Die historische Entwicklung der Oper als Wirtschaftsunternehmen


Referat (Ausarbeitung), 2019

6 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

James A. Roosevelt erklärte 1882 : „Wir erwarteten niemals, dass es sich rentieren würde. Kein Opernhaus der Welt hat sich als Investment gelohnt und keines wird sich jemals lohnen.“1

Dieses Zitat weist darauf hin, dass der Betrieb eines Opernhauses schon immer ein Geschäft war, welches sich nicht unter rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten rentierte. Dennoch spielte der Aspekt, wie man den Opernbetrieb auch finanziell absichern konnte - sofern es sich nicht um eine rein repräsentative und aus privaten Finanzmitteln der Fürsten bezahlte Unternehmung handelte - eine wichtige Rolle. So wurde bereits 1637 in Venedig die erste öffentliche Opernaufführung veranstaltet. Dort gab es im Gegensatz zum Ursprungsort der Oper Florenz keine herrschenden Fürsten und somit keine fürstlichen Hochzeiten. Als Anlass für Opern galt dort der Karneval. Da kein Zwang zur Teilnahme bestand, mussten die Opern von Anfang an auch dem Publikum zusagen. Als Konsequenz wurden bei den kommerziellen Theatern hauptsächlich opere buffe gespielt. Schon sehr früh kam man auch auf die Idee, das Verlustrisiko dieser Häuser, die meist reichen Patrizierfamilien gehörten, an Impresarii zu übertragen, indem die Gebäude an sie verpachtet wurden. Ein Impresario war und ist somit ein Geschäftsführer, der nach William C. Holmes dafür verantwortlich ist „ sicherzustellen, dass die Theater in einer profitablen Weise geführt werden“. Zusätzlich hatte er auch die künstlerische und technische Leitung.2

Als einer der ersten Komponisten, der sich um die wirtschaftlichen Belange seiner Opern Gedanken machte, betrieb Georg Friedrich Händel zusammen mit James Heidegger als Unternehmer ab 1729 das King's Theatre in

London. Dies war dem Umstand geschuldet, dass er versuchte, zumindest teilweise wirtschaftlich unabhängig vom britischen Königshaus zu werden.

Als historisch herausragendes deutsches öffentliches Theater gilt die Hamburger „Oper am Gänsemarkt“, die von 1678 bis 1738 bestand. Das besondere an ihr war, dass sie sich komplett durch private Geldgeber finanzierte. Ihr kurzes Bestehen kann als weiterer Beleg dafür angesehen werden, wie problematisch es ist, wenn einem Opernhaus die Besucher ausbleiben. Zum Niedergang der Hamburger „Oper am Gänsemarkt“ schrieb Johann Mattheson 1728: „Stehet dem Aufnahmen der Opern im Wege das Naturell der Einwohner; kurz zu sagen: Opern sind mehr für Könige und Fürsten als für Kauff- und Handels-Leute“.

Mit dem Zusammenbruch der europäischen Königreiche als Folge der Französischen Revolution von 1789 und dem anschließenden Erstarken des Nationalismus Mitte des 19. Jahrhunderts brach die bisherige Finanzgrundlage für Komponisten wegen ihrer von nun an fehlenden Festanstellung bei Hofe schließlich schrittweise weg. Ein Komponist wie Giuseppe Verdi musste daher schon deshalb unternehmerisch tätig werden um durch die Kunst überleben zu können.

Die Oper war zwar als Kunstform im 19. Jahrhundert in ganz Italien verbreitet, jedoch waren die Verkehrswege aufgrund des Mangels an Eisen und Kohle schlecht ausgebaut. Seit dem 17. Jahrhundert wurden die öffentlichen Theater des Landes (wie in ganz Europa) aber von mobilen Operntruppen bespielt, die daher auf gute Verkehrsverbindungen angewiesen waren.

