Biografiearbeit mit Kindern und Jugendlichen mit besonderem Schwerpunkt auf der Methode des Lebensbuchs. Theorie und Praxis


Hausarbeit, 2019

20 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffserklärungen
2.1 Biografie
2.2 Biografiearbeit
2.3 Methodenbegriff nach Galuske

3. Biografiearbeit in der Sozialen Arbeit
3.1 Anwendungsbereiche
3.2 Biografiearbeit mit Kindern und Jugendlichen
3.2.1 Bedeutung von Familienverhältnissen
3.2.2 Alter als Variable
3.2.3 Prinzipien und Rahmenbedingungen
3.2.4 Ziele
3.2.5 Herausforderungen und Grenzen

4. Biografiearbeit in der Praxis
4.1 Vorstellung der Methode des Lebensbuchs
4.1.1 Konkrete Handlungsstrategien
4.1.2 Herausforderungen

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das menschliche Bedürfnis, das eigene Leben als Geschichte zu erfahren und an nachfolgende Generationen zu überliefern, ist vermutlich so alt wie die Menschheit selbst. Gerade in der heutigen Zeit beschleicht einen zunehmend das Gefühl, der Mensch sei geradezu besessen von der eigenen Person und das Mitteilungsbedürfnis, auch zu sehr persönlichen Themen, will über möglichst viele Kanäle gestillt werden. Lattschar und Wiemann verweisen hierzu auf die wachsende Attraktivität von Facebook und anderen Social Media Netzwerken (vgl. Lattschar & Wiemann 2018, S. 15). Ich stelle die Hypothese auf, dass die Biografiearbeit für Kinder und Jugendliche Motivation zur Preisgabe intimer, ureigener Erfahrungen und Erlebnisse verstärkt.

In der vorliegenden Hausarbeit möchte ich mich mit Theorie und Praxis der Biografiearbeit insbesondere mit Kindern und Jugendlichen und mit besonderem Schwerpunkt auf der Methode des Lebensbuchs beschäftigen. Ich werde aufzeigen, was Biografiearbeit eigentlich bedeutet, wo sie beginnt und wo sie an ihre Grenzen stößt. Im Fazit halte ich anschließend fest, welche Bedeutung ich der Biografiearbeit mit Kindern und Jugendlichen und der Methode „Lebensbuch“ auf Basis meiner Recherchen beimesse.

2. Begriffserklärungen

Zu Beginn möchte ich Begriffbestimmungen zu den Termini ,Biografie‘ und ,Biografiearbeit‘ vornehmen, sowie den Methodenbegriff nach Michael Galuske vorstellen.

2.1. Biografie

Biografie ist die Beschreibung der Lebensgeschichte einer Person und setzt sich zusammen aus den griechischen Worten ,bios‘ (Leben) und ,graphein‘ (schreiben, zeichnen, abbilden, darstellen). Die Lebensgeschichte ist das Produkt reflexiver, selektiver und gestaltender Prozesse und somit kein passives Abbild der Lebensgeschichte. (vgl. Hölzle 2011, S. 31)

2.2 Biografiearbeit

Lattschar und Wiemann definieren Biografiearbeit als eine „strukturierte Methode in der pädagogischen und psychosozialen Arbeit" (ebd. 2018, S. 14) mit dem Ziel, Menschen verschiedenen Alters dabei zu unterstützen, subjektive und objektive Daten ihres Lebens in Zusammenarbeit mit einer vertrauten Bezugsperson zu rekapitulieren, sammeln und archivieren. Abseits der professionellen (Sozialen) Arbeit beginnt Biografiearbeit aber schon viel früher. So kann das Fotografieren bedeutsamer Lebensereignisse, wie die Einschulung oder Geburtstage, bereits als also ebendiese bezeichnet werden (vgl. ebd., S. 25).

2.3 Methodenbegriff nach Galuske

Methoden der Sozialen Arbeit thematisieren jene Aspekte im Rahmen sozialpädagogischer/ sozialarbeiterischer Konzepte, die auf eine planvolle, nachvollziehbare und damit kontrollierbare Gestaltung von Hilfeprozessen abzielen und die dahingehend zu reflektieren und zu überprüfen sind, inwieweit sie dem Gegenstand, den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, den Interventionszielen, den Erfordernissen des Arbeitsfeldes, der Institutionen, der Situation sowie den beteiligten Personen gerecht werden. (Galuske 2013, S. 35)

Daraus resultieren für Galuske Sachorientierung, Zielorientierung, Personenorientierung, Arbeitsfeld- und Institutionenorientierung, Situationsorientierung, Planungsorientierung und Überprüfbarkeit als Ausgangspunkte einer adäquaten Methodenreflexion (vgl. Galuske 2013, S. 35).

3. Biografiearbeit in der Sozialen Arbeit

Biografiearbeit in der Sozialen Arbeit findet nach Jansen unter Anerkennung der biografischen Wirklichkeit der Klienten mit kreativ-ressourcenorientierten Techniken statt. Biografiearbeit fördert das Erleben von Selbstwirksamkeit, Verständnis für die eigene Person und Geschichte und bietet Raum zum Aufbau von Identität, Selbstwert, Anerkennung und Selbstwirksamkeit, da prekäre Lebenssituationen, ressourcenarme Lebenslagen und gesellschaftlicher Ausschluss dies enorm hemmen können. Als Voraussetzung hierfür sieht sie fachliche Professionalität mit der Kompetenz, zielorientierte Rahmenbedingungen angepasst an das Klientel zu setzen. Dies geschieht zum einen mit stetiger Reflexion, bei besonderer Betrachtung von Grenzen und Überforderung. Zum anderen erfolgt es unter Berücksichtigung der Intersubjektivität, also der gemeinsamen Überprüfung einer Theorie von Klient und Professionellen der Sozialen Arbeit. Anerkennung und Wertschätzung gegenüber dem Klienten wird hierdurch als grundsätzliche sozialarbeiterische Werthaltung in der biografischen Arbeit deutlich. (vgl. Jansen 2011, S. 24-26)

Jansen beschreibt die Anforderungen und Anwendungsbereiche an das Konzept der biografischen Arbeit als äußerst vielfältig und eingebunden in Rahmenkonzepte und Haltungen verschiedener Arbeitsweisen der Sozialen Arbeit. Dadurch ist der Begriff der Methode für die Biografiearbeit durch mangelnde einheitliche Beschreibung kaum anwendbar, sondern muss vielmehr als Schlüsselkompetenz bewusster Lebensgestaltung gesehen werden. Geleitete pädagogische Biografiearbeit soll dazu anregen die Lebensgeschichte als gestaltbaren Raum wahrzunehmen und sich mitsamt der daraus erworbenen Ressourcen seiner Biografie anzunähern. (vgl. Jansen 2011, S. 20-22)

Als wichtige Voraussetzung für die erfolgreiche (Hilfe zur) Biografiearbeit gilt die eigene Erfahrung mit selbiger. Wer sich bereits mit seiner eigenen Lebensgeschichte beschäftigt und die Wirkung dieser Arbeit erfahren hat, dem fällt es leichter auch anderen den Zugang zur eigenen Biografie zu vermitteln (vgl. Klinkenberger 2015, S. 12).

3.1 Anwendungsbereiche

Der Begriff Biografiearbeit wird überwiegend mit älteren Menschen in Verbindung gebracht, auch weil (Auto-) Biografien oft von oder über Menschen mit einer diskutablen Lebensgeschichte geschrieben werden. Und tatsächlich wird diese Methode immer häufiger im geriatrischen Bereich eingesetzt, jedoch können auch andere Personengruppen von ihr profitieren (vgl. Klinkenberger 2015, S. 8). So findet sie in der Arbeit mit Erwachsenen und mit Menschen mit geistiger Behinderung zunehmend einen Platz (vgl. Lattschar & Wiemann 2018, S. 23 f.). Aber auch Kinder und Jugendliche können von Biografiearbeit profitieren, insbesondere wenn sie durch ungünstige Bedingungen nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen können und Schwierigkeiten haben, ihre neue Familiensituation zu verstehen (vgl. Lattschar & Wiemann 2018, S. 14).

3.2 Biografiearbeit mit Kindern und Jugendlichen

In Großbritannien, den USA und den Niederlanden wird die psychosoziale Methode der Biografiearbeit mit Kindern und Jugendlichen bereits seit Anfang der 1980 Jahre verwendet, in Deutschland einige Jahre später ebenfalls (vgl. Lattschar & Wiemann 2018, S. 25). Laut Klinkenberger ist sie im englischsprachigen Raum unter dem Namen ,Life Story Work’ bekannt und wird dort schon seit längerer Zeit, u.a. in den SOS-Kinderdörfern, praktiziert (vgl. Klinkenberger 2015, S. 9).

Inhaltlich liegt hier der Fokus der Biografiearbeit auf der vertieften Auseinandersetzung mit und Bewältigung von Lebensereignissen. Es findet eine Beschäftigung mit den persönlichen Stärken und Schwächen, den eigenen Gefühlen und deren Wahrnehmung sowie dem sozialen Umfeld statt (vgl. Lattschar & Wiemann 2018, S. 27 f.).

3.2.1 Bedeutung von Familienverhältnissen

Nach Lattschar und Wiemann können die Gründe, welche eine Biografiearbeit mit Kindern veranlassen, vielfältig sein. Die Familienverhältnisse spielen hierbei oft eine große Rolle. Einige Kinder leben von ihrer Ursprungsfamilie getrennt, beispielsweise in Heimen oder bei Adoptiveltern, weil ihre leiblichen Eltern sich nicht mehr um sie kümmern können. Manche haben ihre Eltern durch eine Krankheit oder einen Unfall verloren oder der Kontakt zu einem Elternteil ist nach einer Scheidung nicht mehr möglich. In diesen Fällen ändert sich das Lebensumfeld der Kinder sehr plötzlich und der Verlust des alten Lebensraums bleibt zu verarbeiten. Hier setzt die Biografiearbeit an und hilft dabei, eine „Brücke von einem Lebensraum in den anderen" (ebd., S. 25) zu bauen.

Dabei kann sie in unterschiedlichen Hilfekonzepten praktiziert werden. In der stationären Erziehungshilfe dient sie als schützender Faktor und hilft den Kindern und Jugendlichen dabei, sich zu integrieren. Oft fühlen sie sich, beispielsweise in einer Pflegefamilie, als „Kinder zweiter Wahl" (ebd., S. 31) mit einer anderen Herkunft. Auch Adoptivkinder stellen sich Fragen zu ihrer leiblichen Familie, welche im Zuge der Biografiearbeit beantwortet werden können. Ambulante Betreuungshilfen werden oft angeboten oder verordnet, weil die Kinder zu wenig Unterstützung und Beisein der Eltern erfahren. Schwierigkeiten in der Schule können die Folge sein. Biografiearbeit innerhalb der Tagesgruppe oder gemeinsam mit einer sozialpädagogischen Familienhilfe kann hier helfen, die fehlende Präsenz der Eltern zu kompensieren. Trennungskonflikte der Eltern, eventuell mit neuen Partnerschaften, oder der Tod eines Angehörigen werden ebenfalls als einschneidende Veränderungen der familiären Struktur erlebt und oft nur schwer verarbeitet. Gefühle des Verlassenseins, Schmerz und Trauer sind die Folge und oft erhalten Kinder wenig oder keine hinreichenden Informationen zu den Umständen. Kommen junge Menschen, insbesondere in Fremdunterbringung, aus einem anderen Land und haben offene Fragen zu ihrer Herkunft, kann das ebenfalls Konflikte hervorbringen. Oft sind sie zusätzlich Vorurteilen oder Anfeindungen ausgesetzt (vgl. Lattschar & Wiemann 2018, S. 29-43). Letztlich kann es aber auch für Kinder in „Normalfamilien“ immer wieder Phasen der Orientierungslosigkeit, einschneidende Erlebnisse und Neuanfänge geben, welche einer Hilfe durch Biografiearbeit bedürfen (vgl. Lattschar & Wiemann 2018, S. 29).

3.2.2 Alter als Variable

Entscheidend für die Herangehensweise und die Methoden der Biografiearbeit mit Kindern ist nach Lattscharr & Wiemann nicht zuletzt ihr Alter. Die psychosoziale Entwicklung des Menschen beginnt schon vor der Geburt und wird durch Wahrnehmungen im Mutterleib beeinflusst. Vor dem dritten Lebensjahr entwickeln Kinder bereits ein Bindungsmuster, welches sie oft ihr Leben lang zeigen. Eine gemeinsame, aktive Biografiearbeit ist in diesem Alter noch nicht möglich, jedoch können Informationen und Erinnerungen dokumentiert und aufgehoben werden. Im Kindergartenalter kann die eigene Biografie bereits spielerisch oder durch Basteln und Malen thematisiert werden. Ein wachsendes Interesse für die eigene Geschichte zeigt sich zwischen sieben und elf Jahren. Die Erstellung eines Stammbaums ist oft Teil des Lehrplans der Grundschule und sollte mit Kindern, die nicht bei ihren leiblichen Eltern leben, im Rahmen der Biografiearbeit schon einmal für ihre spezielle Situation erprobt werden. Ab dem Jugendalter beginnt eine Zeit des Umbruchs und der Selbstfindung und kann in Fremdunterbringung zu erheblichen Konflikten mit der eigenen Selbstwahrnehmung führen. Es ist in dieser Zeit schwieriger, ihre Begeisterung für Biografiearbeit zu gewinnen, jedoch können gemeinsame Aktivitäten, Ausflüge oder der Einbezug von digitalen Medien zusätzliche Motivation schaffen. (vgl. Lattschar & Wiemann 2018, S. 45-55)

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Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Biografiearbeit mit Kindern und Jugendlichen mit besonderem Schwerpunkt auf der Methode des Lebensbuchs. Theorie und Praxis
Hochschule
Universität Siegen
Note
1,3
Jahr
2019
Seiten
20
Katalognummer
V1006067
ISBN (eBook)
9783346388124
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Biografiearbeit Kinder Jugendliche Methoden Lebensbuch
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Biografiearbeit mit Kindern und Jugendlichen mit besonderem Schwerpunkt auf der Methode des Lebensbuchs. Theorie und Praxis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1006067

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