Rassismus als Gegenstand der interkulturellen Pädagogik


Hausarbeit, 2020

30 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Diskriminierung
2.1 Definition derDiskriminierung
2.2 Formen der Diskriminierung
2.2.1 Individuelle Diskriminierung
2.2.2 Institutioneile Diskriminierung
2.2.3 Direkte Institutioneile Diskriminierung
2.2.4 Indirekte Institutioneile Diskriminierung

3 Rassismus
3.1 Definition des Rassismus
3.2 Rassismus nach Miles
3.3 "Rasse ist eine Konstruktion"

4 Unterschied zwischen Diskriminierung und Rassismus

5 Formen des Rassismus
5.1 Individueller Rassismus
5.2 Kulturrassismus / Neo-Rassismus
5.3 Institutioneller Rassismus / Systemic Racism

6 Fokus der interkulturellen Pädagogik auf Rassismus
6.1 Die akademische Identität der Interkulturellen Pädagogik
6.2 Rassismus als Gegenstand der Interkulturellen Pädagogik
6.3 Rassismuskritische Bildungsarbeit
6.4 Vergleich der interkulturellen Pädagogik und der rassismuskritischen Bildungsarbeit

7 Fazit

8 Literatur

1 Einleitung

Die folgende Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Fokus der interkulturellen Pädagogik auf Rassismus und stellt dar, inwiefern sich die interkulturelle Pädagogik mit dem Gegenstand des Rassismus befasst. Zunächst wird anhand zwei ausgewählter Songtexte präsentiert, wie sich Rassismus im alltäglichen menschlichen Miteinander bemerkbar macht und unter welchen Formen der Ungleichbehandlung und Herabsetzung Betroffene des Rassismus leiden.

Als einer der wichtigsten US-amerikanischen Rapper gilt 2Pac, der schon in den 1990er Jahren in seinen Liedern die Diskriminierung und ungerechte Behandlung schwarzer Menschen in den USA thematisierte. In seinem Lied "Changes" aus dem Jahre 1998 spricht er deutlich all die Erfahrungen, die er selbst als schwarzer US-Amerikaner gemacht hat und all die Geschichten seiner schwarzen Mitmenschen, an. Seine Worte "I'm tired of being poor and even worse I'm black" (2Pac 1998) zeigen deutlich, mit wie viel Negativität seine Hautfarbe belastet ist. Des weiteren spricht er die in den USA aber auch anderen Teilen der Welt verbreitete Polizeigewalt gegen Personen schwarzer Hautfarbe an. Insbesondere die Zeilen "Cops give a damn about a negro, Pull the trigger kill a nigga he's a hero" (2Pac 1998) stellen die gewaltvolle Behandlung schwarzer Menschen dar. 2Pac thematisiert mit diesen Zeilen den institutioneilen Rassismus in den Vereinigten Staaten von Amerika, bei denen weiße Polizisten nicht selten schwarze US-Amerikaner töten und in der Folge nicht selbst als kriminell oder Mörder gelten, sondern in der Gesellschaft als Helden angesehen werden. 2Pac's Worte sind auch heute, viele Jahre später noch aktuell, was sich an der steigenden Zahl von Fällen der Polizeigewalt gegen schwarze Menschen und den steigenden Fällen der Ermordungen schwarzer Menschen durch weiße Polizisten zeigt. 2Pac spricht deutlich den vorliegenden Rassismus an: "I see no changes, all I see is racist faces" (2Pac 1998). Außerdem zeigen seine Worte "We ain't ready to see a black president" (2Pac 1998) den weltweit verbreiteten systemischen Rassismus, der sich in allen Bereichen und Strukturen der Gesellschaft finden lässt. Deutlich lässt sich dieser an der Historie der Präsidenten der USA erkennen. Außer Barack Obama, der im Jahre 2008 erstmalig als schwarzer US-Amerikaner zum Präsidenten gewählt wurde, gab es nur weiße US-Amerikaner in dieser Position des Präsidenten. Die Tatsache, dass von 45 US-Amerikanischen Präsidenten nur ein einziger dunkler Hautfarbe ist, zeigt deutlich, wie stark Menschen dunkler Hautfarbe vor allem in den USA aber auch in allen anderen Ländern der Welt diskriminiert werden und zu der Mehrzahl aller gesellschaftlichen Institutionen und Systeme keinen Zugang finden bzw. erhalten. 2Pac's Worte "I see no changes" (2Pac 1998) am Anfang des Textes, fassen sein Lied zusammen: Trotz der weit verbreiteteren Civil Rights Bewegung in den Vereinigten Staaten der 1950er und 1960er Jahre, die darauf abzielte, den Rassismus und die rassistische Diskriminierung von African Americans zu beenden, sieht er auch Jahrzehnte später keine Veränderungen, sondern erkennt verschiedene Formen des Rassismus im alltäglichen Miteinander in der Gesellschaft.

