Postpartale Depression und mögliche Auswirkungen auf die Mutter-Kind-Bindung

Unterstützungsmöglichkeiten in der Sozialen Arbeit


Bachelorarbeit, 2020

66 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG

2 POSTPARTALE DEPRESSION
2.1 RISIKOFAKTOREN EINER POSTPARTALEN DEPRESSION
2.2 SYMPTOME EINER POSTPARTALEN DEPRESSION
2.3 PRÄVALENZ UND VERLAUF POSTPARTALER DEPRESSION

3 ABGRENZUNG DER POSTPARTALEN DEPRESSION VON BABY-BLUES UND POSTPARTALER PSYCHOSE
3.1 ENTWICKLUNG, PRÄVALENZ UND SYMPTOME VON BABY-BLUES
3.2 ENTWICKLUNG, PRÄVALENZ UND SYMPTOME VON DER POSTPARTALEN PSYCHOSE

4 BEDEUTUNG DER BINDUNG FÜR DIE KINDLICHE ENTWICKLUNG
4.1 BEGRIFFSDEFINITIONEN
4.2 BINDUNGSTHEORIE
4.3 DAS INNERE ARBEITSMODELL UND DIE MENTALISIERUNGSFÄHIGKEIT
4.4 BINDUNGSMUSTER
4.4.1 Sichere Bindung
4.4.2 Unsicher-vermeidende Bindung
4.4.3 Unsicher-ambivalente Bindung
4.4.4 Desorganisierte Bindung
4.5 ZUSAMMENHANG ZWISCHEN KINDLICHEN BINDUNGSMUSTERN MIT SPÄTEREN SOZIALEN BEZIEHUNGSVERHALTEN

5 AUSWIRKUNGEN DER MÜTTERLICHEN POSTPARTALEN DEPRESSION AUF DAS KIND UND DIE FRÜHE BINDUNG
5.1 INTERAKTIONSVERHALTEN DER POSTPARTAL DEPRESSIVEN MUTTER MIT DEM KIND
5.2 AUSWIRKUNGEN DER POSTPARTALEN DEPRESSION AUF DIE KINDLICHE ENTWICKLUNG
5.3 INTERAKTIONSVERHALTEN VON KINDERN POSTPARTAL DEPRESSIVER MÜTTER
5.4 ZUSAMMENHANG DES MÜTTERLICHEN INTERAKTIONSVERHALTENS MIT DEM BINDUNGSAUFBAU

6 HILFEMÖGLICHKEITEN FÜR MÜTTER MIT POSTPARTALEN DEPRESSIONEN IN DER SOZIALEN ARBEIT
6.1 GESETZLICHE GRUNDLAGEN
6.2 BEHANDLUNGSBEDÜRFTIGKEIT DER POSTPARTALEN DEPRESSION
6.3 ,,EPDS" FÜR METHODISCHE FRÜHERKENNUNG VON POSTPARTALEN ERKRANKUNGEN
6.4 RESSOURCENORIENTIERTE SOZIALE ARBEIT
6.5 VERSTEHEN PSYCHISCHER VORGÄNGE
6.6 KOOPERATION VON JUGENDHILFE UND PSYCHIATRIE
6.7 ALLGEMEINER SOZIALER DIENST
6.8 PRÄVENTIVE ANGEBOTE FÜR EINEN SICHEREN BINDUNGSAUFBAU
6.8.1 Frühe Hilfen
6.8.2 Schwangerschaftsberatungsstellen
6.8.3 Familienhebammen
6.8.4 Schreibaby-Ambulanz
6.8.5 Bindungsbasierte Hilfen
6.8.7 Modellprojekte
6.9 INTERVENTION
6.9.1 Hilfen zur Erziehung und Kindeswohlgefährdung
6.9.2 Systemische Familientherapie
6.9.3 Traumabehandlung für Säuglinge und Kleinkinder
6.9.4 Stationäre Mutter-Kind-Behandlung

7 SCHLUSS

8 LITERATURVERZEICHNIS

1 Einleitung

Eine Schwangerschaft und Geburt sind besondere Ereignisse im Leben, womit die Entwicklung einer zweiten Identität beginnt. Diese Veränderungsprozesse geschehen auf psychosozialer und biologischer Ebene. Hier ist besonders die Mutter durch die körperliche Anpassung, wiedie Zunahme der Hormone Östrogen und Progesteron, „dessen Wirkung einem Antidepressivum gleicht“ (Herrmann 2015, S. 10), sowie die vierzigfache Vergrößerung des normalen Umfangs der Gebärmutter herausgefordert. Der Körper arbeitet in dieser Zeit „auf Hochtouren, um eine hinreichende Versorgung für Mutter und Kind zu gewährleisten“ (ebd.). Für diese drastische Veränderung, die „ein erhöhtes Krisenpotenzial in sich“ (ebd.) birgt, benötigt die Mutter feh­lende Zeit, um sich vor allem von der Geburt zu erholen. Eine weitere Schwierigkeit stellt der „biologisch herbeigeführter Entzug“ (ebd., S. 11) nach der Entbindung, wenn der Hormonspie­gel rasch abfällt, bei der eine depressive Verstimmung kaum zu verhindern ist (vgl. Herrmann 2015, S. 10f.).

Die Gesellschaft und vor allem die Medienverbreiten das Bild einer perfekten Mutterschaft und verblenden die Wirklichkeit mit „erhöhten Idealkonzepte[n]“ (Wimmer-Puchinger2013, S. 56) einer Mutter. Dass werdende Mütter sich in der pränatalen Zeit von „Stress, negativen Emotionen, Unglücklichsein“ (ebd.) distanzieren sollten, um keine negativen Auswirkungen auf das Kind zu haben, setzt sie weiter unter Druck. Der durch die gesellschaftlichen Vorstel­lungen weiter zunehmende Wunsch eines „perfekten Babys“ lässt die Enttäuschung nach der Geburt umso größer werden (vgl. ebd.). Oft befinden sich dann die unerfahrenen, jungen Mütter in der unerwarteten Situation ohne Hilfe von außen. So kann es zu Verunsicherungen und Selbstzweifel kommen, wenn die Mutter die in der Gesellschaft vorherrschenden übertriebenen Erwartungen einer „perfekten Mutter“ nicht erfüllen kann. Hierdurch kommt es oft zu einem perfektionistischen Selbstanspruch, der die Mutter zusätzlich belastet und sie so „schnell an den Rand ihrer Kräfte“ (Herrmann 2015, S. 12) gerät. Dadurch bildet sich „die erste Grundlage für die Entstehung einer depressiven Erkrankung in der Postpartalzeit“ (ebd.).

Die postpartale (,post‘- ,nach‘, ,partus‘- ,Entbindung‘) Phasemeintdie Zeit nach der Entbin­dung. Der Begriff „postnatal“, der eher in der englischen Fachliteratur verwendet wird, ist in der psychiatrischen Terminologie mit dem Begriff ,postnatal‘ gleichzusetzen, da ,natus‘ aus dem lateinischen mit ,Geburt‘ übersetzt wird. Wenn Symptome einer psychischen Störung „in­nerhalb des ersten halben Jahres nach der Entbindung“ (Hermann 2015, S. 7) auftreten, wird diese Zeit postpartal genannt (vgl. ebd.). In der vorliegenden Bachelorarbeit wird der Ausdruck „postpartal“ verwendet.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der postpartalen Depression (PPD) und geht der Frage nach, ob und welche Auswirkungen die mütterliche psychische Erkrankung auf die Mut­ter-Kind-Bindung hat und wie die Soziale Arbeit in diesem Bereich unterstützen kann.

Zunächst wird im zweiten Kapitel die postpartale Depression mit ihren Risikofaktoren, Symp­tomen und der Prävalenz sowie ihrem Verlauf vorgestellt. Da sich diese Arbeit auf die PPD konzentriert, wird in dem dritten Kapitel die postpartale Depression von den anderen zwei post­partalen Erkrankungen, der postpartalen Dysphorie und postpartalen Psychose, abgegrenzt. Nachdem die Grundlagen der postpartalen Depression dargestellt worden sind, wird im vierten Kapitel der Bachelorarbeit die Bindungstheorie und -forschung vorgestellt. Hier wird der Frage nachgegangen, wie das Kind eine sichere Bindung zur Bindungsperson aufbaut. Diese Bin­dungspersonen können zum Beispiel Eltern, Pflegeeltern oder die Großeltern sein. Da die vor­liegende Arbeit sich speziell auf Mutter-Kind-Bindung bezieht, wird der Begriff der Bindungs­person zum großen Teil mit dem Begriff der Mutter gleichgesetzt. Dieses Kapitel ist für die Beantwortung der Frage, welchen Stellenwert die Bindung im Leben des Kindes hat und wieso diese in der frühen Kindheit wichtig ist, von großer Bedeutung. Mithilfe von diesem Wissen werden die Auswirkungen der postpartalen Depression auf das Kind und die frühkindliche Bin­dung erläutert. Hier wird die Wirkung des mütterlichen Interaktionsverhaltens auf die kindliche Bindung untersucht. Schließlich wird gezeigt, welche Möglichkeiten es in der Sozialen Arbeit gibt, um postpartale Depressionen vorzubeugen oder diese zu behandeln. Hierbei unterscheiden sich die Hilfen zwischen Prävention beziehungsweise Frühintervention und Interventionsmaß­nahmen.

Hier wird zumeist die weibliche Form der pädagogischen Fachkraft, Pädagogin, Sozialarbeite­rin, Therapeutin, benutzt, was jedoch den Pädagogen, Sozialarbeiter und Ähnliches nicht aus­schließen soll. Genauso wird in dieser Arbeit von einer Elternbeziehung zwischen Mann und Frau ausgegangen und schließt dabei keine gleichgeschlechtlichen Beziehungen aus. Außerdem wird aus Gründen der einfacheren Lesbarkeit die Abkürzung „PPD“ für postpartale Depression benutzt.

2 Postpartale Depression

2.1 Risikofaktoren einer postpartalen Depression

Die Geburt erfordert insbesondere beim ersten Kind körperliche sowie psychische Veränderun­gen der Mutter und stellt eine große Veränderung im Leben dar, welche immer wieder vor dem Auftreten psychischer Störungen festgestellt werden konnten. Hohe Emotionalität und psychi­sche Labilität kann im Postpartum „nicht zuletzt auf dem Hintergrund der ausgeprägten hor­monellen Umstellung nach der Geburt“ (Dorsch/Rohde 2016, S. 355) eine Folge sein. Hierzu haben Studien in den letzten Jahrzehnten bewiesen, dass Frauen in dieser Zeit öfter an psychi­schen Erkrankungen leiden (ebd.).

Postpartale Störungen sind keine „modernen“ Erkrankungen. Um 400 v. Chr. beschreibt Hip- pokrates als Erster in seinem dritten Buch der Epidemien Symptome, die auf eine postpartale Krankheit hinweisen. Eine Mutter sei nach der Geburt von ihren Zwillingen irritiert und unru­hig, wobei er die Ursache darin sah, dass sie einen gestörten Wochenfluss, eine Milchstauung oder Muttermilch ins Gehirn eingedrungen sei (vgl. Dorsch/Rohde 2016, S. 335f.).

In den vergangenen Jahren konnte eine Zunahme von depressiven Erkrankungen gekennzeich­net werden (vgl. Dorsch/Rohde 2016, S. 358). Kulturelle und gesellschaftliche Einflüsse kön­nen vor allem im Postpartum psychische Störungen verursachen. Das zeigt, dass eine PPD von multiplen Faktoren begünstigt werden kann. Vor allem Veränderungen in der Familie und im „sozialen Umfeld mit Reduktion auf Kleinfamilien, spezielle Vorbereitungen und Planung der wenigen Schwangerschaften im Leben von Frauen“ (Dorsch/Rohde 2016, S. 358) und überzo­gene Eigenansprüche der Mutterrolle, die insbesondere in den Medien dargestellt werden, kön­nen zu einer Entwicklung einer PPD hinführen (vgl. ebd.). Im weiteren Verlauf werden einige psychosoziale, biologische und andere Risikofaktoren genannt.

Soziale Faktoren:

- fehlende oder geringe Hilfe aus dem sozialen Umfeld (vgl. Dorsch/Rohde 2016, S. 358)
- „soziale Isolation“ (Plattner 2017, S. 47)
- Konfliktgeladene Partnerschaft (vgl. Dorsch/Rohde 2016, S. 358)
- Häusliche Gewalt (vgl. ebd.)
- Finanzielle Situation (vgl. Plattner 2017, S. 47 und Reck 2012, S. 302)
- Migration (vgl. Dorsch/Rohde 2016, S. 358)

Psychologische oder klinische Faktoren:

- Hervorrufen der eigenen Kindheit und der damit einhergehenden Gefühle und Wünsche (vgl. Plattner 2017, S. 47) oder Traumatisierung in der eigenen Kindheit (vgl. Reck 2012, S. 202), wie zum Beispiel Missbrauchserfahrungen (vgl. Dorsch/Rohde 2016, S. 358)
- Affektive Störungen, Angststörungen oder prämenstruelles Syndrom vor der Schwan­gerschaft (vgl. Dorsch/Rohde 2016, S. 358)
- Traumatisierung durch die Geburt (vgl. Reck 2012, S. 302)
- Gefühle des Versagens in der Mutterrolle (vgl. Plattner 2017, S. 47)
- Unzufriedenheit mit den eigenen mütterlichen Fähigkeiten (vgl. ebd.)
- Unzufriedenheit mit der Realität in Bezug auf das imaginäre Kind (vgl. ebd.)
- Komplikationen während der Geburt (vgl. ebd.)
- Erschöpfung nach der Geburt (vgl. Plattner 2017, S. 47)
- Hohe Selbstansprüche (vgl. Dorsch/Rohde 2016, S. 358)

Biologische Faktoren

- Endokrine Faktoren (vgl. Plattner 2017, S. 47)
- Chronische Erkrankung der Mutter (vgl. Plattner 2017, S. 47)
- Frühgeburt (vgl. ebd.)

Weitere Risikofaktoren:

- Drogenabhängigkeit (vgl. Dorsch/Rohde 2016, S. 358)

2.2 Symptome einer Postpartalen Depression

Die Symptome einer Depressiven Episode werden im ICD-101 beschrieben. Hiernach werden folgende Kernsymptome genannt:

„- Depressive Stimmung
- Interessensverlust
- Antriebsminderung“ (Hohm et. al 2017, S. 26)

Außerdem gibt es diese weiteren Symptome:

- „Vermindertes Selbstwertgefühl
- Schuldgefühle
- Suizidalität
- Konzentrationsstörungen
- Hemmungen oder Getriebenheit
- Schlafstörungen
- Appetitstörungen“ (ebd.)

Die Depression wird in leicht, mittelschwer und schwere Depression durch die Anzahl der Kern- und weiteren Symptome eingestuft. Eine leichte Depression weist zwei Kern- und zwei weitere Symptome auf. Bei einer mittelschweren depressiven Episode werden zwei Kern- und drei-vier weitere Symptome diagnostiziert und bei einer schweren depressiven Episode dahin­gegen drei Kern- und vier oder mehr weitere Symptome (vgl. ebd.).

Bei einer PPD, auch bekannt als „Wochenbettdepression“ (vgl. Karr-Morse 2013, S. 149), kön­nen einige Symptome hinzukommen wie zum Beispiel Probleme beim Stillen, Zwangsgedan­ken in Bezug auf das Kind, Emotionslosigkeit gegenüber dem Säugling und Angst als Mutter zu versagen. Plattner fügt hier „Weinerlichkeit, Stimmungsschwankungen, Traurigkeit, Reiz- barkeit und Angst“ (Plattner 2017, S. 47) hinzu. Häufig steht eine große Identitätskrise im Vor­dergrund. Die Rolle als Mutter kann schnell zu Überforderung führen und „Gefühle der Wert­losigkeit und Inkompetenz“ (ebd., S. 48) auslösen, weil die Mutterrolle von der Gesellschaft angestrebt und als Erfüllung einer Frau beschönigt wird und die Kehrseiten in der Gesellschaft dahingegen tabuisiert werden (vgl. ebd.).

2.3 Prävalenz und Verlauf postpartaler Depression

Postpartale psychische Erkrankungen sind auf der ganzen Welt verbreitet. Hierbei gibt es viele Arten von psychischen Erkrankungen (vgl. Hohm et. al 2017, S. 210). Etwa 10-15 % aller Frauen sind von PPD betroffen. Bei circa der Hälfte der postpartal Erkrankten ist die Depression so ausgeprägt, dass sie behandlungsbedürftig ist (vgl. Dorn/Mautner 2018, S. 94). Die Dunkel­ziffer der Betroffenen ist jedoch viel höher zu vermuten und zählt „zu den häufigsten psychi­schen Störungen bei Müttern“ (Plattner 2017, S. 47). 33 % der Erkrankten litten vor der Schwangerschaft schon einmal an einer Depression. Daraus schließt sich, dass mit jeder weite­ren depressiven Episode, sich die Wahrscheinlichkeit an einer PPD erhöht (vgl. ebd.).

