Der "Sprung" in Heideggers Werk "Der Satz vom Grund"

Eine Interpretation


Seminararbeit, 2020

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Erster Teil der Vorlesungsreihe
Die „fünf Hauptsachen"
Erste Hauptsache- „Die Incubation des Satzes vom Grund"
Zweite Hauptsache- „Die Aufstellung des Satzes vom Grund als eines obersten Grundsatzes"
Dritte Hauptsache- „Den Anspruch des Satzes vom Grund als des großmächtigen Prinzips, der unser Zeitalter bestimmt"
Vierte Hauptsache- „Den Grund als »warum« und als »weil«"
Fünfte Hauptsache- „Den Wechsel der Tonart im Satz vom Grund"

Der Sprung in Heideggers Denkweg

Zweiter Teil der Vorlesungsreihe
Zur Fünften Hauptsache
Zur Ersten Hauptsache
„Seinsgeschick"
Zu den weiteren Hauptsachen

Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

Der Satz vom Grund, „Nichts ist ohne Grund“1, ist jedem zunächst klar verständlich, da man selbst ständig unbewusst und bewusst nach Gründen sucht. Fragen wie: „Warum ist dies oder jenes so wie es ist?“, „Was macht es aus?“, „Was liegt allem Seienden zu Grunde“ etc. sind häufig gestellte Fragen in der ontologischen Philosophie, die auch den Menschen täglich begleiten. Der menschliche Verstand sucht immer nach Gründen um sich das was, er wahrnimmt zu erklären. „[O]ft nur nach den nächstliegenden, bisweilen auch nach den weiter zurückliegenden Gründen, schließlich aber nach den ersten und letzten Gründen.“2 Diese ständige nicht aufhörende Suche nach Gründen und Antworten auf diese Fragen ist wahrscheinlich der Grund für die Akzeptanz und Klarheit des Satzes. „Wir sind mit dem Satz vom Grund, kaum daß wir ihn hören, auch schon fertig. Und dennoch — vielleicht ist der Satz vom Grund der rätselvollste aller nur möglichen Sätze.“3 Hier beginnt Heidegger mit seinem Gedankenweg und erforscht in seinen Vorlesungen den Satz vom Grund näher. Er versucht zu verstehen was der Satz aussagt, was er bedeutet und wie er wirkt. Um die Folgen des Satzes vom Grund zu ergründen, begibt er sich in seiner Schrift auf einen Gedankenweg, welcher auch in die Irre, auf Holzwege oder in Sackgassen führt, bis er schließlich zum „Sprung“ kommt. Im Folgenden wird der von Heidegger beschriebene „Sprung“ thematisiert und dessen Auswirkung und Relevanz erläutert.

Um verständlich zu vermitteln, was dieser so genannte „Sprung“ ist und was er bedeutet, ist es notwendig Heideggers Weg der Gedanken strukturell zu erläutern und aufzuzeigen. Im weiteren Textverlauf wird die Vorlesungsreihe von Heidegger in zwei grobe Teile eingeteilt. Der erste Teil beschäftigt sich mit den Formalien des Satzes vom Grund. In diesem werden die „5 Hauptsachen“4 dargestellt und wichtige Erkenntnisse erlangt, an den der zweite Teil anknüpft und sich thematisch mit dem Satz vom Grund beschäftigt. Zwischen diesen beiden Teilen kommt es zu einem „Sprung“, welcher einen inhaltlichen Wechsel darstellt. Somit entspricht der folgende inhaltliche Aufbau der Struktur der Vorlesungsreihe von Martin Heidegger.

Erster Teil der Vorlesungsreihe

Die „fünf Hauptsachen"5

Heidegger selbst teilt seinen Denkweg bis zum „Sprung“ in „fünf Hauptsachen“6 ein, um die Erkenntnisse zusammen zu fassen. Nun werden diese im weiteren Verlauf vorgestellt, um den anschließenden „Sprung“ besser nachvollziehen zu können.

Erste Hauptsache- „Die Incubation des Satzes vom Grund"7

Heidegger beginnt die Vorlesungsreihe mit dem Benennen des Satzes vom Grund (im weiteren Textverlauf „SvG“), „Nihil est sine ratione. Man übersetzt: Nichts ist ohne Grund“8 und stellt fest, dass dieser Satz jedem klar verständlich ist. Trotz seiner ständigen Präsenz, wurde er erstmals im 17. Jahrhundert von Leibniz, so Heidegger, aufgestellt. Leibniz schrieb hier in der strengen Fassung „principium reddendae rationis sufficientis“9. Die Zeitspanne bis zu seiner klaren Aufstellung des Satzes nennt Heidegger „Incubationszeit“10. Abgeleitet vom Tempelschlaf, meint er hier einen Schlaf bei dem der oder das Aufwachende von selbst zum Ausbruch kommt und nach dem Erwachen vielleicht kein Einschlafen mehr zulässt.11 Die Antwort auf Heideggers gestellt Frage, wo der SvG die ganze Zeit über gewesen ist, wird im späterem Verlauf beantwortet.

Heidegger geht davon aus, dass Leibniz diese Incubationszeit unterbricht in dem er den SvG erstmalig formuliert. Jedoch gilt der SvG bereits bei Plotin (205 n. Chr.- 270 n.Chr.) als Allgemeingut. Er bezieht sich in seiner Schrift „Enneaden“ auf den Satz vom zureichenden Grund und verweist damit auf Aristoteles, welcher als erster den Satz vom Grund aufgeschrieben haben soll.12 13 Wie und ob diese neue Erkenntnis auf Heideggers Argumentation wirkt, wird im späteren Verlauf besprochen.5 6 7 8 9 10 11 12 13

Zweite Hauptsache- „Die Aufstellung des Satzes vom Grund als eines obersten Grundsatzes“14

Mit der strengen Fassung stellt Leibniz den SvG „principium reddendae rationis sufficientis“ als ein Prinzip (principium) auf. Mit dem zusätzlichem „reddendae“/ reddendum (lat. Für zurückgeben, wiedergeben) spezifiziert er dieses als den Satz vom zurückzugebenen Grund. „Sufficientis“ bedeutet hierbei „zureichend“. Leibniz stellte daher nicht nur ein Prinzip des zureichenden Grundes auf, sondern beschreibt außerdem, dass dieser ein zurückgebender oder zustellender Grund ist. Der Erwerb von Erkenntnissen beinhaltet das Vorstellen von Dingen.14 15 Heidegger sieht hier einen Ablauf des Erkennens und sieht das „Vorstellen“ als „vor sich hinstellen“. Er beschreibt, dass das Ich seine Umgebung zu erkennen versucht und dann zu begreifen.

Wenn also ein Ding dem Ich begegnet, versucht es dieses anzuhalten und „vor sich hin zu stellen“. Dann kann es das Ding betrachten und herausfinden, was dieses „ist“ und was es für einen Grund dafür hat, so zu sein, wie und was es ist. In diesem Akt des Erkennens wird klar, dass sobald ein Ding vorgestellt wird, wird es gleichzeitig angehalten und zum Stand gebracht. Gleichzeitig wird es von jemanden befragt, welcher dem Ding gegenübersteht und wissen will, warum und was es ist. Hierbei entsteht ein Gespräch, bei dem der Erkennende Fragen an das ihm Unbekannte hat und ihm dabei eine Antwort „zurückgegeben wird“16. So wird der Grund zurückgegeben. Das Ich trachtet von Natur aus nach diesen Gründen, welche ihm in diesem Akt zurückgegeben werden.17

Heidegger stellt außerdem fest, dass es einen Unterschied zwischen einem Gegenstand und „etwas was dem ich begegnet“ gibt. Es wird erst etwas zum Gegenstand, indem es vorgestellt wird und seinen Grund dem Fragendem zustellt. Also muss jeder Gegenstand einen Grund haben, um zu existieren, was ihn sein lässt, und um diesen vorstellen zu können. Die Gegenständlichkeit von jedem Seiendem muss also begründet sein.18

Heidegger stellt ebenfalls Gedanken über die Satzstruktur des SvG an und stellt eine doppelte Verneinung fest. Die bejahende Form des Satzes würde nach ihm „Jegliches Seiende hat einen Grund“19 bedeuten. Gerade diese Form lässt darauf schließen, dass der SvG etwas über das Seiende aussagt.

Heidegger versucht den Satz als solchen in eine Satzkategorie einzuordnen. Dabei stellt er fest, dass sich dieser nicht zur Ebene der geläufigen und wissenschaftlichen Sätze einordnen lässt, denn er sagt etwas Notwendiges darüber aus, wie sich etwas verhält.20 Durch die bejahende Form des Satzes wird klar, „Jedes und alles Seiende hat notwendig einen Grund“21. Durch die ausgesprochene Grundsätzlichkeit in diesem Satz wird er zu einem Grundsatz. Heidegger spricht auch vom „Grundsatz aller Grundsätze“22 23 24 25 26

Der Satz vom Grund bestimmt den Akt des Vorstellens und damit jegliches was vorgestellt wird als auch das Vorstellende und ist somit „Grundsatz des Erkennens das Prinzip [...] für jegliches, was ist.“2

Dritte Hauptsache- „Den Anspruch des Satzes vom Grund als des großmächtigen Prinzips, der unser Zeitalter bestimmt"24

In Leibniz' Fassung des SvG schreibt er nicht nur vom vorstellenden Grunde, sondern auch, dass dieser zureichend sein muss. Der Grund, der zugestellt wird, muss also genügend bzw. zureichend sein, um die Gegenständlichkeit der Gegenstände zu begründen. Das „reddendum“ in Leibniz' Satz macht die Großmächtigkeit des SvG aus. Es bezeichnet den Anspruch des Grundes auf eine zureichende Zustellung. Leibniz selbst bezeichnet den SvG als „principium grande“, als ein großmächtiges Prinzip.25

Heidegger schreibt, dass der SvG nur ausdrückt, was der Grund fordert, jedoch keine Auskunft über den Grund an sich gibt, über den Heidegger Gedanken anstellt. Er beschließt einen neues Gedankenweg einzuschlagen, da er an dieser Stelle nicht weiter zu kommen scheint.26

Wie bereits beschrieben, folgt alles was dem „ich“ vorgestellt wird und als Gegenstand begründet wird, dem SvG und erfüllt damit den Anspruch an den Grund. Somit wird alles Gegenständliche begründet zum Seienden. Der SvG bezieht sich nicht nur auf das Begegnende, das der Mensch ergründen möchte, sondern drückt den Anspruch des Grundes aus, welcher sich auf das gesamte Seiende bezieht.27

Er beschreibt die zu seiner Zeit aufstrebende Atomforschung, in der die Wissenschaft nach neuen Erkenntnissen strebt und immer stets nach Gründen sucht. Somit folgt sie dem SvG, ohne sich klar zu sein, warum sie dies tut und welchem Anspruch sie folgen.28

Heidegger erkennt hier einen Widerspruch, in dem die Menschheit dem SvG, folglich auch seinem Anspruch, mehr denn je nachkommen und gleichzeitig weniger den Anspruch auf Zustellung wahrnehmen. Das großmächtige Prinzip und dessen Anspruch „vom zuzustellenden Grund entzieht dem heutigen Menschen die Bodenständigkeit.“29

Er beschreibt den Vorgang so, dass die Menschheit durch die Priorisierung der Forschung hin zum Decken des Energiebedarfes das Bauen und Wohnen verlernt. Verallgemeinert also verliert die Menschheit den Grund, für den sie ihre Weiterentwicklung überhaupt vorantreibt.30

Der Anspruch des Prinzips sei also großmächtig, da es nicht nur die Philosophie bestimmt, sondern auch die Wissenschaft, das alltägliche Streben nach dem Grund und auch in anderen Bereichen des Lebens eine große einflussreiche Rolle spielt.

Ergänzend muss gesagt werden, dass Heidegger sich in seinen Vorlesungen auf seine Lebzeit bezieht.

Vierte Hauptsache- „Den Grund als »warum« und als »weil«“

Heidegger geht der Frage nach, warum ein Gegenstand eigentlich ist und warum dieser so ist. Wenn man nach dem Grund von etwas fragt, fragt man „warum ist jenes so“. „»Nichts ist ohne den zuzustellenden Grund« kann daher in die Form gebracht werden: Nichts ist ohne Warum“31 32 33

Heidegger zitiert ein Gedicht von Angelius Silesius:

„Die Ros ist ohn warum; sie blühet, weil sie blühet,

Sie acht nicht ihrer selbst, fragt nicht, ob man sie siehet.“32 33

Dieses Gedicht zieht Heidegger heran, um zu begründen, dass nicht alle Lebewesen einen Grund brauchen, um zu sein und auch nicht nach solch einem suchen. Dies wird allerdings hier nicht weiter erläutert. Hier steht die Rose als eine Vertreterin aller Lebewesen. Auf die Frage nach dem „Warum“ wird mit einem „, Weil“ geantwortet. „Weil sie blühet“ ist die Antwort auf die Frage, warum sie sei und warum sie blüht, obwohl sie ohne Grund zu sein mag. Ganz ohne ein Warum.34

Der Mensch ist dabei ausgeschlossen, denn er sucht stets nach einem Grund und folgt dem Satz vom zugestellten Grund. Nur der Mensch verspürt den Anspruch auf Zustellung des Grundes und kann diesen auch erfüllen.35

Der SvG sagt, wie bereits erklärt, zweierlei aus. Zum Ersten, dass alles Seiende begründet sein muss und nur dadurch „ist“. Zum Zweiten, dass diese Gründe zustellbar sein müssen, welche vom Menschen ergründet werden können.

Der SvG hat zwei Beziehungsebenen. Zum einen die „Weil-Beziehung“ und zum anderen die „Warum-Beziehung“. Die „Weil-Beziehung“ gibt ersteres an, die „Warum-Beziehung“ zweiteres, da diese nur für den Menschen gilt, der nach den Gründen fragt. Durch das „Warum“ wird nach den Gründen eines Gegenstandes gefragt und diese werden schließlich zugestellt. Währenddessen im „Weil“ nicht nach den Gründen gefragt wird. Man überlässt sich dem begründeten Gegenstand.36

[...]


1 Heidegger, M., SvGr, Frankfurt a.M. 1997, S. 3

2 Ebd.

3 Ebd. S. 6

4 Ebd. S. 80

5 Heidegger, M., SvGr, Frankfurt a.M. 1997, S. 79

6 Ebd. S. 79

7 Ebd. S. 86

8 Heidegger, M., SvGr, Frankfurt a.M. 1997, S. 3

9 Ebd.

10 Ebd. S. 5

11 Vgl. Ebd. S. 172

12 Vgl. Übers. Müller H. F., Berlin,1878 ,Die Enneaden des Plotins,1. Enneade, 8. Buch, S. 56-57

13 Vgl. Hans Albert: Kritische Vernunft und menschliche Praxis. Reclam Stuttgart 1977, S. 35

14 Heidegger, M., SvGr, Frankfurt a.M. 1997, S. 86

15 Vgl. Heidegger sieht das „Erkennen" als eine Art des Vorstellens. Heidegger, M., SvGr, Frankfurt a.M. 1997, S. 3

16 Vgl. Heidegger, M., SvGr, Frankfurt a.M. 1997, S. 35

17 Vgl. Heidegger, M., SvGr, Frankfurt a.M. 1997, S. 34 f,

18 Heidegger, M., SvGr, Frankfurt a.M. 1997, S. 36

19 Ebd. S. 6

20 Vgl. Ebd. S. 9

21 Edb. S. 10

22 Ebd.

23 Ebd. S. 36

24 Ebd. S. 86

25 Vgl. Ebd. S. 32

26 Vgl. Ebd. S. 60

27 Vgl. Ebd. S. 41

28 Vgl. Ebd. S. 46 f

29 Ebd. S. 47

30 Vgl. Ebd. S. 47

31 Ebd. S. 53

32 Ebd. S. 53

33 Angelus Silesius: Sämtliche poetische Werke in drei Bänden. Band 3, 1952, S.39

34 Vgl. Heidegger, M., SvGr, Frankfurt a.M. 1997, S. 55

35 Vgl. Ebd. S. 56

36 Vgl. Ebd. S. 58, 62

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Der "Sprung" in Heideggers Werk "Der Satz vom Grund"
Untertitel
Eine Interpretation
Hochschule
Universität der Künste Berlin  (Kunstwissenschaft)
Veranstaltung
Philosophie und Ästhetik
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
16
Katalognummer
V1012500
ISBN (eBook)
9783346405517
ISBN (Buch)
9783346405524
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heidegger, Sprung, Satz vom Grund, Grund, Satz, Kunst
Arbeit zitieren
Cosima Dlugokinski (Autor), 2020, Der "Sprung" in Heideggers Werk "Der Satz vom Grund", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1012500

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