Orte in der Literatur über Demenz. Die narrative Darstellung von Verlust, Erinnerungen und Zuhause


Hausarbeit (Hauptseminar), 2021

20 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Methode

3. Analyse
3.1 Orientierung
3.2 Erinnerungen
3.2.1 Erinnerungen des Betroffenen
3.2.2 Erinnerungen des Autors
3.3 Zuhause
3.4 Verlust

4. Schluss

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der demografische Wandel ist im Laufe der Zeit weltweit immer sichtbarer geworden. Auch die Populationsdynamik in Deutschland ist längst kein unsichtbarer, schleichender Prozess mehr. Die Menschen werden immer älter und demzufolge erhöht sich die Anzahl der Personen in hohem Alter und die Zahl der über 80 jährigen wird weiterhin beständig steigen.1 Mehr ältere Menschen bedeuten aber auch immer mehr altersbedingte Erkrankungen. So steigt auch die Zahl der Demenzerkrankten weltweit stetig an. Laut WHO leiden derzeit 50 Millionen Menschen an Demenz, in 2030 soll diese Zahl bereits auf 82 Millionen gestiegen sein.2 Auch erhöht sich das gesellschaftliche Interesse an dieser Erkrankung, die Thematisierung von Demenz scheint längst kein Tabu mehr zu sein, so wird es sowohl im gesundheitlichen Kontext, als auch politisch und literarisch behandelt. Sucht man im Onlineshop bei Weltbild, einem deutschen Buchhandelsunternehmen, nach Büchern über Demenz, so werden einem direkt 1.252 Bücher vorgeschlagen. In Büchern, egal ob geschrieben von Fachleuten, Betroffenen der Erkrankung oder von Angehörigen, scheint es eine schier unendliche Auswahl an Behandlungen und Aufarbeitungen zum Thema Demenz zu geben. Eine Auswahl an Werken, die sich auf ganz unterschiedliche Weise und mit ganz unterschiedlichem Fokus mit dieser Thematik auseinandersetzen. Diese Bücher werden in vorliegender Arbeit genauer betrachtet. Dabei wird sich vor allem auf die Geschichten konzentriert, die von Angehörigen geschrieben wurden, sprich von Kindern, Geschwistern oder Ehepartnern von Menschen, die an Demenz leiden.

Das besondere Interesse liegt bei dieser Arbeit in der Thematisierung von Ort und Raum, welchen sowohl im gesellschaftlichen als auch im ganz individuellen Leben verschiedene Bedeutungen zukommen. Auch oder vor allem in den verschiedenen Geschichten über Demenz fällt die Besonderheit von Orten auf. So liegt der Fokus auf der narrativen Darstellung von Ort und Raum. Also wie genau werden Orte hier thematisiert und wieso bilden sie einen so zentralen Aspekt in den Büchern über Demenz? In welchem erzählerischen Kontext werden sie genannt? Welche Funktion hat diese Thematisierung und welche Semantiken stehen dahinter?

Im Folgenden gehe ich zunächst auf die, in dieser Arbeit verwendete Methode und den erkenntnistheoretischen Hintergrund ein, woraufhin die Analyse des Materials geschildert und erläutert wird. Abschließend wird ein Fazit der Analyse und dessen Ergebnisse gezogen, sowie ein Ausblick gegeben.

2. Methode

Bevor genauer auf die Analyse des Materials eingegangen wird, stellen sich Fragen zum erkenntnistheoretischen Hintergrund. Die Grundlage der Arbeit beruht auf einer qualitativen Forschung.

Methodisch folgt die vorliegende Arbeit einer analytischen Strategie. Diese Entscheidung gründet auf den Vorteilen der analytischen Strategie im Vergleich zu klassischen Methoden (vgl. Andersen 2003, S. 13). Zunächst unterliegt die analytische Strategie einer Beobachtung zweiter Ordnung. Dies ist notwendig, wenn man sich Bücher von Angehörigen Demenzerkrankter ansehen möchte, denn „ Beobachtungen zweiter Ordnung beobachten Beobachtungen erster Ordnung “ (Schützeichel 2003, S. 231). Letztere wären in diesem Fall die Autoren der Geschichten. Die erwähnten Beobachtungen erster Ordnung beobachten etwas mithilfe einer Unterscheidung, konzentriert wird sich hier auf Was-Fragen. Während die Beobachtungen zweiter Ordnung im Grunde dieses Beobachten beobachtet, und sich die Frage stellt, wie es zum Inhalt der Beobachtung erster Ordnung gekommen ist. Und dies ist auch in dieser Arbeit relevant, denn es werden die Beobachtungen von verschiedenen Autoren beobachtet. Es wird betrachtet, wie die Autoren über den Betroffenen und über dessen Krankheit sprechen. Hierbei wird sich nicht nur darauf konzentriert, was genau sie beobachten, was sie unterscheiden und was sie festhalten, sondern auch wie sie diese Beobachtungen thematisieren, in welchem Kontext sie dies tun und warum dies der Fall ist. Der Unterschied zur Beobachtung erster Ordnung liegt hier vor allem darin, dass bei der Beobachtung zweiter Ordnung die sogenannten „ blind spots “ (Andersen 2003, S. 65) erhellt werden. Diese entstehen bei der Beobachtung erster Ordnung, welche nur die eine Seite der Unterscheidung sieht. Erst durch eine weitere Beobachtung, also eine zweiter Ordnung, kann diese Seite gesehen werden.

Die analytische Strategie ermöglicht durch die Anwendung von Beobachtungen zweiter Ordnung somit, den Blick darauf zu richten, warum etwas so ist, wie es ist und wie ist es dazu gekommen? Es gilt zu hinterfragen und zu betonen, dass es eben auch anders sein könnte (vgl. ebd., S. 13).

Praktisch herangezogen wird hier die Semantikanalyse (vgl. ebd., S. 86f). Luhmann beschreibt diese Analyse als eine Unterscheidung von verdichtetem Sinn und Sinn. Sinn ist in Luhmanns differenzorientiertem Sinne die Einheit der Unterscheidung Aktualität, also der gegenwärtigen Wirklichkeit, und Potentialität, also der Möglichkeit wirklich zu werden bzw. einzutreffen. Dieser Sinn ist stark situations- sowie kontextabhängig, da er ständig aktualisiert und situativ generiert wird, ständig öffnen sich neue Möglichkeiten. Jedoch kann Kommunikation Strukturen herausbilden, die es möglich machen Sinn in Formen zu verdichten, welche frei sind von dieser momentanen Bedingung der Aktualität. Es wird also Sinn in semantische Formen verdichtet, welche uns dann für die Kommunikation zur Verfügung stehen und diese somit erleichtern, indem es für eine gewisse Erwartbarkeit sorgt und Unsicherheiten reduziert. Diese Arbeit interessiert sich genau für diese Formen, also welche Semantiken, oder auch welcher „ höherstufig generalisierten, relativ situationsunabhängig verfügbaren Sinn“ (Luhmann 2004, S. 19) im Material zu finden ist, wenn über Raum und Ort gesprochen wird und welche Funktion diese möglicherweise haben. Der Fokus liegt hierbei eben nicht auf dem kontextabhängigen Sinn, welcher in Situationen gebildet wird, sondern auf den Semantiken, der Verdichtung von Bedeutungen, welche sich daraus bildet. Aufgrund dieses Fokus bietet sich die luhmannsche Semantikanalyse an und erweist sich als Methode der Wahl, wenn es um das Herausfiltern von semantischen Formen in den ausgewählten Texten geht.

Praktisch gearbeitet wurde bei diesem Prozess mit der Software für computergestützte Datenanalyse MAXQDA, welches die Auswertung und Kodierung der Texte erleichtert. Das Material beschränkt sich ausschließlich auf Bücher von Angehörigen von demenzerkrankten Personen, wobei die Grundlage der Analyse das Buch „Der vergessliche Riese“ von David Wagner bildet, aus welchem auch ein Großteil des Materials stammt. Dieser schreibt über seinen an Demenz erkrankten Vater, zu dem er wenig Kontakt hatte, aber durch die Diagnose im Laufe des Buches ein engeres Vater-Sohn-Verhältnis aufbauen kann. Der Fokus auf diese Geschichte resultiert vorrangig auf der Quantität sowie der Zentralität von Ort und Raum in diesem Buch. Um eine repräsentative Menge aufzubauen und allgemeinere Aussagen treffen zu können, wurden weitere Publikationen herangezogen, aus welchen im Laufe dieser Arbeit zitiert wird. Zunächst wurden jedoch, anhand des Textes von David Wagner, induktiv Kategorien gebildet, welche zu Ober- und Unterkategorien weiterentwickelt wurden. Im Laufe dieses Prozesses wurden Auffälligkeiten, vor allem durch ihre besondere Häufigkeit, in Bezug auf Raum und Ort beobachtet. Daraufhin erfolgte eine erneute Kodierungsphase mit dem Fokus auf genau diese, welche im Folgenden mit dem zusätzlichen Material der anderen Bücher fortgeführt, verglichen und erweitert wurden.

3. Analyse

Bei der Analyse des Materials und dem Fokus auf Orte lassen sich 10 Hauptorte festmachen, die sich im Text immer wieder finden lassen. Nach genauerer Betrachtung dieser Orte sowie dem erzählerischen Kontext der Textstellen, an denen diese Orte thematisiert werden, ließen sich einige Raumsemantiken entdecken, die im Zusammenhang mit Raum und Ort immer wieder auftauchen. Zum einen sind dies Orte, die eine Art Orientierungsfunktion haben, Orte die in Verbindung mit Erinnerungen stehen, das Zuhause als ein zentraler, mehrdeutiger Ort sowie Verlustsemantiken in Verbindung mit Orten.

3.1 Orientierung

Orte erscheinen im analysierten Material sehr häufig in Zusammenhang mit Semantiken der Orientierung. Diese lassen sich unterscheiden in räumliche, zeitliche aber auch familiäre Orientierung. Das erscheint einleuchtend, beachtet man, dass Mensch mit Demenz nahezu alles um sich herum vergessen können und den Bezug zu vielen Dingen verlieren. Orte können hier ein Bezugspunkt sein, mithilfe dessen Verbindungen wiederhergestellt werden können. Ganz deutlich wird auch das Verlangen der Betroffenen selbst, ein Verlangen nach Orientierung, Kontrolle und Sicherheit. Dies erkennt man an der Häufigkeit der Beobachtungen, in welchen die Betroffenen selbst, in den Geschichten immer wieder nach dem Ort fragen.

Dies beschreibt auch der Autor Andreas Wenderoth in „Ein halber Held“:

„Er erkennt enge Verwandte nicht wieder, und immer wieder erkundigt er sich mit ernstem Interesse, wo er denn sei.“ (Wenderoth 2016, S. 42).

Insgesamt 34 mal im analysierten Material liest man Fragen wie „Woher kommen wir?“, „Wohin fahren wir?“, „Wo sind wir?“. Diese ganz gezielten Fragen nach einem Ort tauchen an verschiedenen Stellen der Bücher auf. Auffällig oft lässt sich dies beobachten, sobald sich die Personen in Bewegung setzen, also bei räumlichen Veränderungen. Sei es eine Autofahrt, ein Spaziergang, ein Umzug oder Ähnliches. Ein Beispiel aus vorliegendem Material wäre:

„‚Wohin fahren wir, Freund3 ?‘, fragt er, als er und ich nicht lange danach im Auto sitzen.

‚Wir machen einen Ausflug‘, sage ich.

‚Einen Ausflug? Und Wohin?‘

‚Nach Maria Laach.‘

‚Ins Kloster?‘

‚Nein, an den See. Zum Schwimmen.‘“ (Wagner 2019, S. 126)

Bei der ausgewählten Textstelle handelt es sich um eine Situation, in welcher Vater und Sohn einen Ausflug zum Schwimmen an den Laacher See machen. Zu lesen ist die Unterhaltung zwischen den Beiden. Der Autor beobachtet hier, wie diese Autofahrt, diese Veränderung der räumlichen Situation etwas auslöst, woraufhin sich der Vater nach dem Zielort erkundigt. Selbst die Antwort „ Wir machen einen Ausflug “ reicht nicht aus, er frägt erneut nach dem genauen Ort. Mit Maria Laach scheint er etwas zu verbinden, er kennt das dortige Kloster und frägt auch hier noch einmal spezifischer nach dem Ort, indem er die Frage nach dem Kloster stellt. Der Ort steht hier in Zusammenhang mit einer räumliche Orientierungssemantik, der Betroffene möchte wissen, an welchen Ort sie sich begeben und das am besten ganz genau. Eine ähnliche räumliche Orientierung findet statt, als der Sohn seinen Vater aus einem Hotel aus anruft:

„Und ich rufe – ich weiß nicht genau, warum, vielleicht vermisse ich ihn schon wieder – meinen Vater an.

Er nimmt gleich ab. ‚Wo bist du, Freund?‘

‚Wir sind im Hotel. In Godesberg. Im Dreesen.‘

Mit dem Telefon am Ohr gehe ich auf den Badezimmerbalkon hinaus und setzte mich in einen der Liegestühle.

‚In welchem Hotel bist du? Wo?‘
‚Im Dreesen. In Godesberg.‘
‚Ganz in der Nähe, Freund! Schaust du auf den Rhein?‘“
(ebd., S. 220)

Auffällig ist hier, wie der Vater – zumindest ist dies so geschildert – als erste Frage nach dem Abnehmen des Telefons nach dem Ort frägt. Er frägt nicht, wie es ihm geht oder was er macht, sondern erkundigt sich direkt, wo er sich befindet. Auch hier frägt er erneut nach – wobei nicht deutlich herauszulesen ist, ob er erneut frägt weil er es möglicherweise nicht richtig verstanden hat, oder um sich nochmal zu versichern, um wirklich den genauen Aufenthaltsort zu erfahren. Er möchte genau wissen sich wo sich sein Sohn aufhält, eine Orientierung, sowohl räumlich, als auch familiär, wo sind meine Familienmitglieder ? Sehr ähnlich lässt sich dies auch an folgendem Beispiel beobachten:

„‚Wohin fahren wir?‘, fragt mein Vater, als ich zurücksetze und wende.

‚Nach Würzburg, Papa.‘

‚Nach Würzburg? Zum Norbert?‘“ (ebd., S. 66)

Hier wird erneut deutlich, wie Orte als eine familiäre Orientierung fungieren. Mit Würzburg verbindet der Vater sofort den Wohnort seines Bruders Norbert und stellt daraufhin den Bezug dazu her. Wie bereits beobachtet, wird auch hier erneut gefragt, Würzburg allein reicht ihm nicht aus, er frägt nach dem „Ort“, also dem Zuhause seines Bruders, den er mit Würzburg verbindet.

Eine weiterer Ort, der im Zusammenhang mit einer Semantik der Orientierung immer wieder genannt wird, diesmal als eine Art zeitliche Orientierung, scheint der Ort des (ehemaligen) Arbeitsplatzes zu sein. Zeitlich in dem Sinne, als dass es sich auf die Vergangenheit bezieht, also was habe ich damals gemacht und vor allem: wo habe ich das gemacht? Im Hinblick auf den Arbeitsplatz fällt der Kontext der Thematisierung auf. Im Material wird dieser Ort meist in zwei unterschiedlichen Kontexten erwähnt.

Beobachtet wird, wie der Betroffene etwas sieht, meist einen Platz, eine Wohnung, eine Straße, etc., die er kennt, er erinnert sich offensichtlich an etwas und sagt es dann. Die Thematisierung des Orts kommt hier vom Betroffenen selbst und ist relativ kontextlos. Beispielsweise:

„Als wir am Bonner Loch wieder ans Tageslicht kommen, erinnert mein Vater sich, dass er hier, wo sich schon damals alle Junkies der Stadt versammelt haben, jahrelang in die Stadtbahn umgestiegen ist.

‚Das war mein Weg ins Büro.‘“ (ebd., S. 171)

Wie schon erwähnt, löst also der Ort eine Erinnerung aus und der Betroffene kommuniziert daraufhin diese örtliche Erinnerung und seinen Bezug dazu. Beobachtet wird hier, wie der Betroffene eine Orientierung vornimmt, er kennt sich aus, kennt den Ort sowohl räumlich, als auch zeitlich (‚das war mein Weg ins Büro.‘). Der Autor schildert diese Orientierung des Betroffenen und die darauffolgende Thematisierung dessen, denn dies ist nicht mehr selbstverständlich. Die Demenz erschwert ihm jegliche Art von Orientierung, sie ist prekär geworden, und umso plausibler erscheint auch die Kommunikation darüber. Der Vater wurde nicht gefragt, ob er den Ort kennt, aber spricht es dennoch an, denn er weiß es und er kann sich orientieren, was ihn möglicherweise mit Freude oder Stolz erfüllt, denn es stellt im Leben des Demenzerkrankten kein Selbstverständnis mehr dar.

Oft wird der Arbeitsplatz aber auch von Familienmitgliedern angesprochen, als eine Art Erinnerung oder Aufforderung an den Demenzerkrankten sich an seine Vergangenheit zu erinnern. Folgendes Beispiel zeigt diese Erkenntnis sehr deutlich:

„‚Papa, weißt du noch, dass du hier jeden Tag in den Zug gestiegen bist?‘, fragt Hanna.

‚Ach ja? Und wohin bin ich gefahren?‘

‚Nach Bonn. Morgens hin, abends wieder zurück.‘

‚Von hier aus?‘ Er schaut sich um, als stünde er zum ersten Mal hier. ‚Stimmt, ja, jetzt erinnere ich mich‘, aber es hört sich so an, als sage er es nur, um uns zu beruhigen.“ (ebd., S. 117)

Die Familienangehörigen, in diesem Fall die Tochter des Protagonisten, versuchen in diesem Fall eine Orientierung herzustellen, eine räumliche an den Ort am Bahnhof, wo er in den Zug stieg oder an Bonn, seinen Arbeitsplatz. Aber auch eine zeitliche Orientierung, an seine Vergangenheit, als er noch gearbeitet hat. Verdeutlicht wird hier vor allem, dass diese Prekarität auch den Familienmitgliedern bewusst ist, welche durch das Ansprechen der Orte versuchen, den Betroffenen bei der Herstellung von Verbindungen zu den Orten zu unterstützen.

Auch Sehenswürdigkeiten stellen im Material eine Raumsemantik der Orientierung dar. Wird beispielweise eine Stadt oder ähnliches genannt, so wird dies häufig mit einer Sehenswürdigkeit, mit Orten für Kultur, Freizeit, etc. verbunden. Der Betroffene verbindet den Ort mit etwas, an das er sich noch erinnern kann, was ihm wieder hilft sich zu orientieren. Im Folgenden wird ein Beispiel angeführt, welches dies sehr gut verdeutlicht:

„‚Wohin geht’s?‘, frag er, als wir beide sitzen.

‚Nach Bayreuth‘, sage ich und tippe unser Fahrtziel ins Navigationsgerät ein.

‚Zu den Festspielen? Haben wir Karten?‘“ (ebd., S. 180)

Beim Nennen der Stadt Bayreuth erfolgt sofort die Nachfrage nach dessen berühmten Bayreuther Festspielhaus. Diese Sehenswürdigkeit fungiert in dieser Geschichte als Orientierungspunkt, sowohl räumlich, als auch zeitlich, denn der Vater hat dort früher gearbeitet und hat deshalb einen Bezug dazu. Sobald der Name des Orts fällt, wird diese Verbindung, ein Bezug zu seiner Vergangenheit, hergestellt. Dass dies vermutlich kein Zufall ist, zeigt sich bereits eine Seite darauf, als dasselbe ganz ähnlich erneut kommuniziert wird:

„‚Heute nicht. Heute fahren wir nicht nach Andernach. Heute fahren wir nach Bayreuth.‘

‚Nach Bayreuth? Hast du Karten? Sind die Festspiele nicht vorbei?‘“ (ebd., S. 181).

In diesem Beispiel wird erneut der Ort, diesmal der Ort von bestimmten Sehenswürdigkeiten, statt des Arbeitsplatzes, in Zusammenhang mit Semantiken der Orientierung thematisiert. Diese Orientierung wird sowohl vom Betroffenen selbst, als auch von Angehörigen gefordert.

Die soeben erläuterte Art der Darstellung von Ort und Raum im Kontext von Semantiken der Orientierung wird, wie eben an verschiedenen Beispielen konkretisiert, in den analysierten Geschichten immer wieder deutlich und erscheint ganz zentral für Bücher und Erzählungen über Demenz, denn hier ist eine Orientierung, egal ob räumlich, zeitlich oder familiär eben nicht mehr unmittelbar gegeben. Die Personen können sich unter Umständen nicht selbstverständlich orientieren, Orientierung erscheint plötzlich nicht mehr als etwas auf natürliche Weise Gegebenes. Die Autoren beobachten und beschreiben die Krankheit Demenz somit auch als einen Verlust von Orientierung. Verlust von Bezug zu Raum, Ort, Zeit und auch zur Familie.

[...]


1 https://www.destatis.de/DE/Themen/Querschnitt/Demografischer-Wandel/demografie-mitten-im-wandel.html, zuletzt aufgerufen 18.03.2021

2 https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/dementia, zuletzt aufgerufen 18.03.2021

3 Im Buch „Der vergessliche Riese“ von David Wagner nennt der Vater seinen Sohn ausnahmslos „Freund“.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Orte in der Literatur über Demenz. Die narrative Darstellung von Verlust, Erinnerungen und Zuhause
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,7
Autor
Jahr
2021
Seiten
20
Katalognummer
V1014681
ISBN (eBook)
9783346417152
ISBN (Buch)
9783346417169
Sprache
Deutsch
Schlagworte
orte, literatur, demenz, darstellung, verlust, erinnerungen, zuhause
Arbeit zitieren
Anja Geisler (Autor:in), 2021, Orte in der Literatur über Demenz. Die narrative Darstellung von Verlust, Erinnerungen und Zuhause, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1014681

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