this sport and consequently cope with their ethical responsibilities to recipients. To answer this research question, a qualitative social research is carried out on a single case basis. The survey method a guideline based expert interview. Three occupational involved Freerider, who are guiding skiing tours, spreading medial content including Freeriding and working in the avalanche commission, are serving as experts.

The evaluation and the comparison of the interviews make plain to the seriousness of the topic according to consequences for individuals do not knowing any background of Freeriding risks. The study shows that the companies do not point out the dangers of the risk sport Freeriding. In order to this the study proves the offence to media ethical responsibilities by companies producing content presenting Freeriding. Based on these results the research comes up with a critical rethinking of medial illustrations including the risk sport and possibly solutions for the ethical dilemma.

Abkürzungsverzeichnis

Abb. Abbildung

Anh. Anhang

Aufl. Auflage

ebd. ebendort

etc. et cetera

Hrsg. Herausgeber

Kap. Kapitel

S. Seite

s. siehe

Tab. Tabelle

usw. und so weiter

Z. Zeile

[…] Auslassungen

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Risikoverhalten als kognitiver Prozess

Abbildung 2: Prinzip der qualitativen Inhaltsanalyse

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Gütekriterien für qualitative Forschungsmethoden

Tabelle 2: Ergebnisdarstellung

1. Einleitung

„Der siebenmalige Formel 1-Weltmeister Michael Schumacher hat sich bei einem Skiunfall in den französischen Alpen am Kopf verletzt. Nach Angaben der Bergstation in Méribel erlitt Schumacher ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Wie die Polizei mitteilte, war er abseits der Piste mit dem Kopf auf einen Fels geschlagen […]“ (ARD Mediathek, 29.12.2013: Tagesschau).

„Seit drei Monaten liegt Michael Schumacher im Koma. Ein kurzer Ausflug in den Tiefschnee wurde ihm zum Verhängnis. Schumacher ist der prominenteste Fall, aber die Abfahrt abseits der Piste ist ein Volkssport, der den Tod bringen kann“ (Schiffermüller, 2014).

Diese Zitate beschreiben sowohl die möglichen Konsequenzen des Risikosports Freeriding als auch die Präsenz der Sportart bei einem großen Teil der Gesellschaft. Das Bedürfnis nach neuen Erlebnissen und Abenteuern ist in der heutigen Gesellschaft nicht nur im Bereich des Sports sichtbar, sondern auch beispielsweise an zunehmender Reiselust und schädigendem Konsumverhalten in Form von Alkoholmissbrauch oder Drogeneinnahme. In diesem Kontext reicht vielen Skifahrern das Fahren auf den gesicherten Pisten nicht mehr. Das Verlangen nach der „Freiheit“ des Befahrens von ungesicherten Tiefschneehängen ist im Laufe der letzten Jahre erheblich gewachsen. Andreas König (2016) bezeichnet das Freeriding und Touring als starke Wachstumsmärkte. Die etablierten Skihersteller erzielen rund 30 Prozent ihres Skiumsatzes mit auf diese spezielle Sparte angepassten Ski (Schiffermüller, 2014). Das verbesserte Material ermöglicht auch unerfahrenen Skifahrern abseits der Piste zu fahren oder schafft zumindest die Illusion. Trotz des medial aufwendig aufbereiteten Unfalls von Formel 1-Rekordweltmeister Michael Schumacher, der sich ebenfalls im freien Skiraum ereignete, scheinen die Gefahren vielen nicht bewusst zu sein oder ignoriert zu werden. Nicht selten müssen Alpinisten, die sich in diesen Skiraum begeben, erfahren, was für fatale Folgen eine Fehleinschätzung, fehlende Erfahrung oder eine unzureichende Vorbereitung bei diesem reizvollen Sport haben können; es kommt häufig zu schweren Verletzungen oder sogar zu Todesfällen (Dambeck et al., 2012). Trotz dieser Unfälle scheint die Anzahl der „Freerider“ stetig zuzunehmen.

Auch in den Medien ist die Präsenz des Freeriding, vor allem in den Wintermonaten, allgegenwertig. Neben den Unternehmen, die Produkte für das Freeriding entwickeln und vertreiben, versuchen auch große Unternehmen wie beispielsweise Red Bull, BMW oder Audi ihre Markenbotschaften mit dem Risikosport zu verknüpfen. Die Reichweite solcher Unternehmen ist enorm. Red Bull, die Sponsoring für etliche Risikosportarten betreiben und auch eigene Inhalte zu diesen Sportarten produzieren, haben allein auf der Plattform Facebook über 48 Millionen Abonnenten. Durch die großen Communitys solcher Marken ist die Reichweite der veröffentlichten Mediendarstellungen sehr groß. Die meisten Rezipienten von medialen Freeride-Darstellungen suchen meist die Befriedigung des menschlichen Verlangens nach Unterhaltung (s. Kap. 3.1). Doch ist zu bezweifeln, dass profitorientierte Unternehmen ihre Community uneigennützig unterhalten möchte. Die Wirkung von medialen Darstellungen auf Konsumenten ist reichlich untersucht und nachgewiesen worden (s. Kap. 3.2). Stephanie Guter untersuchte diesen Einfluss von Medien auf die Risikobereitschaft von Rezipienten. Sie erforschte, inwieweit Risikodarstellungen in Medien ein riskantes Verhalten der Konsumenten begünstigt. „Durch Verwendung verschiedener Massenmedien als Primingstimuli […] konnte über die gesamte Studienreihe hinweg ein generalisierter Einfluss risikoverherrlichender medialer Darstellungen auf die Risikobereitschaft der Konsumenten nachgewiesen werden“ (Guter, 2010, S. 149). Aufbauend auf diesen Forschungsergebnissen ist eine medienethische Verantwortung bei Veröffentlichung von Risikodarstellungen in Bezug auf den Risikosport Freeriding abzuleiten.

Genau an diesem Punkt soll diese Arbeit ansetzen: Obwohl seit geraumer Zeit nachgewiesen ist, dass sowohl risikobezogene Emotionen und Einstellungen als auch das praktische Risikoverhalten der Rezipienten von medialen Risikodarstellungen beeinflusst wird, wurde die daraus resultierende ethische Verantwortung der betreffenden Unternehmen und der Umgang mit dieser lediglich unzureichend thematisiert. Ziel dieser Arbeit ist es, zu klären, inwieweit und inwiefern Unternehmen, die mediale Darstellungen des Risikosports Freeriding produzieren, auf die Gefahren und Risiken dieses Risikosports hinweisen und somit ihrer ethischen Verantwortung gegenüber den Rezipienten gerecht werden. Mit der Beantwortung der Forschungsfrage sollen neue Erkenntnisse über den Umgang mit dem Bereich Medienethik seitens der Unternehmen erlangt werden. Zusätzlich sollen Handlungsempfehlungen gegeben werden, die Schichas (2019) Forderung nach einer Verankerung von ethischen Orientierungen im Mediensystem aufgreift. Um dem Umfang dieser Arbeit gerecht zu werden, hat der Forscher entschieden die Bearbeitung des Themas auf den Bereich des Risikosports Freeriding zu begrenzen.

