Bildungskommunikation und Wissenstransfer in der Spätantike. Laien und Fachleute, Medizin und Ärzteausbildung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

17 Seiten, Note: 1,7

Robert Samuel Langner (Autor)


Leseprobe

Inhalt sverzeichnis

1 Einleitung

2 Die antike Entstehungsgeschichte der Viersäftelehre
2.1 Hippokrates von Kos
2.2 Galenos von Pergamon

3 Überlieferung spätantiken medizinischen Wissens in das lateinische Frühmittelalter und ihre Rezeption am Beispiel der Humoralpathologie
3.1 Isidor von Sevilla
3.2 Beda Venerabilis

4 Der Begriff des Arztberufs im christlichen Kontext und seine heidnischen Bezüge

Schlussbemerkungen und Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

1 Einleitung

Im Folgenden dieser Hauptseminararbeit wird zu Beginn auf die antike Entstehungsgeschichte der Humoralpathologie beziehungsweise -charakterologie, auch Temperamentenlehre genannt, eingegangen, um einen beispielhaften fachlichen Einblick in die wohl populärste antike Medizintheorie und damit in die Gedankenwelt des antiken Mediziners zu geben. Bei der Humoralpathologie oder Viersäftelehre handelte es sich um eine, auf Ganzheitlichkeit ausgelegte, nicht ausschließlich medizinische Theorie, die von der Gesundheit eines Menschen ausgeht, wenn die vier Körpersäfte, die humores, Blut, Gelbe Galle sowie Schwarze Galle und Schleim miteinander im Gleichgewicht stehen beziehungsweise harmonieren, was als Eukrasie bezeichnet wird. Tun sie dies nicht, erkrankt der Mensch und es herrscht die sogenannte Dyskrasie. In chronologischer Vorgehensweise folgt eine Übersicht der Entwicklungsphasen und -schritte, welche die Humoralpathologie durchlief und wie sich der binnenepochale sowie epochenübergreifende Wissenstransfer von der Antike ins Westeuropäische Mittelalter gestaltete, um sich der Frage zu nähern, welche ideengeschichtlichen, erkenntnistheoretischen, medizinischen, moralischen oder gesellschaftlichen Folgen diese langfristig nach sich zogen.

Nach der Betrachtung der exemplarisch ausgewählten „fachspezifischen“ Überlegungen des Hippokrates von Kos, Galenos von Pergamon, Isidor von Sevilla und Beda Venerabilis folgt ein Exkurs in den Versuch einer Analyse des spätantiken Arztbegriffs und der Zugang zu ebendiesem aus der Perspektive christlicher und heidnischer Theologie und ihres Bildungswerks. Obwohl der Rahmen der vorliegenden Arbeit eine umfassende Erschöpfung des Themas und eine detailliertere und differenziertere Behandlung nicht zulässt, seien hierbei folgende Fragen an den Mediziner der Antike gestellt: Wie gestaltete sich seine Bildungsbiografie? Kann man sich dabei beispielhaft auf fixe Vergleichsgrößen stützen oder divergierten die Berufswege?

Wer konnte als eine Art Arzt im modernen Sinne bezeichnet werden und wie ausdifferenziert war dieser Berufszweig? Welche quellenkritischen Problematiken eröffnen sich dabei für den historischen Forscher? Welche theologischen Überlegungen lagen dem Arztsein und in erster Linie seinem Selbstverständnis zugrunde?

2 Die antike Entstehungsgeschichte der Viersäftelehre

Ihren Ursprung und die Grundlagen findet die Humoralpathologie und vor allem die Lehre des Elemterarismus in der antiken vorsokratischen Naturphilosophie des Pythagoreismus und wurde von Gelehrten und Philosophen wie Aretaios von Kappadokien, Caelius Aurelianus, Nemesios von Emesa und Alexander von Tralleis oder Plinius dem Älteren entwickelt und ergänzt. Jedoch kann im Rahmen dieser Arbeit nicht auf jeden einzelnen und seinen Beitrag eingegangen werden, weshalb sich die Betrachtungen in diesem Abschnitt auf die beiden prominentesten antiken Protagonisten der Viersäftelehre, Hippokrates von Kos und Claudius Galenos von Pergamon, beschränken werden.

