Bewährungshilfe im Kontext aus Zwang und Motivation


Hausarbeit, 2020

60 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Bewährungsstrafe und -hilfe - Eine Begriffserklärung anhand des rechtlichen Rahmens

3. Zwangskontexte in der Sozialen Arbeit
3.1 Definition
3.2 Kontaktaufnahme
3.3 Das doppelte Mandat

4. Grundlagen der Motivation
4.1 Definition des Begriffs Motivation
4.2 Die Stufen der Motivation

5. Sozialarbeiterische Methoden für die Arbeit im Zwangskontext
5.1 Haltung und Vorgehensweise
5.2 Methodisches ABC in Zwangskontexten
5.2.1 A: Auftrags- und Rollenklärung
5.2.2 Motivation – Transtheoretisches Modell und Stufengerechte Intervention
5.2.3 Beziehungsgestaltung
5.3 Motivierende Gesprächsführung (MI)

6. Einblick in die Praxis – Interview mit einer Bewährungshelferin
6.1 Vorgehensweise
6.2 Erkenntnisse aus dem Interview

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

9. Anhangsverzeichnis

1. Einleitung

In Deutschland herrschte bis in die Anfänge 20. Jahrhundert hinein das Schuldstrafrecht. Dieses Strafrecht baute auf der Vergeltungsidee und dem Talionsprinzip auf. Dadurch durften die Auswirkungen der Bestrafung gleichgültig sein, denn sie diente nur dazu, dass das durch den Täter entstandene Übel gerecht ausgeglichen wurde. Also: Auge um Auge Zahn um Zahn (Weigelt, 2009, S. 7). Mittlerweile ist es nicht mehr allein die Vergeltungsidee, die den Zweck des Bestrafens bestimmt. Neben der Vergeltung werden nun auch die Aspekte der Spezial- und Generalprävention, zusammengefasst in der Vereinigungstheorie, als Strafzwecke angesehen (Weigelt, 2009, S. 7). Es gilt im Strafgesetzbuch (StGB) zwar noch: „Die Schuld des Täters ist Grundlage für die Zumessung der Strafe“ (§ 46 Abs. 1 StGB) jedoch wird anschließend daran aufgeführt, dass „die Wirkungen, die von der Strafe für das künftige Leben des Täters in der Gesellschaft zu erwarten sind“ berücksichtigt werden müssen (§ 46 Abs. 1 StGB). Diese Erweiterung zeigt, dass erkannt wurde, dass sich beispielsweise eine Freiheitsstrafe auch negativ auf das zukünftige Verhalten der straffällig gewordenen Person auswirken kann. Zusätzlich wird das Ziel verfolgt, „durch den unmittelbaren Zugriff den Täter von weiteren Straftaten abzuhalten; … Sicherung der Allgemeinheit durch Verwahrung oder Abschreckung der Täter sowie … Resozialisierung“ (Weigelt, 2009, S. 7). Die Vereinigungstheorie wird auch in der Rechtsprechung verfolgt. Somit sind die „Aspekte einer angemessenen Sanktionierung … Schuldausgleich, Prävention, Resozialisierung des Täters, Sühne und Vergeltung für begangenes Unrecht“ (Weigelt, 2009, S. 8).

Die Idee der Bewährungsstrafe hat ihre Ursprünge in dem belgisch-französischem sursis-System und der Probation aus dem anglo-amerikanischen Rechtskreis. In Deutschland wurde sie 1923 erstmals in Form einer ‚Strafaussetzung auf Probe‘ auf Grundlage des Reichsjugendgerichtsgesetzes geregelt. Jedoch wurde diese bereits 20 Jahre später auf Grund der nationalsozialistischen Ideologie abgeschafft (Weigelt, 2009, S. 13). 10 Jahre darauf wurde die Strafaussetzung durch die Novellierung des Jugendgerichtgesetzes wieder in das Jugendstrafrecht aufgenommen. Auch im allgemeinen Strafrecht wurde die Strafaussetzung aufgenommen. So waren es für Erwachsene „zunächst nur Freiheitstrafen bis zu neun Monaten, für nach Jugendstrafrecht Verurteilte bis zu einem Jahr“ die ausgesetzt werden konnten (Weigelt, 2009, S. 13)

Mittlerweile ist die Strafaussetzung auf Bewährung ein oft gewählter Weg. Im Jahr 2015 wurden in Deutschland 107.100 Personen zu einer Freiheitsstrafe verurteilt, davon wurden 75.300 zur Bewährung ausgesetzt. Also knapp 70% aller Freiheitsstrafen 2015 wurden als Bewährungsstrafe verurteilt (Statistisches Bundesamt, 2017, S. 1). Durch das hohe Aufkommen von Bewährungstrafen ich folglich eine große Zahl an Bewährungshelfenden bzw. Justizsozialarbeitenden, die diese begleiten, unterstützen aber auch kontrollieren nötig. Die übliche Kontaktaufnahme mit Sozialarbeitenden findet freiwillig, also ohne nachdrückliches Einwirken Dritter statt. Jedoch ist in der Bewährungshilfe ein anderer Rahmen gegeben, die Kontaktaufnahme wird von außen durch einen Richter initiiert. Durch diese Einwirkung entsteht ein Zwangskontext (Zobrist, & Kähler, 2017, S. 10). Die Arbeit mit Personen innerhalb eines Zwangskontextes in der Sozialen Arbeit ist nichts Neuartiges, jedoch wurde erst in den 2000er Jahren begonnen sich professionell und methodisch mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Anstoß für die Auseinandersetzung mit dem Bereich, war die Frage, ob und wenn ja, wie eine professionelle Arbeit innerhalb von Zwangskontexten stattfinden kann (Zobrist, & Kähler, 2017, S. 7).

Die vorliegende Arbeit ist in zwei Teile gegliedert. Der erste Teil dient dazu anhand von Definitionen und Erklärungen eine Grundlage zu schaffen, im zweiten Teil wird darauf aufbauend auf die Methoden und Praxis der Bewährungshilfe eingegangen. Um eine erste Grundlage zu schaffen, werden zunächst verschiedene Begriffe definiert. Zum einen die Bewährungsstrafe und -hilfe anhand des rechtlichen Rahmens und zum anderen der Begriff des Zwangskontextes und die Kontaktaufnahme sowie das doppelte Mandat das dort vorhanden ist. Da die Motivationsförderung ein Bestandteil der vorliegenden Arbeit ist, werden im folgenden Kapitel der Begriff der Motivation definiert und anhand eines Modells die Stufen der Motivation dargestellt. Im Anschluss daran beginnt der zweite Teil, also Hauptteil der Arbeit, in diesem werden verschiedene Methoden und Haltungen zur Motivationsförderung innerhalb von Zwangskontexten vorgestellt. Abschließend wird anhand eines Interviews Bezug zur Praxis genommen und geprüft ob sozialarbeiterische Methoden im Zusammenhang mit der Motivation zur Resozialisierung stehen. Daraus ergibt sich folgende wissenschaftliche Fragestellung: Besteht ein Zusammenhang zwischen sozialarbeiterischen Methoden und der Motivation zur Resozialisierung?

2. Bewährungsstrafe und -hilfe - Eine Begriffserklärung anhand des rechtlichen Rahmens

Um die Bewährungshilfe zu definieren bietet es sich an zunächst auf den Begriff der Bewährungsstrafe einzugehen. Außerdem wird im Zuge der Definition gleichzeitig auf den rechtlichen Rahmen eingegangen, da dieser erst eine gelingende und umfassende Definition ermöglicht. Wie bereits beschrieben, wurde die Bewährungsstrafe und somit auch die Bewährungshilfe Mitte des vergangenen Jahrhunderts eingeführt und im deutschen Strafrecht verankert (Grosser, 2018, S. 200). Das Strafgesetzbuch sieht eine Strafaussetzung laut § 56 Abs. 1 in folgenden Situationen vor: „Bei der Verurteilung zu Freiheitsstrafe von nicht mehr als einem Jahr setzt das Gericht die Vollstreckung der Strafe zur Bewährung aus, wenn es zu erwarten ist, daß [sic] der Verurteilte sich schon die Verurteilung zur Warnung dienen lassen und künftig auch ohne die Einwirkung des Strafvollzugs keine Straftaten mehr begehen wird“. Zudem werden weitere Aspekte wie, das Verhalten der verurteilten Person nach der Tat, die Persönlichkeit, das Vorleben, die Lebensverhältnisse, die Umstände der Tat und die zu erwartenden Auswirkungen einer Freiheitsstrafe auf die Person, berücksichtigt (§ 56 Abs. 1 StGB). Gleichzeitig mit der rechtskräftigen Entscheidung für eine Strafaussetzung beginnt die sogenannte Bewährungszeit. Diese wird vom Gericht bestimmt und „darf fünf Jahre nicht überschreiten und zwei Jahre nicht unterschreiten“ (§ 56a Abs. 1 StGB). Sie kann bis auf das Höchstmaß verlängert werden, wenn dies vor Ablauf stattfindet. Gleichzeitig kann die Bewährungszeit aber auch nachträglich auf das Minimum verringert werden (§ 56a Abs. 2 StGB). Für die Bewährungszeit kann das Gericht der verurteilten Person Auflagen erteilen. Durch das Erbringen von gemeinnützigen Leistungen, Zahlen eines Geldbetrags an eine gemeinnützige Einrichtung oder zugunsten der Staatskasse oder die Wiedergutmachung des verursachten Schadens soll Genugtuung für die begangene Tat bringen (§56b Abs. 1 - 2 StGB). Neben den Auflagen erteilt das Gericht Weisungen, wenn die verurteilte Person eine solche Hilfe bedarf, um dadurch keine Straftaten mehr zu begehen. Weisungen können beispielsweise das Meiden von Personen(gruppen) oder Gegenständen, die zu einer weiteren Straftat führen könnten, oder eine Meldepflicht zu bestimmten Zeiten an festgelegten Orten sein (§56c Abs. 1 - 2 StGB).

Personen, die zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurden, können für die festgelegte Bewährungszeit oder einen kürzeren Zeitraum unter die Aufsicht und Leitung eine*r Bewährungshelfer*in gestellt werden. Dies geschieht, wenn davon ausgegangen wird, dass dieser Umstand die verurteilte Person von weiteren Straftaten abhalten kann (§56d Abs. 1 StGB). Bewährungshelfer*innen kommen üblicherweise bei Straftäter*innen unter 27 Jahren und einer gleichzeitigen Freiheitsstrafe von mindestens neun Monaten zum Einsatz (§56d Abs. 2 StGB). Im Strafgesetzbuch §56d Abs. 3 sind die Aufgaben der Bewährungshilfe folgendermaßen zusammengefasst:

Die Bewährungshelferin oder der Bewährungshelfer steht der verurteilten Person helfend und betreuend zur Seite. Sie oder er überwacht … die Erfüllung der Auflagen und Weisungen … und berichtet über die Lebensführung der verurteilten Person in Zeitabständen, die das Gericht bestimmt. Gröbliche oder beharrliche Verstöße gegen Auflagen, Weisungen, Anerbieten oder Zusagen teilt die Bewährungshelferin oder der Bewährungshelfer dem Gericht mit.

Anhand dieser Auflistung sind die Aufgabengebiete der Bewährungshilfe klar definiert, gelichzeitig ist jedoch auch die deutliche Zweiteilung in Unterstützung und Kontrolle erkennbar. Es ist wie beschrieben auch Aufgabe der Bewährungshelfer*innen, Verstöße von Proband*innen gegen die Bewährungsauflagen oder -weisungen an das Gericht weiterzuleiten. Bei solchen Verstöße oder beim Begehen einer Straftat kann Strafaussetzung vom Gericht widerrufen werden (§56f Abs. 1 StGB). Jedoch besteht auch die Möglichkeit, dass von einem Widerruf abgesehen wird, dies ist der Fall, wenn davon ausgegangen wird, dass weitere Auflagen oder Weisungen, die Bereitstellung einer Bewährungshelferin oder eines Bewährungshelfers (falls das zuvor noch nicht geschehen ist), oder die Verlängerung der Bewährungszeit ausreicht (§56f Abs. 2 StGB).

Neben der beschriebenen Strafaussetzung auf Bewährung existiert noch eine weitere Form: die Strafrestaussetzung auf Bewährung. Die Strafaussetzung auf Bewährung ersetzt die Vollstreckung der Freiheitsstrafe zur Gänze. Die Strafrestaussetzung jedoch tritt erst nach einer Teilvollstreckung der Freiheitsstrafe auf (Grosser, 2018, S. 203). Diese kann vom Gericht beschlossen werden, wenn „zwei Drittel der verhängten Strafe, mindestens jedoch zwei Monaten verbüßt sind, … dies unter Berücksichtigung des Sicherheitsinteresses der Allgemeinheit verantwortet werden kann, und die verurteilte Person einwilligt“ (§57 Abs. 1 StGB). Punkte die bei der Entscheidung in Augenschein genommen werden, ähneln den Aspekten die in § 56 Abs. 1 StGB für das Urteil der Strafaussetzung auf Bewährung aufgeführt sind. Es wird die Persönlichkeit, das Vorleben und die Lebensverhältnisse, die Umstände der begangenen Tat, das Verhalten im Vollzug, das Rückfallrisiko sowie die Auswirkungen der Freiheitstrafe auf die verurteilte Person berücksichtigt (§57 Abs. 1 StGB).

Natürlich kann ein Gericht nie mit absoluter Sicherheit das zukünftige Verhalten der zu Strafaussetzung oder Strafrestaussetzung verurteilten Person prognostizieren. In diesen Urteilsfällen genügt eine realistische Perspektive, dass sich die verurteilte Person in Zukunft straffrei verhält (Grosser, 2018, S. 201 – 203).

Die in diesem Teil beschriebenen Gesetze, Regelungen und Definitionen sind die Grundlage für die folgenden Kapitel dieser schriftlichen Arbeit. Nur mit einem grundlegenden Verständnis und Wissen bezüglich der Bewährungshilfe und -strafe können die nachfolgenden Themen wirklich erfasst und begründet werden.

3. Zwangskontexte in der Sozialen Arbeit

3.1 Definition

Nach Zobrist und Kähler (2017) sind Zwangskontexte … [sind] strukturelle Rahmenbedingungen der Sozialen Arbeit, die zu eingeschränkten Handlungsspielräumen bei Klienten, Fachkräften und Zuweisern führen und durch institutionelle Sanktionsmöglichkeiten sowie asymmetrische Machtverhältnisse gekennzeichnet sind. Die Interaktionen zwischen Klienten und Fachkräften konstituieren sich aufgrund von rechtlichen Normen und finden i.d.R. fremdinitiiert statt. In Zwangskontexten werden teilweise Zwangselemente als Interventionen eingesetzt, welche die Autonomie der Klienten erheblich beschränken. (S. 31)

In dieser Definition des Zwangskontextes sind besonders vier Aspekte hervorgehoben: zunächst, dass Zwangskontexte in das staatliche Handeln eingebettet sind. Das hat zur Folge, dass die Sozialarbeitenden nach rechtsstaatlichen Prinzipien wie Willkürverbot oder Legalität arbeiten müssen (Zobrist, & Kähler, 2017, S. 31 – 32). Außerdem wird ein Fokus auf die eingeschränkten Handlungsspielräume beider Seiten, also Klient*innen und Sozialarbeiter*innen gelegt. Durch begrenzte Handlungsspielräume werden jedoch auch Chancen, Kontakte und Veränderungen ermöglicht. Zusätzlich zu dieser Beschränkung ist in Zwangskontexten ein extremes asymmetrisches Machtverhältnis vorhanden. Deshalb ist der Umgang mit Macht, besonders innerhalb von Zwangskontexten maßgebend, da die Macht hier so weit reicht, dass dadurch Klient*innen in jeglicher Freiheit eingeschränkt werden können. Der vierte Aspekt ist, dass Zwangskontexte- sowohl auch -elemente theoretisch und professionsethisch zu begründen sind (Zobrist, & Kähler, 2017, S. 32).

3.2 Kontaktaufnahme

Oftmals kommen Menschen an einem Punkt in ihrem Leben, an dem sie sich dazu entschließen ihr Verhalten oder die eignen Lebensverhältnisse zu ändern. Allerdings gelingt ein solches Vorhaben, trotz eigener Ressourcen, nicht immer ohne professionelle Unterstützung von außen. Diese Art der Unterstützung wird von verschiedenen Bereichen der Sozialen Arbeit, wie zum Beispiel Beratungsstellen oder Sozialdienste angeboten. Obwohl häufig Personen aus dem sozialen Umfeld der ratssuchenden Person, diese darin bekräftigen und am Prozess bis zu der Kontaktaufnahme mit einer unterstützenden Institution beteiligt sind, bleibt die Entscheidung zur Kontaktaufnahme eine größtenteils autonome (Zobrist, & Kähler, 2017, S. 10). In der Sozialen Arbeit wird grundsätzlich zwischen selbst- und fremdinitiierten Klienten*innen unterschieden. Klient*innen die den beschriebenen Prozess durchlaufen haben, werden als selbstinitiierte Klient*innen definiert. Bei fremdinitiierten Klient*innen wird eine weitere Unterscheidung zwischen fremdinitiierten Kontakten aus dem sozialen Netzwerk und solchen, aufgrund rechtlicher Vorgaben gemacht. Also wird darin unterschieden, ob infolge rechtlicher Vorgaben (z.B. die Bereitstellung eines/einer Bewährungshelfer*in) oder durch den Druck des sozialen Netzwerkes (z.B. Partner*in, Freunde) ein Kontakt zur Sozialen Arbeit entstanden ist. (Zobrist, & Kähler, 2017, S. 14). In dieser Arbeit wird sich bei dem Begriff Zwangskontext auf Kontakte die durch rechtliche Vorgaben entstanden sind bezogen.

Zwang beschreibt eine Notwendigkeit oder auch Pflicht und ist mit Begriffen wie Druck und Belastung gleichzusetzen. Für Sozialarbeitende stellt es daher oftmals ein schwieriges Unterfangen dar, ihre Klient*innen zu etwas zu zwingen. Denn diese Art von Zwang auszuführen steht im eigentlich im Gegenspruch zum Selbstverständnis Sozialer Arbeit, dort hat vielmehr das Aufbauen eines partnerschaftlichen Arbeitsbündnisses Priorität. Weitere Gründe, weshalb Sozialarbeitende vermehrt Zwang ablehnen sind, dass dadurch Unterdrückung stattfinden, sowie Misstrauen und Ängste hervorgerufen werden können (Conen, & Cecchin, 2011, S. 70 – 71). Angesichts dieser Ablehnung wird von Sozialarbeitenden vielfach auf die Einsicht ihrer Klient*innen zur Notwendigkeit einer Veränderung gesetzt. Infolgedessen werden einzelne Personengruppen eher als unbehandelbar bezeichnet, statt den notwendigen Druck oder Zwang auszuüben, um dort Veränderungen oder Ergebnisse zu erzielen. Allerdings entwickelt sich die Einstellung der Sozialarbeitenden zum Thema Zwang weiter. Laut Conen und Cecchin (2011) wandelt sich die alte Sichtweise zu einer „konstruktivere[n] und positivere[n] Haltung gegenüber den Chancen und Möglichkeiten, die Druck und Zwang … bieten können“ (S. 72). Bei genauerer Betrachtung zeigt sich also, dass Zwangskontexte nicht nur für das Klientel, sondern auch für Sozialarbeitende erschwerende Rahmenbedingungen sind und unangenehm sein können.

3.3 Das doppelte Mandat

Wie im vorherigen Kapitel beschrieben, fällt es Sozialarbeitenden oftmals schwer den Begriff Zwang unmittelbar mit der Sozialen Arbeit in Verbindung zu bringen. Dies lässt sich damit begründen, dass das traditionelle Selbstverständnis Sozialer Arbeit, sich um den Hilfebegriff zentriert. In den 1960er Jahren wurde jedoch durch Personen, die mit der Studentenbewegung in Verbindung standen, begonnen darauf hinzuweisen, dass Soziale Arbeit zwar Hilfe bzw. Unterstützung aber gleichzeitig auch Kontrolle sei (Aner, & Hammerschmidt, 2018, S. 3). Daraus resultierend entstand der Begriff des doppelten Mandats. „Diese Gleichzeitigkeit, die sich auch als Doppelcharakter verstehen lässt, ist aber nicht immer ohne Weiteres zu erkennen. So kann es sein, dass Aktivitäten der Sozialen Arbeit als ‚reine‘ Kontrolle erscheinen … Andere dagegen erscheinen als ‚reine‘ Hilfe“ (Aner, & Hammerschmidt, 2018, S. 3 – 4). Während die Bewährungshilfe augenscheinlich eher einen Kontrollauftrag erfüllt, ergibt sich bei genauerer Betrachtung auch die Möglichkeit einen Unterstützungsansatz zu erkennen. Folglich ist auch in Zwangskontexten wie der Bewährungshilfe ein doppeltes Mandat vorhanden. Eine der beiden zu erfüllenden Aufgaben sind die anhaltenden Angebote zur Unterstützung, welche die Klient*innen auch in diesem Rahmen (ohne Konsequenzen) ablehnen können. Das zweite Element, die Kontrolle durch die Bewährungshilfe, kann von den Klient*innen wiederrum nicht abgelehnt werden, denn dieses wurde nach §56d Abs. 3 StGB festgelegt. Demzufolge existiert in der Bewährungshilfe „eine ebenso unaufhebbare wie durchaus methodisch anspruchsvolle Kopplung zweier nicht identischer Handlungslogiken“ (Klug & Zobrist, 2016, S. 23). Es stellt eine schwierige Aufgabe besonders für Sozialarbeitende in der Bewährungshilfe dar, die richterlich angeordnete Kontrollfunktion mit der Unterstützer- bzw. Helferrolle in Einklang zu bringen. Genau dieser Zustand der gegensätzlichen Rollen, die zunächst nicht vereinbar erscheinen, ist eine der größten Herausforderungen im sozialarbeiterischen Bereich (Trotter, 2001, S. 103 – 104).

4. Grundlagen der Motivation

4.1 Definition des Begriffs Motivation

Der Begriff Motivation aus dem lateinischen (movere = bewegen) kann knapp als „die Aktivierende Ausrichtung des momentanen Lebensvollzugs auf einen positiv bewerteten Zielzustand“ beschrieben werden (Klug, & Zobrist, 2016 zitiert nach Rheinberg, 2009, S. 668). Dementsprechend geht es zunächst vorrangig um das Erreichen eines Ziels und die damit zusammenhängenden Prozesse (Setzen und Verfolgen des Ziels). Infolgedessen besteht eine Verbindung zwischen Kognition, der Bewertung von Zuständen, emotionaler Vermittlung und der Motivation an sich. Angesichts der Tatsache, dass es von dem Wunsch einer Person handelt ein Ziel zu erfüllen, muss die Frage gestellt werden, was genau Menschen dazu bewegt bzw. welche Rahmenbedingungen vorherrschen müssen, damit der Prozess der Zielerreichung begonnen wird (Klug, & Zobrist, 2016, S. 19). Des Weiteren muss an diesem Punkt festgehalten werden, dass definitionsgemäß unmotivierte Menschen nicht existieren können. Dies lässt sich aus der einfachen Tatsache herleiten, dass selbst für das Weiterleben ein Antrieb, also Motivation benötigt wird. Wird also von „unmotivierten Klient*innen“ gesprochen, „kann dies nicht bedeuten, dass [Klient*innen] … völlig motivationslos [sind] … Es heißt vielmehr, dass sich die Motivationslage [dieser] vielleicht nicht so darstellt, wie es die [sozialarbeitende Person] gerne hätte“ (Klug, & Zobrist, 2016, S. 19). Menschen reagieren auf gleiche Situationen mit einem unterschiedlichen Verhalten und somit auch Maß an Motivation. Ursächlich hierfür sind „interindividuelle Unterschiede von Situationsbeurteilungen“ (Klug, & Zobrist, 2016, S. 20). Dementsprechend kann laut Klug und Zobrist (2016) die Motivationsentstehen folgendermaßen beschrieben werden:

Aufgrund ihrer genetischen Voraussetzungen und sozialen Lernerfahrungen bewerten Menschen die gleiche Situation … [(z.B. Kennenlernen des*r Klient*in bzw. des*r Bewährungshelfer*in)] unterschiedlich: Sie antizipieren unterschiedliche Ausgänge … [(beim Kennenlernen beispielsweise: empfinden von Sympathie, Ablehnung, Zusammenarbeit)], was zu unterschiedlichen emotionalen Reaktionen und Emotionserwartungen führt … [(z.B. Angst, Gefühl der Herausforderung / Überforderung)] . Diese Prozesse der Erwartungszuschreibung sind verantwortlich, ob Motive (z.B. Leistungsmotiv) in Ziele … [(z.B. einhalten der Bewährungsauflagen)] und dann in Handlung umgesetzt werden. (S. 20)

Schlussendlich hängt die Umsetzung der Ziele in konkrete Handlungen einerseits von der zugeschriebenen Bedeutsamkeit des Ziels und anderseits von der wahrgenommenen eignen Wirksamkeit ab.

4.2 Die Stufen der Motivation

Um den genauen Entstehungsprozess von und die Bedingungen für Motivation ausführlicher zu beschreiben wird oft auf das von Heckhausen entwickelte Rubikon-Modell der Handlungsphasen zurückgegriffen.

Abb. 1: Rubikon-Modell der Handlungsphasen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: In Anlehnung an: Achtziger, & Gollwitzer, 2018, S. 311.

Das Rubikon-Modell unterteilt „den Handlungsverlauf in vier chronologisch aufeinander folgende und durch diskrete Übergänge voneinander abgegrenzte Phasen“ (Achtziger, & Gollwitzer, 2018, S. 358). Indem es die Entstehung von Motivationstendenzen über Wünsche, Wählen, Wollen bis zu der Deaktivierung verfolgt, wird versucht die Entstehung, das Heranreifen und Vergehen von Motivation bildhaft darzustellen. Wie bereits beschrieben und in der Abbildung ersichtlich, werden vier Phasen abgegrenzt, welche sich bezüglich der jeweiligen Aufgaben innerhalb der einzelnen Schritte unterscheiden. Beginnend mit „der Phase des Abwägens verschiedener Wünsche und Handlungsoptionen und deren jeweiliger positiver und negativer Konsequenzen“ (Achtziger, & Gollwitzer, 2018, S. 358). Im Beispiel der Bewährungshilfe kann dies erneut auf die Kennenlern-Situation zwischen Klient*in und Bewährungshelfer*in bezogen werden: Der*die Klient*in überlegt, welche Wünsche (z.B. Straffreies Leben, keine Veränderungen) oder Handlungsoptionen (z.B. Zusammen- bzw. Mitarbeit, Verweigerung) und welche Konsequenzen (z.B. Strafverlängerung, Freiheitsentzug, Verbesserung der Lebensumstände) daraus resultieren können. Die zweite Phase ist die „des Planens konkreter Strategien, mit denen eine Person versucht, das am Ende der vorhergegangenen Phase etablierte Ziel zu realisieren“ (Achtziger, & Gollwitzer, 2018, S. 358). Diese Phase zieht die namensgebende Metapher der Rubikonüberschreitung1 heran. Es wird davon ausgegangen, dass sich die Person nach ihrer Entscheidung an ein Ziel bindet und dadurch nur noch darauf fokussiert ist, dieses zu erreichen (Zobrist, & Kähler, 2017, S. 70). Im Beispiel der Bewährungshilfe, könnte der*die Klient*in sich nun dazu entschlossen haben ein straffreies Leben führen zu wollen, eine mögliche Strategie um dies zu erreichen ist die enge Zusammenarbeit mit dem*der Bewährungshelfer*in. Die darauffolgende Phase ist die „Phase der Durchführung dieser Strategie und … [abschließend die] Phase der Bewertung des sich daraus ergebenden Handlungsergebnisses“ (Achtziger, & Gollwitzer, 2018, S. 358).

5. Sozialarbeiterische Methoden für die Arbeit im Zwangskontext

5.1 Haltung und Vorgehensweise

Conen und Cecchin haben fünf verschiedene Haltungen bzw. Vorgehensweisen, die für die Arbeit in Zwangskontexten essenziell sind, festgestellt. Diese werden in diesem Teilkapitel vorgestellt. Beginnend mit der Grundhaltung die Sozialarbeitende mitbringen sollten: Besonders wichtig ist es gleich anfangs die Tatsache, dass in Zwangskontexten aufgrund richterlicher Anordnungen oder Ähnlichem, Veränderungen „nicht nur möglich, sondern auch unvermeidbar“ sind (Conen, & Cecchin, 2011, S. 141). Zusätzlich muss beachtet werden, dass die Unfreiwilligkeit der Klient*innen nicht mit unmotivierten Klient*innen gleichzusetzen ist. Des Weiteren werden in Zwangskontexten „die Ziele durch die Wünsche oder Aufträge des Gerichts“ gesetzt, also wird hier nicht vorwiegend klientenorientiert gearbeitet. Trotzdem gilt: „das Problem, das den Klienten beschäftigt, [bildet] den Ausgangspunkt“. Gleichermaßen wichtig ist der Aspekt, dass „nicht der Klient als Person … das Problem oder Ziel der Veränderung [ist], sondern sein sozial unerwünschtes Verhalten“ (Conen, & Cecchin, 2011, S. 142). Darüber hinaus führen Conen und Cecchin (2011) den Punkt der Neutralität auf, welcher folgendes beinhaltet: „Standpunkt einer respektvollen Neugier – trotz der anfänglich feindseligen Haltung der Klienten“ sowie eine „neutrale Haltung gegenüber der Person, jedoch nicht gegenüber dem Verhalten des Klienten“. Besonders ausschlaggebenden ist, dass „keine Übernahme der kontrollierenden und hinterfragenden Haltung der überweisenden Institutionen [stattfindet] – sondern eine von Interesse geprägte Haltung gegenüber dem Klienten und seinem Leben“ (S. 142). Darüber hinaus beschreibt auch der Aspekt des Zutrauens eine bedeutende Haltung in diesem Bereich. Zum einen das Zutrauen bzw. Vertrauen des Sozialarbeitenden in die Fähigkeiten und Ressourcen der Klient*innen, zum anderen aber auch, dass akzeptiert werden muss, wenn die „Arbeit ohne Vertrauen seitens des Klienten“ stattfindet (Conen, & Cecchin, 2011, S. 142). Weitere Haltungen und Vorgehensweisen, die beschrieben werden, sind Aktivität und Kontextbezogenheit. Zu dem Punkt Aktivitäten haben Conen und Cecchin (2011) weiter ausgeführt: Sozialarbeitende sollten Aktivität und Struktur bieten und dabei, ohne kontrollierend zu wirken, eine eher direktive Haltung einnehmen. Gleichzeitig müssen Verhaltensgrenzen (bezüglich der Teilnahme, Erledigung von Aufgaben, usw.) gesetzt werden, um dadurch eine aktive Beteiligung der Klient*innen einzufordern. Unbeteiligtheit oder passives Verhalten kann nicht akzeptiert werden (S. 143). Abschließend wird zu der Kontextbezogenheit genannt, dass der Unterschied zwischen dem Sozialarbeitenden und der überweisenden Institution (hier: Bewährungshelfer*in und Gericht), deutlich gemacht wird. Außerdem muss den Klient*innen transparent die Rolle des*der Sozialarbeiter*in mitgeteilt werden, also auch die Meldepflicht gegenüber dem Gericht (Conen, & Cecchin, 2011, S. 143).

5.2 Methodisches ABC in Zwangskontexten

Im folgenden Kapitel werden methodische Prinzipien anhand des ABCs in Zwangskontexten vorgestellt. Die Abfolge nach ABC ist nicht festgelegt, zwar ist die Auftrags- und Rollenklärung immer an den Anfang zu stellen, jedoch muss diese in manchen Situationen auch wiederholt werden. Die Motivation steht meist an zweiter Stelle, die Beziehungsgestaltung betrifft hingegen alle Phasen (Zobrist, & Kähler, 2017, S. 49).

5.2.1 A: Auftrags- und Rollenklärung

Dem Vorgang der Auftrags- und Rollenklärung innerhalb von Zwangskontexten wird eine hohe Wirkung und damit auch Wichtigkeit zugeschrieben. Laut einer „Studie von Kähler (2005) haben die befragten Fachkräfte der Wichtigkeit der Auftrags- und Rollenklärung in hohem Maße zugestimmt. Allerding beurteilen es 43% der Fachkräfte als ausgesprochen schwierig, den Klienten einerseits die Kontrollaufgabe, andererseits das Unterstützungspotential zu verdeutlichen“ (Zobrist, & Kähler, 2017, S. 54). Die Voraussetzung für eine gelingende Auftrags- und Rollenklären, ist zunächst natürlich, dass sich die Fachkraft „mit dem Zwangskontext und die Integration dieser Bedingungen in das berufliche Selbstverständnis“ auseinandersetzt (Zobrist, & Kähler, 2017, S. 53). Ist dies geschehen, kann mit den Klärungen der Rahmenbedingungen begonnen werden. An dieser Stelle werden die Voraussetzungen für die Beziehungen zwischen den beiden Parteien, also die Grundlage der Initiative sowie die Umstände, die eine Kontaktaufnahme bewirkt haben, offengelegt. Diese Situation kann von Klient*innen als Bedrohung wahrgenommen werden und aufgrund dessen das Anliegen ablehnen bzw. sich dem widersetzen. In diesem Fall müssen die Gründe der Kontaktaufnahme und mögliche Konsequenzen bei Ablehnung (erneut) erklärt werden. Des Weiteren sollten die nötigen Bedingungen für das Beenden des Kontaktes mitgeteilt werden. Angesichts der Bedeutsamkeit und des Umfangs der Klärungen der Rahmenbedingungen, muss dafür genügend Zeit eingeplant werden (Zobrist, & Kähler, 2017, S. 53 – 54). Nach Zobrist und Kähler (2017) sind „bei der Auftrags- und Rollenklärung … zwei Perspektiven zu konkretisieren: Die Aktivitäten, welche die Erhöhung der Transparenz erreichen wollen, beziehen sich auf die vorhandenen Ausgangsbedingungen und den Hintergrund der Entstehung der Kontaktaufnahme in Zwangskontexten. Die Rollenklärung konzentriert sich auf die vorhandenen Ausgangsbedingungen und den Hintergrund der Entstehung der Kontaktaufnahme“ (S. 55). Dem Begriff Transparenz wird in der Literatur ein hoher Stellenwert zugesprochen. Die Transparenz gegenüber Klient*innen bezüglich der Rahmenbedingungen einer Kontaktaufnahme, sowie möglichen Konsequenzen wird als essenziell angesehen. Da sich die Rollenanforderungen stetig ändern, findet die Rollenklärung von Beginn an bis zum Ende des Kontakts statt. Also ist der Prozess der Klärung ist nie ganz abgeschlossen (Zobrist, & Kähler, 2017, S. 55 – 56). Fest steht: „das oberste Gebot der Rollenklärung ist, Klarheit über die jeweiligen nicht verhandelbaren Ausgangsbedingungen zu schaffen“. Dies ist besonders im Bereich der Bewährungshilfe bedeutsam, da den Klient*innen bewusst sein muss, dass Bewährungshelfer*innen bei Verstößen einer Meldepflicht bei den zuständigen Behörden nachkommen muss (Zobrist, & Kähler, 2017, S. 58).

5.2.2 Motivation – Transtheoretisches Modell und Stufengerechte Intervention

Modelle wie das in 4.2 beschriebene Rubikon-Modell können durch Veränderungsmodelle ergänzt werden. Hierbei wird versucht „die Kernelemente von Veränderungsprozessen und die damit einhergehenden Motivationsstadien zu fassen“, indem eine Unterscheidung von sechs Stufen der Veränderung stattfindet (Zobrist, & Kähler, 2017, S. 74). Ausgangspunkt des Transtheoretischen Modell der Veränderung ist, dass einzelne Motivationszustände mit bestimmten Veränderungsprozessen verknüpft sind. Also kann weder von motivierten noch unmotivierten Klient*innen gesprochen werden, da sich die Motivation auf bestimmte Problematiken, Themen und/oder Veränderungen bezieht. Demzufolge sollten Sozialarbeitende die geplante Vorgehensweise an den Motivationsstufen ihrer Klient*innen anpassen.

Das transtheoretische Modell der Veränderung nach Prochaska und DiClemente beschreibt zunächst die erste Stufe: die Absichtslosigkeit. In dieser Stufe wird von dem*der Klient*in (noch) kein Problem wahrgenommen. Daraus folgt, dass auch keine Absicht zur Veränderung vorhanden ist. Die darauffolgende Stufe beschreibt den Fortschritt, dass das Problem von dem*der Klient*in wahrgenommen wird, sie sich ernsthafte Problemlösungsabsichten bilden. Anknüpfend daran findet die Stufe der Vorbereitung statt. Es wird ein Entschluss gefasst, also der Rubikon wird überschritten (siehe Kapitel 4.2), konkrete Pläne sind vorhanden. In diesen ersten drei Veränderungsstufen bieten sich klärungsorientierte und in den folgenden handlungsorientierte Ansätzen an. (Zobrist, & Kähler, 2017, S. 74 – 76). Ist die Stufe der Vorbereitung abgeschlossen, folgt die der Handlung. Kennzeichnend für die Stufe sind erhebliche und bedeutsame Veränderungsanstrengungen. Ziel ist es natürlich, die erreichten Veränderungen beizubehalten. Dies geschieht in der vorletzten Stufe, der Aufrechterhaltung. Innerhalb dieses Abschnitts soll seit mindestens sechs Monaten das neue Verhalten stabilisiert sein, um anschließend in die letzte Stufe zur Stabilisierung / Beendigung überzugehen. Der Veränderungsprozess wird abgeschlossen, wenn sich das Verhalten des*der Klient*in so gefestigt hat, dass keine Energie mehr darauf verwendet werden muss einen Rückfall zu verhindern. Um Kontaktabbrüche, Konflikte oder Gegenwehr hervorgerufen durch fehlidentifizierte Interventionen zu vermeiden, sollten Sozialarbeitende die Interventionen nach der Veränderungsstufe in der sich der*die Klient*in befindet auswählen. Orientierung, wann welche Art von Intervention angebracht bzw. sinnvoll ist bietet die stufengerechte Intervention, welche in der folgenden Tabelle abgebildet ist. (Zobrist, & Kähler, 2017, S. 77).

Tab. 1: Stufengerechte Intervention

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: In Anlehnung an: Zobrist, & Kähler, 2017, S. 76.

Wie bereits erwähnt, werden in den ersten drei Stufen klärungsorientierte Ansätze angewendet. Besonders in Zwangskontexten ist es bedeutsam, dass handlungsorientierte Interventionen nicht zu schnell eingesetzt werden. Dies könnte dazu führen, dass sich Klient*innen in ihrer Autonomie eingeschränkt fühlen und dadurch Widerstand entsteht. In der Stufe der Absichtslosigkeit sind somit Interventionen wie die Auftrags- und Rollenklärung (welche bereits in 5.2.1 erläutert wurde) und die Problemeinsichtsförderung sinnvoll (Zobrist, & Kähler, 2017, S. 76 - 77). Nahezu alle Klient*innen in Zwangskontexten haben Schwierigkeiten ihre Probleme zu erkennen oder gar anzuerkennen. Zwischen den Parteien besteht oftmals ein extremer Unterschied in der Problembeurteilung bzw. -wahrnehmung. Gerade deshalb ist die Problemeinsichtsförderung essenziell für die Beratungsbeziehung und somit auch für eine gelingende Beratung. Sozialarbeitende verfolgen damit das Ziel, gemeinsam mit dem*der Klient*in, eine funktionale Problemsicht, bei der alle beteiligten Akteure miteinbezogen werden, zu erarbeiten. Diese dient als Grundlage für das Festlegen von Zielen und das weitere methodische Vorgehen (Zobrist, & Kähler, 2017, S. 80). Es trägt jedoch weder zur Problemeinsicht noch zur Motivation der Klient*innen bei, wenn erreicht werden will, dass Klient*innen nur einsichtig werden und die Sichtweisen des Gerichts oder des*der Bewährungshelfer*in übernehmen. Vielmehr sollte durch eine offene Haltung und Fragen, die Gründe für die nicht vorhandene Problemeinsicht gefunden werden, um dann beraterisch darauf zu reagieren (Zobrist, & Kähler, 2017, S. 81). Diese Gründe können verschiedener Art sein, beispielsweise sehen Klient*innen das Problem nicht, da dieses subjektiv betrachtet positive Konsequenzen für sie mitbringt. Gleichzeitig kann aber auch die Tatsache, dass eine Problemeinsicht Schuld- oder Schamgefühle bei Klient*innen auslösen kann, die sie von der Einsicht abhalten. Sozialarbeitende können dem mithilfe beraterischer Ansätze entgegenwirken. Indem Klient*innen langfristige negative Konsequenzen ihres Problems erarbeiten, kann eine Problemeinsicht erreicht werden. Dabei muss aber darauf geachtet werden, dass Bewertungen des*der Bewährungshelfer*in nicht relevant sind. Klient*innen sollen allein durch geschicktes fragen angeregt werden (Zobrist, & Kähler, 2017, S. 82 - 83). Wenn eine Problemeinsicht aufgrund der Gefühle, die dadurch zugelassen werden, nicht stattfindet, können Sozialarbeitende durch das Entgegenbringen von Akzeptanz, Empathie und dem Vermeiden von Abwertungen sowie das offene Ansprechen der Gefühle (Scham, Versagen, usw), Raum für die Problemeinsicht schaffen (Zobrist, & Kähler, 2017, S. 86 – 87).

Nachdem die Stufe der Absichtslosigkeit abgeschlossen ist, folgt die Absichtsbildung. In dieser Stufe erwies sich der Einsatz von Interventionen wie Ambivalenzenklärung und Zielklärung als nützlich. Die Ambivalenzenklärung ist oftmals ein wichtiger Bestandteil in der Arbeit mit Klient*innen. In den meisten Fällen ist ein widersprüchlicher Mix aus Pro und Kontra bezüglich einer Veränderung vorhanden, dieser Zustand muss erfasst und besprochen werden damit ein Zugang zu Veränderungen erreicht werden kann. Der Ablauf einer Ambivalenzenklärung wird von Zobrist und Kähler (2017) in vier Schritten beschrieben:

1. Nachteile deutlich machen, (psychologische) Verantwortung … für die Nachteile herausarbeiten und persönliche Bedeutung der Nachteile im Kontext wichtiger Ziele hervorheben.
2. Vorteile der Veränderung deutlich machen, Möglichkeiten der Veränderung herausarbeiten und Selbstwirksamkeitserwartung steigern. Wiederum soll die persönliche Bedeutung der Vorteile im Kontext wichtiger Ziele klären.
3. Nachteile der Veränderung herausarbeiten, Möglichkeiten der „Kostenreduktion“ besprechen und die persönliche Bedeutung der Nachteile im Kontext wichtiger Ziele klären.
4. Vorteile des bisherigen Verhaltens klären und besprechen, wie di Vorteile durch angemessenes Handeln dennoch erhalten bleiben können … Vorteile des alten Verhaltens im Kontext wichtiger persönlicher Ziele [klären] (S. 88 – 89).

Durch das exakte Herausarbeiten von Vor- und Nachteilen des bisherigen Verhaltens und der Veränderung wird eine größere Klarheit erzielt. Während hinderliche Aspekte (Nachteile der Veränderung, Vorteile des bisherigen Verhaltens) geschwächt und entkräftet werden, werden die aufgezählten Vorteile der Veränderung gestärkt (Zobrist, & Kähler, 2017, S. 89).

In nahezu allen Bereichen der Sozialen Arbeit nehmen Ziele eine zentrale Steuerungsaufgabe ein, sie bilden eine Grundlage für das weitere Handeln innerhalb eines Prozesses. Bereits in „zwanglosen“ Kontexten stellt das Festmachen von Zielen eine anspruchsvolle Aufgabe dar, innerhalb von Zwangskontexten nimmt die Schwierigkeit zu. Die Umstände, dass die Ziele die von Sozialarbeiter*innen angestrebt werden, sich von denen der Klient*innen unterscheiden und, dass sich noch kaum oder gar keine Problemeinsicht vorhanden ist und dadurch Veränderungsziele noch nicht greifbar sind, erschweren die Arbeit. Um diesen Prozess erfolgreich zu gestalten, muss der*die Klient*in bereits den Willen zur Veränderung entwickelt haben. Das bedeutet, dass die Entwicklung und Aushandlung von Zielen keinesfalls am Anfang der Zusammenarbeit (Stufe der Absichtslosigkeit) stattfinden darf (Zobrist, & Kähler, 2017, S. 91 – 92). Ist der richtige Zeitpunkt für das Erarbeiten von Zielen erreicht, sind verschiedene Dinge zu beachten. Grundsätzlich sollten die Ziele „positiv, konkret, messbar, erreichbar und gemeinsam formuliert werden“ (Zobrist, & Kähler, 2017, S. 93). Ziele, die alleine durch den Klienten, also ohne Hilfe von außen (Netzwerkangehörige, andere professionelle Helfer) und/oder Ziele die in kurzer Zeit erreicht werden können haben Vorrang gegenüber Zielen, die für das Erreichen einen längeren Zeitraum oder zusätzliche Hilfe von außen benötigen. Ebenso sollen Ziele, die einen unmittelbaren Erfolg und Entlastung bringen, denen die längerfristig wichtig sind vorgezogen werden. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass die längerfristig wichtigen Ziele, oder diese die weitere externe Hilfe oder einen längeren Zeitraum benötigen außenvorgelassen werden. Beispielsweise können Ziele, die für die Erreichung einen längeren Zeitraum benötigen, in mehrere kleine Teilziele aufgeteilt werden. „Größere“ Ziele können im Anschluss betrachtet und angegangen werden. Um zu verhindern, dass die Zielentwicklung der Klient*innen übergangen wird und dadurch keine für die Klient*innen bedeutsame und eigene Ziele erarbeitet werden, werden in der Fachliteratur Wertekarten empfohlen. Auf diesen Karten (100 Stück) befinden sich Wertevorstellungen zu unterschiedlichen Lebensbereichen, davon können Klient*innen für sich selbst passende auswählen. Darauf aufbauend kann dann eine Zielentwicklung stattfinden (Zobrist, & Kähler, 2017, S. 93).

Abschließend zu den klärungsorientierten Interventionen wird die Ressourcenaktivierung bzw. -orientierung innerhalb der Stufe der Entscheidung und Vorbereitung aufgeführt. Dabei sollen Klient*innen in Zwangskontexten für die verlangten Veränderungen befähigt werden und gemeinsam mit dem*der Bewährungshelfer*in externe und interne Ressourcen erschlossen werden. Dabei spielen die sozialen Netzwerke laut Zobrist und Kähler (2017) eine nennenswerte Rolle, da diese einen enormen „Einfluss auf die Problematisierung von bestimmten Klientensituationen haben und gleichzeitig für die Lösungen der Probleme unverzichtbar sind“ (S. 95). Mithilfe von Ökogrammen und Netzwerkkarten können die sozialen Netzwerkressourcen erfasst werden.

In den letzten beiden Stufen (Handlung, Aufrechterhaltung und Stabilisierung) können nun handlungsorientierte Ansätze angewendet werden. Die Aufgaben der Sozialarbeitenden dabei sind die Unterstützung der Umsetzung sowie Sicherstellung der Aufrechterhaltung und die Antizipation der Bewältigung eines Rückfalls (Zobrist, & Kähler, 2017, S. 76). Dabei können Ansätze wie stimulus control oder helping relationships angewandt werden. Bei dem Ansatz der stimulus control wird das Ziel verfolgt die Umwelt des*der Klient*in so zu verändern, „dass Anreize für das erwünschte Verhaltung zunehmen und Auslöser für das unerwünschte Verhalten abnehmen“ (Klug, & Zobrist, 2016, S. 50). Beispielsweise kann versucht werden, dass nur noch Kleidung mit wenig „Versteckmöglichkeiten“ getragen wird, um Diebstahl zu verhindern. Helping relationships zielen darauf ab, dass hilfreiche und unterstützende Kontakte geknüpft und Beziehungen aufgebaut werden. Gleichzeitig soll erlernt werden, aktiv um etwas zu bitten und Hilfe zuzulassen. Hilfreich dabei sind nach Klug und Zobrist (2016) „Kommunikationsübungen wie Rollenspiele und Übungen zum Aufbau von Beziehungen, Vereinbarungen über regelmäßige Telefonate mit dem Sozialarbeiter, therapeutische Beziehungen, das Planen regelmäßiger Kontakte zu nichtkriminellen Freunden bis hin zu Selbsthilfegruppen“ (S. 50).

5.2.3 Beziehungsgestaltung

„You will get further with a patient with a good therapeutic relationship and lousy techniques, than you will with good techniques and a lousy relationship“ (Klug, & Zobrist, 2016, S. 56, zitiert nach Victor Meyer). Anhand dieses Zitats wird deutlich, wie bedeutsam eine gelingende Beziehungsarbeit in der Arbeit mit Menschen ist. Jedoch kann sich besonders in Zwangskontexten die Beziehungsgestaltung als schwierig erweisen. Beziehungen zu Klient*innen aufzubauen, die sich nicht aktiv dazu entschieden haben in Kontakt mit Sozialarbeitenden zu treten und dadurch oftmals keine Beziehung zu diesen aufbauen wollen, ist eine durchaus anspruchsvolle Arbeit (Zobrist, & Kähler, 2017, S. 97). Um den Prozess der Gestaltung einer gelingenden Beziehung in Zwangskontexten zu erleichtern, können verschiedene Techniken angewendet werden. In diesem Kapitel werden zwei davon beschrieben.

Zuerst werden die prosoziale Beziehungsgestaltung, Verstärkung und Modellierung erläutert. Wie bereits in den vorherigen Kapiteln beschrieben, ist es in Zwangskontexten bedeutsam, dass sich Sozialarbeitende „gegenüber ihren Klienten und deren Normverletzungen eindeutig positionieren“ (Zobrist, & Kähler, 2017, S. 116). Folglich sollen Sozialarbeitende unerwünschte Verhaltensweisen ihrer Klient*innen zurückweisen. Auch wenn der*die Bewährungshelfer*in das Verhalten der Klient*innen in Hinblick auf die Lebensumstände verstehen oder nachvollziehen kann, darf es nicht gebilligt werden. Jedoch muss beachtet werden, dass die Zurückweisung trotzdem professionell bleiben muss. In solchen Situationen bietet es sich an, dass das Verhalten ignoriert oder betont wird, dass der*die Sozialarbeiter*in den Aussagen nicht zustimmt, oder die „Äußerungen nur Rechtfertigungen für inakzeptables Verhalten sind“ (Zobrist, & Kähler, 2017, S. 116). Zusätzlich sollten sich nach Zobrist und Kähler (2017) die „Zurückweisungen von Äußerungen und Verhaltensweisen … auf die Bereiche [beschränken], deretwegen es zur Zusammenarbeit unter Zwangsbedingungen gekommen ist“ (S. 117). Voraussetzung für das Modellieren eines angemessenen Verhaltens ist, dass prosoziale Kommentare und Verhaltensweisen von Sozialarbeitenden erkannt werden. Eine Prosoziale Aussage kann beispielsweise eine Bemerkung eines Straffälligen, der erkennt welchen Schaden er mit der oder den Straftat(en) verursacht hat sein. Werden prosoziale Aussagen oder Verhaltensweisen erkannt, wird nach der klassischen Lerntheorie gehandelt: Verhalten wird durch Belohnung geformt. So können Sozialarbeitende nach einer prosozialen Handlung von Klient*innen (beispielsweise pünktliches Erscheinen zum Termin) ein Lob bezüglich dieser aussprechen. Zu beachten ist jedoch, dass dieser Vorgang nicht routinemäßig erfolgen, sondern wohl dosiert und zu den Anlässen passend, geschehen sollte (Zobrist, & Kähler, 2017, S. 117). In der Modellbildung von prosozialen Verhaltensweisen bietet es sich auch an, dass Sozialarbeitende zum Teil auf eigene biografische Erfahrungen zurückgreifen und so ein modellhaftes Vorleben des angestrebten Verhaltens bieten. Dabei erweist sich eine bodenständige Art der Kommunikation als förderlich (Zobrist, & Kähler, 2017, S. 118 – 119).

[...]


1 49 v. Chr. Überschreitet Caesar mit seinen Truppen den Grenzfluss Rubikon, dabei soll er die Worte „der Würfel ist gefallen“ gesprochen haben. Heutzutage beschreibt die Rubikonüberschreitung also eine Handlung, nach der es kein zurück mehr gibt (Springer, 2017, o.S.)

Ende der Leseprobe aus 60 Seiten

Details

Titel
Bewährungshilfe im Kontext aus Zwang und Motivation
Hochschule
Internationale Fachhochschule Bad Honnef - Bonn
Veranstaltung
Wissenschaftliches Arbeiten
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
60
Katalognummer
V1009580
ISBN (eBook)
9783346386755
ISBN (Buch)
9783346386762
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bewährungshilfe, Zwangskontext, Motiverende Methoden, Motivierende Soziale Arbeit
Arbeit zitieren
Marlene Tuschl (Autor), 2020, Bewährungshilfe im Kontext aus Zwang und Motivation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1009580

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