Die PPD entwickelt sich meist in einem schleichenden Prozess, was eine große Herausforde­rung darstellt, diese psychische Krankheit früh zu erkennen und zu behandeln (vgl. Plattner 2017, S. 48). Die Depression kann mit einer Wahrscheinlichkeit von ca. 6% in den ersten zwölf Wochen nach der Entbindung entstehen (vgl. Reck 2012, S. 302). In vielen Fällen leiden Be­troffene an der postpartalen Dysphorie und darauf folgt dann die PPD. Die Dauer der PPD variiert, sie dauert meist mindestens zwei Wochen an und kann bis zu einigen Jahren bestehen. Außerdem ist es bei PPD wahrscheinlich, dass sich die Depression chronifiziert, da die Be­troffenen meist keine Einsicht in ihre Krankheit zeigen. Verlaufsstudien zwischen 1945 und 2012 von Vliegen und Kollegen (2014) zeigen, dass PPD weniger werden, jedoch noch etwa „50 % der Betroffenen ein Jahr, und 30 % der Betroffenen drei Jahre nach der Geburt unter depressiven Symptomen“ (Plattner 2017, S. 48) leiden. Der Median liegt bei 38 % für das Be­stehenbleiben der Depression (vgl. ebd.).

3 Abgrenzung der Postpartalen Depression von Baby­Blues und Postpartaler Psychose

3.1 Entwicklung, Prävalenz und Symptome von Baby-Blues

Postpartale Dysphorie ist auch unter Baby-Blues bekannt und ist eine psychische Störung, die nur von kurzer Dauer ist (vgl. Corinna 2012, S. 302). Eine Überwältigung von den Gefühlen und dem Baby können nach der Geburt zu Überforderung führen. Baby-Blues kann wie folgt beschrieben werden: „milde depressive Symptomatik, die durch Erschöpfung, Traurigkeit, Stimmungslabilität, Ängstlichkeit und Irritierbarkeit gekennzeichnet“ (Reck 2012, S. 303) ist. Häufig sind Partnerschaftskonflikte oder die Stillproblematik nach der Entbindung ein Auslöser von Baby-Blues (vgl. Plattner 2017, S. 46).

Die Prävalenzrate liegt bei 50-70 % aller Mütter, wobei 75 % der Betroffenen nicht behandelt werden (vgl. Plattner 2017, S. 46). Meist sind die Betroffenen zwischen dem dritten bis zum fünften Tag nach der Geburt betroffen (vgl. Dorsch 2016, S. 358). Die Ursache kann mit der drastischen Hormonumstellung in den ersten Tagen nach der Entbindung erklärt werden. In der Schwangerschaft erhöht sich der Wert für Östrogen und Progesteron auf das Zweihundertfache durch die Bildung von Hormonen der Plazenta. Nach der Geburt sinkt der Hormonspiegel dras­tisch auf den Wert vor der Schwangerschaft oder einem darunter liegenden Wert. Dieser Pro­zess des drastischen Sinkens der Hormonwerte in den ersten Tagen nach der Geburt ist also (mit-)verantwortlich für die Entwicklung eines Baby-Blues (vgl. Dorsch 2016, S. 358).

Anders als die PPD klingt der Baby-Blues meist nach etwa zwei bis drei Tagen oder sogar einigen Stunden (vgl. Reck 2012, S. 303) von allein ab, das heißt, dass eine besondere Behand­lung nicht notwendig ist (vgl. Dorsch 2016, S. 358). Hierbei können vor allem Gespräche wie beispielsweise mit der Hebamme bei der Genesung helfen. Empathie und Sensibilität ist in der Interaktion mit Betroffenen dabei hochzusetzten. Der Übergang vom Baby-Blues zur PPD oder zur Psychose kommt seltener vor. Als Vulnerabilitätsmerkmale für die Entwicklung einer PPD sind schwerwiegende Symptome des Baby-Blues (vgl. Dorsch 2016, S. 358). 25 % der von Baby-Blues Bertoffenen entwickeln eine PPD (vgl. Plattner 2017, S. 46).

3.2 Entwicklung, Prävalenz und Symptome von der Postparta­len Psychose

Bei der Postpartalen Psychose, auch als „Wochenbettpsychose“ bekannt (vgl. Reck 2012, S. 303), werden die gleichen Symptome wie bei einer PPD deutlich, jedoch kommt der Realitäts­verlust hinzu. Nicht nur Depression, sondern auch Schizophrenie und Manie sind hier weitere Erscheinungsbilder. Daher kann man die Postpartale Psychose in drei Arten unterteilen. Bei der depressiven Psychose werden Niedergeschlagenheit, Gleichgültigkeit und ausgeprägte Schuld­gefühle deutlich sowie das Denken, als Mutter oder Vater versagt zu haben. Bei der manischen Psychose werden Impulsivität, „innere Unruhe, Antriebssteigerung und Verworrenheit charak­terisiert“ (Plattner 2017, S. 48). Die schizophrene Psychose wird begleitet mit Halluzinationen jeglicher Art, die auch eine religiöse Eigenart haben können. Bei dieser Form von Psychose ist die Mutter sowie das Kind sehr gefährdet. Postpartale Psychosen können auch als eine Misch­form von den drei genannten Erscheinungsformen auftreten. Die Mischform schizophrene-de- pressive Psychose weist das höchste Risiko für Suizide auf (vgl. Plattner 2017, S. 48). In sehr schweren Fällen kann es dazu kommen, dass die Mutter denkt, dass es besser für das Kind sei, tot zu sein. In diesen Fällen kann es zu einem erweiterten Suizid kommen. Die Häufigkeit hier­bei ist aber sehr gering bei 1:50.000 Geburten (vgl. Reck 2012, S. 303).

Meist entsteht die Postpartale Psychose in den ersten Tagen nach der Geburt. Die Prävalenz liegt weit unter der Rate der PPD bei etwa 0,1-0,2 %, das sind ein bis zwei Fälle pro Tausend Geburten (vgl. Reck 2012, S. 303). Eine Langzeitstudie von Rhode und Kollegen (1993) zeigt, dass 64 % der untersuchten Frauen innerhalb von 25,6 Jahren einen Rückfall hatten und bei 25 % davon war dies nach einer erneuten Schwangerschaft der Fall (vgl. Plattner 2017, S. 49).

4 Bedeutung der Bindung für die kindliche Entwicklung

In diesem Kapitel werden die Bindungstheorie und wichtigen Begriffe und Kenntnisse im Zu­sammenhang mit der PPD erläutert. Dies ist ein wichtiger Bestandteil der Arbeit, da die PPD eines Elternteils großen Einfluss auf die Bindung und somit auch auf die frühkindliche Ent­wicklung hat.

4.1 Begriffsdefinitionen

Das Bindungsverhaltenssystem des Kindes ist in der Natur jedes Menschen (vgl. Hédervari- Heller 2012, S. 58) und notwendig für die Herstellung von Nähe und damit das Gefühl der Sicherheit zu erreichen (vgl. Oerter/Montada 2008, S. 690). Das Bindungsverhalten steht in einer wechselseitigen Beziehung zum Pflegeverhaltenssystem des Erwachsenen (vgl. Héder- vari-Heller 2012, S. 58).

Das Pflegeverhaltenssystem des Erwachsenen beschreibt das Fürsorgeverhalten, wodurch das Kind das Gefühl der Sicherheit spüren kann. So ergänzt das Pflegeverhaltenssystem das Bin­dungsverhaltenssystem (vgl. Franke 2015, S. 28).

Das Explorationsverhaltenssystem tritt hervor, wenn sich das Kind aktiv mit seiner Umge­bung beschäftigt und sich emotional ausgeglichen und sicher fühlt (vgl. Hédervari-Heller 2012, S. 59). Das bedeutet, dass das Kind das Explorieren beendet, wenn es sich unwohl fühlt und sein Bindungsverhalten wieder aktiviert und die Nähe zur Bindungsperson sucht. Das Explora­tionsverhalten sollte in Balance mit dem Bindungsverhaltenssystem stehen (vgl. Franke 2015, S. 29).

Die Feinfühligkeit der Bindungsperson ist ein wichtiger Punkt in der Bindungstheorie, da dies die Fähigkeit beschreibt, „die Signale des Kindes wahrzunehmen, sie richtig zu interpretieren, angemessen (entsprechend dem Alter des Kindes) und prompt auf sie zu reagieren“ (Franke 2015, S. 13). Emotionale Sicherheit erlangt das Kind, wenn die Bindungsperson feinfühliges Verhalten zeigt (vgl. Hédervari-Heller 2012, S. 60). Nicht sensitives/feinfühliges Verhalten „äußert sich als zurückweisendes, ausweichendes, unzuverlässiges oder uneinheitliches Ver­halten der Mutter gegenüber den Bindungsbedürfnissen und -signalen des Kindes“ (Ramsauer 2019, S. 73). Somit ist zu erkennen, dass die Feinfühligkeit der Mutter ein „Prädiktor frühkind­licher Bindungssicherheit“ (Ramsauer 2019, S. 419) gilt und die Beziehung zwischen der Mut­ter und dem Kind moderiert (vgl. ebd.).

Die Bindungsqualität ist die „Stärke der bestehenden Bindungsbeziehung“ (Hédervâri-Heller 2012, S. 60) in Bezug auf die Art und Qualität der Erwachsenen-Kind-Interaktion. Ein hohes Maß an Feinfühligkeit kann zu einer hohen Bindungsqualität führen (vgl. ebd.).

Die Bindungsintensität entscheidet über die Ordnung der Bindungsbeziehungen. Je mehr Zeit eine Bindungsperson mit dem Kind verbringt, desto höher ist ihre Rangordnung. Somit ist auch die Bindung zwischen den zwei Menschen intensiver (vgl. Hédervâri-Heller 2012, S. 60).

4.2 Bindungstheorie

Die Bindungstheorie von John Bowlby (1982, 2010) erläutert die Bindung als ein Resümee biologischer Anpassung mit dem existenziellen Bedürfnis nach Schutz, Liebe und Trost in Be­ziehungen, welches für die psychisch gesunde Entwicklung eines Menschen notwendig ist (vgl. Ramsauer 2019, S. 72) und bis ins hohe Alter erhalten bleibt (vgl. Lohse 2008, S. 66). Die Entwicklung einer Bindung ist damit das Wichtigste für die Psyche des Kindes nach der Geburt (vgl. Reck 2012, S. 303). Die Fähigkeit Bindungen aufzubauen gilt als die Grundlage für psy­chische Gesundheit und eine „funktionierende Persönlichkeit“ (Lohse 2008, S. 66). Wenn das Kind einmal eine Bindung aufgebaut hat, hat es eine Kontinuität unabhängig von der zeitlichen oder räumlichen Ferne (vgl. Reck 2012, S. 303).

Im ersten Lebensjahr entwickelt sich die Bindung und sorgt für die Herstellung und Aufrecht­erhaltung von Nähe zur Bindungsfigur. In Interaktion mit der Bindungsfigur zum Beispiel mit der Mutter, macht der Säugling die Erfahrung von Trennung von der Mutter und lernt Interak­tionsmuster, mit denen er emotionale Sicherheit verlangt (vgl. Ramsauer 2019, S. 72). Der Säugling macht dies durch sein Bindungsverhalten deutlich wie durch Weinen, Schreien, Fest­klammern und zur Mutter krabbeln. Das Verhalten wird dann aktiviert, wenn die Mutter sich von ihrem Kind entfernt. Dieses genetisch angelegte ,Bindungssystem‘ dient auch dazu, das Kind dazu zu befähigen, dass es Hilfe und Schutz bei seinen Bezugspersonen einfordert (vgl. Lohse 2008, S. 66).

Die Bindung wird somit vom Kind und der Mutter (oder einer anderen Bindungsfigur) gestaltet und ist ein wechselseitiges System. Hierbei spielt das Verhalten der Mutter eine entscheidende Rolle, da diese für die Qualität der Bindung ausschlaggebend ist. Die Mutter stellt den sicheren Hafen dar, welcher genutzt wird, wenn das Kind sich unwohl fühlt und zum Beispiel traurig oder müde ist. In diesem Zustand kann das Kind seinem Drang nach der Erkundung der Welt nicht nachgehen (vgl. Lohse 2008, S. 67). Somit ist die Bindung „eine Folge der Erfahrung des Kindes mit der fürsorglich zugewandten Mutter“ (Ramsauer 2019, S. 73). Erst wenn es sich sicher fühlt, zeigt das Kind exploratives Verhalten und entfernt sich von der Mutter, um sich seinen Spielen zu widmen. Dies zeigt also, dass seine Bindungs- und Bezugsperson durch die Herstellung von Sicherheit sein Explorationsverhalten fördern kann, was auch dazu führt, dass sich die Autonomie des Kindes entwickelt. Das Bindungssystem des Kindes wird also erst ak­tiviert, wenn es Informationen über sich und seine Bindungsfigur hat, die ihm Sicherheit ver­mittelt, wie zum Beispiel das Wissen darüber, wo sich die Bindungsfigur befindet und wie ihre Reaktion wäre, wenn das Kind erneut ihre Zuwendung sucht (vgl. Lohse 2008, S. 67).

4.3 Das innere Arbeitsmodell und die Mentalisierungsfähigkeit

Das Bindungsverhalten ist damit nicht nur von dem Charakter des Kindes abhängig, sondern wird auch von den Verhaltensweisen der Bezugspersonen geformt. Diese Erfahrungen werden in den ersten Lebensjahren des Kindes gesammelt und bilden die sogenannten „inneren Ar­beitsmodelle“, die der Mensch später auch auf andere Beziehungen überträgt. „,[I]nner working models‘“ (Lohse 2008, S. 67) beinhalten also „Erwartungen, die ein Mensch an die Verläss­lichkeit von Bezugspersonen entwickelt hat“ (ebd.). Somit ist die Bindung keine Eigenschaft, die zwischen dem Kind und der Bindungsperson gemeinsam bleibt, sondern eine Basis für wei­tere zwischenmenschliche Beziehungen (vgl. ebd.).

Aus den inneren Arbeitsmodellen heraus wurde die Mentalisierungsfähigkeit, also die „kogni­tive Fähigkeit zu mentalisieren oder zu reflektieren“ (Ramsauer et. al 2011, S. 421) weiterent­wickelt. Die Basis ist die Bindungsrepräsentation, wodurch dem Kind möglich wird, sich in andere empathisch hineinzuversetzen, seine eigenen und auch die Gedanken und Gefühle der anderen zu verstehen. Wenn keine beziehungsweise nicht ausreichend Mentalisierungsfähig- keit der Bindungsperson vorhanden ist, kann diese nicht feinfühlig auf das Verhalten des Kin­des reagieren, was dazu führen kann, dass das Kind eine Bindungsunsicherheit entwickelt. Das Verhalten der Bindungsfigur wird auch von ihren eigenen Bindungserfahrungen aus der Kind­heit unbewusst begleitet. So kann es auch dazu kommen, dass „(unbewusste) Ängste, Fantasien, Gedanken und Empfindungen in der Mutter“ (ebd.) ausgelöst werden, die sich auf das eigene Verhalten und den Umgang mit dem Kind auswirken können.

4.4 Bindungsmuster

Mary Ainsworth (1978), Mitbegründerin der Bindungstheorie, stellt drei Bindungsmuster her­aus: sicher, unsicher-vermeidend, unsicher-distanziert/ambivalent. Diese Bindungsmuster ge­hören zu den „organisierten“ Bindungen, welche sich von der „desorganisierten“ Bindung un­terscheiden (vgl. Hédervâri-Heller 2012, S. 61). Sie entwickelte die Methode Fremde-Situation- Test2, bei der durch Verhaltensbeobachtung des Kindes in einer Mutter-Kind-Interaktion die Qualität der Bindungsmuster gemessen werden kann (vgl. Ramsauer 2019, S. 72).

4.4.1 Sichere Bindung

In dem Fremde-Situation-Test kann man bei Kindern mit einer sicheren Bindung beobachten, wie sie die körperliche Nähe nach der Wiedervereinigung schnell das Kind beruhigen (vgl. Ramsauer 2019, S. 72). Diese Kinder haben keine Angst ihre Gefühle offen zu zeigen, da ihr Bedürfnis nach Zuneigung von der Mutter befriedigt wird und als sicherer Hafen fungiert, wodurch das Kind lernt, sich auf die Mutter verlassen zu können (vgl. Oerter/Montada 2008, S. 216).

4.4.2 Unsicher-vermeidende Bindung

In den Momenten als die Mutter den Raum wieder betritt, reagiert das Kind neutral, obwohl in diesen Momenten das Stresshormon Cortisol am höchsten verglichen mit den anderen Bin­dungsmustern anstieg (vgl. Oerter/Montada 2008, S. 216). Jedoch sieht man dies von außen nicht, da sie die Trennung sowie auch die Wiedervereinigung ignorieren und sich versuchen auf das Spiel zu konzentrieren. Stattdessen wird das Bindungsverhalten unterdrückt und die Mutter sieht keine Signale, um seinen innerlichen Stress aufzulösen und somit seinem Bin­dungsbedürfnis nachzukommen (vgl. Ramsauer 2019, S. 73).

4.4.3 Unsicher-ambivalente Bindung

Wenn das Verlassen der Mutter eine Reaktion wie Passivität oder Wut beim Kind auslöst und bei dem Hereinkommen „aktives oder hilfloses Bemühen und widerständige Verhaltensreakti­onen gegenüber der Mutter“ (Ramsauer 2019, S. 73) zeigt, kann auf ein unsicher-ambivalentes Bindungsmuster geschlossen werden. Ambivalentes Verhalten, wie das Anklammern und sich von der Mutter doch entfernen sind Merkmale dieser Bindung. Das Kind lässt sich schwer in den Armen der Mutter beruhigen, so kann das Kind die körperliche Nähe am längsten aufrecht­erhalten (vgl. ebd.).

4.4.4 Desorganisierte Bindung

Wie erwähnt, werden organisierte Bindungen von der desorganisierten Bindung ergänzt, da diese Verhaltensweisen das eigentliche Bindungsverhalten behindern. Das Kind zeigt „unvor­hersehbare, widersprüchliche und bizarre Verhaltensweisen in der Wiedervereinigungssituation gegenüber der Mutter“ (Ramsauer 2019, S. 73). Das Kind wirkt depressiv und ängstlich auf den Beobachter. So schaut er regungslos auf einen Fleck, legt den Kopf auf den Boden, möchte aus dem Raum, in dem sich die Mutter auch befindet, rausgehen, sucht die Nähe zur Mutter und entfernt sich rasch wieder von ihr und bewegt sich desorientiert hin und her (vgl. ebd.).

4.5 Zusammenhang zwischen kindlichen Bindungsmustern mit späteren sozialen Beziehungsverhalten

Mithilfe der Bindungstheorie ist es möglich, „Zusammenhänge zwischen der Bindungsqualität und der späteren sozialen und kognitiven Kompetenz der Kinder auf[zu]weisen“ (Keller 2011, S. 105). Jedoch geht man davon aus, dass je fortgeschrittener das Alter ist, desto weniger die Bindungsorganisation das Beziehungsverhalten beeinflusst (vgl. Oerter/Montada 2008, S. 697). Anhand von Längsschnittstudien in Form des Fremde-Situations-Tests im Kleinkindalter, Ver­haltensbeobachtungen nach einer einstündigen Trennung eines sechsjährigen Kindes von der Bezugsperson und ein Konfliktlösungsgespräch eines 16-jährigen Teenagers konnte die Konti­nuität des Bindungsverhaltens der frühen Kindheit getestet werden (vgl. Oerter/Montada 2008, S. 218).

Kinder mit einer sicheren Bindung werden mit 12 Monaten als „kooperativ, anpassungsfähig und kreativ“ (Bowlby 1995, S. 119) beschrieben, mit sechs Jahren haben sie eine positive Be­ziehung zu den Eltern und wirken sehr sensitiv. Im Kindergarten- und Grundschulalter verhal­ten sich diese Kinder in Konfliktsituationen meist rücksichtsvoller und kompetenter im Ver­gleich zu Gleichaltrigen und weisen weniger Verhaltensprobleme auf als Kinder mit unsicherer Bindung. In der Jugend fällt weiterhin auf, dass das Bindungsmuster stabil bleibt. Meist verur­sacht die Trennung der Eltern eine Verwandlung der sicheren in eine unsichere Bindung (vgl. Oerter/Montada 2008, S. 218). Weiterhin fällt auf, dass Kinder, die in der frühen Kindheit si­cher gebunden sind, eine hohe Ausdauer und Anstrengungsbereitschaft bei kognitiven Aufga­ben haben und dadurch der „Aufbau enger und verlässlicher Freundschaftsbeziehungen“ (Oer- ter/Montada 2008, S. 699) und ein „positive[s] und realistische[s] Selbstkonzept[s]“ (ebd.) ent­stehen kann, was für diese Kinder eine erhöhte Resilienz darstellt (vgl. ebd.).

Anders sieht es bei Kindern mit einer unsicher-vermeidenden Bindung aus, die im Alter von 12 Monaten als „emotional isoliert, feindselig, unsozial und [zugleich] geltungsbedürftig“ (Bow- lby 1995, S. 120) beschrieben werden. Im Alter von sechs Jahren sind sie eher distanziert, spie­len eher allein und gehen ungern auf die Ideen der Eltern ein (vgl. ebd.).

Eine unsicher-ambivalente Bindung im frühen Kindheitsalter (bis zu 12 Monate) zu Ange­spanntheit, Impulsivität, Passivität, zu einer niedrigen Frustrationstoleranz und Hilflosigkeit führen. Mit sechs Jahren wirken diese Kinder „unsicher, manieriert und traurig oder ängstlich, wobei ihr Verhalten zwischen Intimität und [...] Feindseligkeit schwankt“ (Bowlby 1995, S. 120).

Auch bei Kindern mit einem desorganisierten Bindungsmuster besteht ein Zusammenhang zwi­schen dem Bindungsmuster in der frühen Kindheit und dem späteren Beziehungsverhalten. Mit sechs Jahren sind diese Kinder kontrollierend, dominant und ablehnend gegenüber ihren Eltern oder sie sind sorgend und beschützend. Die Kommunikation mit ihren Eltern verläuft mit un­vollendeten Sätzen und unerwarteten Themenwechseln (vgl. Bowlby 1995, S. 120). Im Jugend­alter sticht vor allem die Fehlanpassung hervor, wie etwa Aggressivität und externalisierende und internalisierende Verhaltensstörungen, sowie dissoziative Symptome (vgl. Oerter/Montada 2008, S. 699). Nach Bowlby trägt das frühe Bindungsmuster und das elterliche Pflege- und Interaktionsverhalten zur Kontinuität der Interaktionsmuster bei (vgl. Bowlby 1995, S. 120f.)

5 Auswirkung der mütterlichen postpartalen Depression auf das Kind und die frühe Bindung

In diesem Kapitel wird das mütterliche Interaktionsverhalten ausführlich beschrieben und ihre Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes erläutert. Weiterhin wird das daraus resultie­rende Verhalten des Kindes einer postpartal depressiven Mutter beschrieben. Zuletzt wird der Zusammenhang des mütterlichen Interaktionsverhaltens mit der Bindungsentwicklung herge­stellt.

5.1 Interaktionsverhalten der postpartal depressiven Mutter mit dem Kind

Die PPD ist die häufigste psychische Erkrankung von jungen Müttern und hat erhebliche Aus­wirkungen auf das Kind im ersten Lebensjahr (vgl. Reck 2007, S. 234). Neben den „genetischen und epigenetischen Erklärungsansätzen“ (Hohm et al. 2017, S. 211) können besonders das ge­störte Interaktionsverhalten und -muster der Mutter das Kind im direkten Kontakt negativ be­einflussen und zu Entwicklungsstörungen führen. Dahingegen stellt die Interaktion zwischen einer psychisch gesunden Mutter und ihrem Kind einen „permanenten Reparationsprozess“ (ebd.) dar, was bedeutet, dass unangepasstes Verhalten der Mutter wieder rasch von ihr korri­giert, also „repariert“ werden kann und das „interaktionale Miteinander ausgeglichen wird“ (ebd.). Wenn die Mutter auf die Bedürfnisse des Kindes eingeht und es sich verstanden fühlt, entwickelt es eine Selbstwirksamkeit und „Fähigkeiten zur Selbstregulation“ (ebd.) sowie Be­wältigungsstrategien für den Umgang mit Problemen und „für die Interaktion mit anderen“ (ebd.).

Anders verläuft die Interaktion zwischen einer postpartal depressiven Mutter mit ihrem Säug­ling. Deswegen ist die genaue Betrachtung der Interaktion zwischen der postpartal depressiven Mutter mit ihrem Kind wichtig, wenn es darum geht, inwieweit und welchen Einfluss die De­pression der Mutter auf ihr Interaktionsverhalten und damit auch auf die Möglichkeiten einer sicheren Bindung aufzubauen hat.

[...]


1 „ICD“ ist eine Abkürzung für „International Statistic Classification of Diseases“ (internationale Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) und die Ziffer 10 bedeutet die zehnte Revision der Klassifikation

2 Der Fremde-Situation-Test (FST) ist ein Experiment, das aus acht aufeinanderfolgenden dreiminütigen Phasen besteht. Es findet in einer fremden räumlichen Umgebung statt. Das Kind und dessen Mutter sowie eine fremde Person sind Teil des Tests. Grundsätzlich wird beobachtet, wie sich das Kind verhält, wenn zum Beispiel die Mut­ter den Raum verlässt und eine fremde Person diesen Raum betritt. Der Ablauf ist wie folgt: 1. Die Mutter und das Kind betreten in eine fremde Räumlichkeit mit Spielzeug. 2. Das Kind fängt an das Spielzeug zu erkunden, während die Mutter neben ihm ist. 3. Daraufhin tritt eine fremde Person hinein, setzt sich und kommuniziert mit der Mutter und spielt mit dem Kind. 4. Dann verlässt die Mutter den Raum, während die Fremde versucht das Kind ggf. zu trösten. 5. Nach der ersten Trennung betritt die Mutter wieder den Raum und die Fremde verlässt diesen. Sie versucht die Konzentration des Kindes wieder auf das Spielzeug zu lenken. 6. Nun verlässt die Mutter zum zweiten Mal den Raum, während das Kind allein ist. 7. Die fremde Person betritt wieder den Raum und tröstet das Kind, wenn es weint. 8. Zuletzt kommt die Mutter wieder herein und die Fremde verlässt den Raum. In dem Test sind die Reaktionen des Kindes im Hinblick auf sein Explorations- und Bindungsverhalten entschei­dend. So kann je nach Reaktion das Bindungsmuster bestimmt werden (vgl. Hédervari-Heller 2012, S 61).

Ende der Leseprobe aus 66 Seiten

Details

Titel
Postpartale Depression und mögliche Auswirkungen auf die Mutter-Kind-Bindung
Untertitel
Unterstützungsmöglichkeiten in der Sozialen Arbeit
Hochschule
Technische Universität Dortmund
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
66
Katalognummer
V1022864
ISBN (eBook)
9783346432513
ISBN (Buch)
9783346432520
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Postpartale Depression, Postnatale Depression, Mutter-Kind-Bindung, Bindungsentwicklung, gestörte Bindung, Bindungsunsicherheit, psychisch kranke Mütter, Schwangerschaftsdepression, Wochenbettdepression, Psychische Gesundheit von Müttern, Soziale Arbeit und psychologie, Bindungstheorie, Kooperation von Jugendhilfe und Psychiatrie, Frühe Hilfen, Kindeswohlgefährdung, Baby-Blues, Postpartale Psychose, Geburtstrauma, Trauma, Geburt, Bindung
Arbeit zitieren
Nazile Karagöz (Autor:in), 2020, Postpartale Depression und mögliche Auswirkungen auf die Mutter-Kind-Bindung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1022864

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