Geschlechterrollen in einer heterosexuellen Beziehung. Eine Interviewstudie


Seminararbeit, 2020

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Soziologische Begründung der Fragestellung

3. Methodik und Feldzugang
3.1 Das Paarinterview
3.2 Fallauswahl und Einstiegsfrage

4. Befunde der Studie
4.1 Gesprächsorganisation und Aushandlung
4.2 Paaridentität und Partnerschaftscode
4.3 Arbeitsteilung im Haushalt aus den Augen der Interviewten

5. Fazit: Verborgene Reproduktion

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Emanzipation der Geschlechterrollen aus ihren traditionellen Mustern ist ein vielbesprochenes Thema in den letzten Jahren und Jahrzehnten. Man hört oft von der steigenden Berufstätigkeit der Frau, dem wachsenden Ansehen des Hausmanns und von egalitären Partnerschaftsverhältnissen. Die Idee der vorliegenden Interviewstudie ist es, zu untersuchen ob sich in einer jungen, heterosexuellen Beziehung diese Entwicklung beobachten lässt, oder ob sich althergebrachte Rollenverteilungen bewahrt haben.

Grundlegend für diese Frage ist die Annahme, dass sich in einer Partnerschaft durch das Aushandeln von beispielsweise der Aufteilung von Hausarbeit oder anderweitigen Verantwortlichkeiten, die entsprechenden geschlechtsspezifischen Rollenbilder entwickeln und reproduzieren.

Da es sich bei der folgenden Untersuchung um eine soziologische, und nicht etwa eine journalistisch-biographische, handelt, fällt der Fokus der Untersuchung nicht allein auf die faktischen Inhalte des Interviews. Vielmehr soll die performative Darstellung des Paares in der Interviewsituation Auskunft darüber geben, was bei einer reinen Textanalyse womöglich verborgen geblieben wäre.

Zu Beginn wird die theoretische Fundierung erörtert, auf welcher sich die Argumentation und Analyse der Untersuchung entfalten soll. Der Nachvollziehbarkeit wegen wird daraufhin die Methodik sowie der Feldzugang erklärt. Im Fokus der Arbeit steht dann die Untersuchung mehrerer Aspekte, die von Auszügen des Interviews unterstützt werden. In der Zusammenfassung werden die Ergebnisse der Untersuchung dargestellt und sich der Beantwortung der oben beschriebenen Leitfrage angenähert.

2. Soziologische Begründung der Fragestellung

Kann man durch die Darstellung von Geschlechterrollen innerhalb eines Interviews über das gemeinsame Zusammenleben als Paar, darauf schließen, dass in einer heterosexuellen Beziehung Geschlechtsidentitäten gebildet beziehungsweise reproduziert werden?

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen sei erst einmal zu rekonstruieren, wie innerhalb der Soziologie die Rolle des Geschlechts, besonders in einer Beziehung verhandelt wird. Hier wird an Stefan Hirschauer angeschlossen, der die Mikrosoziologie als Fundament dafür einführt, situative Aktivitäten zu untersuchen, in denen das Geschlecht hergestellt wird (Hirschauer 1989: 103/115). Er sieht als gegebene Grundannahme die soziale Konstruiertheit des Geschlechts.

Das Geschlecht wird also von sozialer Seite aus konstruiert, was im Umkehrschluss bedeutet, dass diese Konstruktion des Geschlechts, also die Darstellung, aktiv geleistet werden muss (Hirschauer 1994: 672). Man spricht von „Doing gender“. Diese basiert auf der Idee, dass Frauen und Männer ihre Geschlechtszugehörigkeit aktiv anzeigen. Sie drücken dies durch Genderismen, also „geschlechtsklassengebundenen individuellen Verhaltensweise[n]“ (Goffman 1994: 113) aus. Daraus lässt sich schließen, dass die Ausübung oder Nichtausübung bestimmter Tätigkeiten auch innerhalb einer Beziehung, beispielsweise beim Führen eines gemeinsamen Haushalts, eine Geschlechtsidentität bilden beziehungsweise reproduzieren kann. Lenz meint genau diesen Tatbestand, wenn er beschreibt, dass innerhalb von Paarbeziehungen die Geschlechterunterschiede aktiv produziert werden (2009: 61).

Seit etwa 40 Jahren ist die Hausarbeit als Untersuchungsobjekt Teil der Soziologie, besonders der Frauenforschung. Da in den 70er-Jahren sich diese Arbeit in den 70er-Jahren nahezu vollständig in den Händen der Frauen befindet, will die soziologische Thematisierung emanzipatorisch dieser Ungleichheit entgegenwirken und die Arbeit der Frau sichtbar machen. Mehrere Studien kommen in den 90er-Jahren zu dem Schluss, dass diese Arbeit, trotz dass die geschlechtliche Gleichstellung öffentlich immer häufiger gefordert wird, sich nicht von der Frau emanzipieren konnte (König 2012: 40-45).