Zur Datenerhebung wurden drei nichtstandardisierte leitfadengesteuerte Experteninterviews durchgeführt. Dabei geht es „um die Erfassung von Deutungen, Sichtweisen und Einstellungen der Befragten selbst“ (Hopf, 1993, S. 15). Die Experten verfügen aufgrund eines persönlichen und beruflichen Involvement über spezielles Wissen, dass mit Hilfe des Interviews erschlossen werden soll. Die Fragestellung zielt zudem nicht darauf ab numerische Daten zu sammeln, sondern Daten aus den subjektiven Beurteilungen und Einschätzungen der Experten zu erhalten. Aus diesem Grund ist die Untersuchungsmethode des qualitativen Experteninterviews gewählt worden.

Im ersten Schritt dieser Arbeit wird erläutert wie die Risikowahrnehmung des Menschen funktioniert und welche Phasen der Entscheidungsprozess von Verhalten in Risikosituationen beinhaltet. Aufbauend auf diesen theoretischen Grundlagen zu den relevanten Aspekten des Begriffs Risikos wird sich dem Risikosport genähert. Es wird dargestellt, wodurch sich Risikosport auszeichnet und von anderen Sportarten abgrenzt. Im Weiteren wird dann speziell der Risikosport Freeriding vorgestellt und die Charakteristika dieses Sports definiert.

Im darauffolgenden Kapitel werden die relevanten Forschungsfelder der Medien dargestellt. Dabei wird zunächst illustriert aus welchen Gründen die Menschen mediale Darstellungen konsumieren und wie die Medienunterhaltung entsteht. Im Zuge dessen wird Werner Frühs (2002) Modell des Triadischen Fittings vertiefend behandelt. Anschließend wird die Wirkung, die mediale Darstellungen auf die Rezipienten haben, erläutert. Vor diesem Hintergrund beleuchtet der Autor den Begriff Medienethik. Diesem wird sich beginnend theoretisch genähert, um die Definitionsgrundlage für die Arbeit zu verdeutlichen. Darauffolgend wird das Dilemma im praktischen Medienhandeln zwischen Ethik und Profit dargelegt.

Im Kontext der folgenden Experteninterviews werden die Experten beschrieben und der Leitfaden des Interviews dargelegt. Die drei Experteninterviews, in denen die Auswirkungen und Relevanz der Risikodarstellungen sowie die medienethische Verantwortung und der Umgang mit dieser fokussiert werden, dienen als Grundlage für die Interpretation und Beantwortung der Forschungsfrage. Neben der Durchführung werden auch die Reflexion und die Ergebnisse des Interviews in diesem Kapitel ausgeführt.

Zusätzlich zur Ergebnisdarstellung des Interviews werden, auf Basis des theoretischen Hintergrunds aus den ersten Kapiteln (s. Kap. 2&3) und der Antworten der Experten, die Ergebnisse interpretiert. Dazu werden die Daten mit Blick auf die Theorie extrahiert und zielführend auf die Forschungsfrage ausgewertet. Dabei werden verschiedene mediale Darstellungen von Freeriding und mögliche ethische Kritikpunkte aufgezeigt.

Zum Ende dieser Arbeit wird diese selbst hinsichtlich ihrer Wirkungsweise interpretiert und etwaige Verbesserungen werden in diesem Kontext erörtert. Im Zuge des Fazits werden mögliche Handlungsempfehlungen für die praktische Regulierung der Medienethik in Bezug auf Risikodarstellung von Freeriding und Denkanstöße für Folgestudien gegeben sowie die persönliche Meinung des Autors dargelegt.

2. Risiko

2.1 Risikowahrnehmung und Risikoverhalten

Die Erläuterung von Risikowahrnehmung wird in dieser Arbeit auf die von Renner (2009) entwickelten definitorischen Ansätze gestützt. Renner illustrierte, dass der Begriff Risikowahrnehmung lediglich die subjektive Bewertung einer Gefahrenquelle durch Laien beschreibt. Streng genommen könnten Risiken gar nicht wahrgenommen werden. Es handele sich nämlich nicht um ein reales Objekt, das mit einem der Sinnesorgane wahrzunehmen ist, sondern lediglich um ein subjektives Merkmal, nach dem Objekte oder Situationen kategorisiert werden könnten (Renner, 2009). Aufgrund dessen ist laut Renner (2009) der Begriff Risikowahrnehmung eine Inszenierung der psychologischen Forschung, um die intuitive Risikoeinordnung eines Laien von der objektiven Einschätzung durch Experten selektieren zu können. In der Forschung gibt es zwei verschiedene Ausprägungen, die qualitativ unterschieden werden können. Die erste Subkategorie ist die allgemeine Risikowahrnehmung. Bei dieser Forschung wird die Einschätzung von Individuen bezüglich Risiken einer oder mehrerer Gefahrenquellen untersucht, die entweder die Allgemeinbevölkerung oder eine spezielle Gruppe betreffen, welche den Befragten nicht inkludiert (Renner, 2009). Aufgrund des fehlenden Selbstbezugs des Risikos auf die eigene Person bekommt man eine allgemeine Einschätzung eines Untersuchungsgegenstands. Die zweite Form der Risikowahrnehmung ist die persönliche. Bei dieser Forschung, die vor allem in gesundpsychologischen Zusammenhängen genutzt wird, ist das Individuum selbst der Gefahrensituation ausgesetzt. Die persönliche Risikowahrnehmung setzt sich aus der zu erwartenden Schwere des möglichen Schadens und der kalkulierten Eintrittswahrscheinlichkeit zusammen. Diese wahrgenommene subjektive Vulnerabilität wird häufig als Indikator der individuellen Risikoeinschätzung herangezogen. Die beobachtete Divergenz zwischen der allgemeinen und subjektiven Risikowahrnehmung, bei der das eigene Risiko vor allem im Vergleich zu anderen unterdurchschnittlich bewertet wird (Renner, 2002), lässt sich auch auf den Sport transferieren. Allmer (1998) eruierte in einer Studie zur Wahrnehmung von Risiko bei Sportlern, dass diese häufig eine Relativierung des Risikos vornehmen, indem sie eine risikosportliche Aktivität mit einer riskanten alltäglichen Situation (z.B. Autofahren, Fliegen) vergleichen oder die Eintrittswahrscheinlichkeit von Risikobedingungen aufgrund ihrer persönlichen Erfahrung für sehr unwahrscheinlich halten. Der Rückschluss von vergangenen positiven Erfahrungen auf mögliche Risiken einer ähnlichen Situation führt oft zu einer optimistischen Fehleinschätzung (Weinstein & Klein, 1996). Transferiert auf den Risikosport bedeutet dies, dass Risikosportlern eine unrealistische Sicht auf die eigene Vulnerabilität zugeschrieben wird (Allmer, 1998). Die Risikowahrnehmung ist ein wesentlicher Bestandteil im Entscheidungsprozess des Risikoverhaltens.

