Regionale Varietäten des Französischen im Indischen Ozean. Über die französisch basierte Kreolsprache auf Mauritius


Hausarbeit, 2017

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zwischen Afrika und Asien: Welche Inselstaaten zählen dazu?
2.1 Sprachen des Indischen Ozeans
2.2 Kreolisierung des Raumes

3. Mauritius: Französisch und das Créole Mauricien
3.1Allgemeines zur Ile de Maurice
3.2Entstehungstheorie des Créole Mauricien
3.2.1 Superstrat-Theorie
3.2.2 Substrat-Theorie
3.2.3 Language Bioprogram
3.2.4 Morisyen als radikale Kreolsprache
3.3Sprachliche Merkmale
3.4Heutige Sprachsituation

4. Fazit

5. QueNenverzeichnis

1. Einleitung

Inseln haben aus sprachwissenschaftlicher Perspektive oftmals eine Sonderstellung. Als natürlich begrenzte Räume können dort ganz andere Bedingungen vorherrschen als in den Gebieten, von denen sie umgeben sind. Einerseits kann die Insellage eine besondere Eigendynamik der dort gesprochenen Sprache(n) bewirken und somit zu interessanten Phänomenen des Sprachwandels führen. Da viele Inseln auf wichtigen Handelswegen lagen (und noch immer liegen) oder aber eine strategische Bedeutung für andere Länder hatten (und noch immer haben), gelten sie andererseits als Zonen intensiven Sprachkontaktes auf bisweilen engem Raum. Durch Einflüsse dieser anderen Sprachen können sich wiederum Entwicklungen abzeichnen, die für die Sprachwissenschaft von großer Bedeutung sind.

Im Zuge der französischen Kolonialisierung entstanden viele unterschiedliche Varietäten des Französischen. Als Folge zählt dazu auch der Prozess der Kreolisierung, der im Kontext von Inseln und deren Sprachen eine wichtige Rolle einnimmt.

Thema dieser Arbeit sind die regionalen Varietäten des Französischen in den Inselgebieten des Indischen Ozeans. Der Fokus soll hierbei hauptsächlich auf der französisch basierten Kreolsprache von Mauritius liegen. Die Vorgehensweise gliedert sich dabei in folgende Punkte: Kapitel 2 gibt einen kurzen Überblick über die Region des Indischen Ozeans und seine zugehörigen Inseln und Sprachen. Anschließend wird in die Thematik der Kreolisierung eingeführt, um im Folgenden den Schwerpunkt dieser Arbeit behandeln zu können. Das dritte Kapitel widmet sich demnach ausschließlich der Insel Mauritius. Nachdem im ersten Schritt allgemeine Fakten skizziert werden, erfolgt in einem zweiten Schritt die Erläuterung verschiedener Ansätze zur Entstehung des Créole Mauricien. Die wichtigsten sprachlichen Merkmale der französisch basierten Varietät zeigt der folgende Abschnitt. Um die Einführung in das Mauritiuskreol abzurunden, schließt das Kapitel mit der heutigen Sprachsituation auf der Insel. Das vierte und letzte Kapitel fasst in einem Fazit die Kernelemente dieser Arbeit zusammen.

2. Zwischen Afrika und Asien: Welche Inselstaaten zählen dazu?

Das Gebiet des Indischen Ozeans grenzt im Westen an Afrika, im Norden an Asien, im Osten an Australien sowie Asien und im Süden an das Südpolarmeer. Zahlreiche Inseln und Inselgruppen befinden sich hier, im Rahmen der regionalen Varietäten des Französischen sind jedoch nur die Folgenden relevant: die Inselgruppe der Komoren mit dem Département d'Outre-Mer (DOM) Mayotte, die Seychellen, die Inseln Madagaskar, Mauritius und Réunion, wovon Letztere ebenfalls zu den französischen Überseedepartements zählt.

Die Abbildung 1 wurde aus urheberrechtlichen Gründen von der Redaktion entfernt Abb.1 Relevante Inseln und Inselgruppen des Indischen Ozeans (Bildquelle: Google Maps)

Einen kurzen Überblick darüber, welche Sprachen in den jeweiligen Inselstaaten vorzufinden sind, gibt das anschließende Kapitel.

2.1 Sprachen des Indischen Ozeans

Der Raum des Indischen Ozeans hat eine bewegte Kolonialgeschichte hinter sich. Dementsprechend ist dort eine bunte Vielfalt an Sprachen vertreten. Die Union der Komoren (Union des Comores) hat als Nationalsprache das Komorische, welches auf einer Mischung aus Suaheli und Arabisch basiert. Weitere Amtssprachen sind Arabisch und Französisch. Auf den Seychellen sieht die Situationen schon etwas anders aus. Hier sind die drei Sprachen Englisch, Französisch und Kreol, das Seselwa, ansässig, die allesamt offiziell anerkannt sind. Französisch und Madagassisch (Malgache) sind die Landessprachen Madagaskars. Eine französisch basierte Kreolsprache und die Amtssprache Französisch werden auf der Insel Réunion gesprochen. Auf Mauritius findet sich ebenfalls das Kreolische, das sogenannte Morisyen, und Französisch, wobei Englisch als alleinige Amtssprache noch hinzukommt (vgl. Auswärtiges Amt, 2017).

Ein Kriterium, in dem sich die Inseln des Indischen Ozeans überschneiden, ist offensichtlich: die Verwendung des Französischen. Eine zusätzliche Gemeinsamkeit zeigt das französisch basierte Kreol (die Komoren und Madagaskar ausgenommen), das für den weiteren Verlauf von größerem Interesse sein soll.

2.2 Kreolisierung des Raumes

Nun stellt sich die Frage, was genau das überhaupt bedeutet, wenn von einer Kreolisierung oder französisch basierten Kreolsprachen gesprochen wird. Zum Begriff Kreol (frz. créole,span. criollo, port. crioulo,engl. creole) finden sich viele Definitionen:

„Langues nées dans le contexte des colonisations européennes des xvi-xviiie siècles, qui se sont développées dans le contact de langues (diverses) lors des communications quotidiennes entre maitres et esclaves“ (P. Stein, 2017, S.11, zitiert nach Hazaël- Massieux, 2011, S.154).

„Creoles are natural languages that arose in situations where people of diverse ethnocultural and linguistic backgrounds were brought together and formed distinct communities [,..]A creole is, extremely simplified, a natural language spoken as amother tongue by an entire community that arose due to situations of intense contact. Creoles are full fledged languages on par with anyother natural language in the world“ (ebd., zitiert nach Velupillay, 2015, S. 43).

„Eine Kreolsprache (kurz: >Kreol<) ist eine vollwertige Sprache, die sich in der Regel aus einer Hilfssprache (Pidgin) entwickelt hat und als Muttersprache erlernt wird“ (A. Stein, 2010, S.167).

Kreolsprachen sind also das Ergebnis eines Sprachkontaktes, der durch die auf Sklavenarbeit beruhende Plantagenwirtschaft in den tropischen Kolonien des 16.,17.und 18. Jahrhunderts entstand (vgl. P Stein, 2017, S.11). Französisch basiertes Kreol im Gebiet des Indischen Ozeans unterlag demnach dem Einfluss des Französischen.

Die in der letzten Definition erwähnten Pidgins sollen als Vorstufe des Kreols gelten. Um miteinander kommunizieren zu können, verwenden die angestammte Bevölkerung und die Kolonisten eine Hilfssprache. Da sich diese Kommunikation auf einige wenige Bereiche beschränkt, ist das Pidgin eher als zweckgebundene Sprache festzumachen und entsteht daher spontan. Als Muttersprache wird es somit nicht weitergegeben (vgl. A. Stein, 2010, S. 168).

Im Zuge der Kreolisierung, also der Entwicklung zum Kreol, wird das Pidgin dann auf allen Sprachebenen ausgebaut, um schließlich den Anforderungen einer vollwertigen Sprache gerecht zu werden. Dies ist nur dann möglich, wenn bestimmte soziolinguistische Bedingungen vorherrschen:

- Der Sprachkontakt zwischen zwei, sich im Prestige unterscheidenden, sozialen Gruppen dauert über längere Zeit an.
- Die schwächere soziale Gruppe wird von ihrer angestammten soziokulturellen Umgebung isoliert.1
- Die fehlende einheitliche Muttersprache der schwächeren Gruppe favorisiert Heterogenität.

Als ein Prozess, der sich gewöhnlich über mehrere Generationen ausdehnt, verursacht die Kreolisierung ein Konkurrenzverhältnis zwischen dem Kreol, der angestammten Sprache und der beteiligten Sprache der Kolonialherren (vgl. ebd.).

Nachdem nun einige elementare Begriffe geklärt wurden, schreitet das anschließende Kapitel zielgerichtet zum Kern dieser Arbeit voran: Mauritius und das Créole mauricien. Vor der ausführlichen Analyse der Kreolsprache sollen einleitend ganz allgemeine Fakten der Insel skizziert werden.

3. Mauritius: Französisch und das Créole Mauricien

3.1 Allgemeines zur Ile de Maurice

800 km östlich von Madagaskar liegt die ehemalige Ile de France, Maurice. Gemeinsam mit Réunion zählt sie zu der Inselgruppe der Maskarenen. Das gesamte Staatsgebiet (République de Maurice) mit 2040 km2 setzt sich aus Rodrigues, den Cargados-Carajos-Inseln und den Agalega-Inseln zusammen. Die Hauptinsel Mauritius nimmt 1865 km2 der Fläche ein, die von etwa 1,3 Millionen Menschen bewohnt wird. In der Hauptstadt Port-Louis leben rund 150.000 Personen (vgl. Auswärtiges Amt, 2017).

Neben den bereits erwähnten Sprachen Französisch und dem Morisyen finden sich auf der Insel noch viele weitere, wie beispielsweise Bhojpuri, Urdu, Tamil, Telegu, Marathi, Hakka und Kantonesisch, die allesamt chinesischer oder indischer Herkunft sind. Vor allem die Masseneinwanderung indischer Arbeiter für die Zuckerindustrie nach dem Ende der Sklaverei 1835 kann hierfür als Ursache gesehen werden. Aufgrund ihrer Sprachenvielfalt verleiht man der Insel auch gerne den Titel einer „Regenbogennation“ (vgl. Keilbach, 2017, S. 82). Seit dem 12. März 1968 feiert Mauritius die Unabhängigkeit vom Kolonialismus.

Im Folgenden werden daher die Einflüsse der französischen Kolonialmacht auf sprachlicher Ebene untersucht. Es stellt sich zunächst die Frage, welche Entstehungstheorien rund um das Créole Mauricien (fortan unter der Bezeichnung KrMau), und Kreolsprachen im Allgemeinen existieren?

3.2 Entstehungstheorie des Créole Mauricien

Die Erklärungsversuche zur Entstehung der Kreolsprachen sorgen in der Kreolistik noch immer für ausreichend Diskussionsstoff (vgl. Adone, 1994, S.4). So haben sich Theorien durchgesetzt, die besagen, dass jedes Kreol einen eigenen Ursprung hat. Dabei handelt es sich um sogenannte polygenetische Theorien (vgl. P. Stein, 2017, S. 30), die jeweils die relativen Ähnlichkeiten der Kreolsprachen auf unterschiedliche Ursachen zurückführen, „ z.B. auf zu Tage tretende Sprachuniversalien, auf ähnliche soziohistorische Kontexte, auf allgemeine Mechanismen des ungesteuerten Zweitspracherwerbs, auf die beteiligten Kontaktsprachen“ (ebd.). Die wichtigsten polygenetischen Ansätze sollen anschließend vorgestellt werden.

3.2.1 Superstrat-Theorie

Hier wird der Einfluss der afrikanischen Muttersprachen niedrig eingestuft. Die im Kolonialkontext dominierende europäische Sprache (also das Superstrat) gilt hingegen bezüglich grammatikalischer und lexikalischer Dimensionen als maßgeblicher und bedeutenderer Faktor. Chaudenson, ein bekennender Superstratist, differenziert zwischen drei Phasen der Kreolisierung, die er in Abhängigkeit des kolonialen sozioökonomischen und demographischen Kontextes trifft. Sie wurden für die historische Situation im indischen Ozean konzipiert und gliedern sich folgendermaßen auf (vgl. ebd., S. 32f., zitiert nach Chaudenson, 1977, o.S.):

Phase 1 - société d habitation: Französische Kolonialherren und afrikanische Arbeiter und Sklaven lebten in einem gemeinsamen Farmhaushalt. Aus demographischer Sicht waren die Anteile zwischen Europäern und Afrikanern in etwa ausgeglichen, die nicht-europäischen Sklaven hatten somit einen guten Zugang zur europäischen Zielsprache und bildeten Lernervarietäten der jeweiligen Zielsprache aus, das frangais approximatif.

Phase 2 - société de plantation: Im Zuge struktureller Veränderungen der Kolonialwirtschaft wandelten sich Lebens- und Arbeitsbedingungen. Die Sklaven arbeiteten fortan auf riesigen Zuckerrohr-, Kaffee- und Tabakplantagen. Ein erhöhter Bedarf an Arbeitskräften führte dazu, dass die Zahl der afrikanischsprachigen Sklaven die Anzahl der europäischen/französischen Kolonialherren deutlich überstieg. Die neuen Sklaven hörten daher die Sprache nur noch aus zweiter bzw. dritter Hand und restrukturierten, basierend auf Zweiterwerbsstrategien, das frangais approximatif zu einer neuen Sprache aus.

Phase 3: Der Zustrom der Sklaven, die das (zumeist afrikanische) Substrat sprachen, hörte auf. Die durch Restrukturierungsprozesse entstandene Kreolsprache wurde schließlich zur neuen Muttersprache.

Verschiedene Kreolisierungsprozesse lassen sich dadurch erklären, dass sich die drei Phase je nach Kolonialgebiet in der Dauer und den demographischen Bedingungen unterschieden.

[...]


1 Beim Sklavenhandel wurde teilweise systematisch die Deportation von Sklaven aus gleichen afrikanischen Sprachgebieten vermieden, um vor allem Aufständen auszuweichen.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Regionale Varietäten des Französischen im Indischen Ozean. Über die französisch basierte Kreolsprache auf Mauritius
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
19
Katalognummer
V1012501
ISBN (eBook)
9783346405418
ISBN (Buch)
9783346405425
Sprache
Deutsch
Schlagworte
regionale, varietäten, französischen, indischen, ozean, über, kreolsprache, mauritius
Arbeit zitieren
Saphira Lopes (Autor), 2017, Regionale Varietäten des Französischen im Indischen Ozean. Über die französisch basierte Kreolsprache auf Mauritius, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1012501

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