Diese Arbeit untersucht, wie Walther von der Vogelweide die Abhängigkeit beziehungsweise die Autonomie seinen Gönnern gegenüber im Einzelnen inszeniert. Dies wird beispielhaft an ausgewählten Sangsprüchen herausgearbeitet. Anschließend folgen zuerst eine chronologische Zusammenstellung von Walthers Gönnern und dann die Darstellung des Status eines fahrenden Sängers in der mittelalterlichen Gesellschaft.
Durch seine Tätigkeit als fahrender Sänger und seine teils sehr mächtigen Gönner, wie beispielsweise Könige oder dem Kaiser, war Walther von der Vogelweide informiert über politische Geschehnisse. An großen Höfen seiner Zeit war er als Berufssänger aktiv. Ob dabei die materielle Abhängigkeit von seinen Gönnern seine Kunstausübung bestimmte, soll im Folgenden genauer untersucht werden.
Walthers Bemühen um Aufmerksamkeit, gerechte Entlohnung und Anerkennung ist sicherlich in vielen seiner Sangsprüche ablesbar, wie zum Beispiel in L 21,10, der im Hauptteil dieser Arbeit behandelt wird. In anderen inszeniert sich Walther selbstbewusst und richtet seine Worte sogar direkt an den König, wie in der Philippschelte L 19,17. Er stellt sich somit selbst in verschiedenen Rollen dar.
Laut Kern trägt er unterschiedliche Masken, also personae, und denkt sich sowohl als jenes Ich, von dem im Text die Rede ist, als auch als das Ich, das im Text das Wort führt, als Singender. Er nimmt die Rolle des um milte bittenden Sängers, des scharfen Kritikers oder auch des Beraters in seinen Sangsprüchen an, was im Verlauf dieser Arbeit sichtbar wird. Für Eschke sind diese Rollen, in denen er sich selbst in Szene setzt und sich bewusst in den Vordergrund drängt, ein hervorstechender Einzelzug seiner Sangspruchdichtung.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Walthers Gönner/Auftraggeber und sein sozialer Status als fahrender Sänger
3. Untersuchung der Abhängigkeit und Autonomie Walthers zu seinen Gönnern/Auftraggebern anhand seiner Sangspruchlyrik
3.1 Sangsprüche, die Walthers Abhängigkeit vom Gönner inszenieren:
Philippston, Hofwechselstrophe (L 19,29): Abhängigkeit von der Stellung des Gönners
Wiener Hofton, Entartung der Welt (L 21,10): Abhängigkeit von Mildtätigkeit und Anerkennung durch den Gönner
König-Friedrichs-Ton, Lehensbitte an Friedrich (L 28,1): Abhängigkeit von gerechtem Lohn
3.2 Sangsprüche, die Walthers Autonomie gegenüber dem Gönner inszenieren:
Philippston, Philippschelte (L 19,17): Walther als Berater
Philippston, Thüringer Hofschelte (L 20,4): Sangspruch als Voraussetzung für höfische Kommunikation
Philippston, Volcantschelte (L 18,1): Walther als geschätzter Meister seiner Kunst
Unmutston, Erste Kärtnerstrophe (L 32,17): Walthers Gleichrangigkeit mit seinen Gönnern
Unmutston, Lehensbitte an Otto (L 31,23): Walther als Erretter aus politischer Not
Meißnerton, Undank des Meißners (L 106,3): Walther wahrt das Ansehen seines Gönners
4. Fazit
5. Literaturverzeichnis
Primärliteratur:
Sekundärliteratur:
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das komplexe Verhältnis zwischen dem fahrenden Sänger Walther von der Vogelweide und seinen Gönnern anhand ausgewählter Sangsprüche, wobei der Fokus auf dem Spannungsfeld zwischen materieller Abhängigkeit und der Inszenierung künstlerischer Autonomie liegt.
- Analyse der Rolle Walthers als fahrender Sänger im mittelalterlichen Sozialgefüge.
- Untersuchung der Abhängigkeitsverhältnisse durch das Motiv der Mildtätigkeit (milte).
- Interpretation der Selbsterhöhung und Autonomie in Walthers Sangspruchlyrik.
- Bewertung des Einflusses der politischen Situation auf die Sprecherrollen.
Auszug aus dem Buch
Philippston, Hofwechselstrophe (L 19,29): Abhängigkeit von der Stellung des Gönners
Nach Bauschke nimmt die Hofwechselstrophe Bezug auf Walthers Wechsel vom Wiener zum Stauferhof. Dies war ein entscheidender Umbruch in Walthers Leben. Diese Veränderung beschreibt Walther mit einer Vogelmetapher in Vers 3 und 4. Nach dem Tode Friedrich I auf einem Kreuzzug kann Walther nicht mehr im krenechen trit voranschreiten, sondern geht slîchent als ein pfawe (L 19,29, V. 3-4). Unter einem Gönner ist der Sänger wie ein Kranich, der im Gegensatz zum Pfau einen entscheidenden Vorteil hat: Er kann fliegen. Der Kranich ist dadurch deutlich freier als der Pfau, dessen Lebensbereich sich auf den Boden beschränkt.
Da Walther unter einem Gönner Sicherheit und Schutz genießt, ist er frei von finanziellen Sorgen. Durch diese Freiheit kann er in Ruhe seiner Arbeit nachgehen. Der Kranich wurde im Mittelalter zudem „als Bildnis stolzer Erhabenheit begriffen.“ Durch den Vergleich mit dem Kranich zeigt Walther Stolz auf seine Arbeit und seine Stellung als Hofsänger unter einem Herrscher wie Friedrich. Nach dem Tode Friedrichs bleibt Walther als Pfau der Erde verhaftet, so wie der tote Leib Friedrichs. Im Gegensatz dazu steht Friedrichs Seele, die in den Himmel aufsteigen konnte. Diese Begebenheit wird geschickt in einer Antithese verpackt: daz er an der sêle genas und im der lîp erstarp (L19,29, V.2). Auf der einen Seite gibt es die Seele, die geheilt wird und in den Himmel kommt, auf der anderen Seite den Körper, der tatsächlich stirbt und als leere Hülle auf der Erde bleibt. Die Seele entspricht mit der Vogelmetapher beschrieben dem Kranich, der Körper dem Pfau. Diese Interpretation zeigt, dass Walther mit Friedrich fühlt und da er als Pfau am Boden bleiben muss, erlebt er nach Friedrichs Ableben eine schwere Phase in seinem Leben als Sänger.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Abhängigkeitsverhältnisse von Walther von der Vogelweide und Darstellung der wissenschaftlichen Rezeption seiner Rollen.
2. Walthers Gönner/Auftraggeber und sein sozialer Status als fahrender Sänger: Untersuchung des sozioökonomischen Status Walthers als rechtloser fahrender Sänger und seiner wechselhaften Beziehungen zu mächtigen Gönnern.
3. Untersuchung der Abhängigkeit und Autonomie Walthers zu seinen Gönnern/Auftraggebern anhand seiner Sangspruchlyrik: Detaillierte Analyse verschiedener Sangsprüche, unterteilt in solche, die Abhängigkeit betonen, und solche, in denen Walther Autonomie und Selbstbewusstsein demonstriert.
4. Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse, die Walther als einen komplexen Akteur zeigen, der seine Abhängigkeit oft durch eine geschickte Inszenierung von Autonomie und politischer Bedeutung ausbalanciert.
5. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Walther von der Vogelweide, Sangspruch, Gönner, Autonomie, Abhängigkeit, milte, Hofsänger, Mittelalter, Politik, Inszenierung, Selbstbewusstsein, Literaturwissenschaft, Höfische Kommunikation, Lehensbitte, Rollenidentität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das Spannungsfeld zwischen materieller Abhängigkeit und künstlerischer Autonomie, das in der Sangspruchdichtung von Walther von der Vogelweide durch die Interaktion mit seinen Gönnern entsteht.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Rolle des Sängers als politischer Akteur, die Bedeutung der Mildtätigkeit (milte) für die Stabilität des Hofsystems sowie die rhetorischen Strategien der Selbstinszenierung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Walther seine Position als fahrender Sänger durch gezielte Selbstdarstellung und die Nutzung politischer Klugheit gegenüber seinen Gönnern aufwertet und sich aus reinen Abhängigkeitsverhältnissen emanzipiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine textanalytische Vorgehensweise, wobei die Sangsprüche vor dem Hintergrund aktueller literaturwissenschaftlicher Forschung zur Performanz und sozialen Einbindung von Sängern im Mittelalter interpretiert werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse von Sprüchen, die Walthers Abhängigkeit (z.B. durch die Kranich-/Pfau-Metaphorik) thematisieren, und Sprüchen, in denen Walther als selbstbewusster Berater und Lehrer auftritt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen: Walther von der Vogelweide, Sangspruch, milte, Autonomie, Abhängigkeit, Höfische Kommunikation und politische Inszenierung.
Wie interpretiert der Autor die "Vogelmetapher" in der Hofwechselstrophe?
Die Metapher dient als Kontrast zwischen der Freiheit des Kranichs (Symbol für den Gönner/Status) und der Bodenhaftung des Pfaus (Symbol für Walther ohne festen Gönner), wobei Walther durch den Vergleich seine existenzielle Verunsicherung nach dem Tod Friedrichs I. ausdrückt.
Inwiefern beeinflusst der "Dank" Walther in seiner Kunstausübung?
Der Lohn wird nicht nur als finanzielle Entlohnung, sondern als gerechte Gegenleistung für die kunstvolle Vermittlung höfischer Werte gesehen; bleibt dieser aus, nutzt Walther den Sangspruch als Droh- oder Korrekturmittel gegen den Gönner.
- Quote paper
- Anonym (Author), 2017, Inszenierung der Autonomie- und Abhängigkeitsverhältnisse in Walther von der Vogelweides Sangsprüchen. Interpretation der Sangsprüche, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1022622