Arbeitsmigrationssteuerung in Deutschland und Kanada. Ein Vergleich


Hausarbeit, 2017

26 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Migration in Deutschland
2.1 Eine geschichtliche Betrachtung
2.2 Öffnung zur Einwanderungsgesellschaft
2.3 Das aktuelle deutsche Zuwanderungsrecht- eine kritische Betrachtung
2.3.1 Unübersichtlichkeit des deutschen Aufenthaltsrechts
2.3.2 Restriktionen des Zuwanderungsrechtes

3. Darstellung des Einwanderungslandes Kanada
3.1 Die Kanadische Einwanderungspolitik aus historischer Perspektive
3.2 Entstehung des Multikulturalismus in Kanada
3.3 Kanadas Migrationspolitik heute - das Punkte system

4. Deutsche und kanadische Arbeitsmigrationspolitik im Vergleich

5. Abschlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Tatsache, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, wurde von politischer als auch gesellschaftlicher Seite lange Zeit nicht anerkannt und bestritten. Neben ökonomischen Faktoren, erfolgte angesichts der demografischen Entwicklung und einem damit in Zukunft verbundenen abnehmenden Erwerbspersonenpotenzial, allerdings ein langsamer und stetiger Umdenkprozess hinsichtlich der Öffnung von Migration. In diesem Zusammenhang änderte sich der politische Diskurs um eine gezielte Anwerbung von Migrant*innen, so dass eine zunehmende Öffnung und Akzeptanz gegenüber Einwanderung festzustellen war und die Strukturen für die Anwerbung von Fachkräften in den letzten Jahren vielfach reformiert und liberalisiert wurden.

Allerdings behielt Deutschland, trotz der angesprochenen Liberalisierungen seinen Ruf als einwanderungsskeptisches Land großenteils bei (vgl. Kolb/ Klausmann 2013, S.239). Dieses wurde unter anderem im Zuge des Anstiegs von Geflüchteten nach Deutschland im Jahre 2015 besonders deutlich. Diesbezüglich lässt sich innerhalb Europas eher eine restriktive und ablehnende Haltung gegenüber Geflüchteten und Asylsuchenden verzeichnen. Dieses könnte ursächlich dafür sein, dass die zuvor noch intensiv geführten Diskurse zu Fragen der Anwerbung von Fachkräften aus Drittstaaten zeitweilig zum Erliegen gekommen sind. In der politisch - medialen Debatte werden sowohl Geflüchtete wie auch generell Menschen mit Migrationshintergrund oftmals mit den desintegrativen Folgen kultureller Differenz in Zusammenhang gebracht. Das heißt, dass Immigration in diesem Zusammenhang als Bedrohung der Sicherheitslage und als ökonomische Belastung wahrgenommen wird. Oliver Schmidtke weist darauf hin, dass das grundsätzliche Selbstverständnis westlicher Gesellschaften durch Migration vor die Aufgabe gestellt wird, mit innerer kultureller Vielfalt umzugehen (vgl. Schmidtke 2016, S. 88). Die Debatten um die Idee des Multikulturalismus in Deutschland werden von Seiten der Politik aus diesem Grunde größtenteils kritisch geführt.

In Kanada hingegen besteht ein anderes Verständnis gegenüber dem Multikulturalismus. Kanada genießt im Gegensatz zu Deutschland große Anerkennung als attraktives Land mit einem modernen Einwanderungsrecht und gilt in vielfacher Hinsicht als Vorbild einer erfolgreichen Immigrationspolitik. So fordern und diskutieren Vertreter*innen aus unterschiedlichen Parteien in Deutschland die Gestaltung eines Einwanderungsgesetzes nach dem kanadischen Modell. Hierbei empfinden deutsche Politiker*innen insbesondere das Punktesystem, auf dessen Grundlage ein Großteil der Einwandererinnen ausgewählt wird, sehr reizvoll. Mit diesem Steuerungselement so die Befürworter*innen, ist die Gestaltung der Immigration nach den wirtschaftlichen und sozialen Bedürfnissen des Landes möglich. Darüber hinaus wird hervorgehoben, dass das gesellschaftliche Leben in Kanada durch die Grundsätze der Chancengleichheit und Toleranz gegenüber kultureller Differenz geprägt ist. Dem gegenüber bestehen aber auch kritische Haltungen, die das kanadische Punktesystem als wenig flexibel und dem Arbeitsmarkt hinterherhinkend betrachten (vgl. Thränhardt 2014 b, S. 49).

In meiner Hausarbeit möchte ich untersuchen, inwieweit sich Kanada und Deutschland hinsichtlich der Zuwanderungssteuerung unterscheiden, und welche gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen für die Gestaltung eines eigenen Zuwanderungskonzeptes in Deutschland übernommen werden könnten. Hierfür werde ich zunächst auf die historischen Entwicklungsprozesse der Migrationspolitik in Deutschland eingehen. In diesem Zusammenhang wird ein Vergleich mit der vom Multikulturalismus geprägten kanadischen Immigrationspolitik vorgenommen und das Punktesystem in Kanada näher untersucht. Abschließend findet eine Zusammenfassung der Vor -und Nachtteile der jeweiligen Zuwanderungssysteme statt. In diesem Zusammenhang werden Anregungen für zukünftige Gestaltungsmöglichkeiten der Zuwanderungspolitik in Deutschland gegeben.

Es ist darauf hinzuweisen, dass Begriffe, die die Differenz zwischen Menschen hinsichtlich ihrer Herkunft hervorheben, wie beispielsweise die Begriffe Migrationshintergrund, Migrant*in oder Ethnie immer auch Teil des dominanten Ordnungsmodells „moderner“ Gesellschaften sind. Mit Hilfe dieser Begrifflichkeiten, kann ungeachtet der Nationalität auf die Zugehörigkeit bzw. Nichtzugehörigkeit von Menschen zu einem Land hingewiesen und so auch eine Aufteilung in "Ihr" und "Wir" vorgenommen werden. So kann durch die Verwendung, der beschriebenen Begrifflichkeiten der Eindruck entstehen, dass es sich um eine homogene Gruppe mit prinzipiell ähnlichen Werten und Lebensstilen handelt. Allerdings gilt die heutige, plurale und differenzierte Lebenslage sowie das Bestehen gesellschaftlicher Milieus für alle Menschen. In dieser Hausarbeit wird aufgrund der Verankerung der Begrifflichkeiten in der Literatur auf diese Begriffe zurückgegriffen. Es wird allerdings sofern es möglich, eine Differenzierung innerhalb der Personengruppen vorgenommen.

2. Migration in Deutschland

2.1 Eine geschichtliche Betrachtung

Um zu verstehen aus welchen Gründen Kanada und Deutschland sich hinsichtlich der Einwanderungspolitik sowie der Akzeptanz von Migration innerhalb der Gesellschaft heute stark voneinander unterscheiden, ist es vonnöten sich dem Thema historisch zu nähern. Hierfür werde ich in dem folgenden Kapitel die Migrationsbewegungen nach Deutschland als auch die Entstehung des Selbst- und Nationalverständnisses „der Deutschen“ im 19. und 20. Jahrhundert näher beschreiben und aufzeigen, welche Wechselwirkungen diesbezüglich zu verzeichnen waren bzw. sind und inwieweit sich hieraus die aktuelle Migrationspolitik entwickelt und geprägt hat.

Ein Blick in politische als auch mediale Debatten hinsichtlich des Themas Einwanderung, zeigt dass in Deutschland zu unterschiedlichen Zeitpunkten und Dekaden Migration überwiegend hinsichtlich ihrer negativen Auswirkungen diskutiert und insgesamt als Bedrohung wahrgenommen wurde. Einen Erklärungsansatz bietet diesbezüglich Dieter Oberndörfer an, der diese Vorgehensweisen und Mechanismen als Erblast einer völkischen Ideologie beschreibt, die sich bereits Mitte des 19 Jahrhunderts entwickelte (vgl. Oberndörfer 2016, S.20). So entwickelten sich die völkische Ideologie als Pendant und in Abgrenzung zu den Ideen der Aufklärung, die als Ideologien der Besatzungsmacht Frankreich abgelehnt wurden. Die völkische Ideologie zeichnet sich dahingehend aus, als dass die Zugehörigkeit zu einer Nation durch Abstammung vom Staatsvolk definiert wird. Hierbei wird ebenfalls die Beheimatung in dessen Kultur und Sprache vorausgesetzt und miteinbezogen. (Vgl. ebd.) Der Nationalismus in Deutschland wurde durch den Epochenstil der Romantik gefärbt und zeichnete sich aus diesem Grunde durch tiefe, oft irrationalen Emotionen aus. Diese nationale Bewegung war eine Zusammensetzung unterschiedlicher Ideen und Vorgänge, Ausdrucksformen und Ausdrucksmitteln (z.B. Schulen, Universitäten, Vereinswesen, Literatur, Journalismus, Volkslieder) (vgl. Timmermann 2001, S.10). Indem sich unter anderem Dichter und Publizisten zusammenschlossen, „deutsche" Zeitschriften gründeten und sich als Erzieher der Nation verstanden, prägten und priesen sie den Volksbegriff in einem hohen Maße und vereinten die Deutschsprechenden an eine unausweichliche Sprach- und Kulturgemeinschaft mit verbindenden "Nationalcharakter" (vgl. Planert 2004). Zwar handelte es sich bei der Nationalbewegung überwiegend um ein loses Netzwerk unterschiedlicher Vereinigungen. Doch wuchs unter jenem Einfluss der völkischen Bewegung das Bewusstsein, eine politisch-organisatorische Vereinigung zu benötigen. (vgl. Timmermann 2001, S. 11/ vgl. Puschner/ Großmann 2009 S.9) Das Kriterium für die Zugehörigkeit zu einer Nationalität stellt in der völkischen Ideologie die Volksgemeinschaft dar, in die man hineingeboren wurde. Als entscheidender Faktor wird hierbei die Blutsverwandtschaft betrachtet, die nicht durch Beitritt erworben werden kann. Nach diesem Verständnis sind „die Deutschen“ eine eigene ethnische Gruppe.

Diese Ideologie lässt sich weiterfolgend während der Weimarer Republik und sehr deutlich im NS-Staat finden und hat das Selbstverständnis „der Deutschen“ als Nation nachhaltig beeinflusst (vgl. Oberndörfer 2016, S.20). Die Verankerung der völkischen Ideologie in der deutschen Politik und Gesellschaft endet allerdings nicht mit dem Ende des dritten Reiches, sondern nimmt auch in den folgenden Jahrzehnten einen wesentlichen Teil der Innen-und Außenpolitik Deutschlands ein. Insbesondere hinsichtlich der Migrationssteuerung ist festzustellen, dass die völkische Ideologie eine Möglichkeit des Ausschlusses von Minderheiten aus der Nation darstellt. In diesem Zusammenhang hält Hoffmann fest, dass die Ausgrenzung und Diskriminierung von „Fremden“ immer auf dem eindeutigen Verständnis basiert, das Eigene zu definieren. (Vgl. Hoffmann 1994, S. 67) In der Logik der völkischen Ideologie, die Einwanderung als Bedrohung der homogenen Kultur begreift, wurde beispielsweise in den 50er ,60er und 70er Jahren das Gastarbeitermodell aufgrund des wirtschaftlichen Ausschwunges und eines damit einhergehenden Fachkräftemangels in Deutschland praktiziert. Hierbei war nur eine vorübergehende und reversible Zuwanderungssteuerung vorgesehen. Allerdings zeigte sich, dass im Zuge des Anwerbestopps im Jahre 1973, der Familiennachzug immer mehr an Bedeutung gewann und ein zunehmender Verbleib der Gastarbeiter*innen zu beobachten war. In diesem Zuge verschärfte sich die ideologische geprägte Debatte um Zuwanderung, so dass die Ablehnung von Immigration vermehrt gefordert wurde. „Die Angst vor einer multikulturellen Gefährdung der nationalen Homogenität und Identität durch Einwanderung wurde zum Brennstoff einer präzedenzlosen innenpolitischen Polarisierung der Bonner Republik“ (Oberndörfer 2016, S.20).

Ein weiteres Beispiel für die bestehende völkische Ideologie und die durch Einwanderung empfundene Bedrohung, wurde Anfang der 90er Jahre deutlich, als die Zahl der asylsuchenden Menschen in Deutschland anstieg und in Politik und Medien sowie die Folgen der Einwanderung als auch das Entstehen multikultureller Tendenzen in einer Semantik der Gefahr dargestellt wurden (vgl. Ruhrmann/ Demren 2000, S.72). So wurden in diesem Zusammenhang vermehrt Metaphern anlehnend an Naturkatastrophen wie „Flüchtlingsstrom“ oder „Asylantenflut“ gewählt, um die gegenwärtige Situation als

Bedrohung und Gefahr zu präsentieren. Hoffmann geht auf die politische Dialektik zu dieser Zeit ein und beschreibt, dass die zuvor bestehenden Bedrohungsgefühle gegenüber dem Kommunismus von Seiten der Politik umgelenkt und Bedrohungsgefühle aufgrund der Völkerwanderung übertragen und verlagert wurden. Dieses sollte den Zusammenhalt und die Wiedervereinigung der zuvor gespaltenen Nation vorantreiben. (vgl. Hoffmann 1994, S.40) In diesem Zusammenhang hebt Oberndorfer hervor: „Die Meisten erlebten und interpretierten dann die Vereinigung als Wiedergeburt der alten Nation. Deren Wiederentdeckung und die damit verbundene Stärkung überlieferter ideologischer Bremskräfte gegen Fremde vollzogen sich in stürmischem Tempo“ (Oberndörfer 2016, S.32).

Deutlich wurde dieses sowohl an Gewalttaten gegenüber Geflüchteten und Migrant*innen als auch an der generell weit verbreiteten feindseligen Stimmung gegenüber Zuwanderung. Diese Ablehnung fußte größtenteils auf einem diffusen Gefühl der Bedrohung. Angesichts der Tatsache, dass der überwiegende Teil der Menschen nicht unmittelbar von der Unterbringung der Asylsuchenden betroffen war, stellt sich die Frage, woher dieses Gefühl der Gefahr und Bedrohung entsprang. Auch in diesem Falle, wird das völkische Verständnis wieder stark sichtbar, denn die verbreiteten Bedrohungsgefühle sind vielmehr auf eine Identifikation mit dem Kollektiv zurückzuführen. So wird durch die wachsende Zahl der Geflüchteten das Gefühl der Homogenität belastet. In diesem Zusammenhang lassen sich auch Behauptungen, dass „die Ausländer“ „die Arbeitsplätze und Wohnungen“ wegnehmen einordnen. Hierbei wird die Dichotomie zwischen „Wir“ und den „Anderen“ sehr deutlich, denn diese Behauptung erwächst aus der Annahme, dass „die Deutschen“ ein legitimes Recht auf Leistungen des Staates haben und Migrant*innen hingegen kein Recht diesbezüglich zusteht. (Vgl. Hoffmann 1994, S. 43)

2.2 Öffnung zur Einwanderungsgesellschaft

In Deutschland gab es von Seiten der Politik lange das klare Bekenntnis, dass Deutschland kein Einwanderungsland sei. Dieses wurde von unterschiedlichen Politiker* innen, insbesondere während „der Kohl-Ära“, aber auch noch später vehement klargestellt. Als Beispiel kann hier Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) 2006 angeführt werden, der auf die Kritik des Caritas-Präsidenten, dass zur Integrationsaufgabe auch gehöre, anzuerkennen, dass Deutschland ein Einwanderungsland sei und geeignete Zuwanderungsregeln benötige, wie folgt reagierte: „Wir waren nie ein Einwanderungsland und wir sind’s bis heute nicht“. (Dernbach 2006) Interpretiert man den Begriff Einwanderungsland aus faktischer Perspektive, so ist festzustellen, dass seit 1991 mit Ausnahme der Jahre 2008 und 2009, die Zahl der Zuzüge aus dem Ausland höher waren als die Wegzüge und somit rein faktisch betrachtet, die Kriterien des Begriffes „Einwanderungsland“ erfüllt waren bzw. sind. (vgl. Groß 2016, 262)

In diesem Zusammenhang ist allerdings aufzuführen, dass seit etwa 17 Jahren, mit dem neuen Staatsangehörigenrecht aus dem Jahre 2000 und der geplanten Reform des Zuwanderungsgesetzes in den Jahren 2001/2002 ein zunehmender, aber langsamer Wechsel hinsichtlich der Gestaltung der Migrationspolitik zu verzeichnen ist. „Doch ist dies keine lineare Entwicklung, sondern wird durch wiederholte Rückschritte unterbrochen, ist also eher ein Prozess a la »zwei Schritte vor, ein Schritt zurück«“ (Kösemen 2014, S. 11). Als erstes deutlicheres Signal des Umdenkens und der Öffnung für Einwanderung kann die Verabschiedung des Zuwanderungsgesetzes aus dem Jahre 2005 betrachtet werden.

Allerdings ist darauf hinzuweisen, dass es sich um ein Zuwanderungsbegrenzungsgesetz handelt, bei dem nicht die Förderung von Migration beworben wird, sondern die Steuerung als auch die Begrenzung von Ausländer*innen im Vordergrund stehen und explizit benannt werden (vgl. Groß 2016, 263).

Dieses wird unter anderem an Schäubles Äußerung, die er ein Jahr nach der Verabschiedung des Gesetztes aussprach, deutlich. Indem er betonte, dass Deutschland kein Einwanderungsland sei und weiterausführend die Konsequenzen des Familiennachzuges als integrationshindernd bezeichnete, erinnerte erneut an die Gefahr und die Bedrohung des homogenen Kollektivs, die mit Einwanderung verbunden sei. Allerdings hob Schäuble in seiner Rede auch hervor, dass Integration eine „Zweibahnstraße“ sei, Deutschland von Migration grundsätzlich nicht bedroht ist und die Chancen die mit Einwanderung einhergingen, überwiegen. (Vgl. Dernbach 2006) An diesen Äußerungen wird zum einen eine zunehmende Öffnung hinsichtlich des Themas Zuwanderung von Seiten der Politik deutlich. Zum anderen zeigt sich hierbei aber auch die Ambivalenz der deutschen Politik bezogen auf das Thema Migration. So ist darauf hinzuweisen, dass in der Vergangenheit Gesetzesänderungen bei Migrationsangelegenheiten neben Elementen von Liberalisierung immer auch Restriktionen enthielten (vgl. Kösemen 2014, S. 11). Oberndörfer geht auf die positiven Aspekte, die mit dem Gesetz einhergingen, ein und führt aus.

Integration wurde als Chefsache der Kanzlerin deklariert. Diese Symbolik wirkte als entscheidender Schub für die Entstehung einer Einwanderungsgesellschaft. Unterstützt und getragen wurde dies durch die schon seit längerem praktizierte Integrationsarbeit der Verwaltungen verschiedener Großstädte Stuttgart, Frankfurt oder

München und einigen Landesregierungen. (...) Mindestens ebenso wichtig für die Erfolge der nun behördlich geförderten Integration wurde die unter den Migranten einsetzende, von ihnen selbst getragene Eigendynamik des Hineinwachsens in die Aufnahmegesellschaft. Sie wurde durch den beginnenden und sich bald intensivierenden Dialog zwischen den Migranten und der Politik gefördert. (Oberndörfer 2016, S.34-35)

Insgesamt lässt sich konstatieren, dass sich die Politik dahingehend veränderte, als dass sie Integration positiver bewertete, forderte und förderte. Einwanderung wurde dennoch weiterhin skeptisch und ablehnend betrachtet.

Im Zuge der Euro-Krise im Jahre 2009 und einen damit einhergehenden massiven Zuwanderungsanstieg, veränderte sich die Grundhaltung seitens der Politik und Medien. Wurden Zugewanderte bisher immer mit den desintegrativen Folgen kultureller Differenz assoziiert und als Ursache für die Entstehung wirtschaftlicher, sozialer als auch kultureller Probleme wahrgenommen, entstand nun eine Stimmung, in der Migration positiv bewertet wurde und Zuwanderung sogar vom Kommunen und Arbeitsagenturen gefördert wurde (vgl. Oberndörfer 2016, S.34f.). Dieses äußerte sich beispielsweise, indem es zu Liberalisierungen der Zuwanderungs-und Einreisebeschränkungen kam, so dass beispielsweise die jährliche Einkommenshöhe für das Bleiberecht von Fachkräften gesenkt wurde. Diese Regelungen betrafen insbesondere hochqualifizierte „Ausländer* innen“ als auch Arbeitskräfte, die über eine Berufsqualifikation in Berufen mit besonderem Fachkräftemangel verfügten (vgl. Kolb/ Klausmann 2013, 241f.) .Oberndörfer sieht hier den demographischen Wandel, eine sichtbare und spürbare Alterung der Gesellschaft als auch die ökonomische Position und Entwicklung Deutschlands als ursächlich für die veränderte Haltung bezüglich der Einwanderungspolitik (vgl. Oberndörfer 2016, S.35). Zuletzt waren innerhalb Europas vermehrt wieder migrationskritische Stimmungen und Strömungen zu verzeichnen, die Einwanderung insbesondere aus muslimischen Ländern als Bedrohung der „eigenen“ Kultur betrachten. In der Folge wurden auch in Deutschland beispielsweise Restriktionen für die Asylgesetzgebung getroffen.

2.3 Das aktuelle deutsche Zuwanderungsrecht- eine kritische Betrachtung

Angesichts der Tatsache, dass ein positiver Wanderungssaldo ( mit Ausnahme der Jahre 2008 und 2009 ) in Deutschland zu verzeichnen war und dieser im Vergleich zu anderen Einwanderungsländern wie Kanada in den letzten Jahren wesentlich höher ausfiel, stellt sich die Frage, in wie weit ein Vergleich mit anderen Einwanderungsnationen notwendig und hilfreich ist. In einer genauen Betrachtung der Einwanderungszahlen wird deutlich, dass Deutschland aus faktischer Perspektive die Kriterien eines Einwanderungslandes erfüllt.

Allerdings ist bezogen auf den Anteil der Arbeitskräfte die nach Deutschland immigrierten, hinzufügen, dass diese Einwanderungen überwiegend über die EU-Freizügigkeitsregelung erfolgten. So haben nach Groß im Jahre 2014 nur etwa 90.000 Drittstaatsangehörige im Vergleich zu mehr als 400.000 EU-Bürger (EU-Freizügigkeit) einen Aufenthaltstitel zum Zwecke der Erwerbstätigkeit erhalten. (vgl. Groß 2016 S.262f.) Als Kritikpunkte im deutschen Zuwanderungsrecht werden diesbezüglich zum einen von mehreren Wissenschaftlern die Unübersichtlichkeit des deutschen Aufenthaltsrechts als auch die Tatsache, dass das Zuwanderungsrecht prinzipiell eher restriktiv aufgebaut ist und hohe Einwanderungshürden bestehen, aufgeführt.

2.3.1 Unübersichtlichkeit des deutschen Aufenthaltsrechts

Groß zeigt auf, dass die Regelungen der Arbeitsmigration besonders unübersichtlich gestaltet sind und nur in spezifischen Fällen (§§ AUFENTHG § 18 a-21 AufenthG) die Bedingungen für die Einreise von Arbeitnehmer*innen mit hoher Qualifikation gesetzlich benannt und verankert sind (vgl. Groß 2016 S. 263).

Die allgemeine Vorschrift über die Zulassung ausländischer Beschäftigter in § AUFENTHG § 18 AufenthG benennt nur eine vage Leitlinie, wonach sie „sich an den Erfordernissen des Wirtschaftsstandortes Deutschland unter Berücksichtigung der Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt und dem Erfordernis, die Arbeitslosigkeit wirksam zu bekämpfen“ orientiert. (ebd.)

Darüber hinaus ist zu kritisieren, dass sofern die Voraussetzungen der beschriebenen Vorschriften vorliegen sollten, im Regelfall eine Ermessensentscheidung für die Zustimmung der Einreise vorgenommen wird. Und somit ist festzuhalten, dass insbesondere im Bereich der Arbeitsmigration, die Einreise abhängig von einzelnen Sachverständigen und deren Bewertungsmaßstäben, größtenteils sehr intransparent in ihrer Außenwirkung, inkonstant und nicht für jeden nachvollziehbar ist. Bei einigen neueren gesetzlichen Vorschriften zur Beschäftigung von Hochqualifizierten sind Ansprüche auf eine Aufenthaltserlaubnis festgehalten worden (vgl. ebd.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Arbeitsmigrationssteuerung in Deutschland und Kanada. Ein Vergleich
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
26
Katalognummer
V1012454
ISBN (eBook)
9783346404992
ISBN (Buch)
9783346405005
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arbeitsmigrationssteuerung, Migrationspolitik, Multikulturalismus, Einwanderungspolitik Kanada
Arbeit zitieren
Helge Schumacher (Autor:in), 2017, Arbeitsmigrationssteuerung in Deutschland und Kanada. Ein Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1012454

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