Die Verbkategorie 'werden' erweist sich als Chamäleon des deutschen Verbsystems und ist Anlass zahlreicher Theorien um seine Entstehung als Futurgrammem. Diese Arbeit thematisiert Theorien um seine Entstehungsgeschichte und skizziert die historische Abfolge. Im Anschluss folgt eine Korpusanalyse, die die konstruktionelle Variabilität von 'werden' genauer untersucht. Aus synchroner Sicht übernimmt 'werden' nicht nur die Funktion als Auxiliar in verschiedenen Hilfsverbkonstruktionen wie beispielsweise Passiv, Konjunktiv oder Futur, sondern kann auch als inchoatives Kopulaverb, epistemisches Modalverb oder selten auch als Vollverb auftreten.
Dieser Funktionsreichtum von 'werden' ist zugleich auf einen wichtigen Prozess des Sprachwandels zurückführbar, die sogenannte Grammatikalisierung. Darunter versteht man den Prozess der Entstehung und Weiterentwicklung grammatischer Morpheme bis hin zu ihrem Untergang. Das Verb 'werden' war gleich bei mehreren Grammatikalisierungsvorgängen beteiligt. Betrachtet man die grammatischen Funktionen von 'werden', wird schnell ersichtlich, dass das polyfunktionale und polysemantische Verb ein Produkt der Polygrammatikalisierung ist.
So diente das althochdeutsche 'werdan' als Spenderlexem für zahlreiche unterschiedliche grammatikalische Kategorien, Klassen und Konstruktionen, die über Sprachperioden hinweg gewachsen und entstanden sind. Besonders die Genese von 'werden + Infinitiv' als analytische Tempuskategorie stellt dabei einen wichtigen und zugleich undurchsichtigen Abschnitt in der Geschichte der Grammatikalisierung als Futurgrammem dar.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung: werden + Infinitiv als „Streitpunkt“ der Linguistik
2. Forschungsüberblick zur Entstehung von werden + Infinitiv als Futurmarker
3. Zur Geschichte des Futurs im Deutschen
4. Korpusgestützte Untersuchung zur Ablösung der Modalverben als Futurmarker
4.1. Die Fragestellung
4.2. Methodik und Korpora
4.3. Korpusuntersuchung
4.4. Zur Subjektivierung in der Grammatikalisierung
5. Resümee
6. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die diachrone Genese der deutschen Futurkonstruktion "werden + Infinitiv", analysiert die Gründe für die Ablösung der ursprünglich modalen Futurmarker durch diese Konstruktion und beleuchtet den Grammatikalisierungsprozess sowie die Polyfunktionalität des Verbs "werden" in historischer Perspektive.
- Grammatikalisierung von "werden" zum Futurmarker
- Vergleich der futurischen Konstruktionen im Althochdeutschen und Mittelhochdeutschen
- Die Rolle der konstruktionellen Variabilität gegenüber Modalverbgefügen
- Subjektivierung als Prozess in der Grammatikalisierung
- Polyfunktionalität und Auxiliarisierung von "werden"
Auszug aus dem Buch
1. Einführung: werden + Infinitiv als „Streitpunkt“ der Linguistik
Die Verbalkategorie werden erweist sich gewissermaßen als „Chamäleon“ des deutschen Verbalsystems und ist Anlass zahlreicher Theorien um seine Entstehung als Futurgrammem. Aus synchroner Sicht übernimmt werden nicht nur die Funktion als Auxiliar in verschiedenen Hilfsverbkonstruktionen wie beispielsweise Passiv, Konjunktiv oder Futur, sondern kann auch als inchoatives Kopulaverb, epistemisches Modalverb oder selten auch als Vollverb auftreten. Dieser Funktionsreichtum von werden ist zugleich auf einen wichtigen Prozess des Sprachwandels zurückführbar, die sogenannte Grammatikalisierung.
Unter Grammatikalisierung versteht man den „Prozess der Entstehung und Weiterentwicklung grammatischer Morpheme bis hin zu ihrem Untergang“ (Szczepaniak, 2011: 5). Das Verb werden war gleich bei mehreren Grammatikalisierungsvorgängen beteiligt. Betrachtet man die grammatischen Funktionen von werden, wird schnell ersichtlich, dass das polyfunktionale und polysemantische Verb werden ein Produkt der Polygrammatikalisierung ist. So diente das althochdeutsche werdan als Spenderlexem für zahlreiche unterschiedliche grammatikalische Kategorien, Klassen und Konstruktionen, die über Sprachperioden hinweg gewachsen und entstanden sind (vgl. Nübling/Dammel, 2017: 318).
Besonders die Genese von werden + Infinitiv als analytische Tempuskategorie stellt dabei einen wichtigen und zugleich undurchsichtigen Abschnitt in der Geschichte der Grammatikalisierung von werden als Futurgrammem dar. So unterscheidet es sich von den Futurbildungen anderer germanischer Sprachen und wird aufgrund seiner Sonderstellung nicht zuletzt von Forschern wie der Linguistin Elisabeth Leiss als „weiße[r] Fleck in der Sprachgeschichte des Deutschen" bezeichnet (Leiss, 1985: 251). Grund für diese Aussage ist einerseits die Faktenlage zahlreicher, meist unbefriedigender Hypothesen zur Diachronie von werden + Infinitiv und andererseits die seit den 60er Jahren aufkommende Frage, ob das Deutsche überhaupt eine Tempuskategorie „Futur“ besitzt, wobei Letzteres nicht Gegenstand dieser Arbeit sein soll (vgl. Schmid, 2000: 6).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: werden + Infinitiv als „Streitpunkt“ der Linguistik: Dieses Kapitel führt in die Problematik des vielseitigen Verbs "werden" ein und umreißt dessen Rolle als "Chamäleon" des deutschen Verbalsystems im Kontext der Grammatikalisierung.
2. Forschungsüberblick zur Entstehung von werden + Infinitiv als Futurmarker: Hier werden zentrale Theorien wie die Abschleifungstheorie, die Analogiebildung und externe Einflüsse kritisch diskutiert, um den Forschungsstand zur Genese des Futurgrammems aufzuzeigen.
3. Zur Geschichte des Futurs im Deutschen: Das Kapitel skizziert die späte Entwicklung des Futurs im Deutschen und die anfängliche Nutzung des Präsens sowie modaler Hilfsverben zur Kennzeichnung zukünftiger Ereignisse.
4. Korpusgestützte Untersuchung zur Ablösung der Modalverben als Futurmarker: Der Hauptteil analysiert mittels einer Korpusuntersuchung, warum und wie "werden + Infinitiv" die modale Futurkategorie verdrängte, wobei die konstruktionelle Variabilität als entscheidender Faktor identifiziert wird.
4.1. Die Fragestellung: Dieses Unterkapitel präzisiert die Forschungsfrage zur Ablösung der Modalverben und erörtert die theoretischen Positionen zur Überlegenheit von "werden".
4.2. Methodik und Korpora: Hier wird der korpusgestützte methodische Ansatz dargelegt, insbesondere die Arbeit mit den althochdeutschen Quellen von Otfrid von Weißenburg und Notker III.
4.3. Korpusuntersuchung: Dieses Kapitel präsentiert die empirischen Belege für die Polyfunktionalität von "werden" im Althochdeutschen, basierend auf dem Grammatikalisierungspfad.
4.4. Zur Subjektivierung in der Grammatikalisierung: Die Analyse befasst sich mit dem Grad der Grammatikalisierung und erklärt die geringe Frequenz des Futurs durch den Prozess der Subjektivierung.
5. Resümee: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und betont, dass die Genese von "werden" als Futurmarker ein komplexes Zusammenwirken verschiedener Entwicklungen und Faktoren darstellt.
6. Literaturverzeichnis: Verzeichnis der herangezogenen Primär- und Sekundärquellen.
Schlüsselwörter
werden, Infinitiv, Futurmarker, Grammatikalisierung, Sprachwandel, Polyfunktionalität, Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch, Modalverben, Subjektivierung, Tempuskategorie, Diachronie, Analogiebildung, Korpusuntersuchung, Sprachkontakt
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der sprachhistorischen Entwicklung der deutschen Futurkonstruktion, die aus der Verbindung von "werden" und einem Infinitiv besteht.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Grammatikalisierung von "werden", dessen diachrone Entwicklung vom Vollverb zum Futurauxiliar sowie der Vergleich mit anderen futurischen Konstruktionen im historischen Deutsch.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Ziel ist es zu ergründen, weshalb "werden + Infinitiv" die ursprünglich modalen Futurmarker ablösen konnte und welche Rolle dabei die konstruktionelle Variabilität und die Polyfunktionalität von "werden" spielten.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Die Autorin verwendet einen qualitativen, korpusgestützten Ansatz, bei dem althochdeutsche Quelltexte analysiert werden, um die diachronen Stufen der Grammatikalisierung nachzuvollziehen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil liegt der Fokus auf der Analyse verschiedener Entstehungsstadien, dem Vergleich von "werden" mit Modalverben und der Untersuchung der grammatikalischen Vorzüge, die zu seiner Etablierung als Futurgrammem führten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Grammatikalisierung, werden, Futurmarker, Sprachwandel, Polyfunktionalität, Subjektivierung und diachrone Sprachgeschichte.
Welche Rolle spielt Otfrid von Weißenburg in der Korpusuntersuchung?
Otfrids "Evangelienbuch" dient als eine der zentralen Primärquellen des Althochdeutschen, um die frühe konstruktionelle Variabilität und den Funktionsreichtum des Verbs "werden" zu belegen.
Warum ist das Futur im Deutschen laut der Arbeit eher selten frequentiert?
Die Arbeit führt dies auf den Prozess der Subjektivierung zurück; da "werden" auch subjektive Vermutungen ausdrückt, blieb es als obligatorischer Futurmarker hinter dem im Alltag bevorzugten Präsens zurück.
- Arbeit zitieren
- Svenja Hahn (Autor:in), 2020, Genese von 'werden + Infinitiv' als Futurmarker. Ablösung der Modalverben als Futurmarker, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1011151