Historisches Lernen in der Grundschule. Holocaust als Thema im Grundschulunterricht


Seminararbeit, 2021

18 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Historisches Lernen
2.1 Was ist Geschichte?
2.2 Begriffsdefinition Geschichtsbewusstsein

3 Historisches Lernen in der Grundschule
3.1 Lernvoraussetzungen von Grundschulkindern für historisches Lernen
3.2 Bezug zum Bildungsplan

4 Historische Lernanlässe schaffen
4.1 Der Holocaust als Thema für die Grundschule
4.2 Historisches Lernen mit Kinderbüchern
4.3 Am Beispiel des Bilderbuches „Papa Weidt. Er bot den Nazis die Stirn“

5 Möglichkeiten und Grenzen historischen Lernens in der Grundschule

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Grundschulkinder leben in einer Welt, in der sie umgeben sind von Geschichte. Die Gespräche mit den Großeltern, die mittelalterlichen Märkte und Museumsbesuche, die historischen Darstellungen in den Medien und vieles mehr erweitern ihre historisch­orientierten Erfahrungen. Historisches Lernen ist also ein alltäglicher Prozess, der automatisch und ohne bewusste Anstrengung geschieht.1 2 3 Aus diesem Grund verfügen Kinder bereits bevor sie in die Schule kommen über ein alltägliches Geschichtsbewusstsein. Dies ist aufgrund ihrer, von Medien geprägten Lebenswirklichkeit viel umfassender und differenzierter, als es bei Kindern früher war. Die Kinder stellen sich hierbei vermehrt die Frage nach dem ,Früher' und der diesbezüglichen Thematisierung im Unterricht. Doch ist das historische Lernen in der Grundschule überhaupt schon möglich und bringen die Kinder in diesem Alter die hierfür nötigen Lernvorrausetzungen mit? Inwiefern können historische Themen wie beispielsweise der Holocaust thematisiert und altersgerecht vermittelt werden? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die vorliegende Seminararbeit.

Im Rahmen dieser Arbeit wird zunächst der Begriff Geschichte definiert und anschließend in der Literatur aufkommende Begriffsdefinitionen von ,Geschichtsbewusstsein’ aufgezeigt, welcher sich zum Schlüsselbegriff der aktuellen Geschichtsdidaktik entwickelt hat. Daraufhin wird dargestellt wie bzw. ob das historische Lernen in der Grundschule möglich ist und welche Lernvorrausetzungen die Schüler*innen in diesem Alter benötigen. Darüber hinaus wird dargestellt wie das historische Lernen im Sachunterricht im Bildungsplan der Grundschule verankert ist. Auf diese fundierten Angaben aufbauend, wird im 4. Kapitel beschrieben inwiefern der Holocaust in der Grundschule thematisiert werden kann und ein möglicher historischer Lernanlass am Beispiel eines Kinderbuches skizziert. Diese Heranführung wurde ausgewählt, da sie besonders gut die Möglichkeiten und Grenzen des historischen Lernens in der Grundschule veranschaulicht.

2 Historisches Lernen

2.1 Was ist Geschichte?

Um herauszufinden was historisches Lernen bedeutet, wird zunächst eine allgemeine Definition von Geschichte herangezogen:

Nach der wissenschaftlichen Definition von Geschichte bedeutet diese „der Gesamtkomplex menschlicher Praxis in der Vergangenheit in all ihren Veränderungen, seien sie durch absichtsvolles, zweckrationales Handeln, seien sie durch materielle, objektive Bedingungen und Bezüge bewirkt“2 Deshalb bezeichnen BERGMANN und ROHRBACH Geschichte auch als ein „Schatzhaus menschlicher Erfahrungen“ und als eine Denkweise die hilft sich in der Gegenwart und Zukunft zurechtzufinden.3 BERGMANN zufolge ist Geschichte eine Erinnerung, „die über die Zeitspanne der eigenen Lebensgeschichte hinaus sich auf davor liegende Lebenszusammenhänge richtet. Sie soll dazu dienen Kenntnisse und Erkenntnisse über die Vorgeschichte der Gegenwart zu erwerben und - wichtiger noch - Erfahrungen früher lebender Menschen für das eigene Denken und Handeln zu verarbeiten“ .4 5 6

Jedoch ist der Begriff ,Geschichte‘ sehr vielfältig und lässt sich im Zusammenhang mit dem historischen Lernen nach VON REEKEN so bestimmen, dass Geschichte sowohl das Geschehene selbst, die Darstellung des Geschehenen, als auch die Beschäftigung mit der Vergangenheit bezeichnet. Dennoch ist das vergangene Geschehen selbst nicht direkt zugänglich, obwohl dessen Auswirkungen auch in die Gegenwart und Zukunft hineinragen könnte. Deshalb können wir vergangene Geschehnisse nur rekonstruieren. Diese Rekonstruktion wird aber nie die Fülle der vergangenen Wirklichkeit erfassen und bleibt somit lückenhaft und perspektivisch.7 Historisches Lernen dagegen geschieht bei jeder Begegnung mit Geschichte. Da die heutige Lebenswelt z.B. durch die historischen Bezüge in den Medien oder durch Gespräche über die Vergangenheit stets erfüllt von Geschichte ist, begegnen wir dieser alltäglich. Somit erfolgt historisches Lernen automatisch, nebenbei und ohne bewusste Anstrengungen. Aufgrund dieser Tatsache entsteht ein „alltagsweltliches Geschichtsbewusstseindessen Begriff im nächsten Abschnitt näher erläutert wird.8 9

2.2 Begriffsdefinition Geschichtsbewusstsein

Das Ziel des historischen Lernens ist die Förderung des Geschichtsbewusstseins. Nach PANDEL ist das Geschichtsbewusstsein „ ein psychischer Verarbeitungsmodus historischen Wissens, der zwar über dieses Wissen gebildet wird, ihm gegenüber aber eine relative Autonomie besitzt [...] Geschichtsbewusstsein ist folglich kein Speichermedium zur Akkumulation von historischem Wissen, sondern ein Sinnbildungsmodus, der Kontingenzen abarbeitet und damit der Orientierung in der Temporalität von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dient“1

Geschichtsbewusstsein ist demnach ein komplexer Begriff, der mit den Begriffen Geschichte an sich und Vergangenheit einhergeht, welche deutlich voneinander abgegrenzt werden müssen. Vergangenheit ist ein abgeschlossener Prozess, Geschichte kann hingegen als ein gegenwärtiger Prozess gesehen werden. Dadurch erscheint uns Geschichte allgegenwärtig und begegnet uns im Alltag in Form von Geschichtskultur, wie beispielsweise in Skulpturen oder Denkmäler. Demzufolge ist das Geschichtsbewusstsein die Kompetenz inwiefern sich jedes Individuum mit Geschichte beschäftigt.

In der Didaktik wird viel über diesen Begriff diskutiert und er wird mit verschiedenen Definitionsansätzen beschrieben, wie zum Beispiel die sieben Dimensionen nach PANDEL und RÜSEN, die das Geschichtsbewusstsein „als Sinnbildung über Zeiterfahrungen“ definieren.10 Der pragmatische Ansatz von PANDEL unterscheidet sieben Dimensionen des Geschichtsbewusstseins, das ,Temporalbewusstsein‘, das ,Wirklichkeitsbewusstsein‘, das ,Historitätsbewusstsein‘, das ,Identitätsbewusstsein‘, das politische Bewusstsein‘, das ,ökonomisch-soziale Bewusstsein‘ und das ,moralische Bewusstsein‘. Die Herausbildung der einzelnen Dimensionen hängt nach PANDEL von den Entwicklungserfahrungen ab. Im heranwachsenden Menschen entstehen zuerst die drei Basiskategorien, das Zeit-, Wirklichkeits- und Historitätsbewusstsein, worauf die anderen vier Dimensionen aufbauen. Das ,Temporalbewusstsein‘ entfaltet sich zwischen den drei Zeitdimensionen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und soll den Lernenden die Bedeutungen von gestern - heute - morgen und die Beziehungen von vorher und nachher transparent machen. Bei der Entwicklung des ,Wirklichkeitsbewusstsein‘ sollen die Schüler*innen dazu angehalten werden zwischen Realität und Fiktion unterscheiden zu können. Gerade in unserem Medienzeitalter ist die Fähigkeit zwischen einer realen und einer fiktiven Person oder einem fiktiven Ereignis zu unterscheiden, wesentlich für die Entwicklung des politischen Bewusstseins. Das ,Historitätsbewusstsein‘ soll Schüler*innen dazu befähigen, Sachverhalte nach ihrer Veränderlichkeit und Veränderbarkeit zu erkennen. Ausgehend von der eigenen Lebensgeschichte über die Geschichte der vorherigen Generation wird der Kontext von Kontinuität und Wandel verdeutlicht. Das ,Identitätsbewusstsein‘ schafft das Bewusstsein zwischen ,wir‘ und ,ihr/sie‘. Durch das ,politische Bewusstsein‘ soll die Fähigkeit erworben werden, Macht- und Herrschaftsstrukturen zu erkennen und beurteilen zu können. Die Schüler*innen sollen das ,Oben‘ und ,Unten‘ innerhalb einer Gesellschaft erkennen und unterscheiden können. Da jede Gesellschaft durch soziale Unterschiede gekennzeichnet ist, soll ein , ökonomisch-soziales Bewusstsein‘ für arm und reich geschaffen und die Ursachen und Folgen für die betroffenen Gruppen aufgezeigt werden. Durch das ,moralische Bewusstsein‘ sollen Handlungen und Ereignisse nach bestimmten Regeln beurteilt werden können und die Fähigkeit gefördert werden ,richtig‘ oder ,falsch‘ aus der gegenwärtigen Perspektive zu sehen.11

Dies zeigt wie groß und umfassend der Begriff und die Struktur von Geschichtsbewusstsein ist. PANDEL selbst spricht von „hochdimensioniert“ und „überkomplex“.12 Der Begriff lässt Spielraum für zahlreiche weitere Überlegungen und ist somit weniger gut greifbar und schwer definierbar. Für die Unterrichtspraxis stellt sich dadurch für uns Lehrer*innen die Herausforderung Geschichte zum Unterrichtsgegenstand zu machen. Dennoch ist das Ziel eines Geschichtsunterrichtes, dass die Lernenden ein reflektiertes Geschichtsbewusstsein erlangen und die gelernten Aspekte auf ihr eigenes Leben beziehen können. Somit ist das Geschichtsbewusstsein nicht nur ein Ziel, sondern auch die Voraussetzung für den Unterricht.

3 Historisches Lernen in der Grundschule

„Historisches Lernen ist das Erlernen der Fähigkeit, sich zu erinnern und die Zukunft nicht einfach geschehen zu lassen “.13

Die Legitimation historischen Lernens in der Grundschule begründet sich vor allem auch aus der Erkenntnis, dass sich politische Einstellungen, Urteile und Verhaltensmuster bereits in der frühen Kindheit zu bilden beginnen. Um ein demokratisches Bewusstsein zu entwickeln, bedarf es der Fähigkeit der Perspektivübernahme und der Toleranz gegenüber Fremden, welche anhand historischen Themen mit den Schüler*innen geübt werden kann. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit, mit der eigenen sozialen Zugehörigkeit (Familie), der eigenen Herkunftsgruppe (Geschlecht, Religion, Nation etc.) trägt wesentlich zum Identitätsbildungsprozess des Kindes bei. Als grundlegendes Ziel historischen Lernens in der Grundschule kann dementsprechend die Förderung der Entwicklung eines reflektierten Geschichtsbewusstseins als Teil der Identitäts- und Persönlichkeitsentwicklung des Kindes genannt werden. Die Entwicklung des Geschichtsbewusstseins meint also die Fähigkeit zur bewussten Verarbeitung historischer Sachverhalte und Deutungsmuster, also die Fähigkeit zum historischen Denken. Hierfür stellt VON REEKEN folgende 8 Dimensionen für das historische Lernen in der Grundschule auf:

1. Den Aufbau eines positiven Verhältnisses zur Beschäftigung mit Vergangenem.
2. Die Erkenntnis der Historizität der eigenen Lebenswelt.
3. Die Erkenntnis des Zusammenhangs von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
4. Fragen an die Geschichte stellen lernen.
5. Die Erkenntnis, wie Informationen und Deutungen über Vergangenes zustande kommen.
6. Die Genese von Gegenwartsphänomenen und -problemen durch den Blick in ihre Geschichte erkennen lernen.
7. Die Förderung von Fremdverstehen und Perspektivität durch die Konfrontation mit den Anderen in der - eigenen oder fremden - Geschichte.
8. Die Anbahnung und Förderung kritischer Rationalität unter Berücksichtigung von Emotionen, Trieb- und Identifizierungsbedürfnissen.14

3.1 Lernvoraussetzungen von Grundschulkindern für historisches Lernen

Nach VON REEKEN ist die Grundvoraussetzung für eine Verankerung historischer Kompetenzen in der Grundschule, dass die Grundschulkinder diese überhaupt erwerben können. Sie benötigen einen Zugang zu Geschichte und müssen in der Lage sein die Spezifik historischen Denkens nachzuvollziehen.15 In den letzten Jahren gab es zahlreiche empirische Studien, ob historisches Lernen in der Grundschule möglich ist und welche Vorrausetzungen die Kinder in diesem Alter benötigen. Zu nennen ist beispielsweise die im Jahr 2015 durchgeführte Befragung von mehr aus 100 Kindergarten- und Grundschulkindern zu den Kompetenzbereichen historischen Denkens von BECHER und GLÄSER. Festgestellt wurde ein großer Einfluss außerschulischer Informationsvermittler auf die historische Vorstellung und das historische Wissen der Kinder. Außerdem zeigte sich, dass vielen Kindern bereits der Konstruktcharakter von Geschichte deutlich ist, wobei sich jedoch eine große Varianz der Vorstellungen und des Wissens feststellen ließ.16 VON REEKEN stellt zu dieser Thematik fünf zentrale Thesen zu den wesentlichen Erkenntnissen aus den empirischen Untersuchungen der letzten Jahre zusammen.

[...]


1 Von Reeken, Dietmar (2017): Historisches Lernen im Sachunterricht: Eine Einführung mit Tipps für

2 den Unterricht. 6. aktualisierte Neuauflage. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, S.9.

3

4 Weyrauch 1992, S.85 zit. n. Von Reeken: Historisches Lernen im Sachunterricht, S.4

5 Bergmann, Klaus/ Rohrbach, Rita (2015): Kinder entdecken Geschichte: Theorie und Praxis historischen Lernens in der Grundschule und im frühen Geschichtsunterricht. 3. Aufl. Schwalbach: Wochenschau Verlag, S.6.

6 Bergmann/ Rohrbach: Kinder entdecken Geschichte, S.8.

7 Von Reeken: Historisches Lernen im Sachunterricht, S.4.

8 Von Reeken: Historisches Lernen im Sachunterricht, S.8-9.

9 Pandel, Hans-Jürgen (2006): Stichwort ,Geschichtsbewusstsein‘. In: Mayer, U./Pandel, H.-J./Schneider, G./Schönemann, B (Hg): Wörterbuch Geschichtsdidaktik, Schwalbach/Ts.: Wochenschau Verlag, S.69- 10.

10 Rüsen, Jörn (2008): Historisches Lernen. Grundlagen und Paradigmen. Schwalbach: Wochenschau Verlag, S.61.

11 Pandel, Hans-Jürgen (2013): Geschichtsdidaktik: Eine Theorie für die Praxis. Schwalbach/Ts.: Wochenschau Verlag, S. 137-150.

12 Pandel: Geschichtsbewusstsein, S.70.

13 Bergmann/ Rohrbach: Kinder entdecken Geschichte, S.9.

14 Von Reeken: Historisches Lernen im Sachunterricht, S.37-42.

15 Ebd., S.18.

16 Ebd., S.20-21.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Historisches Lernen in der Grundschule. Holocaust als Thema im Grundschulunterricht
Hochschule
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg
Veranstaltung
Historisches Lernen ist mehr
Note
2,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
18
Katalognummer
V1014230
ISBN (eBook)
9783346408631
ISBN (Buch)
9783346408648
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar des Dozenten: Ihnen gelingt eine wirklich gute Hausarbeit, die ich gerne gelesen habe und mit 2,0 bewerte. Sprachlich könnten Sie die Arbeit noch präziser fassen. Einige Sätze sind unrund und die Interpunktion ist teilweise nicht korrekt. Auch könnten Sie die Thematik, z.B. Geschichtsbewusstsein noch stärker kritisieren und Stellung beziehen. Beispielsweise sind die Dimensionen nach Pandel nicht unumstritten. Ihre Arbeit zeigt, dass Sie sich reflektiert mit dem Sachverhalt auseinandergesetzt haben und sich diesen gelungen erarbeiten konnten.
Schlagworte
historisches, lernen, grundschule, holocaust, thema, grundschulunterricht
Arbeit zitieren
Julia Hesslinger (Autor), 2021, Historisches Lernen in der Grundschule. Holocaust als Thema im Grundschulunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1014230

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