Kognitive Eigenschaften von Experten. Ein Blick auf die Expertiseforschung in Sport, Gaming und Sprache


Forschungsarbeit, 2021

32 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Schlüsselbegriffe der Expertiseforschung
2.1 Performance
2.2 Knowledge
2.3 Deliberate Practise
2.4 Fazit zu den Schlüsselbegriffen

3 Betrachtung verschiedener Expertisedomänen
3.1 Sport
3.2 Gaming
3.3 Sprache
3.4 Kritische Betrachtung der Studien

4 Diskussion, Ausblick

5. Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Das Können von Experten*innen ist beeindruckend. Allein im sportlichen Bereich können etliche Personen aufgezählt werden, die in verschiedensten Sportarten Bestleistungen erbracht haben, welche ein „normaler“ Mensch nicht erreichen könnte. Es scheint für diese Sportler völlig selbstverständlich zu sein, auf ihrem Gebiet (Domäne) mit Leidenschaft, Dynamik, Ruhe und Präzision, Aufgaben, Wettkämpfe oder Probleme zu meistern. Novizen, das heißt unerfahrene oder ungeübte Personen in einer Domäne wären selbst nach langem Üben dazu nicht in der Lage. Die Fähigkeiten dieser „Experten“ werden nicht nur von den Zuschauern bewundert. Auch die Wissenschaft hat ihr Interesse an diesem Forschungsfeld gezeigt (vgl. Hagemann & Loffing 2020, S. 131). Die aus diesem Interesse entstandene Expertiseforschung befasst sich mit der Erforschung der psychologischen, neuronalen und kognitiven Mechanismen, die die Expertenleistungen (z. B. im Bereich Problemlösen, Wissen, Wahrnehmung etc.) erst möglich machen. Was macht Individuen aus, die ständig Höchstleistungen erbringen? Welche Mechanismen stecken dahinter und wie werden diese erworben? Spielt die Begabung dabei eine Rolle? Können auch unbegabte Personen zu Experten werden? Diesen und weiteren Fragen widmet sich die Expertiseforschung auf vielen verschiedenen Gebieten bzw. Domänen. Dabei wird davon ausgegangen, dass Expertise durch eine intensive, langjährige Auseinandersetzung mit dem Gegenstand oder der Domäne erworben werden kann und nicht, wie im 19. Jahrhundert angenommen, durch Intelligenz oder genetischer Vererbung gelernt werden kann (vgl. Ericsson & Lehmann 2011, S. 489). Zudem geht die Expertiseforschung davon aus, dass Expertise primär in einer Domäne erworben wird, sodass Individuen in dieser Experten sind, jedoch in anderen Novizen bleiben. Nach diesen Annahmen kann die Expertise als ein domänenspezifisches Phänomen klassifiziert werden.

In der vorliegenden Arbeit soll die Expertise in den Domänen Sport, Gaming (Computerspiele) und Sprache näher betrachtet werden. Dabei werden die kognitiven und neuronalen Mechanismen, die die Expertiseforschung betrachtet, herausgestellt und verglichen. Nach der Einleitung sollen in Kapitel 2 die Schlüsselbegriffe der Expertiseforschung dargestellt werden und auch der Begriff der Expertise als solches skizziert werden. In Kapitel 3 wird darauf aufbauend der derzeitige Forschungsstand durch Betrachtung aktueller Studien in den Expertisedomänen Sport, Gaming und Sprache dargelegt. Zudem werden die Ergebnisse und die Methodik der Studien kritisch betrachtet. Im abschließenden vierten Kapitel werden die Ergebnisse der Studien diskutiert und miteinander in Verbindung gebracht. Anschließend werden aus der Überlappung der Ergebnisse weitere Forschungsperspektiven abgeleitet und eigene Ideen für weiterführende Studien formuliert. Folgende Forschungsfragen sollen dabei beantwortet werden:

Gibt es bei Experten in den Domänen Sport, Gaming und Sprache eine vergleichbare Veränderung der neuronalen bzw. kognitiven Eigenschaften?

Welche Forschungsperspektiven könnten sich aus einer Überlappung aktueller Studienergebnisse ergeben?

