Rockmusik als Medium der Offenen Jugendarbeit


Bachelorarbeit, 2021

65 Seiten, Note: 1,1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Jugendphase
2.1 Definitorische Annäherung an die Jugendphase
2.2 Jugendspezifische Entwicklungsaufgaben
2.3 Identitätsbildung als psychosoziale Krise des Jugendalters

3. Jugend und Rockmusik
3.1 Rockmusik und Jugend
3.1.1 Rock ,n' Roll
3.1.2 Beat
3.1.3 Rock
3.1.4 Punk
3.1.5 Parallelen in den prägenden Entwicklungsphasen
3.2 Relevanz der Rockmusik in der heutigen Jugendphase
3.3 Funktionen der Rockmusik in der Jugendphase

4. Jugendarbeit
4.1 Das Handlungsfeld der Offenen Jugendarbeit
4.2 Wirkungs- und Handlungsziele der Offenen Jugendarbeit
4.2.1 Selbstbestimmung
4.2.2 Gesellschaftliche Mitverantwortung und soziales Engagement
4.3 Strukturelle Charakteristika der Offenen Jugendarbeit

5. Rockmusik als Medium der Offenen Jugendarbeit
5.1 Bedingungen einer musikbezogenen Offenen Jugendarbeit
5.1.1 Offenheit gegenüber jugendkulturellen Ausdrucksformen
5.1.2 Strategie von Nähe und Distanz
5.1.3 Musikbezogene Jugendarbeit zwischen Prozess- und Ergebnisorientierung
5.1.4 Gendersensible musikbezogene Jugendarbeit
5.2 Aktive Aneignung und Gestaltung von Rockmusik in Gleichaltrigengruppen
5.3 Praktische Umsetzung einer musikbezogenen Gruppenarbeit im Rahmen der Offenen Jugendarbeit
5.3.1 Workshops
5.3.2 Sozialpädagogisch begleitete Bandarbeit

6. Zusammenfassung und Rückbezug zur zentralen Fragestellung

7. Diskussion der Ergebnisse vor dem Hintergrund der strukturellen Rahmenbedingungen vor

Ort und den Qualitätsanforderungen an die Jugendarbeiter_innen

Anlagen

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abs.= Absatz

AGJF= Arbeitsgemeinschaft Jugendfreizeitstätten bzw.= beziehungsweise

d. h.= das heißt ebd.= ebenda

et al.= und andere

e. V.= eingetragener Verein

f. = folgende ff.= fortfolgende

GmbH= Gesellschaft mit beschränkter Haftung

Hrsg.= Herausgeber

i.d.R.= in der Regel

i.w.S.= im weiteren Sinne

Jhd.= Jahrhundert

JWG= Jugendwohlfahrtsgesetz

KJHG= Kinder- und Jugendhilfegesetz

Kap.= Kapitel

Rn= Randnummer

R&B= Rhythm & Blues

R&R= Rock'n'roll

S.= Seite

SGB VIII= Sozialgesetzbuch- Achtes Buch

u.a.= unter anderem

VuMA= Verbrauchs- und Medienanalyse

z. B.= zum Beispiel

1. Einleitung

Musik spielt im Leben vieler Jugendlicher eine bedeutsame Rolle. Sie ist heute aufgrund hoch entwickelter Medienumgebungen überall und jederzeit verfügbar und wird von Jugendlichen in vielfältigen Kontexten intensiv genutzt- sei es zu Hause, beim Sport oder auf dem Weg zur Bahn- Jugendliche haben fast immer die Kopfhörer in den Ohren (Anschicks 2010, S. 1). Daher verwundert es kaum, dass die Musikrezeption eine der beliebtesten Freizeitaktivitäten von Jugendlichen darstellt: 80% der 12-19- Jährigen hören täglich Musik (Abbildung 8). Worin liegt die Faszination der Musik in der Jugendphase begründet? Alltagsbeobachtungen legen folgende Vermutung nahe: Musik scheint für jede Lebenssituation etwas Passendes bereitzuhalten- ob im Liebeskummer, im Konflikt mit den Eltern oder bei Frustration in der Schule- Musik entspannt, schafft Atmosphäre, verstärkt Gefühle oder dient der Realisierung vielfältiger Formen von Geselligkeit (Anschicks 2010, S. 1). Führt man sich vor Augen, mit welcher Entschlossenheit einige Jugendliche ihre Vorliebe für bestimmte Musikrichtungen teilen und mit welcher Rigorosität sie andere Genres ablehnen, liegt es nahe, dass Musik ebenso identitätsbezogene und soziale Funktionen erfüllt.

Macht sie das zu einem geeigneten Medium für die Offene Jugendarbeit? Die Beantwortung dieser Frage offenbart ein Spannungsverhältnis: Einerseits scheint Musik Zugänge zu der Lebenswelt Jugendlicher zu eröffnen. Andererseits ist es fragwürdig, ob jugendkulturelle Ausdrucksformen überhaupt für pädagogische Zwecke funktionalisiert werden dürfen. Gewinnen sie nicht gerade in Abgrenzung zur Erwachsenenwelt ihre Attraktivität? Unter welchen Bedingungen ist eine musikbezogene Jugendarbeit erfolgsversprechend? Und welche Musikstile knüpfen überhaupt an die Lebenswelt Jugendlicher an? Ist es tatsächlich noch die Rockmusik, die über mehrere Jahrzehnte als Inbegriff jugendspezifischen Ausdrucks galt? Letztlich geht es um folgende Frage: Wie kann die Offene Jugendarbeit Rockmusik als Medium nutzen, um Jugendliche in der Bearbeitung ihrer Entwicklungsaufgaben zu unterstützen.

