Exegese zu Gen 6,17-7,5. Biblische Sintfluterzählung


Hausarbeit, 2019

27 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Textkritische Untersuchung

3 Literarkritische Untersuchung
3.1 Duktus und Symbolik
3. 2 Die Anzahl der Tiere: Gen 6,19f und Gen 7,2-4
3. 3 Noah befolgt das ihm Gebotene: Gen 6,22 und 7,5
3. 4 Zwischenfazit

4 Überlieferungsgeschichtliche Untersuchung

5 Redaktionsgeschichtliche Untersuchung
5. 1 Grundschicht Gen 6,17-22
5. 2 Nachpriesterschriftliche Schicht Gen 7,1.2.3b-5
5. 3 Ergänzung Gen 7,3a und abschließende Redaktion

6 Formgeschichtliche Untersuchung

7 Traditionsgeschichtliche Untersuchung
7. 1 Der Atramchasis-Mythos
7. 2 Das Gilgamesch-Epos
7. 3 Traditionsgeschichtliches Fazit

8 Fazit

Schichtungsblatt Gen 6,17-7,5

I Abkürzungen

II Hilfsmittel

III Sekundärliteratur

1 E inleitung

Die vorliegende Arbeit untersucht Genesis 6,17 – 7,5. Ein gewisses Vorverständnis ist die Bedingung einer Exegese. Dieses Vorverständnis bedeutet jedoch, dass die Exegese nicht voraussetzungslos ist. Mit der eigenen Perspektive schwingen auch Vorurteile mit. Doch mit der Haltung, dass das Vorverständnis kein endgültiges Verständnis ist, lässt sich die Exegese betreiben.1 Das Vorverständnis ist bei diesem Text zwiespältig: Einerseits ist der Stoff des Textes einer der beliebtesten des Alten Testaments und wird im Kindergarten oder in der Kinderkirche vermittelt. Noah, viele Tiere, besonders die Taube und der bunte Regenbogen bleiben davon positiv in Erinnerung. Der eigentliche Text irritiert jedoch, weil er nicht das klassische Bild vom guten und wahrlich gerechten Gott vermittelt. Denn es erscheint ungerecht, dass Gott Noah allen anderen Menschen vorzieht. Gott erscheint hier als schwarz-weiß denkender Gebieter, der absolut Gutes fördern will und alles andere verurteilt und vernichtet. Was und wen er gerade erst geschaffen hat, verwirft er gnadenlos. Abgesehen vom Kontext der Fluterzählung wird das Vorverständnis von konkret von Gen 6,17-7,5 geprägt: Die Textstelle betont unbewusst stark das binäre Geschlechterverhältnis, was für den modernen Leser möglicherweise nicht selbstverständlich oder richtig erscheint.2 Im Text fällt die vermehrte Aufzählung von Tierarten auf, hier springen dem Leser die Dubletten förmlich entgegen. Sie sind der wohl auffälligste formale Bruch im Text. Die Frage tut sich auf, wie viele Tiere welcher Art auf die Arche kommen sollen: Sind es zwei, vier, sieben oder vierzehn reine oder unreine Tiere? Wie erklären sich die (scheinbaren) Widersprüche, was sagen sie über die Motive, Intentionen und Vorstellungen aus, die bei der Niederschrift der Verse existierten? Weiterhin fällt auf, dass als Gottesname sowohl אלהים als auch יהוה verwendet werden. Helfen solche offensichtlichen Risse im Text womöglich, Klarheit in die Textentstehung zu bringen? Sind die Wiederholungen ein rhetorisches Mittel eines Autors oder weisen sie auf mehrere Quellen hin, sind sie also Dubletten? "Die Art, wie die Quellenscheidung zu geschehen hat, kann der Anfänger aus dieser Perikope lernen."3 Was für Gunkel selbstverständlich erschien, soll in der vorliegenden Arbeit schrittweise mit den Methoden der historisch-kritischen Exegese erneut nachvollzogen werden, denn noch heute ist sich die Forschung nicht einig über die Bestandteile dieser Textstelle.4

2 T extkritische Untersuchung

Im kritischen Apparat der BHS sind einige Anmerkungen zum Wortlaut des Bibeltextes enthalten. Hier soll auf die relevanten Hinweise eingegangen werden. Grundsätzlich soll dem masoretischen Text gefolgt werden und im Allgemeinen ist dieser auch mit erhöhter Priorität zu gewichten. Bereits die einzelnen Wörter, bei denen die Lesarten und Übersetzungen voneinander abweichen, weisen auf inhaltliche Probleme bei der Interpretation hin. So gibt die Textoberfläche erste Hinweise auf die schwierigen Stellen des Abschnitts. In Gen 6,17aβ handelt es sich bei מים wahrscheinlich um eine Glosse, welche an „die Flut“ המבול gehängt wurde. Nach Gunkel handle es sich um eine Definition des vom Autor als Fremdwort empfundenen und in der Tat mehrdeutigen Wortes.5 Warum aber sollte die Flut als bekannt eingeführt werden und trotzdem direkt einer Erklärung bedürfen? Ein besseres Argument ist die diachronen Betrachtung der Wortbedeutung.6

In V. 19 zeigt sich, dass die Benennung der Tierarten sich als schwierig erweist. So übersetzt die Septuaginta die Vielfalt der Tiere deutlich ausführlicher, als es der Masoretentext tut: καὶ ἀπὸ πάντων τῶν κτηνῶν καὶ ἀπὸ πάντων τῶν ἑρπετῶν καὶ ἀπὸ πάντων τῶν θηρίων καὶ ἀπὸ πάσης σαρκός δύο δύο ἀπὸ πάντων εἰσάξεις εἰς τὴν κιβωτόν7 Damit passt sich wohl dem sprachlichen Duktus und dem Inhalt des darauffolgenden V. 20 an. Zudem wird bei dieser Übersetzung und in der Peschitta die Anzahl der Tiere doppelt und direkt aufeinanderfolgend geschrieben, wie es auch in 7,2 und 7,3 gemacht wird. Es ist daher wohl eine absichtliche Veränderung des Textes. Diese Lesart ist vor allem aufgrund des Prinzips lectio brevior probabilior abzulehnen. Auch im Samaritanischen Pentateuch wird eine Änderung vorgenommen: hier steht vor „Fleisch“ בשר der Artikel. Fleisch könnte man somit als anaphorische Wiederaufnahme des Antezedenten מכל־החי „allem, was lebt (=Lebewesen)“ sehen. Es könnte sich auch um eine vereinheitlichende Glättung handeln, da vor „Lebewesen“ ebenfalls der Artikel steht. In jedem Fall ist diese Änderung abzulehnen. Am Ende des V. 19 findet sich im Samaritanischen Pentateuch die Anfügung „und es geschah“ והיה , die wohl als Verbindung zu V. 20 hergestellt wird. Wie auch bei Vers 20a wird jedoch von einer Änderung abgesehen, da die kürzere, nicht geglättete Lesart vorzuziehen ist.

Hbräische Handschriften nach Kennicott, de Rossi und Ginsburg, der Sam. Pentateuch und Peschitta verwenden in 7,1 den anderen Gottesnamen יהוה , auch LXX fügt an κύριος noch ό θεός an. Diese Übersetzungen verwenden also in 6,22 und 7,1 den gleichen Gottesnamen. Es handelt sich dabei um eine bewusste Vereinheitlichung. Trotz der vielen Textzeugen für diese Schreibweise gilt: manuscripta ponderantur non numerantur und die Änderung ist abzulehnen. Auch die Vulgata lehnt die Vereinheitlichung ab: hier wird wieder zwischen deus und dominus unterschieden.

In 7,2b fügen der Sam. Pentateuch, LXX, Peschitta und Vulgata „zwei“ ein: איש ואשתו שנים שנים . Aufgrund derselben Probleme wie in V. 19, die die Anzahl der Tiere beim Lesen entstehen lässt, entstand hier wohl das Bedürfnis zu glätten. Fügt man die zwei nun ein, entsteht eine zu 7,2a שבעה שבעה איש ואשתו analoge Textoberfläche. Aufgrund der Maxime manuscripta ponderantur non numerantur ist diese Angleichung nicht zu übernehmen. Auch in 7,5 verwendet LXX an κύριος ό θεός , hier gilt Gleiches wie für 7,1.

3 L iterarkritische Untersuchung

Schon bei der Textkritik hat sich gezeigt, dass es seit jeher Probleme mit der Beschaffenheit dieser Textstelle gab. Übersetzer versuchten, die Textoberfläche zu vereinheitlichen. Die Textoberfläche bzw. Wortwahl und Duktus sollen deshalb hier zuerst analysiert werden, danach wird auf das Problem der Anzahl der Tiere eingegangen. In einem dritten Schritt wird der Kontext der biblischen Fluterzählungen einbezogen. Schließlich soll in einem Zwischenfazit eine These zur Textschichtung aufgestellt werden.

3.1 Duktus und Symbolik

Wie in Kap. 2 bereits erwähnt finden sich in der Textstelle zwei Gottesnamen: Der Gottesname in 6,22 אלהִ֖ים wechselt in 7,1 und 7,5 zu ְיהוה .8 Dieser Unterschied soll Grundlage für eine vorläufige Quellenscheidung sein: Gen 6,17-22 sei die Grundschicht P und Gen 7,1-5 die zweite Schicht N.9 Neben diesem markanten Unterschied gibt es weitere Unterschiede in der Wortwahl, die diese Quellenscheidung untermauern: Nur in 7,6, 7,17 und 9,11 wird noch als מַּבּ֥וּל als Subjekt verwendet.10 Auffällig ist, dass dieses Wort in 7,1-5 nicht vorkommt.11 In der Grundschicht wird für die Erde הארץ verwendet, die zweite Schicht verwendet sowohl ְּ פני כל־הארץ (V. 7,3) als auch פני האדמה (V. 7,4) und gebraucht damit eine komplizierte Ausdrucksweise, welche weniger auf die Erde als kosmisches Element verweist, sondern auf das, was auf der Erde ist. Auch der Ausdruck für die Gesamtheit der Fauna weicht bei den Schichten voneinander ab: In Gen V.17 und V.19 wird vom בשׂר gesprochen; in 7,2 hingegen von בהמה .12 Außerdem bringt die Form היקום֙ in 7,4bα erneut ein Synonym in den Text.

In der ersten Schicht wird die Formulierung „(von) allem/ jedem“ (מ)כל achtmal verwendet; in der zweiten Schicht nur einmal in V. 2a und V. 4bα. Auffällig ist der Gebrauch des Wortes ִ יגוע in V. 17. Es wird insgesamt zwölfmal und ansonsten nur poetisch verwendet; außerdem nur priesterschriftlich. יגוע drückt die Prozesshaftigkeit des Verderbens und Sterben aus. Besonders sticht auch die Erwähnung des Bundes hervor.13 In 6, 19f wird jeweils die relativ selten verwendete Hif’ il-Form להחיות mit der Bedeutung „leben lassen“ der Wurzel היה verwendet.14 In der zweiten Schicht findet sich diese Formulierung nicht - überhaupt wird der Zweck der Mitnahme der Tiere hier nicht genannt. Noah soll die Tiere lediglich „für sich“ mitnehmen. Da die Tiere nicht der Nahrung dienen, ist hiermit jedoch ein „mit sich“ nehmen gemeint.

Die Wurzel צדק wird erstmalig in 6,9 verwendet und in 7,1b aufgegriffen.15 In 7,1 werden die Familienangehörigen Noahs nicht explizit erwähnt, was dafürspricht, dass es sich um eine sekundär eingefügte Schicht handelt, in der es dieser Ausführlichkeit nicht bedarf, weil die Familienmitnahme schon vorausgesetzt wird. 7,1-5 erweckt eher den Anschein, als expliziere man eine bereits bekannte Erzählung. Der Wortschatz ist mannigfaltiger und neue Wortfelder werden eingebracht. Es werden mehr Synonyme anstatt konstant gleichbleibender Ausdrücke verwendet. In der Grundschicht hingegen ist der Erzählduktus klar und es gibt keine Dubletten.

Der Kontrast zwischen sterben und überleben steht in 6,17-20 im Vordergrund. In 7,1-3 hingegen wird durch die Vermeidung des Sterbens sowie durch die Gerechtigkeit Noahs eher das Erhalten des Lebens hervorgehoben.

Auffällig ist auch die vermehrte Verwendung u.a. symbolischer Zahlen16 in der zweiten Schicht. Das - von der Grundschicht abweichende17 - Datierungssystem ist symbolisch aufgeladen: In der zweiten Schicht wird ein Zeitsystem aufgestellt, was symbolisch stark aufgeladen sei: Nach sieben Tagen, einer Art Frist zur Beschaffung der Tiere, kommt Regen, der 40 Tage und 40 Nächte andauert.18 40 ist die Zahl des Vielen und der langen Dauer und wird mit einem unbestimmten "sehr lange", auch heute noch umgangssprachlich, gleichgesetzt.19

3. 2 Die Anzahl der Tiere: Gen 6,19f und Gen 7,2-4

Die bedeutendste inhaltliche Spannung innerhalb der Textstelle besteht in der Anzahl der Tiere, die Noah auf die Arche bringen soll. Zunächst einmal steht da, dass Noah von jedem Tier zwei in die Arche nehmen soll (6,19f.) Das jedem wird deutlich gemacht: „von jedem Lebewesen, von allem Fleisch, … von jedem …von den Vögeln nach ihrer Art, von dem Vieh nach seiner Art, von allen Kriechtieren auf der Erde nach ihrer Art … von jedem.“ Auch die Anzahl der Tiere wird überdeutlich: „zwei …männlich und weiblich sollen sie sein … zwei“. Durchaus nicht abwegig ist die Vermutung, bereits innerhalb dieser Grundschicht gäbe es weitere Schichten. Doch die Flutgeschichte spielt auf die Schöpfung an, die ja bewahrt werden soll. Deshalb werden hier wohl von einem Autor bewusst die Tiere, die Gott geschaffen hat, aufgegriffen: Vögel. (Gen 1,20), Kriechtiere (Gen 1,24) und allgemein lebende Wesen nach ihrer Art למינה + Wurzel היה (Gen 1,21). Außerdem solle die genaue Aufzählung, so Gunkel, zeigen, dass es wichtig sei, alle Tiere mitzunehmen.20 Ausschließen lassen sich nachträgliche Hinzufügungen hier nicht, doch gibt es keine Hinweise auf eine notwendige Hinzufügung, außerdem existieren keine Widersprüche innerhalb dieser Schicht.

Anders sieht es bei 7,2-4 aus. „Von jedem reinen Vieh … sieben“- also insgesamt, würde man denken, sieben, doch direkt darauf heißt es weiter: „sieben Männchen und ihre Weibchen“- als vierzehn Tiere! „und von dem Vieh, das nicht rein ist, davon zwei, ein Männchen und sein Weibchen.“ Unbestreitbar ist der Duktus hier um einiges komplizierter, als in der Grundschicht. Die syntaktische Logik der Tiermitnahme in 7,2a ist: 7=7+721, die Logik von 7,2b hingegen ist: 2=1+1. Die Grundschicht und die zweite Schicht sind also nicht aus einem Guss: Die Zahlen der Tiere widersprechen sich, außerdem findet sich eine inkonstante Logik in der zweiten Schicht.22 Im Gegensatz zur Grundschicht gibt es in der zweiten Schicht eine Bearbeitung, über die sich die Forschung weitgehend einig ist:23 V. 3a ist eine redaktionelle Auffüllung und damit die dritte Schicht in der Textstelle, einerseits aufgrund des ansonsten substantivischen Stils der zweiten Schicht, andererseits aufgrund der Syntax: 3b kann man direkt an 2 anschließen שנים איש ואשתו לחיות זרע „ein Männchen und sein Weibchen um Nachwuchs am Leben zu erhalten.“ Dem Glossator sei die zweite Schicht nicht genau genug und erkläre im Sprachgebrauch von der ersten Schicht, dass auch die Vögel erhalten bleiben sollen.24 Die Tiere werden aber in der zweiten Schicht ansonsten nicht weiter unterschieden, als in rein und unrein. Der starke sprachliche Bezug zum ersten Schöpfungsbericht fehlt hier.

Die kurze Ergänzung in V. 3a scheint eine inhaltlich etwas weniger relevante Ergänzung zu sein, sie ist eher auf die Textoberfläche bezogen. Sie erwähnt, dass auch je sieben Vögel mitgenommen werden sollen. Man kann sich diese Einfügung auch durch die in Kap. 2 erwähnte Einfügung der LXX in V. 7,2b erklären. Sie erzählt die Flut im Gegensatz zur zweiten Schicht nicht neu und fügt keine wesentlichen theologischen Aussagen ein. Es handelt sich jedoch nicht um eine sekundäre Verklammerung, sondern um eine Ergänzung, die sich nur auf die zweite Schicht bezieht.

3. 3 Noah befolgt Gottes Anweisung: Gen 6,22 und 7,5

In 6,18-21 und 7,1-3 wird jeweils der Auftrag zum Besteigen der Arche erteilt. In 6,22 und 7,5 wird berichtet, dass Noah Gottes Wort befolgt und umsetzt. Gott spricht in der gesamten Textstelle zu Noah- lediglich in 6,22 und 7,5 wechselt der Kommunikationsmodus von der direkten Rede zum neutralen Erzähler. Dass Noah auf Gottes Wort hört, ist wesentlich für sein Leben und die Erhaltung der Menschheit und der Fauna. Ist dies eine Erklärung für die zweimalige (6,22; 7,5) Erwähnung, dass Noah alles tat, was Gott ihm befahl? Die Dublette ויעש נח ככל אשר צוה kann kaum zufällig entstanden sein. Sie ist ein weiteres Indiz für zwei Quellen, wobei die eine sich auf die andere bezieht und „abschreibt“. Davon ausgehend ist eine literarische Wiederaufnahme dieses Satzes auszuschließen. Durch den Befund in V.5, dass Noah Gottes Wort befolgte, wird nämlich nicht elegant an 6,22 angeknüpft. Plausibel ist hingegen, dass die zweite Schicht schon weitgehend so fertig war, als Text, der die Grundschicht mit einer eigenen Akzentuierung neu auslegt und aufschreibt. Nach Gunkel habe Gott zweimal zu Noah gesprochen. Er habe Noah, welcher Gott gefiel, beauftragt, die Arche zu bauen. Da Noah diese Glaubensprobe bestand, habe Gott ihn nun als gerecht befunden und ihn daraufhin beauftragt, in die Arche zu gehen.25 Wahrscheinlicher sind jedoch gelegentliche Auslassungen oder Lücken in den Quellen, da die Fluterzählung doppelt überliefert ist.

3. 4 Zwischenfazit

Die Erzählelemente doppeln sich hier. Weitet man den Blick von der Textstelle auf ihren literarischen Kontext, so stellt man fest, dass die Flutgeschichte (Gen 6,5-9,1726 ) in so vielen Passagen doppelt erzählt wird, dass man allgemein von zwei Geschichten ausgehen kann. Diese Wiederholungen sind inhaltlich/ rhetorisch nur schwer erklärbar. Wahrscheinlicher ist es deshalb auch aus dem Kontext der Textstelle heraus betrachtet, dass zwei Schichten vorliegen.27 Die Scheidung der zwei grundlegenden Fluterzählungen ist vor allem aufgrund des folgenden Argumentes sinnvoll: In den Erzählungen liegen verschiedene Sprachgebräuche und Akzentuierungen vor. Will man den Erzählverlauf der ursprünglichen Geschichte nicht unglaublich umständlich halten und künstlich mit einer komplizierten Logik erklären, so zeichnen sich eindeutig zwei Quellen ab und fügt eine Begründung hinzu, weshalb Noah auserwählt wurde, zu überleben. Die Anzahl der mitzunehmenden Tiere weist auf ein auf das Opfer vorbereitendes Denken hin.

4 Ü berlieferungsgeschichtliche Untersuchung

Die Schöpfungsgeschichten erklären, dass es eine Welt gibt. Ob sie unzerstörbar ist, testen die Flutgeschichten aus: Sie spielen die Möglichkeit der Zerstörung durch und schließen sie für die Zukunft aus. Da, wie sich im Kapitel Traditionsgeschichte noch deutlich zeigen wird, Fluterzählungen ein schon lange und weit verbreitetes Vorkommen aufweisen, kann man davon ausgehen, dass es mündliche Vorstufen zum Text gab.28 Kern des Textabschnittes ist sowohl in der Grundschicht als auch in der zweiten Schicht der Befehl, in die Arche zu gehen und Familie, Tiere (das modifiziert auch die dritte Schicht) und Nahrung mitzunehmen. Im Kontext der gesamten Fluterzählung ist zumindest der Befehl, die Arche zu betreten, wesentlich. Da die Menschheit weiterhin existiert, ist die Mitnahme der Familie sowie der Tiere ebenso wesentlicher, zumindest implizierter Bestandteil der mündlichen Vorstufe. Die Aufforderung, Nahrung mitzunehmen, die Trennung in reine und unreine Tiere sowie die Erwähnung des Bundes müssen an dieser Stelle nicht Bestandteil einer mündlichen Vorstufe gewesen sein: Auf diese Aspekte kann eine Erzählung verzichten. Wie in Kap. 7 deutlich wird, ist die Mitnahme der Nahrung jedoch ein fester Bestandteil der Fluterzählungen im Umfeld des AT. Deshalb ist eine mündliche Tradierung dieses Auftrags sehr gut möglich. Der Bundesschluss hingegen ist ein biblisches Element. Dessen mündliche Vorstufe ist deswegen weniger wahrscheinlich. Ein praktischer „Sitz im Leben“ besteht vor allem hier nicht. Trotzdem lässt sich keine eindeutige Aussage über Wortlaut oder Abfolge der mündlichen Vorstufen machen.29

5 R edaktionsgeschichtliche Untersuchung

"Ein Schriftsteller der sein Werk erst sagen lässt, Noah sollte von allen Tieren je 1 Paar mitnehmen und gleich darauf, es sollten je 7 Paare sein, der die Flut 40 Tage dauern lässt und gleich darauf genau ausrechnet, dass sie über ein Jahr gedauert habe, ohne durch ein Wort anzudeuten, dass dies verschiedene Berichte seien, ist kein Redaktor, sondern einfach ein Idiot."30 Er arbeitete zwar "mit Scharfsinn", aber häufig auch "plump, unlogisch und ohne große Akkuratesse". Im Folgenden soll der merkwürdigen Redaktion der Textstelle auf den Grund gegangen werden. Jacob geht von keiner, da äußerst unregelmäßigen Redaktion aus. Da es sich jedoch um zwei Grundquellen handelt - wobei sich die eine wiederum auf die andere (oder eine Vorstufe davon) bezieht. Wenn man von einer Schichtung der biblischen Überlieferungen ausgeht, stellt sich die Frage, wie diese Schichten entstanden und aneinandergefügt worden sind. Welche Akzentuierungen finden sich in diesen Schichten, welches Gottesbild vermitteln sie, welche zeitgeschichtlichen Hintergründe haben die Betonungen und wie erklärt sich der masoretische „Zieltext“? Es ist so gut wie ausgeschlossen, die literarischen Vorlagen der beiden Quellentexte in Stil, Wortlaut, Umfang sowie Inhalt zu rekonstruieren. Das gelte vor allem für die Vorstufen zweiten oder dritten Grades. Es sei mit Umformulierungen, Auslassungen, vor allem aber mit Hinzufügungen zu rechnen.31 Die folgende Arbeit bezieht sich also auf die konkreten Quellen- nicht aber auf wahrscheinlich ehemalig vorhandene, aber nicht entdeckte oder nicht mehr erhaltene Quellen.

[...]


1 Das führt Bultmann in seinem Aufsatz "Ist voraussetzungslose Exegese möglich?" aus. Bultmann, Exegese, 414.

2 Diese Betrachtung soll in dieser Hausarbeit jedoch nicht weiter ausgeführt werden, da es sich nicht um eine gender-faire Exegese o.ä. handelt.

3 Gunkel: Genesis, 137.

4 Z. B. KRATZ; FISCHER

5 Vgl. Gunkel: Genesis, 142.

6 „Denn mit dem Wort mabbul verbindet sich in der biblischen Flutgeschichte von Haus gar nicht die Vorstellung einer die ganze Erde zu Noahs Zeiten bedeckenden Überschwemmung, und zwar gilt diese Behauptung für die Tradition, welche hinter der heutigen Fassung des Textes des P steht, wie den heute vorliegenden Wortlaut der Erzählung des J.“ Die Einführung der Flut als bekannte Größe erklärt sich so: „mabbul ist eine alte Bezeichnung des Himmelsozeans.“ Zur Begriffswandlung der „Flut“: BEGRICH, Joachim: Mabbul. 138.

7 Und von allen Haustieren und von allen Kriechtieren und von allen Wildtieren und von jedem Fleisch, je zwei wirst du in den Kasten führen.

8 Dies sei nach Jacob kein Grund und nicht einmal ein Indiz für eine Quellenscheidung: "Wo sich das Gotteswort lediglich an den Menschen richtet, heißt es J-h-w-h, so auch Tiere etwas tun sollen, Elohim [...] Denn nur zum Menschen, als einer Persönlichkeit, spricht der persönliche Gott, die übrige Schöpfung versteht nur Elohim, als welcher er durch den Menschen zu ihr spricht, wenn er auch ihr etwas befehlen will." Jacobs These ist jedoch zu vernachlässigen. Ein "Nebeneffekt", den das Menschenbild der beiden Autoren der Quellen mit sich bringt, kann nicht Grundlage einer These sein. Vgl. Jacob: Genesis, 197.

9 Diese Unterscheidung zwischen 6,17-22 und 7,1-5 machen z.B. Bosshard-Neupustil: Sintflut, 52, 106; Gunkel: Genesis, 137; Schrader: Lehrbuch 275f., Westermann: Genesis, 533f. Als konträre Position sei Jacob erwähnt, welcher zwei Quellen bestreitet und von einem einzigen Autor einer einzigen biblischen Fluterzählung ausgeht. Vgl. Jacob: Genesis, 195-199; Fischer: Genesis 1-11, 429.

10 Vgl. LISOWSKY: Konkordanz, 746.

11 Vgl. BEGRICH, Joachim: Mabbul, 141.

12 Vgl. Schrader: Lehrbuch, 275f.

13 Vgl. Baumgart: Art. Sintflut/ Sintfluterzählung, 3.

14 Vgl. LISOWSKY: Konkordanz, 485.

15 Vgl. LISOWSKY: Konkordanz, 1205-1209.

16 Zur Symbolik der Zahlen: Die Aufzählung der Tiere sei, so HUTMACHER, nicht nur durch zwei Quellen erklärbar, sondern ergebe eine symbolische Gesamtsummenzahl. Durch die Anzahl der Buchstaben werden hier als Hinweis gesehen, dass die Tiere Bilder des eigentlichen Thorah-Inhalts seien. In dieser Arbeit wird dieser Ansatz nicht weiterverfolgt, da es m.E. in einem gewachsenen Text nicht ergiebig ist, einzelne Zeilen aus einem gewachsenen Text, der aus mind. zwei Quellen stammt, mit Zahlenwerten zu versehen. Versteckte Intentionen der letzten Redaktion könnten(!) hiermit aufgedeckt werden, hier sollen jedoch alle Schichten betrachtet werden, wobei Hutmachers Analyse nicht nützlich ist. Hutmacher: Symbolik, 77-79.

17 Die Priesterschrift spricht hingegen in 7,24 und 8,3 von zweimal 150 Tagen, die die Flut dauert.

18 Zur Bedeutung der 7 und 40 Tage vgl. auch JACOB: Genesis, 202.

19 Vgl. Hutmacher: Symbolik, 15.

20 Vgl. Gunkel: Genesis, 143.

21 Gegen den Gedanken, es handle sich insgesamt um sieben Tiere, spricht die Erläuterung „sieben Männchen und ihre Weibchen“ und die Tatsache, dass die ungerade Zahl sieben einer erneuten Erklärung bedürfte, von welchem Geschlecht das letzte Tier sein sollte. Mit „Tier“ ist also der Artbestand, welcher ein männliches und weibliches Tier impliziert, gemeint.

22 Gegen JACOB: Genesis, S. 198f. Jacob hält an der These fest, dass 7,1-5 kein Widerspruch und keine Variante zu 6,19f. seien. Er argumentiert, dass Noah die Tiere "für sich nehmen" solle, wie in 6,21, zur Nahrung. Die sieben reinen Paare würden sämtlich geopfert, deshalb würde zur Fortpflanzung das achte Paar aus Gen 7,18-21 mitgenommen. "Nur als Gegensatz zu den reinen werden auch die nichtreinen mitgenannt, nämlich zwei, d.i. ein Paar." (199) Genau hier liegt das Problem in Jacobs Argumentation: Wären sieben zusätzliche Paare gemeint, hätte man das eine reine Paar an dieser Stelle nicht erwähnt!

23 Diese Position vertreten u.a. Delitzsch, Budde, Eißfeldt, Gunkel und Holzinger.

24 Vgl. GUNKEL, Genesis, 62.

25 Vgl. Gunkel: Genesis, 61.

26 Vgl. Baumgart: Art. Sintflut/ Sintfluterzählung, 2.

27 Vgl. u.a. Gunkel: Genesis, 137; Bosshard-Neupustil: Sintflut. 52, 106.; Schrader: Lehrbuch, 274–275f.; Westermann: Genesis, 532f.

28 Vgl. Westermann: Genesis, 531.

29 So auch BECKER, Arbeitsbuch, 66.

30 Jacob geht nicht von einer Quellenscheidung aus, stellt aber sehr treffend fest, wie unfertig und ungereimt die letzte Fassung des Textes ist. JACOB, Genesis, 197; 954-956.

31 Vgl. Kratz, Das Alte Testament, 204.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Exegese zu Gen 6,17-7,5. Biblische Sintfluterzählung
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Altes Testament)
Veranstaltung
Proseminar Exegese Altes Testament
Note
1,3
Jahr
2019
Seiten
27
Katalognummer
V1015117
ISBN (eBook)
9783346411075
ISBN (Buch)
9783346411082
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sintflut, Noah, Hermeneutik, Hebräisch, Exegese, Altes Testament, Proseminar, Genesis, Übersetzung, Auslegung
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Exegese zu Gen 6,17-7,5. Biblische Sintfluterzählung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1015117

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