Entstehungstheorien und Faktoren des Stotterns


Hausarbeit, 2015

12 Seiten, Note: ohne


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Hauptteil

2.1 Entstehungstheorien des Stotterns

2.2 Disponierende Faktoren

2.3 Aufrechterhaltende Faktoren

3 Fazit

Literatur

1 Einleitung

Die Entstehung des Stotterns bei einem erklären sich Laien oft durch Traumata, die das Kind durchlebt habe, einen falschen Erziehungsstil durch die Eltern oder durch Schüchternheit des Kindes, welche zu Sprechangst führe. Doch was steckt wirklich hinter den symptomatischen Sprechunflüssigkeiten und welche Theorien führt die Wissenschaft an?

Diese Ausarbeitung beschäftigt sich mit dem Thema Entstehungstheorien und Faktoren des Stotterns. Im Laufe des letzten Jahrhunderts wurden vielerlei verschiedene Theorien aufgestellt, die die Entstehung des Stotterns erklären sollten. Die meisten von ihnen gelten heute als veraltet. Im Mittelpunkt der heutigen Stotterforschung stehen verschiedene Faktoren, die die symptomatischen Sprechunflüssigkeiten möglicherweise verursachen und beeinflussen.

Im ersten Teil der Ausarbeitung sollen die verschiedenen Theorien zur Entstehung des Stotterns und deren wichtigste Vertreter aufgezeigt werden. Im Anschluss werden die möglichen Faktoren des Stotterns dargestellt. Hierbei wird unterschieden zwischen Faktoren, welche disponierend wirken und solchen, die das Krankheitsbild aufrechterhalten.

Das Ziel ist es, den Verlauf der Forschung zum Stottern darzustellen und die verschiedenen Faktoren in ihrer Wichtigkeit herauszustellen.

2 Hauptteil

2.1 Entstehungstheorien des Stotterns

Zur Entstehung und Festigung des Stotterns existieren viele Theorien, die im Laufe der Zeit von verschiedensten Vertretern postuliert wurde. Sie unterscheiden sich meist sehr in ihrer Richtung und beleuchten unterschiedliche Bereiche.

Zunächst ist die Theorie der neurotischen Reaktion zu nennen, welche psychoanalytisch begründet ist und Stottern als neurotisches Symptom ansieht, welches zur Befriedigung unbewusster und unterdrückter Bedürfnisse dient (Glauber 1958. In Natke 2010: 67). Solche Bedürfnisse können laut den Vertretern dieser Theorie beispielsweise Wünsch nach oral- oder anal-erotischer Befriedigung sein oder feindselige oder aggressive Impulse wiederspiegeln. Auch die Suche nach Aufmerksamkeit, Sympathie oder Isolation seitens des Kindes wird als möglicher Auslöser für das Stottern genannt. Zu den Vertretern gehören Coriat (1927), Fenichel (1945) und Heilpern (1941) (Natke 2010: 67f). Nach der Theorie der neurotischen Reaktion kann das Stottern, welches ein zwanghaftes Verhalten darstellt, nur durch das Lösen eines inneren Konflikts erfolgen. Auch psychosoziale Ursachen werden angenommen. So wird das Stottern teilweise auch als Beziehungs- und Identitätsstörung angesehen, welche zurückzuführen ist auf die Eltern und Großeltern der stotternden Kinder. Heute sind derartige Theorien nicht mehr haltbar und psychologische Gegebenheiten werden eher als Ergebnisse, bzw. emotionale Reaktionen, denn als Ursachen des Stotterns angesehen (Natke 2010: 68).

Auch Lerntheorien wurden zur Erklärung des Stotterns herangezogen. Diese befassen sich mit antizipierten Anstrengungen. Demnach entsteht das Stottern durch die Erwartung, dass das Sprechen unterbrochen wird und durch die damit einhergehenden Anstrengungen, die unternommen werden, um nicht zu stottern. Durch diese Angst werden automatisierte Bewegungsabläufe des Sprechens in ihrer Ausführung gestört. Vertreter dieser Theorie gehen nicht davon aus, dass bestimmte Personen für das Stottern anfälliger sind als andere, sondern schreiben dieses Lernprozessen und Umwelteinflüssen zu. Die antizipierte Anstrengung stellt den Kern vieler Theorien dar, die von unterschiedlichen Wissenschaftlern postuliert wurden. Für Johnson (1955. In: Natke 2010: 69) ergibt sich das symptomatische Stottern durch den Versuch, normale Sprechunflüssigkeiten, „primäres Stottern“, wie es auch bei Flüssigsprechern vorkommt, zu vermeiden. Dies geschieht aufgrund negativer Reaktionen der Eltern auf gewöhnliche Unflüssigkeiten als auch durch Stotter-Fehldiagnosen durch die Eltern. Derartige Theorien werden auch als „diagnosogene Theorien“ bezeichnet. Sie vertreten den Leitsatz „Hände weg vom stotternden Kind“. Er schlägt sich in einer Behandlungsmethode nieder, in der nur die Eltern beraten werden sollen, um zu vermeiden, dass primäres Stottern durch Ängste und damit einhergehende Lernprozesse chronisch wird (Natke 2010: 69).

Dass das Erziehungsverhalten einen Einfluss auf die sprachliche Entwicklung von Kindern haben kann, zeigt ein Experiment von 1939, welches von Johnsons Studentin Tudor an sechs normal sprechenden Kindern aus einem Waisenhaus durchgeführt wurde. Den Kindern wurde übermittelt, sie würden Stottern und sollten besser auf ihre Sprache achten. Auch die Erzieherinnen waren an der Untersuchung beteiligt. Sie sollten die Kinder bei Unflüssigkeiten unterbrechen und sie das Gesagte rekapitulieren lassen. Innerhalb von sechs Monaten reduzierte sich das Sprechverhalten der Kinder. Sie zeigten negative Reaktionen auf Unterbrechungen ihres Redeflusses durch Hängenlassen des Kopfes, Verstecken des Mundes und ähnliche Verhaltensweisen. Bei einem der untersuchten Kinder soll sich chronisches Stottern herausgebildet haben. Die Versuchsleiterin selbst veröffentlichte diese Studie nicht. Erst 1988 kam sie durch Silverman zur Publikation (Natke 2010: 69).

Zu den Lerntheorien gehört auch die Kontinuitätshypothese nach Bloodstein (1970. In Natke 2010: 70). Er sieht frühes Stottern als normale Sprechunflüssigkeiten, die ein Kontinuum beschreiben. Im Gegensatz zu Johnson nimmt er das Bemühen des Kindes, zu sprechen als Grund für das Stottern an. Der Druck, kommunizieren zu müssen führt seinen Vermutungen nach zu der Annahme des Kindes, Sprechen sei schwer und resultiert so in Anstrengungen, diese Schwierigkeiten zu überwinden. Nach Sheehan (1953, 1970. In Natke 2010: 71) kommt es zu Stotterereignissen durch den Gegensatz zwischen dem Wunsch zu Sprechen einerseits und dem Ziel, Stottern zu vermeiden andererseits. Brutten und Showmaker (1957. In Natke 2010: 71): sehen das Stottern als Resultat klassischer Kondition, welches auf emotionalem Stress basiert und durch bestimmte Sprechreize ausgelöst wird.

Bestimmte Eigenschaften des Stotterns lassen Rückschlüsse auf gewisse Lernmechanismen beim Stottern zu: Stottern ist prägt sich individuell verschieden aus, Stotternde weisen mit der Zeit Sekundärsymptomatik auf und es treten teilweise Ängste vor bestimmten Lauten oder Worten auf. Jedoch üben Lernmechanismen erst in der späteren Entwicklung des Stotterns Einfluss aus und werden heute nicht mehr als Auslöser des Kernverhaltens gesehen. Das Stottern kann also nicht allein mit Lerntheorien erklärt werden (Starkweather 1997. In Natke 2010: 71).

Breakdown-Theorien liegen der Annahme zugrunde, dass ein Symptom entsteht, wenn das Koordinieren von Atmung, Stimmgebung und Artikulation durch Stress nicht erfolgreich ist. Als Ursache wird meist ein genetisch bedingtes neurophysiologisches Defizit angenommen. Es wird angenommen, dass das Sprechkontrollsystem betroffener Personen anfällig ist, aber normal arbeiten kann, wenn kein Stress vorliegt. Daher kommt es zu intermittierendem Auftreten des Stotterns. Der Fokus von Breakdown-Theorien kann auf sensorischen, neurophysiologischen oder auf linguistischen Defiziten liegen. Vertreter der sensorisch orientieren Theorie nehmen an, dass eine auditive Interferenz zwischen den akustischen Rückmeldungen, die luftgeleitet und knochengeleitet sind, existiert. Die fokussieren dieser Auffassung nach zu sehr die auditive Rückmeldung während des Sprechens. Mit den sensorisch betonten Breakdown-Theorien vergleichbar ist der Faktor der gestörten Timing-Prozesse, die im späteren Verlauf bei den disponierenden Faktoren noch einmal aufgegriffen werden. Neurophysiologische Breakdown-Theorien gehen davon aus, dass bei stotternden Menschen keine klare hemisphärische Dominanz für die Sprache vorliegt, was dazu führt, dass die Hemisphären konkurrieren und so der Sprechablauf gestört wird. Vertreter linguistischer Breakdown-Theorien befassen sich mit der Sprechplanung. Postma und Kolk (1993. In Natke 2010: 73f) nehmen an, dass es durch die Korrektur von Fehlern in der Sprechplanung vor dem Sprechen an sich zur Unflüssigkeiten kommt.

2.2 Disponierende Faktoren

Als disponierende Faktoren werden solche gesehen, die begünstigend auf das Stottern wirken. In der Stotterforschung gilt eine Disposition zum Stottern als erwiesen. Jedoch existiert keine eindeutige Ursache, die isoliert für die Entstehung des Stotterns verantwortlich ist (Ochsenkühn 2010:21). Einer der wichtigsten disponierenden Faktoren ist die Genetik. Die Veranlagung zum Stottern ist erblich, was dazu führt, dass es in vielen Familien gehäuft auftritt. Auch Zwillingsstudien belegen die Bedeutung der Genetik beim Stottern. So konnte festgestellt werden, dass die Wahrscheinlichkeit, ebenfalls zu stottern wenn das Zwillingsgeschwisterkind stottert, bei eineiigen Zwillingen 90 Prozent beträgt. Bei zweieiigen Zwillingen liegt diese Wahrscheinlichkeit bei 25 Prozent. Auch das Geschlecht bestimmt das Risiko des Stotterns mit: Jungen stottern häufiger als Mädchen. Wenn die Mutter stottert liegt das Risiko, später ebenfalls zu stottern bei Jungen bei etwa 36 Prozent. Sie machen somit die größte Risikogruppe aus. Allerdings zeigen Mädchen insgesamt weniger Auffälligkeiten in der Sprachentwicklung und sind weniger häufig von Sprachentwicklungsstörungen betroffen als Jungen. Das Geschlecht kann also als übergeordneter Faktor klassifiziert werden (Sandrieser & Schneider 2004: 21). Das Stottern wird nicht durch ein bestimmtes Gen weitergegeben. Allerding ist es Wissenschaftlern gelungen, Chromosomen auszumachen, welche vermutlich zum Stottern disponieren (Ochsenkühn 2010: 25).

Als ein weiterer bedingender Faktor beim Stottern wird eine suboptimal verlaufende Umstellung von auditivem auf kinästhetisches Feedback vermutet. Als Kind wird das Sprechen zunächst auditiv kontrolliert. Im Laufe der Kindesentwicklung erfolgt eine Umstellung auf ein ökonomischeres kinästhetisches Feedback. In dieser Zeit muss das Kind lernen, Reize, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten im Gehirn ankommen, zu integrieren. Wird diese Integration nicht korrekt vollzogen, so hat das Kind Schwierigkeiten, die Muskeln während des Sprechens zu koordinieren. Nutzt das Kind beide Feedback-Systeme zugleich, kommt es sporadisch zu Sprechunflüssigkeiten. Auch der Lee-Effekt, eine Verbesserung des Stotterns durch eine verzögerte akustische Rückmeldung, stellt dar, dass die auditive Rückmeldung beim Stottern eine Rolle spielt. Dieses Phänomen zeigt sich bei jüngeren Kindern stärker als bei älteren (Ochsenkühn 2010: 26f).

Gestörte Timing-Prozesse können bei der Entstehung von Sprechunflüssigkeiten beteiligt sein. Während des Sprechens müssen Atmung, Stimmgebung und Artikulation und die damit einhergehenden motorischen Prozesse aufeinander abgestimmt werden, was neuronal geschieht. Bei Stotternden Menschen zeigt sich eine abweichende Aktivierung der für die Planung der Artikulation verantwortlichen Hirnareale. Der Sprechablauf bei Stotternden weist messbare Unterschiede im Gegensatz zu Flüssigsprechern auf. Dies kann beispielsweise durch die Untersuchung der Voice-Onset-Time bestätigt werden. Insgesamt werden die Sprechvorgänge langsamer erzeugt (Ochsenkühn 2010: 28-29).

Bei Stotternden zeigen sich neuronale Unterschiede zu anderen Menschen. Bei ihnen konnte eine vermehrte rechtshemisphärische Aktivität, vor allem in den frontalen Regionen der rechten Hirnhälfte nachgewiesen werden, während die linksfrontalen Sprachregionen anders als bei Flüssigsprechern weniger aktiviert sind. Zudem existieren strukturelle Abweichungen der linksfrontalen Sprachregionen zur Norm. Es wird angenommen, dass die rechte Hemisphäre kompensatorische Aufgaben übernimmt. Zu Stottern kommt es dann, wenn die Kompensation unzureichend ist. Nach erfolgreicher Fluency-Shaping-Therapie konnte eine effektivere Kompensation durch Mehraktivierung in linkshemisphärischen Regionen ausgemacht werden (Ochsenkühn 2010: 27-28).

Zur Sprachentwicklung kann gesagt werden, dass sie von manchen stotternden Kindern teilweise unauffällig oder gar rasant vollzogen wird, während andere insgesamt Auffälligkeiten in der Sprachentwicklung aufweisen. Es gibt Kinder, welche im vierten oder fünften Lebensjahr mit dem Stottern beginnen und vorher flüssig sprechen konnten. Bei anderen Kindern geht das Stottern mit einer insgesamt verzögerten Sprachentwicklung einher und findet seinen Anfang bereits im zweiten und dritten Lebensjahr, in welchem die Kinder zunehmend Mehrwortäußerungen und auch Sätze produzieren (Ochsenkühn 2010: 29f).

An dieser Stelle soll noch auf das Anforderungs- und Kapazitätenmodell (Starkweather 1987) eingegangen werden, welches ein multifaktorielles Gefüge annimmt. Dieses Modell stellt die kindlichen Fähigkeiten den Anforderungen der Umwelt und auch des Kindes an sich selbst gegenüber. Herrscht über einen längeren Zeitraum hinweg ein Ungleichgewicht zwischen diesen Komponenten, wird das Stottern laut Starkwather begünstigt. Die kindlichen Fähigkeiten umfassen Faktoren wie emotionale Stabilität, Sprechmotorikkontrolle, kognitive Fähigkeiten und linguistische Fähigkeiten. Als Anforderungen sieht Starkweather hohe Erwartungen der Bezugspersonen an das Kind, ein hohes Anspruchsniveau des Kindes an sich selbst und ungünstige Kommunikationsbedingungen allgemein. Für das Stottern existieren nach diesem Modell zwei mögliche Ursachen. Es kann auf ein Untergewicht der Kapazitäten des Kindes zurückgeführt werden oder auf ein lang anhaltendes Übergewicht der Anforderungen. Durch diese Bedingungen des Ungleichgewichts gerät die Entwicklung des Kindes aus dem Gleichgewicht, was das Stottern begünstigt (Ochsenkühn 2010: 23-24).

[...]

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Entstehungstheorien und Faktoren des Stotterns
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
ohne
Autor
Jahr
2015
Seiten
12
Katalognummer
V1012714
ISBN (eBook)
9783346409317
ISBN (Buch)
9783346409324
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stottern, Redeflusstörungen, Logopädie, Sprachtherapie
Arbeit zitieren
Antonia Wolf (Autor:in), 2015, Entstehungstheorien und Faktoren des Stotterns, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1012714

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