Augustinus‘ memoria als Instrument der Absage an den Manichäismus vor dem Hintergrund der Begegnung mit Faustus


Hausarbeit, 2019

27 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Der zeitgeschichtliche und Augustinus‘ persönlicher Kontext der Abfassung der Confessiones
2.1 Gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen um 400 n. Chr.
2.1.1 Äußere Rahmenbedingungen in Hippo um 400 n. Chr.
2.1.2 Die Gattung der Confessiones und damit verbundene Intentionen
2.1.3 Die Echtheit der Confessiones
2.2 Augustinus' persönliche Umstände zur Abfassungszeit
2.2.1 Neuplatonische Einflüsse auf die memoria
2.2.2 Die Gegenwartsperspektive der memoria: zur zeitlichen Nähe der Abfassung der memoria
2.2.3 Motive für die Gestaltung der memoria

3 Augustinus' Lossagung und deutliche Distanzierung vom Manichäismus
3.1 Die Anfängliche Faszination gegenüber dem Manichäismus
3.2 Die Begegnung mit dem Manichäerbischof Faustus von Milve in Buch V
3.3 Augustinus' Reaktion auf die Begegnung mit Faustus
3.3.1 Der fortwährende Nutzen und das Beibehalten des Kontaktes zu Manichäern
3.3.2 Die späte Reaktion durch contra Faustum Manichaeum
3.4 Der Handlungsdruck auf Augustinus aufgrund anhaltender Kritik
3.5 Abwertung des Stellenwerts der Rhetorik

4 Die Augustinische memoria als antimanichäisches Instrument
4.1 Zur Verortung der memoria in den Confessiones
4.2 Der Aufstieg zum und im Gedächtnis
4.3 Die Zielrichtung des menschlichen Strebens
4.4 Das apriorische Wissen von Gott und Gottes Gnade als Ursprung des Strebens
4.5 Der christliche Gott als anthropologische Konstante

5 Fazit

Abkürzungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

1 E inleitung

tu excitas, ut laudare te delectet, quia fecisti nos ad te et inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te.1 Dass das menschliche Herz rastlos auf der Suche nach Gott ist, ist der wohl berühmteste Satz aus Augustinus‘ Confessiones. Seine persönlichen Erfahrungen reflektierte Augustinus (354- 430 n. Chr.) als Bischof von Hippo und machte sie in kraftvollen und anschaulichen Schriften dogmatisch für andere gültig und zugänglich.2 Augustinus ist ein Beispiel dafür, wie christliche Lehren entstehen: nicht aus naivem Bibelglauben oder bloß aufgrund logischer Konstruktion, sondern als Deutung des menschlichen Lebens vor dem Hintergrund von Gottes Offenbarung. In Karthago studierte er ab 371 Latein und Literatur. Seit der Lektüre von Ciceros Hortensius strebte er nach Sinnerfüllung und beschäftigte sich mit Philosophie und Theologie.3 Nachdem er mindestens 9 Jahre4 lang der pseudochristlichen Kirche um Mani angehört hatte, wandte er sich dem Katholizismus zu und wurde Bischof- ein unorthodoxer Werdegang! Auch, um sich für diesen Werdegang zu rechtfertigen, verfasste Augustinus seine Bekenntnisse, die Confessiones. Sie sind weit mehr als eine theologische Werbeschrift. Denn Augustinus sah sich als Verteidiger der Kirche, und da die Infragestellung seiner Autorität und Authentizität auch seine Kirche angriff, verteidigte er sie mit rhetorischer Raffinesse.5

Die letzten drei Bücher der Confessiones stellen die theologische Essenz von Augustinus' sich durch die Confessiones ziehendem Denken dar. Deshalb soll in dieser Arbeit nach einer allgemeinen Einordnung der Confessiones (Kap. 2) zunächst die Begegnung mit dem Manichäer Faustus (Kap. 3) betrachtet werden- auch im Lichte der memoria. Die Begegnung mit Faustus ist jene, anlässlich derer Augustinus innerlich dem Manichäismus den Rücken kehrt. Da er in dieser Szene jedoch nur ein Argument gegen das manichäische Weltbild, nicht aber gegen die Wirkung des Manichäismus vorbringt, benötigt er noch ein tiefergreifendes Argument: die memori a.6

Bereits im Proömium der „Bekenntnisse“ wirft Augustinus die Frage auf, woher das Wissen um Gott stammt. Der Mensch erfahre wohl nicht erst durch die Kirche von Gott, sondern sei schon durch seine Natur darauf ausgerichtet, Gott zu suchen. Diese Gedanken breitet Augustinus vorwiegend im Buch X der Confessiones aus, wo er das menschliche Gedächtnis auf eine grundlegende Gotteserfahrung durchsucht. Es zeigt sich also, dass die Passagen der Confessiones sich wechselseitig beeinflussen und aufeinander Bezug nehmen. So nimmt Augustinus die Suche nach der Wahrheit schon in Buch III vorweg, greift sie in Buch X wieder auf. Auch die Ablehnung der blendenden Rhetorik zieht sich durch das Buch. Es soll also im Folgenden analysiert werden, wie Augustinus auf vielfache Weise versucht, gegen die Lehre Manis zu argumentieren und sich vom Manichäismus zu distanzieren. Dabei soll die besondere Bedeutung der memoria herausgestellt werden: Warum schreibt er die memoria? Wie wirkt sich die Lektüre der memoria auf die vorangehenden Passagen aus? Wie ist die Darstellung der Begegnung mit Faustus zu verstehen, wenn man Augustinus‘ memoria als antimanichäisches Traktat betrachtet? In Kap. 4 werden diese Fragen zur Beschaffenheit, Bedeutung und möglicher kirchenpolitischer Intention der memoria analysiert. Letztlich soll erörtert werden, wie Augustinus vermittelt, dass er dem Manichäismus nach der Begegnung mit Faustus den Rücken kehrte und wie er Faustus und die memoria literarisch derart gestaltet, dass sie ihm für seine antimanichäische Argumentation dienen.

2 D er zeitgeschichtliche und Augustinus‘ persönlicher Kontext der Abfassung der Confessiones

Für die inhaltliche Untersuchung der memoria und der Begegnung mit Faustus muss zunächst die Entstehungssituation der Confessiones betrachtet werden, innerhalb derer Augustinus diese beschreibt. Denn auch der mitreißend und zuweilen modern wirkende Augustinus ist ein Mensch seiner Zeit und muss als solcher wahrgenommen werden. Bevor die persönliche Situation von Augustinus betrachtet wird, sollen zunächst die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen in Hippo um 400 betrachtet werden.

2.1 G esellschaftliche und politische Rahmenbedingungen um 400 n. Chr.

Augustinus ist ein Mensch der Spätantike und muss folglich in seinem historischen Kontext betrachtet werden. Etwa um 397 verfasste er neben der Schrift Ad Simplicianum die ersten Bücher der De doctrina christiana sowie die Confessiones, welche ca. 400 vollendet waren. Danach begann er seine großen exegetischen Arbeiten.7 Was beeinflusste den Bischof von Hippo in dieser Zeit des Umbruchs? Im Folgenden sollen kurz die wichtigsten politischen Rahmenbedingungen, die literarische Einordnung sowie die Quellenlage der Confessiones thematisiert werden.

2.1.1 Ä ußere Rahmenbedingungen in Hippo um 400 n. Chr.

Augustinus lebte in einer Zeit der Ausbreitung und Ausformung der Kirche im hellenistisch-römischen Raum. Hippo Regius war eines von wenigen großen Bistümern in Africa. 8 Zur Zeit Augustinus‘ war Africa lange Zeit (385-398) politisch praktisch unabhängig, es unterstand zwar faktisch der kaiserlichen Autorität, doch das römische Reich war von den afrikanischen Kornlieferungen abhängig.9 In Tripolitanien und Mauretanien war die römische Präsenz folglich verhältnismäßig schwach und die Urbanisation dünn.10 Kaiserliche Domänen hatten im Gegensatz zu Großgrundbesitzern erheblichen Einfluss. Aus dieser sozialen Diskrepanz und dem ländlichen Elend resultierten Spannungen, die Africa militärisch verwundbar machten- Hippo aber war eine relativ starke Befestigung.11

In Hippo war der Donatismus zunächst deutlich stärker als der Katholizismus vertreten, bis 411 erlangten die Katholiken jedoch die Oberhand. Hippo war das geistige Zentrum des christlichen Africa. Nach Valerius' Tod wurde Augustinus zwischen 395 und Anfang 397 Bischof von Hippo. Augustinus hatte ein monasterium clericorum (Klerikerkloster) gegründet, von wo aus er mit Unterstützung seine Werke abfasste.12

2.1.2 D ie Gattung der Confessiones und damit verbundene Intentionen

Die Confessiones gelten als die "erste introspektive Autobiographie der Geschichte".13 Nach dem narrativen Büchern I-IX jedoch wendet Augustinus seine Aufmerksamkeit ab von der Betrachtung der Vergangenheit und hin zur Gegenwart.14 Diese Bücher sind jeweils inhaltlich eigenständig, vor diesem Hintergrund verbietet sich eine vereinfachende Lesart der Bücher I-IX.15 Der Titel der Confessiones scheint zwar eine Geste der Selbstoffenbarung zu sein und teilweise schreibt Augustinus in einem sehr intimen Ton.16 Die Confessiones seien eine „persönliche Meditation“ und17 emotional authentisch.18 Doch schon Augustinus selbst reflektiert seine eigene Unzulänglichkeit in Bezug auf die Möglichkeit einer authentischen Selbstdarstellung.19 Sie sind vor allem das Werk eines Rhetorikers20 und, wie im Folgenden sichtbar werden soll, eine Verteidigung gegen kirchenpolitische Anfeindungen und Vorwürfe. Auch sind sie nicht ausschließlich als christliches Protreptikos zu betrachten.21 Im Gegensatz zur Konvention der Gattung Protreptikos richten sich die Confessiones an Mit-Christen statt an Nicht-Christen.22

2.1.3 D ie Echtheit der Confessiones

Die Confessiones unterliegen keinen konkreten Vorwürfen der Fälschung oder der Pseudepigraphie. Die Qualität des ältesten Textzeugen der Confessiones, des Codex Sessorianus aus dem 5. / 6. Jahrhundert (Rom, Biblioteca Nazionale Centrale, Codex Sessorianus 55 2099 aus Spanien[?]) wird trotz seiner zeitlichen Nähe zum Original deutlich geringer eingeschätzt als die einiger jüngerer Codices. Dann etwa ab dem 8. Jahrhundert kopierten die Schreiber originalgetreu und sorgfältiger den ursprünglichen Zeichenlaut. Für die Codices des 9.–11. Jahrhunderts dienten heute verlorene Handschriften als Vorlage. Textkritische Untersuchungen und der Vergleich mit der Situation der Überlieferung und der Qualität der römischen Klassiker weisen darauf hin, dass ein großer Teil der fehlerhaften Lesarten dieser Handschriften erst auf spätantike Vorlagen zurückgeht. Deshalb ist deren Wert für die Textkonstitution begrenzt.23

2.2 A ugustinus' persönliche Umstände zur Abfassungszeit

Nach seiner Taufe war sein Bischofsamt das wichtigste Ereignis in Augustinus' Leben und prägte sein literarisches Schaffen insofern, als dass man ihn als Spender des Heils durch Wort und Sakrament sah.24 Er war nicht nur für sich selbst vor Gott verantwortlich, sondern auch für die Gemeindemitglieder und er verfügte über eine einzigartige auctoritas (Kompetenz) über Schriftauslegung und Lebensführung von Geistlichen und Laien.25 Diese Aufgabe spricht dafür, dass Augustinus mit allen (rhetorischen) Mitteln sein Publikum zum rechten Denken und Leben bewegen wollte. Welche geistesgeschichtlichen Einflüsse wirkten auf ihn und welche konkreten Motive bewegten ihn zur Abfassung der memoria ?

2.2.1 Neuplatonische Einflüsse auf die memoria

Der wohl bedeutendste theologische Einfluss auf Augustinus war zur Abfassungszeit der Confessiones Ambrosius von Mailand. Auch ein Kreis christlicher Neuplatoniker prägte ihn.26 Von Augustinus‘ geistlicher Selbstfindung und Entwicklung seien hier ansonsten nur Einflüsse erwähnt, die explizit grundlegend für das Verständnis der memoria sind. Obwohl er der Philosophie abgesagt hatte, bediente er sich neuplatonischer Gedanken und Methodik.27 So beschreibt Augustinus Auf- und Abstiegs-Erlebnisse, die auf der neuplatonischen Ontologie basieren.28 Nach Platon könne der Mensch nur dank einer impliziten Idee eines Gegenstandes ihn als solchen erkennen. Die Kenntnis von Gott muss nicht differenziert sein, damit sie die Suche ermöglicht. Erst mit Fortschreiten der Suche wird das Bild von Gott explizit und reflexiv. Gott muss erst als solcher expliziert werden.29 Diese Idee führt Augustinus weiter und fragt nun, was genau Gott ist und möchte seine natürliche Idee von Gott konkretisieren.30 Durch das Studium der Paulusbriefe gewinnt Augustinus ein neues Menschenbild. Dieses spiegelt sich nicht nur in seiner Gnadenlehre wieder, sondern auch in der Erbsünden- und Prädestinationslehre und bildet deren Grundzüge. Die neue Anthropologie stelle den systematischen Leitfaden der Confessiones dar. So bekennt er seine Schuld im Suchen nach der beata vita und lobpreist Gottes Gnade und Führung in der Zuwendung und Umwandlung des Menschen.31

2.2.2 D ie Gegenwartsperspektive der memoria: zur zeitlichen Nähe der Abfassung der memoria

Nach den narrativen Büchern I-IX wendet sich Augustinus der Gegenwart zu. Die zeitliche Distanz zwischen der Abfassung und erzählter Situation (dem Sinnieren über die memoria) ist also äußerst gering. Augustinus schreibt aus seiner aktuellen Perspektive. Auch sein Menschenbild, seine Perspektive, ist noch recht jung und hat sich frühestens 394 gebildet.

2.2.3 M otive für die Gestaltung der memoria

In dieser Hausarbeit soll die Darstellung der memoria vor dem Hintergrund von Augustinus‘ antimanichäischem Motiv untersucht werden. Die rein emotionalen oder literarischen Motive sollen deshalb außer Acht gelassen werden. Augustinus war klug genug, um zu wissen, was es brauchte, um die Lehren und Praktiken Manichäismus' zu verleugnen.32 Augustinus ist es ein Anliegen, zu zeigen, dass er im zarten Alter von 19 Jahren dem Manichäismus verfiel, diese lückenhafte Lehre schnell durchschaute und sich innerlich distanzierte, bis er dem Manichäismus mit 29 Jahren, ausgelöst durch die Begegnung mit Faustus, absagte. Doch noch mindestens ein weiteres Jahr partizipierte er am manichäischen Leben und, so O'Donnell, erst 384-85 ging er wieder in eine katholische Kirche. Er hatte allen Grund dazu, seine manichäische Zeit herunterzuspielen: Er verließ Afrika als Manichäer, kam vier Jahre später zurück und erzählte, dass er getauft wurde. Er wurde nur von einer Minderheit, den Katholiken, akzeptiert. Diese ermöglichten ihm dann seinen nonkonformen Aufstieg zum Bischof.33 Deshalb warfen ihm die Donatisten vor, er habe dem Manichäismus niemals abgesagt. Er habe Africa verlassen, um vor dem Gesetz zu fliehen und kehrte erst zurück, als es sicher für ihn war. Die Eigenheiten der Lehre und Praxis von Augustinus seien die Weiterführung seiner früheren subversiven, unerlaubten Prinzipien.34 Seine eigene Gemeinde äußerte zwar keine Zweifel, aber seine Gegner äußerten sie dafür umso lauter.35 Deshalb versuchte Augustinus, sich gegen diese Vorwürfe zu immunisieren, die seine Vergangenheit betreffen. Er distanziert sich von den Donatisten und Manichäern.36 Außerdem bekämpfte Augustinus die manichäische Lebenspraxis,37 besonders deren Askeseregeln wie den Wein- und Fleischgenuss und das Eheverbot.38 Bücher verbreiteten Wissen nicht an eine breite Leserschaft. Der zentrale literarische Gegner waren die Manichäer und die Donatisten.39

3 A ugustinus' Lossagung und deutliche Distanzierung vom Manichäismus

Im vorangegangenen Kapitel 2.2.2 wurde deutlich, weshalb Augustinus ein Interesse daran hatte, sich von den Manichäern zu distanzieren. Doch weshalb hatte Augustinus das Bedürfnis, seine christliche Werbe- und Erbauungsschrift dermaßen politisch aufzuladen, dass sogar seine Dogmatik auf seine kirchenpolitische Haltung abgestimmt wird? Zunächst müssen Augustinus‘ anfängliche Begeisterung und seine wachsenden Zweifel für die Lehre und Praxis von Mani nachvollzogen werden. Anhand der Darstellung der Begegnung mit Faustus soll Augustinus‘ gegenwärtiges Problem veranschaulicht werden: Der Manichäer Faustus kann seine Fragen an die manichäische Kosmologie nicht beantworten, trotzdem sagt Augustinus sich nicht vom manichäischen Umfeld los. Die Kritik, der Augustinus als christlicher Bischof abwehren muss, veranlasst ihn wohl zu einem ersten Argument für seine tatsächliche Bekehrung: Er lasse sich nicht (mehr) von der manichäischen Rhetorik blenden.

3.1 D ie Anfängliche Faszination gegenüber dem Manichäismus

Die Anziehungskraft der Manichäer bestand im Wesentlichen aus vier Dingen: Der Manichäismus gab eine umfassende, scheinbar rationale, wenn auch nicht naturwissenschaftliche Welterklärung.40 Er ersetzte oder widerlegte andere Religionen nicht, sondern vollendete bestehende Konzepte der Weltanschauung. Der Dualismus artikulierte reale Konflikterfahrungen, was die griechische Philosophie im Gleichsetzen von Glück und Weisheit nicht tat:41 Er drückte das Missverhältnis zwischen realem Leben und rationalistischem Optimismus aus und integrierte den Gedanken, eine erlösungsbedürftige Situation könne nicht von einem guten Gott ausgehen.42 Die Manichäer lebten sexuell enthaltsam und boten ein lebenspraktisches Gerüst. Außerdem führen die Manichäer die philosophisch problematischen Derbheiten des Alten Testament auf den Herrscher der Finsternis zurück.43 Weiterhin erklärte z.B. die Aufnahme des Mondzyklusses in das manichäische Weltbild auf pseudowissenschaftliche Weise Naturphänomene.44 Kennzeichnend für den nordafrikanischen Manichäismus waren zwei Dinge: der Anspruch, das wahre Christentum zu sein sowie der Anspruch, naturwissenschaftlich bzw. geisteswissenschaftlich fundiert zu argumentieren.45 Dem zweiten Anspruch schien der Manichäismus aus Augustinus‘ Sicht jedoch nicht mehr gerecht zu werden, und so suchte er das Gespräch mit Faustus.

[...]


1 Conf. I,1,1: „Denn du treibst [den Menschen] an, dass es ihm gefällt, dich zu loben, denn zu dir hin hast du uns geschaffen und unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir.“ Die Confessiones werden aus folgender Edition zitiert: Augustinus, Confessionum libri XIII. Skutella, Martin (Hg.): Teubner. Ed. corr. cur. H. Juergens et W. Schaub, [Repr.], Stuttgart 1996 und als „conf.“ abgekürzt und nach Buch (I-XIII), Kapitel und Abschnitt nummeriert. Im 4.Kapitel dieser Arbeit wird fast ausschließlich Buch X zitiert, weshalb dort lediglich Kapitel und Abschnitt angegeben werden.

2 Später auch als Aurelius Augustinus bezeugt, vgl. Hauschild, Alte Kirche und Mittelalter, S. 231.

3 Vgl. Hauschild, Alte Kirche und Mittelalter, S. 231.

4 Vgl. conf. V,6,10.

5 So stellt auch Kurt Flasch fest: "Augustin schrieb immer polemisch, auch in den mehr meditativen oder stärker theoretischen Schriften. Er sah die Kirche als Himmelsstadt, die vom Satan bekämpft wird; in dieser Situation benutzte er auch das Gebet als sein Messer." Augustinus, Confessiones, S. 9.

6 Man könnte annehmen, Augustinus' Gedächtniskonzept gebe Hinweise auf die Authentizität oder Qualität seiner Erinnerungen. Doch ihm geht es nur zu einem geringen Teil darum. Die psychologischen und philosophischen Erkenntnisse sind ein interessanter Nebeneffekt seiner Ausführung. Wie auch bei der Lektüre der Gartenszene, stellt sich dem gefesselten Leser auch beim Aufeinandertreffen mit Faustus die Frage, was tatsächlich geschehen war. Doch das Aufeinandertreffen mit Faustus wird durch das memoria-Konzept anders beleuchtet. Die Szene steht beispielhaft für eine sich durch die Confessiones ziehende Abwehrhaltung und Argumentation gegen den Manichäismus.

7 Diese Datierung ist den Retractationes entnommen, in welchen Augustinus sein Werk rekapituliert und resümiert. Im Folgenden werden diese als Retr. abgekürzt. Vgl. Augustinus, Retr. 2,4. 2,6, 2,15.

8 Vgl. Drecoll, Augustin Handbuch, S. 23.

9 Vgl. Drecoll, Augustin Handbuch, S. 20.

10 Vgl. Drecoll, Augustin Handbuch, S. 21.

11 Vgl. Drecoll, Augustin Handbuch, S. 21–22f.

12 Vgl. Drecoll, Augustin Handbuch, S. 24-25.

13 Die Bücher werden nicht mit Erzählungen aus Augustinus' Leben abgeschlossen. Wenn das Werk als Ganzes betrachtet werden soll, dann kann der erste narrative Teil nicht rein biographisch aufgefasst werden, man würde die Komposition der Confessiones nicht ernst nehmen Außerdem wollen die Confesssiones hegt Augustinus selbst nicht den Anspruch, streng autobiographisch zu schreiben: Augustinus hätte nicht doppelte, sich widersprechende biographische Schriften in Cassicaium, um 386 veröffentlicht. Er hat aber wohl den Wert der biographischen Darstellung als Wandel erkannt. Vgl. Drecoll, Augustin-Handbuch, S. 297.

14 Er stellt Überlegungen über das menschliche Gedächtnis an (conf. X), darauf folgen Studien zu Natur und Zeit (conf. XI), geistiger und materieller Schöpfung (conf. XII) sowie Ausführungen zu Kirche, Offenbarung, Erlösung und Ewigkeit (conf. XIII).

15 Vgl. Drecoll, Augustin-Handbuch, S. 294.

16 Vgl. Schramm, Augustinus' Confessiones und die (Un-)Möglichkeit der Autobiographie, S. 174.

17 So fasst Chadwick die Confessiones auf. Vgl. Chadwick, Confessions, xxiiiff. . Doch die zuweilen intuitive, zuweilen ausgeklügelte Rhetorik und Argumentationsstruktur entromantisiert die Confessiones. Sie sollten nicht (allein) als persönlichen, spontanen Ausdruck religiöser Gefühle gelesen werden. Außerdem sind die Confessiones aus verschiedenen literaturwissenschaftlichen Positionen unterschiedlich zu bewerten. Aus poststrukturalistischer Sicht/ folgt man dem "linguistic turn", so ist es grundsätzlich nicht möglich, eine Autobiographie im Sinne einer direkten Äußerung herzustellen. Vgl. Derrida, Grammatologie, S. 17f.

18 Augustinus habe sich ängstlich zu seiner eigenen Vergangenheit hingewandt und eine Art Selbstbeobachtungstherapie betrieben. Sein Werk weise also eine psychologische Bedeutung auf. Es geht Brown nicht darum, Augustinus' Werk auf objektive Authentizität zu überprüfen, sondern die subjektive Faktizität der Anliegen und Empfindungen von Augustinus darzulegen. Dieser Standpunkt konkurriert also stets mit dem Wissen um Augustinus' rhetorisches Geschick und seine literarischen Kenntnisse. Vgl. Brown, Augustine of Hippo, S. 164f., 176, 181.

19 Augustinus reflektiert seine eigene Unzulänglichkeit in Bezug auf die Möglichkeit einer authentischen Selbstdarstellung. Therese Fuhrer sieht in den Confessiones eine "De-Konstruktion der Ich-Identität". Dies verdeutlicht, dass Augustinus gar nicht den Anspruch haben kann, autobiographisch im eigentlichen Sinne zu schreiben. Vielmehr betont sie den antimanichäischen Stellenwert der Confessiones. Vgl. Fuhrer, De-Konstruktion der Ich-Identität in Augustins Confessiones, S. 182. Im Rückblick erwähnt Augustinus zwei Funktionen der Confessiones: confessionum mearum libri tredecim et de malis et de bonis meis deum laudant iustum et bonum atque in eum excitant humanum intellectum et affectum. retr. 2,6,1: Sie sollen "Gott loben im Hinblick sowohl auf das Schlechte sowie das Gute an mir als gerecht und gut und erheben den menschlichen Geist und sein Gefühl zu ihm“.

20 Augustinus studierte Rhetorik (vgl. conf. 3,5,7) und war Professor für Rhetorik. Die Confessiones entsprächen nicht den modernen Erwartungen an die objektive Wiedergabe der empirischen Wahrheit, da sie im Kontext antiker Rhetorik entstanden. Vgl. O'Donnell, Augustine, S. 43.

21 Mit der Gattung "Protreptik" bezeichnet man antike Literatur, die zum Zweck des Werbens produziert wurde und die Leser oder Zuhörer von z.B. einer Lebensweise oder Religion überzeugen sollte. Zu den Confessiones als protreptisches Werk vgl. Kotzé, Annemaré, Augustine's Confessions. Communicative purpose and audience, in: SVigChr 71: Leiden u.a. 2004.

22 Vgl. Brachtendorf, Augustins "Confessiones", S. 293f.

23 Vgl. Drecoll, Augustin-Handbuch, S. 2–3f.

24 Vgl. Drecoll, Augustin Handbuch, S. 218.

25 Vgl. Drecoll, Augustin-Handbuch, S. 218f.

26 Augustinus wurde maßgeblich von der imponierenden geistlichen Autorität Ambrosius von Mailand beeinflusst. Dieser Repräsentant der katholischen Kirche war es, der Augustinus das Verständnis des Evangeliums vermittelte, ihn taufte und als Vorbild in seiner Lebensweise diente. Von ihm lernte er die allegorische Exegese und neuplatonische Ontologie. Vgl. Hauschild, Alte Kirche und Mittelalter, S. 232.

27 Neuplatonismus und Christentum schlossen sich jedoch nicht aus. Die neuplatonische Betonung der Selbsterkenntnis zieht sich durch das gesamte Werk Augustinus'. Vgl. Drecoll, Augustin-Handbuch, S. 297.

28 In der memoria steigt Augustinus in die Tiefen seines Gedächtnisses; eigentliche erleuchtende Aufstiegserlebnisse hingegen sind z. B. in conf. IX,10,25. Trotzdem ist das Stufenprinzip, der Gedanke, dass der menschliche Geist in organisierten, hierarchisch angeordneten Stufen untergliederbar ist, neuplatonisch. Vgl. Cornelius Mayer, Die Confessiones des Aurelius Augustinus, S. 294-296.

29 Vgl. Platon, Phaidon, 74a-75b.

30 Vgl. conf. X,6,8.

31 Vgl. Hauschild, Alte Kirche und Mittelalter, 235.

32 Vgl. O'Donnell, Augustine, S. 50.

33 Vgl. O'Donnell, Augustine, S. 48–49f.

34 Vgl. O'Donnell, Augustine, S. 42.

35 Vgl. O'Donnell, Augustine, S. 42.

36 Vgl. Drecoll, Die Entstehung der Gnadenlehre Augustins, S. 260ff.

37 Vgl. Drecoll, Augustin-Handbuch, S. 233.

38 Vgl. Augustinus, De moribus ecclesiae catholicae et de moribus Manichaeorum libri duo, 2,51; 2,56.

39 Nur wenige Mitglieder der donatistischen Kirche hatten Zugang zu Augustinus' Schriften oder kannten deren Inhalt. Vgl. O'Donnell, Augustine, S. 52–53f.

40 Vgl. conf. III,5,20.

41 Vgl. conf. III,3,10.

42 Vgl. c. Faust., 21,1.

43 Vgl. Flasch, Augustin, S. 29-32.

44 Feldmann, Der Einfluss des Hortensius und des Manichäismus auf das Denken des jungen Augustinus von Hippo S. 373, 591ff.

45 Für diese Arbeit ist die eigentliche Lehre Manis nachrangig. Dass nämlich die emotionale Anziehungskraft auf den begabten Augustinus‘ hingegen wesentlich ist, zeigt sich, wenn man die bisweilen absurde Lehre betrachtet. Der Manichäismus die am besten organisierte Form dualistischer Strömungen, welche die Spätantike aus Persien beeinflusst hat. Im Gegensatz zu den griechischen Philosophen suchte man nicht nach dem Einen, sondern ging von zwei gegensätzlichen Weltprinzipien aus. Dieser Dualismus war in der populär-religiösen Praxis des jüdischen und hellenistischen Lebens verbreitet. Diffuse gnostische Strömungen waren zu einer Art Kirche geformt worden, die Missionierung betrieb. Die Lehre besteht aus einem Dualismus vom Reich des Lichts, welchem das Reich der Finsternis gegenübersteht. Die beiden Götter der Reiche liegen im Kampf, bei welchem der Urmensch von der Finsternis verschlungen wurde, woraufhin der Gott des Lichtes einen Retter schickte. Dieser Retter sammelte die Lichtfunken aus der sichtbaren Welt und bringt sie zur Welt des Lichtes. Das Ziel der Manichäer besteht darin, der Vermischung von Licht und Finsternis entgegenzuwirken und zu beenden. In verschiedenen Stufen der religiösen Praxis arbeitet man an diesem Ziel. So leben "die Vollkommenen" enthaltsam, vegetarisch und abstinent. Die "Hörer" verzichten lediglich auf Weingenuss, ihre Seele muss jedoch durch viele Reinkarnationen hindurchgehen Vgl. Flasch, Augustin, S. 28.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Augustinus‘ memoria als Instrument der Absage an den Manichäismus vor dem Hintergrund der Begegnung mit Faustus
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Alte Kirche)
Veranstaltung
Proseminar Kirchengeschichte
Note
1,3
Jahr
2019
Seiten
27
Katalognummer
V1015122
ISBN (eBook)
9783346411037
ISBN (Buch)
9783346411044
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Augustinus, memoria, Confessiones, Augustin, Manichäismus, Mani, Philosophie, Theologie, Kirchenvater
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Augustinus‘ memoria als Instrument der Absage an den Manichäismus vor dem Hintergrund der Begegnung mit Faustus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1015122

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Augustinus‘ memoria als Instrument der Absage an den Manichäismus vor dem Hintergrund der Begegnung mit Faustus



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden