Methodik der Nominationsanalyse

Ein Leitfaden zur Durchführung einer selbigen samt kritischer Betrachtung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zum Nominationsbegriff

3 Ein methodischer Leitfaden zum Erstellen einer Nominationsanalyse
3.1 Nominationssektoren festlegen und füllen
3.1.1 Nominationssektor A: Eigengruppe
3.1.2 Exkurs: Pronominale Gruppennomination
3.1.3 Nominationssektor B: Fremdgruppe
3.1.4 Nominationssektor C: Neutralgruppe
3.1.5 Teilsektoren der Nominationssektoren A – C
3.1.6 Nominationssektor D: Ereignisse und Sachverhalte
3.1.7 Zur Einheitlichkeit der Methode
3.2 Semantische Beschreibung der sprachlichen Ausdrücke
3.3 Kontexteinbettung
3.4 Möglichkeiten und Grenzen der Methode

4 Konklusion

5 Anhang

6 Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Nominationssektor Eigengruppe (Girnth 1993, S. 119).

Abbildung 2: Teilsektoren als Ordnungselement (Girnth 1993, S. 109).

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Nominationssektorenübersicht (vgl. Girnth 1993, S. 110 ff.).

Tabelle 2: Teilsektoren der Sektoren A - C (vgl. Girnth 1993, S. 109 & 113 f.).

Tabelle 3: Entsprechungen 1993 und 2015 (vgl. Girnth 2015, S. 70 f.).

1 Einleitung

Mit Wörtern wird in Kommunikationssituationen auf außersprachliche Entitäten referiert. Jedoch gibt es auch Begriffe, welche über den bloßen Referenzakt hinaus eine Information transportieren und damit im Grunde selbst schon wertend konnotieren. Es ist etwas anderes, wenn von einer Kneipe, einer Kaschemme oder gar einer Spelunke gesprochen wird – obwohl das Referenzobjekt in der Kommunikationssituation identisch ist. „Diese stellungsbeziehende, wertende Form der Referenz“ (Girnth 2015, S. 67) wird in der Sprachwissenschaft als Nomination bezeichnet.

Wenngleich jeder Sprecher1 in Kommunikationssituationen nominiert, kommt „die Leistungsfähigkeit des Nominationskonzeptes […] insbesondere bei der Analyse öffentlich-politischer Kommunikation zum Tragen“ (Girnth 2015, S. 67), da Politiker durch intentional-selektives Nominieren unter anderem die Einstellungsmodifizierung der Persuasion anstreben. In seiner Doktorarbeit hat Prof. Dr. Girnth das Nominationskonzept auf ebenjenen gesellschaftlichen Bereich angewendet. Innerhalb seiner kontrastiven Studie zur Textgattung Gedenkrede hat er auch seine methodische Vorgehensweise im Hinblick auf eine Nominationsanalyse erläutert (Girnth 1993, S. 105 ff.). Im ersten Teil dieser Arbeit soll daher noch einmal einleitend der Nominationsbegriff (1) erläutert werden, um im Folgeschritt an Girnth anzuknüpfen, indem der Versuch unternommen wird, aus seinen Ausführungen einen handlichen Leitfaden zur Durchführung einer Nominationsanalyse (2) zu erarbeiten. Dieser wird den Hauptteil dieser Arbeit ausmachen und die von Girnth erarbeitete Vorgehensweise kritisch beleuchten. Exemplarisch sollen so auch die Möglichkeiten und Grenzen des methodologischen Konzeptes erschlossen werden. Eine Konklusion (3) beschließt die Diskussion.

2 Zum Nominationsbegriff

Die Verwendung des Begriffes der Nomination2 erfordert zunächst die Abgrenzung von dem ebenfalls in der Sprachwissenschaft verwendeten Begriff der Referenz. An dieser Stelle ist festzuhalten, dass sprachliche Ausdrücke nicht von sich aus referieren. Bei der Referenz handelt es sich also nicht um eine semantische Eigenschaft des sprachlichen Ausdrucks, sondern um eine Eigenschaft der sprachlichen Handlung des Emittenten. Referenz ist damit – ebenso wie Nomination – eine Frage der Pragmatik (vgl. Girnth 1993, S. 75 f.).

Der Mainzer Sprachwissenschaftler Günter Bellmann schlägt die folgende Definition vor: „Referenz ist […] die mit lexikalischen (und/oder gestischen) Mitteln ausgedrückte Bezugnahme auf ein Objekt, von dem die Rede sein soll“ (Bellmann 1996, S. 11). Ein Referenzakt ist als geglückt anzusehen, wenn der Rezipient versteht, von welchem Objekt die Rede ist (vgl. Bellmann 1996, S. 11). Einer der akademischen Schüler Bellmanns beschreibt die Nomination demgegenüber wie folgt:

Die Nomination [weist; MFR] über die Sicherung der kommunikativen Bestimmtheit von Gegenständen hinaus, indem sie die Einstellung des Sprechers zu dem jeweils bestimmten Gegenstand mit einbezieht. (Girnth 1993, S. 76)

Dies lässt sich in Bellmanns prägnanter Definition „Nomination ist Referenz plus – vor allem – Wertungspragmatik“ (Bellmann 1996, S. 11) zusammenfassen. Geglückt ist ein Nominationsakt dann, wenn der Rezipient sowohl verstanden hat, wovon die Rede ist – also der Referenzakt geglückt ist – als auch die Einstellung des Emittenten gegenüber dem Referenzobjekt aus dem Redebeitrag für den Rezipienten deutlich geworden ist (vgl. Bellmann 1996, S. 11). Folglich ist der Nominationsakt „eine sprachliche Handlung, genauer eine lexikalische Teilhandlung, die Referenz und Wertung miteinander verknüpft“ (Girnth 2015, S. 67).

Aus Gründen einer trennscharfen Terminologie ist neben der Referenz auch der Begriff der Benennung3 von der Nomination abzugrenzen: Eine synonyme Verwendung der beiden Begriffe, wie sie in der sprachwissenschaftlichen Literatur mitunter vorkommt (vgl. Girnth 1993, S. 77), ist daher zu vermeiden. Girnth konstatiert, dass Benennung respektive der von ihm präferierte Begriff der Erstbenennung vielmehr die Grundlage für jegliche Referenz- und Nominationsakte bildet, da jeder Begriff eines sprachlichen Lexikons eine Erstbenennung zu durchlaufen hat (vgl. Girnth 1993, S. 78 f.). Außerdem ist festzuhalten, dass „das Lexikon einer Sprache4 […] das Inventar von Ausdrücken bereit [stellt; MFR], unter denen […] [der Sprecher; MFR] eine intentional-selektive […] Auswahl trifft“ (Girnth 2015, S. 66).

Daran schließt sich die Frage an, welche sprachlichen Ausdrücke überhaupt nominationsfähig sind: Mit welchen lexikologischen Ausdrücken kann in der Nominationstheorie ein wertender Bezug auf außersprachliche Entitäten hergestellt werden? Girnth widmet dieser Frage ein ganzes Unterkapitel (vgl. Girnth 1993, S. 79-83). Da diese Arbeit einen Leitfaden zur Durchführung einer Nominationsanalyse zum Ziel hat und nicht die Repetition der grundlegenden Nominationstheorie, erscheint es an dieser Stelle angemessen und ausreichend, wenn festgehalten wird, dass alle Substantive respektive Nominalgruppen nominationsfähig sind. Auch pronominale5 Nomination ist möglich. Die syntaktische Verwendung der Nominalgruppe – also ob es sich bei ihr um einen Prädikatsausdruck handelt oder ob sie außerhalb des Prädikatsausdruckes steht – spielt prinzipiell keine Rolle (vgl. Girnth 1993, S. 80). Zu diesem Zweck unterscheidet Girnth zwischen den Termini der referentiellen und prädikativen Nomination und führt dazu das Beispiel Die Nationalsozialisten waren Verbrecher an, wobei das nominationsfähige Substantiv Verbrecher im Prädikatsausdruck steht (vgl. Girnth 1993, S. 80).

Mit dem Nominationskonzept liegt eine onomasiologische Betrachtungsweise vor, denn

im Zentrum der Untersuchung stehen die von dem jeweiligen Redner unter intentional-selektiven Gesichtspunkten ausgewählten sprachlichen Ausdrücke, mit denen dieser in seiner Rede nominiert. (Girnth 1993, S. 105)

Dabei wird von außersprachlichen Gegenständen – abstrakt und/oder konkret – ausgegangen, welche durch verschiedene Redner unterschiedliche Nomination erfahren – das Referenzobjekt bleibt gleich (vgl. Girnth 1993, S. 105).

Das auf dieser Basis erarbeitete Nominationskonzept kann ein scharfes Schwert als sprachwissenschaftliches Analyseinstrument sein. Im Folgenden soll der Versuch unternommen werden, einen Leitfaden für ein solches zu erstellen.

3 Ein methodischer Leitfaden zum Erstellen einer Nominationsanalyse

Als Textanalyseinstrument hat sich das Nominationskonzept besonders in einer kontrastiven Vorgehensweise bewährt, da durch den Vergleich verschiedener Reden respektive Redner „das unterschiedliche Nominationsverhalten […] deutlich sichtbar wird“ (Girnth 1993, S. 105). Eine Nominationsanalyse sollte daher vergleichend erfolgen und mindestens zwei Texte als Analyseobjekte gegenüberstellen.6 Girnth schlägt folgende Vorgehensweise, bestehend aus einem Dreischritt, vor:

1.) Die zu untersuchende Rede soll in verschiedene Wirklichkeitsausschnitte aufgespalten werden, welche er Nominationssektoren nennt. Diese repräsentieren in der Rede adäquate Ausschnitte der Welt7 und sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie nominiert werden können und müssen, damit der Redner seine Einstellung zum Ausdruck bringen kann. Dabei bilden alle getroffenen Nominationen eines Redners eine zählbare Menge von Ausdrücken. Diese nennt Girnth Nominationsspektrum respektive Nominationsspektren im Plural (vgl. Girnth 1993, S. 105 f.). Die aufgestellten Nominationssektoren ordnen die Rede und können weiterhin logisch, durch sogenannte Teilsektoren 8, untergliedert werden.
2.) Da die Nominationsspektren der Nominationssektoren zu diesem Zeitpunkt der Analyse alle Ausdrücke noch ohne Strukturierung auflisten, gilt der zweite Schritt der semantischen Beschreibung der realisierten Nominationen. Dabei sollen sowohl die Wortsemantik des jeweiligen Begriffes, als auch die semantischen Relationen der Nominationen untereinander berücksichtigt werden (vgl. Girnth 1993, S. 106).
3.) Sprachliche Ausdrücke in Reden erfolgen syntagmatisch und situationsgebunden, daher ist der sprachliche Kontext im dritten und letzten Schritt der Nominationsanalyse zu untersuchen. Hierbei gilt sowohl der textimmanente Kontext9, als auch jener, in welchem die Sprecherhandlung10 stattfindet (vgl. Girnth 1993, S. 106 f.).

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass im ersten Schritt einer Nominationsanalyse Nominationssektoren (samt Teilsektoren) aufzustellen und diese mit Nominationsspektren zu füllen sind. Daran anschließend werden die gefundenen Nominationen, zum Zweck der Vergleichbarkeit, semantisch beschrieben. Im dritten und letzten Schritt der Analyse wird der Kontext – hierbei besonders der sprachliche Kontext – untersucht. Mit diesem Dreischritt kann eine Nominationsanalyse durchgeführt werden. Zum tieferen Verständnis der Methodenanwendung ist es allerdings erforderlich, dass eine detailliertere Betrachtung der einzelnen Teilschritte vorgenommen wird.

3.1 Nominationssektoren festlegen und füllen

Wie schon angeklungen ist, bilden Nominationssektoren11 ausgewählte Wirklichkeitsausschnitte, welche für den Kommunikationsbereich der Rede spezifisch sind. Sie bilden also Klassen von Referenzobjekten (vgl. Girnth 2015, S. 69) und

sie besitzen vor allem deshalb politische Relevanz, weil vom politischen Akteur erwartet wird, dass er auf diese Wirklichkeitsausschnitte sprachlich Bezug nimmt. (Girnth 2015, S. 70)

Die Einteilung dieser Sektoren ist dem Analytiker im Grunde freigestellt, für die politische Kommunikation scheint Girnth allerdings eine logische Klassifikation gefunden zu haben. Diese geht „von der Frage nach der kommunikativen Funktion der Nominationssektoren aus“ (Girnth 1993, S. 107). Hier exponiert sich u. a. auch die fundamentale politische Dichotomie von Eigen- und Fremdgruppe (vgl. Girnth 2015, S. 70). Seine Einteilung sieht folgendermaßen aus:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Nominationssektorenübersicht (vgl. Girnth 1993, S. 110 ff.).

Er unterscheidet an dieser Stelle also zwischen den vier Nominationssektoren A – D, wobei er A – C als Zentrum der Untersuchung beschreibt, da sie dazu dienen, die nominierten Gruppen zu charakterisieren und zu beschreiben (vgl. Girnth 1993, S. 110). Im Folgenden sollen die Nominationssektoren näher beleuchtet werden.

3.1.1 Nominationssektor A: Eigengruppe

Die Eigengruppe setzt sich im politischen Feld in der Regel aus Mitgliedern einer Partei zusammen. Sie „besitzen gleiche Deutungs- und Interpretationsmuster, die ein gruppenspezifisches Bewußtsein konstituieren“ (Girnth 1993, S. 111). Dabei agiert der Redner als das Sprachrohr seiner Eigengruppe12 13 und „repräsentiert sie nach außen“ (Girnth 1993, S. 110). Zusammenfassend lässt sich sagen:

Alles, was im Zusammenhang mit der Eigengruppe steht, d. h. was die sie konstituierenden Einstellungsstrukturen bestätigt, kann als positiv gelten […]. (Volmert 1979, S. 28)

Wenn ein Sprecher der AfD beispielsweise von seiner Partei als „die Rechtsstaatspartei“ (Brandner 2018, S. 168) spricht, dann attestiert er selbiger diese Zuschreibung als exklusives Faktum.

3.1.2 Exkurs: Pronominale Gruppennomination

Bei der Frage nach der Nominationsfähigkeit von Wörtern wurde bereits darauf hingewiesen, dass auch Pronomen den Kern einer nominationsfähigen Nominalgruppe bilden können. Girnth weist im Hinblick darauf explizit auf die sogenannte Wir-Gruppe14 hin (vgl. Girnth 1993, S. 134 ff.). Eine Wir-Nomination führt den Redner und die Angesprochenen zusammen, sodass eine kollektive Einstellung ausgedrückt werden kann (vgl. Girnth 1993, S. 135). Die Funktion eines Wir ist dabei nicht zu unterschätzen, impliziert es doch eine wesentlich größere Zustimmungsbasis als das selbstreferentielle Personalpronomen ich. Wir lässt außerdem die Größenordnung zur Bezugsgruppe offen, da die mit ihm „verbundene Extensionalisierung oft nicht eindeutig ist und vom Redner auch bewußt offen gelassen werden kann“ (Girnth 1993, S. 135), daher ist die Frage, wen das Wir inkludiert, nicht immer eindeutig, sondern mitunter interpretatorischer Natur.15

Da Girnth explizit eine Wir-Gruppe anführt und auch auf die Nominationsfähigkeit von Pronomen verweist, wirkt es umso erstaunlicher, dass dies nur für die Eigengruppe von ihm vorgenommen wurde. Mit keinem Wort wird ein Äquivalent in Form einer Sie-Gruppe als pronominale Verwirklichung der Sektoren B – D erwähnt. Eine Erklärung dafür kann in der spezifischen Textgattung Gedenkrede gefunden werden, in welcher die Zuhörerschaft andächtig vereint werden soll. Gedenkreden bilden allerdings nur einen Bruchteil der politischen Kommunikation und für die Nominationsanalyse eines dissoziativeren politischen Textes sollten neben der pronominalen Eigengruppennomination auch die jeweiligen Äquivalente untersucht werden, da die Quantifizierung der Nominationsausdrücke in Girnths kontrastiver Herangehensweise eine eminente Stellung einnimmt und maßgeblichen Anteil an der Ergebnisfindung16 hat. Eine abgrenzende Sie-Gruppennomination liefert beispielsweise der AfD-Bundestagsabgeordnete Stephan Brandner, wenn er von der „Bundeskanzlerin, die mit ihrem Innenminister zankt“ (Brandner 2018, S. 168, Hervorhebung durch Verfasser) spricht. Brandner impliziert damit, dass Horst Seehofer nicht sein Innenminister ist, sondern dass dieser in Gänze Frau Merkel zuzuschreiben ist.

[...]


1 Aus Gründen des besseren Textverständnisses und der Begünstigung des Leseflusses des Rezipienten wird im Folgenden auf eine genderpolitische Nennung beider Geschlechter, mit Verweis auf das generische Maskulinum, verzichtet (vgl. hierzu auch Granzow-Emden 2013, S. 2). Jegliche, in dieser Arbeit Verwendung findende Form des generischen Maskulinums schließt ausdrücklich beide Geschlechter mit ein. Die Distinktion von grammatikalischem und natürlichem Geschlecht sei an dieser Stelle betont (vgl. Eisenberg 2017). In Bezug auf das in dieser Arbeit behandelte Thema sei angemerkt, dass „die feministischen Sprachgebote“ (Bellmann 1996, S. 12) selbst ein allgegenwärtiges und interessantes Beispiel für Nominationsverhalten sind.

2 Eine prägnant zusammenfassende Auflistung der wissenschaftshistorischen Begriffsbildung zur Nomination findet sich zum Beispiel bei Herrgen (2000, S. 136).

3 Die Unschärfe des Benennungsbegriffes wird bei Bellmann (1996, S. 13 f.) diskutiert (vgl. hierzu ebenfalls Girnth 1993, S. 77 ff.).

4 Es ist anzumerken, dass sich die lexikalischen Selektionsentscheidungen eines Sprechers nicht auf eine Sprache beschränken. Vielmehr setzt sich das sprecherspezifische lexikalische Wissen, auf deren Grundlage sich Nominationsverhalten erst konstituiert, aus den Lexika verschiedener Sprachen zusammen (vgl. Herrgen 2000, S. 134 f. & S. 143 f.).

5 Beispielhaft genannt sei an dieser Stelle das Pronomen wir. Im politischen Sprachgebrauch kann fast schon von inflationärer Verwendung gesprochen werden (vgl. Girnth 1993, S. 134 f.). Zum pronominalen Gebrauch von Nomination siehe 3.1.2 in dieser Arbeit.

6 So stellt Girnth der Gedenkrede Philipp Jenningers zum 50. Jahrestag der Novemberpogrome von 1938 drei weitere Gedenkreden der Politiker Helmut Kohl (1988 zum selben Thema), Helmut Schmidt (1978 zum selben Thema) und Richard von Weizsäcker (1985 zum 40. Jahrestag des Endes von Krieg und Naziherrschaft) gegenüber (vgl. Girnth 1993, S. 2). Es sei angemerkt, dass politische Texte aufgrund ihrer persuasiven Funktion nicht selten eine hohe Dichte von Nominationsausdrücken aufweisen und dass dies bei der Textauswahl und dem Umfang der zu schreibenden Arbeit unbedingt Berücksichtigung erfahren muss.

7 Beispielsweise stellt Girnth die Nominationssektoren Eigengruppe und Fremdgruppe auf. Diese stehen sich in der politischen Kommunikation gegenüber: Während erstere vom Redner durch seine Nominationen positiv konnotiert wird, ist den Nominationen von letzterer in der Regel eine Abgrenzungsfunktion inhärent. Siehe die Abschnitte 3.1.1 - 3.1.6 in dieser Arbeit.

8 Beispielsweise werden die vom Sprecher nominierten Handlungen einer Gruppe von den Einstellungen selbiger abgegrenzt. Eine explizitere Erklärung findet sich unter 3.1.5 in dieser Arbeit.

9 So spricht Jenninger in seiner missglückten Gedenkrede beispielsweise in einem Abschnitt davon, dass Hitlers Erfolge verhängnisvoller für die europäischen Juden waren als seine Untaten, um daran anschließend vom beispiellosen Faszinosum des politischen Triumphzuges Hitlers zu berichten. Auch die querulantischen Nörgler, womit er politisch Verfolgte nominiert, sind ein populäres Beispiel für fragwürdige Kontextualisierung (vgl. Jenninger 1988, S. 6).

10 An eine Gedenkrede werden vom Rezipienten andere Erwartungen gestellt als beispielsweise an eine Diskurs-Rede zu einem strittigen Thema (vgl. hierzu Girnth 1993, S. 99 ff.).

11 Zur Veranschaulichung eines Nominationssektors siehe Abbildung 1 im Abschnitt 5 in dieser Arbeit.

12 Diese entstammen der von Girnth untersuchten Jenninger-Rede.

13 Wen die Eigengruppe alles einschließt, kann allerdings stark vom Redeanlass abhängen und folglich variieren. Bei der Textsorte Gedenkrede verschmilzt der Redner mit der gesamten Zuhörerschaft. Die Eigengruppe kann hier also als Großgruppe beschrieben werden. Demgegenüber können natürlich auch Klein- und Kleinstgruppen als Eigengruppe gelten (vgl. Girnth 1993, S. 110 f.).

14 Nominiert wird dann mit dem Nominativ Plural wir und dessen „syntaktischen Entsprechungen unser und uns “ (Girnth 1993, S. 134).

15 Beispielhaft sein Angela Merkels Wir schaffen das und das Obama’sche Pendant yes we can genannt. Interpretationen sind hierbei von Großgruppen bis hin zur Auslegung als Pluralis Majestatis möglich.

16 Es ist anzumerken, dass Girnths Ergebnis unter Berücksichtigung einer Sie-Gruppe nicht widerlegt, sondern eher bekräftigt werden würde: Er argumentiert beispielsweise mit einer zu erwartenden Häufigkeitsnorm für das Nominieren der Eigengruppe und dass Jenninger diese sprachlich, im Vergleich zu den geglückten Reden von Kohl, Schmidt und Weizsäcker, signifikant unterrepräsentiert lässt (vgl. Girnth 1993, S. 121). Äquivalent dazu nominiert Jenninger im Vergleich viel häufiger Fremd- (vgl. Girnth 1993, S. 143) und Neutralgruppe (vgl. Girnth 1993, S. 150). Unter Berücksichtigung einer Sie-Gruppe wäre dieses Verhältnis vermutlich noch extremer.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Methodik der Nominationsanalyse
Untertitel
Ein Leitfaden zur Durchführung einer selbigen samt kritischer Betrachtung
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Germanistische Sprachwissenschaft (Dt. Sprachatlas))
Veranstaltung
Politolinguistik
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
22
Katalognummer
V1014092
ISBN (eBook)
9783346406453
ISBN (Buch)
9783346406460
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Girnth, Nomination, Referenz, Wertung, Wertungspragmatik, Wir-Gruppe, Sie-Gruppe, Pronomenstruktur, Redenanalyse, Methode, Nominationssektoren, Jenninger-Rede
Arbeit zitieren
Martin Reese (Autor:in), 2018, Methodik der Nominationsanalyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1014092

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