Der Gegenwartsbezug im Geschichtsschulbuch. Analyse eines Kapitels aus der Schulbuchreihe "Geschichte und Geschehen"


Hausarbeit, 2020

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Gegenwartsbezug
2.1 Auswahl gegenwartsbezogener Inhalte im Geschichtsunterricht
2.2 Gegenwartsbezug und Vergegenwärtigung

3. Gegenwartsbezug im Lehrplan

4. Gegenwartsbezug im Kapitel „Kulturen treffen aufeinander“
4.1 Aufbau des Kapitels
4.2 Analysekriterien zur Untersuchung der Aufgabenstellung
4.3 Untersuchung der Aufgabenstellung

6. Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Spätestens seit den Ergebnissen der PISA Studie 2001 hat sich der didaktische Fokus im Schulfach Geschichte vom allgemeinen Konzept des Geschichtsbewusstseins hin zum Erwerb von sogenannten Kernkompetenzen konkretisiert.1 2 Der nordrhein-westfälische Kernlehrplan der Sekundarstufe I unterscheidet zwischen Sach-, Methoden-, Handlungsund Urteilskompetenzen und formuliert konkrete didaktische Ziele für die vorab definierten fachlichen Inhaltsfelder. Alles unter der übergreifenden Intention der Entwicklung eines „reflektierten Geschichtsbewusstseins“.1 2 3 Besonders betont wird dabei die Herstellung eines Bezugs historischer Ereignisse zu gegenwärtigen Themen im Sinne des geschichtsdidaktischen Prinzips des Gegenwartsbezugs, welches zusammen mit Multiper- spektivität, Personifikation/Personalisierung, Problem- und Handlungsorientierung zu den wichtigsten geschichtsdidaktischen Hauptprinzipien zählt. Dem Konzept des Gegenwartsbezugs liegt die Annahme zugrunde, dass historisches Denken als narrative Re- und Dekonstruktion der Vergangenheit nur in Bezug zur Gegenwart stattfinden kann. Interesse am Schulfach Geschichte kann bei Schülern und Schülerinnen nur hergestellt werden, wenn die Relevanz der Auseinandersetzung mit historischen Ereignissen für die gegenwärtige Realität herausgestellt und dies klar als didaktische Objektive beinhaltet wird.

Im Folgenden soll anhand des ersten Teils des Themenkapitels „Kulturen treffen aufeinander“4 des zweiten Bandes der Schulbuchreihe Geschichte und Geschehen, welches die Ereignisse um die Ausbreitung des Islams und das Aufeinandertreffen der christlichen und der muslimischen Religion ab dem 8. Jahrhundert behandelt, untersucht werden, ob die didaktische Aufbereitung des Themas im Schulbuch den von den Kernlehrplänen formulierten Zielen und Kompetenzanforderung speziell im Hinblick auf das geschichtsdidaktische Prinzip des Gegenwartsbezugs gerecht wird. Dazu wird zunächst das Prinzip grundlegend theoretisch umrissen, Hinweise auf Gegenwartsbezug in den nordrhein-westfälischen Kernlehrplänen für das Gymnasium herausgestellt und anschließend das oben genannte Schulbuchkapitel auf die Merkmale gegenwartsbezogener Geschichtsdidaktik überprüft.

2. Gegenwartsbezug

Dass die Gegenwartsbezogenheit eine fest verankerte Komponente der Geschichtsdidaktik ist, begründet sich aus den grundlegenden Theorien des historischen Denkens und des narrativen Charakters der Geschichte selbst. Wie Rolf Schörken im Vorwort seines Sammelbandes Der Gegenwartsbezug der Geschichte schnippisch anmerkt, liefert die Gegenwartsbezogenheit auch die beliebteste Existenzrechtfertigung und Relevanzbeteuerung für Geschichte sowohl als Fach als auch als Wissenschaft.5 Im nordrhein-westfälischen Kernlehrplan der Sekundarstufe II wird die Auswahl der einzelnen Inhaltsfelder explizit „im Interesse der Gegenwartsbezogenheit und der Lebensweltorientierung“ unter Gesichtspunkten von „Fragen, die den Menschen des 21. Jahrhunderts als bedeutsam erscheinen“ begründet.6 Die Etablierung des Gegenwartsbezugs als eine zentrale Direktive des Geschichtsunterrichts hatte ihren Anfang in den 70er Jahren. In den Hessischen Rahmenrichtlinien für Gesellschaftslehre von 1972 wurde erstmals der herkömmliche deutungsstarre Geschichtsunterricht kritisiert und ein Ausrichtungswechsel zu gegenwartsbezogenen und gesellschaftlich relevanten Fragestellungen eingeleitet.7 Zuvor wurde Geschichte als objektive Tatsachen über vergangene Ereignisse aufgefasst und so vermittelt. Die Richtlinien kritisierten diesen Zustand und rückten mit der Betonung des Gegenwartsbezugs die Deutungspluralität und Perspektivität der Geschichte und des Geschichtsunterrichts in den Mittelpunkt. Die Veröffentlichung der Richtlinien löste eine Kontroverse über den Geschichtsunterricht und das Geschichtsverständnis als solches aus. Dass sich Geschichte aus der Gegenwart konstituiert, ist aber in der Geschichtswissenschaft seit je her unumstritten, ist es doch erst der Bedeutungszusammenhang zwischen Gegenwart und Vergangenheit, der Geschichte schafft.8 Quellen und Zeugnisse aus der Vergangenheit werden erst durch das gegenwärtige Interesse an ihnen in Verbindung gesetzt und zu einem Narrativ, zu einer Geschichte, verknüpft.9 Das bedeutet auch, dass die Untersuchungen und Forschungsfragen der Historiker selbst durch die sozial-ökonomischen, politischen, gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Umstände ihrer gegenwärtigen Realität begründet oder zumindest von ihnen beeinflusst werden, ganz unabhängig davon, ob der Forschende sich dessen bewusst ist oder nicht.

2.1 Auswahl gegenwartsbezogener Inhalte im Geschichtsunterricht

Wie lassen sich aus dieser Erkenntnis Konsequenzen für die Auswahl geschichtsunter- richtlicher Inhalte ziehen? Bergmann nimmt für diese Überlegung „gegenwärtige, öffentlich-politisch umstrittene Probleme von tendenziell langer Dauer, denen eine erkennbare gesellschaftliche Relevanz zukommt“,10 als Ausgangspunkt. Hier ordnen sich auch die Themen wie Globalisierungsprozesse, politische Emanzipation und kultureller Austausch, die in den Inhaltsfeldern der nordrhein-westfälischen Kernlehrpläne zu finden sind, ein. Ausgehend von diesen Themen lassen sich menschliches Handeln und Leiden, Ereignisse und Prozesse in der Vergangenheit finden, deren Dynamik Parallelen zu heutigen Problemen aufweist. Als zweite Herangehensweise für die Inhaltsauslese schlägt Bergmann die Suche nach Prozessen in der Vergangenheit vor, die als Ursache heutiger Phänomene identifiziert werden können.11 Orientiert an zukünftigem Handeln kann dann „im Geschichtsunterricht erarbeitete Kenntnis der Entstehungsgeschichte eines gegenwärtigen Problems [...] die Gefahr irrtümlicher Entscheidungen und Handlungen“ nicht ausgeschlossen aber verringert werden.12 Peter Schulz-Hageleit fasst zusammen: der Gegenwartsbezug im Geschichtsunterricht soll „Zukunftsperspektiven und Handlungsmöglichkeiten eröffnen.“13

2.2 Gegenwartsbezug und Vergegenwärtigung

Die Geschichtsdidaktik unterscheidet von der Gegenwartsbezogenheit weiter den Begriff der „Vergegenwärtigung“. Gemeint ist damit der Transfer unverständlicher und fremder Konzepte und Ideen in einen gegenwärtigen, verständlichen Bezugsrahmen. Vergangene Phänomene werden gedanklich umstrukturiert und in einen „Horizont gegenwärtigen Verstehens, Begreifens, Erklärens“14 gesetzt, um sie greifbarer zu machen. Der reine Gegenwartsbezug hingegen setzt zwei unterschiedliche Inhalte, auf der einen Seite vergangene und auf der anderen Seite gegenwärtige, in Relation, ohne einen „Umformungsakt“ vorzunehmen.15 Beide Vorgehensweisen dienen dem Zweck des Erkenntnisgewinns über sowohl das Gegenwärtige als auch das Vergangene. Dabei geht man bei der Vergegenwärtigung allerdings nur von der Gegenwart aus, „während beim „Gegenwartsbezug“ der Erklärungseffekt wechselseitig ist.“16 Schulz-Hageleit merkt an, dass Vergegenwärtigung zwar durchaus veranschaulichende Wirkung vergangener Ereignisse erzielen kann, aber nicht zwangsläufig zu historisch richtigen Erkenntnissen führt und die Gefahr einer Verzerrung historischer Sachverhalte durch gegenwärtige Deutungsmuster birgt.17

3. Gegenwartsbezug im Lehrplan

Bevor das Kapitel des vorliegenden Schulbuchs untersucht wird, soll zunächst dargestellt werden, welche Kernkompetenzen sich auf das Prinzip des Gegenwartsbezugs beziehen. Im nordrhein-westfälischen Kernlehrplan der Sekundarstufe I18 wird die Bedeutung der Gegenwartsbezogenheit an mehreren Stellen hervorgehoben. In der Beschreibung der Aufgaben und Ziele des Faches Geschichte wird die Entwicklung eines reflektiven Geschichtsbewusstseins als übergreifendes Ziel festgelegt. Die Reflektiertheit soll den gegenwartsbezogenen Aspekt unterstreichen und bezieht sich auf Jörn Rüsens Konzept der „Sinnbildung über Zeiterfahrung“: „Solches Geschichtsbewusstsein entsteht, wenn historische Sachverhalte zum Verständnis für Fragen der Gegenwart und im Blick auf zukünftige Entwicklungen herangezogen werden.“19 Weiter definiert der Kernlehrplan konkrete Kernkompetenzen, die die Schüler und Schülerinnen bis zum Ende der Sekundarstufe I erwerben sollen. Dabei wird mehrmals auf Gegenwartsbezug hingewiesen. So wird das Beschreiben von „Zusammenhänge^] zwischen Vergangenheit und Gegenwart unter dem Aspekt der Gemeinsamkeiten, aber auch dem der historischen Differenz“20 zu den zu erwerbenden Sachkompetenzen gezählt. Außerdem sollen Schüler und Schülerinnen „in ihrem Urteil die historische Bedingtheit der eigenen Lebenswelt“ berücksichtigen und „aus ihrem Wissen und ihren Einsichten über die Vergangenheit Konsequenzen für die Gegenwart“ als Urteilskompetenz entwickeln.21 In einer allgemeinen Definition der verschiedenen Kompetenzbegriffe wird unter der Handlungskompetenz weiter der Gegenwartsbezug hervorgehoben: Zusammenhänge sollen in Relation zu Gegenwart und Zukunft gesetzt werden „und so für eine lebensweltliche Anwendung und historische Orientierung“ genutzt werden.22 Die Auswahl der spezifischen Inhaltsfelder selbst wird im Kernlehrplan mit dem Verweis auf aktuelle Prozesse und Entwicklungen der heutigen Zeit begründet.23

4. Gegenwartsbezug im Kapitel „Kulturen treffen aufeinander“

Nachdem die geschichtsdidaktischen Prinzipien des Gegenwartsbezugs und der Vergegenwärtigung näher erläutert und gegenwartsbezogene Hinweise in den didaktischen Ansprüchen im Kernlehrplan herausgestellt wurden, soll nun untersucht werden, ob die Aufgabenstellungen im ersten Teil des Kapitels „Kulturen treffen aufeinander“ bei Schülern und Schülerinnen die Entwicklung dieser Kompetenzen zulässt. Um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen, soll eine Aufgabe exemplarisch analysiert werden. Zielgebend ist dabei die Frage: Ermöglicht die Aufgabenformulierung eine gegenwartsbezogene Auseinandersetzung der Schüler und Schülerinnen mit den im Kapitel behandelten historischen Ereignissen? Dazu soll ein Kategorienkatalog vorgeschlagen werden, anhand dessen eine Prüfung der Aufgabenstellung auf Gegenwartsbezogenheit ermöglicht wird.

[...]


1 Vgl.: Günther-Arndt, Hilke: Historisches Lernen und Wissenserwerb, in: dies./Zülsdorf-Kerstin, Meik (Hrsg.), Geschichts-Didaktik. Praxishandbuch für die Sekundarstufe I und II, Berlin 2003, S.24-49, hier S.24.

2 Vgl.: Pandel, Hans-Jürgen: Geschichtsunterricht nach PISA. Kompetenzen, Bildungsstandards und Kerncurricula, Schwalbach 2007, S.8.

3. Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.), Kernlehrplan für das Gymnasium - Sekundarstufe I (G8) in Nordrhein-Westfalen, Frechen 2007, S.15.

4 Sauer, Michael (Hrsg.), Geschichte und Geschehen, Stuttgart 2009. Gegenstand der Untersuchung sollen hier die Seiten 20-43 sein.

5 Vgl.: Schörken, Rolf: Vorwort, in: ders. (Hrsg.), Der Gegenwartsbezug der Geschichte, Stuttgart 1981, S.7-10, hier S.8.

6 Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.), Kernlehrplan für die Sekundarstufe II Gymnasium Gesamtschule in Nordrhein-Westfalen, Frechen 2014, S.17.

7 Vgl.: Bergmann, Klaus/Pandel, Hans-Jürgen (Hrsg.), Geschichte und Zukunft: didaktische Reflexionen über veröffentlichtes Geschichtsbewußtsein, Frankfurt am Main 1975, S.171.

8 Vgl.: Bergmann, Klaus: Gegenwartsbezogenheit und Zukunftsbezogenheit historischen und geschichtsdidaktischen Denkens, in: Schörken, Rolf (Hrsg.), Der Gegenwartsbezug der Geschichte, Stuttgart 1981, S.34-58, hier S.39.

9 Vgl.: ebd., S.40.

10 Ebd., S.53.

11 Vgl.: ebd. S.54f.

12 Bergmann, Klaus: Gegenwarts- und Zukunftsbezogenheit, in: ders./Fröhlich, K./Kuhn, A./Rüsen, J./Schneider, G. (Hrsg.), Handbuch der Geschichtsdidaktik, Seelze-Velber 1997, S.266f.

13 Schulz-Hageleit, Peter: „Vergegenwärtigung“ und „Gegenwartsbezug“. Zum Verhältnis zweier didaktischer Kernbegriffe mit einem Unterrichtsbeispiel zur Pariser Kommune, in: Schörken, Rolf (Hrsg.), Der Gegenwartsbezug der Geschichte, Stuttgart 1981, S.84-109, hier S.90.

14 Rohlfes, Joachim: Gegenwartsbezug als Kategorie der Geschichtswissenschaft und des Geschichtsunterrichts, in: Schörken, Rolf (Hrsg.), Der Gegenwartsbezug der Geschichte, Stuttgart 1981, S.59-83, hier S.60.

15 Vgl.: ebd.

16 Ebd.

17 Schulz-Hageleit, Peter: „Vergegenwärtigung“ und „Gegenwartsbezug“. Zum Verhältnis zweier didaktischer Kernbegriffe mit einem Unterrichtsbeispiel zur Pariser Kommune, in: Schörken, Rolf (Hrsg.), Der Gegenwartsbezug der Geschichte, Stuttgart 1981, S.84-109, hier S.84.

18 Hier wird der 2007 herausgegebene Kernlehrplan für das auslaufende G8 Modell betrachtet, da sich auch das untersuchte Schulbuch nach diesem orientiert.

19 Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.), Kernlehrplan für das Gymnasium - Sekundarstufe I (G8) in Nordrhein-Westfalen, Frechen 2007, S.16.

20 Ebd., S.28.

21 Ebd., S.29.

22 Ebd., S.19.

23 Vgl.: ebd., S.23.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Der Gegenwartsbezug im Geschichtsschulbuch. Analyse eines Kapitels aus der Schulbuchreihe "Geschichte und Geschehen"
Hochschule
Universität zu Köln  (Historisches Institut)
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
15
Katalognummer
V1007738
ISBN (eBook)
9783346398529
ISBN (Buch)
9783346398536
Sprache
Deutsch
Schlagworte
schulbuchanalyse, Geschichtsdidaktik, gegenwartsbezug, lebensweltbezug, didaktik, Schulbuch, Vergegenwärtigung, Lehrplan, Geschichtsunterricht, interkulturelle Kompetenz, Kompetenzen, Gegenwart
Arbeit zitieren
Daniel Muchaier (Autor), 2020, Der Gegenwartsbezug im Geschichtsschulbuch. Analyse eines Kapitels aus der Schulbuchreihe "Geschichte und Geschehen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1007738

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