Auch 20 Jahre später, im Jahre 2018 liegt der schon von 2Pac thematisierte institutioneile Rassismus noch an der Tagesordnung. In ihrem Lied "Cop shot the kid" thematisieren die US-Amerikanischen Rapper Nas und Kanye West noch deutlicher die Polizeigewalt gegen junge, schwarze Amerikaner. Nas und West stellen die Regelungen einer Ausgangssperre vor, die über bestimmte Wohnorte verhängt wurde (vgl. Nas & West 2018). Während Kinder und Jugendliche weißer Hautfarbe um 12 Uhr nachts zuhause sein mussten, durften Kinder und Jugendliche schwarzer Hautfarbe ihre Wohnhäuser bereits ab 11 Uhr nachts nicht mehr verlassen. Allein diese Regel der Ausgangssperre zeigt unmissverständlich, dass schwarze Menschen durch institutionalisierte Regelungen und Akteure innerhalb der Institutionen, wie z.B. Polizei oder Ordnungsämtem, deutlich anders behandelt werden als ihre weißen Mitmenschen. Nas und West beschreiben ferner die körperliche Gewalt von weißen Polizeibeamten gegen schwarze Kinder und Jugendliche (vgl. Nas & West 2018). Während kriminell auffällig gewordene weiße Kinder häufig verschont wurden, wurden schwarze Kinder und Jugendliche mit Schlägen und körperlicher Gewalt bestraft. Nas und West beschreiben diese Diskriminierungen und Misshandlungen der schwarzen Menschen und ihrer Rechte als "disadvantages of the black" (Nas & West 2018) - die Nachteile, die Menschen lediglich aufgrund ihrer dunklen, von ihren weißen Mitmenschen als fremd aufgefassten Hautfarbe erfahren und erleiden. Passend zu der in diesem Lied thematisierten Polizeigewalt, dem individuellen und dem institutioneilen Rassismus passt auch der Titel "Cops shot the kid", welcher sich mehrfach im Songtext finden lässt und unmissverständlich die Erschießung von Kindern und Jugendlichen durch Polizeibeamte als Akteure einer großen gesellschaftlichen Institution präsentiert, die sich deutlich dem Rassismus und seiner Methoden der Diskriminierung bedient.

Obwohl zwischen 2Pac's "Changes" und Nas und West's "Cops shot the kid" eine Zeitspanne von 20 Jahren liegt, sind die Themen, die in den Liedern aufgegriffen werden und die Reaktionen, die Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe oder Rasse in der Gesellschaft erfahren, gleich geblieben. Anhand der beiden ausgewählten Songtexte lässt sich erkennen, dass es neben dem individuellen Rassismus, den Betroffene im alltäglichen gesellschaftlichen Miteinander und Zusammenleben erfahren, auch Formen des Rassismus gibt, die sich auf institutioneller Ebene abspielen. Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Begriff Rassismus, der sich neben dem individuellen Rassismus auch in den Formen des institutioneilen Rassismus bzw. Systemic Racism und dem Kulturrassismus äußert und von gesperrten Zugängen zu Systemen und Institutionen bis hin zu extremer körperlicher Gewalt gegen Personen dunkler Hautfarbe und bestimmter Rassen reicht.

