Analyse sprachlicher Zeichen in Motivwagen der Düsseldorfer und Mainzer Fastnacht und deren grenzwertige Satire


Hausarbeit, 2019

34 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zusammenhang zwischen Sprache und öffentlichem Raum

3. Fastnacht und ihre geschichtlich kulturellen Hintergründe

4. Die Motivwagen des Rosenmontagzuges
4.1. Hintergründe der Motivwagenkultur
4.2. Sprachliche Zeichen in Motivwagen und deren Einbindung in den öffentlichen Raum
4.2.1 Motivwagen nach dem Organon-Modell
4.2.2. Materialität der Plastiken in Motivwagen
4.2.3. Dynamik und Temporarität
4.2.4. Multimodalität durch ikonische und schriftliche Zeichen in Motivwagen
4.2.5. Raumgebundene sprachliche Zeichen ‘ in Motivwagen
4.2.6. Wortspiele in schriftlichen Zeichen der Motivwagen
4.2.7. Wiederkehrende Zeichen in den Motivwagen
4.2.8. Erinnernde Zeichen in Motivwagen
4.2.9. Kooperationsprinzip nach Grice in Bezug auf Motivwagen
4.2.10. Sprechakttheorie nach Austin an Motivwagen

5. Analyse der Motivwagen anhand von Beispielen der Themen um Donald Trump von 2016 - 2019

6. Grenzen der politischen Satire am Beispiel der Motivwagen mit Donald Trump

7. Darlegungen unterschiedlicher Meinungen über die politische Satire der Motivwagen über Donald Trump

8. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Gehen wir hinaus vor die Tür und bewegen uns im gesellschaftlichen oder natürlichen Raum, so können wir es nicht vermeiden auf sprachliche Zeichen zu stoßen, die uns leiten, weisen, animieren, dirigieren, beeinflussen, Gedanken und Emotionen in uns auslösen, sprich, die uns bewusst oder unbewusst zum Denken und Handeln anregen.

Als Mainzerin geboren und aufgewachsen, kam ich mit den Traditionen und der Kultur dieser Stadt in Berührung. Hierzu gehört zum Teil die Mainzer Fastnacht, die sowohl das ganze Jahr durch das Fastnachtsmuseum, die Fußballfangesänge im Stadion von Mainz05, den symbolreichen Skulpturen in der Stadt, wie dem Fastnachtsbrunnen, aber natürlich vor allem an den ,närrischen‘ Tagen selbst vorzufinden sind - angefangen vom 11.11. eines jeden Jahres bis Aschermittwoch.

Die Mainzer Fastnacht steckt mit ihrer langen Tradition voller Symbole und hat Mainz zu der Stadt mit ihrer Lebensphilosophie gemacht, die sie heute ist (Schenk 1986, S.5). Die Mainzer und Düsseldorfer Fastnacht sind speziell dafür bekannt, selbst dem einfachen Bürger einen Raum für politische Meinungsfreiheit mit satirischem Charakter zu gewähren, die sowohl in Büttenreden und Gesängen der Fastnachtssitzungen, als auch in - für jeden zugänglichen Raum - der Öffentlichkeit der Straße dargeboten werden können.

Eines der kritischsten, politischen Satire stellen die Motivwagen der Mainzer, Düsseldorfer und Kölner Fastnacht / Karneval dar, die im Rosenmontagszug mitrollen. Sie zeigen in jeder Zeit „Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen“, sowie „kultureller und politischer Stimmungen im Land“ (Schenk 1987, S.170). Motivwagen präsentieren sich nicht nur für die Besucher, sondern auch weltweit durch Fernsehübertragungen des Rosenmontagzuges und sind somit im öffentlichen Raum eingebunden. Sie stellen satirisch überspitzt politisches Geschehen mit Themen aus regionalem, inland-, europa- und weltbezogenen, aber auch religions-orientierten Themen dar. Sprachliche Zeichen realisieren sich hier in der karikativen Umsetzung von Personen und Situationen verbunden mit unterstützenden, schriftlich verankerten Schlagworten und Versen. Themen werden durch das Zusammenwirken von ikonischen und schriftlichen Zeichen - sogenannten Multimodalitäten - verbunden mit symbolischem Charakter provokativ präsentiert und regen sowohl den bewussten, als auch den flüchtigen Betrachter zum Nachdenken, Reflektieren und eventuellem Handeln an.

So wie politische Themen die Gesellschaft in unterschiedliche Meinungen und Einstellungen spaltet und mehr oder minder Emotionen hervorrufen kann, so verursachen dies auch Motivwagen des Rosenmontagzuges. Es finden sich Befürworter und Gegner von satirischen Darstellungen der Motivwagen. So führten beispielsweise die Motivwagen der Jahre von 2017 - 2019 bezüglich der Politik und Person Donald Trumps zu konträren Meinungsbildem und wurden in sozialen Medien oftmals emotionsgeladen ohne Wahrung von Diskretion und Anstand diskutiert.

In dieser Hausarbeit möchte ich mit einem kurzen Einblick in den Hintergrund der Fastnacht am Beispiel des Mainzer Karnevals, dessen Geschichte, Tradition, Anliegen und Symbolhaftigkeit, speziell die Motivwagen der Rosenmontagszüge durchleuchten und diese im Hinblick auf sprachliche Zeichen und ihre Wirkung auf die Öffentlichkeit untersuchen. Der Düsseldorfer Wagenbauer Jacques Tilly sieht die Entstehung der Motive durch das Geschehen in der Politik begründet und möchte mit den satirischen Darstellungen seiner Wagen Antwort darauf (Tilly 2017). Ein von Jacques Tilly häufig aufgegriffenes Thema ist die Politik und Person Donald Trump, die er vermehrt in seinen Motivwagen umsetzt. Die Realisierung politischer Themen und die gesellschaftlichen Reaktionen auf satirische Grenzüberschreitungen von Tillys und anderen Motivwagen werde ich am Beispiel der Donald Trump-Wagen von 2017 - 2019 darlegen.

2. Zusammenhang zwischen Sprache und öffentlichem Raum

Bei einem öffentlichen Raum handelt es sich nicht um eine Institution oder einen bestimmten Ort, zu dem man punktuell geht. Der öffentliche Raum ist vielmehr überall dort, wo Menschen miteinander in Kontakt treten, sich austauschen, neue Impulse setzen und aufnehmen, reflektieren und etwas konstruieren oder umgestalten (Winderlich 2005, S. 146). Es handelt sich hierbei um den gesellschaftlichen und sozialen Raum, in dem wir leben. Öffentliche Räume sind nach Gerz immer dort, wo Menschen sind, wo sie eingebunden werden und als Akteure agieren. Sie sind demnach Handlungsräume. „Der öffentliche Raum sollte durch das Handeln und Sprechen von Menschen zum Erscheinen gebracht werden“ (Winderlich 2005, S.138). Hier spielt nach Gerz der Interaktionsbegriff eine entscheidende Rolle, der auf den Dialog zweier Parteien in einer gemeinsamen Situation aufbaut und ein Verstehen der Interaktionspartner voraussetzt. Dieses Verstehen basiert laut Martin Buber auf bestimmten, kulturellen Vorkenntnissen, um adäquat und erwünscht reagieren und interagieren zu können (Winderlich 2005, S. 140)

Der öffentliche Raum lebt von der Unterschiedlichkeit der Menschen und den Möglichkeiten der Begegnungen (ebd. 2005, S.138). Diese Begegnungen müssen allerdings nicht immer in Form von verbaler face-to-face-Kommunikation zwischen zwei oder mehrerer Personen stattfinden. Die Anwesenheit des Produzenten ist oftmals gar nicht notwendig. Vielmehr sein Appell an den Rezipienten, der sich in verschiedenen Formen der Sprache äußern kann, durch sogenannte sprachliche Zeichen‘. Im Gegensatz zur verbalen Kommunikation sind diese sprachlichen Zeichen nach Derrida nicht an die Anwesenheit der Kommunikationspartner und an konkrete Situationen gebunden (ebd. 2005, S. 95). Damit stehen sie als „Objekte im Raum“, die dauerhaft sind, eine Gedächtnisfunktion haben und Wünsche entwickeln wollen. Sie machen bewusst oder verändern (ebd. 2005, S.96) und wollen immer etwas ausdrücken. Der Betrachter wird zum Akteur des gesellschaftlichen Gestaltens, dadurch dass er durch die Betrachtung sprachlicher Zeichen im öffentlichen Raum zum sozialen und politischen Handeln bewegt wird (Winderlich 2005, S.146).

Die sprachlichen Zeichen können nach dem amerikanischen Semiotiker Charles S. Peirce in drei Arten vorkommen: Sie sind entweder symbolisch und gelten als rein konventionelle, arbiträre Zeichen, die in einer bestimmten Kultur erlernt werden müssen. Sie kommen jedoch auch in ikonischer Form vor und gelten als „(...) Zeichen, die eine Ähnlichkeit mit dem Ding, das sie bezeichnen, aufweisen“ (Auer 2013, S.111). Die dritte Form ist der Index und „verweist auf Dinge wie Wegweiser, Relativpronomen, Aus- oder Anrufe“ (Peirce 1894, zitiert nach Auer 2013, S.111).

Eine Möglichkeit der symbolischen Zeichen ist zum Beispiel die Schriftform als Visualisierung von Sprache. Schrift sollte im öffentlichen Raum aus der Distanz gut sichtbar sein, weshalb es hier von Nöten ist, kurze, oftmals grammatisch unvollständige und damit oftmals inkorrekte Sätze zu benutzen. Voraussetzung ist ein kulturelles Hintergrundwissen, um diese unvollständigen, grammatischen Konstruktionen zu begreifen (Auer 2010, S. 288).

Eine weitere Möglichkeit der Kommunikation sind multimodale Zeichen. Sie bilden eine Kombination aus Schrift und Bild. Symbolische Zeichen unterstützen hierbei die Aussage der Schrift (Auer / De Gruyter 2010, S.288) Bühler spricht dabei von „symphysischen Zeichen“, die durch ihre Anheftung an einen Ort oder einen Gegenstand verankert sind (Auer 2010, S. 272). Diese können als Ikone oder Symbol mit unterschiedlicher Materialität, Zeichenfläche und Lokalisation auftreten und spielen eine entscheidende Rolle in der Bewertung und schließlich der Gewichtung des Betrachters. Eine Regel besagt, je größer der technische Aufwand und somit die Kosten eines Zeichens ist, umso mehr Autorität bekommt dieses Zeichen aus der Sicht des Rezipienten (Auer. 2010, S. 296)

Sprachliche Zeichen können auch als Zeichenensemble auftreten, dass heißt Zeichen, die sich aufeinander beziehen und ergänzen, können zum Beispiel durch Mehrsprachigkeit eine größere Interessentengruppe ansprechen (Auer. 2010, S.284).

Unterschieden wird weiterhin in zeichenarme und zeichenreiche Räume:

Bekannte Räume oder welche mit wenig gesellschaftsrelevanten Begebenheiten brauchen weniger oder gar keine Zeichen, damit sich Menschen in ihnen zurechtfinden oder Situationen deuten können. Dagegen benötigen unbekannte Räume mit vielen Möglichkeiten des gesellschaftlichen Handelns eine vermehrte Zeichendichte oder Zeichendiskurse1, um sich zu orientieren und das Zusammenleben zu regeln, wie z.B. in den Stadtzentren die Verkehrsschilder oder Wegweiser. Sprachliche Zeichen kommen in allen möglichen Alltags- und Lebenssituationen des öffentlichen, gesellschaftlichen Lebens vor, wie zum Beispiel Kommerz, Politik, Werbung, Freizeit, Verkehr, usw. Sie können raumnutzend, -konstruierend, statisch oder dynamisch auftreten, eine wiederkehrende, erinnernde Funktion haben (Auer 2010, S.273) oder transgressiv sein (Auer 2010, S.280).

Beim Betrachten von sprachlichen Zeichen ist der Rezipient oftmals gezwungen kooperativ zu sein. Sprachliche Zeichen verletzen hin und wieder und bewusst die Maxime der Implikaturtheorie nach Grice. Ironische Elemente werden oftmals bewusst als Verstoß angewendet, um den Betrachter zu provozieren und zum Nachdenken anzuregen, wie zum Beispiel in politischen Slogan, der Werbung. Voraussetzung ist dabei jedoch, dass der Rezipient diesen Verstoß erkennt und als gültig erachtet (Studienbuch Linguistik 1994, S.198 - 200).

3. Fastnacht und ihre geschichtlich kulturellen Hintergründe

Die Bräuche der heutigen Fastnacht - oder auch je nach Region ,Karneval‘ genannt - lassen sich auf das 13./14. Jahrhundert zurückführen. Die Fastnacht war an den christlichen Kalender gebunden und läutete die Nacht zum Aschermittwoch und der Fastenzeit ein (Mühl 1987, S.31). Die kulturelle Bedeutung von Fastnacht besteht schon seit Jahrhunderten darin, dass sich die Menschen in diesem begrenzten, kurzen Zeitraum eine Welt schaffen, in der alle sozialen Hierarchien aufgehoben, die gesellschaftlichen Gewohnheiten vertauscht und die Ordnung auf den Kopf gestellt wird (Krawietz 2016, S.161). Seit der Zeit, in der Mainz zum Bistum der katholischen Kirche ernannt wurde, versuchte man dieses Fest als Wegbereiter der Fastenzeit anzuerkennen, in der man Einsicht über seine eigenen Schwächen oder Narrheiten erlangt und eine Besserung vom Bösen zum Guten durchläuft (Mayer 1981, S.34). Hierbei werden die barocken Grundgedanken „Memento mori“ in den Vordergrund gestellt, die den ,Narren‘ daran erinnern soll, dass sein Leben endlich ist und es folgend einen veränderten Lebensstil erfordert, um in die Unendlichkeit zu gelangen (Krawietz 2016, S.161)

Bis ins 19. Jahrhundert hinein war die Fastnacht geprägt von übermäßiger Völlerei, Ausschweifungen bei Tag und Nacht und zeigte sich als unorganisiertes Volksfest mit Maskerade und Tanz. Diese Tradition ist bis heute geblieben. Verkleidung, Wein, Musik und Tanz sind wichtige Elemente der Fastnacht. Die Bedeutung liegt darin, dass der Mensch für kurze Zeit ein anderer sein und seinem derzeitigen Leben entfliehen möchte. Der Fastnachter baut sich hier eine Traumwelt auf und geht seiner Sehnsucht nach Fröhlichkeit, Glück und Unbeschwertheit nach (Mayer 1981, S.18).

Die Politisierung der Fastnacht und der Ausgangspunkt der modernen Fastnacht kam jedoch erst 1843 und gewährte jedem Bürger gleich seines sozialen Standes eine Publikation für Demokratie und Pressefreiheit unter dem Deckmantel der Narretei. Anlass war hier das Ziel der Vormärzrevolution von 1848. 1884 kam es vermehrt zur Kritisierung der Weltpolitik und dem Kostümieren der Garden durch Militäruniformen. Sie sollten und sollen nach wie vor Kritik an dem Militär - damals überwiegend der preußischen und österreichischen Garnisonstruppen - und der negativen gesellschaftlichen Einstellung bezüglich des kriegerischen Vergehens des Militärs in der Welt symbolisieren (Mühl1987, S.37).

Die politischen Inhalte sind heute noch vor allem für die Düsseldorfer und Mainzer Fastnacht charakteristisch. Büttenredner stellen ihre politischen Meinungen in satirischen Vorträgen auf Fastnachtssitzungen dar, ebenso wie die Motivwagen am Rosenmontagszug politische Themen überspitzt präsentiert und damit ihre Meinungsfreiheit äußern.

4. Die Motivwagen des Rosenmontagzuges

4.1. Hintergründe der Motivwagenkultur

Eines der wohl größten sprachlichen Zeichen der Fastnacht stellen die Motivwagen des Rosenmontagzuges in Bezug auf den öffentlichen Raum dar, die in den Karnevalshochburgen Mainz, Düsseldorf und Köln als „rollende Satire“ durch die Straßen gezogen werden.

Motivwagen behandeln in erster Linie politische Themen der Region, des Inlands, Europas, aber auch weltweit oder beinhalten skandalöse religiöse Themen (siehe Abb.1).

Abbildung 1:

„Traditionspflege“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Trotz der unterschiedlichen Themen, die Motivwagen angepasst an die Jahresereignisse aufzeigen, werden sie in allen drei Städten ähnlich gestaltet. Sie treten immer als multimodale Zeichen auf, bestehend aus schriftlichen und ikonischen Zeichen. Letztere stellen karikativ überzogen bekannte Personen - meist Politiker - dar, die durch ein spezielles Ereignis die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich zogen. Die Aussagen der Ikonen werden durch schriftliche Zeichen unterstützt. Diese können zum einen als

Abbildung 2: Trump-el-tier“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

mehrzeiliger Text in fastnachtstypischer Versform erscheinen (siehe Abb.2), zum anderen als Schlagworte, Sätze mit ,Randgrammatikcharakter‘2 oder Namen, die in der Nähe der ikonischen Abbildungen angebracht werden.

Von 1844 existiert bereits ein Nachweis über den Wagenbau, der damals an unterschiedlichen Orten, sogar in Zelten unter erschwerten Bedingungen angefertigt wurde (Eberhard 2006, S.21).

Heute gibt es speziell dafür errichtete Hallen, wo auch Altbestände zur Wiederverwendung aufgehoben werden (Kepplinger 2006, S.38). Es arbeiten ab November bis Fastnacht ca. 25 Personen, wie Rentner, Studenten, Karosseriebauer und selbständige Künstler an den Wagen mit (Weber 2013). Seit 1962 stellt in Mainz Dieter Wenger im Auftrag des MCV die Motivwagen her und gilt als Vater für diese rollende Satire (Weber 2013). In Düsseldorf ist es Jacques Tilly, der dafür bekannt ist, in seiner Umsetzung an politischen Themen, kein Blatt vor den Mund zu nehmen und damit gesellschaftlich sehr umstritten ist.

Der Rosenmontagszug spiegelt seit seinen Anfängen die gesellschaftliche Entwicklung wider, die vor allem durch die Motivwagen zum Ausdruck gebracht werden. Diese stehen als „Barometer kultureller und politischer Stimmungen im Land“ (Schenk 1986, S.170). Die Themen der Geschichte reichten somit z.B. in Vorkriegsjahren wie 1936 von Vorankündigungen bezüglich der Konzentrationslager als Warnung (Mundo, 2006, S. 19) sowie in den Nachkriegsjahren von dem Wiederaufleben der Bundeswehr, Mauerbau, Kongo- und Kubakrise, usw. (Eberhard, 2006, S.21). Anhand der Betrachtung der Motivwagen über die Jahre hinweg ist zu beobachten, dass sich viele politische Themen wiederholen. Ein Motivwagen von 1958 mit dem Titel „Die Weltlage“ rollte genau 30 Jahre später, 1988, durch die Straßen des Rosenmontagzuges (Eberhard 2006, S.173). Manche Themen sind auch zeitlos und kehren nicht nur immer wieder, sondern sind allzeit präsent, wie die Themen rund um die Vereinigung Deutschlands, die 1955 von Motivwagen thematisch aufgegriffen wurden und noch bis in die 80er Jahre thematisiert wurden (Eberhard 2006, S.172).

Motivwagen lösten in der Gesellschaft immer wieder unterschiedliche Emotionen aus und waren Anlass von Diskussionsdebatten. Zum Teil wurden sie sogar im Vorhinein verboten. Deshalb werden die Wagen mittlerweile erst an Fastnachtsonntag in Mainz und Köln in der Innenstadt vorgestellt, in Düsseldorf sind sie sogar erst an Rosenmontag für die Öffentlichkeit sichtbar.

4.2. Sprachliche Zeichen in Motivwagen und deren Einbindung in den öffentlichen Raum

Wie im theoretischen Teil (Kapitel 2) dieser Hausarbeit erläutert, sind sprachliche Zeichen im öffentlichen Raum immer dort, wo soziale und kulturelle Interaktionen stattfinden, die anschließend zu handelnden Reaktionen führen.

Der Rosenmontagszug zählt als einer der Kernelemente der Fastnacht / des Karnevals. Viele Menschen strömen in die Fastnachtshochburgen3, um sich Gardisten, Musik, aber auch die Ergebnisse der Künstler, die beispielsweise die Motivwagen erbauten, anzuschauen. Mit ca. 500000 Besuchern jährlich (Bermeitinger 2019, Mainzer Allgemeine Zeitung, Hintergrund) zeigt sich ein großes öffentliches Interesse an dieser Veranstaltung. Menschen kommen, um Sprache im öffentlichen Raum zu erleben, sich auszutauschen, neue Impulse zu erhalten, zu kommunizieren, zu reflektieren und gegebenenfalls zu handeln und ihre Meinung kund zu tun.

Die Straßenfastnacht wird somit zum öffentlichen Raum. Die Besucher werden beim Betrachten der Mitwirkenden des Zuges sowie der Motivwagen zu Rezipienten. Aber nicht nur diese. Durch die Fernsehübertragungen, anschließenden Nachrichten, Zeitungsartikel, digitale Medien und die sozialen Medien werden Menschen weltweit zu Rezipienten. Jacques Tilly erklärt, der Sinn der Motivwagen sei es, gesehen zu werden, von möglichst vielen Augen betrachtet zu werden und nicht nur von den !4 Millionen Besucher des Rosenmontagzuges. Erst dadurch wirken sie (Tilly 2018).

Um die Motivwagen verstehen zu können ist ein erlerntes, kulturelles Vorwissen von Bedeutung. Der reflektierende Betrachter muss über ein Wissen des Zeichendiskurses verfügen, denn nicht alle Zeichen sind zusammen sichtbar, bedingt durch die Flüchtigkeit des vorbeiziehenden Wagens, durch den lokalen Standpunkt des Betrachters oder das Nicht-vorhanden-sein aller Zeichen. Der Zeichenrezipient kann jedoch die einzelnen Zeichen eines Diskurses in gegenseitiger Bezugnahme wahrnehmen (Auer 2010, S.272).

Ziel der Motivwagen ist es, treffend und prägnant Zeitkritik darzustellen, wobei die Szene humorvoll und keinesfalls verletzend inszeniert werden sollte. Zensuren sind auf der Straßenfastnacht nicht erwünscht (Eberhard 1987, S. 172). Bei dem Rezipienten soll das Fühlen und Denken, sowie das Kritisieren und Kritik ertragen im Vordergrund stehen, wobei die Zeitkritik in gebührender sprachlicher Form einen hohen Stellenwert besitzt (Krawietz 2016, S.167)

4.2.1 Motivwagen nach dem Organon-Modell

Zwischen den Produzenten der Motivwagen und den Betrachtern findet eine Interaktion statt. Nach dem Organon-Modell von dem deutschen Psychologen Karl Bühler teilt ein Sender - hier der Wagenbauer und die jeweiligen Mitverantwortlichen - einem Empfänger

- hier den Besuchern des Rosenmontagzuges und den weltweit digitale Medien Nutzenden
- etwas über ein „Ding“ mit. Das „Ding“ wäre das Thema des Wagens (politik-, kirchen-, gesellschaftsbezogen) (Auer 2013, S.112).

Der Sender gibt durch seinen Ausdruck über die Darstellung einer bestimmten Sache oder eines Sachverhalts etwas von sich Preis, wie bei den Wagen beispielsweise der Hersteller über sein Meinungsbild zu einer bestimmten Begebenheit, die den Empfänger durch den Appell an ihn beeinflusst (Auer 2013, S.112). Dies kann beim Betrachten der Wagen zum einen Zustimmung, Zufriedenheit, Bestätigung auslösen, aber auch Ablehnung, Ärger, Protest, Aufbegehren oder Reflexion über die neuen Erkenntnisse des Dargestellten. Interessierte am Fastnachtsumzug nehmen also bewusst oder unbewusst an den sprachlichen Zeichen der Motivwagen teil und werden somit Teil des öffentlichen Raumes. Wittgenstein hebt hervor, dass Sprache nicht von oben, sondern von unten betrachtet werden soll, das heißt die Interpretation und Verwendung geht vom Betrachter aus und wird ihm nicht übergestülpt (Winderlich 2005, S.101). Die Betrachter des Rosenmontagszuges werden demnach selbst Autoren und interpretieren und verwenden das Wahrgenommene unabhängig vom Hersteller selbst. Weiter sagt Wittgenstein, dass es wichtig sei, den Passanten herauszufordern und aus vorgefundenen Fragmenten selbst ein Thema zu entwickeln (Winderlich 2005, S.101). Dies realisiert sich ebenfalls in den Motivwagen, indem politische oder skandalöse Themen auf ironische Art und Weise dargestellt werden und damit zum Hinterfragen und Weiterdenken anregen.

[...]


1 Zeichendiskurs: „Zeichen, die zu einem Diskurs gehören, sind typischerweise nicht zusammen sichtbar. Der Zeichenrezipient nimmt aber die einzelnen Zeichen eines Diskurses in ihrer gegenseitigen Kohärenz und Bezugnahme wahr“ (Auer, 2010, S.286)

2 Randgrammatik: grammatische Konstruktionen, die in der situationsgebundenen Schriftsprache selten und dennoch interpretierbar sind (Auer 2010, S.288)

3 Fastnachtshochburgen: Damit sind die Städte Düsseldorf, Köln und Mainz gemeint, in denen die Fastnacht eine jahrhundertelange Tradition besitzt und diese Städte prägte.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Analyse sprachlicher Zeichen in Motivwagen der Düsseldorfer und Mainzer Fastnacht und deren grenzwertige Satire
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Sprachliche Zeichen im öffentlichen Raum
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
34
Katalognummer
V1007791
ISBN (eBook)
9783346395924
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachliche Zeichen, öffentlicher Raum, Sprachwissenschaft, Motivwagen, Fastnacht, Karneval, Donald Trump, Satire
Arbeit zitieren
Simone Gerber (Autor), 2019, Analyse sprachlicher Zeichen in Motivwagen der Düsseldorfer und Mainzer Fastnacht und deren grenzwertige Satire, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1007791

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