Lenin - Ein besserer Marxist?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019

23 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einführung

2. Russland 1861-1917
2.1 Industrialisierung im russischen Imperium
2.2 Der russische Kapitalismus
2.3 Das Ende der Monarchie

3. Marx als Gesellschaftstheoretiker
3.1 Entwicklung des Kapitalismus
3.2 Der fortgeschrittene Sozialismus

4. Russischer Marxismus
4.1 Die Theorie: Marx über Russland
4.2 Die Umsetzung: Leninismus
4.2.1 Das Sozialismus-Experiment
4.2.2 Neue Ökonomische Politik

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einführung

„Lenin - Der Machiavell des Ostens“, so bezeichnet H. Fischer sein Werk, in dem er Lenin eine ideologiefreie-Politik zuschreibt sowie ihn mit Weber, Machiavelli, Strauss und weiteren vergleicht. Ohne das Buch zu lesen, stellt sich bereits die Frage, ob und inwiefern man Lenin tatsächlich mit anderen Philosophen und Visionären vergleichen kann. Lenin verfasst Thesen, Texte, Programme und scheint den Marxismus zu revolutionieren, woraus sich später der Leninismus ergibt. Allerdings ist Lenin zeitgleich eine politische Persönlichkeit mit der Ambition, seine Ideen zu realisieren. Dadurch angetrieben, wird er zum Experimentator, der eine kommunistische Gesellschaft verwirklicht.

Die Theorien von Marx und Lenin vergleichend zu analysieren liegt nahe, da beide marxistisch sind, Lenin jedoch „seinen“ Marxismus an das Zarenreich Russland anpassen musste (Leninismus). Gerade diese Anpassung und der Umstand, dass Lenin die Theorie in die Praxis umzusetzen versucht, wird mit den Folgen seiner Taten sichtbar. War aber Lenin womöglich dadurch ein “besserer Marxist”?

Der Ausführende wird immer mit Hindernissen konfrontiert werden, die der Planende nicht bedenkt und oft nicht vorhersehen kann. Um also Lenin und Marx zu vergleichen, müssen sowohl Lenin und seine politischen beziehungsweise politisch-philosophischen Texte in einen Bezug auf seine Wirklichkeit, d.h. den Anfang des 20. Jahrhunderts in Russland, gelesen werden, als auch die Texte von Karl Marx in Bezug zum 19. Jahrhundert in Europa gestellt werden. Hinzu kommt, dass im Falle des Ausführenden, hier Lenin, auch seinen Taten eine wichtige Rolle zukommt.

Lenin scheint den Marxismus mit der Sowjetunion verwirklicht zu haben. Dabei waren es gerade Marx und Engels, die den Kommunismus in Europa, genauer in Deutschland, Frankreich und Großbritannien erwarteten, statt im zaristischen Russland. Der bloße Unterschied zwischen der planenden und ausführenden Kraft wird kaum einen so großen Irrtum begründen können.

Wie konnte also Lenin den Marxismus soweit anpassen (in Teilen sogar umgehen), dass Marx sich scheinbar in seinen Annahmen geirrt hat und sein Lebenswerk, der Marxismus, auf Russland anwendbar gewesen ist? Hierzu muss erst die Frage beantwortet werden, inwiefern Lenin tatsächlich wissenschaftlich geschrieben und argumentiert hat und ob seine Ideen verwirklicht wurden.

In dieser Arbeit möchte ich somit Lenins Texte und Arbeitsweise mit denen von Karl Marx vergleichen, der ohne Frage das Vorbild für den Leninismus darstellt, und überprüfen, ob Lenin tatsächlich umsetzbare, wissenschaftlich erforschte Gedanken für den Sozialismus formulierte, oder ob er kein „besserer Marxist“ gewesen ist. Hierzu werden allen voran Publikationen von Marx und Lenin genutzt, ebenso wie einige biographische Aspekte benannt. Unumgänglich ist hierbei auch die Frage nach den Umständen im Land, während derer beide Theorien entstanden.

Da es den Rahmen der Arbeit überschreitet, möchte ich mich in dieser Arbeit auf genau zwei Aspekte beziehen. Den fortgeschrittenen Kommunismus als Zielsetzung sowie die Arbeitsweise beider Personen berücksichtigen.

Es werden nicht alle Anpassungen des Marxismus durch Lenin betrachtet.

2. Russland 1861 -1917

Anders als Marx im 19. Jhd., sieht Lenin sich Anfang des 20. Jahrhunderts einem anderen Problem, einer anderen gesellschaftlichen Entwicklung, gegenüber. Die zu diesem Zeitpunkt bereits reformgeprägte Gesellschaft des Zarenreiches, befindet sich in starkem Rückstand gegenüber dem Westen.1 So wird im russischen Zarenreich erst 1861 die Leibeigenschaft abgeschafft, in Frankreich mit Beginn der Französischen Revolution 1789 (Vgl. Hyppolite 1877:24). Allgemein betrachtet lässt sich also sagen, dass die Abschaffung der Leibeigenschaft erst einige Jahre später in Russland eintritt, als in Europa. In Deutschland tritt sie phasenweise in den einzelnen Staaten ein.

Durch die stattfindende Industrialisierung (vor allem außerhalb des Russischen Imperiums) und die Abschaffung der Leibeigenschaft war eine rapide Entwicklung des Kapitalismus in Russland möglich.

“Man war der Meinung, dass hier ein industrielles Neuland vor den Toren Westeuropas läge, dessen Entwicklung zumal auf Grund der an sich durchaus günstigen wirtschaftlichen Möglichkeiten des Landes mit überraschender Schnelligkeit erfolgen müsse.”

Schultze 1915:126

Das weiterhin landwirtschaftlich geprägte Reich entwickelt sich vom Grundbesitz, also vielen Arbeitern und Bauern, zu einer kapitalistischen Produktion, die jedoch deutlich weniger Arbeiter benötigt und beschäftigt. Durch Fehlen eines Startkapitals, der Beibehaltung der bäuerlichen obscina (“Bauernverband”) und ungenügender Arbeitsplätze in den Industrien, wurde die kapitalistische Entwicklung verlangsamt.

2.1 Industrielle Revolution Russland

Die industrielle Revolution in Russland entwickelte sich sowohl langsamer als auch in Schüben, d.h. schneller, als es in Europa der Fall gewesen war. Schultze Begründet diesen Umstand unter anderem durch fehlende Bildung der Arbeiter (Vgl. Schultze 1915:126).

Dennoch konnte man eine soziale Differenzierung, also kapitalistische Anfänge, innerhalb der Bauern erkennen, die mit der wachsenden Bevölkerungszahl (Vgl. Neutatz 2013; Jürgens 2018:87) und dadurch mit der zunehmenden Konkurrenz bei immer weniger werdenden Arbeitsplätzen zunahm. Kapitalistische Züge konnten gerade in den Dörfern beobachtet werden, in denen bereits eine eigene Produktion ausgeprägt ist, sowie in neubesiedelten Territorien, wie einige südliche Regionen der Ukraine (Wädekinl952:299).

Somit ist die Industrialisierung ein notwendiger Faktor, Trotz zuvor bereits existenten Fortschritten wie dem Schiffsbau durch Zar Peter I., tritt die industrielle Revolution erst spät ein. Sie erfolgte unter der Prämisse, dass andere Länder, in denen die Industrialisierung früher begonnen und weiter fortgeschritten war, eingeholt werden mussten. Zu diesem Zwecke, wurde der Verlauf der Industrialisierung geleitet, so wird beispielsweise der Ausbau der Eisenbahn staatlich gefördert. Diese Vorgehensweise war gerade durch die bereits erwähnte Notwendigkeit motiviert, mit anderen Großmächten mithalten zu können. Dennoch verlief die Industrialisierung nicht in allen Teilen den Landes gleichmäßig, es liegt nahe, dass Orte, an denen beispielsweise die Metallförderung möglich ist (u.a. Ukraine-Donbassminen, Ural-Gebirge), schneller “modernisiert” gewesen sind, als solche, an denen ausschließlich die Landwirtschaft als Leichtindustrie möglich gewesen ist.

2.2 Der russische Kapitalismus

Nicht nur die Gesellschaft war reformgeprägt, ebenso befand sie sich in einem revolutionären (oder auch “prärevolutionären”) Zustand. Das Volk war unzufrieden mit den Ergebnissen verschiedener Reformen und damit auch unzufrieden mit der Herrschaft des Zaren. Zusätzlich wirkte sich die Wirtschaftskrise (1899-1903)2 negativ aufRussland aus, ausländische Investoren gingen dadurch verloren.

Ausländisches Kapital wird zu einem wichtigen Teil der russischen Wirtschaft (Vgl. Schultze 1915:125ff). So investieren viele in verschiedene Industrien, wie die Eisenbahn, Metall- und Kohlegewinnung und weitere. Große Teile der Firmenaktien 2Anmerkung: Der Dow Jones fällt zwischen 1900 und 1903 um 32,70%, dessen Auswirkungen vor allem im russischen Imperium eine Wirtschaftskrise nach sich ziehen. Russische Quellen nutzen die Bezeichnung “Weltwirtschaftskrise” und auch Bankkapital gehörten Investoren aus anderen Ländern, dadurch wuchsen die Schulden des Landes.

[...] Seit 1895 schien sich die russische Industrie rege zu entwickeln. Das Ausland gab auch dafür grosse Summen her. Am Schluss des Jahres 1899 waren in Russland 146 fremde Gesellschaften konzessioniert mit einem Gesamtkapital von 765 Mill. Rubel oder 2.075 Mill. Fr. Davon entfielen auf Frankreich 792, auf Belgien 734, auf Deutschland 261, auf England 231 Mill. Fr. Ein Teil davon mochte zwar russisches Kapital unter fremder Firma sein. Jedenfalls floss ausländisches Kapital in Strömen herbei [...]

Schultze, 19153

Bereits kurz vor Beginn des ersten Weltkrieges belief sich die Summe der Schulden auf circa 4,5 Milliarden Rubel (Vgl. Sidorof 1960:40ff). Die Abhängigkeit von ausländischen Geldern band Russland an andere kapitalistische Länder. Trotz aller Reformen und Versuche, die Industrialisierung voranzutreiben und das gesamte Reich zu modernisieren, gab es den bereits erwähnten Unterschied des Fortschritts in einzelnen Gebieten. Vereinfacht formuliert, konnte so die Kluft zwischen Arm und Reich größer werden.

Durch die Neuerungen und die Entwicklungen wird die Bildung neuer Schichten möglich. Die Schicht des Proletariats entstand notwendigerweise aus den beschäftigten Arbeiten, es bildete sich ebenso eine Schicht der Unternehmer heraus, die dem Kapitalismus eigen sind. Noch einmal muss betont werden, dass trotz der Reformen und Modernisierungen, feudalistische Normen weiterhin vorhanden waren und das russische Reich weiterhin von der Landwirtschaft, also Erträgen der Leichtindustrie, wie Lenin es bezeichnet, lebt.

Somit hatte Lenin ein Land vor sich, das wirtschaftlich kein Konkurrent zu sein schien und keine Macht in dieser Hinsicht besaß. Ähnliches ist auch in der Politik zu finden.

2.3 Das Ende der Monarchie

Lenin lebt zu einer Zeit, in der das Zarenreich Russland mit circa 135 Millionen Menschen an dritter Stelle der Bevölkerungsreichsten Länder der Welt steht (Vgl. Hentschel 1993:592-599). Mehrheitlich besteht die Bevölkerung aus verschiedenen Nationalitäten, darunter Menschen aus dem heutigen Russland, Kasachstan, Weißrussland, Polen, Ukraine sowie aus Ländern des Kaukasus und weiteren. Gemessen an geografischer Größe, war das russische Imperium an zweiter Stelle nach Großbritannien (Vgl. Hentschel 1993:592-599). Anfang des 20. Jahrhunderts besteht die absolutistische Erbmonarchie der Romanovs.

Nach der Revolution 1905 erklärt Zar Nikolaus II die Errichtung eines Parlaments zur Beratung bei Gesetzesänderungen, die GosDuma (gosudarvstvenaja duma)4. Dieses Gremium wird bald mit einem neuen Manifest des Zaren zum unentbehrlichen Organ der Gesetzgebung gemacht, es wird festgelegt, dass nur mit Zustimmung der GosDuma eine Gesetzesänderung oder -gebung möglich ist. Die GosDuma bestand aus Landbesitzern, Bauern, Kaufleuten, der städtischen Intelligenzija5 sowie der industriellen Bourgeois. Im Februar 1917 wird die GosDuma auf Befehl des Zaren aufgelöst, diese tagt jedoch weiterhin und wird bald zur mächtigsten Opposition des Zaren (Vgl. www.duma-gov.ru).

Der letzte Zar, Nikolaus II., dankt im selben Jahr auf Grund des steigenden politischen Drucks ab. Die bereits existente Duma übernimmt 1917 die Regierungsgeschäfte auf Zeit, bis zu den bald geplanten Wahlen. Lenin sieht seine Chance und propagiert den Kommunismus. Schließlich siegt die Kommunistischen Partei und damit Lenin und seiner Mitstreiter.

3. Marx als Gesellschaftstheoretiker

Das 19. Jahrhundert in Europa ist geprägt von politischen Unruhen, neuer philosophischer und verschiedenster politischer Strömungen. In diesem Jahrhundert finden unter anderem die Revolution 1848, Napoleons Herrschaft und die Industrialisierung statt. Nebst vielen Schriftstellern und Philosophen lebt und wirkt auch Karl Marx zu dieser Zeit. Er sah sich einer kapitalistischen Gesellschaft gegenüber, die den Feudalismus zu großen Teilen überwunden hatte und sich stetig weiterentwickelte.

Nach der Französischen Revolution sorgen die existenten Unruhen für massive Bildungen politischer Gruppierungen, die neuen Strömungen münden in Deutschland in der gescheiterten Märzrevolution 1848.

Zu dieser Zeit wird auch der Kommunismus populär, so ist es wenig überraschend, dass zu dieser Zeit Marx seine Ideen verfasst und publiziert. Es entstehen Werke wie “Das Manifest der kommunistischen Partei” und “Das Kapital”, die seine Hauptwerke werden sollten.

3.1 Entwicklung des Kapitalismus

Im Gegensatz zum Russischen Imperium, verlief die Industrialisierung in Europa viel früher, die Entwicklungsstufen verliefen geordnet, von selbst und wurden nicht primär durch einen Staatsapparat geleitet. Europa konnte sich selbst entwickeln und brachte mit der Modernisierung den Kapitalismus auf “natürlichem Wege”. Die Entwicklung durch die Industrialisierung verläuft meistens auf selbe Weise, sodass dieser Prozess mit den Abläufen Ende des 19. Jhd./ Anfang des 20. Jhd. im Russischen Imperium vergleichbar ist. Die Phasen lassen sich wie folgt betiteln: Rückgang der Agrarwirtschaft, steigende demographische Bewegungen in Richtung der Städte, Übergang zu industrieller Produktion, Förderung von Kohle, Metallen und weiteren Gütern, Förderung der Eisenbahn.

In Deutschland macht sich die Industrielle Revolution geografisch ebenso bemerkbar wie später in Russland: Bestimmte Orte, an denen Fabriken zur Herstellung verschiedener Produkte oder natürliche, förderbare Ressourcen (u.a. Kohleminen, Bergbau) vorhanden sind, stechen besonders hervor (Kiesewetter 2004:214ff).

Im Gegensatz zum Russischen Imperium jedoch, wird der Maschinenbau stark gefördert, wodurch neue Arbeitsplätze entstehen und Deutschland international eine konkurrenzfähige, wirtschaftliche Machtposition genießt (Kiesewetter 2004:214ff). Auf Grund der Notwendigkeit von Facharbeitern, erweist sich die neue Industriegesellschaft als anpassungsfähig.

[...]


1 hier: europäische Großmächte: Vereinigtes Königreich Großbritannien (Commonwealth), Deutsches Kaiserreich, Dritte Französische Republik

2

3 “Das französische Kapital in Russland” Schultze 1915:125

4 Abgeordnetenversammlung des Staates

5 Bildungsbürgertum

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Lenin - Ein besserer Marxist?
Hochschule
Universität Potsdam  (Slawistik)
Veranstaltung
Basismodul Russische Literatur und Kultur
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
23
Katalognummer
V1007938
ISBN (eBook)
9783346396044
ISBN (Buch)
9783346396051
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kommunismus, Lenin, Marx, Sozialismus, Russische Revolution, Wirtschaft Russisches Reich
Arbeit zitieren
Alexija Kraft (Autor), 2019, Lenin - Ein besserer Marxist?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1007938

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