Die vorliegende Hausarbeit zum Thema Rassismus als Gegenstand der interkulturellen Pädagogik wird im zweiten Kapitel die Diskriminierung definieren und erläutern, in welchen Formen Diskriminierung vorliegt.

Im dritten Kapitel wird der Rassismus definiert, der Rassismusbegriff nach Miles vorgestellt und herausgearbeitet, ob und inwiefern Rasse nur eine von den Menschen in der Gesellschaft sozial entwickelte Konstruktion ist.

Das anschließende vierte Kapitel bildet den Vergleich zwischen Diskriminierung und Rassismus und bringt auf den Punkt, wie sich diese beiden Begriffe und die damit verbundenen Konzepte voneinander unterscheiden.

Im fünften Kapitel werden anschließend die verschiedenen Formen des Rassismus präsentiert. Diese unterteilen sich jeweils in den individuellen Rassismus, den Kultur- bzw. Neorassismus, den institutioneilen Rassismus bzw. Systemic Racism.

Das sechste Kapitel befasst sich mit dem Fokus der interkulturellen Pädagogik auf Rassismus. Hier wird erstens die akademische Identität der interkulturellen Pädagogik beschrieben und die interkulturelle Pädagogik ferner definiert. Zweitens wird genauer auf den Rassismus als Gegenstand der interkulturellen Pädagogik eingegangen. Hierbei wird herausgearbeitet, inwiefern die interkulturelle Pädagogik den Rassismus betrachtet, sich mit diesem auseinandersetzt und mit diesem arbeitet. Drittens wird in diesem Kapitel die rassismuskritische Bildungsarbeit als spezieller Teilbereich und spezifisches Handlungsfeld der Pädagogik vorgestellt und ihre Arbeitsweise präsentiert. Viertens wird ein abschließender Vergleich zwischen der interkulturellen Pädagogik und der rassismuskritischen Bildungsarbeit gezogen, der präsentiert ob bzw. wie sich diese beiden Konzepte ähneln bzw. voneinander unterscheiden.

Das abschließende Fazit fasst alle in dieser Hausarbeit gewonnenen Erkenntnisse zusammen und informiert schlussfolgernd darüber, inwiefern der Fokus auf Rassismus einen Bereich der interkulturellen Pädagogik darstellt.

2 Diskriminierung

2.1 Definition der Diskriminierung

"Alltagssprachlich werden solche Äußerungen und Handlungen als diskriminierend bezeichnet, die Personenkategorien (etwa Behinderten) oder sozialen Gruppen (etwa Muslimen) negative Eigenschaften zuschreiben und deshalb von den Betroffenen als herabsetzend und beleidigend erlebt werden" (Scherr 2011).

Als Diskriminierung werden all die Äußerungen und Handlungen verstanden, die sich gegen Angehörige bestimmter sozialer Gruppen richten und durch die Zuschreibung negativer Eigenschaften an die Mitglieder der spezifischen Gruppen darauf abzielen, die Mitglieder herabzusetzen oder zu benachteiligen (vgl. Hormel & Scherr 2010: 7, Scherr 2011). Diskriminierung bezeichnet eine "andere (und zwar benachteiligende oder schlechtere) Behandlung von Menschen auf Grund der Rasse oder der ethnischen Herkunft, der Religion oder der Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters und der sexuellen Ausrichtung" (Marsh & Sahin-Dikmen 2003: 5). Folglich lässt sich festhalten, dass der Begriff Diskriminierung sich auf Äußerungen oder Handlungen von Personen bezieht, die ihre Mitmenschen aufgrund ihrer Rasse, ethnischer Herkunft, Religion, Weltanschauung, Behinderung, ihres Alters oder ihrer Sexualität herabsetzen bzw. benachteiligen. Diskriminierungen meinen daher gezielte Benachteiligungen, die nicht auf unterschiedlichen Leistungsfähigkeiten und Leistungsbereitschaften der diskriminierten Personen beruhen, sondern auf nicht veränderbaren Merkmalen der Betroffenen basieren (vgl. Hormel & Scherr 2010: 7). Diskriminierungen widersprechen deutlich den in den einzelnen Gesellschaften sozial etablierten und gesetzlich verankerten Prinzipien der Gleichheit und Gerechtigkeit. Neben dem Grundgesetz sind diese Prinzipien auch in unserem kulturellen Wertesystem verankert, welches auf einer grundlegenden Chancengleichheit, sozialer Fairness und Solidarität basiert (vgl. Sinus Sociovision 2008: 90). Der Soziologe Albert Scherr erkennt als Ursache von Diskriminierung die in einer Gesellschaft verbreiteten Vorurteile und Stereotypen über bestimmte soziale Gruppen, die stets mit negativen Bewertungen und Assoziationen verbunden werden (vgl. Scherr 2011). Weiterhin erkennt er, dass die Diskriminierung von Menschen zentral davon abhängt, dass diese in soziale Kategorien eingeordnet werden, um in der Gesellschaft bestmöglich unterschieden werden zu können. Diese Einteilung führt zu fehlender Akzeptanz und Ablehnung der spezifischen sozialen Gruppen. Scherr zufolge handelt es sich bei der Diskriminierung daher um eine "Ungleichbehandlung aufgrund der Unterscheidungen von Gruppen" (Scherr 2011). Pettigrew und Taylor verstehen Diskriminierungen nicht als individuelle Handlungen, sondern als "komplexes System sozialer Verhältnisse und Beziehungen, das ungerechte Folgen für soziale Gruppen hat" (Pettigrew & Taylor 1990: 181). Scherr zufolge ändern sich über den Verlauf der Jahre nicht die sozialen Kategorien, mit denen die Menschen in der Gesellschaft differenziert werden, sondern die Wahrnehmung für Diskriminierung. Dadurch veränderte sich in der Vergangenheit das Bewusstsein zur Sklaverei, Rassentrennung und damit verbunden der rassistischen Diskriminierung in den USA, aber auch gegenüber Homosexuellen (vgl. Scherr 2011). Während Diskriminierungen gegenüber Rassen, ethnischen Herkünften oder Sexualitäten damals noch nicht als Diskriminierung galten, sind sie durch das veränderte Bewusstsein und die veränderte Wahrnehmung gegenüber Benachteiligungen heutzutage als Diskriminierungen bekannt.

Insgesamt lässt sich Diskriminierung als soziale Konstruktion verstehen, bei der Menschen in soziale Kategorien, Personenkategorien und imaginäre Gruppen eingeordnet werden und es durch die Unterscheidung zu einer Ungleichbehandlung kommt. Diese diskriminierenden Unterscheidungen sind in den Gesellschaftssystemen, der Kultur sowie den Institutionen fest verankert.

2.2 Formen der Diskriminierung

2.2.1 Individuelle Diskriminierung

Individuelle Diskriminierung passiert häufig im alltäglichen Leben auf individueller Ebene zwischen zwei oder mehreren Individuen. Diese Form der Diskriminierung lässt sich deshalb am einfachsten erkennen, da sie im direkten Miteinander zwischen Personen abläuft. Individuelle Diskriminierung liegt dann vor, wenn ein Mensch aufgrund von Merkmalen wie seiner Hautfarbe, Religion, Sprache, sexueller Identität, einer Behinderung oder seines Alters diskriminiert wird. Während Vorurteile und Stereotype passive Einstellungen gegenüber und Meinungen zu bestimmten sozialen Gruppen und ihren Angehörigen beschreiben, sind individuelle Diskriminierungen aktive Handlungen und Praktiken, die gegen diese sozialen Gruppen und ihre Angehörigen gerichtet sind.

2.2.2 Institutioneile Diskriminierung

Historisch betrachtet ist der Begriff der institutioneilen Diskriminierung eng mit den Debatten um institutioneilen Rassismus in den USA der 1960er Jahre verbunden, die in zahlreiche Bewegungen, mit dem Ziel der Erlangung von Rechten für Schwarze, Frauen, Behinderte und Homosexuelle, mündeten. Trotz dieser Bewegungen wurden u.a. schwarzen Menschen aber auch Homosexuellen eine gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe verwehrt. Später wurde der Begriff des institutioneilen Rassismus zum grundlegenden Konzept der institutioneilen Diskriminierung weiterentwickelt, das Diskriminierungen in zahlreichen Bereichen der Gesellschaft gegenüber verschiedenen sozialen Gruppen beinhaltet.

Unter dem Begriff der institutioneilen Diskriminierung werden alle Äußerungen und Handlungen von Institutionen und der in ihnen tätigen Mitarbeiter bezeichnet, die soziale Gruppen und ihre Angehörigen herabsetzen, benachteiligen und/oder ausgrenzen (vgl. Gomolla 2017: 134). Während andere Formen der Diskriminierung häufig nur auf eine bestimmte Situation bezogen sind und daher nur kurzfristig bzw. temporär auftreten, stellen institutioneile Diskriminierungen "dauerhafte Benachteiligungen sozialer Gruppen, die auf überindividuelle Sachverhalte wie Normen, Regeln und Routinen sowie auf kollektiv verfügbare Begründungen zurückgeführt werden" (Hasse & Schmidt 2012: 883) dar. Demnach bezeichnet der Begriff institutioneile Diskriminierung keine individuellen Vorurteile, Handlungen oder negativen Absichten einzelner Individuen sondern bezieht nur die

Handlungen komplexer Institutionen mit ein.

Institutioneile Diskriminierung liegt in zahlreichen Bereichen der Gesellschaft vor und lässt sich u.a. in der Schule, der Berufsausbildung, dem Arbeitsmarkt, den Universitäten, dem Wohnungsmarkt, öffentlichen und sozialen Dienstleistungen, den Medien, der Politik, und dem Kriminaljustizsystem zahlreicher Länder finden (vgl. Gomolla 2017: 134). Anlass für die institutioneile Diskriminierung sind die sozialen Unterscheidungsmerkmale Hautfarbe, ethnische Herkunft, Nationalität, Geschlecht, Alter, sexuelle Orientierung, soziale Herkunft und Behinderungen, anhand derer Institutionen soziale Gruppen und ihre Angehörigen durch institutioneile Regelungen, Gesetze und Praktiken diskriminieren. Durch die große Bandbreite gesellschaftlicher Sektoren, in denen institutioneile Diskriminierung Anwendung finden kann, entsteht Gomolla zufolge „ein Großteil der Gelegenheiten zur Diskriminierung von Menschen mit einer anderen Nationalität, Sprache, Religion oder Kultur in formalen Rechten und in den „normalen“ organisatorischen Strukturen, Programmen und Routinen in den Basisinstitutionen des gesellschaftlichen Lebens [...]" (Gomolla 2005: 1).

2.2.3 Direkte Institutioneile Diskriminierung

In der Forschung wird zwischen zwei verschiedenen Arten der institutioneilen Diskriminierung entschieden. Feagin und Feagin (1986) differenzieren dabei zwischen der direkten und der indirekten Diskriminierung. Direkte institutioneile Diskriminierung resultiert aus regelmäßigen und gezielten Handlungen der verschiedenen Institutionen in einer Gesellschaft, welche die direkte Diskriminierung durch kodifizierte hochformalisierte, gesetzlich-administrative Regelungen, Gesetze und Vorschriften oder informelle Routinen ausführen (vgl. Gomolla 2017: 135). Ein Beispiel für die direkte institutioneile Diskriminierung in einigen deutschen Bundesländern ist z.B. das Aussetzen der Schulpflicht für Kinder und Jugendliche ohne einen eindeutigen rechtlichen Aufenthaltsstatus (vgl. Gomolla 2017: 135). Bei diesem Beispiel gründet sich die direkte institutioneile Diskriminierung auf Gesetze und Vorschriften. Des weiteren gibt es zahlreiche Benachteiligungen von sozialen Gruppen auf dem Arbeitsmarkt oder bei Kindern, bei denen schon im Kindergartenalter anhand von Merkmalen wie Sprache, Religion und Nationalität selektiert wird und daraufhin bestimmten Kindern der Zugang zu Kitas und Schulen verwehrt wird. Dieses Beispiel der direkten institutioneilen Diskriminierung durch eine Selektion von Individuen basiert zwar nicht auf rechtlichen Gesetzen oder Vorschriften, sondern auf informellen Routinen und stellt trotz des Fehlens eines kodifizierten Gesetzes oder einer Vorschrift eine direkte institutioneile Diskriminierung dar. Sowohl die direkte institutioneile Diskriminierung durch Gesetze und Vorschriften als auch durch informelle Routinen lässt sich in vielen Gesellschaftsbereichen und -Systemen finden.

Unter indirekter institutioneller Diskriminierung werden all die institutioneilen Handlungen, Regeln und Praktiken verstanden, die ohne negative Absicht der Institutionen auf eine Benachteiligung bestimmter Gruppen durchgeführt werden, aber dennoch die Angehörigen der bestimmten sozialen Gruppen negativ belasten (vgl. Gomolla 2017: 145). Obwohl diese Praktiken auf den ersten Blick häufig als gerecht und legitim empfunden werden, stellen auch diese Praktiken Diskriminierungen bestimmter sozialer Gruppen dar. Diese indirekte institutioneile Diskriminierung entsteht häufig aus der "Anwendung gleicher Regeln, die bei verschiedenen Gruppen grundsätzlich ungleiche Chancen ihrer Erfüllung zur Folge haben" (Gomolla 2005: 2). Ein Beispiel für eine weit verbreitete indirekte institutioneile Diskriminierung ist das Bestehen vieler Schulen und/oder außerschulischer Institutionen auf der Kenntnis der deutschen Sprache als Zugangskriterium für zahlreiche schulische und außerschulische Bildungsangebote (vgl. Gomolla 2017: 146). Die erforderlichen Sprachkenntnisse als Zugangskriterium für diese Angebote gelten dabei für alle Kinder und Jugendlichen und wirken daher zunächst für alle Individuen gerecht. Dennoch benachteiligt diese Regelung all die Personen, die nicht über ausreichende Sprachkenntnisse verfügen, verwehrt ihnen den Zugang zu bestimmten Bildungsangeboten und stellt damit eine indirekte institutioneile Diskriminierung dar. An diesem Beispiel lässt sich erkennen, dass eine indirekte institutioneile Diskriminierung im Gegensatz zur direkten institutioneilen Diskriminierung nicht auf direkten Gesetzen, Vorschriften oder Routinen basiert, aber dennoch bestimmte soziale Gruppen und ihre Angehörigen benachteiligt und damit als Form der Diskriminierung gilt.

3 Rassismus

3.1 Definition des Rassismus

Der Begriff Rassismus wurde erstmalig in den 1930er Jahren im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus und der ihm angehörigen Nationalsozialisten verwendet (vgl. Blum 2002: 3). Als Rassismus gilt im Bezug auf den Nationalsozialismus das damalig verbreitetet Glaubens- und Wertesystem, welches auf der zentralen Annahme der Überlegenheit der arischen Rasse gegenüber anderen Rassen basierte und sich gezielt mit der "ideologische[n] Herabminderung anderer Rassen" (Hund 2007: 6) beschäftigte. Die Nationalsozialisten bedienen sich damit einer Hierarchisierung von menschlichen Gruppe und Rassen, welche bereits im Europa und Amerika des 19. und 20. Jahrhunderts begann sich zu etablieren. Seit dem Ende des zweiten Weltkrieges steht der Begriff Rassis- mus zentral für gesellschaftliche Konzepte von sozialer Dominanz, Exklusion und Unterdrückung bestimmter menschlicher Gruppen und Rassen. Die Sklaverei in den USA, die im direkten Zusammenhang mit den zentralen Einstellungen und Handlungen des Rassismus steht, verstärkte zunehmend die negative Assoziation des Begriffes Rassismus. Die Vereinten Nation verstehen Rassismus als "any distinction, exclusion, restriction or preference based on race, colour, descnet, or national or ethnic origin", die die grundlegenden Menschenrechte der Individuen massiv einschränken (Banton 2002: 47). Rassismus definiert sich allgemein als der Glaube bestimmter Menschen und Gruppen von Menschen an die "Minderwertigkeit und Überlegenheit der Rassen" (Hund 2007: 6). Geu- len zufolge reicht der Rassismus, wie er heutzutage vorliegt, von überzogenen Selbstbildern und gewalttätigen Handlungen bis hin zu radikaler Unterdrückung, übersteigertem Hass und Diffamierung gegenüber als 'anders' und 'fremd' aufgefassten Gruppen von Menschen, die anhand von Merkmalen wie Rasse, Hautfarbe und nationaler und/oder ethnischer Herkunft kategorisiert und in Gruppen eingeordnet werden (vgl. Geulen 2007: 7). Ihm zufolge beinhaltet der Rassismus stets einen "Extremismus, der sich dem unmittelbaren Verständnis zunächst entzieht" (Geulen 2007: 7).

Dem Soziologen Albert Memmi zufolge besteht rassistisches Denken neben biologischen Kennzeichnen der verschiedenen menschlichen Gruppen auch auf kulturellen Unterschiede, anhand welcher bestimmte Individuen fremde Gruppen negativ abwerten und die eigene Gruppe, derer sie angehören, positiv aufwerten. Weiterhin basierte der frühere Rassismus Memmi zufolge auf biologischen "Körpermerkmale[n] wie Haut-, Haar oder Augenfarbe, Kopfgröße, Gesichts- oder Nasenform" und der "Vorstellung 'richtiger' Abstammung" (Hergesell 2000: 124). Heutzutage baut der Rassismus nicht länger nur auf biologischen Merkmalen und der Ideologie der Abstammungen auf, sondern basiert häufig auf kulturellen Merkmalen wie Kleidung (z.B Kopftüchern), Religion und kulturellen und/oder religiösen Einstellungen, Ideologien und Praktiken (vgl. Hergesell 2000: 124). Auch Stuart Hall schließt sich den grundlegenden Annahmen Memmis an: "Rassismus ist eine soziale Praxis, bei der körperliche Merkmale zur Klassifizierung bestimmter Bevölkerungsgruppen benutzt werden" (Hall 2000).

Obwohl es verschiedenen Verständnisse des Rassismus-Begriffs gibt, haben alle Definitionen eins gemeinsam: Stets werden im Rahmen des Rassismus Unterscheidungen zwischen Individuen gemacht, diese aufgrund bestimmter Merkmale in Gruppen kategorisiert bzw. eingeordnet und in der Folge kommt es zu verschiedenen Formen von Unterdrückung, Exklusion und Hass gegenüber der als 'fremd' und 'anders' gekennzeichneten Gruppen und ihren Angehörigen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Rassismus als Gegenstand der interkulturellen Pädagogik
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,0
Jahr
2020
Seiten
30
Katalognummer
V1006182
ISBN (eBook)
9783346388346
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rassismus Interkulturell Interkulturelle Pädagogik Rassismuskritik Miles Rassismuskritische Bildungsarbeit Diskriminierung
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Rassismus als Gegenstand der interkulturellen Pädagogik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1006182

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Rassismus als Gegenstand der interkulturellen Pädagogik



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden