Gandhi und die Rowlatt-Satyagraha-Bewegung 1919


Seminararbeit, 1999

13 Seiten, Note: 2+


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Gandhi und die Rowlatt-Satyagraha-Bewegung 1919

1. Einleitung

Das Thema des Proseminars zu dem ich diese Hausarbeit schreibe heißt „Der Aufstieg Gandhis zum Führer des indischen Unabhängigkeitskampfes (1917-31)“. Ich beschäftige mich in meiner Hausarbeit mit dem Rowlatt-Satyagraha 1919 und möchte aufzeigen, daß dieser Satyagraha sowohl den Einstieg Gandhis in den indischen Unabhängigkeitskampf bedeutete, als auch einen radikalen Umschwung in der Beziehung Gandhis zum britischen Empire bewirkte. Aufgrund der guten Quellenlage ist das Leben Gandhis weitestgehend erforscht. Eine große Hilfe waren dabei seine Autobiographie, ge- schrieben in den 20iger Jahren als wöchentlicher Beitrag seiner Zeitschrift „Navajivan“, später von seinem Sekretär Mahadev Desai ins Englische übersetzt und in Buchform herausgegeben und seine, in der Buchserie „The Collected Works of Mahatma Gandhi“ herausgegebenen, Schriften, Briefe, Re- den, sowie viele Zeitungsartikel von und über ihn und nicht zuletzt die Gandhi-Biographien der Auto- ren, die ihn persönlich kannten. Dazu gibt es eine Vielzahl weiterer Bücher und Aufsätze über Gandhi und seine Zeit. Auch ich nehme in meiner Hausarbeit Bezug auf Gandhis Autobiographie, des weite- ren auf mehrere Biographien, sowie Bücher über Gandhi und den Rowlatt-Satyagraha. In den meisten Arbeiten wird der Rowlatt-Satyagraha leider nur kurz behandelt, obwohl ihm eine gewisse Bedeutung für den weiteren Verlauf von Gandhis Leben nicht abgesprochen wird. Diese Bedeutung werde ich in meiner Hausarbeit darlegen. Zuerst beurteile ich in meiner Hausarbeit die allgemeine Lage in Indien 1918/19 und spreche dabei die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aspekte an, die sehr wichtig für das Verständnis der Geschehnisse vor und während des Rowlatt-Satyagrahas sind. Danach erläutere ich die Rowlatt-Bills, als den Auslöser der Satyagraha-Bewegung und komme dann zu Gandhis Schritt auf die politische Bühne, bei der ich auch sein Schaffen in Indien zwischen 1914 und 1919 zum besseren Verständnis seiner persönlichen Situation kurz anreiße. Dann verfolge ich chronologisch den Ablauf des Hartals, wobei ich mich im ersten Teil dem verfrühten Hartal in Delhi widme, und zum Ende meiner Hausarbeit schätze ich den Hartal in seiner Bedeutung sowohl für Gan- dhi, als auch für Indien ein. In dieser Hausarbeit werde ich mich nicht mit einer Erklärung von Gan- dhis Satyagraha-Methoden, den Geschehnissen im Anschluß an das Amritsar-Massaker und Gandhis Biographie vor 1914 beschäftigen, da dies den Rahmen meiner Hausarbeit sprengen würde.

2. Die Lage in Indien 1918/19

2.1. politische Situation

Indien beteiligte sich als Teil des britischen 1Empires am 1. Weltkrieg. Während indische Soldaten im Ausland Seite an Seite mit den Briten gegen die Mittelmächte kämpften, schränkten in Indien die Kriegsnotstandsgesetze die politischen Aktivitäten stark ein. Die politisch führende Macht in Indien war der Indische Nationalkongreß, in dem es seit seiner Spaltung 1907 zu einem ständigen Macht- kampf zwischen gemäßigten Moderats und Extremists kam. 1915 starben Gokhale und Mehta, die beiden bedeutendsten Führer der gemäßigten Moderats und Bal Gangadhar Tilak, der 1914 aus dem Gefängnis entlassenen Führer der radikalen Extremists, nutzte seine Chance um die Führung des Kongresses zu übernehmen und den Extremists die Vorherrschaft im Kongress zu sichern. 1916 grün- deten Tilak und Annie Bessant, eine in Indien lebende Irin, die „Home Rule League“, die sich sehr stark an den Kongreß anlehnte, teilten Indien in zwei Einflußsphären, Tilak agierte in West- und Zent- ralindien, Frau Bessant im Rest, und schon bald übernahm die „Home Rule League“ die Führung in der Unabhängigkeitsbewegung. Im Dezember 1916 schloß Tilak mit Jinnah, dem Führer der Muslim- Liga, den Lucknow-Pakt über eine Zusammenarbeit zwischen Kongreß und Muslim-Liga, denn die Moslems, als Minderheit in Indien hatten sie verstärkt mit den Briten zusammengearbeitet, waren in einen Loyalitätskonflikt gekommen, da sie gegen ihr religiöses Oberhaupt den Kalifen, durch seine Allianz mit den Mittelmächten ein Kriegsgegner für die Briten, kämpfen sollten und wandten sich deshalb immer mehr nationalistischen Bewegungen zu. 1918 legte Montagu die Montagu- Chelmsford-Reform vor, die eine Beteiligung der Inder an den Regierungsangelegenheiten durch gewählte indische Minister beinhaltete. Zur Enttäuschung der Inder beschränkte sich diese Mitarbeit auf die Bereiche Erziehung und Gemeindeangelegenheiten, alle wichtigen Ressorts wie Finanzen und Wirtschaft blieben fest in der Hand der Briten und der Entwurf sah auch keine weiteren Reformen vor. Die Bevölkerung war von dieser Reform enttäuscht, trotzdem stimmten die Moderats dieser Reform zu, während die Extremists sie ablehnten, der Kongreß spaltete sich endgültig, wobei die Moderats keinen einflußreichen Führer mehr hatten und politisch nur noch eine geringe Rolle spielten.

Zusammenfassend kann man sagen, daß die Politik in Indien zu dieser Zeit von 4 Personen maßgeblich bestimmt wurde, nämlich Tilak und C. R. Das, die Führer des Kongreß, Annnie Bessant, die Begründerin der „Home Rule League“ und Jinnah, der Führer der Muslim-Liga.

2.2. wirtschaftliche Lage

Die wirtschaftliche Situation in Indien 2war während des Krieges sehr angespannt, denn Indien hatte einen hohen Anteil an den Kriegskosten zu tragen und die britische Verwaltung versuchte durch hohe Besteuerung der Mittelklasse und der Armen, sowie enorme Preissteigerungen bei Nahrungsmitteln und Textilien neue Mittel für den Krieg zu beschaffen. Gleichzeitig sanken jedoch die Exportzahlen, so daß entweder geringere Löhne ausgezahlt wurden oder die Arbeiter ihre Jobs verloren und dadurch die hohen Preise für Grundnahrungsmittel und Bekleidung nicht mehr zahlen konnten. Dazu herrschte in Indien eine hohe Inflation, viele Inder verloren den Glauben an die Stabilität der Banken, lösten ihre Guthaben auf und lösten einen Bankenansturm aus, der einen Kapitalmangel bei den Banken zur Folge hatte und den Wert des Geldes verfallen ließ. Ein weiteres Problem stellte die Krise der Land- wirtschaft dar. Indien hatte ungefähr 0.5-1.53 Millionen Soldaten an die Fronten geschickt und diese Männer fehlten auf den Feldern und zusätzlich versorgte Indien die britische Armee während des Krieges mit Nahrungsmitteln und Viehfutter, doch eine Mißernte1918 führte zu einem Engpaß, weil die Armee Vorrang hatte starben in Indien etwa 13 Millionen Menschen und das Vieh an Hunger und wegen der Unterernährung brachen gleichzeitig Seuchen aus die noch einmal mehrere Millionen Men- schenleben forderten.4 Diese Mißstände lösten eine Welle von Kriminalität aus, Geschäfte und Depots wurden geplündert, Versorgungszüge überfallen, die britische Regierung ging mit aller Härte gegen diese Kriminellen vor.

Nach Ende des Krieges hofften die Inder auf eine Änderung der Lage, doch es traten keine Verbesserungen, sondern weitere Verschlechterungen ein, denn die Teuerung für Lebensmittel erreichte einen neuen Höchststand. Inspiriert von der Oktoberrevolution in Rußland starteten die indischen Arbeiter ihrerseits einen Versuch mit Massenstreiks in den Betrieben und Fabriken eine Besserung der Lage zu erreichen, was ihnen aber nicht gelang.

2.3. gesellschaftliche Lage

Auf gesellschaftlicher Ebene gab es starke Konflikte zwischen Briten und Indern. Die Briten sahen sich als vorherrschende Bevölkerungsschicht in Indien und auch die Anglo-Briten fühlten sich mehr zu der Seite der Briten zugehörig, so daß eine Diskriminierung der Inder in allen Bereichen des Le- bens die Folge war. Inder durften weder Lifte benutzen, noch in Zügen und auf Schiffen in der 1. Klasse reisen, oder europäische Klubs betreten, wenn sie ein Anliegen hatten mußten sie häufig meh- rere Stunden vor den Büros der britischen Verwaltung warten bis sie ihre Probleme zu Gehör bringen durften und bei der Vergabe der Posten wurden oft Inder zu Gunsten weniger qualifizierter Briten übergangen.5 All diese Diskriminierung und außerdem die nicht selten inflexibel und unmenschlich agierende britische Verwaltung, die sogar einfachen Anliegen komplizierte, verärgert speziell die Mittelklasse immer mehr und trieb sie in die Richtung des Widerstandes gegen die britische Koloni- almacht.

3. Die Rowlatt-Bills

3.1. Der Defense of India Act und der Rowlatt-Report

1915 wurde der Defense of India Act, der das Kriegsrecht 6 über Indien ausrief von der britischen Re- gierung beschlossen. Er sollte als Verteidigung gegen umstürzlerische Tendenzen in der Bevölkerung während des Krieges fungieren und beinhaltete eine Reihe von Maßnahmen gegen indische Unruhe- stifter. Hauptpunkte des Acts waren die Verhaftung und Verurteilung von Verdächtigen ohne Ge- richtsverfahren, die Einrichtung von speziellen Tribunalen mit unbegrenzten Befugnissen bis zur Verhängung der Todesstrafe, keine Möglichkeiten des Einspruches gegen die Urteile des Tribunals und eine allgemeine Unterdrückung der Meinungsfreiheit. Im Dezember 1917 berief die britische Regierung eine Kommission „ ... to investigate and report on the nature and extent of criminal con- spiracies connected with the revolutionary movement and to examine and consider the difficulties that have arisen in dealing with such conspiracies and to advise on to the legislation, if any, necessary to enable the government to deal effectively with them“7 ein. Diese Kommission stand unter dem Vorsitz von Sir Sydney Rowlatt, Richter am königlichen Gerichtshof und sie untersuchte über mehrere Mona- te sowohl die Angaben von offizieller Seite, als auch Aussagen von Verurteilten indischen Straftätern und dokumentierte alle kriminellen Vorkommnisse in der Zeit des Krieges. 1918 legte die Kommissi- on dann den Rowlatt-Report vor, der aus der Sicht der britischen Kolonialmacht ergab, daß es unbe- dingt notwendig sei Maßnahmen zu treffen um die Gesetzgebung der Notstandsgesetze auch in den folgenden Friedenszeiten anwenden zu können. Den Briten war klar, daß nach Beendigung des Krie- ges erschwerte Bedingungen zur Aufrechterhaltung der Kolonialherrschaft in Indien herrschen wür- den, denn besonders die sozialen Spannungen verschärften die Lage. In Bengalen und Zentralindien war es zum Ende des Krieges zu verstärkten Ausschreitungen wegen der Inflation gekommen und auch der Punjab war durch Unruhen unter der Zivilbevölkerung aufgeschreckt. Diese Situation ver- schlimmerte die Demobilisierung der gut ausgebildeten indischen Soldaten, von denen ein Großteil aus dem Punjab stammte, die moslemischen Proteste gegen die Behandlung des Kalifats und die Angst vor dem Bolschewismus und der Oktoberrevolution, wovon viele Arbeiter beeindruckt schie- nen. Der Rowlatt-Report schlug nun eine Reihe von Maßnahmen vor um die veränderte Lage nach dem Krieg wieder unter Kontrolle zu bringen. Es wurde eine Reform der Gesetze gegen Terrorismus und Kriminalität mit revolutionärem Hintergrund angeraten, deren Hauptpunkte aus einer Vereinfa- chung des Gesetzes zu Zeugenaussagen und Beweismitteln, schnelleren Gerichte, strikteren Anwen- dungen von Verfügungen und Einschränkungen zum Schutz der Sicherheit der britischen Kolonial- macht und Fahndungs- und Haftbefehlen, sowie Haftstrafen bis zu 1 Monat ohne Haftbefehl bestan- den. Nach Beendigung des 1. Weltkrieges behielt die britische Regierung den Defense of India Act noch für 6 Monate bei und suchte nach einer neuen Gesetzesvorlage für die Friedenszeit, da sie für eine Veränderung der Lage in Indien per Reform nicht bereit war.

3.2. Die Rowlatt-Bills und die Reaktion der Inder

Die britische Regierung beschloß die Vorschläge von Sir Rowlatt in Gesetzesvorlagen umzuwandeln und entwarf 4 neue Gesetze, die Rowlatt-Bills. Das Rowlatt-Bill No. I befaßte sich mit der Anwen- dung von Schnellgerichten. Nach diesem Gesetz konnten Schnellgerichte nach dem Ermessen des Vizekönigs in Provinzen mit erhöhtem Aufkommen an schweren Straftaten wie Mord, Plünderung, Brandschatzung und Geiselnahme eingesetzt werden. Sie waren unabhängige Gerichte, bestanden aus drei hohen Richtern und es gab keine Möglichkeit des Einspruchs gegen das Urteil dieses Gerichts. Das Rowlatt-Bill No. II legitimierte präventive Maßnahmen. Es konnte nur auf Antrag des governour- general-in-council bei Straftaten revolutionären Charakters angewendet werden und regelte den Ein- satz von unabhängigen Ausschüssen, bestehend aus zwei englischen Gerichtsbeamten und einem nichtbeamteten Inder, die verdächtige Personen überprüfen sollten, wobei diese Ausschüsse nicht an die bestehenden Gesetze der Beweisaufnahme gebunden waren. Zusätzlich erlaubte das Gesetz die Festnahme, Überwachung und Umsiedlung von verdächtigen Personen praktisch durch jede Provinz- regierung. Die Rowlatt-Bills No. III und IV waren Zusätze zu den ersten beiden Gesetzen. Bill No. III legte fest, daß jede Provinzregierung über Haftdauer, -ort und -bedingung von Verbrechern selbstständig entscheiden konnte und Bill No. IV regelte die Anwendung von Bill No. III auch auf Inhaftierte des Defense of India Act und revolutionäre Elemente.8

Die Vorlage der Rowlatt-Bills im Legislative Council löste eine Welle des Protestes seitens der Inder aus und insbesondere die Bill No. II wurde als ein entschiedener Eingriff in die persönliche Freiheit des Individuums interpretiert. Auch die Festlegung, wann die Rowlatt-Bills, vielleicht nach dem Be- richt eines Polizeibeamten aus einem Dorf oder regionalen Aufständen, angeordnet werden konnten und welche Aktionen, vielleicht Terrorismus, religiöse Unruhen, Kritik an der Regierung, revolutionä- ren Charakter hatten, empfanden sie als ungenau und eine Ermessensfrage, die teilweise auf provin- zieller Ebene entschieden werden konnte.9 Des weiteren waren die Gesetze eine Stärkung der Exeku- tive und die Inder sahen sich durch diese Gesetzgebung der Willkür der örtlichen Polizei ausgesetzt, da theoretisch jede Person ein Opfer von Polizeiterror werden konnten und es keine Möglichkeit gab um sich dagegen zu wehren. Ein weiterer Kritikpunkt der Inder war die aus ihrer Sicht falsche Beur- teilung der Lage in Indien, denn sie meinten, daß die revolutionäre Kriminalität abgenommen hätte und dadurch die Rowlatt-Bills vollkommen unnötig seinen, außerdem befürchteten sie, daß der Beschluß dieser neuen Gesetze zu einer Verschlechterung der Beziehung zwischen Indern und Briten führt und keine weiteren Reformen beschlossen werden.10 Doch nicht nur die Inder im Legislative Council, sondern auch die indischen Zeitungen protestierten gegen die Vorlage der Rowlatt-Bills und warnten vor Unruhen in der Bevölkerung die nach Beschluß dieser Gesetze ausbrechen könnten11. Doch trotz aller Proteste wurde die Vorlage zu den Rowlatt-Bills am 18. März 1919 beschlossen und die Gesetze auf einen Zeitraum von 3 Jahren beschränkt.12 Ergänzend muß gesagt werden, daß die Briten diese Rowlatt-Bills in den folgenden Jahren nicht ein einziges Mal anwendeten.13

Sofort nach der Verabschiedung der Vorlage im Legislative Council kam in der indischen Bevölke- rung viele Gerüchten über die neuen Gesetze auf. Die einfache Bevölkerung war der Meinung, daß diese Gesetze ihr normales Leben einschränken sollten, die Bauern befürchteten Zwangsenteignungen, drastisch erhöhten Abgaben z. B. die Hälfte ihrer Ernte, Eingriffen der Behörden bei Heirat und Beer- digungen und sogar Polizeiwillkür um sich Frauen anzueignen.14 Diese Gerüchte setzen das ganze Land unter Aufruhr, doch es gab keinen Führer, der die Bevölkerung einigen und landesweite Aktio- nen durchführen konnte, denn große Führer wie Gokhale und Mehta waren tot, Tilak war hauptsäch- lich in Maharashtra aktiv, andere Führer waren in Haft oder im Ausland im Exil. Die einzige Person mit größerem Einfluß in Indien war Annie Bessant, aber sie war Europäerin und deshalb als Führer einer indischen Massenbewegung nicht geeignet.

4. Gandhis Schritt auf die politische Bühne

4.1. Gandhi in Indien bis 1919

Gandhi war im Januar 1915 aus Südafrika über 15London nach Indien zurückgekehrt. Seine Aktionen für die indischen Arbeiter in Südafrika hatten ihm bei vielen Kongreßmitgliedern einen Namen ge- macht, trotzdem hielt er sich nach seiner Rückkehr auf Wunsch Gokhales für ein Jahr von politischen Aktivitäten fern und bereiste das Land um es kennenzulernen, da er einen Großteil seines bisherigen Lebens außerhalb Indiens verbracht hatte. Doch nach diesem Jahr war sein großer Fürsprecher Gokha- le tot und Gandhi spielte in den folgenden Jahren nur eine marginale Rolle in der indischen Politik und im Kongreß. Er beschäftigte sich in dieser Zeit sehr viel mit der Landbevölkerung, ihren Proble- men und setzte sich 1917/18 auch in mehreren Aktionen für die Belange der einfachen Bevölkerung ein. Zuerst half er den Indigo-Bauern in Champaran gegen britische Grundbesitzer, danach streikte er mit den indischen Textilarbeitern in Ahmedabad für höhere Löhne und setzte sich dann für die Bevöl- kerung des Kedah-Distrikts in Steuerproblemen ein. Diese Aktionen vergrößerten Gandhis Bekannt- heitsgrad in Indien, sicherten ihm einen Rückhalt in der Landbevölkerung, auf den er später zurück- greifen konnte und gewann ihm zusätzlich Mitarbeiter z. B. Vallabhbhai Patel. Außerdem waren die Aktionen eine Möglichkeit seine Satyagraha-Methoden auch in Indien auszuprobieren und die Bevöl- kerung mit diesen Methoden bekanntzumachen. Aber all diese Aktionen Gandhis stellten keinen An- griff auf das britische Empire dar, sondern richteten sich gegen bestimmte Gruppen, wie britische Großgrundbesitzer und indische Fabrikeigner, denn Gandhi war zu diesem Zeitpunkt noch dem Empi- re treu. Er wollte Indien als Partner im Commonwealth sehen16 und war der Meinung das man nur gleichberechtigter Partner der Briten in Frieden sein konnte, wenn man auch im Krieg zu ihnen stand.17 Deshalb setzte er sich auch in einem Rekrutierungsaufruf für die Interessen der Briten ein, doch die Aktion endete für ihn in einem Fiasko, da nur wenige seinen Aufruf befolgten und die Men- schen in vielen Gebieten, sogar in Champaran und Kedah ihm die Gefolgschaft verwehrten. Diese Erfahrung brachte ihn zu der Erkenntnis, daß ein Führer nur dann führen kann, wenn die Menschen auch geführt werden wollen und eine Sache auch als eigene anerkennen.18 Zusätzlich zu dieser Ent- täuschung holte er sich auch noch eine schwere Erkrankung, die ihn für mehrere Monate ans Bett fesselte.

4.2. Gandhis Reaktion auf die Rowlatt-Bills

Das Bekanntwerden des Rowlatt-Reports und der, daraus 19abgeleiteten, neuen Gesetzesvorlage schock- ten und verärgerten Gandhi sehr. Er war der Meinung, daß der Report eindeutig einen Rückgang der Straftaten sowohl in Häufigkeit, als auch in Ausbreitung während des Krieges aufzeigte und deshalb die neue Gesetzesvorlage vollkommen unnötig sei. Er hielt die Vorlage sogar für „... ungerecht, dem Grundsatz der Freiheit entgegengesetzt und die Grundrechte des Menschen, auf denen die Sicherheit der Gemeinschaft als ganzes und die des Staates selbst beruht, zerstörend...“20. Seine Loyalität gegen- über dem britischen Empire und die Unterstützung der Briten im Krieg wurde ihm durch die neue Gesetzgebung nicht gedankt, denn die neuen Gesetze bewiesen ihm, daß die Briten nicht zu einer gleichberechtigten Partnerschaft mit Indien und weiteren Reformen bereit waren, sogar die Montagu- Chelmsford-Reform verlor für ihn angesichts dieser neuen Gesetze ihre Bedeutung.21 Er schickte sofort eine Reihe von Protestschriften gegen die Rowlatt-Bills, aber im Gegensatz zu den Moderats des Kongreß, die sich auf Petitionen und Unterschriftensammlungen beschränkten, waren seine Ge- danken sofort bei einer Satyagraha-Aktion, da es aber sein Gesundheitszustand noch nicht wieder zuließ, kam eine Einzelaktion von seiner Seite nicht in Frage22, für eine große Aktion fehlte ihm je- doch eine Organisation, um die Aktion zu koordinieren, er hatte zu dieser Zeit weder im Kongreß, noch die „Home Rule League“ großen Einfluß.

4.3. Gandhi und die Satyagraha-Sabha

In dieser Situation beschloß Gandhi eine Versammlung seiner treuesten Anhänger, darunter Patel und Sarojini Naidu, einzuberufen. Auf dieser Versammlung gründete er eine unabhängige Organisation, die Satyagraha-Sabha, zur Durchführung von Satyagraha-Methoden, und entwarf ein Satyagraha- Gelübte. Die Aufgaben der Sabha, ihr Hauptschwerpunkt lag in Gujarat und Bombay, wo Gandhi seine Hauptanhängerschaft hatte, bestanden aus der Veröffentlichung von Schriften zur Erklärung von Programm und Satyagraha, Pressemitteilungen über die Arbeit der Sabha, Kundgebungen zur Gewin- nung neuer Mitglieder.23 Gandhi merkte jedoch bald, obwohl die Bewegung rasch an Boden gewann, daß sie nicht sehr lange bestehen würde, da seine Prinzipien vom „Festhalten an der Wahrheit“ und Ahimsa bei einigen Mitgliedern auf Mißfallen stießen.24 Am 24. 2. 191925 wurde das Satyagraha- Gelöbnis in Ahmedabad unterschrieben und Mitte März waren schon über 1000 Unterschriften geleis- tet worden.26 Auch die Zahl der Mitglieder stieg stetig an, viele von ihnen kamen aus der „Home Rule League“, so daß Gandhi in einen Konflikt zu Tilak und Frau Bessant geriet, die beide nicht von Gan- dhis Weg überzeugt waren, Frau Bessant unterschrieb zwar auch das Gelöbnis, riet aber ihren Ge- folgsleuten von einer Beteiligung an Gandhis Aktionen ab, und eine Unterwanderung ihrer Bewegung durch Anhänger Gandhis nicht begrüßten.27 Ihre Skepsis für Gandhis Programm leiteten sie aus den unterschiedlichen Voraussetzungen für seine erfolgreichen Aktionen in Südafrika und die geplante Aktion in Indien ab, denn man konnte nicht so einfach gegen die Rowlatt-Bills verstoßen, wie man es in Südafrika gegen den Registrationszwang getan hatte. Zum einen bedeuteten Verstöße gewalttätige Aktionen seitens der Inder, was Gandhi klar ablehnte, zum anderen waren die Rowlatt-Bills Ermäch- tigungsgesetze die nach dem Ermessen des Vizekönigs angewendet werden sollten. Darum mußten Stellvertretergesetze, die als ungerecht angesehen wurden, Gandhi empfahl dafür Salzsieden, Boykott von ausländischen Textilien und Verkauf verbotener Schriften, gesucht werden, gegen die man ver- stoßen konnte.28

Trotz seines schlechten Gesundheitszustandes, teilweise war er so schwach, daß seine Ansprachen vorgelesen werden mußten, nahm Gandhi an vielen Veranstaltungen teil und schrieb Briefe zur Erklä- rung seines Programmes. Er stellte wiederholt die Forderung die Freilassung der Ali-Brüder, promi- nente moslemische Führer, zu veranlassen und genoß so großes Ansehen bei den moslemischen In- dern und gewann sie für seine Satyagraha-Bewegung. Doch Gandhi hatte immer noch keine Idee welcher Art der Protest gegen die Rowlatt-Bills sein sollte. Diese Idee kam ihm bei einem Aufenthalt in Südindien, wohin er im März gereist war und in Madras die Bekanntschaft von Chakravarti Raja- gopalachari, der später eine seiner Hauptstützen in Südindien werden sollte, gemacht hatte. Mit ihm führte Gandhi eine Reihe von Gesprächen über die Art der geplanten Aktion und nach einigen Tagen hat er die Idee einen nationalen Hartal, einen Fastentag mit Gebeten, abzuhalten, bei dem das ganze öffentliche Leben für einen Tag völlig zum Stillstand kommt. Gandhi selber sagte darüber. „ ...the idea came to me last night in a dream that we should call upon the country to observe a general hartal. Satyagraha is a process of self-purification and ours is a sacred fight, and it seems to me in the fitness of things that it should be commanced with an act of self purification. Let all the people of india, the- refore, suspend their business on that day and observe that day as one of fasting and prayer.“29 Sofort wurde die Sabha in Bewegung gesetzt um den Hartal zu organisieren und Gandhi legte den 30. März als Termin, dann aber kurzfristig auf den 6. April verschoben, für den Hartal fest.

Obwohl Gandhi mit vollem Einsatz die Satyagraha-Aktion plante, versuchte er dennoch das Problem der Rowlatt-Bills auf diplomatischem Wege mit der britischen Regierung zu lösen, denn er hatte noch immer die Hoffnung auf ein Indien, das in Zukunft als gleichberechtigt Teil des Commonwealth ne- ben Großbritannien stehen würde, nicht aufgegeben. Er nahm an der Debatte über die Gesetzesvorlage im Legislative Council teil, er schrieb Briefe an den Vizekönig Lord Chelms ford, in denen er erklärte, daß er bei Beschluß dieser Gesetze gezwungen sei eine Satyagraha-Aktion durchzuführen, doch Chelmsford nahm Gandhi nicht ernst.30 Daraufhin wandte Gandhi sich über seinen Vertrauten aus Südafrikazeiten Pollak an Montagu um die Rowlatt-Bills zu verhindern, am 26. März fand ein Treffen zwischen Montagu und Pollak statt , aber Montagu nahm keine Opposition zu den Rowlatt-Bills ein, um seine Karriere nicht zu gefährden.31 Gandhi sah, daß es keine diplomatische Möglichkeit mehr gab um die Rowlatt-Bills zu stoppen. Er merkte, daß die britische Kolonialmacht nicht gewillt war Indien freiwillig die Unabhängigkeit zu geben und er stellte fest „... man kann einen Menschen nur dann aufwecken, wenn er wirklich schläft. Keine Anstrengung, die man macht, wird irgendwie auf ihn wirken, wenn er sich nur schlafend stellt.“32.

5. Der Hartal

5.1. Der Hartal in Delhi

Die Organisation in Delhi lag in den Händen 33 von Swami Shraddhananda und Hakim Ajmal Khan, den Führern der Hindus und Moslems, bei denen die kurzfristige Verlegung auf den 6. April jedoch viel zu spät bekannt wurde und der Hartal deshalb schon am 30. März stattfand. Der Tag begann mit ei- nem Reinigungsbad, die meisten Geschäfte und Läden blieben geschlossen, die Straßenbahnen wur- den nicht genutzt, Barbiere arbeiteten kostenlos, Milchmänner verteilten ihre Milch an die Armen, den ganzen Tag über fanden Massenkundgebungen statt. Der Hartal wurde zu einem nicht erwarteten Erfolg und Moslems und Hindus standen friedlich Seite an Seite. Doch die Polizei in Delhi war sehr nervös, sie verhaftete bei einem Streit zwischen einem Ladenbesitzer und mehreren Streikenden am Bahnhof 2 Personen. Die Nachricht verbreitete sich schnell in der Stadt, immer mehr Leute versam- melten sich vor dem Bahnhof und forderten die sofortige Freilassung der Verhafteten. Der Polizeichef war der Situation nicht gewachsen und gab Schießbefehl, die Polizisten feuerten in die unbewaffnete Menge, 8 Menschen wurden getötet und weitere 12 verwundet, die Situation drohte zu eskalieren, doch den, zu den Massen geeilten, Führer gelang es die Leute wieder zu beruhigen und den gewalt- freien Protest fortzusetzen.

Der Hartal fand in den nächsten Tagen eine Fortsetzung. Am 31. März wurde eine große und friedli- che Prozession mit den Getöteten abgehalten, doch am 1. und 2. April war die ganze Stadt in Aufruhr, die Massen entglitten ihren Führern. Ladenbesitzer, die sich entschlossen hatten ihre Läden wieder zu öffnen wurden belästigt und überfallen, es kam zu Plünderungen, die Organisatoren beschlossen dar- aufhin den Hartal am 6. April nicht mitzumachen und luden Gandhi nach Delhi ein, um den Leuten Satyagraha zu erklären. In den folgenden Tagen beruhigte sich die Lage jedoch wieder und die Protes- te blieben friedlich und von der Einheit der Hindus und Moslems gekennzeichnet. Höhepunkt dieser Einheit war die gemeinsame Trauerfeier für die Getöteten, sowie die Ansprache von Swami Shradd- hananda in der Jama Masjid und der doch am 6. April durchgeführte Hartal verlief ohne Zwischenfäl- le.

5.2. Der nationale Hartal

Am 6. April fand der Hartal dann wie geplant der nationale Hartal statt, den Gandhi ein „wunderbares Schauspiel“34 bezeichnete. In Bombay leitete Gandhi persönlich den Hartal, der ein voller Erfolg war und am Morgen mit einem Bad im Meer begann. Danach bewegten sich die Menschen in einer Pro- zession durch die Stadt, Gandhi hielt eine Ansprache in einer Moschee und forderte die Menge auf am nächsten Tag wiederzukommen um ein Swadeshi- und Einigkeitsgelübde zu unterzeichnen. Am Ende des Tages wurde eine Massenversammlung abgehalten und verbotene Bücher, Gandhis „Hind Swaraj“ und „Sarvodaya“, verkauft, um die Regierung zu einer Verhaftungswelle zu zwingen, diese erklärt 95jedoch den Bücherverkauf für legal, da das Verbot nur auf Originalausgaben bestehe und somit der Kauf und Verkauf von Nachdrucken nicht verboten sei. Am nächsten Tag gab es erneut eine Kundge- bung an deren Anschluß dann das Gelübde geleistet werden sollte, aber wie von Gandhi erwartet unterzeichneten es nur wenige. Gandhi reiste an diesem Tag noch in Richtung Punjab ab, um in Delhi und Amritsar Reden zu halten.35 Doch nicht nur in Bombay, auch in vielen anderen Landesteilen Indiens war der Aufruf zum Hartal ein großer Erfolg gewesen und es gab große Kundgebungen in Ahmedabad, Lahore und Amritsar. Der Hartal ging in den nächsten Tagen noch weiter und am 9 April feierten die Hindus und Moslems gemeinsam das Ram-Naumi-Fest.36 Gandhi wollte an diesem Tag in den Punjab einreisen, aber an der Grenze wurde ihm aber die Weiterfahrt auf Anordnung des Gouver- neurs des Punjab O´Dwyer untersagt und bei Zuwiderhandlung mit Haft gedroht, dennoch versuchte Gandhi weiter zu reisen, woraufhin ihn die Polizei verhaftete und ihn mit dem Zug zurück nach Bom- bay schickte. Diese, angesichts der ruhigen Lage im Punjab, völlig unnötige Aktion O`Dwyers zer- störte die friedliche Atmosphäre der Hartal-Bewegung.37

5.3. Eskalation der Lage

Die Nachricht von Gandhis Verhaftung verbreitete sich schon am nächsten Tag in ganz Indien und sofort bildeten sich spontane Protestzüge, die gegen diese Behandlung Gandhis demonstrierten. In Delhi hatten Swami Shraddhananda und Gandhis Sekretär Mahadev Desai die Lage unter Kontrolle, es gab hier friedliche Proteste und keine Ausschreitungen.38 In Bombay jedoch setzte der Polizeichef Lanzenreiter gegen die protestierende Menge ein, die die Menschenmenge zerstreuen sollten, doch erst die Ankunft Gandhis und seine Ansprache an das Volk beruhigten die Situation wieder. Auch in anderen Städten verliefen die Proteste nicht friedlich, in Ahmedabad z. B. wurde während der Unruhe ein britischer Sergeant getötet und die Regierung verhängte das Kriegsrecht über die Stadt.39 Zu den größten Unruhen kam es in Amritsar. Als dort Gouverneur O`Dwyer zusätzlich zwei prominente und einflußreiche Führer des Hartal verhaften ließ, bildete sich ein Protestzug von unbewaffneten Men- schen, den die Polizei mit Waffengewalt auflöste, worauf die aufgebrachte Menge sich bewaffnete und plündernd durch die Stadt zog. Zu diesem Zeitpunkt verloren die Führer des Hartals endgültig die Kontrolle über die Menge, Kriminelle übernahmen die Regie und lenkten den Volkszorn, Poststatio- nen und das Telegraphenamt wurden zerstört, die Nationalbank überfallen und ausgeraubt und briti- sche Bürger verletzt und getötet. Der Gouverneur verhängte das Kriegsrecht über die Stadt, wenige Stunden später marschierte das Militär ein, stellte Amritsar unter Militärverwaltung, ging gegen die Plünderer vor und beruhigte in den folgenden Tagen die Lage. Aber der Hartal wurde fortgesetzt, ein Teil der Geschäfte und Läden blieb weiterhin geschlossen und die Menschen trafen immer wieder zu friedlichen Protesten zusammen.40

Gandhi reiste, nach dem die Ordnung in Bombay wieder hergestellt war, nach Ahmedabad, wo er am 13. April eine öffentliche Ansprache hielt mit der er die Menschen zu Frieden und Gewaltlosigkeit aufrief. Er verkündete für sich ein 3 tägiges Sühnefasten, bat die Menschen auch einen Tag mit Fasten zu verbringen und forderte zusätzlich, daß sich die Schuldigen zu ihren Taten bekennen und die Stra- fen dafür annehmen sollten. Angesichts der Geschehnisse reifte in ihm der Entschluß die Protestbe- wegung zu beenden.41 Da erschütterte die Nachricht vom tragischen Massaker in Amritsar ganz In- dien. In Amritsar42 hatte General Dyer am 12. April die Befehlsgewalt übernommen, verbot noch am gleichen Abend alle Versammlungen von mehr als 4 Personen und ließ das Versammlungsverbot am nächsten Tag zwar in der Stadt proklamieren, doch in vielen Stadtteilen erfuhren die Menschen von diesem Verbot viel zu spät. Am Nachmittag des 13. Aprils erfuhr Dyer von einer Veranstaltung auf dem Jallianwalla Bagh, einem mit Gebäuden umgebenen und mit nur wenigen Zugängen versehenen Platz, um 16.30 Uhr, ließ nach einigen Überlegungen Soldaten antreten und begab sich mit ihnen, begleitet von zwei Panzerwagen, zu dem Versammlungsplatz, an dem sich etwa 25000 unbewaffnete Menschen versammelt hatten. Er erreichte gegen 17.00 Uhr den Jallianwalla Bagh, stellte seine Solda- ten in Gefechtsstellung auf und gab den Schießbefehl. Die Soldaten feuerten ohne Vorwarnung in die Menge, wobei Dyer während des Feuern den Soldaten befahl immer in die größte Menschenmenge zu schießen, bis ihnen die Munition, ausging, marschierte danach mit seinen Soldaten wieder ab und ließ etwa 400 Tote, sowie die dreifache Anzahl Verwundete43 ohne irgendwelche Versorgung auf dem Platz zurück.

5.4. Der Abbruch der Satyagraha-Bewegung

Angesichts der Entwicklung der Satyaghraha-Bewegung zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung mit den Briten versuchten nun die Anführer der Bewegung ihren Einfluß geltend zu machen und die Bewegung zu beenden. Doch ihre Aufrufe verhallten ungehört, denn sie hatten ihre Macht schon lange an Aufrührer und Kriminelle verloren und auf den Straßen herrschten Chaos und Gewalt. Die Briten verhängten im Punjab das Kriegsrecht über Amritsar und Lahore, was bedeutete, daß Unterdrückung und Demütigung der Inder als Rache für die Vorfälle an der Tagesordnung waren. Es kam zu Verhaf- tungen, Tribunale verurteilten Verdächtige ohne Eindeutige beweise, Gefangene wurden mißhandelt, Zeitungen waren verboten und in Amritsar mußten die Inder sogar eine Straße, in der eine britische Frau überfallen worden war, auf dem Bauch entlang kriechen.44 Gandhi empfand diese Demütigung als die schlimmste Schmach für die Inder, vor der die Tragödie von Amritsar zur Bedeutungslosigkeit verblaßte.45 Er erklärte wahrscheinlich am 18. April46, nachdem sein Sühnefasten beendet und viele weitere Nachrichten über Zwischenfälle während des Hartals bekannt geworden waren, die Satyagraha-Bewegung für beendet und bezeichnete seinen Aufruf zum Hartal als einen „himalayagroßen Fehler“47. Gandhis Aufruf und die Verhängung des Kriegsrechtes über den gesamten Punjab beendeten schließlich am 19. April den Hartal in Indien.

6. Einschätzung des Hartals und seiner Folgen

Der Hartal war der endgültige Einstieg Gandhis in die nationale Politik als Führer und Symbolfigur des indischen Volkes. Gandhi war vor dem Hartal in Indien zwar bekannt, zu einen durch sein Enga- gement für die Probleme der Inder in Südafrika, zum anderen aus seinen ersten erfolgreichen Aktio- nen in Indien, aber er hatte weder im Kongreß noch in der „Home Rule League“ eine Führungspositi- on inne. Man schätzte Gandhi als Reformer nicht als Politiker, zu den Versammlungen des Kongres- ses wurde er als Experte in Fragen der Auslandsinder gehört, aber er war vielen führenden Indern zu unbequem und radikal. Für Gandhi war der Kongreß nur eine Versammlung eitler Herren, die europä- ische Kleidung trugen und ihre Reden in englischer Sprache hielten, die aber nicht fähig waren die Probleme Indiens zu lösen.48 In der einfachen Bevölkerung, die Landbevölkerung in Indien betrug immerhin mehr als 80 %, sah er die Chancen für eine Veränderung in seinem Land und er setzte sich deshalb in seinen Aktionen für die Armen ein, um ihre Probleme zu lösen und sie mit der Politik zu- sammenzubringen. „Unsere Rettung kann nur durch unsere Bauern kommen. Weder die Rechtsanwäl- te noch die Ärzte noch die reichen Landbesitzer werden sie bringen!“49 So war dann auch der Hartal am Anfang eine Aktion die genau im Sinne Gandhis, ein friedlicher Protest gegen ungerechte Behand- lung durch die Kolonialmacht, von der einfachen Bevölkerung getragen wurde und die ihn in vielen Gebieten, wie im Punjab bekannt und zu einem Hoffnungsträger machte. Zusätzlich schuf der Hartal ein Gefühl der Einheit zwischen arm und reich, zwischen Hindus und Moslems und vereinigte zum ersten Mal weite Teile Indiens in einer gemeinsamen Bewegung, die dem Volk ein Beispiel für die eigene Stärke gab. Der Hartal bewirkte auch eine wichtige Veränderung in Gandhis Verhalten gegen- über der Kolonialmacht, der er treu ergeben gewesen war und in Krisenzeiten mit Aktionen unterstützt hatte, wie seine Rekrutierungsmaßnahmen oder sein Einsatz im Burenkrieg. Doch er sah nun, daß seine Hoffnung auf eine gleichberechtigte Stellung Indiens im Commonwealth sich nicht erfüllen würde, denn die britische Regierung hatte weder Interesse an Reformen, noch wollte sie dem Land freiwillig die Unabhängigkeit geben. Ihm wurde klar, daß nur eine Unabhängigkeitsbewegung, geführt mit friedlichen und gewaltfreien Mittel und getragen von den Massen des Volkes, eine Befreiung von der britischen Herrschaft und ihrer auf Unterdrückung der Inder ausgerichteten Politik, wie in Amrit- sar geschehen, bewirken konnte und er sich deshalb in der Zukunft voll für sie engagierte und als neuer Führer der Inder in das Machtvakuum in dieser Zeit vorstieß. Für das Scheitern der Satyagraha- Bewegung machte Gandhi sich selber und die Briten, nicht aber die Inder verantwortlich. Seinen Feh- ler sah er in der Fehleinschätzung der Lage und dem Aufruf zum Hartal, bevor das Volk in Satyagra- ha-Methoden geschult und qualifiziert war, um seinen Protest gewaltfrei auszudrücken, denn ein Saty- agrahi gehorcht den Gesetzen der Gesellschaft aus freiem Willen, kann entscheiden welche Gesetze ungerecht sind, so daß gegen diese Gesetze ziviler Ungehorsam geleistet werden kann.50 Also mußte seine nächste Aufgabe darin bestehen, dem Volk erst einmal Satyagraha zu erklären, es dann in Saty- agraha zu schulen und Satyagrahis auszubilden, mit denen er kleinere Aktionen zum Erwerben prakti- scher Erfahrung durchführen konnte, bevor er wieder das gesamte Volk zu einer gemeinsamen Saty- agraha-Bewegung aufrief.51 Ein kleiner Rückschlag für ihn waren die Auflösung des Satyagraha- Sabhas in Delhi und der Austritt von einigen Gefolgsleuten wie Swami Shraddhanand aus der Bewe- gung.52 Doch Gandhi sah die Gründe für das Scheitern seiner Bewegung auch bei den Briten, sie hat- ten falsch reagiert und mit ihre Angriffe gegen die unbewaffneten Protestierenden, wie in Delhi ge- schehen, die Stimmung aufgehetzt, die aufgebrachte Menge dann der besonnenen und einflußreichen Führer beraubt und schließlich durch die unnötige Verhaftung Gandhis, der vorgehabt hatte die Leute zu beruhigen, die Ausschreitungen erst ausgelöst. Und erst Gandhis Aufruf zum Frieden und beenden der Kampagne konnte die Situation wieder beruhigen.

Beenden möchte meine Hausarbeit mit einem Zitat aus Dietmar Rothermunds Gandhi-Biographie, der die britische Reaktion auf den Hartal, insbesondere das Massaker von Amritsar als „... den Anfang vom Ende der britischen Herrschaft in Indien“53 bezeichnete.

[...]


1 Hermann Kulke u. Dietmar Rothermund, Geschichte Indiens. von der Induskultur bis heute, München 21998, S. 354-57 Dietmar Rothermund, Mahatma Gandhi. Eine politische Biographie, München 21997, S. 94-115 Hari Singh, Gandhi, Rowlatt Satyagraha and British Imperialism: Emergence of Mass Movements in Punjab & Delhi, Delhi 1990, S. 1-4 u. 10-11

2 Singh, S. 4-19

3 Die Angaben in der Literatur sind unterschiedlich. Rothermund, Gandhi, S. 120 spricht von „Hunderttausenden“, Louis Fischer, Gandhi. Prophet der Gewaltlosigkeit, München 1983, S. 79 erwähnt „eine halbe Million“ und Singh, S. 13 behauptet „about a million and a half“

4 Singh, S. 13

5 Singh, S. 4-10

6 Singh, S. 58-64; Rothermund, Gandhi, S. 119-20

7 Government of India, Home Department, Resolution No. 2884, Delhi, 10 December, 1917. zitiert nach Singh, S. 61

8 Singh, S. 64-68; Judith M. Brown, Gandhi. Prisoner of Hope, New Haven and London 1989, S. 128

9 Singh, S. 63

10 Singh, S 64

11 Singh, S. 68

12 Singh, S. 66; Brown, S. 128

13 Rothermund, Gandhi, S. 120

14 Singh, S. 67

15 Singh, S. 69-70; Rothermund, Gandhi, S. 94-118

16 Fischer, S. 74

17 Mohandas Karamchand Gandhi, Eine Autobiographie oder Die Geschichte meiner Experimente mit der Wahrheit, Gladenbach 41984, S. 375

18 Rothermund, Gandhi, S. 114

19 Rothermund, Gandhi, S. 119-20; Singh, S. 68-72

20 Fischer, S.83; vergl. Brown, S. 130

21 Rothermund, Gandhi, S. 119

22 Gandhi, S. 382; vergl. Singh, S. 70-71

23 Gandhi, S. 383; Singh, S. 72-73

24 Gandhi, S. 383

25 Alle folgenden Daten beziehen sich auf das Jahr 1919 und werden weggelassen.

26 Rothermund, Gandhi, S. 120; Singh, S. 73

27 Rothermund, Gandhi, S. 120-21

28 Gandhi, S. 387; Rothermund, S. 121

29 Gandhi, An Autobigraphie, S. 349 zitiert nach Singh, S. 72; vergl. Gandhi, S. 385-86

30 B. R. Nanda, Gandhi and his Critics, Delhi 1985, S. 59

31 Singh, S. 71

32 Gandhi, S. 384

33 Singh, S. 86-95

34 Gandhi, S. 386

35 Gandhi, S. 387-88; Rothermund, Gandhi, S. 123

36 Zu dem Verlauf des Hartals vom 6.-9. April in Lahore und Amritsar vergl. Singh, 120-22 u. 151-53

37 Gandhi, S. 388-89

38 Singh, S. 95-97

39 Gandhi, S. 390-92

40 Singh, S. 153-68

41 Gandhi, S. 392-93

42 Singh, S. 161-68

43 Über die genaue Zahl der Toten und Verwundeten sind die Meinungen sehr unterschiedlich. Indi- sche Politiker und Forscher sprachen von 500-1500 Toten und die Regierung von 300, vergl. Singh, S. 164-65. Es ist aber wahrscheinlich, daß die Zahl von den Indern zu hoch, von den Briten zu tief ange- setzt wurde. Ich beziehe mich auf Brown, S. 132, Fischer, S. 87, Rothermund, Gandhi, S. 124 und Gandhi, S. 395 die alle etwa 400 Getötete vermuten. Dyer ließ die Soldaten jedenfalls 1650 Schuß abfeuern und bei der großen Menschenmenge bestand eine hohe Trefferwahrscheinlichkeit.

44 Rothermund, S. 124; Singh, S. 168-69

45 Gandhi, S. 395

46 Brown, S. 132; Rothermund, S. 125

47 Gandhi, S. 393

48 Rothermund, S. 115-16; Fischer, S. 69-70

49 Fischer, S. 71

50 Gandhi, S. 394

51 Gandhi, S. 395

52 Rothermund, Gandhi, S. 127

53 Rothermund, Gandhi, S. 124

12 von 13 Seiten

Details

Titel
Gandhi und die Rowlatt-Satyagraha-Bewegung 1919
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Veranstaltung
Proseminar Der Aufstieg Gandhis zum Führer des indischen Unabhängigkeitskampfes (1917-1931)
Note
2+
Autor
Jahr
1999
Seiten
13
Katalognummer
V101025
Dateigröße
366 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Allgemeine Darstellung der Ereignisse
Schlagworte
Gandhi, Rowlatt-Satyagraha-Bewegung, Proseminar, Aufstieg, Gandhis, Führer, Unabhängigkeitskampfes
Arbeit zitieren
Steffan Schmidt (Autor), 1999, Gandhi und die Rowlatt-Satyagraha-Bewegung 1919, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/101025

Kommentare

  • Gast am 9.1.2002

    Na ja!.

    Ich find diesen hier angebotenen Text nicht
    so berauschend. Alles was man in diesem Text findet kann man auch in allen möglichen lexika
    finden.

Im eBook lesen
Titel: Gandhi und die Rowlatt-Satyagraha-Bewegung 1919



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