Diese Hausarbeit befasst sich mit dem Thema der reichsweiten Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten, wobei der Schwerpunkt auf die Hintergründe und die Bedeutung für die Vernichtung literarischer Werke in ritueller Form gelegt wird. Das Fallbeispiel bildet dabei das Autodafé des 10. Mai 1933 in der Stadt Berlin.
Im zweiten Kapitel soll zunächst kurz auf den historischen Hintergrund der Bücherverbrennung des Jahres 1933 eingegangen werden. Es soll der historische Rahmen geschaffen werden, innerhalb dessen sich die »Aktion wider den undeutschen Geist« (hier ‚Aktion’) abspielte.
Im Anschluss an den historischen Rahmen behandle ich die Frage nach der Urheberschaft der ‚Aktion’. Dabei soll geklärt werden, ob sie von oben oder von den Universitätsstudenten gelenkt wurde.
Zum besseren Verständnis der Hintergründe der ‚Aktion’ gehe ich erst kurz auf deren Hauptakteure, die Deutsche Studentenschaft (kurz DSt) und den Nationalsozialistischen Deutschen Studentenschaftsbund (kurz NSDStB) ein, um dann zu belegen, dass die völkisch-nationalen und nationalsozialistischen Anschauungen bereits lange vor der Machtergreifung an deutschen Hochschulen verwurzelt waren. Die ‚Aktion’ galt für diese Gruppen als Anstoß zu einer neu orientierten Literaturpolitik unter nationalsozialistischer Herrschaft, welche die sogenannte Säuberung des Reiches von unliebsamen Autoren begründen sollte.
Das Ausmaß des Kampfes der Nationalsozialisten gegen „artfremde“ und „deutschfeindliche“ Literatur zeigen unter anderem die Vorbereitungsphasen, welche den in ritualisierter Form durchgeführten Bücherverbrennungen vorausgingen: Planung, Aufklärungs- und Sammlungsaktion.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 »Aktion wider den undeutschen Geist« am 10. Mai 1933
2.1 Historischer Kontext: Machtergreifung 30. Januar 1933
2.2 Die Drahtzieher der »Aktion wider den undeutschen Geist«
2.3 Planung und Durchführung der »Aktion wider den undeutschen Geist«
2.4 Das Berliner Autodafé am 10. Mai 1933
3 Ritual
3.1 Grundmerkmale des Rituals am Beispiel des Berliner Autodafés
3.2 Funktion des Rituals des Berliner Autodafés
4 Gründe für die Vernichtung ausgewählter Literatur
4.1 Die Gleichschaltung des Kultur- und Literaturbetriebs am Beispiel des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler
4.2 Schriftliche Quellen: Schwarze Listen und Feuersprüche
4.3 Die programmatische Konstruktion des „Eigen-Fremde“
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Hintergründe und die rituelle Bedeutung der reichsweiten Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933, wobei der Schwerpunkt auf dem Fallbeispiel des Berliner Autodafés liegt. Ziel ist es, die nationalsozialistische Literaturpolitik im Kontext einer rituellen Inszenierung zu analysieren, die zur Abgrenzung und Festigung der nationalsozialistischen Ideologie diente.
- Historische Rahmenbedingungen der Machtergreifung und Radikalisierung der Studentenschaft.
- Analyse der Bücherverbrennung als ritualisierte Handlung unter Einbeziehung performativer Elemente.
- Untersuchung der Rolle der Deutschen Studentenschaft und des NS-Staat-Apparats bei der Planung und Durchführung.
- Dekonstruktion der Feindbilder und der programmatischen Konstruktion von „Eigen“ und „Fremd“.
- Die Funktion der „Sichtbarmachung“ als Mittel sozialer Kontrolle und Identitätsbildung.
Auszug aus dem Buch
3.1 Grundmerkmale des Rituals am Beispiel des Berliner Autodafés
Dücker definiert Ritual als sämtliche Handlungsabläufe, welche die Eigenschaften „ritueller Formung“ aufweisen. In diesem Sinne ist die Bücherverbrennung des 10. Mai 1933 als Ritual zu bezeichnen. Die rituelle Handlung des Berliner Autodafés zeichnete sich durch für Rituale typische Merkmale aus, die jedoch in ihrer Häufigkeit und Prägung variieren können. Grundsätzliche Voraussetzung für das Bestehen eines Rituals ist die Anwesenheit von Akteuren und Zuschauern, wie das Fallbeispiel des Berliner Autodafés belegt, sowie eine Abgrenzung nach außen, die sich aus der Binnenintegration der Ritualgemeinschaft ergibt. Der Begriff Ritual lässt sich aus dem Lateinischen ritus ableiten mit der Bedeutung vom religiösen Gebrauch und Ceremonie.
Wichtiges Grundmerkmal eines Rituals ist dessen Performativität, denn das Ritual erfolgt über direkte Kommunikation. In diesem Sinne gilt die rituelle Handlung der Berliner Bücherverbrennung als performative Sprechhandlung, mit der die gesprochenen Worte, hier die Feuersprüche, eine Veränderung, also eine Transformation von Vielheit in Einheit bewirkten und die Gesamtheit der öffentlich geführten Diskurse auf den einen nationalsozialistischen kanalisiert wurde. So berichtet das Neuköllner Tagesblatt „[…], bis neun Vertreter der Studentenschaft, […], mit markanten Worten [Feuersprüchen; P.B.] die Bücher des deutschen Ungeistes dem Feuer übergaben“.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Hausarbeit führt in die Thematik der Bücherverbrennung 1933 ein und legt den Fokus auf deren rituelle Inszenierung und die Untersuchung der beteiligten Akteure.
2 »Aktion wider den undeutschen Geist« am 10. Mai 1933: Dieses Kapitel analysiert den historischen Kontext der Machtergreifung sowie die zentrale Rolle der Deutschen Studentenschaft und der NSDStB bei der Planung der Verbrennungsaktionen.
3 Ritual: Hier werden die Grundmerkmale und Funktionen des Berliner Autodafés aus ritualwissenschaftlicher Perspektive beleuchtet, wobei die performative Wirkung der Inszenierung im Vordergrund steht.
4 Gründe für die Vernichtung ausgewählter Literatur: Dieses Kapitel untersucht die Rechtfertigungsmechanismen für die Zerstörung literarischer Werke, einschließlich der Rolle von Schwarzen Listen und der Ideologie des „Eigen-Fremde“.
5 Fazit: Das Fazit fasst die Bedeutung der Bücherverbrennung als Instrument der kulturellen Gleichschaltung und Identitätsbildung für den NS-Staat zusammen.
Schlüsselwörter
Bücherverbrennung, 10. Mai 1933, Nationalsozialismus, Ritual, Performativität, Deutsche Studentenschaft, Autodafé, Gleichschaltung, Schwarze Listen, Völkische Ideologie, Literaturpolitik, Feindbild, Sichtbarmachung, Volksgemeinschaft, Antisemitismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die reichsweite Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 durch die Nationalsozialisten mit einem besonderen Schwerpunkt auf der rituellen Form der Vernichtung literarischer Werke.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Arbeit deckt die historische Einordnung der Machtergreifung, die Rolle studentischer Organisationen, ritualtheoretische Analysen der Verbrennungshandlung sowie die ideologischen Grundlagen der kulturellen Gleichschaltung ab.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu verstehen, wie und warum die Bücherverbrennung als rituelles Instrument eingesetzt wurde, um eine neue nationalsozialistische Identität zu schaffen und abweichende Literatur systematisch auszugrenzen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine kulturwissenschaftliche und ritualtheoretische Perspektive, um die Handlungsabläufe der Bücherverbrennung anhand von Quellenmaterial wie Zeitungsartikeln, Rundschreiben und theoretischen Fachwerken zu rekonstruieren.
Was steht im inhaltlichen Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil befasst sich mit der Planung der „Aktion“, der detaillierten Beschreibung des Berliner Autodafés sowie der theoretischen Einordnung als performatives Ritual und der Analyse der Selektionskriterien für „unerwünschte“ Literatur.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Bücherverbrennung, Ritual, Gleichschaltung, Performativität, Völkische Ideologie und NS-Literaturpolitik definieren.
Welche Rolle spielte die Deutsche Studentenschaft bei der Aktion?
Die Arbeit belegt, dass die Bücherverbrennung keine spontane Idee war, sondern eine systematisch vorbereitete und zentral gesteuerte Kampagne der Deutschen Studentenschaft.
Wie konstruierten die Nationalsozialisten das „Fremde“?
Die Konstruktion erfolgte durch die Benennung von Feindbildern (z. B. „jüdischer Geist“, „Marxismus“) und die Inszenierung des Feuers als reinigendes Element, um eine Grenze zwischen dem „Eigenen“ und dem „Fremden“ zu ziehen.
- Arbeit zitieren
- Paola Briani (Autor:in), 2019, Verfemte Literatur und Ritual. Hintergründe und Bedeutung der Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1012037