Das Risikoverhalten beschreibt das Verhalten einer Person in risikoreichen Situationen. Die Handlungsentscheidung in einer solchen Situation ist sowohl abhängig von den objektiven Gegebenheiten als auch den subjektiven Fähigkeiten des Individuums. Eine wichtige Variable ist dabei die persönliche Risikobereitschaft jedes Individuums. Diese bildet stets einen Kompromiss zwischen der Suche des kontrollierbaren Risikos und der persönlichen Risikogrenze (Risikoakzeptanz) ab. Das Risikoverhalten resultiert letztendlich immer aus einem vorangegangen Entscheidungsprozess, der von der subjektiven Risikowahrnehmung, der Risikobereitschaft und der zu erwartenden Reizbefriedigung beeinflusst wird (Abb. 1). Kommt der Sportler nach Analyse der Situation zu der Auffassung, dass das einzugehende Risiko, um einen Reiz auszulösen und seine Erregung zu befriedigen, im von ihm tolerierten Bereich liegt, wird er sich dieser Risikosituation aussetzen (Allmer, 1998).

Abbildung 1: Risikoverhalten als kognitiver Prozess

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Göring, 2006, Risikosport – Interdisziplinäre Annäherung, empirische Befunde und Anwendungsbezüge. Dissertation, Universität Göttingen, sozialwissenschaftliche Fakultät, S.217, modifiziert nach Boyes, 1991, S.16).

Vor allem im Bereich der Risikosportarten ist es essentiell „die Gefahren der Situation richtig zu erkennen und in Bezug auf die eigenen Fähigkeiten und Motivationen zu bewerten“ (Göring, 2006, S.216), um lebensbedrohlichen Situationen zu entgehen. Resultierend aus der individuellen Risikowahrnehmung lässt sich illustrieren, dass ein Risikosportler sich einer objektiv riskanten Situation aussetzt, diese allerdings subjektiv als risikoärmer wahrgenommen wird.

2.2 Risikosport

2.2.1 Definition von Risikosport

Die Schwierigkeit der Begriffserklärung von Risikosport resultiert aus dem Fehlen einer einheitlichen Definition, die von allen Forschungsrichtungen akzeptiert und angewendet wird. Häufig wird Risikosport im alltäglichen Sprachgebrauch durch „Extremsport“ substituiert. Doch auch wenn die Grenzen dieser beiden Begrifflichkeiten fließend sind, gibt es gewisse Unterschiede in der Charakterisierung von Risiko- und Extremsport. Beleuchtet man die vorangestellten Teilwörter „Risiko“ und „extrem“ auf ihre genauere Bedeutung wird dies deutlich. „Extrem“ bedeutet „bis an die äußerste Grenze gehend“ (Duden online) und kennzeichnet damit ein Hauptmerkmal der Sportarten, die dem Bereich des Extremsports zuzuordnen sind. Der Sportler versucht sowohl seine individuelle psychische und physische Belastungsgrenze zu erreichen als auch in manchen Sportarten das Material und die technischen Hilfsmittel an die Grenze der Einsatzmöglichkeiten zu bringen. Die enge begriffliche Verwandtschaft zum Risikosport wird in der Definition in Meyers Taschenlexikon deutlich. Diese setzt die beiden Begriffe in folgende Verbindung: „Extremsport ist das Ausüben außergewöhnlicher sportlicher Disziplinen, wobei der Betreffende höchsten physischen und psychischen Belastungen ausgesetzt ist. Ist bei der Durchführung der betreffenden Disziplin ein objektiv vorhandenes und/oder subjektiv empfundenes Gesundheits- bis Lebensrisiko vorhanden, spricht man auch vom Risikosport. Dabei wird das mit der sportlichen Aktivität verbundene Risiko bewusst gesucht und als Nervenkitzel genossen“ (Meyers Taschenlexikon, 2008, S.237). Somit ist jede Risikosportart in den Geltungsbereich der Extremsportarten zu inkludieren. Es wird lediglich um den Risikofaktor erweitert. So ist beispielsweise ein 100km-Lauf als Extremsport, allerdings, anders als Freeriding, nicht als Risikosportart, zu charakterisieren. Aus sportwissenschaftlicher Betrachtung ist die Einstufung einer Sportart in den Bereich der Risikosportarten nur möglich, wenn eine Grenze an objektivem Risiko überschritten wird. Diese objektive Risikogrenze genau zu bestimmen, erweist sich allerdings als kompliziert. Jede Gefahrensituation ist aufgrund von inneren und äußeren Umständen individuell und zudem von den körperlichen und psychischen Fähigkeiten des Sportlers abhängig ist. So kann ein Individuum eine Situation als sehr riskant einordnen, ein anderer bewertet die gleiche Situation, rückführend auf Erfahrung, Vorbereitung oder Wissen, hingegen als weniger riskant. Ein Sportler versucht stets das persönlich empfundene Risiko zu minimieren, wobei das unkalkulierbare Restrisiko übrigbleibt. Genau dieses Restrisiko reizt die Risikosportler (Allmer, 1998). Zusammenfassend ist ein Risikosport nur definierbar, wenn die Wahrnehmung und Absicht des Sportlers in die Betrachtung miteinbezogen wird. Die Höhe des Risikos ist von jedem Sportler individuell für jede Situation abzuschätzen und mit Hilfe seiner persönlichen Handlungskompetenz zu minimieren. Aus diesem Grund sind der Ausgang und die Folgen einer jeden Risikosportsituation offen.

2.2.2 Risikosport – Freeriding

Das Freeriden oder auch Variantenfahren definiert sich über das Fahren abseits markierter und gesicherter Pisten im freien alpinen Skiraum (Pohl, Sojer & Holzmann, 2012). In Abgrenzung zum Tourenskiing, das bewusst eine Symbiose aus Aufstieg und Abfahrt herbeiführen will, liegt der Fokus beim Freeriding eindeutig auf der Abfahrt. Erstrebenswert dabei ist die Maximierung des Abfahrtsgenusses bei minimalem Aufstiegsaufwand. Dazu werden oft Seilbahn- oder Liftstation als Basis genutzt, von denen lediglich ein kurzer Aufstieg ausgeht oder es wird versucht während den Abfahrten die ausgezeichneten Pisten zu verlassen, um in den freien Skiraum zu kommen (ebd.). Allerdings kann gerade der Umstand des fehlenden Aufstiegs dem Sportler zum Verhängnis werden. Ohne eine vorherige Begehung des zu befahrenden Geländes lassen sich die alpinen Gefahren nur ungenau einschätzen und erschwert die Orientierung während der Abfahrt (ebd.). Das Freeriding ist trotz des modernisierten Begriffs keine Innovation im Skisport oder eine Neuerfindung der Skiindustrie, denn das Abfahren abseits gesicherter Pisten gab es seit je her. „Streng genommen ist es sogar die ursprünglichste Form des Skifahrens“ (Dambeck et al., 2012). Bevor der Begriff Freeriding diese Art des Schneesports definierte, waren Begriffe wie Tiefschneefahren oder Geländefahren dafür bekannt.

Das Freeriding vermittelt einem häufig das Gefühl von absoluter Freiheit. Es illustriert häufig die Unabhängigkeit von Regeln und Bestimmungen, da man sich in der freien Natur bewegt (ebd.). Doch auch wenn sich Alpinisten in diesem Skiraum ausschließlich auf eigene Gefahr bewegen, so gelten auch dort die FIS-Verhaltensregeln, die „Sorgfaltspflichten für das richtige Verhalten gemäß den allgemeinen gesetzlichen Vorschriften“ (ebd.) codieren. Kommt ein Freerider aufgrund der Missachtung dieser Vorschriften seitens eines zweiten Freeriders zu schaden, so kann dieser strafrechtlich belangt werden.

Das Freeriding ist aufgrund der vielen alpinen Risiken dem Risikosport zuzuordnen. Dies kann nicht zuletzt an der hohen Anzahl verletzter oder gar verunglückter Personen festgemacht werden. Allein in der Wintersaison 2009/2010 sind in den Alpen 147 Menschen bei Lawinenunfällen ums Leben gekommen (ebd.) und diese Zahl beinhaltet keine Unfälle aufgrund anderer alpiner Gefahren die im freien Skiraum auftreten können. Der Risikosport Freeriding erzeugt ein sensibles Spannungsfeld von der Faszination und positiven Erregung einer Tiefschneeabfahrt im freien Gelände einerseits und den alpinen Risikofaktoren im winterlichen Gebirge andererseits (ebd.).

3. Medien

3.1 Medienunterhaltung

3.1.1 Der Begriff Unterhaltung

Der Begriff Unterhaltung ist so umgänglich, dass dieser im Laufe der Zeit weit aufgefächert wurde. Dies erschwert eine einheitliche und verallgemeinernde Definition. Erschwerend kommt hinzu, dass das Verständnis von Unterhaltung durch den anhaltenden kulturellen Wandel einer ständigen Variabilität unterliegt (Lantzsch, 2008). „Entertainment indeed means so many different things to so many people“ (Vogel, 2001, S.120). Den verschiedenen theoretischen Ansätzen fehlt häufig die Präzision, um den Begriff eingrenzen zu können. Definitionen bedienen sich vorwiegend Tautologien. Diese Erklärungsversuche wie beispielsweise „Unterhaltung ist also, was unterhält“ (Bleicher, 1994, S.150) oder „der Gegensatz von Unterhaltung ist Langeweile“ (Klaus, 1996, S.402) lassen den Begriff für jedes Individuum frei interpretierbar und unterstreichen damit die Subjektivität des Unterhaltungsphänomens. Das Fehlen einer allgemeingültigen Definition wird gerade vor dem Hintergrund der hohen Bedeutung von Unterhaltung oft kritisiert: „There is simply no positive correlation between the amount of entertainment that is consumed and the amount of scholary research in the field of entertainment“ (Bosshart & Macconi, 1998, S.3). Einigkeit herrscht in der Wissenschaft weitestgehend darüber, dass Unterhaltung sowohl objektbezogen als auch subjektbezogen zu betrachten ist (Bosshart, 1994; Lantzsch, 2008; Steininger, 2004; Vorderer, 2003; Westerbarkey, 2003). Drei wesentliche Ansätze, die den Begriff in Verbindung mit den Rezipienten analysieren, sind der Anthropologische, der Sozialpsychologische und der Kommunikationstheoretische. Beim anthropologischen Ansatz wird die Unterhaltung als grundlegendes Bedürfnis des Menschen beschrieben, das darauf abzielt, das subjektive Wohlbefinden zu erhöhen (Bosshart, 2003; Kuhn, 2018). „Unterhaltung ist somit ein menschlicher Trieb, der aus dem ständigen Unglück des Menschen resultiert“ (Kuhn, 2018, S.303). Die sozialpsychologischen Theorien rücken hingegen das Erleben medialer Unterhaltung in Form von emotionalen Auswirkungen in den Fokus. Basierend auf der Theorie des Homo Oeconomicus wird impliziert, dass eine situationsbedingte, rational begründete Nutzung von Medien zur Stimulation von Erregung stattfindet (Kuhn, 2018; Schwab, 2001). Zentrale Modelle sind beispielsweise „Mood Management“ oder „Identity Management“. In der vorliegenden Arbeit wird allerdings der kommunikationstheoretische Ansatz mit Fokus auf Werner Frühs Theorie (2002) des Triadischen Fittings vertiefend behandelt. In der Kommunikationstheorie wird das emotionale Erleben aus sozialpsychologischen Forschungen in Kommunikationsmodelle eingeflochten. Darauf basierend können Auswirkungen von medialen Reizmustern untersucht werden. Dies ermöglicht die Steuerung von Rezipienten durch die Medienanbieter, indem Inhalte aktiv gestaltet werden (Kuhn, 2018).

3.1.2 Individuelles Erleben und Triadisches Fitting

Die Entstehung von Unterhaltung, die von einem Medienobjekt ausgelöst wird, ist von zahlreichen nur unzureichend standardisierbaren Einflussfaktoren abhängig. „So kann ein medialer Inhalt für ein bestimmtes Individuum in einer bestimmten Situation unterhaltsam erlebt werden, und wenn nur ein Aspekt wie beispielsweise ein assoziativer Reiz des situativen Kontextes mit Bezug zum rezipierten Inhalt wegfällt, findet dasselbe oder ein anderes Individuum den gleichen Inhalt nicht unterhaltsam“ (Kuhn, 2018, S.302). Diese Erkenntnis, dass das Erleben von Medienunterhaltung sowohl individuell von jeder Person als auch von den situativen Konsumumständen abhängig ist, lässt darauf schließen, dass eine symbiotische Beeinflussung der Ursache und Wirkung von Unterhaltung vorliegt. Mediale Unterhaltung kann nicht als Zustand charakterisiert werden, sondern vielmehr als „dynamischer, zeitlich begrenzter Prozess zwischen Medieninhalten und Rezipienten […], der durch soziale Kontexte beeinflusst wird“ (Kuhn, 2018, S.302). Werner Frühs Modell basiert auf einem dynamisch-transaktionalen Ansatz und fokussiert sich besonders auf das subjektive Unterhaltungserleben (Früh, 2002). Frühs komplexem Modell liegt die Annahme zugrunde, dass alle Phasen des Rezeptionsprozesses von Individuum, Medieninhalt und Rezeptionssituation beeinflusst werden. Ob der Rezipient Unterhaltung empfindet, ist vom „triadischen Fitting“ (Früh, 2002, S.142) abhängig. Somit kann Unterhaltsamkeit immer nur dann entstehen, „wenn der richtige Medieninhalt auf die richtige Person in der richtigen Situation trifft“ (Kuhn, 2018, S.319). Diese Umstände ordnet Früh dem Begriff „Kontext“ unter. „Der Kontext von Unterhaltung ist im Sinne des DTA [dynamisch-transaktionaler Ansatz] also die Summe der relevanten konstituierenden Bedingungen“ (Früh, 2002, S.142). Diese Faktoren konstituieren zwar Unterhaltung, erzwingen können sie diese jedoch nicht. Es kann keine kausale Kette gebildet werden, bei der ein Faktor etwas anderes auslöst. Vielmehr können die Faktoren aus Medienangebot, Individuum und Rezeptionssituation die Grundlage sein, aus der Unterhaltung mit größerer oder geringerer Wahrscheinlichkeit entstehen kann (Früh, 2002). Durch diese Erkenntnis wird die Beschreibung eines Medienangebots als unterhaltsam oder nicht unterhaltsam unzulässig. Unterhaltsamkeit kann nur in Verbindung mit der individuellen Interpretation des Rezipienten entstehen. Das Individuum kontrolliert dabei während des gesamten Rezeptionsprozesses, ob der momentane Reiz zielführend für die gewünschte Einstellung von Unterhaltungsempfinden ist und er die souveräne Kontrolle über die Situation hat. Fällt diese „Fitting-Control“ (Früh, 2002, S.143) negativ aus, so wird auch das Rezeptionsziel negativ beeinflusst. Der Rezeptionsvorgang, der bei der Theorie einer triadischen Wechselwirkung zwischen Rezipienten, Stimuli und situativen Merkmalen Unterhaltung hervorruft, lässt sich in drei Transaktionsprozesse unterteilen (Bernhard & Dohle, 2013). Als Voraussetzung für diese Theorie geht Früh davon aus, dass der Rezipient aus intrinsischer Motivation heraus das Medium zur Unterhaltung nutzt (Früh, 2002). Die erste Phase behandelt die Informationsaufnahme und –verarbeitung. Diese klassifiziert Früh in eine Mikroebene und eine Makroebene. In dieser „kognitiven Transaktion“ (Bernhard & Dohle, 2013, S.254) werden Stimuli auf der Mikroebene wahrgenommen und im Verlauf des Rezeptionsprozesses verarbeitet und zu einer übergeordneten Makroebene strukturiert. In der zweiten Phase findet die „emotionale Transaktion“ (Bernhard & Dohle, 2013, S.254) statt. Da in dieser Theorie illustriert wird, dass sich Erregung, Kognition und Emotionen wechselseitig beeinflussen, lösen die medialen Inhalte verschiedene konkrete Emotionen auf der Mikroebene aus (Bernhard & Dohle, 2013). Während der gesamten Rezeption kontrollieren die Individuen durchgehend die Tauglichkeit der Zielführung des Medieninhalts, und ob das triadische Fitting gegeben ist (Fitting-Control). Sind alle diese Variablen gegeben, können im dritten Transaktionsprozess diese „Mikroemotionen“ (Bernhard& Dohle, 2013, S.254) gebündelt werden. Übergreifend aus allen drei Phasen „baut sich sukzessiv als Verarbeitungssediment der diversen Emotionen eine globalere Empfindung auf, die wir „Makroemotionen“ nennen“ (Früh, 2002, S.164). Abschließend stellt Früh eine Definition auf der Grundlage des dynamisch-transaktionalen Ansatzes auf:

„Unterhaltung durch Fernsehen entsteht als angenehm erlebte Makroemotion im Zuge eines transaktionalen Informationsverarbeitungsprozesses unter der Bedingung, dass bestimmte personale, mediale und situative bzw. gesellschaftliche Faktoren kompatibel sind und der Rezipient außerdem die Gewissheit hat, die Situation souverän zu kontrollieren“ (Früh, 2002, S.240).

3.1.3 Medienwirkung

Die Medienwirkung lässt sich mit Hilfe der psychologischen Erkenntnisse aus der altphilosophischen Frage nach Kausalitäten, die bereits Vorsokratiker stellten, erklären (Bryant & Zillmann, 2009). Kausalität setzt immer eine Beziehung zwischen einem Geschehen und einem Folgendem voraus. Dabei determiniert das ursprüngliche Ereignis das Nachfolgende in direkter Weise (ebd.). Auf dieser Annahme basierend lässt sich Medienwirkung als der post-kommunikative Effekt von Medien auf die sozialen und psychologischen Verhaltensweisen der Rezipienten definieren. Beispiele für die Wirkungsmacht der Medien gibt es eine Vielzahl. So wird postuliert, dass bereits Goethes „Werther“ eine regelrechte „Epidemie von Selbstmorden“ (Andree, 2005, S.7) ausgelöst haben soll. „Werther läßt Emilia Galotti als Wegweiser auf seinem Pulte aufgeschlagen zurück, Christine von Laßberg soll die Geste aufgenommen und sich mit Werther in der Tasche ertränkt haben. Ein anderer erhängte sich mit dem Buch als zweifelhaftem Freund und Wegweiser, und in London beging ein Mädchen mit Werther unter ihrem Kopfkissen Selbstmord“ (Waniek, 1982, S.78). Auch die Wirkung neuerer digitaler Medien musste man schmerzlich erfahren. So erschoss ein als „Counterstrike“-Kämpfer kostümierter Schütze 2001 in Erfurt 16 Menschen (Andree, 2005). Diese Beispiele sind freilich Extreme und nicht jede Erscheinungsweise von medialer Darstellung hat auf jedes Individuum denselben Effekt (Kapitel 3.1.2). Dennoch ist „die Überschreitung der Medialität hin zu einem Realitätserlebnis […] eine immer wiederkehrende Konstante in der Beschreibung der Medienwirkung“ (Andree, 2005, S.14) und betont somit den Transfer von medialen Darstellungen auf Situationen des persönlichen Lebens. Bonfadelli und Friemel behaupten, dass Variablen wie Wissen und Einstellungen zu betreffenden Themen zwar bereits vor der Rezeption einer medialen Darstellung bei Individuen vorhanden sind, die konsumierten Inhalte allerdings eine medieninduzierte Einstellungsbeeinflussung oder sogar einen Einstellungswandel auslösen können (Bonfadelli&Friemel, 2011). Die Medien spielen bei der Einstellungsbildung eine zentrale Rolle, da diese „als Informationsquelle nicht nur die Inhalte, sondern ebenfalls die kognitive Strukturierung der Wissensinhalte beeinflussen“ (Bonfadelli & Friemel, 2011, S.145). Deutlich wurde dieser Einfluss durch den Mere-Exposure-Effekt (Zajonc, 1968). Dieser Effekt beschreibt einen signifikanten Zusammenhang zwischen der Häufigkeit einer Reizwahrnehmung und der Bewertung des gesehenen Objekts. Dabei ist es nicht wichtig, ob der Rezipienten die Stimuli bewusst oder unbewusst konsumiert. Durch die Ergebnisse dieses Experiments kann davon ausgegangen werden, dass auch Einstellungen weniger bewusst, als unbewusst gebildet werden und so extern beeinflusst werden können, ohne vom Rezipienten aktiv wahrgenommen zu werden (Bonfadelli & Friemel, 2011). Die intendierte Änderung einer gebildeten Einstellung wird als Persuasion bezeichnet. Der Begriff Einstellungswandel ist insofern kritisch zu betrachten, da entgegen dem traditionellen Verständnis, bei dem eine alte Einstellung durch eine Neue ersetzt wird, aktuelle Befunde nahelegen, dass eher von einer Erweiterung der Einstellung durch eine Adaption von neuen Informationen ausgegangen werden kann (Bonfadelli & Friemel, 2011). Beruhend auf dem Elaboration-Likelihood-Modell (Petty & Cacioppo, 1986) sind, unter Einbezug von unterschiedlichen situativen Variablen, zwei wesentliche Wege der Persuasionsprozesse zu unterscheiden – die zentrale und die periphere Route (Petty & Cacioppo, 1986). Dabei führt die zentrale Route, die eine aktive Informationsverarbeitung voraussetzt, zu einer nachhaltigen Einstellungsänderung. Die periphere Route kann hingegen lediglich kurzfristige Effekte bewirken (Bonfadelli & Friemel, 2011). Doch auch ein kurzfristiger Effekt kann im „richtigen“ raumzeitlichen Zusammenhang des Konsums im Bereich der in dieser Arbeit untersuchten Risikowahrnehmung zu einer folgenschweren Fehleinschätzung des Risikos beim Rezipienten führen.

3.2 Medienethik

3.2.1 Der Begriff (Medien-)Ethik

Die Ethik ist seit ihrer ersten Erwähnung durch den griechischen Gelehrten Aristoteles rund 300 v. Chr. immer wieder Gegenstand wissenschaftlicher und öffentlicher Diskussionen. Im Allgemeinen versucht die Ethik einen Maßstab für menschliches Handeln zu skizzieren (Fenner, 2010). Die Ethik, somit auch die Medienethik, lässt sich in die philosophische Disziplin der praktischen Philosophie eingliedern. Diese thematisiert im Gegensatz zur theoretischen Philosophie nicht die Erweiterung des theoretischen Wissens, „sondern […] die praktische Orientierung und die Idee des Guten oder normativ Richtigen“ (Fenner, 2010, S.2). Entgegen dem Alltagsgebrauch der Begriffe Ethik und Moral, bei dem die Trennschärfe oft nicht gegeben ist, werden diese in der Philosophie klar voneinander separiert (Röben, 2013). Nach dem modernen Verständnis von Moral definiert diese „das Wertesystem einer Gesellschaft, das dem praktischen Handeln zugrunde liegt“ (Röben, 2013, S. 26). Die Ethik soll diesem Wertesystem den Spiegel vorhalten und anregen das konkrete Tun zu reflektieren. Aus diesem Grund wird Ethik auch als „Reflexionstheorie der Moral“ (Brosda & Schicha, 2010, S.10) definiert. Die Grundsätze der Medienethik setzen sich aus Aspekten der deontologischen und teleologischen Ethik zusammen. Die Deontologie, auch Pflichtethik genannt, thematisiert Normen, die ungeachtet aller Umstände jederzeit ihre Gültigkeit behalten. Die Teleologie (Zielethik) „bezieht sich auf Folgen und Nutzen von Handlungen für die Mehrheit der Gesellschaft als Wertmaßstab bzw. Norm“ (Röben, 2013, S. 27). Nach längerem Stillstand in der Debatte zu medienethischen Grundsätzen in Deutschland, hat Boventer diese in jüngerer Vergangenheit wieder angeregt und eine konsequente Weiterentwicklung angestoßen (Schicha, 2019). Boventer thematisierte die Ethik eines jeden Individuums im Journalismus und nahm die Journalisten damit gezielt in die Verantwortung. Er widmete sich damit der Ebene der Individualethik (Boventer, 1984). Weitere Ebenen der Medienethik sind die Berufsethik, die Normen für die einzelnen Berufsgruppen fokussiert, und die Institutionenethik, die (Medien-) Unternehmen betrachtet. Doch auch die Rezipienten müssen sich für die kommunizierten und von ihnen konsumierten Inhalte mitverantworten. Dies bezeichnet man als Publikumsethik (Funiok, 2007). Oftmals wird die Schwierigkeit von Sanktionsmöglichkeiten für medienethische Verstöße kritisiert. Es wird angemahnt, dass es unumgänglich sei juristische Grenzen in diesem Bereich zu setzen, um Personen oder Institutionen, die ethischen Normen zuwiderhandeln, strafrechtlich belangen zu können (Schicha, 2019). Allerdings ist diese Position in weiten Teilen durch die Tatsache entkräftet, da das Publikum nicht nur Kläger ist, sondern auch Richter sein kann. „Wenn es gelingt, das moralisch-kritische Potenzial der Öffentlichkeit zu mobilisieren und in Legitimationsverlangen umzusetzen, können Reputation und Status zugeteilt bzw. entzogen, und somit Sanktionen ausgeübt werden“ (Debatin, 2001, S.9). Da aber in dem Feld der Medienethik, neben Journalisten und Redakteuren, auch werbetreibende Medienakteure agieren, die lediglich wirtschaftliche und nicht primär journalistische Ziele verfolgen, ist es sachlogisch notwendig besonders jene Inhalte kritisch zu reflektieren. Setzt man sich grundsätzlich mit der Medienethik auseinander, „geht es dabei um eine Kombination aus theoretischen Begründungen auf der Basis moralphilosophischer Normen und einer gut begründeten Umsetzung auf der Ebene der konkreten Medienpraxis. Dabei ist es wichtig, moralische Orientierungen sowohl individuell als auch institutionell im Mediensystem zu verankern“ (Schicha, 2019, S.26).

3.2.2 Ethik und Profit

Ethik und Profit haben in den modernen Zeiten des Kapitalismus eine angespannte Beziehung zueinander (Altmeppen & Arnold, 2010). Bei Unternehmen ist es stets das primäre Ziel Profit zu erwirtschaften und diesen zu maximieren. Soziale und ethische Aspekte werden dabei häufig in den Hintergrund gerückt. Allerdings zeigte die Weltfinanzkrise von 2008 wie gefährlich es ist, „wenn sich Teile der Wirtschaft weitgehend verselbstständigen und nicht mehr an die anderen Bereiche der Gesellschaft angekoppelt sind“ (Altmeppen & Arnold, 2010, S. 331). Seitdem unterliegen Wirtschaftsunternehmen zunehmend einer dauerhaft kritischen Beobachtung der Öffentlichkeit. Durch die sensibilisierte Öffentlichkeit ist für ein Unternehmen eine positive Reputation essentiell. Die Übernahme und Kommunikation ethischer Verantwortung spielt dabei eine zentrale Rolle (Schicha, 2019). Die Erfüllung dieser Verantwortung lässt sich durch Kontrollinstanzen auf verschiedenen Ebenen erreichen bzw. forcieren. Auf der individualethischen Stufe ist jeder Angestellte eines Unternehmens für sein Handeln eigenverantwortlich. Darüber hinaus können sich Medienunternehmen zusätzlich zu den firmeninternen Grundsätzen und Verfassungen auch externen Vorgaben bedienen. So können sie sich beispielsweise an Richtlinien des PR-Rats oder des Werberats zu verantwortlichem kommunikativem Handeln orientieren (Schicha, 2019). Zu differenzieren ist allerdings aus welcher Motivation heraus Unternehmen sich solchen gesellschaftlichen Erwartungen anpassen. Das Interesse an der Umsetzung ethischer Themen ist durch die zunehmende Debatte um Corporate Social Responsibility oder Corporate Governance gestiegen. Doch befolgen die erwerbswirtschaftlichen Betriebe diese wirtschaftsethischen Maßnahmen nicht uneigennützig, „sondern [sie] dienen als strategisches Kommunikations-Instrument, um die Akzeptanz des Unternehmens nach innen und außen zu sichern“ (Schicha, 2019, S.166). Vor allem der Medienbereich der Werbung ist immer wieder im Fokus von ethischen Diskussionen. Die ursprüngliche Utopie, Werbung würde dem Verbraucher die Möglichkeit gewähren Informationen über ein Produkt einzuholen und ihm eine breite Alternative bei der Produktauswahl ermöglichen, weicht immer mehr einer kritischen Haltung gegenüber des Werbemarkts (Müller et al., 2018; Schicha, 2019). In den letzten Jahren ist es mit zunehmender Digitalisierung den Rezipienten möglich geworden, sich der traditionellen Werbung über Printmedien und Fernsehen zu entziehen zu. Viele Menschen konsumieren Unterhaltungsdarstellungen über Internetplattformen wie Netflix oder ähnliche Portale. Doch auch die Medienlandschaft profitiert von den neuen Möglichkeiten der digitalen Medien. Neben dem Sachverhalt der onlinegespeicherten persönlichen Daten der Nutzer, auf deren Basis individualisierte Werbemaßnahmen geschaltet werden können, ist vor allem die schnelle Verbreitung von Werbeclips eine große Chance für die Werbeindustrie (Müller et al., 2018). Ein Werbemittel, das Werbeproduzenten gerade im Zusammenhang mit Darstellungen von Risikosport verwenden, ist das Verstecken der Werbung im Spot, Interview etc.. Dem Rezipienten wird so eine journalistische Scheinwelt um den eigentlichen Werbegegenstand herum vorgespielt (Müller et al. 2018; Schicha, 2019). Oftmals werden solche Clips von spektakulären Darbietungen vom Konsumenten sogar an Bekannte weitergeleitet. Dies bringt eine „virale“ Verbreitung der Werbung in Gang. Für die werbetreibenden Unternehmen konsultiert daraus der positive Nebeneffekt, dass die Botschaft nicht nur verbreitet wird, sondern der Folgerezipient dem vom Freund empfohlenen Clip positiver entgegentritt als einem zufällig konsumierten Spot (Luley, 2007). Dieses unkontrollierbare Duplizieren wirft die Frage nach der Verantwortlichkeit für mögliche Folgen auf. Wird die Werbebotschaft von Nutzern selbst weitergegeben, so haben Werbepraktiker diese zwar produziert, aber nicht an den Folgerezipienten distribuiert. Auch wenn viele Angestellte aus der Werbebranche sich gerne hinter solchen argumentativen Strategien flüchten, ist aber dennoch mit Blick auf das ethische Prinzip der Verantwortung zu fordern, „dass Werbepraktiker bei der Produktion und insbesondere bei der Verbreitung im Netz darüber nachdenken, mit welchen normativen Rahmenbedingungen im Hintergrund sie […] rechtfertigen können, dass dieser Clip mit dem entsprechenden Inhalt und Design ohne weitere Kontrolle der Verbreitung ins Netz gestellt wird“ (Müller et al., 2018, S. 147).

4. Methodik

4.1 Untersuchungsverfahren

Um die in den vorangegangen Kapiteln beleuchteten Konfliktfelder zwischen profitmaximierenden Medienunternehmen und der Medienethik genauer zu betrachten, wurde eine qualitative Forschung durchgeführt. Ziel dieser Untersuchung ist es eine Antwort auf die Frage zu finden, inwieweit und inwiefern Unternehmen, die mediale Darstellungen des Risikosports Freeriding produzieren, aus Sicht von Experten auf die Gefahren und Risiken dieses Risikosports hinweisen und somit ihrer ethischen Verantwortung gegenüber der Rezipienten gerecht werden. Auf Basis dieser Forschungsfrage ist die Untersuchungsmethode ausgearbeitet worden. Da die formulierte Frage nicht darauf abzielt numerische Daten zu erhalten, sondern nach subjektiven Beurteilungen und Einschätzungen verschiedener Experten fragt, ist eine qualitative Forschungsmethode einer quantitativen vorzuziehen.

