Vertrauen und Misstrauen als Generierung sozialer Innovationen. Eine systemtheoretische Untersuchung der Griechenland-Krise anhand der Euro-Rettungsschirms


Masterarbeit, 2013

85 Seiten, Note: 1.3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Methodik und Fragestellung
1.3 Aufbau der Arbeit

2 Gesellschaft und Organisationen aus systemtheoretischer Sicht
2.1 Gesellschaft und Differenzierung
2.1.1 Kommunikation
2.1.2 Beobachtung erster und zweiter Ordnung
2.2 Weltgesellschaft und Atopie
2.2.1 Wissensgesellschaft
2.2.2 Wissen
2.2.3 Wissen/Nichtwissen
2.3 Organisationen
2.3.1 Organisation, Entscheidung, Entscheidungsprämissen
2.3.2 Strukturelle Kopplung
2.3.3 Risiko, Gefahr und Sicherheit

3 Vertrauen
3.1 Systemvertrauen und Vertrauensintermediäre in der Griechenland-Krise
3.2 Misstrauen
3.3 Strukturfunktionale Latenz als Prämisse für kontrainduktive Entscheidungsprozesse

4 Innovation
4.1 Die Paradoxie der Innovation
4.2 Variation, Selektion und Restabilisierung sozialer Systeme
4.3 Innovationen als evolutionäre Errungenschaften

5 Die „Griechenland-Krise“
5.1 Griechenland-Programm, EFSF und der ESM-Stabilitätsmechanismus
5.2 Exkurs: Eine untypisch europäische politische Kultur
5.3 Systemische Vertrauenskrise als Genese politischer Innovationen und die Grenzen von Governance

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

DIMAR = Demokratische Linke

EFSF = Europäische Finanzstabilisierungsfazilität

EG = Europäische Gemeinschaft

EK = Zentrumsunion

ER = Europäischer Rat

E.R.E. = Nationale Radikale Union

ESM = Europäischer Stabilitätsmechanismus

EU = Europäische Union

EWWU = Europäische Wirtschafts- und Währungsunion LAOS = Orthodoxer Volksalarm ND = Nea Dimokratia

PASOK = Panhellenische Sozialistische Partei Syriza = Vereinte Soziale Front XA = Goldenene Morgenröte

1 Einleitung

Griechenland und der europäische Währungsraum insgesamt haben die letzten drei Jahre höchst turbulente Krisenzeiten erlebt. Eine Misstrauensspirale hat eine komplexe (transsystemische) Vertrauenskrise in Gang gesetzt, die die bis heute etablierten europäischen Errungenschaften an den Rand des Abgrunds befördert hat. Mit Beginn der europäischen Krise, die durch die GriechenlandKrise ausgelöst wurde, ist das Antlitz Europas und des Euros stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Das Problem allerdings ist weder Europa noch der Euro, sondern einerseits eine Überforderung der europäischen Nationalstaaten angesichts einer von Systemlogiken interdependenten Weltgesellschaft, in der verschiedene Funktionssysteme wie unter anderem die Politik, die Wirtschaft, und das Finanzsystem, nach eigenen Spielregeln operieren. Andererseits findet eine Konvergenz statt zwischen der Weltgesellschaft und einer sich etablierenden Wissensgesellschaft, was zu beschleunigten Strukturveränderungen führt, die oftmals evolutiv und 'zufällig' stattfinden. Dadurch werden Entscheidungsprozesse in Gang gesetzt, die kontrainduktiv verlaufen und somit zu sozialen Innovationen führen können.

Diese Arbeit setzt sich primär mit der Griechenland-Krise auseinander, die sich in den letzten zwei Jahren zu einer europäischen Krise entwickelt hat. In den letzten drei Jahren hat die EU bestimmte Maßnahmen auf den Weg gebracht, die dem breiteren Publikum besser bekannt sind als EuroRettungsschirm, worunter als Hauptmaßnahmen der EFSF und der ESM-Stabilitätsmechanismus fallen1. Diese beiden Mechanismen stellen den Kern einer neuen europäischen wirtschaftspolitischen Agenda dar, um der momentanen Krise im Euroraum entgegenzuwirken. In Griechenland sind diese beiden Mechanismen und die damit verbundenen Folgeprobleme am stärksten zum Tragen gekommen. Im Rahmen dieser Arbeit soll untersucht werden, ob es sich bei diesen Maßnahmen um soziale Innovationen des politischen Systems handelt und, wenn ja, wie sie generiert worden sind. Durch eine systemtheoretische Betrachtungsweise entfällt eine monokausale Ursachenfindung2 und wird ersetzt durch eine Architektur komplexer sozialer Systeme, die durch eigene Rationalität ihre Funktion erfüllen. Dabei werden Mechanismen generiert, die zu der aktuellen Krise geführt haben. Diese gesellschaftlichen Mechanismen tauchen in Form von Vertrauen und Misstrauen auf (Luhmann 2000a), die einerseits zu dieser Krisensituation und andererseits zu den politischen Krisenbewältigungsmechanismen geführt haben. Um den gesellschaftlichen Mechanismus des Vertrauens und seines funktionalen Äquivalents Misstrauen (ebd.: 92ff.) mit Innovation zu verknüpfen werden sie aus Sicht der Luhmannschen Systemtheorie beleuchtet.

In Anbetracht des Umfangs dieser Arbeit und des Themas ist es mir plausibel erschienen, eine gewisse Konsistenz und Plausibilität in der Argumentation beizubehalten. Aus diesem Grunde wurde bewusst die Theorie selbstreferentieller Systeme gewählt und auf die Einbeziehung anderer soziologischer Theorien verzichtet. Sie beschränkt sich auf das Politik- und Wirtschaftssystem nach systemtheoretischem Verständnis (Luhmann 1994; 2002). Dies schließt jedoch nicht aus, dass in Bezug auf die Vertrauens- und Innovationstheorie, die als Grundpfeiler dieser Arbeit dienen, gewisse Aspekte aus benachbarten Disziplinen mit einfließen zu lassen, allein schon aus dem Grund, um bestimmte Vorzüge einer systemtheoretischen Herangehensweise stärker zu verdeutlichen3. Ein praktischer Nutzen einer soziologischen Perspektive soll hier eher in den Hintergrund gerückt werden. Vielmehr soll über die Theorie ein systemtheoretischer Blick auf die Krise geworfen werden. Der Fokus soll weniger auf mögliche Ratschläge rekurrieren, also wie die Griechenland-Krise überwunden werden kann oder was man im Vorfeld hätte tun können, um überhaupt die Krise zu vermeiden. Vielmehr sollen die Funktionen und Folgen der Vertrauens- und Misstrauenskonstellation im Vorfeld der Krise herausgearbeitet werden und die daraus resultierenden sozialen (politischen) Innovationen. Im Fazit werden aber durchaus Gedanken für eine intelligente politische Intervention zur Bekämpfung der Krise einfließen. Im Laufe der Arbeit wird sich immer wieder herauskristallisieren, dass es sich bei gesellschaftlichen Strukturveränderung, die das Ausmaß von sozialen Innovationen annehmen, um oftmals evolutive und zufällige Konstellationen handelt, die man vorher unter keinen Umständen hätte voraussehen können. Dieser Erkenntnisgewinn ist eng verzahnt mit einem Begriff der Beobachtung, der einerseits von der gängigen Vorstellung der Beobachtung abweicht und andererseits eine plausible Antwort auf die Frage, wie „soziale Ordnung“ möglich ist (Luhmann 1993), liefert.

1.1 Problemstellung

Ende 2009 begann für Griechenland eine „Staatsschulden- und Finanzkrise“, die bis heute nicht als abgeschlossen gelten kann. Dabei handelt es sich um die „Griechenland-Krise“4, die in den letzten drei Jahren eine starke massenmediale Aufmerksamkeit hervorgerufen und für verschiedene gesellschaftliche Teilsysteme unterschiedliche Folgeprobleme ausgelöst hat. Nachdem die sozialdemokratische PASOK im Oktober 2009 die Parlamentswahlen für sich entscheiden konnte, wurde etwa zwei Wochen später von der Regierung kommuniziert, dass die Angaben zum Haushaltsdefizit von den vorherigen Regierungen nicht der Realität entsprechen und das künftige Defizit; die vereinbarte Schuldengrenze der Maastricht-Konventionen um ein Vielfaches übersteigen werde. Dies sollte der Anfang der Griechenland-Krise und einer im weiteren Sinne europäischen Krise werden, die erhebliche negative Auswirkungen, sowohl auf die griechische Zivilgesellschaft und den griechischen Staat als auch für den gesamten Euroraum, mit sich bringen sollte. Seit 2010 wurden Griechenland, unter der Supervision der sogenannten Troika, bestehend aus EZB, der EU-Kommission und dem IWF, mehrere rigorose Austeritäts- und Reformmaßnahmen auferlegt, damit das Land die benötigten Kredite erhalten konnte, um den de facto Zustand der Zahlungsunfähigkeit im Mai 2010 abzuwenden.

In Folge der Krise sind viele heftige Aufstände in der Zivilgesellschaft5 aufgeflammt, da durch die auferlegten Maßnahmen radikale staatliche Strukturreformen in Gang gesetzt wurden, die unter anderem etliche Arbeitsplätze im öffentlichen und privaten Sektor gekostet haben. Die steigende massive Jugendarbeitslosigkeit in Griechenland, im Durchschnitt über 50 Prozent (Europäische Kommission 2012) und die Beschneidung sozialer Sicherungssysteme haben viel von der griechischen Zivilgesellschaft abverlangt. Als im Verlauf der Krise die PASOK-Regierung den Druck der unzufriedenen Bevölkerung nicht mehr standhalten konnte, mündete es in eine koalitionsartige Interimsregierung, die zum Teil aus europäischen Experten bestand, wie dem ehemaligen Vizepräsidenten der EZB, Loukas Papadimos, der den Posten des Premierministers einnahm und aus drei griechischen Parteien, nämlich der PASOK, der konservativen ND und der rechtspopulistischen LAOS. Im Frühjahr 2012 kam es zu einem griechischen Wahlmarathon. Man erkannte an diesem Ereignis, wie sich durch den Sturz einer sich seit Jahrzehnten etablierten bipolaren Machtordnung zweier Volksparteien, nach dem Wahlgang am 06. Mai 2012 keine stabile Regierungsmehrheit für die Bewältigung der bevorstehenden massiven Herausforderung etablieren konnte. Erst durch eine weitere Beruhigung des explosiven gesellschaftspolitischen Klimas durch die Interimsregierung und einer dadurch ermöglichten Neuwahl, konnte aus einem verkrusteten Parteiengefüge erstmals in der Geschichte des Landes eine Drei-Parteien-Koalition eine Regierungsbildung gewährleisten. Diese besteht bis heute aus der ND, der PASOK und der gemäßigten linken DIMAR.

Auch wenn sich momentan die Lage im Euroraum temporär gelegt hat und die makroökonomischen Kennzahlen positiver für Griechenland ausfallen als noch während der letzten drei Jahre (Die Welt 2013), ist die Griechenland-Krise und die europäische Krise immer noch immanent und sowohl Griechenland als auch andere krisenbehaftete Mitgliedstaaten der EU, wie Portugal, Spanien und Italien, befinden sich weiterhin in einer tiefen Rezession. In der öffentlichen Meinung wird die Krise eher diffus mal als Staatsschuldenkrise, mal als Finanzkrise oder mal als Euro-Krise tituliert. Sicherlich könnte man in der Sachdimension für diese Krisenbeschreibungen viele 'stichfeste Beweise' auflisten, die für oder gegen bestimmte Beschreibungsformen der Art der Krise ausfallen würden (Sinn 2012, 163ff.). Im Verlauf der Arbeit werden jedoch diese unterschiedlichen Krisenbeschreibungen als Griechenland-Krise betitelt werden, die selbstverständlich zu einer Krise der gesamten EU und damit zeitweise auch des Euros geführt haben. Diese komplexitätsreduzierende Maßnahme geht damit einher, dass es sich um eine soziologische Arbeit handelt und die unterschiedlichen anderweitigen Sichtweisen notgedrungen weitestgehend ausgegrenzt werden müssen. Dafür werden wir mit einem systemtheoretischen Instrumentarium arbeiten, um die Krise aus einem anderen Blickwinkel zu beobachten, um so auf neue Erkenntnisse zu kommen. Dabei liegt die Ausgangslage der Arbeit darin, dass die Krise ihren Ursprung in den Grundstrukturen hochkomplexer sozialer Systeme hat.

Es ist ebenfalls im Rahmen dieser Master-Thesis unmöglich auf alle betroffenen Staaten6 einzugehen. Der Grund weshalb der Fokus auf Griechenland gerichtet ist liegt schlicht und ergreifend darin, weil dieses Land am ehesten mit der europäischen Krise in Verbindung gebracht wird, da dort die Krise am deutlichsten zum Vorschein getreten ist. Dies hat wiederum mehrere Gründe. Ein wesentlicher davon ist, dass erst durch die Griechenland-Krise, die problematische Situation des Landes offensichtlich wurde und viele blinde Flecken der gesamten Architektur des europäischen Währungsraums ebenso.

1.2 Methodik und Fragestellung

Im Verlauf der Griechenland-Krise ist der bis jetzt erfolgte europäische Integrationsprozess massiv in Frage gestellt worden und damit auch die europäische Gemeinschaftswährung. Letzteres hat sich darin manifestiert, dass bis zum jetzigen Höhepunkt der Krise dem Euro keine Zukunft mehr zugetraut wurde und damit auch das Vertrauen in die Währung und in die EU in vielerlei Hinsichten verloren gegangen ist. So war es in den Jahren 2011 und die ersten beiden Quartale 2012 noch sehr wahrscheinlich, dass der Euro der Krise nicht standhalten würde. Um durch den soziologischen Blick gewisse Erkenntnisse der Problematik zu Tage zu bringen, muss jedoch der komplexe Sachverhalt der Krise auf eine abstraktere Ebene angehoben werden.

Die Arbeit setzt sich mit zwei spezifischen Problemlagen auseinander, um die Krise zu beschreiben. Einerseits wird die Frage gestellt wer oder welches System überhaupt vertraut hat und, ob dieses Vertrauen nicht vielleicht erst zu diesen Missständen geführt haben könnte (Priddat 2010). Um den Krisenverlauf systematisch zu beschreiben kann aus meiner Sicht kein alltägliches Verständnis von Vertrauen dienen. Aus diesem Grund wird das Vertrauenskonzept von Niklas Luhmann herangezogen, welches zwischen Personenvertrauen und Systemvertrauen unterscheidet (Luhmann 2000a, 60ff.). In der funktional differenzierten Gesellschaft nimmt ein diffuses Systemvertrauen in Funktionssysteme an Bedeutung zu (Luhmann 1964, 72f.; 2000, 60ff.) Bei Luhmann ist Vertrauen ein „Mechanismus zur Reduktion sozialer Komplexität“ (Luhmann 2000a). Dabei ist Vertrauen nicht als ein Heilmittel anzusehen, mit dem Probleme einfach und schnell gelöst werden können. Unsicherheiten können zwar durch Vertrauen absorbiert werden, um überhaupt Handlungen zu initiieren und Strukturen aufzubauen. In dieser Hinsicht kann Vertrauen eine strukturerzeugende Funktion zugesprochen werden. Anders als bei einem normativ gefassten Vertrauensbegriff nimmt der systemtheoretische Vertrauensbegriff jedoch nicht nur diesen problemlösenden Aspekt ins Auge, sondern auch die problemerzeugende Funktion (Strulik 2011, 239f.). Problemerzeugend deshalb, weil es sich bei Vertrauen stets um einen riskanten Akt handelt und bei Vertrauenssituationen immer so gehandelt wird, als sei die Zukunft bereits bekannt, so dass sich riskante Handlungsketten aufbauen und entfalten können. Als Folge werden Probleme, die vorher latent geblieben sind, oft schlagartig manifest, sobald sie eine gewisse Schwelle erreicht haben.

Andererseits soll für das Erkenntnisinteresse dieser Arbeit das Thema der sozialen Innovationen hinzugenommen werden. Es scheint als ob der Begriff Innovation heutzutage inflationär benutzt wird. Von innovativen Autos, zu innovativen Unternehmen und innovativen Abschlussarbeiten, bis hin zu innovativer Bildung und innovativen Produkten, scheint es in der heutigen Zeit keinen Mangel an den verschiedensten Innovationen zu geben. Im wissenschaftlichen Kontext werden sie seit Schumpeter und Ogburn wieder näher thematisiert und näher analysiert (Schumpeter 1987a, 1987b; Ogburn 1969). Nichtsdestotrotz bleiben nach Mulgan soziale Innovationen ein unterbelichtetes Feld: „The field of social innovation remains relatively undeveloped“ (Mulgan 2007, 3). Wir werden nicht auf die Unterscheidung von technischen und sozialen Innovationen eingehen, da für uns alle Innovationen, wenn nicht sozialen Ursprungs, so doch eine enge Kopplung zur Gesellschaft aufweisen7. Vielmehr soll auf die EFSF und den ESM-Stabilitätsmechanismus eingegangen werden, die in der Krise die Funktion von Vertrauensintermediären zwischen Politik und Wirtschaft angenommen haben. Weiterhin kann man durchaus aufführen, dass ohne diese Mechanismen Griechenland seine Staatspleite nicht hätte verhindern können und somit die europäische Währung der Krise wahrscheinlich nicht standgehalten hätte. Das Innovative an diesen Mechanismen ist die Tatsache, dass sie aus einem zunehmenden Misstrauen zwischen verschiedenen sozialen Systemen und damit einhergehenden kontrainduktiven Entscheidungsprozessen, die sich evolutiv und 'zufällig' herauskristallisiert haben, generiert worden sind. Meine Vermutung geht daher in die Richtung, dass es sich bei dieser Krise um eine (transsystemische) Vertrauenskrise handelt, die erst durch ein spezielles Systemvertrauen und Misstrauen entstehen konnte. Dadurch konnten aber auch neue Strukturen aufgebaut werden, bei denen es sich eben um politische Innovationen handelt, wie die EFSF und dem ESM-Stabilitätsmechanismus, die die Kernkomponenten des Europäischen Rettungsschirms darstellen und einer breiter angelegten Europäischen Wirtschaftsgovernance, nämlich der Europe 2020-Startegie8. Daher ergibt sich folgende Fragestellung für diese Arbeit: Inwiefern haben Vertrauen und Misstrauen zur Genese sozialer (politischer) Innovationen in der Griechenland-Krise geführt und welche Folgeprobleme sind aus ihnen entstanden?

1.3 Aufbau der Arbeit

Empirisch stützt sich die Arbeit inhaltsanalytisch durch verschiedene Quellen aus diversen Print- und Onlinemedien aber auch aus Berichten des Europäischen Rates und der EU-Kommission, die allesamt unstrukturiert herangezogen und genutzt werden.

Kapitel 2 konzentriert sich auf Gesellschaft und Organisationen aus systemtheoretischer Perspektive. Dabei wird auf die Gesellschafts- und Differenzierungstheorie eingegangen und auf die Grundlagen des hier benutzten system- und beobachtungstheoretischen Ansatzes. Daraus leiten sich die Architekturen von Funktionssystemen und Organisationen ab, die im Lichte der Konvergenz von Weltgesellschaft und einer sich etablierenden Wissensgesellschaft beleuchtet werden sollen.

Kapitel 3 nimmt die Luhmannsche Vertrauenstheorie als Erklärungsmuster für die GriechenlandKrise auf. Dabei muss der Begriff des Vertrauens von anderen Begriffen, wie Vertrautheit und Zuversicht scharf getrennt werden. Ebenfalls wird klar zwischen Personenvertrauen und Systemvertrauen unterschieden. Vor allem soll das funktionale Äquivalent von Vertrauen, nämlich Misstrauen stärker fokussiert werden, denn ohne die Schwellenüberschreitung von Systemvertrauen zu Misstrauen, wäre es einerseits wahrscheinlich nicht zur Krise gekommen und andererseits nicht zu einem kontrainduktiven sozialen Wandel, der verantwortlich war für die Generierung der sozialen (politischen) Innovationen.

Kapitel 4 versucht das Phänomen der Innovation aus einer systemtheoretischen Perspektive zu beschreiben. Dabei wird als erstes auf die Grundüberlegungen des Ökonomen Alois Schumpeters verwiesen wie auch des Soziologen William Ogburn. Innovation soll hier als Strukturveränderungsmerkmal angesehen werden, was mit der soziokulturellen Evolutionstheorie Luhmanns versucht wird greifbar zu machen. Dabei wird auf die Trias Variation, Selektion und Restabilisierung explizit eingegangen und Innovation als evolutionäre Errungenschaften beschrieben.

Kapitel 5 interpretiert auf Basis der gewonnenen theoretischen Erkenntnisse das empirische Fallbeispiel. Es sollen das Griechenland-Programm, EFSF und der ESM-Stabilitätsmechanismus aufgearbeitet werden. Dabei kann nicht dezidiert auf die jeweiligen Phasen gegangen werden. Lediglich sollen die Kerninhalte dieser evolutiven Maßnahmen beschrieben werden, um klar definieren zu können, weshalb es sich um politische Innovationen handelt und was sie von Reformen unterscheidet. Es reicht dabei auf die Hotspots der jeweiligen Phasen zu verweisen. In Form eines kurzen historisch-kulturellen Exkurses, soll auf die Ursprünge des spezifischen Klientelismus Griechenlands eingegangen werden. Dies ist deshalb wichtig, um die momentanen schleppenden Reformmaßnahmen der griechischen Regierung besser zu verstehen. Das Transsystemische der Vertrauenskrise soll danach näher beschrieben und erläutert werden und die Grenzen von Governance in einem systemtheoretischen Kontext aufgegriffen werden.

Das Fazit rundet die Arbeit ab. Es sollen Gedanken für eine intelligente Intervention seitens der europäischen Politik einfließen, um den enormen sozialen Folgeproblemen in Griechenland und dem ganzen Euroraum entgegenzuwirken. Die Folgeprobleme sind durch die Risikodynamiken der sozialen Innovationen verstärkt worden und müssen unabhängig von den bisher vorgenommenen wirtschaftspolitischen Strategien angegangen werden.

2 Gesellschaft und Organisationen aus systemtheoretischer Sicht

Da die vorliegende Arbeit sich der Theorie sozialer Systeme bedient, sollen im Folgenden bestimmte systemtheoretische Begrifflichkeiten erörtert werden, die sowohl für das theoretische Verständnis als auch für die empirische Herangehensweise dieser Arbeit als notwendig erachtet werden. Neben den beiden Grundbegriffen Kommunikation und Beobachtung, die für jegliche systemtheoretische Analyse unabdingbar sind, soll im ersten Abschnitt auch ein genereller Bogen um die Theorie selbstreferenzieller Systeme gespannt werden. Im zweiten Abschnitt wird auf das Spannungsverhältnis von Welt- und Wissensgesellschaft eingegangen, -was zu einem großen Teil mit einer Zunahme von Wissen einhergeht und dadurch auch der Zunahme von Nichtwissen, die als andere Seite der Unterscheidung zu sehen ist. Der dritte Abschnitt des Kapitels wird sich mit formalen Organisationen beschäftigen und ihren Erwartungsstrukturen, die von Entscheidungen über Entscheidungen (Entscheidungsprämissen) konditioniert werden. Weiterhin soll kurz auf das Verhältnis von Funktionssystemen und Organisationen eingegangen werden, in dem auf strukturelle und operative Kopplungen eingegangen wird, um schließlich auf das Problem von Risiko und Gefahr in der funktional differenzierten Gesellschaft aufmerksam zu machen.

2.1 Gesellschaft und Differenzierung

Auf der Ebene der Gesellschaft sind nach der soziologischen Systemtheorie drei evolutionäre Stufen der primären gesellschaftlichen Differenzierungsform zu unterscheiden. Die derzeitige funktionale Differenzierung der Gesellschaft, ist nach den anderen zwei gesellschaftlichen Differenzierungsformen, wie der Differenzierung der segmentären differenzierten Gesellschaft (archaisch tribale Stammesgesellschaften differenziert in gleiche Teile wie z.B. Familien, Stämme, Dörfer) und der stratifikatorischen Differenzierung der Gesellschaft (gesellschaftliche Differenzierung in ungleiche Schichten, z.B. im Mittelalter der Klerus und der Adel), als die primäre Differenzierungsform der modernen Gesellschaft schlechthin anzusehen. Einer der wichtigsten Gründe für die Entwicklung hin zur funktionalen Differenzierung ist im Beginn von semantischen Verselbständigungen unterschiedlicher Bereiche der Gesellschaft im 15. Jahrhundert zu sehen, die die Gesellschaft in den letzten Jahrhunderten strukturell, in komplexe, soziale (Teil)-Systeme differenzieren. Bei diesen Systemen handelt es sich um sogenannte Funktionssysteme, wie die Wirtschaft, das Finanzsystem, das Bankensystem, die Politik, das Recht, die Religion, die Erziehung, die Wissenschaft, die Kunst, die Massenmedien und noch einige andere.

Bei der Ausdifferenzierung von Funktionssystemen handelt es sich um eine evolutive Entwicklung der Gesellschaft! Es lässt sich erkennen, dass in Folge der Reformation und der europäischen Religionskriege, die Politik von Territorialstaaten und religiöse Handlungsmuster sich allmählich voneinander distanzieren (Luhmann 1997, 713). Nach Foucault transformiert sich der mittelalterliche Staat der Gerichtsbarkeit zu Beginn des 16. Jahrhunderts zum Verwaltungsstaat (Foucault 2004, 163) und mit der französischen Revolution wird der Übergang von der alten Welt der Territorialstaaten zur modernen Welt der Nationalstaaten9 markiert (Deutsch 1953, 165ff.). Seit dem 16. Jhrd. entwickelt sich allmählich die Wissenschaft auf Basis des symbolisch generalisierten Kommunikationsmediums Wahrheit ebenfalls unabhängig von der Religion. Die Konflikte Galileos und Kopernikus markieren bekannte Ereignisse, die den Beginn der Ausdifferenzierung des Wissenschaftssystems wiederspiegeln. Das Rechtssystem und damit einhergehend auch die Etablierung der Positivierung des Rechts, entwickelt sich aus den vielen Folgeproblemen, die die Entwicklung der Funktionssysteme mit sich bringen auf der Grundlage des symbolisch generalisierten Kommunikationsmediums Recht. In Italien differenziert sich das Kunstsystem im 15. Jhrd. langsam unter speziellen Konstellationen kleiner Fürstenhöfe und Republiken und die Monetarisierung der Wirtschaft „entzieht sich schon im Mittelalter der territorialpolitischen Kontrolle und organisiert eine internationale Arbeitsteilung, die ihrerseits das politische Schicksal der Territorien mitbestimmt“ (vgl. ebd., 710). Der Wirtschaft wird es ermöglicht, über den „Ausbruch von Eigentum“ aus der Oberschicht der stratifizierten Gesellschaft und dem symbolisch generalisierten Kommunikationsmedium Geld, sich als soziales Funktionssystem auszudifferenzieren. Vor allem durch „Eigentums- und Vertragsrecht für die Freiheitsnotwendigkeiten der Geldwirtschaft oder als öffentliches Recht für den Übergang zu religiöser Toleranz“ differenziert sich das Recht gegenüber politischer Macht (vgl. Luhmann 1997, 713).

Insgesamt ist die funktionale Differenzierungsform deshalb als die primäre Differenzierungsform der Gesellschaft anzusehen, weil „deren Teilsysteme nun nicht mehr an Lokalitäten und Kopräsenzen wie in der segmentär differenzierten Gesellschaft, auch nicht mehr an relativ undurchlässigen Schichten wie in der stratifikatorischen Gesellschaft verlaufen, sondern an gesellschaftlichen Funktionen...“ (Kneer/Nassehi 2000, 131). Jedes dieser immens komplexen sozialen Funktionssysteme erfüllt exklusiv eine Funktion in der Gesellschaft, die kein anderes System ersetzen kann. D.h. das „jedes Funktionssystem für eine je besondere Funktion ausdifferenziert ist“ (Luhmann 1997, 746)10. Die Funktion der Politik ist das Bereithalten der Kapazität kollektiv bindender Entscheidungen, die des Rechtssystems auf Basis der Stabilisierung normativer Erwartungen Konflikte zu bearbeiten, die der Wissenschaft Wahrheit zu generieren und die der Wirtschaft für die Versorgung von Gütern bei Knappheit zu sorgen.

Ein besonderes Merkmal der funktional differenzierten Gesellschaft gegenüber allen vorherigen primären gesellschaftlichen Differenzierungstypen liegt im Faktum, dass es in ihr keine zwischen (Funktions-)systemische Hierarchie gibt. D.h., kein Funktionssystem, weder Politik, noch Wirtschaft, noch Recht, noch irgendein anderes Funktionssystem zeichnet sich durch eine hegemoniale Vormachtstellung aus11. Funktionale Differenzierung zeichnet sich viel mehr durch eine horizontale statt einer vertikalen Ordnung der Funktionssysteme aus. Das bedeutet, dass kein Funktionssystem eine zentrale Rolle gegenüber den anderen Funktionssystemen aufweist, sondern aus seiner Sicht das Zentrum der Gesellschaft darstellt (Luhmann 1986, Kap. 16ff.). Das soll nicht heißen, dass es in der modernen Gesellschaft keine Hierarchie mehr gibt. Sie lässt sich bloß nicht mehr zwischen Funktionssystemen feststellen, sondern ist auf die Ebene von Organisationen zu verorten, worauf wir weiter unten näher eingehen werden. Es lässt sich aus dem zuvor gesagten ableiten, dass ein Hauptmerkmal der funktional differenzierten Gesellschaft der Polyzentrismus ist. Luhmann10 11 beschreibt dieses Szenario folgend: „Der Übergang zu funktionaler Differenzierung zerstört die Möglichkeit [die Einheit der Gesellschaft in einem Zentrum oder in der Spitze einer Hierarchie der Gesellschaft zu repräsentieren Anm. G.A.], indem er es vielen Funktionssystemen überlässt, die Einheit der Gesellschaft durch jeweils ihre Teilsystem/Umwelt-Differenz zu repräsentieren und sie untereinander einer Konkurrenz aussetzt, für die es keinen übergeordneten Standpunkt der Superrepräsentation gibt“ (Luhmann 1986, 142).

Funktionale Differenzierung bedeutet weiterhin auch die operative Geschlossenheit der gesellschaftlichen Funktionssysteme (Luhmann 1997, 92ff.; Luhmann 1986, 41ff.). Jedes Funktionssystem operiert stets nach eigenen funktionsspezifischen Medien und nach eigenen beobachtungsleitenden Grundunterscheidungen, wodurch es in der Lage ist sich gegenüber seiner Umwelt (also gegenüber allen anderen Funktionssystemen) auszudifferenzieren, d.h. sich auf der operativen Ebene zu schließen. Dies geschieht primär über interne Operationen, und da es sich um soziale Systeme handelt und eben nicht um biologische oder etwa psychische Systeme, kann es sich bei diesen internen Operationen nach Luhmann nur um Kommunikationen handeln12. Kommunikationen orientieren sich in Funktionssystemen an binären Codierungen, um etwas metaphorisch zu sagen, um nicht „ziellos umher zu irren“. Diese binären Codierungen strukturieren die Kommunikation von Funktionssystemen und haben hinsichtlich derer Funktionen eine universelle Geltung, die Drittwerte ausschließt. Durch die Binarität der Codierung wird mit dessen positiv/negativ-Unterscheidung, die Möglichkeit und Konsequenzen des Gegenteils „prüfen zu können“ (Luhmann 1986, 50ff.). Dieser binäre Code enthält einen positiven Wert, der für die Anschlussfähigkeit im System sorgt, und einen negativen Wert, einen Reflexionswert, der die Kontingenz des Systems präsent hält. Der negative Wert symbolisiert folglich die Möglichkeit, dass alles was im System geschieht, auch anders möglich wäre Das Wissenschaftssystem operiert nach der binären Codierung von wahr/nichtwahr und demnach kann eine wissenschaftliche Kommunikation nur wahr oder unwahr sein und nicht wahr/nichtschön. Das Rechtssystem operiert mit dem Code recht/unrecht. Das Kunstsystem hat als Leitdifferenz die Unterscheidung Ästhetisch schön/nichtschön. Das Politiksystem operiert nach Macht/Nichtmacht. Für die Wirtschaft ist entscheidend, dass in Bezug auf Eigentum und Geld haben/nichthaben voneinander unterschieden werden kann. Das Finanzsystem, als Subsystem der Wirtschaft, operiert mit der Unterscheidung Investment/Nicht-Investment13.

Es sind diese binären Codierungen, die zur operativen Schließung und damit zur Ausdifferenzierung eines autopoietischen und damit sich selbsterhaltenden Systems führen. Ein Funktionssystem ist somit in der Lage seine Grenzen gegenüber dem Externen, also der Umwelt, mit jeder Operation zu erneuern und damit, die inneren Elemente des Systems zu bestimmten Formen zu generieren (Luhmann 2002, 69ff.). Eine politische Kommunikation, die sich an der Codierung Macht/Nichtmacht richtet, wird sich sowohl an frühere und an spätere politische Kommunikation beziehen und nicht auf Kommunikationen, die sich an Zahlungen oder Recht orientieren. Wenn also die griechische Regierung, als Organisation des Funktionssystems Politik kommuniziert, dass sie die EU- Konvergenzkriterien am Ende des Jahres nicht einhalten und bei weitem übersteigen wird, dann ist dies eine politische Kommunikation, die an einer vorherigen politischen Kommunikation anschließt14. Durch die operative Geschlossenheit behält ein Funktionssystem die Möglichkeit zur Selbststeuerung und Autonomie in Differenz zu anderen Funktionssystemen.

Die Codierung und „die Zuordnung von Programmen als Entscheidungsregeln zu diesem Code leisten die Ausdifferenzierung eines besonderen Funktionssystems in der Gesellschaft“ (Luhmann 2004, 194). Anders ausgedrückt kann keine Codierung ohne Programmierung existieren. Funktionssysteme differenzieren sich durch die binäre Codierung aus und bleiben damit in ihrem „operativen Geschäft“ geschlossen. „Die Programme sind dagegen vorgegebene Bedingungen für die Richtigkeit der Selektion von Operationen“ (vgl. Luhmann 1986, 91). Ein Funktionssystem kann also, ohne seine operative Geschlossenheit zu verlieren, auf Umweltereignisse mit Hilfe der Programmierung reagieren. Durch Programme können dritte, vierte oder fünfte Werte, die sonst auf Grund der binären Codierung ausgeschlossen sind, wieder in das System eingeführt werden. Dadurch kann das betroffene Funktionssystem Lernprozesse initiieren oder auch nicht! Ein Beispiel dafür aus der Politik wäre beispielsweise jede Art von politischen Programmen, wie z.B. Parteiprogramme oder Arbeitsmarktreformen. Man muss also zwischen Codierung und Programmierung von Funktionssystemen unterscheiden, aber sie gehören paradoxerweise dennoch zusammen. Denn erst dadurch gewinnt ein Funktionssystem „die Möglichkeit, als geschlossenes und als offenes System zugleich zu operieren“ (vgl. ebd., 91). Dieser Sachverhalt impliziert, dass Funktionssysteme zwar operativ geschlossene Systeme sind, diese aber von der Umwelt irritiert werden15. Diese Irritationen jedoch werden nur nach systeminternen Prämissen verarbeitet. Im Fall von Funktionssystemen werden mit Hilfe der Programme Irritationen verarbeitet, die dann festlegen, welche Seite des Codes gewählt wird (vgl. ebd.: 83).

Die moderne Gesellschaft gewinnt aus der Autopoiesis ihrer Funktionssysteme zwar eine hohe Stabilität, ist aber auch in hohem Maße irritierbar. „Eine Vielzahl struktureller und operativer Kopplungen sorgen für wechselseitige Irritationen der Teilsysteme, und das Gesamtsystem hat, das liegt in der Form funktionaler Differenzierung begründet, darauf verzichtet, regulierend in dieses Geschehen einzugreifen“ (Luhmann 1997, 618). Eine dieser strukturellen Kopplungen existiert zwischen dem Funktionssystem Politik und Massenmedien, in Form der öffentlichen Meinung. Auch die Politik und das Wirtschaftssystem werden in Form von Steuern strukturell gekoppelt, genauso wie auch die Politik und das Rechtssystem über die Verfassung. Im nächsten Abschnitt wollen wir uns näher dem systemtheoretischen Kommunikationsbegriff widmen. Für einen systemtheoretischen Erkenntnisgewinn ist dieser unabdingbar.

2.1.1 Kommunikation

Die systemtheoretische Konzeption von Kommunikation ist nicht auf die konventionelle Sichtweise des Sender/Empfänger-Modells angewiesen, da es sich bei der systemtheoretischen Version von Kommunikation paradoxerweise um eine Synthese dreier Selektionen handelt, die eine abstraktere Ebene erlangen als konventionelle Theorien. Kommunikation beinhaltet bei Luhmann im Gegensatz zu den konventionellen Kommunikationstheorien keine Übertragungsmetapher16, sondern es wird eher der selektions- und differenzorientierte Charakter von Kommunikation wird in den Mittelpunkt gestellt (Luhmann 1997, 194). Was ist damit gemeint? Konventionelle Kommunikationstheorien stellen eher die inhaltliche Übereinstimmung bzw. den Konsens in den Mittelpunkt (vgl. hierzu Habermas 1995). Dies ist beim Luhmannschen Kommunikationsbegriff nicht der Fall. Für ihn hängt Kommunikation weniger mit Einheit sondern mit Differenz und Selektion der triadischen Synthese von Information, Mitteilung und Verstehen zusammen (Luhmann 1997, 190ff.). Die ersten beiden Selektionen liegen bei Alter („Sender“), die dritte Selektion liegt bei Ego („Empfänger")17. Darin versteckt sich eine Ansicht, die von unserem Alltags- und auch gängigen Wissenschaftsverständnis und damit von den zuvor erwähnten übertragungs- und verständnisorientierten Kommunikationswissenschaften radikal abweicht.

Systemtheoretisch formuliert hat Alter die Möglichkeit aus einer Fülle an Möglichkeiten eine Information zu konstruieren (resp. zu selegieren). Luhmann bezieht sich hier auf den Sozialpsychologen Gregory Bateson, der unter anderem den Satz geprägt hat „[j]ede Informationsaufnahme ist notwendig die Aufnahme einer Nachricht von einem Unterschied“ (Bateson 1995, 39ff.). Damit eine Kommunikationsofferte gelingt, und damit ist nicht nur die Annahme sondern16 auch die Ablehnung der Offerte gemeint, muss die Information als Unterschied in dem informationsverarbeitenden System dargestellt werden können (Bateson 1995, 87). Aber einen Unterschied zu was? Nach Luhmann wird es in einem „zweiten Schritt“ möglich, diese Information durch viele unterschiedliche Mitteilungsformen zu kommunizieren. Verbal, non-verbal, flüsternd, schreiend, durch Zeichensprache etc. Der interessante Aspekt ist nun, dass Ego, die Differenz von Information und Mitteilung Verstehen (oder auch Missverstehen kann) und dies auch wieder kommunizieren muss, damit Kommunikation überhaupt stattfinden kann. Das Besondere an dieser Konzeption ist, dass die Kommunikation quasi „von hinten“ ermöglicht wird. Also „eine Kommunikation ist ausschließlich das, was als solche verstanden wird [und dies durch erneute Kommunikation G.A.] und nicht die reine Informationsmitteilung“ (vgl. Luhmann 1996, 13f.). Somit wird eine Information nicht einfach gesendet oder empfangen, sondern sie wird unterschieden. Fuchs hierzu: „Dieser Begriff operiert nicht mit der Vorstellung, dass Menschen kommunizieren sondern damit, dass in einer Kommunikation drei Selektionen bewegt, kombiniert, und zu einer Einheit verschliffen werden...“ (vgl. Fuchs 1991, 6).

Nach Luhmann ist Kommunikation „extrem unwahrscheinlich“ (vgl. Luhmann 1997, 193). Trotzdem ist soziale Ordnung nur durch Kommunikation möglich. Für nichtsystemtheoretisch Versierte Leser eine eher kryptische und verwirrende These zugleich. Die Selektion der Information und der Mitteilung können ausschließlich über die Erwartungen Alters vollzogen werden, was bedeutet, dass die Selektion des Verstehens beim Gegenüber (Ego) für Alter nur in seinem Ergebnis zu beobachten ist. Damit hat man ausschließlich über seine eigenen Selektionen, eine gewisse Art der Kontrolle. Es bleibt jedoch unsicher, ob die gewählten Selektionen angemessen waren und beim Gegenüber auf Anschlussfähigkeit bzw. auf Ablehnung treffen oder nicht. Damit ist Kommunikation Kontingent, also entweder so oder auch vollkommen anders und da diese Kontingenz auf beiden Seiten vorherrscht, spricht Luhmann von doppelter Kontingenz. Man könnte nun meinen, dass damit die Unwahrscheinlich verstärkt wird, aber das Gegenteil ist der Fall. Sowohl Ego als auch Alter handeln im Verhältnis zueinander. Sie erleben und beobachten sich gegenseitig. Dabei sind sie füreinander Black Boxes und damit „nicht durchsichtig und nicht kalkulierbar“ (vgl. Luhmann 1984, 156). Bei der doppelten Kontingenz entsteht jedoch ein selbstreferentieller Zirkel, der aus dem Problem der Kontingenz, einen Prozess der Problemlösung initiiert. „Ich tue das, was du willst, wenn Du tust, was ich will“ (vgl. ebd., 166)18. So führt doppelte Kontingenz „zwangsläufig zur Bildung von sozialen Systemen“ (vgl. ebd., 177). Über verschiedene Themenkarrieren bauen die Teilnehmer, dies können sowohl Personen als auch Organisationen sein, gewisse Erwartungen aus, die jedoch die Intransparenz des Gegenübers nicht aufheben und den Kommunikationsprozess gleichzeitig nicht notwendigerweise beunruhigen muss. Durch diese komplexe Konstellation wird ein soziales, emergentes System17 generiert, was nicht auf die jeweiligen Individuen zugerechnet werden muss, sondern eine eigene Realität sui generis erzeugt. „Auf diese Weise kann eine emergente Ordnung zustande kommen, die bedingt ist durch die Komplexität der sie ermöglichenden Systeme, die aber nicht davon abhängt, dass diese Komplexität auch berechnet, auch kontrolliert werden kann. Wir nennen diese emergente Ordnung soziales System“ (vgl. Luhmann 1986, 157).

2.1.2 Beobachtung erster und zweiter Ordnung

Eine der zentralsten Unterscheidungen in der soziologischen Systemtheorie ist die der Beobachtung erster und zweiter Ordnung. Mit letzterem wird darauf hingewiesen, dass ein Beobachter andere Beobachter daraufhin beobachten kann, wie sie beobachten und nicht was. Somit sind Beobachter 2. Ordnung in der Lage mehr zu sehen, als Beobachter 1. Ordnung selbst. Unter Beobachten wird meistens eine menschliche Aktivität verstanden, bei der jemand einen Sachverhalt beobachtet. Man beobachtet z.B. das Verhalten seiner Arbeitskollegen, wenn es denn von den bereits aufgebauten Erwartungen abweicht und somit eine Differenz erzeugt. Oder man beobachtet an einem warmen Sommertag bei einem kühlen Erfrischungsgetränk, die Menschenmassen in der Innenstadt vorbeischlendern. Damit ist allein der Mensch bzw. das menschliche Bewusstsein in der Lage zu beobachten. Bei einer Theorie jedoch, die neben Bewusstseinssystemen auch andere Systemarten unterscheidet, stellt sich die Frage warum auch nicht Funktionssysteme und Organisationen, also generell soziale Systeme beobachten können sollten18. Somit handelt es sich um einen Beobachtungsbegriff auf Grundlage eines konstruktivistischen Verständnisses von Weltkonstruktion und mitunter Wissen und auch Nichtwissen. Jeder Beobachter (Funktionssysteme, Organisationen, Personen) kann nur mit eigenen Unterscheidungen beobachten und damit Erkenntnis und Wissen generieren. Im Fall der Bobachtung 2. Ordnung können Beobachter andere Beobachter beobachten und so eigene (Lebens-)welten erzeugen (Phänomenologie)20. So beobachten sich Politiker im Spiegel der öffentlichen Meinung gegenseitig und Akteure des Wirtschafts- und Finanzsystems beobachten sich gegenseitig über Märkte (Luhmann 1992a; White 1981, 543f.; Esposito 2010, 99ff.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Beobachtung

Wie bereits bei dem Begriff der Kommunikation löst Luhmann den Beobachtungsbegriff von seiner psychischen Referenz und konstruiert auf der Grundlage des mathematischen Kalküls George Spencer Brown's eine allgemeine Theorie der Beobachtung. Dieser definiert Beobachtung als „draw a distinction“ (Spencer Brown 1971, 3). Oder anders formuliert: „Beobachten heißt einfach: Unterscheiden und Bezeichnen“ (Luhmann 1997, 69). Die Operation des Beobachtens setzt sich demnach aus zwei Komponenten, nämlich Unterscheiden und Beobachten zusammen. Eine Unterscheidung wie Mann oder Frau, Macht oder Ohnmacht, Tag oder Nacht, dieses Personal oder ein anderes, dieses Programm oder ein anderes, Investment/Nicht-Investment wird gemacht und eine der beiden Seiten der Unterscheidung wird bezeichnet. Die andere Seite der Unterscheidung bleibt dabei „unsichtbar“ bzw. latent. Damit konstituiert diese Seite der Unterscheidung den blinden Fleck der Beobachtung. Im Moment der Beobachtung ist es unmöglich beide Seiten der Unterscheidung zu beobachten und somit gleichzeitig zu bezeichnen. Es kann daher in einem Moment jeweils nur die eine oder die andere Seite bezeichnet werden. Nur ein Beobachter 2. Ordnung hat jedoch die Möglichkeit sowohl die bezeichnete als auch die unbezeichnete Seite zu beobachten, da er beobachtet, wie der Beobachter beobachtet, also nach welcher Unterscheidung. Der Beobachter 1. Ordnung könnte dies auch, jedoch nicht während der Beobachtung selbst sondern in einer späteren Operation. Für diese weitere Beobachtungsoperation, die Spencer Brown als crossing betitelt hat, muss jedoch Zeit in Anspruch genommen werden. Aber auch dann erzeugt die „neue“ bezeichnete Seite ebenfalls eine latente Seite, die wiederum nur von einem Beobachter 2. Ordnung beobachtet werden kann. Mit anderen Worten: Jede Beobachtung, sowohl 1. als auch 2., reproduziert die Unterscheidung von „Sichtbarem“ und „Unsichtbarem“ ständig wieder neu und kann selbst von dem Beobachter nicht beobachtet werden. Dieses zu Anfang etwas verwirrende Verständnis ist maßgeblich für jegliches systemtheoretische V erständnis21.

Wie bereits erwähnt sind Funktionssysteme operativ-geschlossene Systeme und haben dadurch keinen direkten Kontakt zu ihrer Umwelt. Für ihre „Uberlebenschancen“ müssen sie jedoch auch eine bestimmte Offenheit gegenüber ihrer Umwelt pflegen und dies tun sie in dem sie ihre19

Umweltkommunikationen beobachten, also die Umwelt kommunikativ als Unterscheidung von Information und Mitteilung beobachten. Alles was keine Kommunikation (des Systems) ist kann im System erst beobachtet werden, wenn es Thema der Kommunikation wird. Also Themen wie z.B. Atomkraftwerke, geologische Plattentektonik, demografischer Wandel, Staatsschuldenkrise, EuroKrise, Bankenkrise, Vertrauenskrise etc. Ein soziales System wie z.B. eine Organisation, kann das Thema ESM-Stabilitätsmechanismus erst beobachten, wenn es als kommunikatives Thema in der Organisation auftritt! Dies ist wiederum nur möglich, wenn das System seine Umwelt beobachtet. Insofern kombiniert jede Beobachtung und damit jede Kommunikation, Selbst- und Fremdreferenz und wenn man von sozialen Systemen spricht, meint man gleichzeitig auch immer beobachtende Systeme (Luhmann 1984, 35ff.).

Es ist die Kommunikation selbst, die die Unterscheidung von Information und Mitteilung produziert und somit beobachtet und auf diese Weise ihre Autopoiesis vorantreibt. Soziale Systeme sind autopoietische Systeme, also selbsterhaltende Systeme, „.. .die sich selbst herstellen und erhalten. Das geschieht, indem sie die Komponenten und Bestandteile, aus denen sie bestehen, selbst produzieren und herstellen, indem sie also durch ihr Operieren ihre eigene Organisation fortlaufend erzeugen. Dies kann man sich so vorstellen, dass die Operationen (also Kommunikationen) in einem zirkulären Prozess miteinander interagieren und dabei die Komponenten ständig aus den gleichen Komponenten des Systems erzeugt werden, die zur Erhaltung des Systems notwendig sind“ (vgl. Kneer/Nassehi 2000, 48f.). Und da jede Beobachtung wesentlich, die Beobachtung der jeweiligen Unterscheidung von Innen und Außen bzw. von System und Umwelt und die Bezeichnung einer von beiden Seiten ist, gilt hier genau dasselbe. Für die Kommunikation steht die Unterscheidung von Mitteilung und Information für die Unterscheidung von System und Umwelt. Der Anschluss an die Mitteilung entspricht ihrer Selbstreferenz, also auf das System und die Information entspricht ihrer Fremdreferenz und rekurriert somit auf die Umwelt. Die Information verweist also auf das Was der Kommunikation (Thema) und somit auf die Umwelt, die Mitteilung verweist auf das Wie und somit auf das System. Man kann also sagen, dass durch jeden Vollzug der dreifachen Selektion von Mitteilung, Information und Verstehen, also durch jede selektive, operative Einheit der Kommunikation, die Unterscheidung von Selbst- und Fremdreferenz reproduziert wird und dadurch die operative Geschlossenheit und zugleich, paradoxerweise, die Offenheit des Systems garantiert wird.

Wie bereits erwähnt können Erkenntnis und Wissen auch erst durch beobachten generiert werden. Hierbei geht es nicht um eine ontologisch gegebene Erkenntnis, die irgendwo da draußen darauf wartet entdeckt zu werden, sondern jedes Beobachten, also jedes unterscheidende Bezeichnen generiert Erkenntnis und Wissen. Der Witz dabei ist, dass gleichzeitig die unmarkierte Seite auch miterzeugt wird. Im Fall von Wissen geht es hier um Nichtwissen. In einer sich etablierenden Wissensgesellschaft scheint Wissen zu einer Ressource zu werden, die die Weltgesellschaft zu einer kognitiveren

Gesellschaft vielleicht sogar in gewissen Hinsichten zu einer intelligenteren Gesellschaft werden lässt, die sich aber schwer tut, im Umgang mit Nichtwissen. Wir werden dieses Phänomen auf die momentane „Griechenland-Krise“ beziehen, um eventuelle Risiken und Gefahren anders zu beobachten und zu beschreiben, als es bis jetzt der Fall war.

2.2 Weltgesellschaft und Atopie

Im Jahr 1971 veröffentlichte Luhmann den Text mit dem Titel „Weltgesellschaft“. Für ihn ist Weltgesellschaft das umfassendste Sozialsystem, was durchaus in einem gesamtgesellschaftlichen Sinne zu verstehen ist (Tyrell 2005, 18). Der Begriff schließt letztlich alles Soziale ein. Dies tut es deswegen, weil wie bereits erläutert, das operative Element aller sozialer Systeme Kommunikation ist. Die Gesellschaft vollzieht sich als Kommunikation und die Grenzen kommunikativer Erreichbarkeit sind gleichzeitig auch die Grenzen der Gesellschaft. D.h., dass außergesellschaftlich nichts Soziales mehr existieren kann, also demnach keine Kommunikation stattfindet. Aber was macht die Weltgesellschaft eigentlich zur Gesellschaft und worauf wollte Luhmann mit diesem Text hinaus? Einerseits ist der gesellschaftsstrukturelle Primat einer Gesellschaftsform, der die Weltgesellschaft eint, nämlich die funktionale Differenzierung Grund dafür, dass man bei der Weltgesellschaft überhaupt, von Gesellschaft reden kann. Stichweh beschreibt es so: „Weltgesellschaft beruht darauf, dass die Sozialwelt mehrfach durch je autonome Perspektiven der einzelnen Funktionssysteme zerlegt wird und das jede dieser funktionalen Perspektiven heute auf je eigene Weise einen weltweiten Kommunikationszusammenhang aufspannt“ (vgl. Stichweh 2004, 6). Andererseits verfolgte Luhmann eine ganz bestimmte Leitfrage in seinem Text zur Weltgesellschaft, nämlich die Frage, ob und mit welchen Folgen diese weltweite Erreichbarkeit von Kommunikationen eine Veränderung des vorherrschenden normativen Erwartungsstils in Richtung auf eine Dominanz des kognitiven Erwartungsstils erzwingt20. „Lernen oder Nichtlernen - das ist der Unterschied.“ (vgl. Luhmann 1975, 69). Bei den Strukturen sozialer Systeme handelt es sich um Erwartungen bzw. Erwartungsstrukturen, die in normativen (lernunwillig) und kognitiven (lernbereit) Erwartungen unterschieden werden. Während sich normative Erwartungen im Enttäuschungsfall an die Erwartungen festhalten und diese nicht revidieren bzw. modifizieren, verändern sich kognitive Erwartungen im Falle der Enttäuschung21. In Anbetracht der Konstitution der modernen Gesellschaft haben Funktionssysteme wie die Politik, das Recht oder auch die Religion, Probleme damit, mit ihrem normativen Erwartungsstil auf einen immer mehr zunehmenden kognitiven Erwartungsstil adäquat zu reagieren. Der kognitive Erwartungsstil wird durch Funktionssysteme wie die Wirtschaft, das Finanzsystem, die Wissenschaft und auch die Technik amplifiziert und die Ortlosigkeit der Weltgesellschaft wird durch Computer und Maschinen in einem Maß vorangetrieben, der tatsächlich so noch nie erreicht wurde. Damit lässt sich die Hypothese der kommunikativen Erreichbarkeit bei Luhmann auch die Möglichkeit offen, sowohl eine technische Akzentuierung als auch eine computervermittelte Kommunikation mit einfließen zu lassen (Tyrell 2005, 37)22.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Erwartungsstrukturen. In Anlehnung an Luhmann 1975.

Folglich entsteht die Ortlosigkeit, also die Atopie der Weltgesellschaft nicht von allein. Sie beruht unter anderem auf einer längeren technologischen Entwicklung im Telekommunikationsbereich. Nach Willke handelt es sich bei dieser Entwicklung um die Erfindung und Bau sogenannter Infrastrukturen zweiter Generation bzw. um globale, wissensbasierte Infrastruktursysteme, sogenannte Reflexive Maschinen23, die die Vermittlung und Steuerung der weltweiten Informationsströme und das Erbringen repetitiver Intelligenzleistungen der normalisierten Operationsweise global vernetzter Systeme ermöglichen (Willke 2001, 67f.). Dies hat eine Minimierung von Transaktionskosten zur Folge: Die atopische Gesellschaft beginnt sich entlang der Prämisse zu formieren, dass die Differenz der Orte zur Einheit globaler Erreichbarkeit ohne spürbare Kosten und ohne spürbare Zeitverzögerung verschmilzt und sich der neuen Differenz des Zugangs/Nichtzugangs zu den entsprechenden Netzen digitalisierter Transaktionen beugt. „Atopia als die Utopie der Ortlosigkeit, als die Utopie der Irrelevanz divergierender Örtlichkeit, hat in den nahezu verzögerungsfreien und kostenlosen digitalen Transaktionen des Internets und in der zeitgleichen globalen Reichweite satellitengestützter Kommunikationsinfrastrukturen ihre stärksten Argumente“ (vgl. Willke 2001, S. 35ff.). Es handelt sich hierbei um einen Übergang der Gesellschaft von der Phase der Hegemonialstellung von Nationalstaaten24, in der Örtlichkeit (Topos) noch sehr aktuell war, zur Phase der funktionalen Differenzierung, also zur Weltgesellschaft (Atopia), in der die Ressourche Wissen maßgeblich zu sein scheint.

[...]


1 Dazu gehört auch der europäische Fiskalpakt, die bilateralen Kredite an Griechenland, auch bekannt als GriechenlandProgramm und alle Maßnahmen, die als Ziel die „finanzielle Stabilität im gesamten Euro-Währungsgebiet“ haben (ER 2010a).

2 FAZ 2011 ; Spiegel 2012

3 Jede Theorie hat blinde Flecken. Man wird nie einen kompletten Überblick durch einen Erklärungsansatz erreichen. „Das lässt sich nicht vermeiden, weil jede Beobachtung selektiv verfahren muss, also sich entscheiden muss, was sie betonen will und was sie ausschließen muss“ (vgl. Willke 2006, 8). Von daher kann ein systemtheoretischer Überblick auch nur ein Ausschnitt sein.

4 In der Presse gingen die Meinungen, ob es sich nun um Staatsschuldenkrise- oder um eine Finanzkrise handelt, oft auseinander. So führen die Experten des „Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung“ auf, dass es sich bei der europäischen Krise um eine Verquickung aus Staatsschuldenkrise, makroökonomischer- und Bankenkrise handelt (Sachverständigenrat 2012/13, 160ff.). Die Ursachen der Krise liegen allerdings nicht bei allen krisenbehafteten EU- Mitgliedsländern in einer, durch Defizit, aufgebauter Staatsschuldenkrise. In Spanien z.B. waren es die niedrigen Zinssätze im Euroraum, die später zu einer Immobilien- und Privatschuldenkrise geführt haben (FAZ 2013). Die Bezeichnung „GriechenlandKrise“ lässt diese ökonomisch konnotierten Diskussionen außen vor, um Raum zu lassen für die Beschreibung der europäischen Krise als (transsystemische) Vertrauenskrise zwischen hochkomplexen sozialen Systemen.

5 Dem Autor ist bewusst, dass dieser Begriff in der Systemtheorie vermieden wird. Der Einfachheit halber wird er trotzdem verwendet.

6 Die GIIPS-Staaten sind als die krisenbehafteten Mitgliedstaaten der Europäischen Union bekannt. Dabei handelt es sich um die fünf Euro-Staaten Griechenland, Italien, Irland, Portugal und Spanien. Der weitläufigere Begriff PIIGS wird aufgrund seiner abwertenden Zweideutigkeit nicht benutzt.

7 Wie im Verlauf des Texts ersichtlich werden wird, ist der Begriff der Innovation oft technisch konnotiert. Davon entfernen wir uns und wagen den bescheidenen Versuch, eine systemtheoretische Erklärung für Innovation zu liefern. Es muss jedoch erwähnt werden, dass aus einem techniksoziologischen Standpunkt aus, Innovationen in Form von technischen Artefakten mittlerweile enorme Folgeprobleme für Funktionssysteme erzeugen und dadurch auch „sozial“ sind (vgl. Alexiou 2012). Es handelt sich dabei um die neue europäische Wirtschaftsstrategie, um aus

8 Es handelt sich dabei um die neue europäische Wirtschaftsstrategie, um aus den Krisenjahren gestärkt hervorzukommen.

9 Es sollte an dieser Stelle erwähnt werden, dass es sich hier um eine Entwicklung der Nationalstaaten handelt, die sich auf dem europäischen Kontinent vollzogen hat, jedoch für bestimmte Staaten, wie im Falle Griechenlands, als Sonderfall angesehen werden muss. Wir werden an späterer Stelle (Kap. 4.2) über einen kleinen Exkurs näher auf diese Thematik eingehen

10 Es sind hier nicht alle Funktionssysteme aufgeführt. Auch Medizin, Familie und Erziehung sind Funktionssysteme, bei denen einige Strukturmerkmale entweder fehlen oder eher strittig sind.

11 Es existieren in der soziologischen Systemtheorie Thesen, dass gewisse Funktionssysteme eine spezifische Superiorität gegenüber anderen Funktionssystemen etabliert haben, Siehe hierzu, Schimank 2007.; Beckert 2009. Dies sollte jedoch eher darauf aufmerksam machen, dass der heterodoxe Komplexitätsanspruch der Theorie selbstreferenzieller Systeme eher nebulös wiedergegeben wird. Siehe hierzu Strulik 2011.

12 Obwohl es sich nicht um autarke, sondern um autonome Systeme handelt, können die Elemente sozialer Systeme nicht in nicht soziale Systeme überführt werden. D.h., dass Kommunikationen nicht für biologische Systeme, oder für Bewußtseinssysteme oder eben für technische Systeme zu Verfügung stehen können. Die Elemente dieser Systeme bestehen aus anderen Elementen, wie z.B. bei psychischen Systemen aus Gedanken, bei biologischen Systemen aus Leben und bei technischen Systemen aus Algorithmen. Daher kann man sagen, dass bei sozialen Systemen auf ein bewusstseinsfreies, ein technikfreies, ein biologiefreies Feld bezieht, wobei man bei nicht-soziale Systeme auf ein sozialitätsfreies Feld rekurriert (vgl. Fuchs 1993, 58).

13 Bei dieser binären Codierung handelt es sich um die Codierung des Finanzsystems. Helmut Willke betrachtet dieses soziale System als selbstständiges Funktionssystem. Dem werden wir in dieser Arbeit nicht folgen, sondern das Finanzsystem als ein Subsystem der Wirtschaft beschreiben. Im letzten Quartal 2009 wurde genau dies von der erst gerade frisch gewählten PASOK-Regierung kommuniziert, was für unsere Arbeit ein Schlüsselereignis darstellt. Wir kommen später dezidierter darauf zurück.

14 Im letzten Quartal 2009 wurde genau dies von der erst gerade frisch gewählten PASOK-Regierung kommuniziert, was für unsere Arbeit ein Schlüsselereignis darstellt. Wir kommen später dezidierter darauf zurück.

15 Dabei handelt es sich stets um Selbstirritation.

16 Siehe hierzu Shannon/Weaver 1949

17 Es kann aber auch in negative doppelte Kontingenz umschlagen (Luhmann 1984, 530ff.).

18 Oder unter Umständen sogar organische, neurophysiologische und technische Systeme!

19 Der Physiker und Philosoph Heinz von Foerster hat Beobachtung als die wichtigste Erfindung der 20. Jahrhunderts bezeichnet (von Foerster 1993). 2 Siehe hierzu Luhmann 1992b, 136ff.

20

21 An dieser Stelle ist anzumerken, dass die Unterscheidung dieser beiden Erwartungsstile vom Mathematiker Johann Galtung als erstes angeführt wurde (Galtung 1959). Luhmann hat sie dann für seine Zwecke im Rahmen seiner Systemtheorie neu ausgerichtet (Luhmann 1984;

22 Obwohl Luhmann, aufgrund seines Todes im Jahr 1998, die „Boomphase des Computerzeitalters“ nicht mehr miterleben durfte, so hatte er für das Thema Technik in seiner Theorie selbstreferenzieller sozialer Systeme stets ein spezielles Interesse gehabt (Hagen 2005). Fragen wie, ob Computer selbst kommunizieren können oder, ob Kommunikation miteinem Computer gelingen kann, wurden im Rahmen der Systemtheorie durchaus thematisiert (Luhmann 1997, 117.; 303f.). Die Frage jedoch, die Luhmann als System- und Gesellschaftstheoretiker am evidentesten erschien, war inwiefern Kommunikation und Gesellschaft sich verändern durch „Computer vermittelte Kommunikation“ (ebd. 1997, 309).

23 Der Telegraph markiert gegen Mitte des 19. Jahrhunderts die Geburt Reflexiver Maschinen, da vorher fernmündliche Kommunikation extrem aufwendig und teuer war. Für Standage stellt der Telegraph sogar das Internet des viktorianischen Zeitalters dar (Standage 1998). Im Gegensatz zu den Reflexiven Maschinen sind die Maschinen erster Ordnung zu sehen, wie Züge, Busse, Schiffe, Flugzeuge, etc. (vgl. Willke 2001, 67f.)

24 Obwohl Luhmann, aufgrund seines Todes im Jahr 1998, die „Boomphase des Computerzeitalters“ nicht mehr miterleben durfte, so hatte er für das Thema Technik in seiner Theorie selbstreferenzieller sozialer Systeme stets ein spezielles Interesse gehabt (Hagen 2005). Fragen wie, ob Computer selbst kommunizieren können oder, ob Kommunikation mit einem Computer gelingen kann, wurden im Rahmen der Systemtheorie durchaus thematisiert (Luhmann 1997, 117.; 303f.). Die Frage jedoch, die Luhmann als System- und Gesellschaftstheoretiker am evidentesten erschien, war inwiefern Kommunikation und Gesellschaft sich verändern durch „Computer vermittelte Kommunikation“ (ebd. 1997, 309).

Ende der Leseprobe aus 85 Seiten

Details

Titel
Vertrauen und Misstrauen als Generierung sozialer Innovationen. Eine systemtheoretische Untersuchung der Griechenland-Krise anhand der Euro-Rettungsschirms
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Soziologie)
Note
1.3
Autor
Jahr
2013
Seiten
85
Katalognummer
V1004564
ISBN (eBook)
9783346387790
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Griechenland, EU, Rettungsschirm, Systemtheorie, Vetrauen, Innovation, EFSF, ESM
Arbeit zitieren
Georgios Alexiou (Autor), 2013, Vertrauen und Misstrauen als Generierung sozialer Innovationen. Eine systemtheoretische Untersuchung der Griechenland-Krise anhand der Euro-Rettungsschirms, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1004564

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