Ziel dieser Arbeit ist es, die Antworten zusammenzutragen, die Paulus und Lukas auf die Frage „Was ist ein Apostel?“ geben, welche Kriterien sie dafür nennen und welche sachlich-begrifflichen und personellen Abgrenzungen sie dabei treffen. Beide Konzepte scheinen zueinander in Spannung zu stehen bzw. sich gar zu widersprechen: Wo Paulus den Apostelbegriff verwendet, spricht er zumeist von sich selbst als Apostel. Demgegenüber bietet Lukas auf den ersten Blick ein stimmiges Zwölf-Apostel-Konzept ohne Paulus.
In Teil II dieser Arbeit soll es zunächst um die Berufung gehen, durch die ein „Apostel“ als solcher legitimiert wird: Ist es bereits der irdische Jesus, der zu Lebzeiten beruft, oder erst der Auferstandene, der in einer Erscheinung und/oder Offenbarung beruft? Oder handelt es sich beim Apostolat um ein auf den heiligen Geist zurückzuführendes χάρισμα und der „Apostel“ wird von seiner Gemeinde ausgesandt?
Teil III dieser Arbeit befasst sich dann mit der apostolischen Praxis: Welchen Auftrag hat ein „Apostel“? Welche Lebensweise ist für einen „Apostel“ charakteristisch?
Zum Abschluss sollen die Ergebnisse in Teil IV zusammengetragen und im Hinblick auf die Frage „Was ist ein Apostel?“ ausgewertet werden.
Die Frage „Was ist ein Apostel?“ führt zurück in die Entstehungszeit der Kirche, als es galt die urchristliche Tradition zu verbreiten und zu sichern. Die „Apostel“ sind die wichtigsten Traditionsträger dieser Anfangszeit; auf ihren Glauben und ihr Zeugnis von Jesu Auferstehung gründet sich der Glaube der Christen. Der Begriff ὁ ἀπόστολος als vom Verb ἀποστέλλειν („absenden“; „aussenden“) abgeleitete Nominalbildung findet sich im Neuen Testament rund 80 Mal, schwerpunktmäßig bei Paulus (29 Mal inklusive Kol und Eph bzw. 19 Mal in den sieben als authentisch eingestuften Paulusbriefen) und im lukanischen Doppelwerk (34 Mal, 6 Mal bei Lk und 28 Mal in der Apg). Im Urchristentum wird ἀπόστολος personal verstanden als „Gesandter“ bzw. „Bote“ in einem breiten Bedeutungsspektrum, das von den geläufigen griechischen Begriffen wie κῆρυξ oder πρεσβευτής offenbar nicht abgedeckt wurde. Trotz Versuchen, die spezifisch urchristliche Verwendung von ἀπόστολος herzuleiten oder zu erklären, bleiben die Anfänge des christlichen Apostelbegriffs im Dunkeln. Das Hauptproblem dabei ist das Vorhandensein nur weniger Quellen, die außerdem eine bereits fortgeschrittene Stufe in der Entwicklung des christlichen Apostelbegriffs reflektieren.
Inhaltsverzeichnis
I Einleitung: Was ist ein Apostel?
II Berufung als Legitimation
II.1 Irdischer Jesus / Erscheinung des Auferstandenen / Offenbarung Jesu Christi
II.2 Heiliger Geist / Charisma / Gemeinde
III Sendung mit Beauftragung
III.1 Evangeliumsverkündigung / Mission
III.2 Zeuge sein
III.3 Gemeindegründung und Gemeindeleitung
III.4 Recht auf Unterhalt
III.5 Zeichen und Wunder
III.6 Schwachheit und Leiden
IV Ergebnis: Was ist denn nun ein Apostel?!?
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Verständnis des Apostelbegriffs bei Paulus und Lukas, um die Kriterien für ein Apostolat sowie die sachlichen, begrifflichen und personellen Abgrenzungen beider Autoren herauszuarbeiten und ihre teils spannungsreichen Konzepte einander gegenüberzustellen.
- Vergleich der Apostelkonzepte bei Paulus und Lukas
- Legitimation des Apostolats durch Berufungserfahrungen
- Die Rolle der Evangeliumsverkündigung und Mission
- Kriterien für Zeugenschaft und Gemeindegründung
- Die apostolische Lebensweise zwischen Vollmacht und Schwachheit
Auszug aus dem Buch
II.1 Irdischer Jesus / Erscheinung des Auferstandenen / Offenbarung Jesu Christi
Lukas bezeichnet die Zwölf schon bei ihrer Ersteinführung durch den irdischen Jesus als „Apostel“:
„Und als es Tag wurde, rief er seine Jünger herbei, um von ihnen zwölf auszuwählen, die er auch Apostel nannte“ (Lk 6,13)
Καὶ ὅτε ἐγένετο ἡμέρα, προσεφώνησεν τοὺς μαθητὰς αὐτοῦ, καὶ ἐκλεξάμενος ἀπ’ αὐτῶν δώδεκα, οὓς καὶ ἀποστόλους ὠνόμασεν
Darin unterscheidet sich Lk 6,13 von seiner Vorlage Mk 3,1423, was den Verdacht erhärtet, dass Lukas hier bereits das Konzept verfolgt, durch diese Abänderung seiner Vorlage, also durch die Einführung des Apostelbegriffs durch den irdischen Jesus, die Kontinuität des Zeugnisses der Zwölf mit der Botschaft Jesu herauszustellen.24 Historisch hat Jesus weder die Kirche gegründet noch Amtsträger eingesetzt und seine Jünger auch nicht zu Traditionsträgern ausgebildet.25
In Lk 9,1-6.10 berichtet Lukas dann von der Aussendung der Zwölf nach dem Vorbild des Markus (Mk 6,7-13.30). Allerdings handelt es sich bei dieser Aussendung – ebenso wie bei der der 72 in Lk 10,1-24 – offensichtlich nur um einen vorübergehenden Auftrag, der mit der Rückkehr in Lk 9,10 wieder endet, denn am Ende des Lukasevangeliums hebt Jesus die Ausrüstungsregel für die Mission in seiner Abschiedsrede explizit wieder auf (Lk 22,35f.) und es erfolgt in Lk 24,36-49 eine nachösterliche, erneute Beauftragung durch den Auferstandenen,26 die kaum nötig gewesen wäre, wenn bereits der irdische Jesus einen universalen Apostolat begründet hätte.
Zusammenfassung der Kapitel
I Einleitung: Was ist ein Apostel?: Das Kapitel führt in die Fragestellung ein, beleuchtet die etymologische Herkunft des Begriffs und skizziert das Forschungsinteresse sowie das Vorgehen im Vergleich zwischen Paulus und Lukas.
II Berufung als Legitimation: Es wird analysiert, wer oder was einen „Apostel“ beruft, wobei die Unterschiede zwischen der lukanischen Perspektive (irdischer Jesus) und der paulinischen Sicht (Offenbarung des Auferstandenen) herausgearbeitet werden.
III Sendung mit Beauftragung: Dieses Hauptkapitel behandelt die praktische Ausgestaltung des Apostolats, von der Mission und dem Zeugnis bis hin zu Fragen der Gemeindeleitung, Unterhaltsansprüchen, Wundern und der Bedeutung von Schwachheit.
IV Ergebnis: Was ist denn nun ein Apostel?!?: Die abschließende Synthese stellt fest, dass es im Urchristentum keinen einheitlichen Apostelbegriff gab, und fasst die differierenden Ansätze von Paulus und Lukas zusammen.
Schlüsselwörter
Apostel, Paulus, Lukas, Auferstehung, Berufung, Apostolat, Mission, Zeuge, Evangelium, Gemeindegründung, Korintherbriefe, Apostelgeschichte, Christuserfahrung, Offenbarung, urchristliche Tradition
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das apostolische Selbstverständnis und die Definition des Apostelbegriffs im frühen Christentum, fokussiert auf die Konzepte von Paulus und Lukas.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Legitimationsgrundlagen (Berufung), die tägliche apostolische Praxis (Mission, Gemeindeleitung) sowie die unterschiedliche Gewichtung von Autorität, Leiden und Wundern.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Kriterien für den Aposteltitel bei Paulus und Lukas zu identifizieren und zu zeigen, wie beide Autoren das Apostolat theologisch und funktional unterschiedlich begründen und abgrenzen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine exegetische Analyse der neutestamentlichen Texte, die in den wissenschaftlichen Kontext der aktuellen Forschung zur Geschichte des Urchristentums gestellt wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Berufung als Legitimation sowie die detaillierte Darstellung der apostolischen Praxis, wie Mission, Zeugenschaft, Gemeindeleitung, Unterhaltsverzicht und das Verhältnis zu Wundern und Leiden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Apostolat, Offenbarung, Evangelium, Mission, Auferstehungszeuge und Gemeindegründung.
Wie unterscheidet Lukas das Apostolat von dem des Paulus?
Für Lukas ist der Apostelbegriff eng an den Kreis der Zwölf gebunden, die den irdischen Jesus begleitet haben müssen; Paulus hingegen begründet seinen Apostolat primär durch eine eigene Offenbarung des Auferstandenen.
Warum betont Paulus seine Schwachheit so stark?
Paulus nutzt seine Schwachheit, um dem Anspruch der „Überapostel“ entgegenzutreten; er sieht in der Teilhabe am Leiden Christi eine legitimierende Grundlage für seinen apostolischen Dienst, statt sich auf Wundertaten zu berufen.
- Arbeit zitieren
- Janina Serfas (Autor:in), 2017, Was ist ein Apostel? Antworten bei Paulus und Lukas, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1021847