Bei der qualitativen Forschung wird die Auswertung anhand argumentativer Interpretation von Dokumenten, Beobachtungen, Erlebnissen, sowie Interviews vorgenommen. Die vorliegende Arbeit ist der qualitativen Sozialforschung zuzuordnen. Bei dieser Forschungsmethode sind, neben dem alltäglichen Handeln und Erleben, subjektive Meinungen von ausgewählten Personen substanzielle Untersuchungsgegenstände (Mayring, 2002). Im Gegensatz zu quantitativen Forschungen, die darauf abzielen repräsentative, allgemeingültige Ergebnisse zu erlangen, fokussiert sich die qualitative Forschung darauf, ein soziales Phänomen möglichst tief zu ergründen. Klassische Gütekriterien wie Validität und Reliabilität sind grundsätzlich auch qualitativen Arbeiten zugrunde zu legen (Mayring, 2002). Validität bewertet die Arbeit nach ihrer Evidenz, indem diese „einschätzen [soll], ob auch das erfasst wurde, was erfasst werden sollte“ (Mayring, 2002, S. 141). Die Reliabilität untersucht „die Genauigkeit […] der Messung“ (ebd.). Es ist jedoch anzumerken, dass nicht alle allgemeinen Gütekriterien sich auf die qualitative Forschung transferieren lassen. Mayring (2002) legt sechs spezifische Gütekriterien für die qualitative Forschung zugrunde, an denen diese Forschungsmethoden gemessen werden können.

Tabelle 1: Gütekriterien für qualitative Forschungsmethoden

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Mayring (2002)

In dieser Arbeit handelt es sich um eine Einzelfallstudie. Bei dieser Forschungsmethode werden die gewonnen Daten, hier in Form von Expertenaussagen, nicht als prinzipiell austauschbare Stichproben interpretiert, sondern sollen eine fachmännische Deutung der Alltagswelt der Experten illustrieren (Lamnek, 2005). In einer qualitativen Einzelfallstudie werden individuelle Einheiten behandelt. Die im Rahmen dieser Studie behandelte Einheit bilden die drei befragten Experten, aufgrund deren Ansichten ein tiefgründiger Einblick in die Problematik der medienethischen Verantwortung im Zusammenhang mit Freeriding erlangt werden soll. Damit fungieren die Versuchspersonen nicht ausschließlich als Datenlieferant, sondern auch ihre subjektiven Erlebnisse sind bei der Auswertung von Bedeutung (Mayring, 2016). Die Interviewpartner sind in der vorliegenden Arbeit nicht persönlich im Fokus, sondern dienen, wie Flick (2007) illustrierte, als Repräsentanten für das untersuchte Handlungsfeld. Um die vorliegende Untersuchungsfrage zu analysieren, werden die Daten anhand dreier nichtstandardisierter leitfadengestützter Experteninterviews erhoben (Gläser & Laudel, 2009). Diese Form der Datengewinnung ist weniger durch Systematik gekennzeichnet, sondern vielmehr wird der Versuchsperson eine Vielzahl an Freiheiten gewährt. Durch eine offene und flexible Gesprächsführung hat die Person im Laufe des Interviews die Möglichkeit, individuell als wichtig betrachtete Themeninhalte anzusprechen und hervorzuheben. Diese Interviewform profitiert davon, dass sich der Forscher nicht durch sein Vorwissen einschränkt, sondern „Verständnis für die speziellen Situationen des Befragten zum Ausdruck bringt und dadurch die widerstrebende Haltung des Befragten abbaut“ (Lamnek, 2005, S.343). Als Gütekriterium für qualitative Sozialforschung wird diesem Vorgehen das Prinzip der Offenheit zugrunde gelegt.

Die Interviews werden aufgrund räumlicher Distanz per Telefon durchgeführt. Der Vorteil einer telefonischen Befragung ist unter anderem die Möglichkeit eines hohen Maßes an Standardisierung der Interviewsituation (Häder, 2009). „Der Einfluss der Person des Interviewers, dessen Alter, Aussehen und Kleidung sowie nonverbale Reaktionen auf das Antwortverhalten der befragten Person haben sich bei telefonischen Befragungen als deutlich geringer als bei persönlich-mündlichen Erhebungen erwiesen“ (Häder, 2009, S.15).

4.2 Rekrutierung der Probanden

Zu Beginn der Rekrutierung von Experten muss sich der Interviewleiter die Fragen stellen, welche Personen sowohl über die gewünschten Informationen verfügen und in der Lage sind, diese möglichst präzise zu verbalisieren, als auch zeitlich verfügbar und gewillt sind, diese Informationen zu teilen (Gläser & Laudel, 2009). Der Autor dieser Arbeit ist seit dem dritten Lebensjahr mehrere Wochen im Jahr im alpinen Skiraum unterwegs und hat im Zuge dessen über die letzten Jahre Bekanntschaften zu den ausgewählten Personen geschlossen. Auch durch die persönliche Affinität zum Thema Freeriding durch eigene aktive Teilnahme an diesem Sport, konnten Kontakte zu Experten geknüpft werden, die für die Forschungsfrage relevanten Daten liefern können. So fiel die Wahl auf M., L. und B..

M. betreibt aktiv den Risikosport Freeriding. Zudem verfasst er online einen eigenen Blog zum Thema Wintersport. Darüber hinaus arbeitet M. als Web-Manager bei der Spalder Media Group B.V. in Amsterdam. Dies ist eine Informationsplattform rund um den Ski- und Snowboardsport. Dabei kümmert der Proband sich um Kampagnenumsetzungen des Unternehmens auf der firmeneigenen Website und Social Media wie Facebook, Instagram und Pinterest. Durch sein hohes privates und berufliches Involvement in das Freeriding und die Medienwelt wurde M. als Experte für das Interview angefragt. Die erste Kontaktaufnahme erfolgte per Telefon, worüber der Forscher den Experten bezüglich seines Einverständnisses zur Teilnahme an dieser Untersuchung befragte und dieser umgehend einwilligte.

[...]

Ende der Leseprobe aus 71 Seiten

Details

Titel
Ethik und Profit. Medienethische Verantwortung gegenüber Risikodarstellungen in Bezug auf den Risikosport Freeriding
Hochschule
Deutsche Sporthochschule Köln
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
71
Katalognummer
V1004168
ISBN (eBook)
9783346402868
ISBN (Buch)
9783346402875
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ethik, Medienethik, Sport, Extremsport, Risikosport, Ski, Freeriding
Arbeit zitieren
Jonas Timmer (Autor:in), 2019, Ethik und Profit. Medienethische Verantwortung gegenüber Risikodarstellungen in Bezug auf den Risikosport Freeriding, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1004168

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