2.1 Hippokrates von Kos

Hippokrates von Kos (ca. 459-377 v. Chr.) wurde als Sohn des Heraklides und Enkel seines, ebenfalls Hippokrates genannten, Großvaters und, wie der Name bereits erahnen lässt, auf der griechischen Insel Kos geboren. Beide waren als Priesterärzte im Namen des griechischen Heilgottes Asklepios tätig, auf den sich Hippokrates und seine Vorfahren sogar genealogisch beriefen, und behandelten dort im Tempel des Asklepios ihre Patienten. Hippokrates der Jüngere erhielt seine erste Ausbildung traditionsgemäß von seinem Vater und sollte ebenfalls die Laufbahn eines Priesterarztes einschlagen, verzichtete nach seinen Wanderjahren jedoch auf das Priesteramt.1

Der aus 53 Bänden bestehende Corpus hippocraticum ist das einzige erhaltene originäre Werk des Hippokrates, in dem die anatomischen und medizinischen Annahmen des Hippokrates niedergelegt sind und dadurch nachvollziehbar werden.2 Jedoch ist Hippokrates, dem aktuellen Forschungsstand zufolge, nicht der einzige Urheber dieser Dokumentensammlung. So lassen sich einige Texte anderer antiker Mediziner, unter anderem aus der konkurrierenden Schule von Knidos (an dieser Stelle sei auf Euryphon verwiesen), und seines Schwiegersohnes Polybos finden.3 Dieser führte Pathologien, neben dem Säfteungleichgewicht, das heißt der Dyskrasie, auch auf stoffliche Rückstände wie zum Beispiel Gase oder sogenannte „schlechte Luft“ im menschlichen Organismus zurück, wie die Papyrusübersetzung des Medizinhistorikers Karl Sudhoff von 1909 (P.Lit. Anonymus Londinensis) belegt.4

Hippokrates von Kos und Polybos ergänzten die Vier-Elemente-Lehre nach Empedokles (ca. 495-435 v. Chr.). Ihr lag die antike Vorstellung von der Beschaffenheit des Universums zu Grunde, der zufolge sich alles aus den vier Elementen Feuer, Wasser, Erde und Luft zusammensetze. Sie ordneten dieser Systematik die Viersäftelehre bei und wiesen in ihrem Werk, dem Corpus hippocraticum den vier Elementen jeweils einen Körpersaft (Blut, gelbe Galle, schwarze Galle, Schleim) sowie den vier Säften vier Lebensphasen und Qualitäten nach Feuchtigkeit und Wärme zu.5 Demnach überwiegt ein Saft – ein sogenannter Kardinalsaft – in jeder Lebensphase beziehungsweise Jahreszeit.6 Im Besonderen wird in Hippokrates‘ Werk „Von der Natur des Menschen“ (πєρì φύσιος άνθρώπου) auf die Säftelehre insgesamt eingegangen.

Allerdings finden sich in einigen Schriften zwei, in anderen wiederum fünf Körpersäfte. Auch der Darmsaft, die Lymphe und der Samen finden in seinen Werken Erwähnung.

Ebenfalls von Hippokrates konzeptioniert wurde die Therapie der Diätetik, eine Lehre nach der das Ungleichgewicht der Säfte nicht lediglich durch eine bestimmte Ernährungsweise, sondern ergänzt durch viele weitere Genesungsfaktoren, wie etwa Leibesübungen, Atemtechniken und Massagen wieder in Einklang gebracht werden sollte und die Eukrasie, unter Berücksichtigung des Alters, Geschlechts, Gewichts und sogar der Jahreszeit, bewahrt werden sollte.7 Im ungefähren Zeitraum von 330 bis 310 v. Chr. gelangte die Schriftensammlung des Corpus hippocraticum in die Bibliothek von Alexandria nach Ägypten,8 was den Grundstein für die spätere Rezeption durch antike und mittelalterliche Ärzte legte.

Doch der eigentliche Verdienst des Hippokrates ist die Formulierung einer moralisch begründeten ärztlichen Standes- und Berufsethik, die sich über die Jahrhunderte hinweg bis heute in abgewandelter Form im hippokratischen Eid wiederfindet.9

Ebenso die Abkehr von der philosophisch begründeten und priesterlich-religiös beeinflussten Medizin und Diagnostik bedeutete einen kaum zu unterschätzenden ideengeschichtlichen Prozess. Er war es, der basierend auf seinen Studien der Natur und des menschlichen Körpers, erstmals einen naturwissenschaftlichen Ansatz wählte und damit die antike Grundlage für die medizinische Empirie,10 evidenzbasierte Medizin und erkenntnisorientierte Methodik legte. In den Mittelpunkt der Therapie rückte die unvoreingenommene Beobachtung des Patienten und die Überlegung nach der therapeutischen Ursache-Wirkung-Beziehung.

Einschränkend muss jedoch auch erwähnt werden, dass es Hippokrates nicht immer möglich war, die richtigen Schlüsse aus seinen Beobachtungen zu ziehen, denn ihm fehlten meist schlicht die notwendigen medizinischen Erkenntnisse für die richtige Diagnose und Therapie.11 Seine wesentliche Leistung bestand nicht unbedingt in konkreten Forschungsergebnissen und der Formulierung neuer Erkenntnisse, sondern im methodischen und ideengeschichtlichen Wandel, weg von einer theistischen, hin zu einer naturwissenschaftlichen Diagnostik und Therapeutik, den er maßgeblich anstieß.

2.2 Galenos von Pergamon

Der griechische Arzt Claudius Galenius von Pergamon lebte von 129-199 und entwickelte aufbauend auf den Lehren des Hippokrates12 die Grundlagen des Konzeptes der Humoralcharakterologie, beziehungsweise der Temperamentenlehre. Sie besagt, dass jeder Mensch, je nach Überschuss eines der (Kardinal-)Säfte, der in seinem Körper vorherrscht, einer bestimmten Grund- und Wesensart zugeordnet werden kann. Überwiegt das Blut, so handelte es sich um einen lebensfrohen Sanguiniker; bei überwiegendem Schleim führe dies zu Trägheit, welche den Phlegmatiker beschreibt; ist es die schwarze Galle, sei derjenige in die Kategorie der trübsinnigen Melancholiker einzuordnen; ein Übermaß an gelber Galle mache jemanden zu einem aufbrausenden, affektierten und unkontrollierten Choleriker.

Den Ursprung der einzelnen Säfte sah Galen in den vier sogenannten Kardinalorganen Herz, Gehirn, Leber und Milz.13 Von einer Persönlichkeitslehre kann jedoch nicht die Rede sein, denn Galen dienten bestimmte Verhaltensmuster der bloßen Diagnostik und waren kein zentraler Bestandteil seiner Überlegungen.14

Galens medizinische Durchbrüche müssen daher differenziert betrachtet werden. Zudem verfasste er etwa 300 Schriften mit dem enzyklopädischen Anspruch, das gesamte Wissen der Medizin seiner Zeit zusammenzufassen und schaffte es tatsächlich eine beträchtliche Menge an Erkenntnissen kodifiziert zu bündeln. Seine wichtigsten Errungenschaften bestanden im Erkenntnisgewinn über die menschliche Anatomie und Physiologie sowie beispielsweise darin die Hirn- von den Rückenmarksnerven zu unterscheiden oder sich der Beschreibung des Prozesses der Metabolisierung von Sauerstoff durch die Lungenbläschen bemerkenswert präzise anzunähern. Jedoch mischen sich auch unbegründete Spekulationen in seine Thesen, um ein ganzheitliches Modell der Medizin glaubwürdig zu konzeptionieren, was einer der Hauptgründe dafür war, dass sein Gesamtwerk nahezu sakrosankt und monolithisch erschien und jahrhundertelang nie grundsätzlich infrage gestellt wurde.15 Galen verband die Philosophie mit medizinischen Überlegungen. Logik, Physik und Ethik sollten den Empiriker ergänzen und so einen ganzheitlichen Ärztebegriff kreieren. Die Schule der Empiriker stützte sich also auf die therapeutische Behandlung von Symptomen anhand von Kausalitäten, während Galen zusätzlich einen philosophischen und ethischen Ansatz wählte und philanthropisch in Anlehnung an den hippokratischen Eid16 das Wohl des Menschen in den Vordergrund, zumindest seiner Überlegungen stellte und nicht den Ruhm und die positive Prominenz eines Arztes, auf die er im Hinblick auf seinen beruflichen und finanziellen Erfolg durchaus angewiesen war.17

Der Terminus der Galenik wurde im Laufe der folgenden Jahrhunderte zu einem Synonym für die Viersäftelehre und Galen selbst seit circa 350 n. Chr. zur unbestrittenen Autorität für Mediziner.18 Damit stand er allerdings auch neuartigen wissenschaftlichen und medizinischen Entwicklungen ebenso lang im Wege.19

[...]


1 Vgl. Weymar, Christian: Hippokrates, Dr. Röntgen & Co. Berühmte Pioniere der Medizin, Berlin 2007. S. 19.

2 Vgl. Porter, Roy: The greatest benefit to mankind. A medical history of humanity from antiquity to the present. London 1997. S. 56 f.

3 Vgl. Weymar: Berühmte Pioniere der Medizin. S. 19-20.

4 Vgl. Froschauer, Harald; Römer, Cornelia (Hgg.): Zwischen Magie und Wissenschaft. Ärzte und Heilkunst in den Papyri aus Ägypten. (Nilus. Studien zur Kultur Ägyptens und des Vorderen Orients 13). Wien 2007. S. 14.

5 Vgl. a.a.O. S. 23.

6 Vgl. Mayer, Johannes Gottfried: Die Entstehung der Viersäftelehre in der griechischen Naturphilosophie. in: ders. und Goehl, Konrad (Hgg.): Kräuterbuch der Klostermedizin: Der „Macer floridus“. Medizin des Mittelalters. Leipzig 2003. S. 30–41.

7 Vgl. Venzmer, Gerhard: 5000 Jahre Medizin: von vorgeschichtlicher Heilkunde zum ärztlichen Computer. München 1974. S. 66-67. und Porter: The greatest benefit to mankind. London 1997. S. 56.

8 Vgl. Weymar: Berühmte Pioniere der Medizin. S. 19.

9 Vgl. Venzmer: 5000 Jahre Medizin. S. 64.

10 Vgl. a.a.O. S. 67-68.

11 Vgl. Weymar: Berühmte Pioniere der Medizin. S. 23.

12 Vgl. Venzmer: 5000 Jahre Medizin. S. 84.

13 Vgl. a.a.O. S. 85.

14 Vgl. Derschka, Harald Rainer: Die Viersäftelehre als Persönlichkeitstheorie. Zur Weiterentwicklung eines antiken Konzepts im 12. Jahrhundert, Ostfildern 2013. S. 246.

15 Vgl. Venzmer: 5000 Jahre Medizin. S. 83-86.

16 Vgl. Porter: The greatest benefit to mankind. London 1997. S. 63.

17 Vgl. a.a.O. S. 74.

18 Vgl. Müller, Ingo Wilhelm: Humoralmedizin. Physiologische, pathologische und therapeutische Grundlagen der galenistischen Heilkunst. Heidelberg 1993. S. 20.

19 Vgl. Weymar: Berühmte Pioniere der Medizin. S. 30.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Bildungskommunikation und Wissenstransfer in der Spätantike. Laien und Fachleute, Medizin und Ärzteausbildung
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg  (Professur für Alte Geschichte)
Veranstaltung
Christliche und heidnische Bildung in der Spätantike
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
17
Katalognummer
V1014188
ISBN (eBook)
9783346409881
ISBN (Buch)
9783346409898
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Antike, Spätantike, Laien, Fachleute, Medizin, Ärzteausbildung, Ärzte, Arzt, Mediziner, Medizinerausbildung, Mittelalter, Lateinisches Mittelalter, Christentum, Heidentum, Bildung, Bildungskommunikation, Kanon, Wissenstransfer, Isidor von Sevilla, Beda Venerabilis, Quellen, Viersäftelehre, Humoralpathologie, Dyskrasie, Eukrasie, Griechenland, Rom, Nordafrika, Europa, Hippokrates von Kos, Hippokrates, Asklepios, Monotheismus, Polytheismus, Galen, Galenos von Pergamon, Frühmittelalter, Augustinus, Augustinus von Hippo, Theologie, Naturwissenschaft
Arbeit zitieren
Robert Samuel Langner (Autor), 2017, Bildungskommunikation und Wissenstransfer in der Spätantike. Laien und Fachleute, Medizin und Ärzteausbildung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1014188

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