Srebrenica als Genozid. Die Prozesse im Rahmen der (Mit-) Verantwortung der Vereinten Nationen (UN)


Akademische Arbeit, 2020

28 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Der Jugoslawienkrieg

Der Angriff auf Srebrenica und die unklare Rolle der UN

DAS VERFAHREN - gegen die niederländischen Blauhelme

Die GENOZID-Debatte in den Gerichtsprozessen und die Rolle der UN

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Einleitung

Sahen sich die UN-Friedensmissionen in Zeiten des Kalten Krieges in Afrika mit friedenssichernden Hilfsmissionen konfrontiert, so rückte sich ihr Tätigkeitsbereich in den 1990er Jahren im Zuge des Jugoslawienkrieges nach Kontinentaleuropa.1 Mit dem Zerfall des föderal organisierten jugoslawischen Vielvölkerstaates wurden ethnische und nationale Konflikte freigesetzt, die an zahlreichen Schauplätzten ausgetragen wurden. Ein bedeutendes Mahnmal der blutigen Auseinandersetzungen markiert das Massaker von Srebrenica, bei dem serbische Milizen in, der als UN-Schutzzone deklarierten Stadt, Srebrenica einfielen, um zahllose bosnische Bewohner zu ermorden. Die vorliegende Arbeit liefert Befunde und Einblicke in die historischen Gegebenheiten, die den Hintergrund der Geschehnisse beleuchten und widmet sich juristischen Fragestellungen nach der Verantwortlichkeit einzelner Akteure in Anlehnung am vorangestellten Fallbeispiel. Vor allem die Rolle der UNO sowie die allgemeinen Herausforderungen ihrer interventionistischen Haltung finden im Zuge der inhaltlichen Auseinandersetzung nähere Betrachtung. In dieser Hinsicht wird versucht die UNStrukturen anhand der eingesetzten friedenssichernden Maßnahmen darzulegen, zu analysieren und gemäß ihrer Sinnhaftigkeit in Bezug auf den Jugoslawienkrieg kritisch in Frage zu stellen. Ebenso legt die Arbeit besonderes Augenmerk auf die allgemeinen Menschenrechtsbestimmungen, die das gesetzliche Leitprinzip der Vereinten Nationen bilden bzw. auch im Kriegsfall herangezogen werden müssen, um schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen schlüssig nachzuweisen. Darin bildet das Spannungsverhältnis aus gesetzlichen Normen und getätigten Interventionen des UN-Blauhelmkontingents einen zentralen Untersuchungsgegenstand, der anhand der darauffolgenden Gerichtsprozesse in den Fokus rückt. Abschließend wird die Kontroverse um die Frage des Genozids von Srebrenica tiefer diskutiert und mittels Definitionsbestimmungen und Urteilsbekundungen offengelegt.

Der Jugoslawienkrieg

Der Zerfallsprozess Jugoslawiens begann ab Mitte des Jahres 1991- 72 Jahre nach Gründung des Vielvölkerstaats- als die beiden föderalen Einheiten, Slowenien im Norden sowie Kroatien im Westen ihre Unabhängigkeit erklärten. Sloweniens Abspaltung fand nach einem zehntägigen militärischen Intermezzo ein relativ rasches Ende. Die Leichtigkeit der slowenischen Unabhängigkeitsbekundung ist vor allem auf die soliden diplomatischen Beziehungen zu den nördlichen Nachbarn zurückzuführen. Weiters war Slowenien für jugoslawische Verhältnisse weitgehend homogen, ethnische Unterschiede waren somit nur spärlich vorhanden, im Verlauf des Jugoslawienkrieges erwies sich die Frage nach ethnischer Zusammensetzung als wesentlicher Indikator für das Ausmaß der Konflikte. In Kroatien hingegen verlief der Abspaltungsprozess weitaus komplizierter, zumal die demografische Ausgewogenheit andere Dimensionen aufwies. Die serbische Bevölkerung umfasste dort ca. 12%. Nach der Wahl des nationalistischen kroatischen Präsidenten Franjo Tudman griff die Gewalt schnell um sich, kroatische Truppen kämpften fortan gegen die jugoslawische Volksarmee und rasch bürgerten sich unheilvolle Begriffe wie ethnische Säuberungen ein. Wurde die Abspaltung Sloweniens noch mit wenig Besorgnis zur Kenntnis genommen, so verstärkte sich die Besorgnis nach der kroatischen Emanzipierung, vor allem vor dem Hintergrund möglicher Unabhängigkeitsbestrebungen Bosniens und Herzegowinas. Bosnien war ein ethnisch heterogenes Konglomerat, bestehend aus 43% muslimischer Bosnier, 31% bosnischer Serben und 17% kroatischer Einwohner. Während die serbische Bevölkerung von den Reden Milosevics und die Kroaten von Tudmans aggressiver Rhetorik beeinflusst wurden, waren die bosnische Bevölkerungsmehrheit die einzige, die auf keine Unterstützung aus dem „Mutterland“ hoffen konnte.2 Ende des Jahres 1991 konkretisierten sich die internationalen Befürchtungen. Befeuert von den Eigenständigkeitsermächtigungen der Nachbarrepubliken, erwog Ende 1991 auch der bosnische Staatspräsident Izedbegovic die föderale Loslösung Bosniens und strebte die Idee eines multiethnischen Zentralstaats an. Als logische Konsequenz erhitzte diese Forderung vorerst vor allem die serbischen politischen Vertreter im bosnischen Repräsentantenhaus. Kurze Zeit später folgte die Abspaltung der serbischen Teilgebiete, indem man sie zur Republika Srpska reklamierte. Diese wurde vom neuen Präsidenten Karadic angeführt, dessen Partei indessen die Zurücknahme der bosnischen Unabhängigkeitsbemühungen forderte, da ansonsten mit militärischen Interventionen zu rechnen sei. Die Bosniaken zeigten sich davon unbeeindruckt und hielten Unabhängigkeitswahlen ab, bei denen über 99% der muslimischen Bosnier für die Souveränität des Staates stimmten, wobei wohlgemerkt die serbischen Stimmen unberücksichtigt blieben. Im April 1992 rief man offiziell die Unabhängigkeit des bosnischen Staates aus, was postwendend zu kriegerischen Handlungen führte, die mit der Belagerung Sarajewos ihren Anfang fanden.3 Milosevic rief die jugoslawische Armee zur Unterstützung der bosnischserbischen Milizen im Kampf gegen bosnische Streitkräfte auf. Der gemeinsame Vorstoß nahm binnen kurzer Zeit rund 70% des bosnischen Gebiets ein.4 Bereits im Jahr 1991 verhängte die UNO ein generelles Waffenembargo gegenüber den jugoslawischen Kriegsakteuren. Dieser Umstand schwächte vor allem die bosnische Armee, die erst sehr spät eine Mobilisierung von eigenen Streitkräften in Gang setzte und der serbisch geführten jugoslawischen Volksarmee praktisch nackt gegenüberstand. Die Vereinten Nationen sahen sich zweifelsohne dazu gezwungen im binneneuropäischen Konflikt einzugreifen. Als im Jahr 1993 die Intensität der Auseinandersetzungen drastisch zunahm verabschiedete die UNO am 8.Mai 1993 eine Resolution, die vorsah Schutzzonen in den bosnischen Städten Tuzla, Gorozde, Zepa, Sarajevo und Srebrenica zu errichten. Die Schutzzonen waren darauf ausgerichtet den Schutz der Zivilbevölkerung durch die UNO-Schutztruppe (UNPROFOR) zu gewährleisten.5 Die Schutztruppen sahen sich nicht befähigt offensive Haltungen, die die Selbstverteidigung der UN-Soldaten übersteigen, einzunehmen.6 Wie sich besonders am Beispiel Srebrenicas herausstellen sollte ignorierten die Kriegsparteien diese Resolution. Zusätzlich erwiesen sich die UNPROFOR-Truppen als einerseits zu schwach, um ihre angestrebten Schutzfunktion zu erfüllen, andererseits wurde die traditionelle friedenssichernde Ausrichtung der UNO, den Anforderungen im Balkankrieg keineswegs gerecht.7

Der Angriff auf Srebrenica und die unklare Rolle der UN

Die Stadt Srebrenica liegt in einem von Steilhängen umschlossenen Tal Ostbosniens. Zu Beginn des Jugoslawienkrieges bleibt die Stadt vorerst unter muslimischer Herrschaft und verkörpert in Bosnien sogar das Symbol des Widerstandes, ehe sie sich am 11. Juli 1995, in Folge des serbischen Einfalls, ins kollektive Schmerzgedächtnis der vorwiegend muslimisch bosnischen Bevölkerung einbrennt.8 9 Die Tragödie um Srebrenica nimmt bereits zwei Jahre vor dem vermeintlichen Angriff im April 1993 ihren Ausgang. Beim Versuch der humanitären Krise im Osten Bosniens Herr zu werden, ordnet der UN-Sicherheitsrat die Installation einer Sicherheitszone in und um die Stadt Srebrenica an, die laut UNO fortan von kriegerischen Handlungen bzw. bewaffneten Angriffen freizuhalten ist. Von Beginn an erweist sich das ambitionierte Vorhaben als schwierig. Zwar können im Nachbarland Kroatien konkrete Erfolge in Bezug auf die Sicherung von Schutzzonen verzeichnet werden, doch in Bosnien gerät die friedenssichernde Schutzstrategie aufgrund der ethnokulturellen Heterogenität an ihre Grenzen. Letztlich war die UNPROFOR weder vorgesehen noch gerüstet für Gefechtseinsätze. Die Schwierigkeit lag im Nachhinein betrachtet in der missverständlichen Selbstwahrnehmung, welche Rolle die UNPROFOR schlussendlich einnahm. „ „War ihre Rolle, eine geografisch festgelegte Schutzzone zu verteidigen oder [...] Anschläge gegen die Zivilbevölkerung, die in dieser Schutzzone lebt, zu verhindern?“9 Im 1994 veröffentlichten Bericht verständigte sich der ehemalige UNO-Generalsekretär Boutros Ghali auf den letztgenannten Aspekt, demzufolge die UN-Truppen zur Aufgabe hatten, die Zivilbevölkerung innerhalb der Schutzzonen vor militärischen Attacken zu schützen. Dieser Anspruch erwies sich jedoch aufgrund des allgemein bekannten Mangels an Ressourcen als unrealistisch, womit es sich für die ansässige Bevölkerung fortan unklar war auf welchen Grad an Schutz man sich in den Gegenden um Srebrenica tatsächlich verlassen konnte.10

Insgesamt spiegelte sich die unklare Rollenverteilung auch in der zu verfolgenden Handlungsstrategie wider. Eine Kontroverse, die sich konstant durch den gesamten Bosnienkonflikt ziehen sollte, stellte der Umstand dar, dass sich der UN-Sicherheitsrat uneinig zeigte die UNPROFOR-Einheiten zum Einsatz aller nötigen Mittel zu autorisieren. Trotz der zunehmenden Einbindung des Sicherheitsrates verschärfte sich die Krise zusehends. Zahlreiche Resolutionen wurden verabschiedet, die vor allem darauf ausgerichtet waren, den militärischen Handlungsspielraum der serbischen Milizen einzudämmen. Auch die Einführung von Flugverbotszonen konnte eine weitere Eskalation nicht verhindern.11 Auch wenn die traditionelle Mission der UNPROFOR auf die Friedenssicherung und nicht auf eine Friedenserzwingung ausgerichtet war, sah es die neue Agenda der Vereinten Nationen vor auch Luftunterstützung seitens der NATO in Anspruch zu nehmen.12 Die Aufstellung von UNFriedenstruppen und die Durchführung friedenserhaltender Maßnahmen geschieht grundsätzlich auf der Grundlage von einverständlichen Regelungen mit den Konfliktparteien, währenddessen friedensschaffende Maßnahmen nach dem VII. Kapitel der UN-Charta auch ohne einvernehmlicher Einigung durchgeführt werden können. Die Grenzen zwischen friedensschaffenden- und friedenserhaltenden Operationen sind insgesamt fließend zu betrachten.13 Durch Partnerschaften war es von nun an jedenfalls möglich die enorme Ressourcenlast unter mehreren Akteuren aufzuteilen. Zudem lieferte das NATO-Bündnis entscheidende strategische Vorteile im Hinblick auf die Luftstreitkräfte, die in konventionellen friedenssichernden Missionen nicht vorgesehen sind. Die Allianz brachte jedoch auch Nachteile mit sich, indem von nun an beide Verbündeten (NATO & SR) jeglichen Maßnahmen unabhängig voneinander zustimmen mussten.14

Die negativen Konsequenzen dieser Regelung, zweier teils unentschlossener Partner, verdeutlicht das Massaker um Srebrenica. Im Juli 1995 nahmen bosnische Serben die Schutzzone um Srebrenica ein und verschleppten rund 8000 ortsansässige Männer, um sie anschließend in den benachbarten Wäldern zu ermorden. Die UNPROFOR-Soldaten standen der Invasion regungslos gegenüber.15 Unmittelbar vor dem Einmarsch der serbischen Streitkräfte wurde das niederländische Kontingent aus Gründen der eigenen Sicherheit aus der Schutzzone abgezogen.16 Während der Geschehnisse wurden die wiederholten Forderungen, vonseiten der niederländischen Soldaten, nach Luftunterstützung blockiert. Die Anfrage auf Luftunterstützung wurde als Reaktion auf die serbischen Angriffe auf UN-Beobachterposten in Auftrag gegeben, jedoch nicht, weil die unter UN-Schutz stehende Zivilbevölkerung von serbischer Seite bedroht wurde. Dementsprechend hätte die Selbstverteidigung sogar dem konventionellen Rahmen der Friedenssichernden Doktrin entsprochen. Allerdings befürchtete man mit einem militärischen Gegenschlag gegen die rechtlichen Befugnisse zu verstoßen.17 18 SREBRENICA - DER PROZESS...ein „Fehlschlag“ der UN?

„Die Welt, die sogenannte Welt, weiß alles über Jugoslawien, Serbien. Die Welt, die sogenannte Welt, weiß alles über Slobodan Milosevic. Die sogenannte Welt weiß die Wahrheit [...] Die sogenannte Welt ist nicht die Welt. Ich weiß, dass ich nicht weiß. Ich weiß die Wahrheit nicht. Aber ich schaue. Ich höre. Ich fühle. Ich erinnere mich.“18 Die Ereignisse aus jenem Sommer 1995 - einem der größten Massaker in Bosnien seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs - bei dem rund 8000 Männer und Jungen gewaltsam ums Leben kamen repräsentiert indes den markanten Tiefpunkt der Bemühungen der Vereinten Nationen (UN) zur Friedenssicherung, welche wiederum in der dazugehörigen UN-Charta - dem ausgewiesenen Gründungsvertrag der Vereinten Nationen aus 1945 - festgeschrieben ist und damit an eine Reihe vorangegangener „Fehlschläge“ bzw. Misserfolge nach dem kalten Krieg (Suezkrise 1956, Israels Sechstagekrieg 1967, Jom-Kippur-Krieg 1973, Somalia 1993, Ruanda 1994) anknüpft.19 Demnach steht Srebrenica heute symbolisch für einen Akt unvorstellbaren Grauens, resultierend aus dem internationalen Versagen der Vereinten Nationen und der internationalen Gemeinschaft.20 21 22 23 Innerhalb der Präambel der UN-Charta werden unter anderem Ziele und Grundsätze formuliert bezüglich „den Weltfrieden und die internationale Sicherheit zu wahren“21 unter der Heranziehung von wirksamen Kollektivmaßnahmen, „um Bedrohungen des Friedens zu verhüten und zu beseitigen, Angriffshandlungen und andere Friedensbrüche zu unterdrücken und internationale Streitigkeiten oder Situationen, die zu einem Friedensbruch führen könnten, durch friedliche Mittel nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit und des Völkerrechts zu bereinigen oder beizulegen [Art. 1].“22 Zudem obliegt es der Verantwortung ihrer Mitglieder „internationale Streitigkeiten durch friedliche Mittel so bei[zulegen], dass der Weltfrieden [...] nicht gefährdet werde [Art. 2].“23 Das in diesem Zusammenhang wohl aufschlussreichste Kapitel VII, worin anbei Abb.1. Grabstätte Srebrenica Anm. d. Red.: Abbildung aus urheberrechtlichen Gründen entfernt.

konkrete Maßnahmen bei Bedrohung oder eines aufkommenden Bruchs des Friedens durch Angriffshandlungen konkret aufgelistet sind (Art. 39-51), besagt zunächst der vorangestellte Art. 41, dass der Sicherheitsrat (Hauptverantwortung über die Wahrung des Friedens und der internationalen Sicherheit) zunächst - unter Ausschluss von Waffengewalt - eine vorläufige, einschneidende Unterbrechung der Wirtschaftsbeziehungen (Eisenbahn-, Luft- und Seeverkehr) erwirken sowie den Abbruch sonstiger diplomatischer Beziehungen veranlassen kann, während der Art. 42 bzw. 43 das Eingreifen von verstärkt angeforderten Luft-, See- oder Landstreitkräften zur Wahrung oder Wiederherstellung des Weltfriedens explizit juristisch gewährleistet. Unter dem Aspekt der zugespitzten Tragik in der 1993 bewilligten Schutzzone (UNPROFOR) Srebrenica erwirkte die Einrichtung eines Flugverbotes gegen die jugoslawischen Luftstreitkräfte vonseiten der NATO nur mäßige Besserung, jedoch verweigerten zwei ständige Mitglieder des damaligen Sicherheitsrates (Großbritannien und Frankreich) einer „offensiveren Haltung“ ihrer stationierten Truppen (abnehmende Kooperationsbereitschaft), das laut des öffentlichen UN-Berichts von 1999 rückblickend auf ein Missverständnis der generellen Rolle der UNPROFOR fußte. In enger Verbindung mit auftretenden militärischen Zwangsmaßnahmen als schärfstes Instrument des UNSicherheitsrates bei Bedrohungen oder Bruch des Friedens durch Angriffshandlungen steht nach Art. 43 Abs. 1 der UN-Charta die Beistandspflicht der Mitgliedstaaten, die alle Mitglieder dazu gesetzlich bindet aktiven Beistand leisten und Erleichterungen zwecks eines angeforderten Durchmarschrechtes zu gewähren, soweit es zur Wahrung des Weltfriedens sowie der internationalen Sicherheit beiträgt. Generell ergibt sich eine Angriffshandlung aus der Verletzung des Gewaltverbotes durch einen Aggressionsakt, der eindeutig einzelnen oder mehreren Staaten zugeordnet werden kann, jedoch geschieht eine praktische Zuordnung vom befugten Sicherheitsrat lediglich nur unter größter Zurückhaltung. Im Falle Srebrenica entschied sich damals jener für keine Heranziehung von militärischen Zwangsmaßnahmen, obwohl die Resolution 816 (1993) in den Jahren 1994/95 die NATO dazu ermächtigte Luftschläge gegen serbische Einheiten in Bosnien-Herzegowina durchzuführen.24 Nach den Vorkommnissen in Srebrenica zögerten außenstehende Kritiker nicht lange mit Schuldzuweisungen an die stationierten niederländischen UNPROFOR-Truppen. Der niederländische Truppenführer wies die harsche Kritik weitgehend von sich, indem er die auf die ausweglose Situation verwies, nachdem trotz mehrmaliger Anforderung, keine Luftunterstützung seitens der NATO zur Hilfe kam. Das vermeintliche Schutzkontingent feuert lediglich Warnschüsse ab und verfolgte in erster Linie die Strategie der

Konfrontationsvermeidung, da im Ernstfall der Schutz des eigenen Bataillons Priorität gegenüber der Absicherung der Schutzzone darstellte. Obwohl sich das Dutchbat-Kontingent mangels Ressourcen außer Stande sah einzugreifen, wird im UN-Bericht darauf hingewiesen, dass jedoch Versäumnisse hinsichtlich ausführlicher Situationsschilderungen anzulasten sind. Eine nachdrückliche Informationsweitergabe, hätte vermutlich ein vehementeres und rascheres Eingreifen von Hilfstruppen eingeleitet.25

Allgemein wurden die stationierten UN-Friedenstruppen nicht ausreichend ausgerüstet und durften ihre Waffen lediglich zur Selbstverteidigung anwenden, nicht zum Schutz der bedrohten Bevölkerung. Zudem wirkten sie bei der Evakuierung von bosnischen Dörfern mit, wonach deren Mithilfe von manchen internationalen Beobachtern als Mittel zur „ethnischen Säuberung“ interpretiert wurde. Die niederländischen Blauhelme gaben laut des UN-Berichts großteils ihre Posten kampflos auf bzw. schossen vermeintlich absichtlich an den Serben vorbei.

Unterdessen blockierten und plünderten serbische Milizen entlang der Schutzzone die Konvois mit Nahrung und Medikamenten, um die Bevölkerung sukzessiv aushungern zu lassen und verstießen darüber hinaus mit ihrem Angriff am 06.07.1995 vonseiten der bosnisch-serbischen Armee gegen die bekannten Vereinbarungen des UN-Schutzzonekonzeptes und machten sich extra des einzigartigen Verbrechens des Genozids - das schlimmste Verbrechen im Völkerstrafrecht - schuldig. Gemäß der Stellungnahme des UN-Generalsekretärs, Kofi Annan, vom 15.11.1999 (UN-Dokument A54/549) sei das Ausmaß der serbischen Kriegsziele nicht genau eruiert worden sowie bestand von den beiden Parteien kein tatsächlicher Friedenswille oder lag ein Friedensabkommen vor. Er bezeichnete die Aktion als größte Schande in der Geschichte der UN, jedoch wies die niederländische Regierung anfangs alle Anschuldigungen zwecks der versagten Mission in Srebrenica uneingeschränkt von sich. Ein anderer Abschlussbericht vom UN-Beauftragten, David Harland, 1999 erwähnte explizit eine gewisse Verantwortlichkeit der internationalen Gesellschaft, resultierend aus dessen fadenscheiniger Naivität.26

[...]


1 Vgl. Mac Queen, Norrie, Srebrenica und die schweren Anfänge einer „neuen Friedenssicherung“ (=Zeitschrift Vereinte Nationen 2015/3), 100f., 99-105.

2 Vgl. Ebd. 100f.

3 Vgl. Vukovic, Tanja (2013): Der Bosnienkrieg von 1992 bis 1995 in perspektivischen Kriegsgeschichten, Marburg, S.15ff.

4 Vgl. Mac Queen; S.101.

5 Vgl. Alijagic, Adnan (2014): Die Neue Kriegsführung. Der Bosnienkrieg im Fokus die Belagerung der Region Bihac 1992-1995, Hamburg, 12ff.

6 Vgl. Mac Queen; S.101.

7 Vgl. Alijagic; S.14.

8 Both, Norbert; Honig, Jan, Wilhelm (Hg.), (1997): Srebrenica. Der größte Massenmord in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg, München, S.19.

9 Mac Queen, S.102.

10 Vgl. Ebd., S.102.

11 Debiel, Tobias (Hg.) et.al. (2009): Vom neuen Interventionismus zur R2P. Die Entwicklung einer Menschenrechtsschutznorm im Rahmen der Vereinten Nationen. In: Souveränität im Wandel (=Die FriedensWarte 84/1), Berlin, S.58-88, S.71.

12 Vgl. Mac Queen, S.103.

13 Vgl. Herdegen, Matthias (2006): Grundrisse des RechtVölkerrecht, München, S.309f.

14 Vgl. Mac Queen, S.103.

15 Debiel et.al. S.72f.

16 Vgl. Schmalenbach, Kirsten (2013): Der Schutz der Zivilbevölkerung durch UN-Friedensmissionen und die Rechtsfolgen bei Mandatsversagen. (=Archiv des Völkerrechts 51/2), S.170-200, S.187.

17 Vgl. Mac Queen, S.104.

18 Handke, Peter (2006): Ich wollte Zeuge sein, in: Fokus (Nr. 13), Online unter https://www.focus.de/kultur/medien/zeitgeschichte-ich- wollte-zeuge-sein aid 218700.html [Zugriff am 09.12.2019].

19 Vgl. Mac Queen, Norrie (2015), 99-105, hier 99.

20 Vgl. Birkenkötter, Hannah (2015): Wessen Verantwortung, welches Gericht? 20 Jahre nach Srebrenica ist die gerichtliche Aufarbeitung noch lange nicht abgeschlossen, in: Vereinte Nationen. Zeitschrift für die Vereinten Nationen und ihre Sonderorganisationen (H.3), 114-120, hier 114, Online unter https://zeitschrift-vereinte- nationen.de/fileadmin/publications/PDFs/Zeitschrift VN/VN 2015/Heft 3 2015/05 Beitrag Birkenkoetter VN 3-15 3-6-2015.pdf [Zugriff am 09.12.2019].

21 Die UN-Charta. UNRIC. Regionales Informationszentrum der Vereinten Nationen, Online unter https://unric.org/de/charta/#kapitel1 [Zugriff am 09.12.2019].

22 Ebd.

23 Ebd.

24 Vgl. Herdegen, Matthias (2006): Grundrisse des Rechts, 297, 299 u. 304.

25 Vgl. United Nations (Hg.),(1999): Report oft he Secretary-General persuant to General Assembly resolution. The fall of Srebrenica (=Fiftiyfourth Session/42), 102f.

26 Vgl. Woyke, Wichard (2016): Weltpolitik im Wandel. Revolutionen, Kriege, Ereignisse...und was man daraus lernen kann, Wiesbaden, 288-293 u. 296.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Srebrenica als Genozid. Die Prozesse im Rahmen der (Mit-) Verantwortung der Vereinten Nationen (UN)
Hochschule
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt
Note
1
Autoren
Jahr
2020
Seiten
28
Katalognummer
V1009398
ISBN (eBook)
9783346391988
ISBN (Buch)
9783346391995
Sprache
Deutsch
Schlagworte
srebrenica, genozid, prozesse, rahmen, mit-, verantwortung, vereinten, nationen
Arbeit zitieren
Lino Pschernig (Autor)Marie Stuhlpfarrer (Autor), 2020, Srebrenica als Genozid. Die Prozesse im Rahmen der (Mit-) Verantwortung der Vereinten Nationen (UN), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1009398

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