Zukunft des Dialekts. Stirbt er aus oder sollte er geschützt werden?


Facharbeit (Schule), 2021

22 Seiten, Note: 13,00

Judith Waibel (Autor:in)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffsklärung „Dialekt“

3 Die Schönheit des Dialekts
3.1 Dialekt als altes Kulturgut - Entstehungsgeschichte und Einflüsse
3.2 Besseres Sprachbewusstsein und erleichterter Spracherwerb durch die Förderung der inneren Mehrsprachigkeit
3.3 Mundart als identitätsstiftendes Medium
3.4 Dialekt als Vorteil im Berufsleben

4 Beobachtung: Der Dialekt stirbt aus

5 Gründe für das Schwinden des Dialekts
5.1 Hochdeutsch als Muttersprache
5.2 Medien
5.3 Mobilität
5.4 Schule
5.5 Begriffsklärung soziale Stigmatisierung und Vorurteile
5.5.1 Bewertung und Vorurteile gegenüber deutschen Dialekten
5.5.2 Stigmatisierung

6 Zwischenfazit

7 Schule als mundartschützende Institution
7.1 Projekt MundART WERTvoll
7.2 Konkrete Beispiele von MundART WERTvoll
7.3 Handreichung des ISB

8 Schluss

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 MundART WERTvoll

1 Einleitung

In der folgenden Seminararbeit soll erläutert werden, inwiefern es sinnvoll ist Dialekte zu erhalten und sie dementsprechend zu fördern. Zunächst möchte ich in dieser Einleitung ein paar Worte darüber verfassen, wie ich überhaupt zu dem Thema gekommen bin. Die Entscheidung das Rahmenthema „Heimat“ für meine Seminararbeit auszuwählen, fiel mir sehr leicht, da ich mich mit meiner Heimat, dem Oberallgäu, stark verbunden fühle. Heimat war schon immer ein wichtiger Teil in meinem Leben und auch heute spielt sie noch eine große Rolle für mich persönlich. Hier sind meine Wurzeln und ebenso ist das Oberallgäu der Ort an dem ich aufgewachsen bin. Ich verbinde aber weitaus mehr mit dem Begriff Heimat, als nur die geographische Komponente. Für mich persönlich ist Heimat dort, wo meine engsten Freunde um mich herum sind, meine Familie ist, die Berge sind und eben auch da, wo die Menschen die gleiche Sprache sprechen bzw. ganz konkret, den gleichen Dialekt wie ich.

Eine solche Heimatverbundenheit, welche durch den Dialekt ausgelöst wird, zeichnet sich aber bei einigen Menschen auch innerhalb ganz Deutschlands ab. Aus einer Statistik von „Statista“, wird dieses Phänomen deutlich. Fast die Hälfte (45%) der Befragten, welche über 14 Jahren waren, ist Heimat dort, wo ihr Dialekt gesprochen wird (Department, 2013).

Auch in der Schülerbefragung, die ich an der FOS in S. durchgeführt habe, zeichnet sich ein klarer Trend ab. 86% der gültigen Stimmen gaben an, dass durch den Dialekt (obgleich sie diesen sprechen können oder nur bei anderen Personen hören) ein Gefühl von Heimat vermittelt wird.

Auch in sozialer Hinsicht hat mich der Dialekt, welcher in meiner Heimat gesprochen wird, sehr geprägt, denn in meiner Kindheit bis zum siebten Lebensjahr habe ich weder eine andere Sprache gekannt, noch sprechen können. Als ich dann in der Grundschule meine ersten Erfahrungen mit dem Hochdeutschen gemacht habe war ich verwundert, dass mich niemand mit meinem Dialekt versteht, aber zugleich auch fasziniert, dass meine Sprache etwas Besonderes sein muss, da sie offensichtlich nicht jeder sprechen und auffassen kann. Aufgrund dessen, dass mich diese Faszination nie ganz losgelassen hat, bin ich ziemlich schnell zu dem Entschluss gekommen, meine Seminararbeit über das Thema Dialekte zu schreiben. Als ich mich dann näher mit dem Thema beschäftigt habe, fiel mir aus meiner Alltagsbeobachtung auf, dass insbesondere der Nachwuchs, das sind zum Beispiel die Kinder aus meinem Dorf, sehr selten noch Dialekt sprechen können oder es schlichtweg nicht tun, obwohl sie es könnten. Ich habe das Gefühl, dass das Sprachgut „Dialekt“, an die junge Gesellschaft nicht mehr weitergegeben wird und somit schlussfolgernd in der Zukunft nicht mehr vorhanden sein wird. Da mir jedoch, wie oben schon erwähnt, der Dialekt sehr am Herzen liegt, lag es auf der Hand meine Seminararbeit diesem Thema zu widmen. Das Ziel dieser Arbeit ist es, herauszufinden inwiefern Dialekte schützenswert sind und ob sie gepflegt und gefördert werden sollten. Allerdings beschränke ich mich in dieser Arbeit nur auf die Dialekte, die im deutschsprachigen Raum gesprochen werden.

Außerdem wird im Folgenden bei der Anrede gelegentlich auf die Verwendung der männlichen oder weiblichen Form verzichtet. Dennoch gelten die Vorgaben selbstverständlich für jegliche Geschlechter.

2 Begriffsklärung „Dialekt“

In dieser Arbeit wird sehr häufig der Begriff „Dialekt“ verwendet. Deshalb soll zu Beginn der Begriff des Dialektes genauer erläutert und erklärt werden. Der Dialekt, welcher häufig auch Mundart oder Sprachvarietät genannt wird, meint eine regionale Variante einer Sprache, die von der Norm bzw. der Standardsprache abweicht. Mundarten unterscheiden sich in den grundlegenden Merkmalen wie etwa Phonologie1, Grammatik, Syntax2, Wortschatz und Grammatik. Es gibt sogenannte Basisdialekte wie zum Beispiel „Bayerisch“, die große Landesbereiche und Regionen abdecken. Diese weisen jedoch zahlreiche Unterteilungen auf, da jede Region eine eigene Färbung des Dialekts hat. Sprachvarietäten sind oft wenig verschriftlichte Sprachsysteme. Zudem sind ist die Verwendung immer an bestimmte Faktoren gebunden, wie die Lokalität und die jeweilige soziale Sprechsituation. Außerdem haben die Sprecher des Dialekts als Muttersprache oft einen Akzent in der Hochsprache, den sie nicht ablegen können und sogleich auf die regionale Zugehörigkeit des Sprechers schließen lässt. (Schares, 2015)

Ferner verändern sich Mundarten über die Zeit, denn eine exakte Erhaltung ist aufgrund verschiedener Faktoren, wie einer nicht perfekten Nachahmung der Kinder von den Eltern oder des Einflusses lokaler Jugendkulturen etc. faktisch nicht möglich. Trotz der Veränderungen und oft enormen Unterschiede zur Hochsprache werden Dialekte als solche und nicht als neue Sprache deklariert. Von einer neuen Sprache

ist erst dann die Rede, wenn sich der Sprachstamm bzw. die Standardform der Sprache verändert. Dies ist der Fall, wenn in der Grammatik grundlegende Merkmale, wie beispielsweise die Konjunktion von Verben, verändert werden. (Gstöttl, 2009)

Darüber hinaus gibt es auch sogenannte Halbmundarten oder auch Regionalsprachen. Von solchen ist die Rede, wenn Dialekt und Standard- bzw. Hochsprache aufeinandertreffen und sich vermischen. Sie gleichen also der Hochsprache, sind aber sehr dialektal beeinflusst. Letztlich muss der Dialekt auch ganz klar von der Umgangssprache abgegrenzt werden. Dialekt wird als die Ausdrucksweise mit der stärksten regionalen Färbung bezeichnet, während die Umgangssprache als die Ausdrucksweise mit der geringsten regionalen Färbung bezeichnet wird, also überregional verbreitet ist. (Picout, 2002, S. 1-10)

3 Die Schönheit des Dialekts

Im folgenden Kapitel sollen verschiedenste Aspekte aufgegriffen werden, welche die Behauptung stützen, dass der Dialekt in all seinen Facetten als schützenswert angesehen werden kann.

3.1 Dialekt als altes Kulturgut - Entstehungsgeschichte und Einflüsse

Zunächst sprechen sprachkulturelle und sprachhistorische Gründe dafür Dialekte als beachtenswert zu sehen und sie aktiv zu erhalten. Sie sind Träger einer über tausend Jahre alten Sprachtradition. (Hochholzer, 2008, S. 24)

Die Sprachwissenschaft geht davon aus, dass es im germanistischen Sprachraum schon immer Dialekte gegeben hat, jedoch lassen sich über den Zeitraum zwischen Christi Geburt und dem sechsten Jahrhundert nach Christus keine genauen Aussagen über die Dialekte in dieser Zeit tätigen, da nur wenig schriftliche Dokumente vorhanden sind. Sprachwissenschaftler sprechen in der Dialektforschung von der ersten und zweiten Lautverschiebung. Bei der ersten trennten sich die germanischen Sprachen und das Gotische von den indogermanischen Sprachen. Die zweite Lautverschiebung wird auch die „Hochdeutsche Lautverschiebung“ genannt, welche die damalige Regionalsprache in hochdeutsche und niederdeutsche Sprechergruppen teilte. Diese beeinflusste aber nur die mittel- und oberdeutschen Dialekte wie zum Beispiel das Sächsische, Fränkische und Alemannische, welche ab diesem Zeitpunkt als hochdeutsche Dialekte bezeichnet werden. Die norddeutschen Mundarten, wie beispielsweise das Plattdeutsch, hingegen wurden nicht beeinflusst und wurden fortan als „Niederdeutsch“ bezeichnet. Diese Lautverschiebung war also ein Einschnitt in die dialektalen Sprachsysteme und zieht eine Grenze im germanistischen Sprachraum zwischen Hoch- und Niederdeutsch. Es kam zudem häufig zu Sonderentwicklungen und Ausbildung eigener Dialekte im mündlichen Sprachgebrauch. Der Grund dafür liegt in der damals eingeschränkten Mobilität und der fehlenden überregionalen Schriftsprache, welche bis ins Mittelalter nicht vorhanden war. (Kaufmann, 2020)

Neben den oben genannten Haupteinflussfaktoren auf den Dialekt, lassen sich auch einige weitere Entwicklungen aufzählen, die ebenfalls Einfluss auf die deutschen Mundarten nahmen. Das sind unter anderem siedlungsgeschichtliche und gesellschaftspolitische Faktoren wie der Untergang der deutschen Hanse3, wodurch beispielsweise die niederdeutsche Mundart an Bedeutung verloren hat. Des Weiteren hatte die industrielle Revolution kulturelle Veränderungsprozesse zur Folge und somit ebenso Einfluss auf die Dialekte. (Saskia Schröder, 2011)

Erst im 18. und 19. Jahrhundert gab es eine Bestrebung die deutsche Sprache zu vereinheitlichen und somit entstand die heutige normierte Standardsprache, welche sich aber erst im 19. und 20. Jahrhundert als Schriftsprache durchgesetzt hat (Hochholzer, 2008, S. 21-26). Davor war der jeweilige regionale Dialekt die Standardsprache, was wiederum bedeutet, dass Dialekte älter sind als die Standardsprache und somit sprachhistorisch von großer Bedeutung.

Aufgrund dieser langen Geschichte, hat die deutsche UNESCO-Kommission den Entschluss gefasst, die deutschen Dialekte als Kulturerbe zu schützen. Deshalb stehen seit 2016 deutsche Mundarttheater und mundartliches Volkstheater im bundesweiten Verzeichnis der Immateriellen Kulturerben. (Isser, o.o.)

Speziell die bayerischen Dialekte hat die UNESCO 2009 als gefährdet und somit schützenswert angesehen. Deshalb sind sie seit dem Jahr 2009 durch die UNESCO geschützt. (Bradl, o.o.)

3.2 Besseres Sprachbewusstsein und erleichterter Spracherwerb durch die Förderung der inneren Mehrsprachigkeit

Ein weiterer Aspekt der nicht außer Acht gelassen werden darf, wenn die positiven Seiten eines Dialekts beleuchtet werden sollen, ist die Tatsache, dass dialektsprechende Kinder eine bessere Entwicklung des Sprachbewusstseins haben, als solche, die keinen Dialekt sprechen.

„Wer früh lernt, zwischen Dialekt und Standardsprache zu unterscheiden und die jeweiligen Verwendungszusammenhänge zu erkennen, wird auch beim Erlernen weiterer Sprachen Vorteile haben“ (Hochholzer, 2008, S. 23). Die Erkenntnis, dass eine mehrsprachige Erziehung im Sinne der äußeren Mehrsprachigkeit, also dem Erlernen einer Fremdsprache neben der Muttersprache, einen positiven Einfluss auf die kognitive und soziale Entwicklung hat, ist in der Gesellschaft weit verbreitet. Doch laut der aktuellen Sprachforschung hat die Förderung der inneren Mehrsprachigkeit, welche die rezeptive und produktive Kompetenz verschiedener Varietäten des Deutschen meint, dieselben Effekte und Einflüsse auf die soziale und kognitive Entwicklung wie die Förderung der äußeren Mehrsprachigkeit. Der Unterschied von innerer und äußerer Mehrsprachigkeit ist jedoch, dass nur die innere zu einem ausgeprägten Sprachbewusstsein beiträgt, welches die Grundlage für das Erlernen von Fremdsprachen ist. Das Sprachbewusstsein wird auch Sprachdifferenzbewusstsein genannt und meint beispielsweise die differenzierte Wahrnehmung verschiedener sprachlicher Formen, die durch die Unterschiede zwischen der Standardsprache und dem Dialekt, schon früh geschult werden kann. Das Kind erwirbt durch den Wechsel zwischen Dialekt und Standardsprache, Fähigkeiten und Kenntnisse, die es beim Erlenen einer Fremdsprache ebenfalls gewinnbringend nutzen kann. (Hochholzer, 2008, S. 22, 24).

Der Wechsel zwischen den unterschiedlichen Sprachsystemen fällt Kindern bis zum vierten Lebensjahr noch sehr leicht. Somit lernen sie schon von klein auf, mit verschiedensten grammatikalischen Strukturen, einem umfangreichen Wortschatz und unterschiedlichen Sprachgefügen und Aussprachen umzugehen. (Schmid, 2019)

Eine verbesserte Entwicklung des Sprachbewusstseins beutet auch, dass Kinder, deren innere Mehrsprachigkeit gefördert wurde, einen messbar höheren interlingualen Erschließungserfolg haben. Der interlinguale Erschließungserfolg meint die Fähigkeit, aus einer bereits gut erworbenen Sprache ein anderes Wort, aus einer unbekannten Sprache, erschließen zu können. Der Transfer zwischen verschiedenen Sprachen fällt also leichter und somit auch die Vergrößerung der individuellen sprachlichen Fähigkeiten bzw. des sprachlichen Könnens. Eng verbunden mit der interlingualen Kompetenz ist die Wahrnehmungstoleranz. Diese meint das Erkennen von gleichen sprachlichen Formen und Strukturen in der Standardsprache, die aus dem bereits gelernten Dialekt schon bekannt sind. Dialektsprechende Kinder entwickeln diese Fähigkeit beim Erlernen der Standardsprache. Sie lernen schnell mögliche Zusammenhänge zwischen den bekannten und den unvertrauten Wörtern zu erkennen und diese zu verknüpfen. Die Wahrnehmungstoleranz ist somit eine grundlegende Kompetenz und Voraussetzung für den bereits beschriebenen interlingualen Erschließungserfolg. (Berthele, 2010, S. 37-52)

3.3 Mundart als identitätsstiftendes Medium

„Für weite Bereiche des deutschen Sprachgebiets ist es nach wie vor so, dass der Dialekt die Sprache der Primärsozialisation ist. Das ist die Sprachform, in der Sie zunächst einmal aufwachsen. Damit ist es der zentrale Identitätsanker“. (Schmitz, 2014)

Wie aus dem obigen Zitat von Dr. Albert Plewnia4 deutlich wird ist, dass das Sprechen der regionalen Mundart deshalb so essenziel wichtig ist, da diese eine identitätsstiftende Wirkung für den Sprecher hat.

Lernende einer bestimmten Sprache, oder einer Varietät, werden automatisch auch mit dem jeweiligen kulturellen Kontext vertraut. Eine Person, die einen Dialekt spricht, übernimmt automatisch die Werthaltungen, Einstellung und Verhaltensnormen, die in dieser Sprache akzeptiert sind. (Eßer, 1983, S. 121)

Dies wiederum spielgelt einen großen Teil der persönlichen Identität wieder. Der Dialektsprecher formt aber nicht nur seine eigene Identität, sondern auch die Gruppenidentität.

Der Dialekt gewährt der jeweiligen Person bzw. dem Sprecher einen festen Platz, in einer durch die Varietät der Sprache zustande gekommenen Gemeinschaft, die sich nach außen abgrenzt. Damit sind positive Gefühle wie Geborgenheit und Sicherheit verbunden. Zusätzlich resultieren diese Gefühle aber auch aus dem Bewusstsein in einem örtlich begrenzten, relativ kleinen Lebenszusammenhang beheimatet zu sein. Diese positiven Emotionen und Gefühle können auch dann entstehen, wenn Personen nicht mehr ständig in dem ursprünglichen sozialen Kontext, der durch den Dialekt repräsentiert wird, leben. Für sie steht durch die Mundart ein temporäres emotionales Rückzugsgebiet offen. Der Heimatdialekt wird also in unmittelbaren Zusammenhang zum kindlichen Geborgenheitsgefühl und Vertrauen gebracht, was bekanntlich eine sehr große emotionale Bedeutung für uns Menschen hat. (Eßer, 1983, S. 125-126)

„Daher fehlt denen, die ohne Heimatdialekt aufgewachsen sind (wie es heute schon viele sind), etwas ganz Wesentliches im Leben“ (Eßer, 1983, S. 126) .

Da die Umwelt eines Heranwachsenden eine maßgebende Wirkung auf die Entwicklung und somit auch auf die Identitätsbildung hat (Kolbe, 2014, S. 1-20), lässt sich folgern, dass wenn ein Mensch seine Umwelt mit positiven Gefühlen assoziiert, er auch eine positive Identitätsbildung durchläuft.

In engem Zusammenhang zu Dialekt und Identität muss auch das Codeswitching betrachtet werden. Codeswitching meint den Wechsel zwischen einer Sprache oder einer Sprachvarietät in eine andere, also beispielsweise der Wechsel von einem Dialekt zur Hochsprache. Dabei werden jedoch die Sprachen oder Varietäten in ihrer Struktur nicht verändert. Jede Sprache und Sprachvarietät beinhaltet ihre spezifischen Mittel zur Selbst- und Weltdarstellung. Das heißt der Dialektsprecher kann entscheiden, in welchem sozialen (Gesprächs-)Kontext er welche Sprache wählt, was wiederum bedeutet, dass der Sprecher entscheiden kann welche Identitätsmerkmale er von sich preisgeben möchte und welche nicht. Die Wahl der Sprache, die der Sprecher verwendet, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Zunächst wird grundsätzlich zwischen dem situationellen Codeswitching und dem konversationellen Codeswitching unterschieden. Erstens ist die Sprachwahl vom Adressaten abhängig, bzw. davon was für eine Beziehung der Sprecher zum Adressaten hat oder über was für eine sprachliche Kompetenz der Gesprächspartner verfügt. Zweitens vom Thema des Gesprächs, also ob das Thema öffentlichkeits- und institutionsbezogen ist oder ob es sich beispielsweise auf den informellen Nahbereich bezieht. (Ingrid Schröder, 2018, S. 41-58)

3.4 Dialekt als Vorteil im Berufsleben

Auch im Beruf verfügt der Dialektsprecher über einige Vorteile, wenn er neben dem Dialekt auch die Hochsprache beherrscht. Zum einen kann ein Mundartsprecher eine auflockernde Wirkung in bestimmten Situationen haben. Beispielsweise in einem Vortrag oder Dienstgespräch, wenn der Sprecher einige dialektale Wörter oder Phrasen einfließen lässt. Folglich wird die Kommunikation als weniger „steif“ und eingefahren wahrgenommen, womit er beim Empfänger einen sympathischen Eindruck macht. Auch im Kontakt zu Kunden kann man den Dialekt strategisch einsetzen. Wenn der Kunde aus derselben Region kommt und mit der Mundart des Senders vertraut ist, fühlt er sich dadurch wohler und spürt ein Gefühl der Verbundenheit. In der Kommunikation mit seinem Arbeitgeber, der den gleichen Dialekt spricht, kann man sich als Dialektsprecher dieses Gefühl der Verbundenheit ebenfalls zunutze machen. Wenn das Team motiviert werden soll eine Aufgabe oder ein Projekt zu meistern, wird durch den Dialekt signalisiert, dass der Chef sich auf die Ebene der Mitarbeiter begibt und sie unterstützt. Somit hinterlässt er ein positives Gefühl bei den Arbeitnehmern und die zwischenmenschliche Beziehung wird als angenehmer empfunden. Ebenfalls dient der Dialekt, nicht nur im Team als Auflockerung, sondern auch in den verschiedensten Geschäftsbeziehungen kann er zum „Eisbrecher“ werden. Mit einer spitzen Bemerkung oder einem humorvollen Ausdruck, kann man sehr viel Sympathie erlangen, wenn er gut dosiert und gezielt eingesetzt wird. Verbunden mit fachlichem Wissen, kann er sogar zu einem Markenzeichen werden. (Löwer, 2011)

4 Beobachtung: Der Dialekt stirbt aus

Trotz der bereits genannten Vorteile, Aufgaben und Funktionen deutscher Mundarten lässt sich der Trend beobachten, dass die Dialekte schwinden und somit in der Zukunft aussterben werden, wenn es dazu keine Gegenbewegung gibt.

„Bei jungen Leuten nimmt die Zahl der Dialektsprecher ab- in der Stadt noch stärker als auf dem Land“ (Kürschner, 2017). Aber nicht nur junge Leute sprechen weniger Dialekt als früher. Auch bei deutschen Bürgern über 16 Jahren nimmt das Sprechen des regionalen Dialekts ab. Diese Tatsache bestätigt eine Statistik von Statista. Während 1991 noch etwa 55% der Deutschen Bevölkerung, ab dem 17 Lebensjahr, ihren regionalen Dialekt sprechen konnten, liegt dieser Wert im Jahr 2008 bei etwa 48%. Das bedeutet, dass durchschnittlich innerhalb von 10 Jahren, die Anzahl der Dialektsprecher um circa 4% sank. (Department, 2008)

In meiner Schülerumfrage gaben 60% der 138 Befragten an einen Dialekt zu beherrschen. Dieses Ergebnis ist prozentual etwas höher als das oben genannte Ergebnis von Statista, was an folgenden Gründen liegt: Zum einen muss in Betracht gezogen werden, dass das Allgäu und besonders die Stadt S. und Umgebung, wo die meisten der befragten Schüler wohnen, eine ländliche Gegend ist, in welcher Dialekte im Allgemeinen noch stärker verwurzelt sind als in städtischen Regionen. Zum anderen, nimmt die Zahl der Dialektsprecher auch in ländlichen Gegenden ab, was aber aus meiner Umfrage nicht ersichtlich wird, denn es liegt kein Vergleichswert zu früheren Jahren vor. (vgl. Anlagen)

[...]


1 Die Wissenschaft, die die Funktion der Laute in einem Sprachsystem untersucht.

2 Satzbau, Art u. Weise sprachliche Elemente zu Sätzen zu ordnen.

3 Vereinigung norddeutscher Kaufleute.

4 Mitarbeiter des Instituts für deutsche Sprache.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Zukunft des Dialekts. Stirbt er aus oder sollte er geschützt werden?
Note
13,00
Autor
Jahr
2021
Seiten
22
Katalognummer
V1007160
ISBN (eBook)
9783346394859
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dialekt, Mundart, Dialektsterben, Dialekt schützen, Sprachvarietät, Zukunft des Dialekts, Dialekte, Deutsche Mundarten
Arbeit zitieren
Judith Waibel (Autor:in), 2021, Zukunft des Dialekts. Stirbt er aus oder sollte er geschützt werden?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1007160

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