Wie Politikjournalisten Fernsehinterviews mit AfD-Politikern führen


Masterarbeit, 2021

166 Seiten, Note: 1,8


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung und Relevanz des Themas
1.2 Zielsetzung und Aufbau der Arbeit

2 Definitionen und Begriffe
2.1 Populismus und Rechtspopulismus
2.2 Rechtsextremismus und Rechtsradikalismus
2.3 Abgrenzung Rechtspopulismus von Rechtsextremismus
2.4 Politikjournalismus und Politikjournalist*innen
2.5 Das politische Fernsehinterview

3 Forschungsstand11
3.1 Selbstbild von Journalist*innen
3.2 Selbstbild von Politiker*innen
3.3 Die Beziehung zwischen Journalist*innen und Politiker*innen
3.4 Medien und die AfD

4 Alternative fur Deutschland (AfD)17
4.1 Geschichte
4.2 Die AfD zwischen rechtspopulistisch und rechtsextremistisch, demokratisch und verfassungswidrig
4.3 Die Kommunikationsstrategie der AfD
4.3.1 Framing-Ansatz
4.3.2 Die Rhetorik der Rechten

5 Das politische Fernsehinterview29
5.1 Kunst oder Handwerk?
5.2 Vorbereitung und Recherche
5.3 Vorgesprach
5.4 Informationsziel
5.5 Interviewdramaturgie und Interviewtechnik
5.6 Interviews als emotionale Balanceakte
5.7 Die Rolle des*der Interviewer*in
5.8 Interviews mit AfD-Politiker*innen

6 Forschungsfrage, Vorgehensweise und Methodik
6.1 Aufbau der Untersuchung
6.2 Auswahl der Experten
6.3 Die Gestaltung des Interviewleitfadens

7 Durchfuhrung und Auswertung der Ergebnisse
7.1 Qualitative Inhaltsanalyse
7.2 Kategoriensystem
7.3 Kernaussage der Ergebnisse

8 Schlussbetrachtung76
8.1 Diskussion und Fazit
8.2 Ausblick und Forschungsbedarf

Literaturverzeichnis

Anhangsverzeichnis

1 Einleitung

Weltweit etablieren sich vermehrt rechtspopulistische Parteien, die vorgeben, fur das ‘Volk' und gegen die ‘Eliten' zu kampfen. Nur sie sind die wahre Alternative zu linken, sozialdemokratischen oder konservativen ‘Altparteien' (Bax, 2018, S. 7). Seit November 2016 sitzt als ‘machtigster Mann der Welt' Rechtspopulist Donald Trump im WeiBen Haus und sorgt mit rassistischen, sexistischen und homophoben Aussagen und der Verbreitung von ,Fake News‘ fur Emporung. Doch auch andere Lander wie z.B. Russland, Venezuela, Indien oder die Turkei werden von autorita- ren Demagogen1 regiert (Bax, 2018, S. 8, 9). Und auch vor Europa macht der Auf- stieg des Rechtspopulismus2 keinen Halt. So sorgen Viktor Orban in Ungarn und Andrzej Duda in Polen fur zunehmend totalitare Verhaltnisse und entfernen sich immer mehr von den Grundwerten der Europaischen Union (Bax, 2018, S. 8). Boris Johnson gelang es mit dem Brexit, GroBbritannien sogar ganz von der EU abzu- spalten. Ob in Frankreich, Tschechien, Osterreich oder der Slowakei - beinahe uberall geben Rechtspopulist*innen mittlerweile den Ton an. Und selbst die skan- dinavischen Lander, in denen angeblich die glucklichsten Menschen der Welt le- ben, sind gegen Rechtspopulismus nicht resistent (Schellenberg, 2018; Travelbook, 2020).

1.1 Problemstellung und Relevanz des Themas

Mit der Alternative fur Deutschland ist eine rechtspopulistische Partei, die teilweise rechtsradikale Stromungen hat, in den Bundestag eingezogen. Mit uber 12% der Wahlerstimmen, konnte sich die AfD als groBte Oppositionspartei im September 2017 etablieren (Landeszentrale fur politische Bildung Baden-Wurttemberg). Die AfD betreibt einen rechten Kulturkampf, der versucht, volkisch-nationalistisches und rassistisches Gedankengut zu normalisieren und das politische Klima zu ver- andern (Hausler, 2018, S. 8). AfD -Vertreter*innen schrecken nicht vor diskriminie- renden und demokratiefeindlichen AuBerungen zuruck, rufen offen zum Boykott der ,Staatsmedien‘ auf, brechen Interviews ab, schlieBen kritische Journalist*innen von Parteitagen und anderen Veranstaltungen aus und inszenieren sich stets als Opfer der Medien. Dabei sind die populistischen Statements oft laut, vereinfachend und immun gegenuber Faktenwissen.

Die Grenzen des Sagbaren werden konsequent erweitert und es scheint, als wur- den die Hemmungen zu lugen und zu beleidigen, sinken (o. A., 2019b). Fur Poli- tikjournalist*innen, die neben ihrer Informationsfunktion auch die Rolle von Kriti- ker*innen und Kontrolleur*innen einnehmen, stellt sich also die Frage, wie sie mit ^fD -Funktionaren umgehen sollen. Einerseits muss uber entsprechende rechtspo- pulistische oder rechtsextremistische Themen der AfD berichtet werden, da diese in der politischen und gesellschaftlichen Realitat Deutschlands stattfinden, ande- rerseits will Journalismus nicht dazu beitragen, dass rechtes Gedankengut zusatz- lich durch die Medien verbreitet wird (o. A., 2019b). Es wird von Journalist*innen erwartet, stets neutral und objektiv zu berichten und es wurde die journalistische Norm brechen, Politiker*innen einer bestimmten Partei anderswertig zu behan- deln. Auf der anderen Seite lassen sich AfD -Politiker*innen oftmals nicht mit Poli- tiker*innen von anderen Parteien vergleichen, da viele von ihnen nicht nur rechts- populistisch sind, sondern auch rechtsradikale Tendenzen aufweisen. Es stellt sich also die Frage, wie insbesondere Politikjournalist*innen ihre Aufgabe als Kriti- ker*innen, Kontrolleur*innen und Wachhunde der Demokratie, bei der AfD, einer demokratiefeindlichen und rechtspopulistischen Partei, wahrnehmen konnen. Ins- besondere das Fernsehinterview, das fur Politiker*innen zu den Favoriten zur Plat- zierung von Parteiinhalten zahlt, wird dabei fur Politikjournalist*innen zur Konigs- disziplin.

1.2 Zielsetzung und Aufbau der Arbeit

Ziel dieser Arbeit ist es, empirische Erkenntnisse daruber zu erlangen, wie Politik- journalist*innen Fernsehinterviews mit AfD -Politiker*innen fuhren (sollten). Durch die Aktualitat des Themas und des somit kaum erforschten Forschungsstandes, ergeben sich dabei einige Fragestellungen: Wie bereiten sich Politikjournalist*in- nen auf Fernsehinterviews mit AfD -Vertreter*innen vor? Gibt es Unterschiede in den Herangehensweisen der Politikjournalist*innen im Fernsehinterview mit Politi- ker*innen anderer Parteien? Fuhren Politikjournalist*innen ein Fernsehinterview mit AfD -Abgeordneten vor der Kamera anders als hinter der Kamera? Wie gehen sie dabei mit rechter Rhetorik und rechtspopulistischen Frames um? Wie reagieren sie auf Anfeindungen und Interviewabbruche? Und worin genau liegen eigentlich die Schwierigkeiten bei einem AfD -Interview? Ziel dieser Arbeit ist es also genau diese Fragestellungen zu beantworten.

Die vorliegende Arbeit gliedert sich insgesamt in acht Kapitel. In Kapitel 1 werden zuerst die Problemstellung und Relevanz des Themas sowie die Zielsetzung und der Aufbau der Arbeit erlautert.

In Kapitel 2 werden zunachst die entscheidenden Begrifflichkeiten definiert. Es wird sich ausfuhrlich mit den Begriffen Populismus und Rechtspopulismus, Rechts- extremismus und Rechtsradikalismus beschaftigt. Danach erfolgt eine Abgren- zung der Begriffe Rechtspopulismus und Rechtsextremismus. Ferner werden die Begriffe Politikjournalismus, Politikjournalist*innen und das politische Fernsehin- terview beschrieben.

Kapitel 3 beleuchtet den aktuellen Forschungsstand. Da es zum Thema Interviews mit AfD -Politiker*innen bisher keine wissenschaftliche Forschung gibt, wird ver- sucht, sich der Fragestellung durch Betrachtung des folgenden Forschungsstan- des anzunahern: Selbstbild von Journalist*innen, Selbstbild von Politiker*innen und der Beziehung zwischen Journalist*innen und Politiker*innen. Des Weiteren wird erlautert, was bisher zum Thema Medien und AfD geforscht wurde.

In Kapitel 4 wird die Partei Alternative fur Deutschland vorgestellt. Nachdem ein kurzer geschichtlicher Ruckblick der AfD geliefert wird, wird anhand von Beispielen erortert, wofur die AfD steht und warum es sich dabei um eine rechtspopulistische, teils rechtsextremistische Partei handelt. AuBerdem wird aufgezeigt, dass sich die Literatur in einer klaren politischen Einordnung der AfD uneinig ist und sie somit zwischen rechtspopulistisch und rechtsextremistisch, demokratisch und verfas- sungswidrig verortet wird. Des Weiteren wird die Kommunikationsstrategie der AfD beleuchtet und mit Zitaten von AfD -Politiker*innen untermauert. Fur ein besseres Verstandnis erfolgt ein kurzer Ausflug in den Forschungsbereich des politischen Framings und rechter Rhetorik. In diesen Kapiteln soll aufgezeigt werden, warum Framing und Rhetorik wichtige Rollen in der rechtspopulistischen Kommunikation der AfD spielen.

Kapitel 5 gibt einen Uberblick uber die Bestandteile des politischen Fernsehinter- views. Hier werden die Vorbereitung, das Vorgesprach, das Interviewziel, die In- terviewdramaturgie und die Interviewtechnik vorgestellt. AuBerdem wird aufge- zeigt, warum Interviews als emotionale Balanceakte verstanden werden konnen und welche Rolle darin der*die Interviewer*in spielt. Im letzten Unterkapitel werden auBerdem Beispiele von AfD -Interviews herangezogen und analysiert.

Um neue Erkenntnisse zur Wissenschaft beizutragen, stellt ein weiterer wesentli- cher Bestandteil dieser Arbeit die Primarforschung in Form von leitfaden-basierten Experteninterviews dar. In Kapitel 6 wird zunachst die Forschungsfrage und Me- thodik erlautert. Es wird erklart, wie die Untersuchung aufgebaut ist, die Experten vorgestellt und die Gestaltung des Leitfadens erortert.

In Kapitel 7 erfolgt dann die Durchfuhrung und Auswertung der Ergebnisse. So wird zunachst die Methode der qualitativen Inhaltsanalyse und das Kategoriensys- tem vorgestellt und ferner die Kernaussagen der Ergebnisse herausgearbeitet.

Den Schluss dieser Arbeit bildet Kapitel 8. Die Ergebnisse der Untersuchung wer- den diskutiert und ein Fazit gezogen. Des Weiteren wird ein Ausblick gegeben und weiterer Forschungsbedarf identifiziert.

2 Definitionen und Begriffe

Damit diese Arbeit nachvollziehbar und verstandlich ist, mussen zunachst gewisse Begriffe definiert werden. Im folgenden Kapitel wird das Phanomen des Populis- mus und insbesondere des Rechtspopulismus erklart sowie der Begriff des Rechtsradikalismus und Rechtsextremismus definiert. Des Weiteren wird ver- sucht, eine Abgrenzung zwischen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus her- zustellen. Zudem wird definiert, was unter Politikjournalismus, Politikjournalist*in- nen und dem politischen Fernsehinterview verstanden wird. Die thematische Aus- einandersetzung der darauffolgenden Kapitel bezieht sich grundsatzlich auf diese Begriffsdefinitionen.

2.1 Populismus und Rechtspopulismus

Der Begriff ,Populismus‘ lasst sich aus dem lateinischen ,Populus‘ ableiten. Dies bedeutet ,Volk‘ im Sinne von ,Leute‘ oder ,Nation‘. Dabei tritt Populismus fur eine Regierung durch das Volk als Ganzes ein (Wodak, 2016, S. 25, 26). Populismus zeichnet sich vor allem durch seine Inkonsistenz aus und macht eine prazise De­finition daher nur schwer moglich (Hartleb, 2014, S. 47). Nicht selten wird Populis- mus mit einem Chamaleon gleichgesetzt, da er sich praktisch mit jeder Ideologie, sei es sozialistische oder neoliberale Werte bis hin zum Nationalismus, verbinden kann (Bax, 2018, S.20).

Nach dem Politologen Jan-Werner Muller zeichnet sich Populismus dadurch aus, dass er die Bevolkerung in ein ,Wir‘ und in ,die Anderen‘ teilt. Dabei steht das ,Wir‘ fur das ,wahre Volk‘ und die Anderen werden als Establishment oder ,Elite‘ tituliert und zum Feindbild erklart (Bax, 2018, S. 17).

Das ,Populismus-Syndrom‘ lasst sich anhand folgender funf Merkmalen naher be- schreiben:

- Eine Vereinigung mit dem ,Volk‘, das als homogene Einheit verstanden wird
- Die Gegnerschaft zum Establishment
- Einen Hang zur Selbstgerechtigkeit, da moralisch nur die ,einfachen Leute‘ tugendhaft handeln
- Vereinfachte Konkretisierung und Veranschaulichung von komplexen The- men
- Ressentiments und Feindbilder (Hartleb, 2014, S. 48, 49)

Populismus ist weder ein bloBer Kommunikationsstil noch eine feste Ideologie. Er zeichnet sich vor allem durch seine mehrdimensionale Natur aus. Diese wird durch technische (Politik mit der Angst), inhaltliche (Fokussierung auf bestimmte The- men), mediale (besondere Resonanz und Interaktion) und personelle Faktoren hervorgehoben (Hartleb, 2014, S. 220).

Dabei tritt der Populismus im rechten wie auch im linken politischen Spektrum auf. Wahrend der linke Populismus inklusiv zu verstehen ist und sich fur eine tatsach- lich oder vermeintlich benachteiligte Bevolkerungsschicht gegen Regierungen, Banken oder EU-Gremien einsetzt, ist der rechte Populismus hingegen exklusiv. Hier werden Gruppen von Menschen ausgegrenzt, die nicht zum selbsterklarten ,Volk‘ gehoren. Das sind oft Minderheiten wie z.B. Einwander*innen, Gefluchtete, Muslim*innen, Juden*, Rom*nja oder Homosexuelle (Bax, 2018, S. 21).

Dem Rechtspopulismus ist es gelungen, in einem hohen MaBe auf die kulturellen, sozialen und demokratischen Unsicherheiten der heutigen Zeit zu reagieren und sich somit in ganz Europa zu etablieren (Hillebrand, 2017, S. 123). Rechtspopu- list*innen ruhmen sich damit ,Klartext‘ zu sprechen und berufen sich auf den ,ge- sunden Menschenverstand‘. Dabei bieten sie oft einfache Antworten auf komplexe Fragen (Bax, 2018, S. 23).

Sie appellieren gerne an verbreitete Vorurteile, nehmen aber ungern an kontrover- sen Debatten teil und bevorzugen oftmals Verschworungstheorien und einen Ver- schworungsmythos mit Appellen wie: ,wir sind betrogen worden‘ (Beyme, 2018, S. 53).

Nach Ruth Wodak instrumentalisieren Rechtspopulist*innen „eine Art von ethnischer, religioser, sprachlicher, politischer Minderheit als Sundenbock fur die meisten - wenn nicht alle - aktuellen Sorgen und Prob- leme. Sie stellen die jeweilige Gruppe als gefahrlich dar, die Bedrohung ,fur uns‘, fur ,unsere‘ Nation. Dieses Phanomen manifestiert sich als ,Politik mit der Angst‘“ (Wodak, 2016, S. 18) Rechtspopulist*innen bestreben somit den nationalen Alleingang (,America first', ,Osterreich zuerst') und fordern eine strikte Kontrolle der Grenzen. Der Begriff der ,Identitat' spielt fur sie eine sehr wichtige Rolle. So beanspruchen Rechtspopu- list*innen, eine homogen verstandene nationale Identitat fur sich, um sich gegen eine vermeintliche ,Uberfremdung' oder ,Islamisierung' zu verteidigen (Bax, 2018, S. 25). Die Parteien stellen sich als ,Retter des Abendlandes' dar, die den kleinen Mann oder die kleine Frau gegen ,die Barbaren', die - so wird angenommen - den Deutschen ihre Arbeitsplatze wegnehmen und die sich nicht integrieren und der deutschen Kultur anpassen wollen, zu verteidigen (Wodak, 2016, S. 40, 41). Rechtspopulist*innen haben sich erfolgreich neu erfunden. Durch diesen Image- wechsel konnen sie nun auch neue Wahlerschichten ansprechen, die vorher nicht zu erreichen waren (Bax, 2018, S. 25). Dabei wird Rechtspopulismus auch haufig als Modernisierung des Rechtsextremismus verstanden (Beyme, 2018, S. 57). So konnen Verschworungsmythen in Verbindung mit Feindbildern, wie sie von ver- schiedenen rechtspopulistischen Bewegungen eingesetzt werden, ein Nahrboden fur Faschismus sein (Wodak, 2016, S. 29).

2.2 Rechtsextremismus und Rechtsradikalismus

Zunachst einmal versuchen wir uns an die Begrifflichkeit des Extremismus anzu- nahern. Dieser ist abgeleitet vom lateinischen ,extremus', das auf dem Wort ,exte- rus', was so viel wie ,auBen' bedeutet, basiert. Es wird also ein politisches Spekt- rum impliziert, das auf einen auBeren linken und einen auBeren rechten Rand be- grenzt wird (Dunkel, Gollasch und Padberg, 2019, S. 15).

Extremist*innen sind davon uberzeugt, dass ihre Ideologie, die Alleingultige und Wahre ist. Viele von ihnen sind auch bereit, diese mit Gewalt durchzusetzen. Rechtsextremist*innen vertreten dabei eine Vorstellung der grundsatzlichen Un- gleichwertigkeit von Menschen (Dunkel et al., 2019, S. 14). Rechtsextremismus umfasst neben faschistischen und neofaschistischen auch nationalistisch-konser- vative Konzepte (Virchow, Langebach und Hausler, 2017, S. 16). Somit zeigt sich eine rechtsextreme Einstellung „in der qualifizierenden Zustimmung zu einer rechtsgerichteten Diktatur, Chauvinismus, Auslanderfeindlichkeit, Antisemitismus, Sozialdarwinismus und der Verharmlosung des Nationalsozialismus“ (Virchow et al., 2017, S. 17). Gelegentlich wird unter den obengenannten Aufzahlungen auch der Begriff des Rechtsradikalismus verwendet. Oft werden unter den ,Radikalen Rechten‘ Gruppierungen wie etwa der franzosische Front National oder die deut­sche Partei Die Republikaner bezeichnet. Die Verwendung des Begriffs Radikalis- mus ist fur eine extrem-rechte Weltanschauung mittlerweile aber nicht mehr trag- fahig und ist schlussendlich durch den Begriff des Extremismus abgelost worden. So hat der Verfassungsschutz im Jahr 1975 sein Vokabular vollstandig auf Extre- mismus umgestellt. Der Begriff des Extremismus zielt weniger auf eine Ideologie ab, sondern mehr auf politische Gewalt. Es lasst sich allerdings feststellen, dass sich der Begriff des Extremismus als unbestimmt erwiesen hat, da Gewaltphano- mene wie beispielsweise Rassismus, welche haufig indirekt geschehen, vom Ext- remismus oftmals nicht eingeschlossen sind (Virchow et al., 2017, S. 17; Dunkel et al., 2019, S. 22).

2.3 Abgrenzung Rechtspopulismus von Rechtsextremismus

Die Grenzen vom Rechtspopulismus zum Rechtsextremismus verlaufen oft flie- Bend. So definiert z.B. Fabian Virchow die Gemeinsamkeiten und Unterschiede folgendermaBen:

„Der Rechtspopulismus teilt mit der extremen Rechten beispielsweise die Ablehnung sichtbaren muslimischen Lebens sowie die Ausgrenzung der muslimischen Kultur bis hin zu Forderungen nach Massenabschiebungen. Meist fehlt rechtspopulistischen Gruppen jedoch der aggressive Antisemi- tismus der extremen Rechten. Zudem betreiben rechtspopulistische Ak- teure selten Fundamentalopposition, zumal ihre Ideologieform flexibel und weniger hermetisch ist, sie setzen zudem starker auf eine graduelle Veran- derung nach MaBgabe volkisch-nationalistischer Imperative.“ (Virchow et al., 2017, S. 19)

Ein weiterer Unterschied vom (Rechts-)Populismus zum (Rechts-)Extremismus ist, dass der Populismus eine Form der demokratischen Auseinandersetzung ist. Da- bei beansprucht er den demokratischen Willen, ohne dabei demokratische Formen zum Ausdruck zu bringen (Beyme, 2018, S. 51; Hillebrand, 2017, S. 124).

Fur Anthony Painter ist das Ziel von Rechtspopulismus:

„[...] die Beeinflussung der Funktionsweise der Demokratie. Er bedroht die Kultur und die Normen der liberalen Demokratie von innen. Das heiBt, der rechte Populismus will die Demokratie nicht ersetzen, sondern das an In- stitutionen gebundene System in eine populistische, direkte, expressive Form der Demokratie verwandeln.“ (Hillebrand, 2017, S. 124)

Deshalb kann festgehalten werden, dass der Populismus, auch wenn seine Argu- mente und sein Stil anecken, eine wichtige Funktion fur die Demokratie haben kann. Denn die Alternative ware Extremismus - eine demokratiefeindliche Bewe- gung, eine Ideologie, die ethnischen Nationalismus und religiosen Radikalismus legitimiert und Methoden wie Aufmarsche, Verfolgung, Hass, Hetzpropaganda, Gewalt und Terror anwendet. Auch wenn der radikale Rechtspopulismus oftmals dieselben Angste wie der Rechtsextremismus schurt, verfolgt er seine Anschau- ung mit unterschiedlichen Mitteln. Das bedeutet allerdings nicht, dass der Rechtspopulismus als harmlos anzusehen sein sollte. Es bleibt im hochsten MaBe problematisch, wie er mit kontroversen Themen umgeht. Daruber hinaus wird er eine bestandige Herausforderung fur die Demokratie bleiben (Hillebrand, 2017, S. 126, 127; Hartleb, 2014, S. 222).

2.4 Politikjournalismus und Politikjournalist*innen

Medienwissenschaftler Roger Blum beschreibt Politikjournalismus als „jene[n] Journalismus, der sich mit den Entwicklungen und Zustanden der Politik auf nati- onaler, regionaler und lokaler Ebene befasst“ (Blum, 2005, S. 346) Luneborg und Sell weisen darauf hin, dass sich das Politikressort in Deutschland auf das natio­nale und internationale politische Geschehen fokussiert (Lunenborg und Sell, 2018, S. 13). Fur Kortsch ist eine wichtige Funktion des Politikjournalismus, dass er „die Lucke [fullt], die aufgrund der wachsenden Distanz zwischen Volk und Par- teien und anderen politischen Organisationen entsteht.“ (Kortsch, 2011, S.10)

Und weiter: „Politikjournalismus muss Themen und Entscheidungen der Politik dem Publikum vermitteln.“ (Kortsch, 2011, S. 10) Unter Politikjournalist*innen sind Journalist*innen zu verstehen, die „[...] hauptsachlich Regierungs-, Parlaments-, Parteien-, Verbands-, Wahl-, Abstimmungs- und Themenberichterstattung“ betrei- ben (Blum, 2005, S. 346). Dabei verwenden sie „die Konzepte des Informations-, Interpretations-, Meinungs-, Investigations- und Prazisionsjournalismus, des an- waltschaftlichen Journalismus sowie des Public Journalism“ (Blum, 2005, S. 356). Politischer Journalismus und die Politikberichterstattung konnen als „Urform des Journalismus“ (Blum, 2005, S. 346) bezeichnet werden, da sich andere Ressorts wie Wirtschaft, Sport oder Feuilleton erst spater entwickelt haben (Blum, 2005, S. 346 f.). Neben Nachrichten und Kommentaren findet sich der Politikjournalismus vermehrt auch in Darstellungsformen wie z.B. Reportagen, Features, Portrats, Sa­tire oder Interviews wieder (Blum, 2005, S. 348).

2.5 Das politische Fernsehinterview

Das Interview stellt eine wichtige journalistische Darstellungs- und Kommunikati- onsform dar. Dabei ist der Wechsel zwischen Frage und Antwort, worin der*die Journalist*in die Rolle des*der Fragenden und der*die Interviewpartner*in die Rolle des*der Antwortenden einnimmt, das entscheidende Charakteristikum (Besl, 2018, S.18). Im Gegensatz zu Interviews im Bereich der Soziologie oder medizini- schen Psychologie, besteht bei einem journalistischen Interview immer ein offent- liches Interesse. Es unterscheidet sich von anderen Befragungsformen durch die sogenannte Verdoppelung der Interviewsituation, da das Interview unter Beobach- tung der Offentlichkeit stattfindet, wird also ein*e weiter*e Rezipient*in wahrge- nommen. Dadurch entsteht eine Gesprachssituation mit Mehrfachadressierung (Besl, 2018, S. 30). Dabei konnen Interviews zur Sache und Interviews zur Person gefuhrt werden und als kurze Interviews (z.B. drei Fragen in einem Schaltgesprach einer Magazinsendung), bis hin zu einstundigen Live-Fernsehinterviews oder In- tervieweinspielungen in Dokumentarfilmen, auftreten (Besl, 2018, S. 23, 31; Muller-Dofel, 2017, S. 19).

Im Duden wird das Interview wie folgt definiert:

„von einem Berichterstatter von Presse, Rundfunk oder Fernsehen mit einer meist bekannten Personlichkeit gefuhrtes Gesprach, in dem diese sich zu gezielten, ak- tuellen [politischen] Themen oder die eigene Person betreffende Fragen auBert“ (Duden) Da sich diese Arbeit ausschlieBlich auf politische Fernsehinterviews bezieht, be- notigt es hierfur eine weitere Unterscheidung in der Definition. Aus linguistischer Sicht handelt es sich bei Fernsehinterviews zunachst um mundlich prasentierte, audiovisuelle Gesprache. Dabei kann auch von ,inszenierten Mediengesprachen‘ die Rede sein (Besl, 2018, S.33, 34). Im Gegensatz zu beispielsweise Printinter­views, findet bei Fernsehinterviews keine formale Bearbeitung bzw. Transforma­tion statt, wodurch eine Unmittelbarkeit von Information und der Eindruck von Wirk- lichkeitsnahe und Authentizitat entsteht (Besl, 2018, S. 45). Bei einem politischen Fernsehinterview findet meistens eine Verbindung des Themas und des*der inter- viewten Politiker*in statt (Besl, 2018, S.31). Dabei sollen Politiker*innen dazu ge- bracht werden, uber aktuelle politische Vorgange bzw. uber ihre Haltung zu spezi- ellen Ereignissen oder uber gewisse Themen Auskunft zu geben (Besl, 2018, S. 40).

Zusammenfassend kann folgende Definition von Peter Besl Klarheit schaffen:

“Beim politischen Fernsehinterview handelt es sich auf Gesprachsebene um ein massenmedial verbreitetes, apraktisches, inszeniertes und unein- geschrankt offentliches Gesprach, das ein asymmetrisches Verhaltnis der Gesprachspartner aufweist. [...] Die Interaktionspartner stehen hierbei stell- vertretend fur eine bestimmte Gruppe, die nicht am Gesprach teilnimmt. Dadurch und aufgrund der Distribution der Gesprache ist eine Mehrfachad- ressierung hinsichtlich der Gesprachsteilnehmer (direkte Adressaten) und der Rezipienten (indirekte Adressaten) gegeben. [...] Die Gesprache sind dem politischen Diskurs zuzuordnen und unter dieser Domane als thema- fixiert zu betrachten, woraus sich diskursive Handlungsdimensionen erge- ben.“ (Besl, 2018, S. 79)

In dieser Arbeit werden zwei Arten des politischen Fernsehinterviews von Inte- resse sein. Zum einen das politische Fernsehinterview, das live oder aufgezeich- net ist und bei dem der*die Journalist*in mit im Bild zu sehen ist. Dies ist z.B. bei Interviews beim ZDF heute journal oder bei den Sommerinterviews der offentlich- rechtlichen Sender der Fall. Des Weiteren wird auch das Interview in gebauten Fernsehbeitragen und Dokumentationen naher beleuchtet. Hierbei ist der*die Journalist*in nicht im Bild zu sehen und seine*ihre Fragen sind nicht zu horen.

Ein zusatzlicher Aspekt bei Interviews in gestalteten Bewegtbildbeitragen ist die Montage, die eine nachtragliche Bearbeitung der Originaltone (O-Tone) erlaubt. Oft wird dabei die gestellte Frage zum Kommentartext und die Antwort zum O-Ton (Wagner, 2010, S. 36).

3 Forschungsstand

Da es zum Thema Interviewfuhrung mit AfD -Politiker*innen bisher noch keine For- schung gibt, wird versucht, sich der Thematik anzunahern, indem der bisherige Forschungsstand zum Selbstbild von Journalist*innen und Politiker*innen und de­ren Verhaltnis zueinander, aufgezeigt wird. AuBerdem wird ein Ausblick uber bis- herige Forschungsarbeiten zum Thema Medien und AfD gegeben.

3.1 Selbstbild von Journalist*innen

In einer Demokratie gehort es zu den Aufgaben von Journalist*innen die Burger*in- nen zu informieren, die Machtigen zu kontrollieren und zu kritisieren. Dabei sollen Journalist*innen zur Meinungs- und Wissensbildung beitragen und die Rezipi- ent*innen durchaus auch unterhalten. Dies wird unter anderem bei offentlich-recht- lichen Rundfunkanstalten in Vertragen festgehalten (Weischenberg, Malik und Scholl, 2006, S. 98).

So steht z.B. im Programmauftrag des Norddeutschen Rundfunks:

„Der NDR hat den Rundfunkteilnehmern und Rundfunkteilnehmerinnen einen ob- jektiven und umfassenden Uberblick uber das internationale, europaische, natio­nale und landerbezogene Geschehen in allen wesentlichen Lebensbereichen zu geben. Sein Programm hat der Information, Bildung, Beratung und Unterhaltung zu dienen.“ (Norddeutscher Rundfunk, 1991)

Aus diesen Vorgaben resultieren also gewisse Rollenvorstellungen fur Journa- list*innen. 1993 wird eine erste, reprasentative und deutschlandweite Studie zum Selbstbild von Journalist*innen gefuhrt, die zwolf Jahre spater in dieser Weise wie- derholt wird. Dabei sind neben den Selbstbildern von Journalist*innen auch die Realisierbarkeit dieser Absichten im Alltag erfragt worden.

Durch z.B. organisatorische, politische, technische oder okonomische Bedingun­gen konnen gewisse Ziele und Absichten der Journalist*innen nicht eingehalten werden (Weischenberg et al., 2006, S. 100).

Weischenberg et al. (1994, 2006) zeigen auf, dass sich Journalist*innen vor allem in der Informations- und Vermittlerfunktion sehen. Dabei sehen sie sich insbeson- dere als neutrale Informationsvermittler*innen. Ein scheinbar gegensatzliches Rol- lenbild zeigt Journalist*innen als kritisch, politisch und anwaltschaftlich. Dabei wird von einem aktiven Rollenverstandnis gesprochen, das durch berufliche Ziele wie z.B. Kritik an gesellschaftlichen Missstanden zu uben, sich fur ,kleine' Leute und deren Meinung zu Themen von offentlichem Interesse einzusetzen oder Bereiche wie Politik oder Wirtschaft zu kontrollieren, bestimmt ist (Weischenberg et al., 2006, S. 106). Insgesamt haben rund die Halfte der Journalist*innen (58%) die Absicht, Missstande in der Gesellschaft zu kritisieren. Jede*r Dritte (34%) mochte Offentlichkeit fur die Meinungen von ,kleinen' Leuten schaffen und drei von zehn Journalist*innen mochten sich fur die Benachteiligten in der Bevolkerung einset- zen. Im Vergleich zu 1993 ist die ,Wachhund'-Funktion nicht mehr so ausgepragt. Wahrend in den 1990er Jahren noch 37% der Journalist*innen die Bereiche Politik, Wirtschaft und Gesellschaft kontrollieren wollten, sind es 2005 nur noch 24% (Greck, S. 107, 108; Weischenberg et al., 2006, S. 106). Es ist allerdings zu vermuten, dass in bestimmten Ressorts die Form des aktiven und politischen Journalismus verbreiteter ist als in anderen (Weischenberg et al., 2006, S. 107). So liegen z.B., was die Umsetzung der Kontrollfunktion angeht, Fernsehjournalist*innen vorne. Dies konnte unter anderem mit dem hoher eingeschatzen Einfluss des Mediums zusammenhangen (Weischenberg et al., 2006, S. 108). Insgesamt sagen 41% der Fernsehjournalist*innen, dass sie die politische Tagesordnung mitbestimmen. Dabei glauben mehr als die Halfte der Politikjournalist*innen (52%), die Kritikfunktion auch im Berufsalltag umsetzen zu konnen (Weischenberg et al., 2006, S. 109).

2010 nehmen Lunenborg und Berghofer mit ihrer Studie gezielt Politikjournalist*in- nen in den Fokus. Dabei verwenden sie die Fragenkomplexe von Weischenberg et al. (1994, 2006) um diese Daten hinsichtlich der Politikjournalist*innen zu aktu- alisieren. 82,7% der befragten Politikjournalist*innen sehen sich als neutrale Infor- mationslieferant*innen und antworten dementsprechend ahnlich wie die Gesamt- heit der Journalist*innen im Jahr 2006. Eine interessante Abweichung zu den bis- herigen Befunden zeigt, dass 95,5% der Politikjournalist*innen vor allem komplexe Sachverhalte erklaren und vermitteln wollen.

Hier wird also eine Verschiebung zu bisherigen Forschungsergebnissen deutlich, wonach Politikjournalist*innen sich eher in der Vermittlerrolle sehen und sich somit vermehrt an den Publikumsbedurfnissen orientiert haben (Luneborg und Berghofer, 2010, S. 37; Greck, S. 109).

In ihrer Studie wird auch deutlich, dass Politikjournalist*innen das Aufgabenfeld der Kritik und Kontrolle starker verankert haben, als die durchschnittlichen Journa- list*innen (57,6%). Fast dreiviertel der Politikjournalist*innen (74,4 %) mochten in ihrer Arbeit Kritik an Missstanden uben. Ein weiterer, markanter Unterschied zeigt sich im Ziel, die politische Tagesordnung mitzubestimmen und Themen auf die Agenda zu setzen. Knapp ein Drittel der Politikjournalist*innen (32,5%) verfolgen dieses Ziel. Im Vergleich zu anderen Journalist*innen (13,8) sind das doppelt so viele (Luneborg et al., 2010, S. 38, 39).

3.2 Selbstbild von Politiker*innen

2011 untersuchen Pfetsch und Mayerhoffer die politische Kommunikationskultur in Deutschland auf Basis einer quantitativen Befragung von 360 Politiker*innen, po- litischen Sprecher*innen und Journalist*innen (Pfetsch und Mayerhoffer, 2011, S. 40). Ihre Studie zeigt, dass Politiker*innen sich vor allem als Parteipolitiker*innen und Informationslieferant*innen der Burger*innen verstehen. An dritter Stelle rau- men sie individuelle Karriereziele ein und schlussendlich wollen sie durch ihre Kommunikation eine direkte Einflussnahme auf politische Entscheidungen treffen (Pfetsch et al., 2011, S. 53).

3.3 Die Beziehung zwischen Journalist*innen und Politiker*innen

Auch das Verhaltnis von Politiker*innen und Journalist*innen ist weit erforscht. So macht Lesmeister (2008) deutlich, dass das Verhaltnis von Politiker*innen und Journalist*innen als Symbiose zu betrachten ist. Kepplinger (2009) untersucht in seiner Studie das Machtverhaltnis zwischen Bundestagsabgeordneten und Jour- nalist*innen und hat herausgefunden, dass beide Gruppen jeweils den Medien grundsatzlich mehr Einfluss auf die Politik attestieren als umgekehrt (Greck, S. 71, 72).

Laut Pfetsch und Mayerhoffer (2011) sehen Journalist*innen sich verstarkt als In- formationsvermittler*innen und Kontrolleur*innen politischer Vorgange. Hingegen denken Politiker*innen, dass vor allem die Aktualitat und die eigene Meinung der Journalist*innen im Fokus stehen wurden (Pfetsch et al., 2011).

Laut einer Untersuchung von Greck (2017) nutzen Politiker*innen die Medien vor allem, um ihre Parteithemen zu platzieren. Dabei favorisieren die Abgeordneten Interviews zu Themen, die in der Offentlichkeit verhandelt werden. Die Politiker*in- nen sehen sich vor allem einem meinungsbetonten Journalismus gegenuber und nutzen eigene mediale Kanale, um die Burger*innen zu informieren. Wohingegen Journalist*innen dies eher als Selbstdarstellung wahrnehmen. Laut Greck (2017) konne das Web 2.0. der direkte Kanal fur Politiker*innen zu den Burger*innen sein und dementsprechend zur Folge haben, dass Politiker*innen nicht mehr im selben MaBe auf die klassischen Medien angewiesen sind (Greck, S. 281).

3.4 Medien und die AfD

Des Weiteren ist auch das Verhaltnis von Medien und der AfD in der Wissenschaft erforscht worden. So ist unter anderem die Berichterstattung uber die AfD (Schardel, 2018), die Rolle von ARD -Polit-Talkshows hinsichtlich ihres AfD -The- mensettings (Blohm 2018) sowie AfD -Frames in der Tagesschau (Neumann, 2016) untersucht worden.

Die Dissertation von Schardel 2018 besteht aus drei Forschungsarbeiten, die un- terschiedliche Pressearbeiten und Zeitraume in den Fokus nehmen und unter- schiedliche inhaltliche und methodische Schwerpunkte setzen und somit das Ver- haltnis zwischen Presse und AfD beleuchten. Die erste Publikation beinhaltet eine international vergleichende Studie, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Berichterstattung uber die AfD in Deutschland, das Movimento Cinque Stelle (M5S) aus Italien und das Team Stronach (TS) aus Osterreich analysiert. In der zweiten Publikation von Schardel wird die Berichterstattung dreier Onlineportale klassischer Printmedien (Bild-Zeitung, Der Spiegel, FAZ) uber die AfD untersucht. Dabei liegt der Fokus auf der Gegenuberstellung der journalistischen Produktionen und den zugehorigen Leserkommentaren. In der dritten Publikation wird die regio­nale Berichterstattung uber die AfD bei neun deutschen Landtagswahlkampfen un- tersucht. Untersuchungsgegenstand waren 18 Regionalzeitungen aus neun Bun- deslandern. Dadurch ergibt sich ein Bild der regionalen Berichterstattung uber die Partei von September 2013 bis Marz 2016.

Die im Rahmen der Dissertation durchgefuhrten empirischen Untersuchungen lie­fern folgende Ergebnisse:

- Das uberwiegende Medienecho fur die rechtspopulistische Partei fallt ne- gativ aus. Die Zeitungen und Onlinemedien auBerten sich insgesamt sehr kritisch gegenuber der AfD. Somit werden bisherige Erkenntnisse bestatigt, wonach Qualitatsmedien oftmals als Verteidiger des Establishments tatig werden.
- Berichterstattung spiegelt inhaltlich wider: die Entwicklung der AfD von ei- ner euroskeptischen Partei zur rechtspopulistischen Anti-Establishment Partei.
- Es sind keine Unterschiede uber das mediale Bild der Partei in Boulevard- zeitungen im Vergleich zu Qualitatszeitungen oder zwischen Regionalzei- tungen im Osten und Westen zu finden.
- UbermaBige Aufmerksamkeit fur die AfD in Onlinemedien und starke Ge- genreaktionen durch Kommentare von Nutzer*innen.
- Kritische Berichterstattung scheint durch interne Streitigkeiten der AfD so- wie rassistische und fremdenfeindliche AuBerungen gerechtfertigt.
- Teilweise reiBerische Uberschriften von der Presse zur AfD.
- Beobachtung, dass die negative Presse von populistischen Parteien fur ihre Zwecke positiv umgedeutet wird. Bestatigt wird dies durch die Unter- suchung von (Schardel, 2018).

Blohm (2018) untersucht die Rolle von Polit-Talkshows der ARD wahrend des Bun- destagswahlkampfes 2017. Mit einer quantitativen Medieninhaltsanalyse stellt er zwar fest, dass weder der AfD als Partei noch den AfD -Gasten mehr Aufmerksam- keit zuteilwurde, jedoch sind die Top-Wahlkampfthemen der AfD, ,Fluchtlinge3 ‘ und Zuwanderung, dominant innerhalb der Talkshows vertreten. In einer qualitativen Fernsehanalyse einer hart aber fair -Ausgabe ist der Umgang mit der AfD -Politike- rin Alice Weidel untersucht worden.

Es konnte festgestellt werden, dass der Moderator wiederholt emotional agiert und die rationale Ebene verlassen hat, wodurch es Weidel ermoglicht wird, sich als Opfer der Medien zu inszenieren. Zusatzlich ist dies durch eine misstrauische In- szenierung der Kamera unterstutzt worden (Blohm, 2018).

Auch das ARD-Magazin Monitor veroffentlicht eine Auswertung der thematischen Schwerpunkte von ARD - und ZDF -Talkshows von 2016. Dabei wird festgestellt, dass es in 141 Sendungen alleine 40-mal um Fluchtlingspolitik, 21-mal um (Rechts-)Populismus und 15-mal um den Islam, Gewalt und Terrorismus gegan- gen ist (Hausler, 2018, S. 121; Restle, El Moussaoui und Maus, 2017; Bey und Wamper, 2018, S. 121). Auch das zapp- Magazin hat herausgestellt, dass die AfD, wahrend der drei Landtagswahlen 2016, innerhalb von zehn Tagen gleich sechs- mal in den fuhrenden politischen Talk-Formaten wie Anne Will, hart aber fair, Maischberger und Maybrit Illner zu Gast war (Hausler, 2018; Gensing, Patrick und Reisin, 2016; Bey et al., 2018, S. 121).

Zum Verhaltnis zwischen Journalist*innen und AfD-Politiker*innen gibt es derzeit keine Studie. Allerdings hat Prof. Bernd Gabler, fruherer Chef des Grimme Institu­tes, heute Journalistik-Professor an der FHM Bielefeld, in Kooperation mit der Otto Brenner Stiftung ein Diskussionspapier veroffentlicht. Darin analysiert er das Span- nungsverhaltnis zwischen Medien und der AfD und gibt Handreichungen fur den medialen Umgang mit Rechtspopulist*innen. Aus seiner Sicht benotigt es keinen spezifischen „AfD-Journalismus“ (Gabler, 2017). Eine weitere Publikation wird im November 2018 von Gabler und der Otto Brenner Stiftung veroffentlicht. Hierin versucht Gabler, die mittlerweile gewonnenen journalistischen Erfahrungen kri- tisch auszuwerten und daraus Lehren fur die Praxis abzuleiten. Insbesondere setzt sich Gabler dabei mit der Darstellungsform des Interviews auseinander. Er wertet darin Interviews mit AfD -Politiker*innen aus und zeigt auf, was gut und was schlecht ,lief‘ und was kunftig besser gemacht werden sollte (Gabler, 2018, S. 52 - 59).

Eine weitere Handlungsempfehlung zum Umgang mit der AfD wird 2019 von der Amadeu Antonio Stiftung publiziert. Darin kommt unter anderem Alice Lanzke zu Wort. Sie ist Journalistin und auf Themengebiete wie Migration, Hate Speech und sensiblen Sprachgebrauch spezialisiert. In einem Interview gibt sie Tipps, wie Journalist*innen fur rechtspopulistische Kommunikationsstrategien sensibilisiert werden konnen (o. A., 2019a, S. 16 - 18).

4 Alternative fur Deutschland (AfD)

Im Folgenden wird zunachst die Grundungs- und Entwicklungsgeschichte der AfD aufgezeigt und beleuchtet, warum es sich bei der AfD um eine Partei handelt, die zwischen rechtspopulistisch und rechtsextremistisch, demokratisch und verfas- sungswidrig, eingestuft wird. Des Weiteren wird die Kommunikationsstrategie der AfD und dem damit verbundenen Ansatz des Framings und der rechten Rhetorik beleuchtet.

4.1 Geschichte

Die Partei Alternative fur Deutschland ist 2013 gegrundet worden. Sie zieht bereits ein Jahr spater ins Europaische Parlament ein. In der Bundestagswahl im Jahr 2017 ist sie mit 12,6% als drittstarkste Kraft in den Deutschen Bundestag gewahlt worden und zahlt somit zur groBten Oppositionspartei. Mit der AfD kann sich zum ersten Mal seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland eine rechte Partei par- lamentarisch etablieren (Walther und Isemann, 2019, S. 28; Ruhose, 2019, S. 1). Die AfD verfolgt zunachst einen eurokritischen Kurs und richtet sich vorrangig kon- servativ-wirtschaftsliberal aus. In kurzer Zeit entwickelt sie sich jedoch zu einer rechtspopulistischen Partei (Walther et al., 2019, S. 28). Die AfD sticht seit ihrer Grundung mit ideologisch-unterschiedlichen Flugeln und deren Konflikten unterei- nander hervor. Der Richtungsstreit zwischen dem liberalkonservativen Flugel um Parteimitbegrunder Bernd Lucke und dem nationalkonservativen Flugel um Frauke Petry verscharft sich 2015 im Zuge der islam- und auslanderfeindlichen Protestbe- wegungen Patriotische Europaer gegen die Islamisierung des Abendlandes (Pegida). Nachdem im Juli 2015 Frauke Petry und Jorg Meuthen zum neuen Par- teivorstand gewahlt worden sind und sich somit die Partei weiter nach rechts ver- schiebt, tritt Lucke aus der Partei aus, die sich laut ihm zu einer „Protest- und Wut- burgerpartei“ (Lucke, 2015) entwickelt hat (Walther et al., 2019, S. 33). Die sog. Fluchtlingskrise im Jahr 2015 und die daraus resultierende Asylpolitik der Regie­rung, kann als weiteres, wichtiges Momentum der AfD bezeichnet werden (Walther et al., 2019, S. 33). Auch hier bilden sich erneut verschiedene politische Flugel in der Partei, die zu erheblichen Streitigkeiten fuhren. So stand die Parteivorsitzende Frauke Petry, die mittlerweile einem pragmatisch-gemaBigten Flugel angehort, na- tionalkonservativen Werten rund um Alexander Gauland sowie dem rechtsextre- men Flugel, der heute unter dem Begriff ,der Flugel' bekannt ist und unter anderem von Bjorn Hocke vertreten wird, entgegen (Ruhose, 2019, S. 6).

Nachdem sich vermehrt rassistische und diskriminierende AuBerungen von AfD - Abgeordneten hauften und sich die Partei nicht von den verantwortlichen Personen und deren AuBerungen distanziert, tritt Petry kurz nach der Bundestagswahl 2017 aus der Partei aus (Walther et al., 2019, S. 34, 35). Auf dem Hannoveraner Partei- tag im Winter 2017 wird dann Alexander Gauland neben Jorg Meuthen zum Par- teichef gewahlt.

4.2 Die AfD zwischen rechtspopulistisch und rechtsextremistisch, demokratisch und verfassungswidrig

Die AfD nutzt das Momentum des Populismus, indem sie sich als „die einzig wahre Alternative und die einzig wahre Opposition“ (AfD Landtagsfraktion Baden- Wurttemberg, 2017) fur das Volk darstellt und beansprucht, den Volkswillen dabei unmittelbar zu vertreten (o. A., 2019a, S. 13). Dabei bezieht sich die Partei aller- dings nicht auf die Staatsburger*innen der Bundesrepublik Deutschland, sondern zieht eine Grenze der Zugehorigkeit des ,Volkes‘ auf Abstammung und Kultur (Wildt, 2017, S. 97). So stellt sich z.B. die Thuringer AfD -Landtagsfraktion, in ei- nem Positionspapier zum Thema Leitkultur, gegen „die Durchmischung der Bevol- kerung mit Personengruppen anderer Hautfarbe“ (Alternative fur Deutschland, Fraktion im Thuringer Landtag, 2018, S. 24). Und auch im Wahlprogramm der AfD fur die Deutsche Bundestagswahl 2017 wird gefordert „zum Abstammungsprinzip, wie es bis zum Jahr 2000 galt, zuruck[zu]kehren“ (Alternative fur Deutschland, 2017, S. 18). Ein weiteres populistisches Merkmal, das von der AfD verwendet wird, zeichnet sich im Kampf gegen die ,Anderen‘ aus. Dabei kampft die AfD gegen die sogenannten Eliten und ,Alt-Parteien‘, aber auch gegen Minderheiten unter- schiedlichster Art (Pfahl-Traughber, 2019, S. 34). So prangert Jorg Meuthen, Bun- desvorsitzender der AfD im April 2016 an, er konne sich aufgrund von Zuwan- der*innen nicht mehr sicher auf die StraBe trauen und fordert nach einem „Deutschland weg vom links-rot-grun versifften 68er Deutschland“ (Meuthen, zit. nach Korsch, 2018, S. 13).

Zunehmend stellt sich mehr und mehr die Frage, ob die AfD vom Verfassungs- schutz beobachtet werden sollte (Walther et al., 2019, S. 35). Dabei wird eine Par- tei oder ihre Mitglieder als demokratiefeindlich eingestuft, wenn sie die freiheitliche demokratische Grundordnung (fdGO) bzw. staatliche Institutionen und Verfahren angreift (Dunkel et al., 2019, S. 128). Der Demokratieschutz wird unter anderem im Grundgesetz in Artikel 18 und 21 festgelegt:

„Wer die Freiheit der MeinungsauBerung, insbesondere die Pressefreiheit (Artikel 5 Abs. 1), die Lehrfreiheit (Artikel 5 Abs. 3), die Versammlungsfrei- heit (Artikel 8), die Vereinigungsfreiheit (Artikel 9), das Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnis (Artikel 10), das Eigentum (Artikel 14) oder das Asyl- recht (Artikel 16a) zum Kampfe gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung miBbraucht [sic!], verwirkt diese Grundrechte. Die Verwir- kung und ihr AusmaB [sic!] werden durch das Bundesverfassungsgericht ausgesprochen.“ (Grundgesetz Artikel 18)

„(2) Parteien, die nach ihren Zielen oder nach dem Verhalten ihrer Anhanger da- rauf ausgehen, die freiheitliche demokratische Grundordnung zu beeintrachtigen oder zu beseitigen oder den Bestand der Bundesrepublik Deutschland zu gefahr- den, sind verfassungswidrig.“ (Grundgesetz Artikel 21)

Im September 2018 wird zunachst die Junge Alternative (JA), die Jugendorgani­sation der AfD, vom Verfassungsschutz unter Beobachtung gestellt (Walther et al., 2019, S. 38). Laut Verfassungsschutz handelt es sich bei der JA, um eine „extre- mistische Bestrebung“, die „sich augenscheinlich gegen die Garantie der Men- schenwurde aus[richtet]“ (Bundesamt fur Verfassungsschutz, 2019). Des Weiteren erklart der Verfassungsschutz die Teilorganisation der Flugel zum Verdachtsfall. So heiBt es im Jahresbericht 2019 des Bundesamts fur Verfassungsschutz:

„Das durch den ,Flugel‘ propagierte Politikkonzept ist primar auf die Aus- grenzung, Verachtlichmachung und weitgehende Rechtlosstellung von Auslandern, Migranten, insbesondere Muslimen, und politisch Andersden- kenden gerichtet. Es verletzt alle Elemente der freiheitlichen demokrati- schen Grundordnung, die Menschenwurdegarantie sowie das Demokratie- und das Rechtsstaatsprinzip. Die Relativierung des historischen National- sozialismus ist zudem pragend fur die Aussagen der ,Flugel‘-Vertreter.“ (Bundesamt fur Verfassungsschutz, 2019)

Anfang 2020 stuft der Verfassungsschutz die Organisation als erwiesen rechtsext- remistisch ein, was eine formale Auflosung des Flugels nach sich zieht. Schat- zungsweise gehorten rund 20% der Parteimitglieder dem Flugel an. Aufgrund von fehlenden formellen Vereins- und Mitgliederstrukturen, lasst sich, nach Einschat- zung des Bundesamtes, die Zahl der Anhanger*innen nicht konkret beziffern.

Laut dem Verfassungsschutzbericht von 2019, wird das Personenpotenzial von Rechtsextremist*innen von 24.100 auf 32.080 angehoben. Darunter sind schat- zungsweise 8600 Anhanger*innen des AfD - Flugels und der Jungen Alternative (Bundesamt fur Verfassungsschutz, ). Auch wenn der Flugel aufgelost ist, sind seine Anhanger*innen weiterhin Mitglieder der AfD. Laut dem Spiegel -Journalisten Severin Weiland ist der Flugel „untrennbar verwachsen“ mit der Partei. So schreibt er in seinem Kommentar uber die Flugel -Anhanger*innen: „Ihr Einfluss bleibt, auch ohne regelmaBige Veranstaltungen unter einem eigenen Signet. Sie gehoren langst zur DNA dieser Partei.“ (Weiland, 2020).

Die Landesverbande der AfD in Thuringen und Brandenburg gelten bereits jetzt schon als rechtsextreme Verdachtsfalle. Eine bundesweite Uberwachung der AfD ist derzeit allerdings nicht abzusehen. So seien fur die entsprechenden Innenmini- sterien fur Verfassungsschutz, die rechtlichen Voraussetzungen bislang nicht ge- geben, um die Partei insgesamt nachrichtendienstlich beobachten zu lassen (Lehmann und Muller, 2020).

In der Literatur ist man sich uber den Radikalisierungsgrad der AfD uneinig. Wird die bisherige Auseinandersetzung zur politischen Einschatzung der Partei betrach- tet, ergeben sich sowohl Argumente dafur wie dagegen (Pfahl-Traughber, 2019, S. 35).

Laut dem Politikwissenschaftler Funke hat sich selten eine Partei nach 1945 „so schnell und so radikal von der Spitze aus in eine Partei der rechtsradikalen Agita- tion“ (Funke, 2016, S. 73) verwandelt.

„Die AfD fordert eine Bundesrepublik Deutschland, die sich weit weg von den Stan­dards rechtsstaatlich freiheitlicher Demokratie befindet. Sie ist in Ideologie und Handeln der Spitze und der strikt islamfeindlichen Mehrheit des Programm-Partei- tags eine rechtsradikale Partei geworden.“ (Funke, 2016, S. 73)

Fur Hausler handelt es sich bei der AfD um eine rechtspopulistische, autoritare und volkisch-nationalistische Partei.

„Getragen von einer Welle aus Frustration, Politikverdrossenheit und ange- stauter Wut formiert sich die AfD als Partei eines volkisch-autoritaren Po- pulismus als neues parteipolitisches Dach fur eine milieuubergreifende rechte Widerstandsfront und Aufstandsbewegung gegen die rechtlichen und emanzipatorischen Errungenschaften der liberalen Demokratie und deren Fundamente.“ (Hausler, 2018, S. 17)

Laut dem Politikwissenschaftler und Soziologe Armin Pfahl-Traughber entwickelte sich die AfD „[...] von einer rechtsdemokratischen Auffassung weg und zu einer rechts- extremistischen Orientierung hin. Man findet diese in der Partei nicht nur am Rande, sondern im Zentrum: die Aberkennung von Individualrechten, Bekundungen von rassistischen Positionen, die Delegitimierung von der gewahlten Regierung, Forderung nach einem Systemwechsel, Ethnisie- rung und Monopolanspruche auf das Volksverstandnis, die Negierung gleichrangiger Religionsfreiheit, Neigung zu verschworungsideologischen Vorstellungen, Pauschalisierung durch fremdenfeindliche Stereotype und die Relativierung des Antisemitismus und der NS-Vergangenheit.“ (Pfahl- Traughber, 2019, S. 41)

Fur den Soziologen Wilhelm Heitmeyer steht die AfD „fur einen neuen Typus eines autoritaren Nationalradikalismus (Heitmeyer, 2017)“. Die Partei als rechtspopulis- tisch zu bezeichnen findet er „verharmlosend“ (Heitmeyer, 2017).

Gabler ordnet die AfD als rechtspopulistisch ein, indem er betont:

„Auch wenn sie die Demokratie illiberal interpretieren, Pluralitat durch Identitat er- sticken wollen, und in der Abwehr des Fremden groBe Uberschneidungen mit dem Rechtsradikalismus aufweisen, bekampfen Populisten die gegenwartige Demokra­tie doch stets im Namen der Demokratie.“ (Gabler, 2018, S. 8)

Und auch Fuhrmann kommt zu einer ahnlichen Einschatzung:

„Die AfD gilt folglich als demokratisch. Und damit gelten auch ihre rassisti- schen und nationalistischen Positionen als legitime Meinung im Rahmen des Konsenses demokratischer Verfassungsstaaten. Die gleichen Aussagen wurden erst zu einem Problem, wenn die Partei offen die staatliche Ordnung ablehnt. Dies ist einer der Grunde, warum sich das Sagbarkeitsfeld fur men- schenfeindliche Aussagen in den letzten Jahren erweitert hat.“ (Fuhrmann, 2019, S. 130)

4.3 Die Kommunikationsstrategie der AfD

Schon seit ihrer Grundung im Jahr 2013, polarisiert und provoziert die Partei mit nationalistischen, diskriminierenden, islamophoben und rassistischen Kommenta- ren (o. A., 2019a, S. 6). So fordert die damalige AfD -Parteichefin Frauke Petry wahrend der ,Fluchtlingskrise‘ 2016 die Grenzpolizisten auf, „notfalls auch von der Schusswaffe Gebrauch [zu] machen“ (Petry, zit. nach Mack und Serif, 2016).

Und auch Alexander Gauland, Fraktionsvorsitzender der AfD, sorgt mit seinem Kommentar uber den FuBballspieler Jerome Boateng „Die Leute finden ihn als FuBballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“ (Gauland, zit. nach Bax, 2018, S. 98) fur Kritik. Auch seine AuBerung, er wolle die damalige Integrationsbeauftragte der SPD, Aydan Ozoguz, „nach Anatolien ent- sorgen“ (Gauland, zit. nach Bax, 2018, S. 98) sorgte fur Furore. Alice Weidel, Co- Vorsitzende der AfD, tat es ihm gleich, als sie von „importierten, marodierenden, grapschenden, prugelnden, Messer stechenden Migrantenmobs“ (Weidel, zit. nach Bax, 2018, S. 97) spricht. Und Thuringens AfD -Chef Bjorn Hocke bezeich- nete das Holocaust-Mahnmal in Berlin als „Denkmal der Schande“ und forderte „eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ (Hocke, zit. nach Bax, 2018, S. 97). Wie aus einem vertraulichen Strategiepapier, welches 2017 an die Offentlich- keit gelangt, hervorgeht, stellen diese kalkulierten Tabubruche einen zentralen Be- standteil der Kommunikationsstrategie der AfD dar.

„Die AfD muss (...) ganz gezielt politisch inkorrekt sein, zu klaren Worten greifen und auch vor sorgfaltig geplanten Provokationen nicht zuruckschrecken“ (AfD - Manifest 2017)

Die AfD macht sich also gezielt die offentliche Emporung und den daraus resultie- renden Medienrummel zu Nutze. Laut dem Soziologen Alexander Hausler versto- Ben Rechtspopulist*innen mit bewussten Tabubruchen gegen die etablierten Re- geln. Wenn sie ihre Statements dann spater relativieren, konnen sie sich umso besser als Opfer der sog. Mainstream-Medien darstellen und beklagen, dass die Meinungsfreiheit angeblich eingeschrankt sei. Die AfD fuhlt sich von der ,Lugen- presse‘ ausgegrenzt und sieht den offentlich-rechtlichen Rundfunk, den sie auch als ,Staatsfunk‘ tituliert, als prinzipiellen Gegner an (Bax, 2018, S. 98). Fur eine rechtspopulistische Partei, wie die AfD, erscheinen Massenmedien als Mediatoren, die die Volksmeinung verzerren (Schellhoh, 2018, S. 88). So mochte die Partei eine Gegenoffentlichkeit bilden und investiert Anfang 2018 als erste Bundestags- fraktion in einen sogenannten Newsroom. Hierbei gehe es darum „eine Art War Room aufzubauen, der fur uns unsere Inhalte ungefiltert an den Mann bringt“ so AfD -Sprecher Christian Luth (Luth, zit. nach Schneider, 2018). Die AfD baut ihre eigenen Medien auf, ruft dazu auf, den ,Mainstream-Medien‘ nicht zu vertrauen und sich uber alternative Medien‘ zu informieren, dennoch hat sie zugleich einen unbedingten Drang in den etablierten Medien vorzukommen. So droht AfD -Partei- chef Jorg Meuthen im Juni 2017 juristische Schritte gegen den offentlich-rechtli­chen Rundfunk einleiten zu wollen, weil Politiker*innen seiner Partei angeblich zu selten in Talkshows eingeladen wurden (Bax, 2018, S. 87; Gabler, 2017, S. 5). Mit der AfD ist nicht nur eine rechtspopulistische Partei in den Bundestag eingezogen, die vermehrt mit diskriminierenden Kommentaren auffallt, sondern diese Tabubru- che gezielt einsetzt, um Aufmerksamkeit in den Medien zu erlangen und sich wie- derum auf der anderen Seite als Opfer der etablierten Medien darstellen zu kon- nen.

4.3.1 Framing-Ansatz

Durch die Komplexitat diverser Themen, wird schnell deutlich, dass oftmals be- stimmte Faktoren hervorgehoben werden, die als wichtig erachtet werden und an- dere Aspekte weniger in den Vordergrund gestellt werden. Journalist*innen, Kom- munikator*innen sowie Rezipient*innen haben jeweils einen eigenen Blickwinkel auf eine offentliche Debatte. Diese Blickwinkel auf ein bestimmtes Thema, werden als Frames bezeichnet, und die Forschung, die sich damit beschaftigt, wird Fra- ming-Forschung genannt (Matthes, 2014, S. 9). Framing bezieht sich also auf den aktiven Prozess des selektiven Hervorhebens von Informationen. Frames sind da­her die Ergebnisse dieses Prozesses.

Nach Entman (1993) lassen sich vier Frame-Elemente unterscheiden: Problemde­finition, Ursachenzuschreibung, Losungszuschreibung und Handlungsempfehlung sowie eine explizite Bewertung. Somit wird jeder offentliche Diskurs zu einem Wettbewerb verschiedener Akteur*innen um den dominierenden Frame. Dies ge- schieht auf Ebene der Kommunikator*innen, der Medieninhalte und der Bevolke- rungsmeinung. Somit ist der Framing-Ansatz ein zentraler Forschungsbereich in der politischen Kommunikationsforschung (Matthes, 2014, S. 10 - 12). Als Frame­Building wird der Einfluss von Kommunikator*innen auf die journalistischen Fra­mes und damit die Medien-Frames bezeichnet. Dieser hat wiederum Einfluss auf die Rezipient*innen-Frames (Matthes, 2014, S. 18). Die Framing-Forschung hat ihren Ursprung in der Soziologie, Psychologie und Kommunikationswissenschaft (Matthes, 2014, S. 24).

Um Framing in seiner Gesamtheit verstehen zu konnen, muss zunachst einmal die Frage gestellt werden, wie der Mensch eigentlich Sprache begreift und wie sich diese auf unser Denken und Handeln auswirkt (Wehling, 2016, S. 20). Wir begrei- fen Worte, indem unser Gehirn, korperliche Vorgange wie z.B. Gefuhle, Geruche, Geschmacker oder Bewegungsablaufe abruft, die mit den Worten assoziiert wer- den. Wenn wir z.B. das Wort Hammer lesen, denken wir automatisch an ein Werk- zeug, einen Nagel oder vielleicht an einen blauen Daumen. Es werden sogar Be- reiche im Gehirn aktiviert, die die Bewegung des Hammerns simulieren. Wir be- greifen also Worte, indem unser Gehirn so tut, als wurden wir dies selbst sagen oder ausfuhren (Wehling, 2016, S. 22, 23). Ein weiteres Beispiel, wie Frames un­sere Sprache bestimmen ist der Frame, von der Zukunft als ,vor' uns und der Ver- gangenheit als ,hinter' uns. Dadurch, dass der Mensch sich sehr oft vorwartsbe- wegt und dabei Zeit vergeht, lernt unser Gehirn, Raumlichkeit und Zeit aufgrund korperlicher Erfahrung automatisch miteinander zu assoziieren. Des Weiteren wird der Frame durch die sprachliche Erfahrung gefestigt. Wir lassen z.B. negative Sa- chen hinter uns, blicken zuruck oder schauen nach vorn. Dabei wirkt sich dieser Frame wiederum auf unser Handeln aus. In einer Studie von Miles/Nind/Macrae (2010), bewegen sich die Teilnehmenden, die uber die Zukunft nachdenken, nach vorne und die Probanden, die uber vergangene Ereignisse nachdenken, lehnen sich zuruck (Wehling, 2016, S. 38, 39). Des Weiteren mussen wir uns klar machen, dass lediglich 2% unseres Denkens bewusste Vorgange sind und Menschen nicht aufgrund von Faktenlagen, sondern aufgrund von Frames, ihre sozialen und poli- tischen Entscheidungen treffen (Wehling, 2016, S. 42, 43).

Tatsachlich lauft in unserem Gehirn auch eine Art Automatismus ab, denn wir be- greifen Fakten besonders leicht, wenn diese in einen zuvor aktivierten Frame pas- sen und nur schwerfallig, wenn dies nicht der Fall ist (Wehling, 2016, S.34). Kom- plexe Phanomene und abstrakte Ideen werden als Metaphern denkbar gemacht. Dadurch entscheiden metaphorische Frames uber unser politisches Denken und Handeln - und auch das geschieht unbewusst (Wehling, 2016, S. 68). Wird also von einer ,Fluchtlingswelle‘ gesprochen, werden Zuwanderer*innen als eine Was- sermenge dargestellt, die plotzlich und unvorhergesehen, wie ein Tsunami auf un­ser Land prallt. Den Fluchtlingen wird die semantische Rolle der Bedrohung zuge- schrieben. Ihnen werden zusatzlich die Menschlichkeit, Individualitat sowie Ge- fuhle abgesprochen. Die Not und die Bedrohung, der die Gefluchteten in ihren Hei- matlandern ausgesetzt sind, haben in diesem Frame also keinen Platz (Wehling, 2016, S. 168, 174, 175). Auch das Konzept der ,Islamophobie‘ hat sich zuneh- mend sprachlich verankert. Dabei wird eine Panik erweckt, wie wir es sonst von Spinnen (Spinnenphobie) oder sehr engen Raumen (Klaustrophobie) kennen (Wehling, 2016, S. 157). Durch den Begriff der Phobie wird eine islamkritische und gegen Muslim*innen gerichtete Haltung bagatellisiert und legitimiert. Islam-feindli- ches Denken ist eine Geisteshaltung und keine klinische Angststorung (Wehling, 2016, S. 158, 159). Und auch Begriffe wie Gotteskrieger, Gottesstaat oder Unglau- bige erwecken den Frame vom gewalttatigen Islam bzw. von Muslim*innen als ge- walttatige Terrorist*innen (Wehling, 2016, S. 163). Gehirnstudien belegen, dass auch wenn Konzepte oder Frames verneint werden (z.B. sogenannter Gotteskrie- ger, das Boot ist nie voll, angebliche Fluchtlingswelle) das Gehirn die Areale akti- viert, in denen diese Konzepte verankert sind. Wenn man in einer politischen De- batte also gegen bestimmte Ideologien argumentiert, aktiviert man oft einen Frame der Weltsicht des Gegners (Wehling, 2016, S. 56). Je ofter wir Worter oder Satze horen, die bestimmte Ideen miteinander verknupfen, desto selbstverstandlicher wird diese Vorstellung zum Teil unseres alltaglichen Denkens und formt langfristig unsere Wahrnehmung. Dieser Prozess wird in der Neurowissenschaft ,Hebbian Learning‘ genannt. Sprache verandert also unser Gehirn und damit unser Denken (Wehling, 2016, S. 57, 58).

4.3.2 Die Rhetorik der Rechten

Die Rhetorik der Rechtspopulist*innen besteht aus zentralen Elementen, dabei handelt es sich um eine Mischung aus Stil und Inhalt, deren Ziel immer das gleiche ist: das Schuren von Ressentiments oder das Andocken an die burgerliche Mitte (Schutzbach und Biskamp, 2018, S. 42). Auch die Rhetorik der AfD gibt vor, die Interessen des ,Volkes‘ gegenuber dem ,Establishment‘ zu vertreten. Doch wer oder was ist eigentlich ,unser‘ und dieses ,wir‘, von dem die AfD da immer wieder spricht? Und das wiederkehrend in ,unserem Vaterland‘ und ,unserer Kultur‘ er- scheint (Detering, 2019, S. 9)? Das abendlandische, deutsche ,Wir‘ bestimmt sich fast immer mit dem wiederkehrenden Hinweis auf diejenigen, die nicht dazugeho- ren (Detering, 2019, S. 10). Schuld an allem haben ,die Eliten‘, ,der Staat‘ und ,die Lugenpresse‘. Das Elite-Bashing nimmt dabei oft verschworungstheoretische Zuge an (Schutzbach et al., 2018, S. 43). Das Ziel dieser Rhetorik ist eine Politik der Abgrenzung, die es der AfD ermoglicht, sich selbst als AuBenseiter darzustel- len, welcher gegen die jeweiligen Eliten und fur die kleinen Leute kampft (Schutzbach et al., 2018, S. 44). Eine wichtige Rolle dabei nimmt auch das Spielen mit gezielten Tabubruchen ein, um so die Grenzen des Sagbaren auszuweiten und die offentliche Aufmerksamkeit zu steuern, und sich auf der anderen Seite als das Opfer darstellen zu konnen (Schutzbach et al., 2018, S. 57; Detering, 2019, S. 7). Mit Kampfvokabeln wie ,Vogelschiss‘, ,Entsorgung‘ oder ,Messermanner‘ provo- zieren AfD -Abgeordnete und kampfen gegen ,vorgefertigte Denkschablonen‘ und ,Sprechverbote‘ einer allgegenwartigen ,Political Correctness‘ (Detering, 2019, S. 7). Dabei bekommt das rassistische Gedankengut den Deckmantel des Ethnoplu- ralismus4 ubergestulpt. So wird argumentiert, dass jedes Volk unterschiedliche und unveranderliche kulturelle Eigenschaften habe, die aber aufgrund von Migration und Globalisierung in Gefahr seien. So erfolgt die Abgrenzung nicht biologisch, sondern kulturell. Es wird das Recht auf kulturelle Identitat und nationale Praferenz eingefordert und dadurch wird letztendlich Diskriminierung und Ausschluss ge- rechtfertigt (Schutzbach et al., 2018, S. 48). Laut Stahl klingt Ethnopluralismus „[.] vornehmer als jenes ,Deutschland den Deutschen, Auslander raus!‘ des nazisti- schen StraBenpobels, es meint aber nicht viel anderes.“ (Stahl, 2019, S. 81, 82) Das neurechte Konzept dient „[.] als pseudo-intellektuelles Deckmantelchen, um schnode Fremdenfeindlichkeit zu verbramen.“ (Stahl, 2019, S. 81).

So wird im Rahmen des Ethnopluralismus auch oft vom ,groBen Austausch' ge- sprochen. Ursprunglich stammt der Begriff vom franzosischen neurechten Autor Renaud Camus. In seiner Schrift ,Le Grand Remplacement' wird die Verschwo- rungstheorie verbreitet, die Regierungen in Europa wurden eine Auflosung der hie- sigen Volksgemeinschaften planen, indem sie aktiv Migration fordern wurden (Camus, zit. nach Stahl, 2019, S. 82). Auch Ralph Weber, parlamentarischer Ge- schaftsfuhrer der AfD -Landtagsfraktion in Mecklenburg-Vorpommern und AfD - Landessprecher von Mecklenburg-Vorpommern Dennis Augustin, sprechen vom ,groBen Austausch'. Andere AfD -Funktionare erwahnen zwar nicht explizit den Be- griff, schlagen aber in dieselbe Kerbe. Gottfried Curio, AfD -Bundestagsabgeord- neter, spricht davon, dass der UN-Migrations-Pakt eine „Umsiedlungs- und Erset- zungsmigration (Curio, 2018)“ sei. Und auch der AfD -Vorsitzende Alexander Gauland behauptet, dass das deutsche Volk „ungefragt und gegen seinen Willen ersetzt“ werde (Gauland, zit. nach Thorwarth, 2018). In seiner Rede im Saalbau in Frankfurt 2018 spricht er zudem von einem „Uberlebenskampf“ und macht deutlich „Wir haben kein Interesse daran, Menschheit zu werden. Wir wollen Deutsche blei- ben.“ (Gauland, zit. nach Thorwarth, 2018)

Die AfD bedient sich zum einen aus dem Sprachreservoir der Neuen Rechten, auf der anderen Seite wird auch immer wieder nationalsozialistische Rhetorik uber- nommen. So ist der Neo-Nazi-Slogan ,Deutschland den Deutschen' unter anderem vom ehemaligen sachsischen Landesvorsitzenden Andre Poggenburg (o. A., 2017) und dem parlamentarischen Geschaftsfuhrer der AfD-Landtagsfraktion in Mecklenburg-Vorpommern Ralph Weber (Pergnade, 2017) aufgegriffen worden (Stahl, 2019, S. 136).

Doch es geht auch noch expliziter und menschenfeindlicher. Bjorn Hocke, Frakti- onsvorsitzender der AfD in Thuringen, halt beim III. Staatspolitischen Kongress, der unter dem Titel ,Ansturm auf Europa' am 21. und 22. November 2015 in Schnellroda stattgefunden hat, eine skandalose Rede. Darin beschaftigt er sich mit dem „Reproduktionsverhalten der Afrikaner“ (Hocke, 2015) und behauptet, dass in Afrika die sogenannte r-Strategie des Ausbreitungstyps herrscht, die im Vergleich zur sogenannten k-Strategie in Europa stehe. Diese Fortpflanzungsstrategien stammen ursprunglich aus der Biologie. Die r-Strategie wird, im Gegensatz zur k- Strategie, die fur den Reproduktionsmodus von Saugetieren steht, fur die Fort- pflanzung von Bakterien, Lausen und Parasiten verwendet.

Hockes Rhetorik offenbart somit einmal mehr seine rassistische Dimension, indem er in nationalsozialistischer Tradition auf biologische Theorien zuruckgreift und ein Menschenbild verbreitet, das an nationalsozialistische Hetzpropaganda erinnert (Stahl, 2019, S. 140; Hocke, 2015).

Wie bereits in Kapitel 4.2.1 erwahnt, spielen vor allem rhetorische Metaphern eine unerlassliche Rolle in der politischen Meinungsbildung. Wenn also z.B. Afrika- ner*innen mit Parasiten verglichen werden oder von Gefluchteten standig im Rah- men von Kriminalitat, Angst und Terror gesprochen wird, so wird diese Metapher in den Kopfen zum Common Sense. Durch metaphorischen Sprachgebrauch wird also ermoglicht zu bestimmen, wie eine Sache oder Situation begriffen und wahr- genommen wird (Lakoff und Wehling, 2008, S. 30, 31). Indem Politiker*innen eine Debatte framen, werden also die Gehirne der Menschen in gewisser Weise mani- puliert. Zwar benutzen Menschen zur Kommunikation immer Frames, da unabhan- gig von den Absichten, die verfolgt werden, Menschen eben nur in Frames denken und sprechen konnen. Der Unterschied zur politischen Propaganda besteht aller- dings darin, dass hier gezielt bestimmte Frames genutzt werden, um behauptete Gegebenheiten der Offentlichkeit als Wahrheit zu verkaufen, obwohl diese nicht wahr sind (Lakoff et al., 2008, S. 85). Wenn also sprachliches Framing fur Propa­ganda instrumentalisiert wird, wird ein Common Sense herbeigefuhrt, der mit der politischen Realitat nicht mehr ubereinstimmt und extrem gefahrlich sein kann (Lakoff et al., 2008, S. 86).

5 Das politische Fernsehinterview

Im Folgenden wird erlautert, warum das politische Fernsehinterview ein journalis- tisches Handwerk ist, das erlernt werden kann. Es werden die wichtigsten Tools, namlich die Vorbereitung und Recherche, das Vorgesprach, das Informationsziel und die Interviewdramaturgie und Interviewtechnik erklart. Des Weiteren wird auf- gezeigt, warum Interviews emotionale Balanceakte sein konnen und welche Rolle der*die Interviewer*in dabei einnehmen kann. Zuletzt werden in diesem Kapitel bekannte AfD -Interviews analysiert, indem ein Stimmungsbild von Zeitungskom- mentaren aufgezeigt wird.

5.1 Kunst oder Handwerk?

Das Fernsehinterview ist ein wichtiger Bestandteil journalistischer Arbeit, da hier unmittelbare menschliche Kommunikation erlebt werden kann (Gabler, 2018, S. 52). Der*die Journalist*in muss verschiedene Fahigkeiten mitbringen. Er*Sie muss neugierig auf die Antworten des*der Befragten sein, dabei ebenso fahig sein zu- horen zu konnen, aufgrund seiner*ihrer Recherche gute Fragen stellen zu konnen und die Antworten mit den davor recherchierten Informationen vergleichen zu kon- nen. Dabei sehen Jurgen Friedrichs und Ulrich Schwinges, Coaches fur Inter- viewfuhrung der ARD.ZDF Medienakademie, die Interviewfuhrung nicht als Kunst- form, sondern als Handwerk, das erlernt werden kann, an (Friedrichs und Schwinges, 2016, S. 7). So zahlen zu den wichtigsten handwerklichen Tools: Re­cherche, wenige Aspekte, Zuhoren und Nachfragen (Friedrichs et al., 2016, S. 117). Laut Gabler entwickelt sich im besten Fall ein flussiges Gesprach. „Es kann aber auch zah sein wie ein alter Kaugummi und trotzdem gut, weil gerade diese Zahigkeit aussagekraftig ist.“ (Gabler, 2018, S. 52). Dabei hat das politische Fern- sehinterview etwas ,sportliches‘ und insbesondere das Live-Interview wird zur „Ko- nigsdisziplin“ (Gabler, 2018, S. 53).

5.2 Vorbereitung und Recherche

Fur politische Fernsehinterviews mussen sich Journalist*innen bestmoglich vorbe- reiten. Dabei ist die Recherche uber das Thema wie auch zur interviewenden Per­son unerlasslich. Denn je besser die Interviewenden die Politiker*innen kennen, desto besser konnen sie diese befragen und einschatzen (Muller-Dofel, 2017, S. 77).

„Ich spiele eigentlich im Interview immer den Gegner, ganz unabhangig von meiner eigenen Meinung. Ich habe immer den Hut des Widerspruchs auf. Da geht es im­mer darum, Gegenposition abzufragen und kritisch nachzuhaken [...]“ (Slomka, zit. nach Fries, 2020) Um diese Gegenposition einnehmen zu konnen, ist eine intensive Vorbereitung unerlasslich. Nur durch eine grundliche Recherche lasst sich das Thema verstehen und eingrenzen. Dadurch wird auch ermoglicht, die Positionen des*der Gesprachs- partner*in wie auch des*der Gegner*in zu verstehen (Fries, 2020). So sieht es Sandra Schulz, Redakteurin und Moderatorin beim Deutschlandfunk, als ihre Auf- gabe an, stets auf Gegenargumente vorbereitet zu sein.

„weil wir davon uberzeugt sind, dass ein Gesprach zwischen zwei Leuten, die sich in der Sache einig sind, dass die im schlimmsten Fall furchtbar lang- weilig zu horen ist - und dass es viel spannender ist, wenn du eine Argu- mentationslinie horst und dann vom Interviewer aber quasi mit der Nase auf die Widerspruche gestoBen wirst, mit der Nase darauf gestoBen wirst, was jetzt vielleicht an Argumenten noch weggelassen wurde und was man viel- leicht auch noch mit betrachten wurde. Und deswegen versuchen wir uns immer die Gegenargumente zurechtzulegen.“ (Schulz, zit. nach Fries, 2020)

5.3 Vorgesprach

Zu einer Interviewvorbereitung gehort auch das Vorgesprach mit dem*der Inter- viewpartner*in. Dabei dient das Vorgesprach nicht dazu, bereits die Interviewfra- gen zu stellen, sondern lediglich Themen anzureiBen und Punkte abzusprechen (Friedrichs et al., 2016, S. 46, 47). Durch das Vorgesprach wird ermoglicht, Ver- trauen und Transparenz aufzubauen und gleichzeitig kann es auch als Recherche- grundlage dienen (Muller-Dofel, 2017, S. 95; Friedrichs et al., 2016, S. 46). So konnen die Befragten nach Ansichten und Fakten befragt werden und dabei kon- nen die Journalist*innen gleichzeitig ihre Gesprachspartner*innen besser kennen- lernen. So offenbaren Gesprachspartner*innen meist schon im Vorgesprach ihr Temperament, ihre Rhetorik und ihr nonverbales Verhalten (Muller-Dofel, 2017, S. 97; Friedrichs et al., 2016, S. 46).

Bei kontroversen Interviews ist ein knappes Vorgesprach sinnvoll. Dadurch, dass Journalist*innen im Vorgesprach die Argumentationsweisen und das Verhalten der Gesprachspartner*innen kennenlernen, wird ihnen ermoglicht, ggf. das Inter- viewkonzept noch einmal zu uberdenken oder zu uberarbeiten. Wenn also Politi- ker*innen vorab schon sehr impulsiv und lange antworten, kann die Anzahl der Punkte verringert werden und der*die Journalist*in sich auf haufigeres Unterbre- chen einstellen (Friedrichs et al., 2016, S. 47).

5.4 Informationsziel

Die groBte Schwierigkeit besteht oftmals darin, ein geeignetes Konzept zu erstel- len und realistische Interviewziele zu formulieren. Dabei besteht das Interviewkon- zept aus dem Informationsziel und den wichtigsten Punkten zu einem Thema, die der*die Interviewer*in erfragen konnte (Muller-Dofel, 2017, S. 75; Friedrichs et al., 2016, S. 32). Um ein Konzept entwickeln zu konnen, mussen Journalist*innen das Problem analytisch durchdringen und den Handlungsablauf der Sache analysieren konnen. Sie mussen die beteiligten Personen oder Parteien und deren Ansichten des Konfliktes verstehen um dann eine heroische Beschrankung der Themen vor- nehmen zu konnen (Friedrichs et al., 2016, S. 32). Um Interviewziele definieren zu konnen, mussen laut dem Coach Muller-Dofel realistische Einschatzungen uber „die sachlichen und emotionalen Zwange des Informanten, die sich daraus erge- benden Interviewziele des Informanten, das Publikumsinteresse, das Redaktions- interesse und die mit dem Informanten umsetzbaren Gesprachsinhalte“ (Muller- Dofel, 2017, S. 78) getroffen werden.

So raten auch die Interviewcoaches Friedrich und Schwinges den Journalist*innen:

„Nach dem Vorgesprach und mit Blick auf die Zielgruppe der Empfanger und das Informationsziel beschrankt er sich auf wenige dieser Punkte. Auf dem Zettel fur das Interview (Karteikarte) stehen nur noch diese Stichworte. Nicht jede Frage sollte ein neues Thema (einen neuen 'Punkt') angehen. Damit verlieren die Empfanger die Ubersicht, empfinden das Interview als 'Abha- ken' von Fragen. Auch hat das Interview dann keinen Schwerpunkt (= lan- gere Zeit fur ein Thema), was dazu fuhren durfte, dass alle Informationen an den Empfangern vorbeirauschen.“ (Friedrichs et al., 2016, S. 32)

[...]


1 Menschen, die andere durch leidenschaftliche Reden politisch aufhetzen

2 Eine Definition des Begriffs Rechtspopulismus erfolgt auf S. 9 ff

3 Wenn bestimmte Begriffe negativ konnotiert sind, werden diese in halbe Anfuhrungszei- chen gesetzt oder mit einem ,sogenannt‘ versehen. Dadurch soll verdeutlicht werden, dass diese Begriffe nicht Wortwahl der Autorin sind.

4 Theoriekonzept der sog. Neuen Rechten, das Rassismus neu und weniger angreifbar begrunden soll (Bundeszentrale fur politische Bildung)

Ende der Leseprobe aus 166 Seiten

Details

Titel
Wie Politikjournalisten Fernsehinterviews mit AfD-Politikern führen
Hochschule
Hochschule Hannover  (Medien, Information und Design)
Note
1,8
Autor
Jahr
2021
Seiten
166
Katalognummer
V1023002
ISBN (eBook)
9783346439734
ISBN (Buch)
9783346439741
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fernsehinterviews, Interviewführung, AfD, AfD-Politiker, Poltikjournalismus, Journalismus, Fernsehjournalismus, Interviews, Rechtspopulismus, Mit Rechten reden, Politisches Interview
Arbeit zitieren
Ramona Lengert (Autor:in), 2021, Wie Politikjournalisten Fernsehinterviews mit AfD-Politikern führen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1023002

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Wie Politikjournalisten Fernsehinterviews mit AfD-Politikern führen



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden