Die vorliegende Arbeit untersucht Tiecks Rotkäppchen auf seine Alleinstellungsmerkmale, hierbei vor allem auf eine radikale Politisierung des Stoffes, nicht nur im Stück selbst, sondern im größer angelegten Erzählrahmen des "Phantasus". Die Forschung ist vorschnell zu dem Ergebnis gekommen, dass mit dem Motiv des roten Käppchens (Erkennungsmerkmal der Jakobiner) die politische Allegorese im Stück erschöpft sei. Dem wird widersprochen: Die Bedeutungspaare Wolf/Hund sowie Jäger/Tabak werden in diesem Horizont diskutiert und mit dem Motiv des Aberglaubens wird überdies eine lohnend erscheinende Perspektive für weiterführende Forschung herausgearbeitet.
Ludwig Tieck war zu Lebzeiten etwa derart populär wie er heutzutage vergessen ist. Seine Werke werden kaum noch beachtet, die Tieck-Forschung fristet ein Randdasein im wissenschaftlichen Diskurs. Und auch sein Märchendrama zum Rotkäppchenstoff kann als eher unbekannt bezeichnet werden, ebenso wie das Werk, in welchem es abgedruckt ist: Der "Phantasus". Viel bekannter ist hingegen die Grimm'sche Version des Rotkäppchens, was allerdings nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass die berühmten Brüder den Stoff selbst nicht erdacht, sondern lediglich verschriftlicht und editiert haben. Dabei unterscheidet sich Tiecks Rotkäppchen sehr deutlich von dem der Grimms und beide unterscheiden sich wiederum von der noch älteren Bearbeitung Charles Perraults.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Vom Buchmärchen zum Märchendrama
3 Politische Allegorese in der Motivik
3.1 Der Freigeist – Canis Lupus als tiefgründige Rachefigur
3.2 Blauer Dunst – der Tabak als Surrogat für die Autonomie des Individuums
4 Konklusion
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Märchendrama "Leben und Tod des kleinen Rotkäppchens" von Ludwig Tieck im Hinblick auf zeitgenössische politische Allegorien. Dabei wird insbesondere analysiert, inwiefern die Figurenkonstellation und zentrale Motivik – wie die rote Kappe des Rotkäppchens, die Wolfsfigur und der Tabakkonsum des Jägers – als Reflexionen der politischen Gemengelage um die Französische Revolution zu deuten sind.
- Analyse von Tiecks Adaption des Perraultschen Märchenstoffs
- Die Wolfsfigur als politischer Revolutionär und Freigeist
- Der Jäger und das Motiv des Tabaks als Zeichen politischer Ohnmacht
- Vergleichende Einbettung in das romantische Konzept des "Phantasus"
Auszug aus dem Buch
3.2 Blauer Dunst – der Tabak als Surrogat für die Autonomie des Individuums
Ebenso wie Tieck dem Wolf Tiefe verliehen hat, hat er auch gänzlich neue Figuren zum Stück hinzugefügt. Der wohl prominenteste Neuzugang ist der Jäger, den die Brüder Grimm durch die Übernahme in ihre KHM später als Retter von Großmutter und Enkelin untrennbar mit dem Rotkäppchen-Stoff verbinden sollen.
Tieck lässt ihn als eine unglückliche und den Status quo verachtende Figur auftreten, welche ihr hartes Los als wenig verheißungsvoll beschreibt (vgl. S. 369). Inmitten dieser erbärmlichen Existenz gibt es nur eine einzige Sache, welche das Schicksal auszuhalten hilft: Tabak. Dieser tritt als Motiv politischer Zuschreibung auf, denn im Monolog erzählt der räsonierende Jäger: „Wärst du nicht, Tobak [sic!], / Wär das Leben gar ärmlich, / Es stände um uns Lumpenpack, / Dann wahrlich gar zu erbärmlich“ (S. 369-370). Mit diesem Ausspruch ordnet der Jäger sich selbst am unteren Ende des gesellschaftlichen Hierarchiegefüges ein – dort wo eher die Not als der Genuss regiert. Allegorisch betrachtet, könnte dies den Jäger beispielsweise in die Nähe der Sansculottes rücken.
Das Lexikon des Märchens klassifiziert Tabak folgendermaßen: Er „[...] bekämpft Müdigkeit, Hunger und Durst und gehörte daher zur festen Ration der Truppen. Solchen Funktionen entsprechend ist er im Märchen wie der Alkohol Freund und Begleiter des Soldaten.“ In diesem Sinne substituiert er essentielle menschliche Lebensnotwendigkeiten und fungiert als Symbol für Armut und eine karge Versorgungslage, womit der Tabak als Politikum etikettiert wird. Auch der Verweis auf Truppen ist hilfreich: Zwar ist der Jäger bei Tieck keiner militärischen Einheit zuzuordnen, allerdings wird er doch implizit als Fürstenknecht betitelt, indem der Hund von seiner Angst vor dem Jäger berichtet, weil dieser seine Wilderei nicht toleriert (vgl. S. 373) – was auf einen Jäger in Adelsdiensten verweist.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung umreißt die wissenschaftliche Relevanz von Tiecks Rotkäppchen-Drama und setzt sich zum Ziel, die von Hans-Wolf Jäger begonnene Suche nach einer politischen Allegorese zu intensivieren.
2 Vom Buchmärchen zum Märchendrama: Dieses Kapitel beleuchtet die literarischen Wurzeln von Tiecks Werk, insbesondere den Übergang von Perraults Fassung hin zur politischen Adaption in einer von der Französischen Revolution geprägten Zeit.
3 Politische Allegorese in der Motivik: Hier werden zentrale Motive wie der Wolf und der Tabakkonsum des Jägers als Allegorien für gesellschaftliche und politische Zustände der Zeit gedeutet.
3.1 Der Freigeist – Canis Lupus als tiefgründige Rachefigur: Die Analyse zeigt auf, wie der Wolf als progressiver Idealist gezeichnet wird, der im Scheitern seines Freiheitsstrebens das Schicksal politischer Umbrüche spiegelt.
3.2 Blauer Dunst – der Tabak als Surrogat für die Autonomie des Individuums: Der Tabakkonsum des Jägers wird als Symbol für politische Ohnmacht und eine "selbstverschuldete Unmündigkeit" analysiert, die den Jäger vom aktiven Akteur zum Diener der Restauration macht.
4 Konklusion: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und betont, dass die politische Deutung des Stücks einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung von Tiecks Werk leistet und weitere Forschungsansätze, etwa zum Motiv des Aberglaubens, eröffnet.
Schlüsselwörter
Ludwig Tieck, Rotkäppchen, Märchendrama, Französische Revolution, Politische Allegorese, Jakobiner, Tabak, Canis Lupus, Hans-Wolf Jäger, Romantik, Phantasus, Gesellschaftskritik, Literaturwissenschaft, Allegorie, Autonomie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Ludwig Tiecks "Leben und Tod des kleinen Rotkäppchens" auf verborgene politische Anspielungen und allegorische Gehalte, die in der Forschung bisher wenig beachtet wurden.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die politische Gemengelage zur Zeit der Französischen Revolution, die literarische Adaption eines traditionellen Märchenstoffs durch Tieck und die symbolische Deutung spezifischer Figuren und Motive.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die politischen Allegorien innerhalb des Dramas tiefergehend zu erschließen und zu belegen, dass die Figuren (besonders Wolf und Jäger) als Repräsentanten zeitgenössischer politischer Strömungen gelesen werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparatistische Analyse, die Tiecks Text sowohl mit der Perraultschen Vorlage als auch mit dem Kontext des "Phantasus" und anderen zeitgenössischen Texten (z.B. Büchners "Dantons Tod") vergleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Wolfsfigur als "Freigeist" und die Untersuchung des Tabakmotivs als Ausdruck einer politischen Ohnmacht, eingebettet in den Rahmen des "Phantasus".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Politische Allegorese, Französische Revolution, Tieck, Rotkäppchen, Jakobiner und individuelle Autonomie geprägt.
Warum wird der Wolf im Stück als "Rachefigur" interpretiert?
Der Wolf wird durch seinen Dialog mit dem Hund als Idealist dargestellt, der durch die Entfremdung von der Gesellschaft und die Verweigerung seiner Autonomie zum "Menschenfeind" und damit zur tragischen politischen Figur wird.
Inwiefern hat der Tabakkonsum des Jägers eine politische Dimension?
Der Konsum wird im "Phantasus"-Kontext als politisch passiv und unmündig gedeutet; der Jäger wählt den Tabak als ein "Surrogat" für echte individuelle Freiheit, was ihn in der Analyse als unfreiwilligen Bewahrer der alten Ordnung charakterisiert.
- Arbeit zitieren
- Martin Reese (Autor:in), 2019, Politische Anspielungen und Konnotationen in Ludwig Tiecks "Phantasus", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1014080