Um diese Frage beantworten zu können, ist es erforderlich die Jugendphase genauer zu betrachten und Merkmale dieser Lebensphase herauszuarbeiten (Kap. 2). Dies ist hilfreich, um die Bedeutung der Rockmusik in der Jugendphase einordnen zu können. Um ein genaueres Bild von der Rockmusik zu zeichnen und ihre Funktion und Bedeutung für die Jugend zu beurteilen, sind Kenntnisse über ihre zentralen Entstehungsphasen bedeutsam (Kap. 3.1). Durch die Betrachtung der verschiedenen Entwicklungsphasen sowie die Darstellung der Beziehung zwi- sehen Rockmusik und Jugendkulturen können wiederkehrende Zusammenhänge und charakteristische Inhalte der Rockmusik erschlossen werden, die auch heute noch in veränderter Form erkennbar sind (ebd., S. 15). Dennoch müssen die Funktionen der Rockmusik vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen aktualisiert werden (Kap. 3.2). Vor welchem Hintergrund muss die Rockmusik heute bewertet werden? Knüpft sie überhaupt noch an die Lebenswelt Jugendlicher an? Die Beantwortung dieser Fragen ist erforderlich, um die Entwicklungsfunktionalität von Rockmusik in der heutigen Jugendphase beurteilen und Schnittstellen zu jugendspezifischen Entwicklungsaufgaben herzustellen zu können (Kap. 3.3).

Da die Offene Jugendarbeit den Bezugspunkt dieser Arbeit bildet und überprüft werden soll, ob sie einen geeigneten Rahmen für eine musikbezogene pädagogische Arbeit mit Jugendlichen vorgibt, ist es unabdingbar, die Offene Jugendarbeit als Arbeitsfeld in ihrem Bildungsauftrag, ihren Wirkungs- und Handlungszielen sowie ihren Strukturprinzipien näher zu bestimmen (Kap. 4). Auf der Grundlage der Ziele und strukturellen Charakteristika der Offenen Jugendarbeit sowie den Funktionen der Musik in der Jugendphase lassen sich verschiedene Bedingungen für eine Offene Jugendarbeit mit dem Medium Rockmusik ableiten (Kap. 5.1). Unter Berücksichtigung dieser Bedingungen ergeben sich in der Praxis der Offenen Jugendarbeit vielfältige Angebotsformen und Methoden mit dem Medium Rockmusik. Ein besonderer Fokus soll auf die aktive Aneignung und Gestaltung von Rockmusik in Gleichaltrigengruppen im Rahmen der Offenen Jugendarbeit gelegt werden, da vermutet wird, dass das gemeinsame Musizieren verschiedene jugendspezifische Bedürfnisse miteinander verbindet und zahlreiche Lernprozesse hervorruft, die nicht ,künstlich' herbeigeführt werden müssen, sondern aus der Attraktivität des Mediums ,Rockmusik' resultieren (Kap. 5.2; Kap. 5.3).

Nach einer zusammenfassenden Darstellung der Kernergebnisse, ist es möglich, abschließend zu beurteilen, wie die Offene Jugendarbeit Rockmusik als Medium nutzen kann, um Jugendliche in der Auseinandersetzung mit ihren Entwicklungsaufgaben zu unterstützen (Kap. 6). Da eine musikbezogene Jugendarbeit an zahlreiche räumliche und personelle Voraussetzungen geknüpft ist, scheint es ebenso von besonderem Interesse zu sein, die zentralen Ergebnisse vor dem Hintergrund der strukturellen Rahmenbedingungen vor Ort sowie den Qualitätsanforderungen an die Jugendarbeiter_innen zu diskutieren (Kap. 7). Dies ist erforderlich, um ein umfassendes Bild über das Potenzial der Rockmusik im Rahmen der Offenen Jugendarbeit zu gewinnen.

2. Jugendphase

In diesem Kapitel soll die Jugendphase als Bezugspunkt dieser Arbeit näher bestimmt werden. Dies ist erforderlich, um die jeweiligen Bildungsprozesse als Ausgangspunkt für die Offene Jugendarbeit näher lokalisieren und die Bedeutung der Rockmusik in dieser Lebensspanne einzuordnen (Hornstein 2004, S. 22; Spengler 1985, S. 165).

2.1 Definitorische Annäherung an die Jugendphase

Was ist Jugend? Der Begriff „Jugend" geht einher mit einer Fülle verschiedener Bedeutungsgehalte. Gemeint sein kann eine „bestimmte Altersgruppe oder -kohorte mit eigenen Bedürfnissen [...], ein potenziell krisengefährdeter Lebensabschnitt [...] oder eine dynamischbewegungsfreudige Komponente des Menschseins, altersunabhängig verstanden als Jugendlichkeit'" (Ferchhoff 1993, S. 55). In dieser Arbeit wird Jugend als Entwicklungsphase in den Blick genommen, in der Heranwachsende verschiedene Entwicklungsaufgaben bewältigen müssen, um darüber ein stabiles Selbstbewusstsein bzw. Ich-Identität zu entwickeln (ebd., S. 55). Wenn von der Jugendphase' die Rede ist, muss berücksichtigt werden, dass es sich hier nicht um eine anthropologische Konstante handelt, sondern um eine sozio-historische Konstruktion, die demografischen, kulturellen, historischen und ökonomischen Faktoren unterliegt (Oerter/Dreher 2008, S. 271). Sie erschließt sich nur im Kontext gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen und unter der Berücksichtigung sozialhistorischer Wandlungen. Obwohl in allen historischen Epochen eine Alterspanne existierte, in der ein genetisch gesteuerter Entwicklungsprozess durchlaufen wurde (Pubertät), konnte sich die Jugendphase in Deutschland erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts durch die Freistellung von Heranwachsenden von der Arbeit und der Einführung der Schulpflicht etablieren (Brockhaus 2020, S. 1) (Abbildung 1).

Die Jugendphase nimmt heute zunehmend den Charakter einer eigenständigen Lebensphase zwischen der Kindheits- und Erwachsenphase ein (Hurrelmann/Quenzel 2013, S. 25). Diese Entwicklung ist vor allem auf die Statusinkonsistenz und die Ungleichzeitigkeiten und asynchronen Entwicklungen in der Konsumenten-, Bürger-, Familien- und Berufsrolle zurückzuführen (ebd., S. 43). Die Statusinkonsistenz entsteht durch die frühe Übernahme der Konsumenten- und Bürgerrolle und der späten Einnahme der Familien- und Berufsrolle (Abbildung 2). Da sich der Erwachsenenstatus besonders durch die Einnahme der Reproduktionsrollen im ökonomischen und familiären Bereich kennzeichnet, diese Rollen jedoch entweder gar nicht oder nur mit starker zeitlicher Verzögerung eingenommen werden, erstreckt sich die heutige Jugendphase häufig über einen längeren Zeitraum und nimmt zunehmend den Charakter einer eigenständigen Lebensphase ein (Hurrelmann/Quenzel 2013, S. 42 f.).

Es kann also festgehalten werden, dass die Jugendphase angesichts der zunehmenden Durchlässigkeit zur Erwachsenenphase nicht mehr als fest umrissene Statuspassage definiert werden kann: „Die Jugendphase besitzt in der Regel keinen einheitlichen Abschluss, zeichnet sich durch viele Ungleichzeitigkeiten und asynchronen Entwicklungen aus, wird als Phase vielfacher Teilübergänge, unterschiedlicher rechtlicher, politischer und kultureller Mündigkeitstermine sowie verschiedene Teilreifen in sexueller, politischer und sozialer Hinsicht aufgefasst" (Ferchhoff 2007, S. 95).

Die Jugendphase ist unter den heutigen Bedingungen des Aufwachsens zudem keine einheitliche Lebensphase, sondern nimmt höchst unterschiedliche Verläufe und Ausprägungen an (Scherr 2009, S. 24). Da die gesellschaftlichen Individualisierungsprozesse auf die Struktur der Jugendphase einwirken, sind die Handlungsspielräume bei der Definition des Lebenskonzeptes und der Ausgestaltung des Lebenslaufes gestiegen, während „die normative Geltung eines idealtypischen Lebenslaufes zurückgegangen [ist]" (Hurrelmann/Quenzel 2013, S. 18; grammatikalische Anpassung: S.J.). Die Möglichkeiten zur Individualisierung sind insbesondere auf die gestiegenen soziokulturellen Freiheiten in der Entwicklung eines eigenen Lebensstils sowie auf die verlängerten Ausbildungszeiten zurückführen, wodurch die Räume für die Entfaltung einer eigenständigen Persönlichkeit vor dem Beginn der Arbeitsbiografie gestiegen sind (Abels 2008, S. 135.). Um eine persönliche Lebenslinie entwickeln zu können, bedarf es Zeit und ein hohes Maß an Selbstverantwortlichkeit bei der Definition des eigenen Lebenskonzeptes sowie einen flexiblen Umgang mit Widersprüchlichkeiten (Hornstein 2004, S. 24; Abels 2008, S. 135).

Die Jugendphase ist also im Vergleich zu früheren Zeiten heterogener und lässt größere Variationen zu (Hurrelmann/Quenzel 2013, S. 18). Daher erscheint es sinnvoll, nicht von ,der Jugend' zu sprechen, sondern von verschiedenen Jugenden auszugehen (Scherr 2009, S. 24). Aufgrund der Destandardisierung der Jugendphase ist es zudem weniger sinnvoll, Altersgrenzen als Ausgangspunkt der definitorischen Bestimmungen heranzuziehen (Hurrelmann/Quenzel 2013, S. 45). Dennoch greifen rechtliche Begriffsbestimmungen auf Altersnormen zurück: „Kind ist wer noch nicht 14 Jahre alt ist [...] [,] Jugendlicher wer 14 aber noch nicht 18 Jahre alt ist [,] junger Volljähriger, wer 18 aber noch nicht 27 Jahre alt ist" (§ 7 Abs. 1 SGB VIII). Obwohl der Beginn der Jugendphase mit dem Eintreten der Pubertät relativ genau bestimmt werden kann, ist der Übergang von der Jugendphase ins Erwachsenensein schwieriger auszumachen, da die charakteristischen Elemente zeitlich weit auseinanderfallen können (Scherr 2009, S. 23). Hitzler et. al (2010) legen es daher nahe, die Jugendphase anhand ihrer eigenständigen Inhalte zu bestimmen (Hitzler/Niederbacher 2010, S. 1). Diese werden in den folgenden zwei Kapiteln mit dem Konzept der Entwicklungsaufgaben und dem Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung näher dargestellt.

2.2 Jugendspezifische Entwicklungsaufgaben

In diesem Kapitel wird untersucht, durch welche Merkmale die Jugendphase gekennzeichnet ist und wie sie sich von der Kindheits- und Erwachsenenphase abgrenzen lässt. Die Entwicklungsprozesse zum Erwachsensein laufen in bestimmten Lebensbereichen in der Auseinandersetzung mit bestimmten Lernaufgaben ab (Hornstein 2004, S. 24). Erst durch die Bearbeitung verschiedener körperlicher, sozialer, psychischer und ökologischer Herausforderungen und deren Bewältigung kann der Übergang von der Jugendphase in die Erwachsenenphase vollzogen werden (Oppermann 2011, S. 21). Um die bestimmten Lernaufgaben näher zu beschreiben, eignet sich das Konzept der Entwicklungsaufgaben. Es beschreibt Anforderungen, die sich dem Individuum in den verschiedenen Lebensphasen stellen. Das Konzept wurde von Robert J. Havighurst entwickelt, mit der Intention, entwicklungspsychologisches Wissen für pädagogisch kompetentes Handeln nutzbar zu machen (Oerter/Dreher 2008, S. 279). Havighurst (1956) definierte den Begriff der Entwicklungsaufgaben wie folgt: „ Eine ,Entwicklungsaufgabe ist eine Aufgabe, die in oder zumindest ungefähr zu einem bestimmten Lebensabschnitt des Individuums entsteht, deren erfolgreiche Bewältigung zu dessen Glück und Erfolg bei späteren Aufgaben führt, während ein Mißlingen (!) zu Unglücklichsein, zu Mißbilligung (!) durch die Gesellschaft und zu Schwierigkeiten mit späteren Aufgaben führt [...]. Die Entwicklungsaufgaben einer bestimmten Gruppe haben ihren Ursprung in drei Quellen: (1) körperliche Entwicklung, (2) kultureller Druck (die Erwartungen der Gesellschaft), und (3) individuelle Wünsche und Werte." (Havighurst 1956, S. 215 zit. nach Dreher & Dreher 1985, S. 30)

Wie sich daraus ablesen lässt, bilden sich Entwicklungsaufgaben im Spannungsfeld zwischen individueller Zielsetzung und gesellschaftlichen Erwartungen heraus (Hurrelmann/Quenzel 2013, S. 27 f.). Sie markieren Bereiche und Zielstellungen, die zu verschiedenen Lebensabschnitten die Entwicklung innerhalb einer bestimmten Gesellschaft regulieren und stellen die gesellschaftlich geteilten Erwartungen an die anzustrebenden Entwicklungsschritte in einer bestimmten Altersphase zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt dar (ebd., S. 28). Dennoch müssen die Entwicklungsaufgaben von den Individuen angenommen und in individuelle Verhaltensprogramme übersetzt werden. Dafür müssen sich die Individuen mit den entsprechenden Entwicklungsaufgaben identifizieren können (ebd., S. 28). Da sich Entwicklung nicht passiv vollzieht, sondern immer Eigenaktivität voraussetzt, müssen sich Individuen mit den entsprechenden Entwicklungsaufgaben aktiv auseinandersetzen und diese produktivsinnbezogen verarbeiten (Ferchhoff 1993, S. 60). Entwicklungsaufgaben werden also in aktiver Auseinandersetzung bewältigt und erweitern die Handlungsmöglichkeiten und die umweltbezogene Handlungskompetenz (Oerter/Dreher 2008, S. 280).

Dem Konzept der Entwicklungsaufgaben liegt die Annahme zugrunde, dass für die Bearbeitung bestimmter Entwicklungsaufgaben Zeitfenster in der Lebensspanne vorgesehen sind, in denen verschiedene Lernprozesse besonders gut vollzogen werden können (Oerter/Dreher 2008, S. 280). Havighurst schreibt der Adoleszenz folgende Entwicklungsaufgaben zu: Psychosoziale Ablösung von den Eltern, Herausbildung einer Identität durch den Erwerb einer Geschlechtsrolle, Entfaltung eines Systems ethischer Prinzipien als Leitfaden für das eigene Verhalten, Entwicklung einer Zukunftsperspektive und Vorbereitung auf die berufliche Karriere (Oerter/Dreher, S. 281). Da Entwicklungsaufgaben von gesellschaftlichen Normenvorstellungen und Rollenvorschriften beeinflusst werden und diese sich im Laufe der Zeit wandeln können, haben Dreher & Dreher (1996) die Gültigkeit der von J. R. Havighurst formulierten Entwicklungsaufgaben innerhalb einer empirischen Untersuchungsreihe überprüft und einen zehn Entwicklungsaufgaben umfassenden Katalog erarbeitet (Abbildung 3) (ebd., S. 282). Hurrelmann et al. (2013) haben diese Entwicklungsaufgaben aufgegriffen und in einem stärkeren gesellschaftlichen Zusammenhang eingebettet (Hurrelmann/Quenzel 2013, S. 34). Hurrelmann et al. (2013) unterscheiden vier Dimensionen jugendspezifischer Entwicklungsaufgaben:

- 1. Qualifizieren: In dieser Entwicklungsdimension geht es um den Erwerb einer sozia len und intellektuellen Kompetenz. Diese ist erforderlich, um mit den jeweiligen Leis- tungs- und Sozialanforderungen angemessen umgehen zu können (Hurrelmann/ Quenzel 2013, S. 30). Werden die Entwicklungsaufgaben dieser Entwicklungsdimension erfolgreich bearbeitet, können schulische und berufliche Anforderungen bewältigt werden. Damit wird die Voraussetzung geschaffen, um eine spätere Berufstätigkeit zu übernehmen und seinen eigenen Lebensunterhalt selbstständig zu finanzieren. Die Einnahme der gesellschaftlichen Mitgliedsrolle eines Berufstätigen trägt zur ökonomischen Reproduktion der eigenen Existenz und der Gesellschaft bei (ebd., S. 37).
- 2. Binden: In dieser Entwicklungsdimension geht es um die psychosoziale Ablösung von den Eltern und den damit einhergehenden Aufbau von Beziehungen zu Gleichaltrigen. Neben der emotionalen und psychischen Ablösung vom Elternhaus muss eine Vorstellung von einer zukünftigen Partnerschaft entwickelt werden (Oerter/Dreher 2008, S. 279). Dies erfordert zunächst die Identifikation mit der eigenen Geschlechtsrolle und die Suche nach der sexuellen Orientierung. Werden die Entwicklungsaufgaben dieser Entwicklungsdimension erfolgreich bearbeitet, kann die gesellschaftliche Mitgliedsrolle eines Familiengründers übernommen werden, sofern dies den zukünftigen Vorstellungen von Partnerschaft und Familie entspricht1 (Hurrelmann/Quenzel 2013, S. 37). Diese Entwicklungsdimension zielt auf die biologische Reproduktion.
- 3. Konsumieren: In dieser Entwicklungsdimension geht es um den Aufbau von Beziehungen zu Gleichaltrigen, die Entwicklung eines individuellen Lebensstils sowie den Erwerb von Fähigkeiten, um souverän im Freizeit-, Wirtschafts- und Medienbereich agieren zu können (Hurrelmann/Quenzel 2013, S. 37). Dafür ist es erforderlich, dass Heranwachsende die eigenen Interessen und Bedürfnisse benennen können, sich ihren eigenen Schwächen und Stärken bewusst sind und einen verantwortungsbewussten Umgang mit Geld erlernen (ebd., S. 37). Werden die Entwicklungsaufgaben in dieser Entwicklungsdimension erfolgreich bearbeitet, können die Angebote des Freizeit-, Wirtschafts- und Mediensektors zur individuellen Bereicherung und zur Regeneration der in anderen Lebensbereichen aufgebrauchten Energie beitragen (ebd., S. 37).
- 4. Partizipieren: In dieser Entwicklungsdimension geht es um die Entwicklung von Fähigkeiten, um in Angelegenheiten des sozialen Zusammenlebens teilzuhaben. Dafür ist die Entwicklung ethischer und politischer Standpunkte erforderlich, die Orientierung im eigenen Handeln geben. Werden die Entwicklungsaufgaben dieser Entwicklungsdi- mension erfolgreich bearbeitet, können Jugendliche eigene Bedürfnisse und Interessen äußern und an Entscheidungen des Gemeinwesens partizipieren (ebd., S. 37). Diese Entwicklungsdimension zielt u.a. auf die gesellschaftliche Kohäsion.

Hurrelmann et al. (2013) nutzen die vier Entwicklungsbereichen für die Abgrenzung zwischen Jugend- und Erwachsenenphase und betrachten die verschiedenen jugendspezifischen Entwicklungsaufgaben in einer soziokulturellen und einer psychobiologischen Dimension (ebd., S. 29). Die Bewältigung der für das Jugendalter typischen Entwicklungsaufgaben geht in der soziokulturellen Dimension mit der Übernahme von Mitgliedschaftsrollen im Gemeinwesen einher und ist mit einer zunehmenden gesellschaftlichen Integration verbunden (ebd., S. 38). Der Prozess der gesellschaftlichen Integration vollzieht sich mit der Erweiterung der Rollenanforderungen an die Jugendlichen. Während sich Kinder in einem ,sozialen Schonraum' bewegen und keine gesellschaftlich verantwortungsvollen Mitgliedsrollen übernehmen müssen, werden Jugendliche zunehmend auf die Reproduktionsrollen im ökonomischen und familiären Bereich, sowie auf die Konsumenten- und Bürgerrolle vorbereitet (ebd., S. 39). Der Erwachsenenstatus wird mit der vollen Einnahme dieser Mitgliedsrollen erlangt (ebd., S. 39).

Die psychobiologische Dimension der Entwicklungsaufgaben betont die Individuation, verstanden als die Entwicklung einer einmaligen Persönlichkeitsstruktur (ebd., S. 33). Diese bildet sich in der Auseinandersetzung mit den Entwicklungsaufgaben heraus und ist mit der Entwicklung einer eigenständigen Identität verbunden (ebd., S. 34). Unter Identität versteht Hurrelmann et al. (2013) die Wahrnehmung eines Sich-Selbst-Gleichseins in der Zeit. Eine zeitübergreifende Kontinuität in der Selbstwahrnehmung ist dann gegeben, wenn sich eine Person trotz verschiedener Anforderungen im Alltag als identisch erlebt (ebd., S. 33). Voraussetzung für Ausbildung von Identität ist die bewusste Verarbeitung von innerer und äußerer Realität (ebd., S. 33). Da sich in der Jugendphase die Denk- und Erkenntnisstruktur verändert, ist erstmalig im Lebenslauf eine bewusste oder doch zumindest teilweise bewusste Entwicklung eines Selbstbildes sowie die Herausbildung einer Ich-Empfindung möglich (ebd., S. 30). Die bewusste Hinwendung zur eigenen Person und die Bereitschaft, Erfahrungen und Weltbilder kritisch zu reflektieren, führen zu dem existenziellen Konflikt des Jugendalters: „Die Wahrung der Identität gegenüber der drohenden Zerstückelung und Diffusion des Selbstbildes" (ebd., S. 34).

2.3 Identitätsbildung als psychosoziale Krise des Jugendalters

Da die Identitätsbildung ein zentrales Charakteristikum der Jugendphase darstellt, soll diese Thematik näher in diesem Kapitel ausgeführt werden. Von besonderem Erklärungsgehalt für die Identitätsfindungsproblematik in der Jugendphase ist das Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung nach Erik H. Erikson. Es beschreibt menschliche Entwicklung in der Abfolge phasenspezifischer Krisen und verortet die Identitätsfindungsproblematik insbesondere in der Adoleszenz. Ein Einblick in zentrale Thesen des Konzeptes ist hilfreich, um die Schnittstellen zwischen bestimmten Charakteristika der Rockmusik und jugendspezifischen Lernaufgaben darzustellen.

Bevor die Identitätsentwicklung im Jugendalter näher betrachtet wird, ist es sinnvoll, die Kernpunkte des Modells eingehender zu beleuchten. Erikson (2003) beschreibt menschliche Entwicklung nach einem epigenetischen Prinzip. Epigenetik verweist auf einen Entwicklungsprozess, der genetisch angelegt ist und durch spezielle Umwelteinflüsse beeinflusst wird. Das epigenetische Prinzip bezieht sich in dem Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung auf die Abfolge phasenspezifische Krisen. Diese werden in der menschlichen Entwicklung nacheinander durchlaufen und entsprechen einem genetisch vorherbestimmten Grundplan (Abbildung 4). Obwohl die Krisen in allen Lebensphasen in einer bestimmten Form existieren, gibt es innerhalb der Lebensphase bestimmte Zeiträume, die für die Bearbeitung der jeweiligen Krisen besonders gut geeignet sind (Abbildung 5). Jede Krise tritt in ein kritisches Stadium und erfährt eine bestehende Lösung (Erikson 2003, S. 60). Diese bestehende Lösung findet ihren Ausdruck in einer bestimmten Haltung des Individuums zu sich selbst (,Ich-Qualität') (Abels 2008, S. 96)2. Neben der Ich-Qualität bildet sich in jeder Phase eine bestimmte Tugend aus3. Diese bildet das Fundament für die Bearbeitung der Probleme der darauffolgenden Phase4 (ebd., S. 96).

Die Identitätsbildung stellt die zentrale Krise der Adoleszenz dar (Abbildung 4). Es geht verstärkt darum ein neues Selbstbild aufzubauen und die soziale Rolle zu festigen (Erikson 2003, S. 106). Die Suche nach dem neuen Selbstbild wird von folgender Frage begleitet: „Wer bin ich, wer bin ich nicht?" (Abels 2008, S. 97 f.). Die Identitätsbildung vollzieht sich dabei an der Schnittstelle von persönlichen Entwürfen und sozialen Zuschreibungen. Jugendliche müssen kindliche Identifikationen in ein aktuelles Selbstbild integrieren und mit den angebotenen gesellschaftlichen Mustern der Lebensführung vermitteln (ebd., S. 97). Die Identitätsbildung lässt sich somit als zweifacher Prozess beschreiben: Zum einen verbindet ein Jugendlicher seine kindlichen Identifizierungen mit den Identifizierungen, die ihm seine neuen Bezugspersonen zuschreiben; zum anderen werden ihm von der Gesellschaft Rollen zugewiesen, in denen er sich selbst wiederfinden und anerkannt fühlen kann (Abels 2008, S. 101). Dieser Prozess geht mit dem Ziel einher, Einheitlichkeit und Kontinuität trotz äußerer Wandlungen herzustellen und diese in den Augen anderer erfahrbar zu machen (Erikson 2003, S. 18)5.

Um die neuen und alten Rollenanforderungen in das Selbstbild integrieren zu können, bedarf es Schonräume, in denen Jugendliche von gesellschaftlichen Verpflichtungen befreit sind und sich sozialpsychologischen Rollenexperimenten zuwenden können (Abels 2008, S. 101)6. Diese Freiräume werden Heranwachsenden in modernen Gesellschaften gewährt. Sie sind allerdings mit bestimmten Erwartungen verknüpft. Jugendliche sollen über die Einnahme von Probeidentitäten ihre Position in der Gesellschaft finden und Einstellungen für spätere Rollen erwerben. Gleichaltrigengruppen bieten für die erforderlichen Lernprozesse geeignete Übungsfelder. Sie bilden soziale Räume, in denen die Regeln des sozialen Umgangs miteinander erlernt und das neue Selbstbild in Reaktion des Gegenübers erprobt werden können (ebd., S. 102 f.).

Gelingt es dem Jugendlichen seine kindlichen Identifikationen in ein aktuelles Selbstbild zu integrieren und mit den sozialen Erwartungen zu vermitteln sind die Voraussetzungen für die Herausbildung einer Ich-Identität gegeben. Bleiben die Identifikationen unverbunden oder bilden keine in der sozialen Umwelt anerkannte Konfiguration diffundieren ihre Elemente (Krappmann 1997, S. 76). Angesichts drohender Identitätsdiffusion tendieren Jugendliche zu ,totalen' Meinungen, die sich in absoluter Zuneigung oder scharfer Abgrenzung ausdrücken. Hierin liegt auch die besondere Empfänglichkeit für moralischen Rigorismus und totalitaristi- sche Haltungen begründet: „Es ist der Versuch, in einer Zeit, wo sich die festen Orientierungen auflösen und das Individuum nicht mehr weiß, wer es ist, sich eine totale Gestalt von sich und dem Sinn seines Lebens vorzustellen" (Abels 2008, S. 100 f.)7.

Welche Schlussfolgerungen können daraus für eine Bildungsarbeit mit Jugendlichen gewonnen werden? Sowohl das Konzept der psychosozialen Entwicklung als auch das Konzept der Entwicklungsaufgaben liefern zahlreiche Erkenntnisse darüber, welche Bewältigungs- und Gestaltungsaufgaben in der Jugendphase von Relevanz sind (Hornstein 2004, S. 26). Diese können als Bezugspunkt pädagogischen Arbeitens aufgegriffen werden. Die Offene Jugendarbeit muss sich in der Arbeit mit Jugendlichen bewusst sein, dass es in erster Linie um Identitätsarbeit geht, dass junge Menschen ein Gegenüber brauchen, von dem sie sich abgrenzen können, um darüber Identität zu gewinnen, und dass sich Identitätsbildungsprozesse experimentierend und explorierend durch die Einnahme von Probeidentitäten vollziehen (ebd., S. 26). Daher muss die Offene Jugendarbeit Jugendlichen Räume zur Verfügung stellen, in denen spielerische, auch provokante Probeidentifikationen und Erfahrungsexperimente durchgeführt werden können.

Da in dieser Arbeit Rockmusik als Medium der Offenen Jugendarbeit näher betrachtet werden soll, ist es von besonderem Interesse, die Entwicklungsfunktionalität von Rockmusik im Jugendalter näher zu untersuchen. In der Literatur finden sich zahlreiche Bezüge, in denen die Schnittstellen zwischen Rockmusik und Identitätssuche im Jugendalter hervorgehoben werden. Dabei betonen ältere Standardwerke zu Rockmusik im Jugendalter die Zusammenhänge zwischen Rockmusik und Protesthaltung (Spengler 1985; Voulliéme 1987; Baacke 1970): „Rockmusik war schon immer Bestandteil der im Jugendalter so bedeutungsvollen Identitätssuche" (Spengler 1985, S. 198); „Der Beat ist das Medium einer Symbolkultur, die die Identitätsfindung gegen die traditionellen Zeichen, Regeln und Ordnungen erlaubt. [...] Die Instrumente dieser Symbolkultur (optische und akustische Accessoires) dienen in erster Linie der Suche nach Identität" (Baacke 1970, S. 185 f.)

Um diese Annahmen angemessen beurteilen zu können, ist es sinnvoll ein genaueres Bild von Rockmusik zu zeichnen. Ebenso ist es erforderlich, zu prüfen, inwiefern die beschriebenen Funktionen von Rockmusik im Jugendalter den heutigen Verhältnisse entsprechen: Ist Rockmusik tatsächlich noch Ausdrucksform des Jugendprotestes oder verfälscht das Bild einer Rebellischen' und ,authentischen' Rockmusik den Blick auf den Charakter der heutigen Rockmusik (Hering/Hill/Pleiner 1993, S. 36)? Vor welchem Hintergrund muss Rockmusik heute bewertet werden? Weiterhin ist folgende Frage von Interesse: Knüpft Rockmusik überhaupt noch an die Lebenswelten von Jugendlichen an oder hat sie bereits den Charakter eines jugendspezifischen Ausdrucksmediums verloren? Besonders die letzte Frage ist für die pädagogische Arbeit von besonderer Relevanz: Rockmusik kann nur dann vielfältige Lernvorgänge initiieren, wenn sie an den Lebenswelten der Jugendlichen ansetzt und ihre Sprache und Denken erreicht (Plei- ner 1999, S. 11). Diese Fragen sind Gegenstand des folgenden Kapitels.

3. Jugend und Rockmusik

3.1 Rockmusik und Jugend

Wie gelingt eine definitorische Annäherung an den Gegenstand ,Rockmusik'? Die Rockmusik kann über eine musiktheoretische Definition eingegrenzt werden, deren Schwäche es allerdings ist, den vielfältigen Stilrichtungen und den Weiterentwicklungen innerhalb dieses Genres gerecht zu werden (Spengler 1985, S. 20). Eine musiktheoretische Annäherung ist für diese Arbeit auch insofern nicht brauchbar, als sie die Beziehung zwischen Rockmusik und Jugend nicht erklären kann (ebd., S. 20). Um ein genaueres Bild von der Rockmusik zu zeichnen und ihre Funktion und Bedeutung für die Jugend beurteilen zu können, sind die Kenntnisse über ihre zentralen Entstehungsphasen hilfreich (ebd., S. 15). Durch die Betrachtung der verschiedenen Entwicklungsphasen sowie die Darstellung der Beziehung zwischen Rockmusik und Jugendkulturen können wiederkehrende Zusammenhänge und charakteristische Inhalte der Rockmusik erschlossen werden, die auch heute noch in veränderter Form erkennbar sind (ebd., S. 15). Unter diesem Blickwinkel werden die zentralen Entwicklungsphasen Rock'n'Roll, Beat, Rock, Punk genauer untersucht. Das Ziel dieser Auseinandersetzung besteht nicht darin, die Entstehung der Rockmusik durch die Darstellung verschiedener historischer Ereignisse vollständig und chronologisch abzubilden (Voulliéme 1987, S. 7). Eine vollständige chronologische Präsentation der Rockgeschichte ist allerdings auch insofern nicht erforderlich, als die charakteristischen Bedeutungs- und Funktionsgehalte der Rockmusik für die Jugend aus den zentralen Entwicklungsphasen hervorgehen (ebd., S. 15).

Bei der Betrachtung der zentralen Entwicklungsphasen fällt zunächst auf, dass die Innovationskraft der Rockmusik immer in der Spannung zwischen Abgrenzung und Vereinnahmung liegt (Spengler 1985, S. 31; Hill 2004b, S. 330 f.). Rockmusik existierte zunächst als weitgehend unbekannte Ausdrucksform einer bestimmten Jugendkultur (Spengler 1985, S. 30). Sie wurde von Jugendlichen in ihrer Suche nach Authentizität und Abgrenzung entwickelt und diente mit ihren ungewohnten und provokanten Elementen zur Abgrenzung zur Erwachsenenwelt und der etablierten Kultur (Hill/Josties 2007, S. 16 f.). Rockmusik provozierte und schockierte mit ihren anstößigen Elementen. Immer wenn die provokanten Elemente durch die ökonomische und ideologische Vereinnahmung ,geglättet' und gesellschaftsfähig gemacht wurden, verlor Rockmusik ihre Abgrenzungswirkung und damit auch ihren Wert für die Jugendlichen in ihrer Suche nach Authentizität (Spengler 1985, S. 31). Nach der vollständigen gesellschaftlichen Vereinnahmung musste die nächste Jugendgeneration eigene Ausdrucksformen finden, um die Abgrenzungswirkung wiederherstellen zu können (ebd., S. 31). Dafür musste eine neue Symbolik erarbeitet werden, die nicht zuletzt ihren Ausdruck in einer anderen musikalischen Form fand. Diese Entwicklungsdynamik zeigt sich in allen zentralen Entstehungsphasen der Rockmusik.

3.1.1 Rock ,n' Roll

Die Wurzeln des Rock 'n' Rolls (R&R) liegen vor allem im Rhythm & Blues (R&B). Der R&B entwickelte sich aus dem Blues und wurde zunächst von der afroamerikanischen Bevölkerung als Tanzmusik genutzt. Der R&R bediente sich den musikalischen Formen des R&B und überführte verschiedene musikalische Elemente der afroamerikanischen Musikkultur in eine weiße Jugendkultur8. Da sich der R&R häufig kritisch mit den Verhaltensnormen des weißen ,american way of live' auseinandersetzte und jugendspezifische Lebenslagen, Gefühle, Bedürfnisse und Ängste authentisch widerspiegelte, war er imstande, die Funktion eines Identifikationsobjektes einzunehmen. Er wurde von den amerikanischen Jugendlichen genutzt, um sich vom Wert- und Verhaltenskodex der Erwachsenenwelt abzugrenzen. R&R enttabuisierte das Thema Sexualität, befürwortete die gesellschaftliche Durchmischung von weißer und schwarzer Bevölkerung und ging mit einer Haltung einher, die sich gegen Autoritäten auflehnte (Voulliéme 1987, S. 24 f.). Dies begründete das starke Misstrauen der Erwachsenengeneration. Die überzogene Kritik des weißen Establishments verhalf dem R&R zu Popularität und bewirkte, dass sich Jugendliche mit der Musik identifizierten, die viele Erwachsenen entschieden ablehnten (ebd., S. 24). Besondere Aufmerksamkeit erlangten Künstler, die am auffälligsten gegen etablierte Werte und Normen verstießen (ebd., S. 24)9. Als sich der R&R mit seiner kommerziellen Verein- nahmung von der Lebenswelt der Jugendlichen zunehmend entfernte und stattdessen Unterhaltungsbedürfnisse bediente, wurde die erste Entwicklungsphase der Rockmusik abgeschlossen (Voulliéme 1987, S. 27; Oppermann 2011, S. 73).

3.1.2 Beat

Beeinflusst durch den R&R, den R&B und den Skiffle entwickelte sich in den englischen Industriemetropolen zu Beginn der siebziger Jahre der Beat (Spengler 1985, S. 41; Voulliéme 1987, S. 28). Begeistert von dem neuartigen Instrumentalsound des R&B und R&R bastelten sich Jugendliche eigenes Instrumentalequipment zusammen und verfolgten das Ziel, den R&R und R&B nachzuspielen. Obwohl der angestrebte Sound nicht vollends entfaltet werden konnte, entwickelte sich aus diesem ,handicap' eine eigene Dynamik (Voulliéme 1987, S. 28). Der charakteristische raue Sound dieser Musik konstituierte eine eigenständige Stilistik. Der Beat wurde von den Jugendlichen genutzt, um eigene Gefühle abzubilden und sich von der Erwachsenenwelt abzugrenzen. „Die Texte handelten [...] von echten Gefühlen, von meist enttäuschenden Liebesbeziehungen, von Erfahrungen mit Sex, Befriedigung, Zorn, Einsamkeit und der Suche nach Glück und Erfüllung" (Spengler 1985, S. 42). Da die Lebensbedingungen in den englischen Industriemetropolen durch Arbeitslosigkeit, einen geringen Lebensstandard und Armut gekennzeichnet waren, wurde der Beat ebenso als Medium genutzt, um Erfahrungen der eigenen Unterprivilegierung zu verarbeiten. Von besonderem Stellenwert für die Entwicklung des Beats waren die kleinen Clubs und Bars. In ihnen entwickelten sich lebendige Musizierszenen, in denen Jugendliche das gemeinsame Interesse am Beat teilten. Als sich der Beat zunehmend von den kleinen Bühnen entfernte und von Medienkonzernen vereinnahmt wurde, vergrößerte sich die Distanz zwischen Musikern und Publikum. Dadurch verlor der Beat seine Glaubwürdigkeit unter den Jugendlichen (Oppermann 2011, S. 75).

3.1.3 Rock

Der Beat differenzierte sich in zwei stilistische Richtungen: eine schlagerbeeinflusste jugendliche Popmusik und eine an den Ursprüngen des R&B orientierte Rockmusik (Oppermann 2011, S. 76). Während die schlagerbeeinflusste Popmusik von den Medienkonzernen genutzt wurde, um Profit zu erzielen, thematisierte die am R&B orientierte Rockmusik zunehmend gesellschaftspolitische Themen und wurde von der Jugend mit politischen Forderungen versehen (Spengler 1985, S. 46 ff.). Rockmusik erhielt dadurch eine neue Ausdrucksqualität (ebd., S. 47). Um der eigenen Unzufriedenheit Ausdruck zu verleihen wurden die musikalischen Ausdrucksformen radikalisiert. Rockmusik war nun lauter, extremer und kompromissloser als in ihren vorausgegangenen Entwicklungsphasen (ebd., S. 48 f.).

„War der Rock'n'Roll noch eine vergleichsweise bescheidene Rebellion gegen erwachsene Moralvorstellungen und ihre Langeweile, der Beat schon Ausdruck einer sprachlosen Opposition' gegen die Erwachsenengesellschaft und ihre starren Werte, so wurde Rock mit Hilfe der ausdrucksstarken Textbedeutungen zum Aushängeschild einer sich fast vorwiegend i.w.S. politisch-motiviert gebärdenden, gesellschaftskritischen Oppositionsgemeinde"(Spengler 1985, S. 48).

Thematisiert wurden u.a. die Probleme der zeitgenössischen Industriegesellschaft, der Vietnamkrieg, die soziale Ungerechtigkeit im Kapitalismus und die Selbstgefälligkeit der Erwachsenen trotz dieser Krisenerscheinungen (ebd., S. 47). Jugendliche distanzierten sich hierbei nicht nur von der Erwachsenenwelt, sondern forderten eine grundlegende Veränderung des Systems (ebd., S. 53)10. Rock wurde dabei zur revolutionären Begleitmusik einer antibürgerlichen Protestbewegung (ebd., S. 53). Nachdem sich die politischen Ideen nicht umsetzen ließen wendeten sich viele Jugendliche zunehmend von der Jugendkultur ab (ebd., S. 54). Als die politische Revolte ein vorläufiges Ende gefunden hatte, wurde auch die Rockmusik zunehmend ausdrucksloser. Ihre leeren Inhalte wurden nun mit übertriebenen Show-Elementen überspielt (ebd., S. 54). Dadurch büßte sie ihren ehrlichen, authentischen und aufbegehrenden Charakter ein und entfernte sich zunehmend von ihrem jugendlichen Publikum und deren Vorstellungswelt (Spengler 1985, S. 55).

[...]


1 Es ist zu hinterfragen, ob die Vorbereitung auf Partnerschaft und Familie angesichts der vielfältigen alternativen Lebensformen überhaupt angestrebt wird bzw. sogar mit beruflichen Zielen kollidiert (Hurrelmann 2004, S. 38).

2 Die Ich-Qualität besteht z. B. im Säuglingsalter in dem Erwerb von Urvertrauen und im Kleinkindalter in dem Erwerb von Autonomie (Abbildung 4).

3 Unter einer Tugend versteht Erikson eine psychosoziale Stärke. Diese bildet sich aus, wenn die individuellen Entwicklungsprozesse den Anforderungen der sozialen Umwelt entsprechen (Abels 2008, S. 96).

4 Die unzureichende Bewältigung einer Krise führt zu Fehlanpassungen, wodurch die weitergehende Entwicklung gefährdet werden kann (Abels 2008, S. 96).

5 Erikson geht in seinem Modell von gesellschaftlicher Kontinuität aus. Sowohl die gesellschaftliche Kontinuität als auch die Ausbildung einer kohärenten Identität muss vor dem Hintergrund der Individualisierung und Pluralisierung hinterfragt werden. Identitätsarbeit wird heute als tägliche Passungsarbeit und lebenslanger Prozess beschrieben (Keupp et. al 2008, S. 56 f.).

6 Erikson bezeichnet diese Schonräume als psychosoziales Moratorium.

7 Treue ist die Tugend der Adoleszenz. Diese findet ihren Ausdruck in der Bindung an Ideale oder idealisierten Personen. Sie ist verbunden mit dem Glauben an etwas Wahres und bildet den „Eckstein der Identität" (Abels 2008, S. 101).

8 Es wird davon ausgegangen, dass sich der R&R aus der Synthese von R&B und Country & Western herausbildete (Oppermann 2011, S. 72).

9 Elvis Presley kann hier als Beispiel aufgeführt werden. Er sorgte mit seiner musikalischen Darbietung für zahlreiche Skandale und wurde für viele Jugendliche zur Identifikationsfigur (Voulliéme 1987, S. 26).

10 Die Hippie- Jugendbewegung widersetzte sich z. B. bürgerlichen Konventionen und verfolgte das Ziel einer antiautoritären Gesellschaft frei von Klassenunterschieden, Leistungsnormen und Gewalt (Hollstein 1980, S. 50). Dafür stellten sie die Moralvorstellungen und Wohlstandsideale der Mittelschicht infrage und setzen sich für eine Veränderung des gesellschaftlichen Systems ein. Ihre Vorstellungen und Ideale artikulierten sie im Psychedelic-Rock. Dieser entwickelte sich Mitte der 70'er Jahre in Kalifornien und kennzeichnete sich durch die Einflüsse verschiedenartiger Stile (insbesondere aus der indischen Musiktradition) und die Nähe zu bewusstseinserweiternden Drogen (Spengler 1985, S. 49).

Ende der Leseprobe aus 65 Seiten

Details

Titel
Rockmusik als Medium der Offenen Jugendarbeit
Hochschule
Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit Dresden (FH)
Veranstaltung
Bachelorarbeit
Note
1,1
Autor
Jahr
2021
Seiten
65
Katalognummer
V1004544
ISBN (eBook)
9783346387356
ISBN (Buch)
9783346387363
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jugend, Jugendarbeit, Offene Jugendarbeit, Bildung, Entwicklungsaufgaben, Identität, Erikson, Havighurst, Hurrelmann, Rockmusik, Jugendkulturarbeit
Arbeit zitieren
Samuel Joseph (Autor), 2021, Rockmusik als Medium der Offenen Jugendarbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1004544

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