2 Schlüsselbegriffe der Expertiseforschung

Um im Verlauf dieser Arbeit ein weitgehend vollständiges Verständnis zur Expertiseforschung nutzen zu können, ist es wichtig die Schlüsselbegriffe dieser zu klären und das Grundlagenwissen darzustellen. Die Hauptaufgabe der Expertiseforschung ist es, herauszufinden wie ein Individuum zu einem Experten auf einem Gebiet werden kann, welche Prozesse es ihm ermöglichen das höchste Leistungsniveau auf diesem Gebiet beizubehalten und warum nur wenige dieses Leistungsniveau erreichen können (vgl. Ericsson & Lehmann 2011, S. 488). Dabei ist es wichtig zu verstehen, welcher Zusammenhang zwischen den Begriffen „Experte“ und „Expertise“ besteht. Diese sind unmittelbar miteinander verflochten, dürfen jedoch nicht verwechselt werden.

Grundsätzlich werden Individuen als Experten bezeichnet, wenn sie auf einem bestimmten Gebiet sehr sachkundig und geschickt sind bzw. wenn sie ein überdurchschnittliches Wissen besitzen und somit als „Fachmann“ bezeichnet werden können (vgl. Campitelli et al. 2015, S. 2; vgl. Genau 2020; vgl. Brockhaus o.J.). Zudem erbringen Experten in ihren jeweiligen Domänen dauerhaft (also nicht zufällig und singulär) eine gleichbleibend herausragende Leistung und sind somit den „normalen“ Menschen dahingehend überlegen (vgl. Gruber & Ziegler 1996, S. 8). Die Erwartungen an einen Experten können hoch sein, da es für Nicht-Experten selbstverständlich ist, dass die überdurchschnittlichen Leistungen des Experten erbracht werden. Die erworbene Expertise ermöglicht es den Experten, auf bestimmte Mechanismen (z. B. die Problemlösefähigkeit) zurückzugreifen, welche ihm dabei helfen andauernde Höchstleistungen zu zeigen (vgl. Ericsson & Lehmann 2011, S. 488; vgl. Wenniger 2000). Gegenüber den Experten stehen sogenannte Novizen, welche über keine besonderen Fähigkeiten in einer Domäne verfügen und somit als Ungeübte gelten. Sie sind zwar in der Lage die grundlegenden Aufgaben der Domäne auszuführen, jedoch nicht die Höchstleistungen der Experten zu erbringen, da sie beispielsweise noch nicht genug Erfahrung in der Domäne sammeln konnten (vgl. Ericsson & Lehmann 2011, S. 488; vgl. Gruber & Ziegler 1996, S. 8).

Unter den Mechanismen, welche die Expertise beschreibt und welche einen Experten von einem Novizen unterscheidet, werden zum einen die Dimension Performance (Fähigkeiten und Performanz) und zum anderen die Dimension Knowledge (Wissen und Information) zusammengefasst (vgl. Goldman 2018, S. 3; vgl. Ericsson & Charness 1994, S. 726). Bei genauerer Betrachtung eines Experten und dessen Umgang mit seinem Wissen zeigt sich jedoch, dass diese beiden Dimensionen allein nicht ausreichen, um seine Leistungsfähigkeit auf einem überragenden Niveau zu halten. Nur in der Kombination mit einer weiteren Dimension, dem langjährigem Training bzw. dem Deliberate Practise (absichtliches Üben oder beratendes Training) kann der Experte sein volles Potential ausschöpfen (vgl. Vaci et al. 2019, S. 184; vgl. Ericsson & Lehmann 2011, S. 496). Die Expertise eines Menschen beruht somit auf seinem Wissen, seinen Fähigkeiten und einem bewussten, langjährigen Training. Diese drei Dimensionen werden im weiteren Verlauf des Kapitels näher betrachtet. Es werden die englischen Begriffe genutzt, da in der Expertiseforschung vorwiegend in dieser Sprache veröffentlicht wird.

2.1 Performance

Die Dimension der Performance, im deutschen mit „Performanz“ bzw. „Leistungsfähigkeit“ übersetzt, wird in der Expertiseforschung seit langem untersucht. De Groot´s Untersuchungen (1978) über die Expertise von Schachspielern wird dahingehend als Pionierleistung angesehen. Er konnte feststellen, dass abgesehen von der Eröffnungsphase, die Fähigkeit eine Schachpartie aus der mittleren Phase des Spiels auf einem hohen Niveau weiterzuspielen, eine sehr hohe Performance impliziert (vgl. de Groot 1978). Somit erachtete er die weiterführende Betrachtung der Experten-Performance von Schachspielern und deren vielfältige Entscheidungen im Spiel als sinnvoll. Weitere Wissenschaftler übernahmen diese Haltung und konnten bemerkenswerte Unterschiede zwischen Schach-Experten und Schach-Novizen beobachten (vgl. Vaci et al. 2019, S. 183; vgl. Ericsson & Charness 1994, S. 732; vgl. Sheridan & Reingold 2015, S. 11). Ein Schach-Experte z. B., kann sich durch einen bestimmten Erinnerungsprozess während einer Schachpartie einen deutlichen Vorteil in der Verarbeitungsgeschwindigkeit von komplexeren Schachzügen herausarbeiten und somit den nächstbesten Zug deutlich schneller identifizieren als ein Schach-Anfänger (vgl. Sheridan & Reingold 2015, S. 15). Des Weiteren können sich Schach-Experten im Gegensatz zu Schach-Anfängern deutlich besser an die Positionen von einzelnen Schachfiguren erinnern. Ab einem bestimmte Punkt können sie sogar eine komplette Partie mit verbundenen Augen spielen, da sie sich vollständig auf ihre mentalen Vorstellungen verlassen können (vgl. Ericsson & Lehmann 2011, S. 493 f.). Ähnlich bemerkenswerte Fähigkeiten können auch bei Experten in anderen Domänen festgestellt werden (vgl. ebd., S. 494).

Nach Ericsson & Lehmann (2011) und Wenniger (2000) ist die Performance als die Fähigkeit zu beschreiben, bereichs- und aufgabenspezifische Probleme schneller zu lösen und die Problemlösestrategie mit einem verminderten kognitiven Aufwand durchzuführen. Zudem können die Experten durch die erlernten Mechanismen, Geschehnisse in einer Situation deutlich besser antizipieren, sich darauf vorbereiten und sie wahrnehmen (vgl. Ericsson & Lehmann 2011, S. 494; vgl. Wenniger 2000). Der oben genannte „blindfolded“ Schachspieler ist dafür ein gutes Beispiel. Er besitzt die Fähigkeit vorauszuplanen, sodass er das eigentliche Spielfeld in der Realität nicht mehr sehen muss und trotzdem die Partie beenden kann. Es zeigt sich, dass mentale Mechanismen und die damit verbundene Problemlösefähigkeit Teil der Performance von Experten sind. Diese stellen einen wichtigen Teil in der Expertiseforschung dar.

Allgemein verfolgen Experten das Ziel in ihrer Domäne stetig besser zu werden und ihre Fähigkeiten und Wissen immer weiter auszubauen. Nach Schüttelkopf (2015) basiert das Lernen auf einem notwendigen Scheitern, da aus Fehlern effektiver gelernt werden kann. Das Lernen aus Fehlern ist demzufolge ein Zeichen von Intelligenz und eine Strategie, um Wiederholungsfehler zu vermeiden (vgl. Schüttelkopf 2015, S. 115f.). Experten lassen sich auf diese Lernstrategie ein, da sie den Sinn von Fehlern erkannt haben. Auch Michael Jordan, einer der bekanntesten und erfolgreichsten Basketballspieler der Geschichte, bestätigt in einem Interview mit Mark Vancil, dass er durch Fehler lernen konnte:

I've missed more than 9,000 shots in my career. I've lost almost 300 games. Twenty-six times, I've been trusted to take the game winning shot and missed. I've failed over and over and over again in my life. And that is why I succeed. (Jordan zitiert nach Vancil 1992)

Obwohl er in seiner Karriere oft gescheitert ist und Fehler gemacht hat, kann er den Situationen etwas Positives abgewinnen, da er rückwirkend das Scheitern als eine Hilfe für den Erfolg anerkennt. In dieser Aussage steckt ein wichtiger Aspekt der Performanceentwicklung. Experten sind mit der Herausforderung konfrontiert die Stagnation der Performanceentwicklung zu vermeiden und ihre mentalen Mechanismen so weit auszubauen, dass sie konstant weiterlernen können. Somit kann schlussgefolgert werden, dass ein Experte bezogen auf sein Training ein hohes Maß an Durchhaltevermögen vorweisen muss, da sonst wenige Misserfolge zugelassen werden, aus denen er lernen könnte (siehe Kapitel 2.3).

2.2 Knowledge

Die Dimension Knowledge, im Deutschen mit „Wissen oder Kenntnis“ übersetzt, wird von vielen Menschen mit Expertise oder Experten in Verbindung gebracht. Es wird davon ausgegangen, dass eine Person, die über viel Wissen in einer Domäne verfügt, gleichzeitig ein Experte in dieser ist oder sein kann. Interessanterweise ist jedoch ein Mensch, welcher über viel Fachwissen verfügt, nicht gleichzeitig als ein Experte zu bezeichnen. Eine fiktive Anekdote kann den Unterschied zwischen Fachwissen und Expertise gut darstellen:

Nachdem Max Planck im Jahr 1919 den Nobelpreis für Physik erhalten hat, reiste er durch ganz Deutschland und hielt Vorträge über die Quantenphysik. Sein Chauffeur begleitete ihn immerfort und hörte sich alle Vorträge an. Nach einiger Zeit konnte der Chauffeur den Vortrag praktisch auswendig und schlug Herr Planck ein Experiment vor: Er wolle beim nächsten Termin den Vortrag halten und Planck vertreten, um zu gucken ob die Zuhörer den Unterschied bemerken würden. Planck willigte ein und beide übernahmen die Rollen des jeweils anderen. Tatsächlich konnte der Chauffeur den Vortrag über Quantenphysik tadellos wiedergeben. Am Ende des Vortrages stellte ein Zuhörer jedoch eine spezifische Frage über das Thema, worauf der Chauffeur nichts erwidern konnte außer, dass er überzeugt ist, dass sein Chauffeur (Herr Planck) die Frage beantworten könne (vgl. Rassek 2020).

Diese Geschichte macht deutlich, dass obwohl der Chauffeur das Fachwissen über das Thema besaß, er nicht als Experte bezeichnet werden kann. Ihm war ein tiefergehendes Wissen über die physikalischen Theorien nicht bekannt. Auf der anderen Seite kann Herr Planck als Experte bezeichnet werden, da er die Quantenphysik jahrelang studiert und dafür den Nobelpreis erhalten hat. Selbst in der Rolle des Chauffeurs hätte er die Frage des Zuhörers aufgrund seines weiterführenden Wissens ohne Probleme beantworten können.

Lintern et al. (2018) definieren Wissen als eine Sammlung von Fakten, Informationen, Beschreibungen, Verständnis und Fähigkeiten, die ein Individuum oder eine Gruppe besitzen kann. Es kann sich auf etwas Sachliches beziehen oder eine Anleitung sein. Des Weiteren kann es als explizites oder implizites Wissen vorliegen (vgl. Lintern et al. 2018, S. 165). Explizites Wissen meint dabei das Wissen, welches sich leicht versprachlichen lässt und schnell aus dem Bewusstsein abrufbar ist. Implizites Wissen hingegen meint das Wissen, welches sich nicht leicht versprachlichen lässt und nur langsam aus dem Bewusstsein abgerufen werden kann (vgl. ebd.; vgl. Amann 1994, S. 32 f.). Generell wird Knowledge bzw. Wissen in der Expertiseforschung als Grundlage für die Expertise betrachtet, da dieses alle wichtigen Informationen über die Domäne enthält und somit die Basis für Handlungen, Gedankengänge und kognitive Verhaltensweisen ist (vgl. Gruber & Ziegler 1996, S. 12 f.). In der Kognitionspsychologie wird untersucht wie Experten, im Gegensatz zu Novizen, das Wissen abrufen und welche Vorteile sie dabei haben. Ericsson & Lehmann (2011) nehmen an, dass Experten ihr Wissen besser organisieren und somit effektiver und schneller Probleme lösen können. „When physics experts (professors) read through a physics problem, they immediately retrieve a solution plan as part of their normal comprehension.“ (Ericsson & Lehmann 2011, S 490) In diesem Beispiel wird angenommen, dass der Physik-Professor gleichzeitig der Physik-Experte ist. Seine Vorgehensweise, um ein physikalisches Problem zu lösen, ist gradlinig und strukturiert. Er kann sofort nach Betrachtung des Problems einen Lösungsplan abrufen, welcher Teil seines normalen Verständnisses ist. Sein Vorteil liegt darin, dass ihm zum einen mehr Wissen zur Verfügung steht und zum anderen, dass er dieses Wissen um relevante theoretische Prinzipien der Physik vororganisiert hat. Diese Organisation des Wissens und das Verständnis der physikalischen Prinzipien erlaubt es ihm, den Lösungsplan direkt nach Sichtung des Problems abzurufen (vgl. ebd.). „Knowledge is first acquired and then organized into adequate procedures and actions.“ (ebd., S. 490) Im Gegensatz dazu betrachten Nichtexperten, wie z. B. Physik-Studenten, zuerst die Frage und suchen dann mit Hilfe von einzelnen Formeln zeitaufwendig nach einer Lösung für das Problem. Ihr Physik-Verständnis und Wissen ist schlechter organisiert und basiert auf oberflächlichen Annahmen anstatt auf verstandenen Konzepten (vgl. ebd.). Offensichtlich hat der Physik-Professor aus kognitiver Sicht einen erheblichen Vorteil gegenüber den Physik-Studenten. Er hat eine umfangreiche Wissensbasis aufgebaut und diese mit Hilfe von Erfahrung und sinnvollen Verfahren gut organisiert (vgl. Didierjean & Gobet 2008, S. 112).

Didierjean & Gobet (2008) gehen zudem davon aus, dass das Wissen von Experten auf verschiedenen Ebenen der Abstraktion abgespeichert ist und dieses koexistiert. Demnach ist Wissen auf einer low level of abstraction (niedrigen Abstraktionsebene) und auf einem schematic level (einer höheren Abstraktionsebene) abgespeichert (vgl. Didierjean & Gobet 2008, S. 112). Das Wissen, welches auf der niedrigeren Ebene abgespeichert ist, tritt in Form von „chunks“, „scripts“ oder „cases“ (Brocken) auf und ist somit nur in lückenhaft und nicht vollständig vorhanden. Daher wird es auch als „episodisches Wissen“ bezeichnet. Das Wissen, welches auf der höheren Abstraktionseben gespeichert ist, wird als „schematisches Wissen“ bezeichnet. Dieses Wissen kann auf eine größere Anzahl von Situationen angewendet werden, um Daten aus der Domäne schnell und automatisiert verarbeiten zu können (vgl. ebd.). Die Koexistenz beider Wissensformen können die Experten bei einer schnellen Problemlösung unterstützen. „They have acquired refined mental representations to maintain access to relevant information and support more extensive, flexible reasoning about encountered tasks or situations.“ (Ericsson et al. 2002, S. 20) Schließlich sind sie dadurch in der Lage die relevanten Informationen schnell zu decodieren, zu speichern und entsprechend den anstehenden Aufgaben anzupassen (vgl. ebd.).

De Groot formuliert in Bezug auf einem Schachexperten daher passend: „A master does not search for a good move, he sees it.“ (de Groot 1965, S. 306)

2.3 Deliberate Practise

Um ein Experte zu werden reicht es jedoch nicht aus, eine gute Performance zu zeigen und ein hohes Knowledge zu besitzen. Nach Miller et al. (2007), welcher sich auf Ergebnisse verschiedener Forscher bezieht, spielt auch die Übung bzw. das Trainieren eine entscheidende Rolle. Im Laufe seiner Nachforschungen konnte er drei Phasen identifizieren, welche zusammen den Cycle of excellence beschreiben (Abbildung 1). Wenn die drei Phasen des Cycle of excellence eigehalten bzw. angewendet werden, kann der Weg zum Experten deutlich einfacher und effektiver beschritten werden. Im Abbildung 1 ist das Zusammenspiel dieser dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 ist das Zusammenspiel dieser dargestellt.

Die erste Phase umfasst die Bestimmung eines baseline level of effectiveness, also dem Basisniveau auf welchem sich das Individuum befindet, einschließlich der erforderlichen Stärken und Fähigkeiten die verbessert werden müssen. Um seine Performance verbessern zu können ist es essenziell zu wissen auf welchem Niveau sich das Individuum befindet. Um dieses baseline level zu messen, sind verschiedene Systeme vorhanden, welche am besten von Psychologen, Individualtrainern oder Betreuern angewendet werden, um die Ergebnisse mit den nationalen und internationalen Normen vergleichen zu können (vgl. Lambert 2010; vgl. Miller et al. 2005). Dieser Schritt ist sozusagen eine Standortbestimmung und soll den IST-Zustand des Individuums erheben (vgl. Rousmaniere et al. 2017, S. 7).

Die zweite Phase befasst sich mit dem obtain systematic, ongoing feedback, also dem Erhalten von systematischem, anhaltendem und formellem Feedback (vgl. ebd.). Einerseits kann dieses Feedback durch die Ergebnisse der Messungen erfolgen andererseits durch Trainer und Betreuer, welche speziell dafür ausgebildet sind die zu verbessernden Fähigkeiten zu identifizieren und entsprechende Trainingspläne zu erstellen (vgl. ebd., S. 8). Für Experten ist dieses Feedback wichtig, da sie auf diese Weise ständig in einem Dialog mit Betreuern, Trainern und Therapeuten sein können und somit ein professionelles Team um sich herum bilden können (vgl. Hill et al. 2015; vgl. Hilsenroth et al. 2015). Doch die Bestimmung des IST-Zustands und das Feedback allein reichen nicht aus, um in den Cycle of excellence einzusteigen. An diesem Punkt sollte das Deliberate Practise miteinbezogen werden. Deliberate Practise, also das „absichtliche Üben“ oder das „beratende Training“, beschreibt ein fokussierendes und systematisches Training, welches über eine längere Zeit durchgeführt wird und dabei das Ziel verfolgt Leistungsschwächen aufzudecken. Diese werden durch Experten bewertet, welche dann durch ihr Feedback einen Plan zur Leistungsverbesserung entwickeln und mit dem Trainierenden ausführen (vgl. Ericsson et al. 1993, S. 368; vgl. Ericsson et al. 2002, S. 5; vgl. Vaci et al. 2019, S. 183). Der Fokus auf die zu erlernenden Fähigkeiten ist wichtig, damit diese gezielt trainiert werden können und das Training zur Routine werden kann. Da diese Fokussierung und das Erhalten eines wiederkehrenden Feedbacks mentale Kraft kostet und den Trainierenden aus seiner Komfortzone bringen kann, ist das Deliberate Practise typischerweise nicht angenehm und rentiert sich erst nach einer gewissen Zeit (vgl. Rousmaniere et al. 2017, S. 8). Es wird angenommen, dass mindestens 10 Jahre oder 10000 Stunden des Deliberate Practise notwendig sind, um ein internationales Niveau in einer bestimmten Domäne erreichen zu können (vgl. Chase & Simon 1973; vgl. Ericsson et al. 1993). Diese Annahme deckt sich auch mit anderen klassischen Befunden, in der ein starker Zusammenhang zwischen Trainingszeit und Fähigkeitslevel angenommen wird (vgl. Bryan & Harter 1897; vgl. Crossman 1959).

Wie in Abbildung 1 zu sehen, befinden sich die drei oben beschriebenen Phasen des Cycle of excellence in einem immerwährenden Kreislauf und erlauben es dem Individuum auf diese Weise seine Leistungsfähigkeit immer weiter zu steigern. Einen entscheidenden Teil leistet dabei das Deliberate Practise, welche die ersten beiden Phasen insofern verbindet, dass es ermöglicht ein neues Basisniveau zu erreichen, welches wiederum durch neue Trainingspläne weiter verbessert werden kann. Ericsson et al. (2006) formulieren daher passend: „Elite performers search continously for optimal training activities, with the most effective durations and intensity, that will appropriately strain the trageted physiological system to induce further adaptation without causing overuse and injury.“ (Ericsson et al. 2006, S. 12) Debarnot et al. (2014) konnten weiterführend feststellen, dass eine bewusste mentale Auseinandersetzung mit einer Domäne nicht nur zu einer kognitiven Expertise führt, sondern auch zu plastischen Veränderungen im Gehirn und somit eine Unterscheidung von Experten und Novizen nachweisbar möglich ist (vgl. Debarnot et al. 2014, S. 64).

2.4 Fazit zu den Schlüsselbegriffen

Aus dem Überblick der Schlüsselbegriffe kann festgehalten werden, dass Experten durch die Kombination der drei Dimensionen Performance, Knowledge und Deliberate Practise ihre überlegenden Leistungen in einer Domäne erbringen können.

Die Performance zeichnet sich durch einen deutlichen Vorteil in der Verarbeitungsgeschwindigkeit von komplexeren Aufgaben aus, wodurch der Experte deutlich schneller das Problem identifizieren und einen Lösungsansatz finden kann. Zudem kann er die Problemlösestrategie mit einem verminderten kognitiven Aufwand durchführen, wodurch seine Leistungsfähigkeit bezogen auf die Problemsituation gesteigert wird. Schließlich können die Experten durch die erlernten Mechanismen, Geschehnisse in einer Situation deutlich besser antizipieren, sich darauf vorbereiten und sie wahrnehmen (vgl. Kapitel 2.1).

Das Knowledge von Experten ist besser organisiert und kann schneller abgerufen werden um Probleme zu lösen. Beispielsweise kann ein Physik-Professor im Gegensatz zu einem Physik-Studenten ein physikalisches Problem deutlich schneller, zielgerichteter und strukturierter lösen. Dies ist ihm durch die Vororganisation seines Wissens möglich, welches viele verschiedene physikalische Probleme betrachtet. Weiterhin ist das Wissen von Experten auf verschiedenen Abstraktionsebenen vorhanden, welche koexistieren (low level und schematic level of abstraction). Durch die Kombination beider Ebenen kann das Wissen auf eine größere Anzahl an Situationen angewendet werden und somit die Problemlösung unterstützen (vgl. Kapitel 2.2).

Das Deliberate Practise beschreibt ein fokussierendes und systematisches Training, welches über eine längere Zeit durchgeführt wird und zu einer Leistungsverbesserung führen soll. Experten nutzen diese Trainingsmethode, um sich besser auf die zu erlernenden Fähigkeiten fokussieren zu können. Typischerweise ist das Deliberate Practise anfangs nicht angenehm und rentiert sich erst nach einer gewissen Zeitspanne. Es wird angenommen, dass eine bewusste mentale Praxis von 10 Jahren oder 10000 Übungsstunden in der Domäne notwendig sind, um das Niveau eines Experten erreichen zu können. Durch diesen zeitlichen Aufwand wird die kognitive Expertise erweitert und sogar neuronale Strukturen im Gehirn verändert (vgl. Kapitel 2.3).

[...]

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Kognitive Eigenschaften von Experten. Ein Blick auf die Expertiseforschung in Sport, Gaming und Sprache
Hochschule
Technische Universität Dortmund  (Institut für Diversitätsstudien Kognition ∩ Literatur ∩ Medien ∩ Sprache)
Veranstaltung
Forschungskolloquium
Note
1,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
32
Katalognummer
V1007944
ISBN (eBook)
9783346397867
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar der Dozentin: "Die Ausarbeitung ist Ihnen sehr gut gelungen. Inhaltlich gut durchdacht, die einzelnen Abschnitt miteinander gut verbunden. Der rote Faden ist sehr gut, die Studien gut gewählt, prima verstanden und vermittelt. Die Grundbegriffe haben Sie super beschrieben und insgesamt eine sehr gelungen Arbeit."
Schlagworte
Expertise, Experte, Sprachwissenschaften, Kognitive Eigenschaften, Gaming, Sport, Sprache, Expertiseforschung
Arbeit zitieren
Simon Ellinger (Autor), 2021, Kognitive Eigenschaften von Experten. Ein Blick auf die Expertiseforschung in Sport, Gaming und Sprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1007944

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Kognitive Eigenschaften von Experten. Ein Blick auf die Expertiseforschung in Sport, Gaming und Sprache



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden