Erstrebenswertigkeit von Platons Staat anhand George Orwells "1984"


Hausarbeit, 2018

12 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe


INHALTSVERZEICHNIS

1. Platons Politeia
1.1 Fragestellung
1.2 Die Stände
1.3 Folgen für das Leben im Staat

2. George Orwells 1984
2.1 Grundstruktur
2.2 Die Stände
2.3 Folgen für das Leben im Staat
2.4 Zensur

3. Fazit

1. PLATONS POLITEIA

1.1 FRAGESTELLUNG

Über die knappen 2400 Jahre seit dem Leben des bekannten antiken Philosophen Platon (428/427-348/347 v.Chr.) sind seine Werke immer und immer wieder Bestandteil von Kontroversen gewesen. Dementsprechend auch sein Dialog Politeia, der ausgehend von Platons Schüler Aristoteles (384-322 v.Chr.), bis hin zu Popper (1902-1994 n.Chr.) immer wieder scharf kritisiert, unterstützt, diskutiert und interpretiert wurde. In dieser Arbeit möchte ich nun noch einmal diskutieren, wie erstrebenswert ein Platonischer Staat für die Gesellschaft wäre, am Beispiel des meist als dystopisch gesehenen Werkes „nineteen eighty-four“ von George Orwell.

Zuerst aber zu Platons Politeia, um zu verstehen, was Platon von der Gesellschaft fordert zu werden, um ein gerechter Staat zu werden.

1.2 DIE STÄNDE

Platons Staat soll als unterste Basis der Stabilität in Drei geteilt sein. Als Argumentation dafür beruft er sich auf die Abschnitte, in denen er die Dreiteilung der Seele des Menschen diskutiert. Er argumentiert für diese Übertragung, da der Staat im Optimalfall als eine Person operieren und funktionieren muss. Kurz zusammen gefasst ist Platons Auffassung, dass die menschliche Seele aus den drei Teilen besteht: 1. logistikon (der denkende und wissbegierige Teil) 2. thymoeides (der ehrliebende und mutige Teil) 3. epithymetikon (der begierige und eigennützige Teil)(Platon, Der Staat, übersetzt von Otto Apelt, Felix Meiner Verlag Hamburg, 1989, viertes Buch).

Nach Platon gibt es demzufolge auch drei Arten von Menschen. Denen, die sich von logistikon beherrschen lassen, jenen, die sich von thymoeides beherrschen lassen und diesen, die sich von epithymetikon beherrschen lassen. In seinem Idealstaat nimmt Platon diese drei Personengruppen als gegeben ab und teilt sie, anstatt alle zu Denkenden heranziehen zu wollen, in die Stände ein, sodass jeder seinen bestmöglichen Beitrag in die Gesellschaft einbringen kann (Platon, Der Staat, 1989, fünftes Buch).

Die Stände sind streng hierarchisch von unten der Nährstand, in dem die von epithymetikon beherrschten Menschen als Großteil der Bevölkerung die Ernährung aller gewährleisten und auch für den Großteil aller anderen weltlichen Güter zuständig sind. Der Wehrstand, bestehend aus den von thymoeides beherrschten, sichert den Staat nach innen und außen gegen etwa Revolutionen oder Invasionen ab. Schlussendlich der kleinste Stand, der Lehrstand, bestehend aus den von logistikon Beherrschten, die den Staat nach den Prinzipien von Gerechtigkeit und Vernunft leiten (Platon, Der Staat, 1989, sechstes Buch). Dieser Stand ist es, der auch oft als „Stand der Philosophen“ bezeichnet wird, da die Herrscher die Idee des Guten (wie in Platons Höhlengleichnis beschrieben) gesehen haben müssen, um wirklich gerecht und vernünftig in die Höhle zurück kehren zu können um die anderen, immer noch verblendeten zu lenken (Platon, Der Staat, 1989, siebtes Buch).

Um sicherzustellen, dass die Menschen im Staat diese Aufteilung gutheißen, ohne selbst vernünftig zu sein, stellt Platon eine „edle Lüge“ vor (Platon, Der Staat, 1989, drittes Buch), welche hier aber den Rahmen sprengen würde. Wichtig ist hier nur, dass die Selektion der oberen beiden Stände durch Erziehung erfolgen soll und diese Erziehung sehr stark von Zensur durch den Lehrstand beeinflusst ist, damit die Menschen im Staat die richtigen Dinge glauben, diese Dinge nicht verändert werden und die Bürger produktiv in der Gesellschaft für den Staat arbeiten, egal in welchem Stand. Auch soll die Erziehung dafür genutzt werden, dass die Angehörigen des Wehrstands ihre Macht nicht missbrauchen.

1.3 FOLGEN FÜR DAS LEBEN IM STAAT

Eine explizit genannte Konsequenz für das menschliche Zusammenleben in Platons Staat ist die Aufhebung der Familie. Genauso wie die Aufhebung des Privateigentums gilt die Aufhebung der Familie aber nur für den Wehr- und den Lehrstand. Die klassischen Aufgaben der Familie übernimmt der Wehrstand als Ganzes.

Die Aufhebung des Privateigentums soll, unterstützend zur Zensurmaschine der Erziehung, die Wächter davon abhalten, ihre Macht gegenüber dem Nährstand zu missbrauchen, um zum Beispiel zu rauben und zu plündern. Die Wächter werden im Idealstaat vom Nährstand sowieso ernährt, weshalb Platon in persönlichen Besitztümern für die Wächter nur Übel sieht (Platon, Der Staat, 1989, achtes Buch).

Genauso ist es mit der Aufhebung der Familie. Familien haben immer schon das politische Geschehen ganzer Länder beeinflusst, wie zum Beispiel die Bushs in den USA. Um solch eine Macht, die wieder zu Missbrauch führen würde zu verhindern, schafft Platon die Familie im Wehrstand komplett ab, sodass keine Familien die Macht haben können, überhaupt in das politische Geschehen mit einzugreifen, was ja Aufgabe des Lehrstands ist (Platon, Der Staat, 1989, fünftes Buch).

Ebenso wie der Verhinderung von Missbrauch, helfen diese beiden Konzepte, dass die Erziehung der Bürger reibungslos abläuft. Der ganze Staat beruht darauf, dass der Nährstand nicht aufbegehrt und der Wehrstand sich vom Lehrstand befehlen lässt. Dieser Gehorsam wird sichergestellt dadurch, dass in der Erziehung ein starker Glaube geformt wird, dass das, was der Lehrstand sagt, gerecht und vernünftig ist, ohne es zu hinterfragen. Das Hinterfragen ist dem Lehrstand vorbehalten, denn es ist seine Aufgabe und die Herrscher werden nach Eignung bestimmt, also müssen alle im Lehrstand geeignet sein, gerecht und vernünftig zu entscheiden.

Zusätzlich streicht Platon dem Wehrstand die „klassische“ sexuelle Beziehung. Nur durch diese Enthaltsamkeit sei nach ihm wahre Liebe zur Gruppe möglich, was in der Erziehung neben der Kontrolle der körperlichen Begierden der Geburtenkontrolle dient. Kinder kommen nur noch auch kurzen und erlaubten Beziehungen zur Welt, was auch der Qualität der Wächter dient, da bestimmt werden kann, dass sich nur die besten Wächter und Wäch- terinnen fortpflanzen (Platon, Der Staat, 1989, fünftes Buch).

Als letzten Punkt Platons führe ich hier die Euthanasie, also das Töten chronisch kranker auf. Dies soll in allen Schichten passieren, aber nur mit dem Einverständnis der kranken Person. Da die Bürger im Idealstaat aber ideal erzogen wurden, sollen diese Kranken erkennen müssen, dass sie durch ihre Existenz den Staat aufhalten und sich freiwillig für eine Tötung entscheiden. Dadurch stärken sie wiederum den Staat, was sie zu guten Bürgern macht (Platon, Der Staat, 1989, drittes Buch).

Die Außenpolitik des Staates wird nicht viel diskutiert, aber auch sie findet Beachtung in Politeia. Platon sieht den Krieg nicht als etwas Gutes oder Schlechtes an, sondern einfach als etwas Notwendiges, wie das Schuhe-machen oder das sähen von Saat auf den Feldern. Die Bürger des Staates brauchen nämlich eine Abgrenzung im Gebiet, in dem sie leben können und so entsteht der Krieg. Des Weiteren soll der Staat so lange und so schnell wachsen, wie es die innere Stabilität aushält und im Notfall auch wieder schrumpfen. Am idealsten wäre es für Platon natürlich, wenn sein Idealstaat ein Weltstaat sein würde, aber in diesem Punkt denkt er realistisch und stattet seinen Staat stattdessen mit den Utensilien aus, die er braucht, um der Weltstaat zu werden (Platon, Der Staat, 1989, fünftes Buch). Dies ist also das generelle Grundprinzip von Platons Idealstaat, wie beschrieben in Politeia. Es kommen noch viele Einzelheiten dazu und es ist wissenschaftlich fragwürdig, ob der Dialog überhaupt ein politischer ist, oder ob der Staat nur benutzt wird, um Erkenntnis über die Seele zu erlangen. Das alles ist aber nicht zielführend für die Fragestellung, ob und wie Platons Staat erstrebenswert ist.

2. GEORGE ORWELLS 1984

2.1 GRUNDSTRUKTUR

Wie der oben beschriebene Dialog von Platon ist George Orwells (1903-1950) „nineteen eighty-four“ von 1949 zwar nicht über 2400, aber über knapp 70 Jahre immer wieder Bestandteil von Kontroversen gewesen. Er zeichnet in der Welt nach dem zweiten Weltkrieg (1939-1945) und dem spanischen Bürgerkrieg (1936-1939) eine totalitäre Gesellschaft. Nach Michael Shelden, dem Schreiber von Orwells Biografie nach dessen Tod, ist das Buch eine Parodie auf die „Four Freedoms“, die Franklin D. Roosevelt 1941 formulierte (Shelden, Orwell - The Authorized Biography, 1991). Diese vier Freiheiten sind: 1. Die Freiheit der Rede und des Ausdrucks 2. Die Religionsfreiheit 3. Die Freiheit von Not, also mit Frieden als Konsequenz 4. Die Freiheit vor Furcht, mit Abrüstung als Konsequenz.

Diese vier Freiheiten nimmt George Orwell und negiert sie alle in seinem Buch. Die Menschen im Jahr 1984 haben keine Meinungsfreiheit, keine Religionsfreiheit, keinen Frieden und die ganze Welt ist so aufgerüstet wie nie zuvor. Aber nun zu den Punkten, die für den Vergleich mit Platons Idealstaat relevant sind.

2.2 DIE STÄNDE

Auch in Orwells Staat Ozeanien sind die Menschen in Stände aufgeteilt. Erstaunlicherweise beginnen hier auch schon die Gemeinsamkeiten der beiden Texte. So wie in Platons Idealstaat, ist bei Orwell der Staat dreigeteilt. Die unterste Schicht machen die sogenannten „Proles“ mit 85% der Gesamtbevölkerung aus (Orwell, Neunzehnhundert-vierundachzig, Diana Verlag Zürich, 21. Auflage, 1973, S.308). Diese Schicht wird von Orwell auch die dumpfen Massen genannt, was sehr gut mit der Nährschicht des Staates Platons verglichen werden kann, da dieser, der größte Stand, auch nur dafür da ist, die Basis des Konsums und der Produktion notwendiger Güter sicherzustellen.

Die zweite Schicht ist die der äußeren Partei (die Partei ist bei Orwell praktisch gleichzusetzen mit dem Staat, da es nur die eine Partei gibt und sie alle Gewalten und Ämter innehat). Diese macht rechnerisch etwa 13% der Gesamtbevölkerung von etwa 300Mio. Menschen aus (Orwell, Neunzehnhundert-vierundachzig, 1973, S.307). Dieser Stand ist ebenfalls sehr gut vergleichbar mit dem Wehrstand von Platons Idealstaat, da er in der Nouvelle gerne mit den Händen des Staates verglichen wird. Auch stellt dieser Stand zusammen mit den Sklaven, die im Krieg gemacht werden, das Militär und die Polizei zur Sicherung der inneren und äußeren Verteidigung.

Der oberste Stand ist bei Orwell die innere Partei, welche mit „sechs Millionen Mitglieder oder etwas weniger als zwei Prozent der Bevölkerung Ozeaniens“ (Orwell, Neunzehnhundert-vierundachzig, 1973, S.307) den kleinsten Teil der Bevölkerung darstellt und somit die herrschende Elite, der Lehrstand ist. Er wird auch mit dem Gehirn des Staates verglichen und ist daher der Leitende Teil des Staates. Ob dieser Teil tatsächlich, wie von Platon gefordert, nach Vernunft und Gerechtigkeit regiert, ist eine Frage, die offen zur Diskussion

steht und die ich hier nicht beantworten werde. Nur so viel sei gesagt: der restliche Staatskomplex gleicht dem von Platons Idealstaat in erstaunlich vielen Punkten, was nahelegt, dass die Herrscher wenigstens das politische System nach Platons Vorbild aufgebaut haben und das ist schon ein großer Punkt der Herrschaft.

In 1984 ist zusätzlich zu den drei Ständen noch der „Große Bruder“ ein Teil der Gesellschaft. Er ist keinem Stand zugehörig und steht noch über der inneren Partei. Er ist unfehlbar, unantastbar, unsterblich und allmächtig. Dieser Große Bruder ist das Gesicht „in der die Partei vor die Welt zu treten beschließt.“ (Orwell, Neunzehnhundert-vierundachzig, 1973, S.307). Er wird also nur benutzt, um Emotionen an die Bürger zu vermitteln.

Genauso wie bei Platon ist auch hier das Ständesystem nicht nach Familienzugehörigkeit aufgebaut und die Jugend muss mit 16 Jahren eine Prüfung ablegen, nach der sie dann in eine der beiden Parteistände aufgeteilt werden. Genauso gibt es keinen Unterschied zwischen ethnischen Gruppen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Erstrebenswertigkeit von Platons Staat anhand George Orwells "1984"
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
12
Katalognummer
V1005973
ISBN (eBook)
9783346389442
Sprache
Deutsch
Schlagworte
erstrebenswertigkeit, platons, staat, george, orwells
Arbeit zitieren
Jonathan Geisler (Autor:in), 2018, Erstrebenswertigkeit von Platons Staat anhand George Orwells "1984", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1005973

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