Das eingangs schon erwähnte Impresario-System, bei dem das Verlustrisiko für Aufführungen auf einen verantwortlichen Unternehmer übertragen wurde, erfreute sich deshalb im 19. Jahrhundert in Italien großer Beliebtheit. 1839 gab der Unternehmer Giuseppe Rossi-Gallieno in diesem Zusammenhang folgend Handlungsanweisung, die auch heute noch so ähnlich formuliert werden könnte: Jeder, der Impresario werden will, verschaffe sich: 1) eine genaue Statistik des Ortes, dessen Theater er leiten will. 2) Ziehe er von der ganzen Ziffer die Zahl der Wohlhabenden, und von diesen jene der Theaterliebhaber ab. 3) Suche er den Geist und Geschmack jenes Publikums kennen zu lernen. 4 u. 5) Untersuche er das Theaterlokal, berechne wie viel Zuhörer es fassen kann, und beobachte genau all seine Erfordernisse. 6-8) Erkundige er sich nach der von der Regierung oder von den Ortsbehörden bewilligten Beisteuer [dote], und, falls das Theater schon zuvor von einem andern Impresario geleitet worden wäre, nach dem Ergebnisse der vorhergehenden Bilanzen. 9 u. 10) Im Verpachtungskontrakt muss der Impresario alle jene Fälle [höherer Gewalt] bezeichnen, auf die er ein Entschädigungsrecht hat. [...] 12) Er unterlasse nicht zu erforschen, ob im Orte eine gehörige Zahl Orchesterspieler (professori d’Orchestra) und Choristen sich befinden.3

Man sieht hier deutlich, dass die wirtschaftliche Perspektive des Opernbetriebs bei seinen Überlegungen im Vordergrund steht. Was in seinen Ausführungen jedoch fehlt ist ein Aspekt, der in Venedig bereits früh erkannt worden war. Die Idee der Umwegrentabilität. Dies bedeutet, man kommt zwar für den Besuch einer Opernaufführung in eine Stadt, kauft dann dort jedoch auch andere Güter und Dienstleistungen ein, die vordergründig mit dem Aufenthaltsanlass nicht in direktem Zusammenhang stehen. Zudem reist man in der Regel auch nicht allein, sondern zu mehreren Personen an. Dieser Ansatz der besonderen Attraktivität eines Standorts mit Opernhaus für Touristen hat bis heute nichts von seiner Aktualität und Gültigkeit eingebüßt. Dies sieht man heutzutage beispielsweise an der Arena di Verona. Auch die Kosten für den Theaterbetrieb waren im 19. Jahrhundert bereits mit heutigen Verhältnissen vergleichbar. Die Mietkaution, die Bartolomeo Merelli, der Impresario zu Lebzeiten Giuseppe Verdis, für sechs Jahre an der Mailänder Scala zahlen musste, betrug 65 250 Franken. Dies entsprach in etwa dem 15-fachen Jahresgehalt eines Geigers. Dem standen Einnahmen von 35 000 Franken im Rahmen eines erfolgreichen Spieljahres gegenüber. An Subventionen erhielt ein Theater wie die Mailänder Scala pro Jahr 235 000 Franken sowie zusätzlich einen Beleuchtungszuschuss. Übertroffen wurden diese Subventionen von denen der Pariser opera wo sie sich auf das dreifache beliefen.

Wurden in Frankreich Opernaufführungen von privaten Spieltruppen organisiert, so gab es dort zunächst nicht einen Impresario, sondern ganze Theatergesellschaften an denen die beteiligten Schauspieler als Teilhaber partizipierten, wobei sie auch das finanzielle Risiko gemeinsam trugen, die Gewinne teilten, in einer Versammlung die zu spielenden Stücke auswählten und die Rollen verteilten sowie die Truppe und das Theater gemeinsam administrierten4.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Erfolg eines Opernhauses schon seit 1600 von den vier Faktoren Spielstätte, Organisation, Personal und Publikum abhängt. Um dies alles managen zu können bedurfte es schon immer einer Form des wirtschaftlichen Denkens und Handelns.

[...]


1 Walter, 2016 S. 64

2 Ebed. S.

3 Giuseppe Rossi-Gallieno, Saggio di economia teatrale dedicato alle melodrammatiche scene italiane, Mailand 1839, 56-58. Walter zitiert hier die deutsche Zusammenfassung des Buches: Literarische Notizen (Beschluss), in: Allgemeine Musikalische Zeitung vom 16. 9. 1840, 778-783, hier: 780.

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Die historische Entwicklung der Oper als Wirtschaftsunternehmen
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
6
Katalognummer
V1006153
ISBN (eBook)
9783346399014
Sprache
Deutsch
Schlagworte
entwicklung, oper, wirtschaftsunternehmen
Arbeit zitieren
Moritz Fischer (Autor:in), 2019, Die historische Entwicklung der Oper als Wirtschaftsunternehmen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1006153

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