Laurence J. Silbersteins "Auf dem Weg zu einem postzionistischen Diskurs". Eine kurze Analyse


Essay, 2021

6 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Die jüdische Nationalbewegung wird seit ihrer ideellen Ausprägung und politischen Formierung von der steten Auseinandersetzung über Anspruch, Realität, Inhalt und Methoden des Zionismus begleitet. Trotz der Auseinandersetzung verschiedenster zionistischer Strömungen auch im Staat Israel bestand lange Zeit, ein von der Mehrheit der Bevölkerung getragener Konsens, der die Entwicklung und Politik des Landes über lange Zeit bestimmte.

Spätestens mit der Invasion Israels in den Libanon 1982 wurde dieser Konsens aufgebrochen. Es kam vor dem Hintergrund demographischer Veränderungen, sozialer Umschichtungen und neuer politischer Gegebenheiten, zu Transformationen des gemeinsamen, ideell-politischen Fundaments. Diese Transformationen beeinflussten auch zionistische Denkmodelle und Sichtweisen. Während sich auf der einen Seite ein neues Wertesystem etablierte, dass sich zwar teilweise noch westlichen Demokratiemodellen verpflichtet sah, sich aber zunehmend an die jüdische Religion und Tradition anlehnte, formierte sich ein intellektueller Gegenpol, deren Vertreter an der Vision eines aufgeklärten westlich und weltlich orientierten israelischen Staatswesens festhielten. Die Vertreter dieser säkulären Orthodoxie lehnten die Priorisierung des Jüdischen in Politik und Gesellschaft ab und sahen den Zionismus für überholt oder zumindest erneuerungsbedürftig. Der Diskurs über zionistische Grundwerte fand Ausgang der achtziger Jahre eine zunehmende öffentliche Resonanz.5

In der ersten Hälfte der Neunzigerjahre rückte eine Gruppe jüngerer Wissenschaftler und Publizisten in den Fokus der Öffentlichkeit, die sich gegen eine ideelle Vereinnahmung wandte und neue vorstellte. So trat Gruppe der sogenannten Postzionisten an die Geschichte des Zionismus und des Staates Israel neu zu schreiben.

So wurde die 1997 publizierte Abhandlung Laurence J. Silbersteins „Auf dem Weg zu einem postzionistischen Diskurs"1,2 sowohl von Anhängern als auch von Gegnern der Postzionismus-Debatte begrüßt. In dieser Abhandlung versucht Silberstein den Begriff des Postzionismus aus dem begrenzten israelischen Kontext herauszulösen und in eine komplexe jüdische Historiographie zu transponieren.

Laurence J. Silberstein ist Professor für Jüdische Studien im Department für Religiöse Studien der Lehigh University und Direktor des Philip und Muriel-Berman-Center für Jüdische Studien in Pennsylvania.4

Zu Beginn seiner Abhandlung hebt Silberstein die Begründung einer neuen jüdischen Identität, losgelöst vom religiösen Diskurs der Diaspora, als eine der "bedeutendsten kulturellen Wirkungen des Zionismus"2 hervor. Silberstein Kritik wendet sich aber gegen den zionistischen Grundgedanken, der die jüdische Gemeinschaft als historischen Zusammenschluss betrachtet, einen unveränderlichen Zusammenschluss, der sich unabhängig von zeitlichen und regionalen Einflüssen verhält. In zionistischer Anschauung stellen Begriffe wie jüdische Kultur, jüdisches Volk, jüdische Gesellschaft oder Judentum überhaupt, konsistent miteinander verflochtene, aber differenziert erfassbare Elemente dar. Entschieden dagegen richtet sich aber Silbersteins Auffassung, der die Forderung nach einem "nicht-essentialistischen Diskurs"2 erhebt, einen Diskurs, der sich an Auseinandersetzungen und Verwerfungen in Kultur und Gesellschaft orientiert. Nur so öffne sich der Blick auf komplexe Handlungszusammenhänge und schaffe damit die Möglichkeit zur Herausbildung von Identitäten durch eigene "Narrative und Handlungen,2. Damit entstehe ein fließender Prozess der Identitätsbildung mit der Herausbildung neuer Identitäten, ein Prozess, der es erforderlich macht, sich von herkömmlichen Betrachtungsweisen zu lösen oder sich von bestimmten Diskursen zu distanzieren.

Im Weiteren stellt Silberstein einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen der politischen Verknüpfung von Identitätsbildung und Machtausübung her. Diesen Prozess der Machtausübung macht er am Beispiel der Palästinenser oder der Marginalisierung von Juden nahöstlicher Herkunft deutlich. Dies sei auch der Grund dafür, dass die Frage nach der Macht im Diskurs über die jüdische Identität, vermieden werde.

Silberstein bezeichnet den zionistischen Diskurs als essentialistisch und konstruiert und wendet sich entschieden dagegen, den Zionismus als einzig legitime Interpretation politischer, sozialer und kultureller Prozesse der modernen jüdischen Gesellschaft zu betrachten. Stattdessen fordert Silberstein, dass der Zionismus nur als einer der vielfältigen konkurrierenden Diskurse des Judentums zu betrachten sei. Dieser entscheidende Grundgedanke legitimiert aus Silbersteins Sicht den postzionistischen Diskurs an sich.

Im Weiteren perludiert Silberstein Verständnis für die Befürchtung, dass ein postzionistischer Diskurs zur "Dekonstruktion essentialistischer Vorstellungen jüdischer Kultur, Geschichte und Identität zur Ausfüllung des kollektiven Lebens der Juden"2 führen könnte. Silberstein entgegnet hier, dass eine postzionistische Dekonstruktion nicht mit einer Negation gleichzusetzen sei, sondern einen Raum für neue Fragen, neue Interpretationen und Umgestaltungen zu öffnen vermag. Damit ermögliche der Postzionismus "angemessenere Ausformulierungen jüdischer Identität und Kultur"2.

Der postzionistische Diskurs ist in der Abhandlung von Silberstein weit davon entfernt, ein erhellender Beitrag für eine konstruktive und zeitgemäße Betrachtung gesellschaftlicher und politischer Entwicklungsprozesse zu sein. Viel mehr präsentiert sich hier ein höchst verwirrendes Unterfangen voller Widersprüche, ungelöster Spannungen und Inkonsistenzen.3 Weit davon entfernt selbst einen konsistenten Beitrag für eine humanere und demokratischere Gesellschaft zu leisten, zielt der postzionistische Diskurs in der Darstellung von Silberstein darauf ab, jene Juden zum Schweigen zu bringen, die sich als Angehörige einer Nation empfinden. Der Postzionismus ist selbst weit davon entfernt, pluralistisch zu sein, indem er alternative Narrative verstummen lässt, eine Erinnerungskultur verleugnet und vom Postzionismus abweichende Diskurse delegitimiert.

Ein wesentliches Problem konnte Silberstein für mich in seinem postzionistischen Diskurs gleichfalls nicht erhellen. Wenn nämlich der Zionismus ein Diskurs ist, der Machtstrukturen und Machtinteressen sowohl als Grundlage hat als auch diese gleichzeitig erzeugt, was ist dann Postzionismus? Er erstellt doch auch einen Diskurs dar. Aber, wenn der Postzionismus nur ein weiterer Diskurs ist, wie kann er dann von sich behaupten, eine genauere Darstellung der Wahrheit zu beinhalten. Zionismus als auch Postzionismus sind Diskurse die Machtverhältnisse schaffen und Narrative beinhalten, die es ermöglichen, einige mit Macht auszustatten und andere auszuschließen.

Die Existenz des Postzionismus zusammen mit anderen Formen jüdischer Identität zeugt davon, dass kein einheitliches Narrativ von allen Mitgliedern der jüdischen Gemeinschaft geteilt wird. Es gibt also kein dominantes, zionistisches Narrativ, sondern es koexistieren verschiedene Wege, die jüdische als auch die israelische Vergangenheit zu lesen, zu interpretieren und zu konstruieren, außer vielleicht in der vorliegenden Abhandlung von Silberstein.

Epilog

Alte und neuer Betrachtungsansätze bestimmen das moderne, kollektive israelische Bewusstsein. Ideelle Infragestellungen und universalistische Konzepte, wie sie eben gerade der Postzionismus beinhaltet, konnten vorübergehend ein großes akademisches, aber auch öffentliches Interesse hervorrufen. Die gesellschaftlichen Prozesse sind jedoch insgesamt davon weitgehend unberührt geblieben. Der Postzionismus konnte den Zionismus weder in seinem Fundament erschüttern noch seine Ideen nachhaltig verändern.

Trotz gemeinsamer ideeller Fundamente und weitreichender Interessen Übereinstimmung in der Frage der nationalen Existenz, ist es aus meiner Sicht sehr wahrscheinlich, dass in der modernen israelischen Gesellschaft mehrere zionistische Modelle nebeneinander existieren und um eine Vormachtstellung in der Gesellschaft ringen werden. Keine der verschiedenen Strömungen dürfte eine Chance haben, ihrer Sicht auf Geschichte, Gegenwart und Zukunft allgemeingültig zu platzieren. Im Rahmen des zionistischen Grundkonzepts werden vielfältige Antworten gegeben werden. Ideelle Konglomerate können sich herausbilden, die aus verschiedenen Quellen gespeist werden. Konflikt und Kompromiss werden auch zukünftig wesentliche Gestaltungselemente gesellschaftlicher Prozesse bleiben.

[...]

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Laurence J. Silbersteins "Auf dem Weg zu einem postzionistischen Diskurs". Eine kurze Analyse
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Judaistik)
Veranstaltung
Seminar: Handwerkszeug der Judaistik
Note
1,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
6
Katalognummer
V1013001
ISBN (eBook)
9783346404671
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Postzionismus, Zionismus, Silberstein
Arbeit zitieren
Michael Kuckhoff (Autor), 2021, Laurence J. Silbersteins "Auf dem Weg zu einem postzionistischen Diskurs". Eine kurze Analyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1013001

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