Folgt man Regine Gildemeister, dass „die Arbeitsteilung eine der wichtigsten und grundlegendsten Ressourcen in der Herstellung von zwei Geschlechtern“ (Gildemeister 2010: 142) sei, dann kann man zu der Vermutung kommen, dass sich in einer heterosexuellen Beziehung, speziell beim Führen eines gemeinsamen Haushalts, die jeweiligen Geschlechterrollen entwickeln, respektive die vorhandenen Rollen verfestigen. So spricht Florian Schulz davon, dass eine geschlechtsspezifische Ausübung von Arbeiten im Haushalt, wie beispielsweise als Frau zu kochen oder zu putzen, als Mann dementsprechend das Auto zu waschen oder Reparaturen zu erledigen, gleichzeitig auch immer eine Demonstration des jeweiligen Geschlechts sei (Schulz 2010: 91ff).

Paarbeziehungen sind in der Soziologie seit dem Ende des 20. Jahrhunderts Teil von öffentlichkeitswirksamen Untersuchungen. Anschlussfähig für die vorliegende Arbeit sind dabei vor allem die Studien, die sich mit dem Paaralltag befassen.

Einen prominenten Versuch, die tatsächlichen Geschlechterverhältnisse in einer Zweierbeziehung mit dem Ideal der Gleichheit zu konfrontieren, unternimmt Kaufmann (1994). Er erkennt, dass entgegen des Ideals der egalitären Beziehung im alltäglichen Handeln traditionelle Muster von Männlichkeit und Weiblichkeit bestehen. Vielmehr findet in der Sozialisation eine Inkorporierung bestimmter Normen und Verhaltenserwartungen statt, die mit dem entsprechenden Geschlecht verbunden sind und dazu führen, dass zum Beispiel Frauen trotz des Ideals von Gleichheit und Emanzipation in alte Gewohnheiten der Arbeitsteilung zurückfallen. (Kaufmann 1994: 275).

Untersuchungen der Geschlechterverhältnisse nach sozialen Milieus publiziert Cornelia Koppetsch sowohl in Bezug auf latente Geschlechtsnormen (Koppetsch/Burkart: 1999) als auch in Bezug auf Krisenzeiten in: „Wenn der Mann kein Ernährer mehr ist“ (Koppetsch/Speck: 2015). Selbst in akademischen, individualisierten Milieus, die durch ein egalitären Partnerschaftscode gekennzeichnet sind, lassen sich traditionale Verhältnisse erkennen.

Aufbauend auf dem Forschungsstand der Soziologie im Hinblick auf die Geschlechtsidentität in einer Partnerschaft versucht die vorliegende Interviewstudie herauszuarbeiten, ob sich die Herstellung geschlechtsspezifischer Identitäten beim Führen einer heterosexuellen Zweierbeziehung in einem gemeinsamen Haushalt tatsächlich vollzieht. Es wird besonders vor dem Hintergrund der Arbeitsteilung im Haushalt, die schon bei Koppetsch Untersuchungsgegenstand ist (Koppetsch/Speck: 2015), untersucht, ob ein akademisches Paar entgegen der, speziell in diesem Milieu angestrebten Egalität der Geschlechter (Speck 2020: 65f), typische Geschlechterrollen herstellt und reproduziert.

3. Methodik und Feldzugang

Nachdem die soziologische Hinleitung ein theoretisches Fundament für die Analyse der vorliegenden Interviewdaten geleistet hat, sei an dieser Stelle die entsprechende Methodik und die Art des Feldzugangs beschrieben. Sowohl die Art des Interviews als auch die Weise, in der das Feld beforscht wird, sind eng mit den angestrebten Erkenntnissen verbunden, die aus den Daten gezogen werden sollen.

Das Ziel der Studie sei, wie oben angesprochen, die Darstellung von Geschlechterrollen eines Paares innerhalb der Interviewsituation nachzuvollziehen, um eine Schlussfolgerung darüber zu erlauben, inwiefern eine moderne, individualistische und heterosexuelle Zweierbeziehung traditionelle Geschlechtsidentitäten produziert. Die methodische Idee schließt dementsprechend an Stempfhuber an, in dem die Interviewsituation „selbst als Ort einer sozialen Praxis ernst genommen werden sollte“ (2012: 191).

3.1 Das Paarinterview

Das Interview ist ein Paarinterview, um durch die gemeinsame Erzählung beider Partner*innen Eindrücke darüber zu erlangen, wie sich eventuelle Rollenbilder bestätigen und wie die Machtbeziehung innerhalb der Beziehung sichtbar gemacht wird. Es „lassen sich damit die Interaktionen im Paar in situ erfassen, also die konkreten, interaktiven Handlungsvollzüge in unterschiedlichen Situationen, das doing couple im ethnomethodologischen Sinne und die Paarperformance“ (Wiembauer, Motakef 2017a: 29). Das bedeutet, dass die Interviewsituation als Ort der performativen Darstellung der Paarbeziehung dann fruchtbar ist, wenn beide in Form eines Paarinterviews daran teilnehmen und in ihrer Interaktion beobachtet werden können (Stempfhuber 2012: 122). Dementsprechend habe ich diese Form ausgewählt und mich entschieden, beide Partner*innen einer Zweierbeziehung zur gleichen Zeit zu befragen.

Aus Gründen der Anonymisierung werden im Folgenden Abkürzungen verwendet: Der Interviewende wird mit (I) abgekürzt, die weibliche Interviewte mit (W) und die männliche dementsprechend mit (M). Das Interview beträgt in der Länge 26 Minuten und 25 Sekunden und wurde persönlich in der gemeinsamen Wohnung des Paares geführt. Die Teilnehmer wurden über die Anonymisierung sowie über Datenaufzeichnung und Datenverwahrung aufgeklärt.

Die Auszüge aus dem Interview werden mit der jeweiligen Sprecherposition (I), (M) oder (W) versehen sowie mit den einzelnen Minutenangaben, an welcher der Redeanteil der Person beendet ist. Das Transkript ist in Wortlaut verfasst und wurde nur in Fällen der Anonymisierung respektive der Verständlichkeit verändert. Zwischenbemerkungen zu non-verbalen Äußerungen sind in Klammern hinzugefügt.

3.2 Fallauswahl und Einstiegsfrage

Die Teilnehmer*innen sind zwei, in einer heterosexuellen Beziehung lebenden, Partner*innen, die seit etwa fünf Jahren einen gemeinsamen Haushalt führen. Beide sind in gleichem Umfang sowohl Studenten als auch im akademischen Bereich erwerbstätig, kinderlos sowie nicht verheiratet.

Die Einstiegsfrage soll eine Aufmunterung zum Erzählen darstellen, um in das Interview einzuleiten und eventuelle erste Analyseschritte unternehmen zu können. So richtet sich die erste Frage an beide Interviewte und fordert sie auf, zu erzählen, wie es dazu kam, dass sie einen gemeinsamen Haushalt gegründet haben. Diese Frage wurde gewählt, um ein erstes Aushandeln des Gesprächsbeginns nachvollziehbar zu machen sowie einen Eindruck über die Darstellung der Erzählung über die Beziehung beider Partner in Interaktion zu bekommen.

4. Befunde der Studie

Im Folgenden soll zu einzelnen Ausschnitten des Interviews, bei denen jeweils die Frage als auch die Antwort einer oder beider Partner*innen berücksichtigt wird, eine Untersuchung verschiedener Aspekte stattfinden. Diese Beobachtungsaspekte, die als Unterüberschriften strukturiert sind, sind die Ergebnisse der Analyse der Interviewsituation sowie des Transkripts. Es wurde nach Kriterien der Häufigkeit und der Anschlussfähigkeit an theoretische Vorüberlegungen und Studien, wie oben unter Punkt 2 beschrieben, selektiert.

4.1 Gesprächsorganisation und Aushandlung

Betrachtet man die Eingangsfrage und die darauffolgende Aushandlung darüber, wer die erste, relativ offene Frage beantwortet, lässt sich beobachten, dass der männliche Partner (M) seiner Freundin (W) deutlich zu verstehen gibt, sie möge beginnen. Es wird also eine bestimmte Aufteilung von Zuständigkeiten zwischen beiden dargestellt.

I: Wie kamt ihr zu dem Entschluss zusammenzuziehen und wie lange lebt ihr schon zusammen in einem Haushalt? (Min.: 00:01)
M: Ja, fang du an. (An W gerichtet) (Min.: 00:02)
W: Ähm also zusammen sind wir insgesamt jetzt sechs Jahre, wir haben uns in der Schule kennengelernt und kamen nach dem Abi dann zusammen. Danach sind wir dann zusammen ins Ausland gegangen und haben da gezwungenermaßen nahezu die gesamte Zeit eh miteinander verbracht. Als wir dann nach über einem Jahr wieder nach Deutschland gekommen sind, wollten wir beide zusammen in der gleichen Stadt studieren und haben uns dann halt ne gemeinsame Wohnung gemietet. Genau, und seitdem, also etwa seit fünf Jahren leben wir zusammen, oder? (Min.: 00:42)
M: Ja genau, also wir leben eigentlich seit wir zusammen sind sind zusammen, seit fünf Jahren in unserer Wohnung hier. (Min.: 00:45)

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Geschlechterrollen in einer heterosexuellen Beziehung. Eine Interviewstudie
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Institut für Politikwissenschaft und Soziologie)
Veranstaltung
Qualitative Methoden der Sozialforschung
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
19
Katalognummer
V1021967
ISBN (eBook)
9783346418166
ISBN (Buch)
9783346418173
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziologie, Interview, Geschlechterrollen, Studie, Performativität, Qualitative Methoden, Sozialforschung
Arbeit zitieren
Nikolai Trojan (Autor:in), 2020, Geschlechterrollen in einer heterosexuellen Beziehung. Eine Interviewstudie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1021967

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