Die vorliegende Arbeit untersucht die Frage, auf welche Art und Weise die Figur Alberich im Otnit funktionalisiert wird. Es wird überprüft, ob Alberichs Aufgabe tatsächlich darin besteht, das Konzept der wilde in den Otnit einzuführen, und ob die Figur eindeutig als Träger des Wildheitsprinzips ausgewiesen werden kann. Dabei sollen besonders Alberichs Verbindung zu Ortnit und seine Bedeutung für den gesamten Handlungsverlauf herausgearbeitet werden.
In einem ersten Schritt werden die wichtigsten theoretischen Grundlagen zur Analyse mittelalterlicher Figuren in groben Zügen dargestellt. Darauf folgt ein kurzer Überblick zum Begriff der wilde in der mittelalterlichen Literatur, um anschließend das Wildheitsprinzip auf die Figur Alberich anwenden zu können. Nach der Betrachtung Alberichs im Hinblick auf seine wilden Eigenschaften wird auch sein Lebensraum als Ort der wilde beleuchtet. Abschließend wird erarbeitet, inwieweit sich Alberich durch das wilde-Konzept funktionalisieren lässt. Dazu wird anhand der vorherigen Überlegungen die Eignung Alberichs als Träger des Wildheitsprinzips überprüft. Ebenso wird kontrolliert, inwieweit der Einfluss des wilden Zwergenvaters Alberich zu Ortnits Scheitern beiträgt. Am Ende der vorliegenden Arbeit soll die Frage beantwortet werden können, welche Funktion und Bedeutung der Figur Alberich im Otnit zukommen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Figurenbegriff in der Literatur des Mittelalters
3. Zum Begriff der wilde in der Literatur des Mittelalters
4. Anwendung des Wildheitsprinzips auf die Figur Alberich
4.1 Alberich als wildes und zugleich ambivalentes Wesen
4.2 Die ambivalente Wildnis als Alberichs Lebensraum
5. Funktionalisierung der Alberich-Figur
5.1 Alberich als Träger des Wildheitsprinzips
5.2 Auswirkungen auf die Otnit- Handlung
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Funktionalisierung der Figur Alberich im Heldenepos Otnit. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, ob Alberich als zentraler Träger des Konzepts der wilde fungiert und inwiefern seine dämonische Natur sowie sein ambivalentes Verhalten maßgeblich zum unrühmlichen Scheitern des Protagonisten Ortnit beitragen.
- Analyse des mittelalterlichen Figurenbegriffs und dessen Anwendung auf Alberich.
- Untersuchung des Begriffs der wilde als literarisches Motiv und Raumkonzept.
- Erörterung der Ambivalenz Alberichs zwischen zwergischem Helfer und dämonischem, unberechenbarem Wesen.
- Deutung von Alberichs Lebensraum als Heterotopie.
- Zusammenhang zwischen Alberichs Einfluss und dem Scheitern Ortnits im Rahmen der Brautwerbungshandlung.
Auszug aus dem Buch
4.1 Alberich als wildes und zugleich ambivalentes Wesen
Wie eben erläutert, wird die wilde in der höfischen Wertegesellschaft häufig als ambivalent empfunden, da sie zwar einen bedrohlichen Ort der âventiure darstellt, aber zugleich das Wunderbare verkörpert. Da diese paradiesische Umgebung der Lebensraum des dämonischen Wesens Alberich ist, wird eine erste Hybridität dieser Gestalt ersichtlich. Im Folgenden wird diese Ambivalenz Alberichs im Hinblick auf verschiedene Aspekte untersucht.
Von der äußeren Erscheinung her trägt Alberich nicht die animalischen Merkmale der typischen Wildleute, sondern ist „seinem Aussehen nach ein schönes und reichgekleidetes Kind“, das schutzlos wirkt. Doch obwohl Ortnit ihn aufgrund seiner Größe und Gestalt als kint wahrnimmt, bleibt Alberich von seiner Wesensart her ein über 500 Jahre alter Zwerg und demnach ein dämonisches Wesen. Kennzeichnend dafür sind seine übernatürlichen Fähigkeiten und Kenntnisse sowie seine „außergewöhnliche[…] Kunstfertigkeit“, die er unter Beweis stellt.
Des Weiteren werden im Otnit typische Zwergenmotive des Mittelalters umgesetzt, die Alberich zu einem charakteristischen deutschen Zwerg machen. So stehen Held und Zwerg hier aufgrund ihres Verwandtschaftsverhältnisses in freundschaftlicher Beziehung, sodass z. B. Motiv 1 nach August Lütjens: „Zwerge helfen Menschen mit Rat und Tat“ an dieser Stelle umgesetzt wird, indem Alberich Ortnit bei der Brautwerbung unterstützt. Weitere typische Zwergenmotive wie beispielsweise „Rat und vergebliche Warnung“ finden im Otnit ebenfalls ihre Anwendung. Der einzige wesentliche Unterschied, den Alberich zum üblichen deutschen Zwerg aufweist, besteht darin, dass er über keine Tarnkappe verfügt. Alberich erfüllt durch seine Eigenschaften, seinen Aufenthaltsort und sein Aussehen die Kriterien für einen gutartigen Zwerg nach Lütjens. Ebenfalls dafür spricht die Tatsache, dass Alberich scheinbar Mitleid, Trauer und Angst empfinden kann. So bleibt er nach Ortnits Abzug zum Drachenkampf betrüebet (Otnit 561,2) zurück.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die heldenepische Erzählung Otnit ein, stellt die Forschungsfrage nach der Funktionalisierung Alberichs als Träger des Wildheitsprinzips und skizziert das methodische Vorgehen der Untersuchung.
2. Der Figurenbegriff in der Literatur des Mittelalters: Dieses Kapitel erläutert, dass mittelalterliche Figuren primär als schematische Handlungsträger und Aktanten fungieren, die durch ihre Taten definiert werden und oft ergänzungsbedürftig sowie unvollständig angelegt sind.
3. Zum Begriff der wilde in der Literatur des Mittelalters: Hier wird der polyseme Begriff der wilde als Ausdruck von Ungezähmtheit, Fremdartigkeit und als topographischer „Gegenraum“ zur höfischen Ordnung definiert, wobei der Wald als zentrales, ambivalentes Motiv hervorgehoben wird.
4. Anwendung des Wildheitsprinzips auf die Figur Alberich: In diesem Hauptkapitel wird analysiert, wie Alberich zwischen seiner Rolle als helfender Zwerg und dämonisches, unberechenbares Wesen schwankt und wie sein Lebensraum als heterotopischer Ort diese Ambivalenz widerspiegelt.
5. Funktionalisierung der Alberich-Figur: Die Untersuchung zeigt auf, wie Alberich einerseits das Konzept der wilde in den Text einführt und andererseits durch seine Verführung des Helden Ortnit dessen Schicksal und Scheitern maßgeblich beeinflusst.
6. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Alberich als Träger des Wildheitsprinzips eine zentrale Funktion im Otnit einnimmt, indem er Ortnits Scheitern durch seine unvermeidbare Bindung an die Sphäre des Wilden erst ermöglicht.
Schlüsselwörter
Alberich, Otnit, Wildheitsprinzip, wilde, mittelalterliche Heldenepik, Brautwerbung, Zwerg, Ambivalenz, Heterotopie, literarische Figur, Funktion, Scheitern, Dämonie, Ortnit, Brautwerbungsdichtung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die literarische Figur des Zwergenvaters Alberich im mittelalterlichen Epos Otnit und untersucht, welche Rolle er im Handlungsverlauf einnimmt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zu den zentralen Themen gehören das Konzept der wilde, die mittelalterliche Figurenkonzeption, die Ambivalenz dämonischer Helferfiguren und das Motiv des Helden, der an seinem eigenen wilden Ursprung scheitert.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu klären, wie Alberich funktionalisiert wird und ob er als Träger des Wildheitsprinzips für das Scheitern Ortnits verantwortlich gemacht werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine mediävistische Literaturanalyse, die theoretische Grundlagen zum mittelalterlichen Figurenbegriff und zum Begriff der wilde auf die spezifische Figur Alberich anwendet.
Welche Aspekte werden im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil behandelt die detaillierte Charakterisierung Alberichs, die Deutung seines Lebensraums als Heterotopie sowie die Auswirkungen seiner magischen Einmischungen auf Ortnits Brautwerbung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind Alberich, Otnit, Wildheitsprinzip, wilde, Heldenepik, Ambivalenz und Heterotopie.
Warum wird Alberich als "ambivalente Gestalt" bezeichnet?
Er verkörpert sowohl positive Züge eines helfenden Zwerges als auch destruktive, dämonische Eigenschaften, was sich in seinem unberechenbaren und oft widersprüchlichen Verhalten niederschlägt.
Welche Rolle spielt die "Steinwand" im Hinblick auf den Lebensraum Alberichs?
Die Steinwand fungiert als heterotopischer Ort, der einerseits bedrohliche Wildnis und andererseits paradiesische Züge vereint, wodurch Alberichs Dasein als christlich-dämonisches Doppelwesen räumlich untermauert wird.
Wie trägt Alberich zum Scheitern Ortnits bei?
Alberich blockiert militärische Handlungen und sorgt durch magische Waffen, die letztlich den Tod Ortnits mitverursachen, sowie durch die Bindung Ortnits an das Wildheitsprinzip für dessen Untergang.
- Arbeit zitieren
- Lea Kolodziej (Autor:in), 2016, Alberich als Träger des Wildheitsprinzips im Otnit. Das Scheitern Ortnits an der Wilde, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1012792