Reisen in der Frühen Neuzeit am Beispiel von George Psalmanazar

Eine kleine Ausarbeitung


Essay, 2017

10 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

George Psalmanazars Weg war sein Ziel

Im Rahmen der Pilgerfahrt reisten Menschen im Mittelalter nicht immer ausschließlich aus religiösen Motiven heraus. Langeweile, Neugier und die Lust zum Reisen waren weitere Motivationen, die einen Pilger zur Reise bewegte. Der religiöse Zweck der Pilgerfahrt geriet gegen Ende des Mittelalters immer weiter in den Hintergrund, bis die weltlichen Motive für das Reisen, wie auch der Forschungs- und Bildungsgedanke eines Reisenden, an Überhand nahmen und dem Begriff der Pilgerfahrt eine Neubestimmung durch einige Humanisten des 16. Jahrhunderts zugeschrieben wurde. Da nämlich während oder nach einer Reise in den meisten Fällen auch ein Reisebericht durch den Reisenden entstanden ist und dieser üblicherweise auch neue Einblicke und Informationen über einen fremden Ort beinhaltete, wurde Mobilität zunehmend mit Bildung in Verbindung gesetzt. Darüber hinaus wurde die Mobilität als eine Zusatzqualifikation für Lehrlinge gesehen, die nach einer Reise insgesamt besser ausgebildet und für das Erwachsenenleben besser vorbereitet wären. Bildung gewann also immer mehr an Legitimation und nach Meinung einiger Humanisten wie Erasmus von Rotterdam, erfüllte die traditionelle Pilgerfahrt auch nicht mehr ihren eigentlichen Sinn und Zweck, weshalb der Begriff „Pilgerfahrt" durch „Bildungsreise" ersetzt wurde.1 Es galt das Prinzip, je länger man reiste und je weiter die Reise ging, desto mehr konnte ein Reisender an Erfahrung und Wissen mitbringen. Die Historikerin Margaret Aston betont hierzu: „Je weiter du gehst, desto mehr wirst du wissen und sehen."2

Könnte diese These der Beweggrund für den großen Schwindel Psalmanazars über seine exotische Herkunft und seine ausführlichen Kenntnisse über die Insel Formosa, dessen Eingeborener3 er laut dem Titel seines Werkes „An Historical and Geographical Description of Formosa, an Island subject to the Emperor of Japan" war, gewesen sein? Versprach sich der bekannteste europäische Schwindler der Frühen Neuzeit mit seiner erfundenen Identität als exotischer Fremder aus Formosa Ansehen und Anerkennung von geistlichen Gelehrten, da er ihnen als seine ersten Zuhörer, viel neues und interessantes Wissen präsentieren konnte, auch wenn dieses von ihm erfunden gewesen war?

Bei den Anfängen seines Schwindels soll Psalmanazar in den Genuss der großen Aufmerksamkeit gelehrter Personen, wie zunächst der des Kaplans des schottischen Regiments in Sluis, dessen Name William Innes war. Später wurde der Londoner Bischof Compton auf ihn aufmerksam, was ihn zur weiteren Ausschmückung seiner vermeintlichen Herkunft noch mehr motiviert haben soll.4

Weder soll mit dieser Ausarbeitung Psalmanazars Charakter und seine Motivation und Intention für den Schwindel erarbeitet, noch soll der Frage nachgegangen werden, warum sich sein Buch über Formosa, trotz erfundener Inhalte, mehrfach veröffentlicht und zu einem bekannten Werk wurde. Vielmehr soll mit diesem Essay erarbeitet werden, aus welchem Grund George Psalmanazar als junger Mensch auf Reise ging, welche Möglichkeiten zum Reisen er besaß, wie und mit wessen Hilfe er wohin reisen konnte und was das Ziel seiner Reise gewesen sein könnte. War es vielleicht eine geplante Bildungsreise durch Europa, von der er nicht mehr nach Hause zurückkehrte und die in einem unerwarteten Ausmaß an persönlichem Erfolg endete oder begab er sich nur deshalb auf Reise, weil er dem strengen Regiment der Jesuitenmönche entkommen wollte? Waren Papiere oder doch eher das Erzählen von Lügen sein Schlüssel für freie, bzw. problemlose Mobilität?

Mit 25 Jahren begab sich Psalmanazar (in Wirklichkeit soll er zwanzig Jahre alt gewesen sein), dessen Herkunft und familiärer Hintergrund nach aktueller Forschung immer noch ein Rätsel birgt, in Begleitung des Bischofs Innes, auf eVglRgbd rff.chlingapd, wo er mit seiner erfundenen Geschichte über seinen vermeintlichen Herkunftsort Formosa nicht nur Geistliche und Gelehrte faszinierte und gleichzeitig hinters Licht führte.

Seine Erzählungen über Formosa reichten von Beschreibungen seiner Bewohner, ihren Sitten und Bräuchen bis hin zu Tier- und Kindsopferungen. Neben einer eigenen Sprache der Formosaner demonstrierte Psalmanazar außergewöhnliche Essgewohnheiten, wie das Verzehren von rohem Fleisch oder das Anbeten von Himmelskörpern. Um seine Geschichte glaubhaft zu machen, verhielt sich Psalmanazar auch wie ein von ihm beschriebener Bewohner der Insel Formosa. Hinzu kommt, dass er sich und das „formosanische Volk" als Opfer der Jesuiten darstellte, die bei ihrer Jesuitenmission in Japan ihre christliche Religion auf die heidnischen Formosaner aufdrängen wollten. Aufgrund der damals feindlichen Stimmung gegen die Jesuiten in England, war diese Behauptung Psalmanazars wahrscheinlich eine gute Strategie, seiner Geschichte einen Erfolg im englischen Raum zu garantieren.4

Auch wenn keine „sicheren" Fakten über Psalmanazars tatsächliche Herkunft und sein Elternhaus bekannt sind, können folgende Merkmale und Informationen aus ausgewählter Forschungsliteratur ein wenig Auskunft über seine Person geben: Psalmanazar konnte nahezu sechs Sprachen sprechen, wenn auch nicht fließend und war der lateinischen und griechischen Sprache in Wort und Schrift vertraut. Er verfügte über Wissen über das Christentum und studierte Philosophie. In seinen jüngsten Jahren soll er in Frankreich gelebt haben und von Jesuitenmönchen groß gezogen worden sein. Nie konnte er sich jedoch mit der christlichen Religion anfreunden, stattdessen bevorzugte er es, ein Heide zu sein. Mit 16 Jahren soll er bereits eigene Wege eingeschlagen und Frankreich verlassen haben, vorübergehend als Soldat gedient und innerhalb Europas gewandert sein, bis er nach einigen Jahren auf

Innes traf, der ihn letztendlich zum christlichen Glauben bekehren und taufen konnte. Unter seinem Schutz, begab er sich auf die Reise nach England. 6

Diese Behauptungen über Psalmanazar lassen den Anschein erwecken, dass er im Kindes- und Jugendalter möglicherweise eine gute Bildung genießen konnte und sich möglicherweise aus ähnlichen Gründen, wie viele andere junge Männer zu seinen Lebzeiten, auf eine unbestimmte Reise begab, um entweder Abenteuer zu erleben, Neues zu entdecken und sich weiterzubilden. Vielleicht begab er sich aber auch nur aus wirtschaftlichen Gründen auf Reise. Doch hätte Armut ein Grund für seine Reise gewesen sein können? Ein junger Mann, der Schrift und Sprache gut beherrschte und auch über universelles Wissen verfügte, wird wohl eher in einem wohlhabenden Elternhaus aufgewachsen sein. Womöglich wäre es nahliegender anzunehmen, dass reine Neugier, Reiselust und Fernweh die Beweggründe für dieses Reiseabenteuer gewesen sind. Möglicherweise wollte sich der junge Heide aber auch nur aus den Fängen des Jesuitenkollegs befreien, um dem Druck seiner Gelehrten, sich zur christlichen Religion zu bekennen, zu entkommen und seinen eigenen Weg zu finden, bei dem er grenzenlos frei denken und handeln konnte.

Hierbei ergibt sich die Frage, welche Bedingungen an das Reisen im frühneuzeitlichen Europa angeknüpft waren und welche Voraussetzungen Psalmanazar für seine Mobilität erfüllen musste und konnte.

„Zu Fuß und ohne Geld"7 soll er teilweise gewandert sein. Möglicherweise konnte er sich als Soldat etwas Geld verdienen und so auf eine gewisse Zeit alleine unterwegs sein. Soldaten verfügten auch über Papiere, die sie als Passierschein vorzeigen konnten. Desweiteren konnten Bischofe Schriftstücke ausstellen, die bestätigten, dass eine Person mit seiner Zustimmung pilgern durfte. 8 Aufgrund seiner Bildung und seiner Sprachkenntnisse konnte er wahrscheinlich auch Eindruck bei ihm höher gestellten Personen hinterlassen und auf diese Weise Probleme vermeiden oder geschickt umgehen.

[...]


1 Vgl. Stagl, Justin: Eine Geschichte der Neugier. Die Kunst des Reisens 15501800, Wien/ Köln /Weimar 2002, S. 71-73.

2 Vgl. Ebd., S.73.

3 Bezüglich „Eingeborener" steht im Titel der Description nämlich: „By George Psalmanazaar, a Native of said Island, now in London."

4 Vgl. Farrer, J. A. : Literarische Fälschungen, Leipzig 1907, S. 60-68.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Reisen in der Frühen Neuzeit am Beispiel von George Psalmanazar
Untertitel
Eine kleine Ausarbeitung
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
10
Katalognummer
V1008701
ISBN (eBook)
9783346392176
Sprache
Deutsch
Schlagworte
reisen, frühen, neuzeit, beispiel, george, psalmanazar, eine, ausarbeitung
Arbeit zitieren
Hatice Samast (Autor:in), 2017, Reisen in der Frühen Neuzeit am Beispiel von George Psalmanazar, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1008701

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