Mobbing 2.0. Wie gestaltet sich Cybermobbing und welche Handlungsmöglichkeiten können im schulischen Rahmen vorgenommen werden?


Seminararbeit, 2021

36 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsdefinition und Erklärung
2.1 Merkmale von Cybermobbing
2.2 Formen von Cybermobbing
2.3 Häufigkeit von Cybermobbing

3. Akteure

4. Zusammenfassung

5. Handlungsmöglichkeiten bei Cybermobbing
5.1 Intervention
5.2 Einführung der Präventionsmaßnahmen bei Cybermobbing
5.2.1 Maßnahmen auf Schulebene
5.2.2 Präventive Maßnahmen auf Klassenebene
5.2.3 Maßnahmen der Eltern

6. Gestaltung eines schulischen Elternabends zur Aufklärung von Cybermobbing

7. Diskussion

8. Fazit

9. Abbildungsverzeichnis

10. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Liebe Pap und Mam, ich wurde mein ganzes Leben lang verspottet, gemobbt, gehänselt und ausgeschlossen. Ihr seid fantastisch. Ich hoffe, dass ihr nicht sauer seid. Auf Wiedersehen, Tim“ (Schmitz, 2012). So klangen die letzten Zeilen, die Tim Ribberink, 20 Jahre, aus den Niederlanden seinen Eltern hinterließ, nachdem er sich das Leben nahm. Tim wurde zuerst durch verbale Beleidigungen gedemütigt und anschließend verlagerten sich die Mobbingattacken auf das Internet.

Häufig werden mit der zunehmenden Digitalisierung Chancen gesehen, die unser Leben bereichern, vereinfachen oder faszinieren. Auch in unserer Gesellschaft nimmt die Medialisierung zu. Durch die Vielzahl an möglichen Chaträumen und Messenger entsteht eine immer dichter werdende, digitale Vernetzung der Jugendlichen im virtuellen Raum. Dadurch entsteht eine zunehmende Gefahr, dass sich das traditionelle Mobbing immer mehr in das digitale Netz verschiebt. Man spricht infolgedessen von Cybermobbing. Durch belegbare Zahlen ist festzustellen, dass der Anteil der digitalen Ausstattung und deren Nutzung bei Schülerinnen und Schülern (im Folgenden SuS abgekürzt) als hoch einzustufen ist. So zeigen die Zahlen der Jugend, Information Medien - Studie (im Folgenden JIM-Studie) aus dem Jahr 2018, dass nahezu jeder Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren (99% der Mädchen und 97% Jungen) ein Smartphone besitzt (vgl.: JIM-Studien 2018). Vor der Digitalisierung war Mobbing eindimensional, weil keine Vielzahl von digitalen Medien im Umlauf waren. Heute sind die SuS durch die Vielzahl von Plattformen im Internet und Chaträumen möglichen Cyberattacken exponiert.

Die vorliegende Arbeit wird die unterschiedlichen Facetten des Cybermobbings aufschlüsseln und dazu den Bezug zum traditionellen Mobbing herstellen. Dabei wird auf die ursprüngliche Definition des traditionellen Mobbings nach Olweus (1994) eingegangen und durch die Adaption auf das Cybermobbing kritisch hinterfragt. Um die Handlungsabsichten hinter Cybermobbingangriffen näher zu durchleuchten, werden die Motive der Cybertäter dargestellt und analysiert. Ebenso werden die verschiedenen Opferprofile dargelegt, um zu verdeutlichen, welche unterschiedliche Merkmale in dem Cybermobbingprozess vorzufinden sind. Nach den theoretischen Grundlagen folgt die Umsetzung auf die Möglichkeiten der Intervention und Prävention, sowie der Einbezug der Eltern. Innerhalb der Diskussion wird der Einbezug eines Schulfachs erörtert und die angebotenen Maßnahmen seitens der Institution Schule angesprochen.

2. Begriffsdefinition und Erklärung

Basierend auf der Tatsache, dass keine allgemeingültige Definition von Cybermobbing existiert, ist es nur bedingt möglich, die vorhanden Studien miteinander zu vergleichen. Jedoch wird in den meisten Fällen die Definition von traditionellem Mobbing (vgl.: Olweus, D. 1994, 1173) verwendet und durch die Begriffe „Medien“, „Internet“ und „Handy“ ergänzt (vgl.: Fawzi, N. 2015, S. 47).

Eine mögliche Definition des Phänomens des Cybermobbings wird von Belsey (2008) folgendermaßen beschrieben:

„ The use of information and communication technologies such as e-mail, cell phone and paper text messages, instant messaging (IM), defamatory personal Web sites, and defamatory online personal polling websites, to support deliberate, repeated and hostile behavior by an individual or group, that is intended to harm others ” (Belsey, B. 2004).

Belsey (2004) bedient sich an der Definition des traditionellen Mobbings von Olweus (1994). Auch er sieht die wiederholende, böswillige Handlung und das Machtungleichgewicht als Voraussetzung, um von Cybermobbing zu sprechen. Jedoch wirft die Zusammensetzung der Definition von traditionellem Mobbing und die Ergänzung der Begriffe „Medien“, „Internet“ und „Handy“ folgende Fragen auf:

a) existieren beim Cybermobbing die gleichen Eigenschaften wie beim traditionellen Mobbing?
b) stellt sich das Cybermobbing durch andere Anhaltspunkte dar als das traditionelle Mobbing? So wird in der Definition des traditionellen Mobbings von einem Kräfteungleichgewicht ausgegangen, dass über einen längeren Zeitraum andauert. An diesem Punkt stellt sich die Frage, ob diese Eigenschaften auch beim Cybermobbing gegeben sein müssen, um von Cybermobbing zu sprechen (vgl.: Fawzi, N. 2015, 48).

In der von Olweus (1996) formulierten Definition des traditionellen Mobbings wird das repetitive Handeln als Voraussetzung festgelegt, um Mobbing nachzuweisen. Auch in den verfassten Begriffsbestimmungen des Cybermobbings z.B. durch Belsey (2004) stellt die Wiederholung der Tat (durch ein digitales Medium) eine Basis dar. Diese Annahme kann jedoch falsifiziert werden, wenn ein diskreditierendes Foto einer Person hochgeladen wurde und sich dieses medial verbreitet, ohne, dass der Täter die Kontrolle über das Ausmaß steuern kann. Anhand dieser Tatsache ist erkennbar, dass keine Wiederholung der Tat nötig sein muss, um ein potentielles Opfer zu erniedrigen. Die Veröffentlichung des Bildmaterials wird zwar durch den Täter durchgeführt, jedoch erfolgt die Wiederholung durch die Verbreitung von Unbeteiligten. Diese leiten das Material an ein unbegrenztes Publikum medial weiter (vgl.: Festl, R. 2015, 29ff). Die Sorge vor einem Schneeball-Prozess ist in einer Studie von Slonjie, et al. (2012) belegt worden. Ihre Untersuchungen ergaben, dass sich 72% der Beteiligten bei Cybermobbing passiv verhalten, jedoch leiteten 9% die Informationen weiter und weitere 6% nutzten das Material, um das Opfer zu mobben (Slonje, R. et al. A. 2012). Insofern ist anzumerken, dass das Kriterium der Wiederholung aus Opferperspektive angepasst werden sollte. Bei Betrachtung der Täterperspektive erscheint die Wiederholung der Tat sinnvoll, da nicht davon auszugehen ist, dass der o.g. Tatbestand dem Regelfall entspricht. Jedoch darf der Öffentlichkeitscharakter nicht in den Hintergrund geraten, weil es durchaus möglich ist, dass andere Personen durch eine öffentliche Bloßstellung im Internet motiviert werden können (vgl.: Festl, R., 2015, 30). Eine weitere Auslegung des Zeitraums liefern Wolak et. al. (2007) und Ybarra (2004). Sie differenzieren im angloamerikanischen Sprachraum zwischen „Online Harassment“ und „Cybermobbing“, um die Problematik „Zeitraum“ zu umgehen. Demnach wird erst dann von Cybermobbing gesprochen, wenn bei auftretenden Aggressionen die Merkmale des traditionellen Mobbings, wie die zeitliche Komponente vorhanden ist und die Akteure minderjährig sind (vgl.: Aftab, P. 2010). Demgegenüber steht jedoch die Auffassung von Willard (2007), die sich dadurch äußern, dass „[...] sich Cyber-Mobbing gerade dadurch auszeichnet, dass nicht alle diese Merkmale zutreffen müssen “ (Fawzi, N.; 2015, 48). Besonders hebt Willard (2007) hervor, dass im Cybermobbing das Kräfteungleichgewicht zwischen Täter und Opfer weniger bedeutsam ist als im traditionellen Mobbing.

„ Reports of cyberbullying reveal an aspect that is at odds with the generally accepted definition of bullying- that bullying occurs when a more powerful person attacks a less powerful person. It appears that sometimes less powerful people or a group of people are using the internet to attack more powerful people or a group of people” (Willard, N. E. 2007, 28).

Jenes Verhalten lässt sich dadurch begründen, dass in der virtuellen Welt eine andere Macht herrscht als in der realen Welt. Slonje et al. (2013) beschreiben zwei Merkmale, die das Cybermobbing vom traditionellen Mobbing abhebt und die Machtlinie enthärten lässt. Im Zentrum steht die Anonymität, mit der die Cybertäter im virtuellen Raum auftreten. Selbst wenn das Machtgefälle (welches in erster Linie auf der physischen und sozialen Ebene basiert) weiter besteht, ergibt sich durch die netzspezifische Anonymität im Internet eine neue Möglichkeit der Viktimisierung (vgl.: Festl, R. 2015, 102). Ein häufiges Motiv von Opfern ist die Ahndung an den Täter, wodurch sich die Rollen aus der realen Welt verschieben (vgl.: Festl, R. 2015, 102). Jedoch zeigen Smith et. al. (2008), dass Cyberopfer die Cybertäter in den meisten Fällen nicht kennen und somit ein Racheakt ausgeschlossen ist. Des weiteren entsteht durch die Tarnung des Cybertäters eine Steigerung des Machtgefälles, da die Identifizierung des Cybertäters und ein Ausweichen aus der Situation nicht möglich ist (vgl.: Dooley et al. 2009). Dies führt bei dem Cyberopfer zu einem hohen emotionalen Stresslevel (vgl.: Kowalski, R. M. & Limber, S. P. 2007), besonders deshalb, weil die Ursachen des Cybermobbings für das Cyberopfer unergründlich sind (vgl.: Huitsing, G. et al. 2012).

Schlussendlich lässt sich die Anonymität als Vorteil für Cybertäter hervorbringen, da sich die potentiellen Opfer häufig machtlos fühlen, da die Identifikation des Cybertäters nicht realisierbar ist. Um dem Machtlosigkeitsgefühl entgegenzuwirken, sollten Schulen Konzepte entwickeln, die die SuS dazu befähigen, routiniert die Cyberattacke1 abzuwenden, z.B. durch das Blockieren des Nutzers.

Trotzdem ist die Anonymität keine Neuerscheinung der digitalen Welt, sondern zeigt sich auch im traditionellen Mobbing, wenn Täter Gerüchte verbreiten (vgl.: Festl, R. 2015, 31). Jedoch kann der Täter im Internet das potentielle Opfer kontinuierlich erreichen. Cybermobbing ist weder orts- noch zeitgebunden. Dadurch wird die Stärke hinter Cybermobbing präsent, was einen entscheidenden Unterschied zum traditionellen Mobbing darstellt. Weiterhin ist die Tragweite von Cybermobbingattacken wesentlich größer, wodurch eine deutlich höhere Anzahl von Menschen involviert werden können, die in einigen Fällen unwissentlich als Verstärker der Cybermobbingattacken fungieren.

2.1 Merkmale von Cybermobbing

Da Cybermobbing durch die zunehmende Medialisierung in Schulen (vgl.: MpFS. 1999 & 2014) immer häufiger auftritt, gilt es die Unterscheidungen zum traditionellen Mobbing näher zu beleuchten (vgl.: MpFS, 2014). Zwar lassen sich zwischen traditionellem Mobbing und Cybermobbing Überschneidungen erkennen, jedoch zeichnen sich bei näherer Betrachtung signifikante Merkmalsausprägungen ab, die bei einer Differenzierung zentral sind.

Um Cybermobbing deutlicher vom traditionellen Mobbing zu differenzieren, wird auf vier wesentliche Unterscheidungen zum traditionellen Mobbing eingegangen, die sich durch folgende Merkmalsausprägungen äußern.

- Anonymität
- Erhöhter Öffentlichkeitsgrad
- Nicht widerrufbar
- Kein Schutzraum für Cyberopfer

Anonymität

Im Internet ist es den Tätern möglich, durch falsche Profilinformationen anonym zu bleiben.

“I can't see you- you can't see me ” (Webster, C. 2008)

Dies hat zu Folge, dass das Opfer den Täter nicht identifizieren kann und verfällt in ein Gefühl der Ohnmacht. Häufig haben die Cyberopfer den Eindruck, sie können durch die vom Täter ausgehende Anonymität keine Beweise sichern (vgl. Katzer, C. 2014, 61).

Erhöhter Öffentlichkeitsgrad

Der erhöhte Öffentlichkeitsgrad basiert auf Grund der Tatsache, dass Millionen von Nutzern gleichzeitig auf einer Plattform online sein können. Ihnen ist es möglich, geteilte Informationen über eine Person einzusehen und zu verfolgen. Lügen und Beleidigungen können durch das Teilen von Informationen über eine Person einem großen Publikum bereitgestellt werden (vgl. Katzer, C. 2014, 61).

Nicht widerrufbar

Da geteilte Informationen, wie z.B. Fotos die im Internet veröffentlich wurden nicht löschbar sind, haben diese einen Ewigkeitscharakter im Internet. Fotos und anderes Material wird auf Servern oder Festplatten gesichert und auf andere Server weitergeleitet, die sich im Ausland befinden. Auf die im Ausland liegenden Server haben Nutzer in Deutschland rechtlich keinen Zugriff. Dadurch ist es möglich, auf Fotos zu stoßen, die 20 Jahren alt sind und nicht mehr auf eigenen Festplatten zu finden sind (vgl. Katzer, C. 2014, 61).

Kein Schutzraum für Cyberopfer

Aufgrund der ständigen Erreichbarkeit durch mobile Endgeräte ist es nahezu unmöglich einen Schutzraum zu finden. Willard (2007) beschreibt die Situation wie folgt:

You can be bullied 24/7 ... even in the privacy or of your own bedroom ” (Webster, C. 2008). Durch die mobilen Endgeräte sind die Opfer zu jeder Tages- und Nachtzeit erreichbar. Dadurch wird Cybermobbing als deutlich schlimmer empfunden als dies beim traditionellen Mobbing der Fall ist (vgl. Katzer, C. 2014, 61f.).

Aufgrund der genaueren Unterscheidung zwischen traditionellem Mobbing und Cybermobbing werden die möglichen Ausmaße durch Cybermobbing plastisch. Besonders hervorzuheben ist die steigende Medialisierung von SuS. Die JIM-Studie evaluierte den Mobiltelefonbesitz von 1998-2017 unter 12-19jährigen. Während im Jahr 1998 lediglich 8% der insgesamt 803 Probanden im Besitz eines Mobiltelefons waren, sind im Jahr 2017 unter insgesamt 1200 SuS 99% im Besitz eines Smartphones (vgl.: JIM-Studie 2018). Die draus folgende Konsequenz ist, dass Cybermobbing mit Blick in die Zukunft weiter ansteigt, was die Zahlen in Abbildung I erahnen lassen.

2.2 Formen von Cybermobbing

Im folgenden Kapitel werden die Ausprägungsformen des Cybermobbings näher beleuchtet. Cybermobbing tritt differenziert auf und nimmt auf Grund des Internets eine deutlich höhere Tragweite ein als beim traditionellen Mobbing, was sich auf Grund des erhöhten Öffentlichkeitsgrads begründen lässt. Im Bereich des Cybermobbings werden drei übergeordnet Kategorien gebildet, die die Formen des Cybermobbings bilden.

Kategorien des Cybermobbings

Die erste Kategorie ist das verbale Cybermobbing. In dieser empfängt eine Person Nachrichten, durch SMS, Chatrooms, soziale Netzwerke, Blogs oder Webseiten. Diese Textnachrichten verfolgen eine beleidigende, erpresserische oder bedrohende Intention gegenüber des Cyberopfers (vgl.: Katzer, C. 2014, 62).

Die zweite Kategorie wird psychisches Cybermobbing genannt. Innerhalb dieser Kategorie werden Gerüchte oder Lügen über eine Person über das Internet gestreut. Weitere Ausprägungen sind das Ausschließen von Chatgesprächen, das wiederholte Ablehnen von Freundschaftsanfragen und der Ausschluss von Gruppenchats. Weiterhin werden intime Fotos oder Videomaterial auf virtuelle Plattformen hochgeladen, wie z.B. Facebook oder YouTube (vgl.: Katzer, C. 2014, 62).

Die Dritte Kategorie ist das physische Cybermobbing, das sich insbesondere durch „happy slapping“ darstellen lässt. Innerhalb physischen Cybermobbings werden Prügelvideos auf virtuellen Plattformen wie Facebook oder YouTube hochgeladen (vgl.: Kaschnitz, S. 2016, 117).

Im Folgenden werden die möglichen Formen des Cybermobbings näher beschrieben, um die unterschiedlichen Ausprägungen näher zu beleuchten:

Formen von Cybermobbing

Flaming: Als Flaming werden Beleidigungen oder Handlungen von Einzelpersonen oder Gruppen bezeichnet, die die Intention verfolgen, das Cyberopfer auf virtuellem Weg zu schädigen. Die Cybertäter nutzen im Cyberspace unterschiedliche Plattformen wie z.B. E-Mail oder Facebook, um das Cyberopfer in einer direkten Onlinekommunikation zu beleidigen, zu beschimpfen oder zu bedrohen (vgl.: Peter, I. K., & Petermann, F. 2018, 24).

Sexuelle Belästigung: Sexuelle Belästigung zielt auf das Geschlecht des Cyberopfers ab. Häufig werden sexistische Äußerungen gewählt, um das Cyberopfer durch inadäquate Bemerkungen zu entwürdigen. Dazu zählen auch unerwünschte Annäherungen oder Drohungen (vgl.: Peter, I. K., & Petermann, F. 2018, 167f).

Rufschädigung: Bei Rufschädigung werden gezielt, nachteilige, geheime oder verleumderische Informationen, die sich auf das Cyberopfer beziehen, verbreitet. Diese Informationen werden mittels digitaler Medien auf unterschiedlichen Plattformen massenhaft verbreitet. Dadurch erfährt das Cyberopfer nicht direkt von den verbreiteten Gerüchten, sondern zeitversetzt. Ziel der Verbreitung von falschen Informationen im Internet ist, dass ein möglichst großes Publikum die Inhalte liest, um möglichst viele Personen gegen das Cyberopfer aufzubringen (vgl.: Peter, I. K., & Petermann, F. 2018, 26).

Bloßstellen und Verrat: Ähnlich wie in der vorherigen Kategorie „Rufschädigung“ werden auch hier intime und vertrauliche Informationen durch digitale Medien auf unterschiedlichen Wegen (E-Mail, Facebook oder ähnlichen) weitergeleitet. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass die Informationen vom Cyberopfer selbst stammen und vom Cybertäter mit böswilliger Absicht veröffentlich werden (vgl.: Casas, J.A. et al. 2007,17).

Sozialer Ausschluss: Durch den sozialen Ausschluss wird das Opfer aus Kommunikationsdiensten ausgeschlossen, wie zum Beispiel aus einer WhatsApp-Gruppe. Durch diese Ausgrenzung gerät das Opfer in eine Außenseiterrolle (vgl.: Peter, I. K., & Petermann, F. 2018, 30).

Happy Slapping: Durch Happy Slapping wird eine inszenierte Gewaltsituation fotografiert oder gefilmt. In dieser Kategorie werden die Opfer während einer Vergewaltigung oder einer Schlägerei gefilmt. Happy Slapping wird als Verbindung vom traditionellen Mobbing und Cybermobbing verstanden. Das Bild- oder Videomaterial wird durch digitale Medien auf unterschiedliche Plattformen im Internet veröffentlicht (Kowalski et al. 2008, 50f). Zwar wird Happy Slapping durch die aktive physische Gewalt gewertet, jedoch auch durch die erweiterte Komponente der elektronischen Mediums als eine Form des Cybermobbings angesehen (vgl.: Chan, S. et al. 2012).

Gezielte Gefährdung durch Ditte: Innerhalb dieser Form werden Informationen an Personen oder Gruppen weitergeleitet, die das Opfer in Gefahr bringen können. Die Initiierung erfolgt z.B. durch Provokationen gegenüber gefährliche/n Person/en die im Namen des Opfers z.B. durch einen Fake-Account anschrieben werden. Es können auch Profile auf Sexseiten existieren, von denen das Opfer nicht in Kenntnis gesetzt wurde (vgl.: Robertz, F. J. & Wickenhäuser, R. 2010, 75).

Wie deutlich zu erkennen ist tritt Cybermobbing unter vielen Erscheinungsformen auf. Durch die Variabilität von Cybermobbing können SuS leicht mit der Situation überfordert werden. Diese Überforderung wird deutlich, wenn verleumdende Inhalte über das Opfer auf soziale Plattformen wie Facebook oder Instagram veröffentlicht werden. Aus diesem Grund existiert bereits seit geraumer Zeit die Forderung, dass SuS innerhalb eines Schulfachs Medienkompetenzen erlernen und sich ein Bereich dieses Fachs mit Cybermobbing auseinandersetzt.

2.3 Häufigkeit von Cybermobbing

Durch den Medienpädagogischen Forschungsverband Südwest (2019) wurden innerhalb eine Studie 1200 SuS im Alter von 12-19 Jahren zu Cybermobbingvorfällen in ihrem Bekanntenkreis befragt. Die Datenerhebung begann im Jahr 2010 und wurde bis zum Jahr 2018 fortgeführt und ergänzt. Die Teilnehmer*innen wurden bei der Auswertung nach Geschlecht sortiert, um zu erkennen, ob es geschlechterspezifische Unterscheidungen bei der Untersuchung nach dem „Anteil der Jugendlichen, in deren Bekanntenkreis schon mal jemand im Internet oder über das Handy fertig gemacht wurde“ ergibt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Anteil der Jugendlichen, in deren Bekanntenkreis schon mal jemand im Internet oder über das Handy fertig gemacht wurde in den Jahren von 2010 bis 2018 Quelle: Statista.com

Aus der Studie ist zu entnehmen, dass im Jahr 2010 insgesamt 23% der SuS im Alter von 1219 Jahren bereits mit Cybermobbing im Bekanntenkreis in Kontakt kamen. Mit Blick auf den zeitlichen Verlauf des Cybermobbings, ist zwischen dem Jahr 2011 und dem Jahr 2018 eine Steigerung der Cybermobbingvorfälle festzustellen. Während im Jahr 2010 noch 26% der Mädchen über Fälle im Bekanntenkreis berichteten, waren es im Jahr 2018 39%. Bei den Jungen gaben 2010 21% der Befragten an, bereits über Cybermobbingvorfälle im Bekanntenkreis zu wissen, während im Jahr 2018 30% darüber berichten.

Insgesamt zeigt sich - außer im Jahr 2011- eine Häufung von Cybermobbingvorfällen im Bekanntenkreis der 12-19jährigen in Deutschland. Aus dieser Grafik ist abzuleiten, dass Schulen präventiv gegen Cybermobbing vorgehen sollten, da die Entwicklung der sozialen- und neuen Medien weiter ansteigen wird.

Durch die veröffentlichten Zahlen vom Bündnis gegen Cybermobbing e.V. (2017) ist zu erkennen, dass von 1586 Befragten 60% Jungen und 77% Mädchen Opfer von Beleidigungen in Form von Cybermobbing waren. Des Weiteren wurden Lügen und Gerüchte bei 58% der Mädchen und 32% der Jungen verbreitet. Unter Druck gesetzt, bedroht oder erpresst wurden 27% Mädchen und 21 % Jungen. Überwiegend werden bei Cybermobbingattacken im Jahr 2017 Instant-Messaging wie z.B. WhatsApp (78%) angewandt. Durch die Zahlenauswertung der Studie von Bündnis gegen Cybermobbing (2020) ergibt sich, dass die Anzahl von Cybermobbing vom Jahr 2017 von 12,7% auf 17,3% im Jahr 2020 angestiegen ist. Dabei hatte jedes fünfte Cyberopfer Suizidgedanken (vgl.: Bündnis gegen Cybermobbing, 2017, 82ff). Das bedeutet, dass ca. 2 Millionen SuS von Cybermobbing betroffen sind (Vgl.: Bündnis gegen Cybermobbing, 2020, 9)Trotz dieser Zahlen sind mögliche Handlungskonzepte, die sich entweder präventiv oder intervenierend mit Cybermobbing beschäftigen in einer kleinen Anzahl verfügbar.

3. Akteure

Cybertäter

Die nach Aftab (2008) in der angloamerikanischen Literatur häufig verwendete Kategorisierungen, gliedern sich in fünf Kategorien, die im Folgenden aufgezählt und im Anschluss erörtert werden:

- Vergeltung übender Engel
- Die Machtsüchtigen
- Rache der Streber
- Gemeine Mädchen
- Die Unbeabsichtigten

Der erste Cybermobbingtätertyp wird „Vergeltung übender Engel“ genannt. Dieser wurde in der Vergangenheit Opfer von traditionellem Mobbing oder besitzt einen Freund, der Opfer von traditionellen Mobbing war/ist. Die Täter nutzen das Internet, um sich an dem traditionellen Mobber zu rächen bzw. Vergeltung zu verüben (Vgl.: Aftab, P. 2008).

Der zweite Online-Täter-Typ wird als der „Machtsüchtige“ beschrieben.

Bei ihnen zeigt sich Genugtuung, sobald sie ihre Autorität demonstrieren können und Kontrolle über das/die Cyberopfer ausüben. Hier zeigen sich deutliche Parallelen zum traditionellen Mobbing (Vgl.: Aftab, P. 2008).

Als dritter Online-Täter-Typ wird die „Rache der Streber“ eingeordnet. Hierzu zählen jene SuS, die in der Klasse als „Streber“ gelten. Diese erhalten in der Klasse wenig Respekt und nutzen die Anonymität des Internets, um sich durch Cybermobbingattacken bei den Tätern zu rächen. Den vierten Onlinetätertyp, „gemeine Mädchen“ porträtiert Jugendliche, die auf Grund von Langeweile andere SuS im Internet mobben. An dieser Stelle ist anzumerken, dass sich der Begriff auch auf das männliche Geschlecht übertragen lässt.

Die letzte Gruppe von Tätern sind die „Unbeabsichtigten“, die zwar mobben, sich aber dieser Tat nicht bewusst sind (Vgl.: Aftab, P. 2008).

Zwar scheint diese Art der Kategorisierung hilfreich, jedoch existieren keine empirischen Belege über die Korrektheit der vier Kategorien.

[...]


1 Cyberattacken definieren sich als anonyme Nachrichten, die das Opfer bloßstellen sollen. Die Nachrichten können auch über Foren veröffentlicht werden. Siehe auch: Formen von Cybermobbing

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Mobbing 2.0. Wie gestaltet sich Cybermobbing und welche Handlungsmöglichkeiten können im schulischen Rahmen vorgenommen werden?
Hochschule
Technische Universität Kaiserslautern
Veranstaltung
Berufs- und Arbeitswelt
Note
1.0
Autor
Jahr
2021
Seiten
36
Katalognummer
V1007788
ISBN (eBook)
9783346395863
ISBN (Buch)
9783346395870
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Cybermobbing, traditionelles Mobbing, Mobbing 2.0, Mobbingformen, Handlungsmöglichkeiten, Präventiv, Intervention, Elternarbeit, Schule
Arbeit zitieren
Christian Meyer (Autor), 2021, Mobbing 2.0. Wie gestaltet sich Cybermobbing und welche Handlungsmöglichkeiten können im schulischen Rahmen vorgenommen werden?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1007788

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