Medialer Terror? Zum Verhältnis von Terrorismus, Kommunikation und Massenmedien


Seminararbeit, 2021

44 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Terrorismus
2.1 Definition des Begriffes „Terrorismus“
2.2 Erklärung von Terrorismus aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht
2.3 Terrorismus als Kommunikationsstrategie
2.4 Terrorismus und Medien

3 Medienethik und Terrorismus
3.1 Das deutsche Mediensystem
3.2 Qualität im Journalismus
3.3 Terrorismus und sein Nachrichtenwert
3.4 Gewaltdarstellungen in Medien
3.5 Terrorismus und Bildethik
3.6 Spannungsfelder im Journalismus
3.7 Terrorberichterstattung als medienethische Grundsatzfrage

4 Diskussion
4.1 Verhältnis von Terrorismus, Kommunikation und Medien
4.2 Probleme in der Terrorberichterstattung für Journalisten aus medienethischer Perspektive
4.3 Praktische Implikationen
4.4 Limitationen und Empfehlungen für weitere Forschung

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Our war on terror begins with al Quaeda [sic], but it does not end there (George W. Bush 2001)

Der 11. September 2001 war ein Tag, der nicht nur die Vereinigten Staaten von Amerika, sondern die ganze Welt für immer veränderte.

Bei einem bis dato in solchem Ausmaß nie da gewesenen Terrorakt starben fast 3.000 Menschen. Dieses tragische und unfassbare Ereignis erfuhr von Journalisten und Medien aus der ganzen Welt Aufmerksamkeit in Form zahlreicher Fernseh- und Radiosendungen sowie Sonderberichten. Erstmals sah sich die Öffentlichkeit in Deutschland aber auch weltweit mit einem äußerst schwierigen Thema konfrontiert - dem islamistischen Terrorismus. Doch auch in den Jahren nach 2001 kam es gerade in Europa vermehrt zu terroristischen Verbrechen, wie beispielsweise dem LKW-Anschlag in Nizza 2016 oder den Anschlägen in Norwegen 2011.

Die Ergebnisse einer Online-Umfrage aus dem Jahr 2018 zeigen, dass 81% der befragten Deutschen einen Terroranschlag in ihrem Land innerhalb der nächsten 12 Monate für realistisch halten (vgl. Ipsos Global Advisor, zitiert nach de.statista.com, 2018). Kaum vergeht ein Tag, an dem irgendwelche Medien nicht über einen terroristischen Anschlag irgendwo auf der Welt berichten. Die unterschwellige Angst vor Terrorismus in all seinen unterschiedlichen Formen und Ausprägungen ist bei vielen Menschen längst schon Teil ihres Alltags geworden.

Mit Blick auf die Massenmedien der öffentlichen Kommunikation lässt sich feststellen, dass sehr intensiv über Terrorattentate berichtet wird. Es lässt sich also ein bestimmter Zusammenhang zwischen Terrorismus auf der einen und den Massenmedien auf der anderen Seite vermuten.

In der folgenden Arbeit wird dieser Zusammenhang aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht untersucht. Hierbei soll nicht nur versucht werden, diesen Zusammenhang wissenschaftlich nachzuweisen, sondern diesen auch durch vorhandene Forschungsliteratur und Expertenbeiträge zu erklären.

Mithilfe einer Literaturarbeit sollen ebenfalls medienethische Überlegungen auf Journalisten angewandt werden und dadurch mögliche Probleme innerhalb der Berichterstattung über Terroranschläge identifiziert werden.

Zuerst soll Terrorismus als Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit definiert werden, um für Klarheit im Umgang mit diesem Thema zu sorgen und möglichen Missverständnissen vorzubeugen. Es werden verschiedene Definitionen genannt, welche wiederum auf Gemeinsamkeiten hin untersucht werden. Danach soll der allgemeine Forschungsstand zum Thema Terrorismus und Kommunikationswissenschaft mit den wichtigsten Theorien und Ansätzen kurz vorgestellt werden, um dem Leser einen Gesamtüberblick zu verschaffen. Es soll der mögliche Zusammenhang von Terrorismus, Kommunikation und Massenmedien aus wissenschaftlicher Sicht untersucht und erklärt werden, um diesen dann im Diskussionsteil kritisch zu hinterfragen. Die Untersuchung geht der Frage nach, inwieweit öffentliche Kommunikation eine Schlüsselrolle für Terroristen spielt und wie die Massenmedien der öffentlichen Kommunikation wiederum auf Terroranschläge reagieren. Besondere Aufmerksamkeit liegt hier, wie oben erwähnt, auf dem ethischen Umgang von Journalisten mit dem Thema Terrorismus sowie Einflussfaktoren, welche die Berichterstattung über terroristische Anschläge prägen.

Um die nötige Aktualität und Relevanz dieser Arbeit gewährleisten zu können, wird hauptsächlich Literatur verwendet, welche nicht älter ist als zehn Jahre. Medien entwickeln sich aufgrund gesellschaftlicher Veränderung und der fortschreitenden Digitalisierung weiter. Zwar ist Terrorismus ein altbekanntes Phänomen, jedoch soll mithilfe neuerer Publikationen ein verstärkter Fokus auf die digitalen (und sozialen) Medien, wie z.B. das Internet, gelegt werden. Zur Recherche werden die Bestände der Bibliotheken der Fachhochschule Kiel und der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Fachbücher aus dem Bestand von Springer Science + Business Media sowie UTB (Uni-Taschenbücher), die Datenbanken von Google Scholar, BASE sowie Vorträge von (Fach-)Experten, welche online zugänglich und einsehbar sind, herangezogen.

Die Ziele ergeben sich aus den Forschungsfragen, welche in der nachfolgenden Arbeit beantwortet werden sollen:

FF 1.1: Gibt es aus wissenschaftlicher Sicht einen Zusammenhang zwischen Terrorismus, Kommunikation und Medien?
FF 1.2: Falls ja, wie lässt sich dieser Zusammenhang erklären?
FF 2.1: Wie lässt sich Terrorismus aus medienethischer Perspektive beurteilen?
FF 2.2: Welche Probleme ergeben sich für Journalisten bei der Berichterstattung über Terroranschläge aus medienethischer Perspektive?

Wichtig ist es, zu erwähnen, dass Terrorismus in einer Vielzahl unterschiedlicher Typen auftreten kann (z.B. islamistisch-motiviert, rechtsextrem, transnational etc.). In dieser Arbeit wird Terrorismus auf einer Metaebene erfasst, die sämtliche Typen miteinschließt. Ferner ist nicht das Ziel, die Kommunikation innerhalb von Terrororganisationen oder Terroristen untereinander vollumfänglich zu erforschen bzw. darzustellen. Die medienethischen Überlegungen werden nur auf in Deutschland arbeitende Journalisten angewandt, welche dem hier herrschenden Rechtssystem unterworfen sind. Dieses Medienprojekt soll nämlich dem Leser lediglich eine grundlegende Übersicht über das Thema bieten und behandelt deswegen gewisse Aspekte nur aus einer bestimmten Perspektive (z.B. nur Journalisten aus Deutschland). Um das Thema im Rahmen des Medienprojektes dennoch kritisch erforschen und diskutieren zu können, wird es an einigen Stellen klar eingegrenzt.

2 Terrorismus

Im Folgenden soll „Terrorismus“ aus (kommunikations-)wissenschaftlicher Sicht, inklusive dessen Verhältnis zu den Massenmedien, beleuchtet werden. Dazu ist es zunächst wichtig, den Begriff „Terrorismus“, als Untersuchungsgegenstand dieser Literaturarbeit, zu definieren. Dadurch wird eine gültige Arbeitsdefinition festgelegt und Missverständnissen im Umgang mit diesem Thema vorgebeugt.

2.1 Definition des Begriffes „Terrorismus“

Unter Terrorismus sind planmäßig vorbereitete, schockierende Gewaltanschläge aus dem Untergrund gegen eine politische Ordnung zu verstehen (Waldmann 2011: Kap. 1.1)

Das deutsche Wort Terrorismus geht auf das lateinische terrere zurück, was mit beben oder zittern übersetzt werden kann; in Verbindung mit dem französischen Suffix -isme kann es mit „etwas zum Beben oder Zittern bringen“ übersetzt werden (vgl. Gerhards et al. 2011: 13). Der Umgang mit dem Begriff „Terrorismus“ ist äußerst schwierig, denn es gibt weder aus akademischer, rechtlicher und/ oder politischer Sicht eine einheitliche Definition desselben (vgl. ebd.: 13ff. ; Riegler 2009: 41 ; Waldmann 2011 Kap. 1.1 ; Bronner & Schott 2012: 8).

Von einigen Forschern wird der Begriff sogar grundsätzlich abgelehnt (z.B. Noam Chomsky, Edward S. Herman, Gerry O’Sulivan), da dieser ohne Sinn und Definitionsgehalt als politischer Kampfbegriff genutzt werde, um den Gegner zu diffamieren (vgl. Riegler 2009: 43). Daran anschließend lässt sich festhalten, dass in der Politik „Terrorismus“ meist als eine Art „Ausschließungsbegriff“ genutzt wird, um die als Terroristen bezeichneten Akteure zu denunzieren und so ihre Anliegen als nicht verhandelbar einzuordnen (vgl. Münkler 1992: 175, Tuman 2003: 32, Daase 2007: 93 zitiert nach Gerhards et al. 2011: 14). Die Bedeutung dessen, was Terrorismus bedeutet bzw. ausmacht, ist weltweit ebenfalls nicht allgemeingültig feststehend und wird oft von den Regierungen verschiedener Länder individuell ausgelegt. Dies zeigt sich deutlich am Beispiel der Arbeiterpartei Kurdistans (kurz PKK), welche von der türkischen Regierung als Terrororganisation bezeichnet wird. Die PKK wird seit einer Entscheidung des belgischen Kassationshofs vom 28.01.2020 in Europa jedoch nicht mehr als Terrororganisation eingestuft. Zwar wären Straftaten von PKK-Anhängern „völkerrechtlich nicht gerechtfertigt“, die Partei und seine Mitglieder werden aber in Kriegsgebieten wie Nordsyrien auch als eine Konfliktpartei angesehen (siehe Die Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages :4). Palästinensische Selbstmordattentäter in Israel zum Beispiel werden von weiten Teilen der Arabischen Liga nicht als Terroristen, sondern eher Freiheitskämpfer oder Märtyrer verstanden (vgl. Gerhards et al. 2011: 14f).

Trotz einer großen Vielzahl unterschiedlicher Definitionsansätze des Begriffes Terrorismus in Literatur und Forschung lassen sich dennoch einige Gemeinsamkeiten ausmachen, die zu einem besseren Verständnis beitragen:

1) Terroristisches Handeln ist durch den Einsatz physischer Gewalt gekennzeichnet (Der Einsatz ist bewusst, planmäßig vorbereitet und/oder systematisch)
2) Opfer terroristischer Gewalttaten sind Zivilisten, also unbewaffnete Nicht­Kombattanten. Damit sind zufällige Privatpersonen oder Personen gemeint, an denen Terroristen ein bestimmtes Interesse haben. Sie machen sich in den Augen der Terroristen aus vielfältigen Gründen „schuldig“, praktisch gesehen sind beide Gruppen „wehrlos“. Als Zivilisten werden hier auch gesellschaftlich höher gestellte Personen (z.B. aus der Oberschicht) verstanden. Osama Bin Laden hatte in seinen Anfängen vor allem das saudische Königshaus als erklärtes Ziel.
3) Es gibt keine „typischen“ Täter; meist sind Täter Angehörige nicht- oder suprastaatlicher Organisationen, welche den „offenen“ Kampf vermeiden. Aus diesem Grund sind Partisanen auch nicht als Terroristen anzusehen, denn Partisanen agieren nach einem eher defensiven Charakter. Sie besitzen eine Verteidigungshaltung, die für den Angriff auf geeignete, geografische Gegebenheiten angewiesen ist und die, anders als beim Terrorismus, eben auch nur in Kriegszeiten entsteht (vgl. Münkler 2001 :585fr.).
4) Terroristen verfolgen in ihrem Handeln immer spezifische Ziele (politisch, religiös und/oder ideologisch) (vgl. ebd.: 15ff.)

Terrorismus ist somit also politisch, religiös oder ideologisch motivierte Gewalt, die sich in physischer Form (Anschläge/Attentate) gegen Nicht-Kombattanten richtet, um ein bestimmtes, zuvor definiertes Ziel, zu erreichen.

Nach Schmid und Post kann man verschiedene Typen bzw. Formen von Terrorismus unterscheiden, die sich in drei Punkten zusammenfassen lassen:

- Politisch, religiös oder pathologisch
- International, national, staatlich unterstützt und Staatsterrorismus
- Einzeltäter oder Gruppen/ Organisationen (vgl. Schmid & Jongman 1998 ; Post 2005 zitiert nach Zimmermann 2009: 15ff.)

Diese Zusammenfassung erscheint geeignet, auf präzise Art einen kurzen, aber dennoch genauen Überblick zu gewinnen. Staatsterrorismus wird meist zur Beschreibung des Israel­Palästina-Konfliktes genutzt, in dem beide Staaten gleichsam involviert sind und zeichnet sich vor allem durch den Glauben an die Rechtmäßigkeit der (staatlich legitimierten) Gewalt sowie die staatliche Planung von Militäraktionen gegen den Feind aus (vgl. Badr 2017: 56). Hans- Georg Soeffner nennt als Merkmal des Staatsterrorismus das Bestreben eines Staates, die vorhandenen Massenmedien zu zentralisieren und gleichzuschalten, um eigene Propaganda verbreiten zu können und die Entstehung einer „Gegenöffentlichkeit“ zu verhindern (wie z.B. in der ehemaligen Sowjetunion oder dem Dritten Reich geschehen) (vgl. Soeffner 2007: 83).

Schneider & Hofer nennen als eigenständige (Sonder-)Form noch den „Cyberterrorismus“, welcher von kriminellen Hackern, sowie Terrororganisationen in Form von Propaganda, etwa durch die Verbreitung von Terrortaten (z.B. Enthauptungen) im Internet, angewandt wird (vgl. Schneider & Hofer 2008: 36). Prinzipiell lässt sich Cyberterrorismus jedoch nicht zum klassischen Terrorismus hinzuzählen, da hier ein entscheidendes, von Gerhards et al. genanntes Merkmal fehlt: die Anwendung physischer Gewalt (in welcher Form auch immer). Passender wäre es, in diesen Fällen von Cyberkriminalität zu sprechen.

Nach den Anschlägen auf das World Trade Center am 11. September 2001 wurde das Thema Terrorismus erstmalig einer Vielzahl von Menschen auf der ganzen Welt bewusst, die Regierungen verschiedener Länder auf allen Kontinenten fühlten sich zu politischem Handeln veranlasst. In den folgenden Jahren nach diesem Ereignis hat eine schrittweise Transnationalisierung von Terrorismus stattgefunden, denn in immer mehr Ländern auf der Welt fanden Anschläge und Attentate statt (vgl. Hoffman 2007, Schneckener 2003,2006 zitiert nach Gerhards et al. 2011: 11).

In dieser Arbeit wird Terrorismus als Forschungsgegenstand ganzheitlich betrachtet (nach den „vier Merkmalen“, welche von Gerhards et al. beschrieben wurden), wobei sämtliche Ausprägungsformen desselben in die kommunikationswissenschaftliche Betrachtungsweise mit einbezogen werden. Somit weiß der Leser genau, was unter Terrorismus zu verstehen ist und der Einstieg in das Themenfeld wird vereinfacht.

2.2 Erklärung von Terrorismus aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht

In der Kommunikationswissenschaft gibt es verschiedene Theorien und Ansätze, wie das Phänomen Terrorismus verstanden und erklärt werden kann. Nachfolgend werden die gängigsten kommunikationswissenschaftlichen Standpunkte zum Thema Terrorismus vorgestellt. Sie ermöglichen dem Leser ein tiefgreifenderes Verständnis der Thematik und sind von essentieller Wichtigkeit, um darauf aufbauend die ersten beiden Forschungsfragen beantworten zu können.

Mehrebenen-Modell nach Beck/ Quandt

Die deutschen Kommunikationswissenschaftler Klaus Beck und Thorsten Quandt fassen kommunikationswissenschaftliche Theorien in Bezug auf Terrorismus in einem drei- verschiedene-Ebenen umfassenden Modell zusammen, welches nachfolgend erläutert wird.

I. Mikro-Ebene

Die erste Ebene ist die Mikro-Ebene, bei der Terrorismus als strategische, öffentliche Kommunikation angesehen wird. Hierbei geht es um die Mikroebene verschiedenster individueller Akteure (Terroristen, Journalisten, Mediennutzer/ Rezipienten, politische Adressaten), die mit der Makroebene der Öffentlichkeit (Gesellschaft) in Verbindung gebracht werden (vgl. Beck & Quandt 2011: 87ff.).

Bei diesem handlungstheoretischen Ansatz liegt der Fokus auf medienorientierten Terroristen, d.h. Terroristen, deren primäres Ziel es ist, Öffentlichkeit für ihre Botschaften herzustellen und nicht vorrangig politische Änderungen herbeizuführen. Die eigentliche Handlungsintention (der Terroristen) ist es, die Aufmerksamkeit der Gesellschaft zu generieren; die dabei entstandenen Gewaltauswirkungen werden lediglich als in Kauf genommener bzw. notwendiger „Kollateralschaden“ (an)gesehen (vgl. ebd. :88f.).

Die Kommunikationshandlung der Terroristen lässt sich wie folgt beschreiben: Das primäre Ziel ist die Instrumentalisierung der Medien und die Verbreitung von Propaganda. Weitere Ziele sind außerdem die Werbung für die eigenen Forderungen, die Rekrutierung von Nachwuchs (für die Terrororganisation) und/ oder die Anstiftung von Nachahmungstätern.

Die Opfer der Terrortat „dienen“ dabei als Kommunikationsinstrumente; die unmittelbaren Folgen als Kommunikationsmittel zur Erreichung des primären Zieles. Die Zielgruppen dieser Kommunikationshandlung sind in erster Linie Regierungen, Unternehmen, Parteien etc. und in zweiter Linie die Mitglieder der Terrororganisation und des Unterstützerumfeldes (gilt nicht bei Einzeltätern) (vgl. ebd.: 88f.).

Aus handlungstheoretischer Sicht lassen sich Terrortaten nicht im Sinne der Diskursethik oder der Theorie des Kommunikativen Handelns nach Habermas erklären, denn Terroristen wollen im rationalen Prozess eben nicht mit dem „besten“ Argument überzeugen, sondern „setzen [eben]auf Erzwingung, Überredung, Drohung und Emotionalisierung durch Schrecken“ (vgl. ebd.: 94).

Jan Philipp Reemtsma ist der Meinung, dass Handlungstheorien bzw. die Frage nach dem Handlungsmotiv des Terroristen nicht zielführend seien. Er schlägt vor, zwischen kollektiven Zielen (z.B. von Terrororganisationen) und individuellen Motiven zu unterscheiden. Individuelle Motive wie Lust an Zerstörung und Leid würden nicht zusammenpassen mit zweckrationalen, strategisch geplanten Taten von Terrororganisationen. Motiv und Tat fallen zusammen, sowohl für den einzelnen Terroristen als auch für die Terrororganisation, dadurch ist die Rationalität handlungstheoretisch nicht mehr auf der individuellen Ebene allein anzusiedeln, sondern auf einer kollektiven Ebene. Begründet wird das dadurch, dass Terrororganisationen beim (einzelnen) Terroristen immer eine bestimmte Vor-Lust auf die Tat und damit verbundene positive Gefühle auslösen und diesen somit zusätzlich antreiben (vgl. ebd.: 95f.).

II. Meso-Ebene

Die zweite Ebene ist die Meso-Ebene, welche die Kommunikation von Terrororganisationen als Netzwerk-Theorie untersucht (vgl. ebd.: 96ff.). Die Netzwerk-Theorie stammt aus der Soziologie. Auf Terrorismus angewandt geht es dabei um die Grundlogik der terroristischen Organisationsstruktur und den generellen Aufbau eines Terrornetzwerkes (vgl. ebd. :98). Netzwerke werden hierbei als Kommunikationssysteme verstanden und nicht als starre Konstrukte mit klaren Kommando- und Kontrollstrukturen. Die reine Übertragung von Informationen ist nicht das Entscheidende, denn die Strukturen selbst sind stets veränderlich und adaptiv. Der Informationsfluss in diesen Netzwerken ist nicht hierarchisch, da Informationen zwischen jeder Zelle fließen können, auch ohne zwischengeschaltete Ebene (vgl. ebd. :99).

Das Terrornetzwerk Al-Qaida hat beispielsweise keine klare Hierarchie, sondern bedient sich einer Art „Mischform“, d.h. Informationen fließen zwar von Zelle zu Zelle, es gibt aber durchaus übergeordnete Ebenen (z.B. emir, chief counsel usw.). Diese Form hat den Vorteil, dass Informationen schneller und verlustfreier übertragen werden können, da im Vergleich zu eindeutig hierarchischen Strukturen keine Informationen aus individuellen Machtinteressen verzögert oder verändert weitergeleitet werden (vgl. ebd.).

Den Grund für das Gelingen derartiger Netzwerke sehen Stohl & Stohl (2007) in dem Verweis auf die Bedeutung von Freundschafts-, Bekannten- und Verwandtenverhältnissen der Beteiligten. Die sozialen Bindungen untereinander sind stärker, da über die Netzwerke alle möglichen Themen und Belange kommuniziert werden. Der Ausstieg aus dem Terror­Kommunikationsnetzwerk würde für den Betroffenen einem sozialen Ausstieg gleichkommen; er ist also fest an die Terrororganisation gebunden und ihr gegenüber absolut loyal (vgl. ebd. :99ff.).

III. Makro-Ebene

Die dritte Ebene ist die Makro-Ebene, bei welcher in Anlehnung an die Systemtheorie die Gesellschaft als aus funktional ausdifferenzierten Kommunikationssystemen verstanden wird (vgl. ebd.: 101 ff.). Unter Systemtheoretikern wird Terrorismus als „Form symbolischen Handelns“ verstanden. Kommunikation wird hierbei nicht allein durch Akteure produziert, sondern sozial hervorgebracht (durch die daran stattfindende, teilgesellschaftliche Anschlusskommunikation). Beispiele für diese Kommunikationssysteme sind z.B. das politische System oder das Rechtssystem in Deutschland (vgl. ebd.: 101f.). Laut System­Theorie funktioniert Terrorismus als eigens System und ist von einer Akteurs- und netzwerkorientierten Betrachtungsweise klar abzugrenzen. Die Funktion für die Gesamtgesellschaft ist jedoch unklar (vgl. ebd.: 102).

Nach Meinung des Soziologen Peter Fuchs liegt die Aufgabe des Terror-Sy stems im „Terrorisieren“ und damit letztlich im Beenden von Kommunikation. Terrortaten beenden deshalb Kommunikation, weil man mit Terroristen bzw. Terrororganisationen eben nicht im eigentlichen Sinne kommunizieren kann, sie sind keine Instanzen der normalen Gesellschaft, sondern operational geschlossen (man erreicht sie nicht „auf normalen Wegen“). Fuchs sieht die Medien als „Kopplungsfavoriten für den Terror“, weist ihnen jedoch keine Schuld zu, da sie selbst nur ihren systemischen Funktionen folgen würden (vgl. ebd.: 103).

In der Systemtheorie nach Fuchs wird Terrorismus als soziales, gesellschaftliches Phänomen betrachtet, nicht als die Tat einzelner oder einer Gruppe. Kommunikation wird durch die (Terror-)Tat zwar abgebrochen, danach jedoch neu erzeugt (in Form von „Anschlusskommunikation“ in den Medien, da diese über die Tat berichten und bei den Menschen, die darüber sprechen) (vgl. ebd.: 101ff.).

2.3 Terrorismus als Kommunikationsstrategie

Nach dem deutschen Terrorismusexperten Peter Waldmann kann Terrorismus als Kommunikationsstrategie verstanden werden (vgl. Waldmann 2001: 13, zitiert nach Bronner & Schott 2012: 8). Dieser Ansatz geht zurück auf Walter Laqueur und fand seitdem mehrfach Eingang in wissenschaftliche Publikationen zum Thema Terrorismus (vgl. Laqueur 1987 :143, Münkler 2003 :177, Tuman 2003 zitiert nach Gerhards et al. 2011 :20). Thomas Kron und Eva-Maria Heinke stellen dazu fest:

Wir verstehen Terrorismus als eine Strategie, die mittels der wiederholten, glaubhaften Androhung oder/und Anwendung von Gewalt von nicht-staatlichen Gruppen systematisch geplant und gezielt Machtinhaber provoziert, um bei den Betroffenen sowie bei interessierten Dritten solche Reaktionen hervorzurufen, die der Erreichung eigener politischer Ziele dienen (Heinke & Kron 2013: 871)

Diese Definition ist plausibel, allerdings kann Terrorismus (wie von Schmid & Jongman weiter oben dazu festgestellt) auch von Einzeltätern begangen werden. Ein Terrorattentat wird hierbei als eine Kommunikationsform verstanden, bei der mitgeteilt wird, dass nicht weiter kommuniziert wird (von Seiten der Terroristen); gleichzeitig aber von Betroffenen die Frage erzwingt danach, wie sie auf dieses Verbrechen kommunikativ reagieren (werden) (vgl. ebd.). Die Denkweise der Terroristen, welche Attentate als Kommunikationsstrategie nutzen, wird von Thomas Riegler wie folgt beschrieben: Die „Massen“ (Gesellschaft) wären in einem „falschen Bewusstsein“ gefangen, aus dem sie nur durch den terroristischen Akt gegenüber einem Zielpublikum (Repräsentanten des staatlichen Machtapparates, deren Institutionen aber auch die allgemeine wahlfähige Zivilbevölkerung) befreit werden können. Die Wirkung des Terroraktes wird dabei durch den medialen Aufmerksamkeitswert massiv verstärkt (vgl. Riegler 2009: 566f).

Bernd Zywietz sieht Terrorismus als Risikokommunikation, denn Terrorismus habe Furcht und Sorge, beides Begleitprodukte von Risikoquellen, zum Ziel (vgl. Zywietz 2011: 751). Da Risiken Teil eines Wagnisses sind, das man in Erwartung eines bestimmten Gewinns bzw. Vorteils eingeht, ist das Terrorattentat ein vom Täter gewolltes sowie bewusst herbeigeführtes Risiko. Die Terroristen „opfern“ auf der einen Seite etwas, nämlich das eigene Leben und/oder das anderer Menschen, um ein „höheres Ziel“ zu erreichen (vgl. ebd.: 743ff.).

Nach Maren Lehmann fungiert Angst als wichtigste Kommunikationsform des Terrors (vgl. Lehmann 2016: 7). Angst ist mit Verweis auf Niklas Luhmann ein „Störfaktor im System“, welcher alle Menschen einer Gesellschaft betrifft und bei Ihnen Furcht auslöst, besonders bei den Gebildeten (vgl. Luhmann 1986: 240, zitiert nach Lehmann 2016: 6). Lehmann sieht im terroristischen Attentat nicht den Abbruch von Kommunikation (wie bei Heinke & Kron 2013), sondern nichts anderes als (einen reinen) Kommunikation(-sprozess) (vgl. ebd.: 12). Kommunikation ist gesellschaftlich unvermeidlich, denn spätestens durch das Internet ist jeder in der Gesellschaft inkludiert und nimmt als Beobachter bzw. Rezipient am Bildschirm teil am Terrorakt und dessen Nachwirkungen (vgl. ebd.: 10ff.). Angstkommunikation in Form von Gewaltakten stellt für Terroristen als von der Gesellschaft exkludierte Individuen die einzige Möglichkeit dar, wieder ein Teil der Gesellschaft zu werden, quasi wieder mit ihr zu „kommunizieren“ (vgl. ebd.: 7).

Weiterhin vertritt Lehmann die Auffassung, Terrorismus sei ein unumgänglicher Teil unserer Gesellschaft, da sich eine Gesellschaft als „soziale Umwelt aller kommunikativen Sinngebungen versteht“, die jede Art von Kommunikation, und somit auch Angstkommunikation der Terroristen, miteinschließt (vgl. ebd.). Nicht jedes terroristische Attentat liefert plausible Motive, viele Bekennerschreiben verzichten sogar provokant und bewusst darauf. Jene Terrorattentate ohne ersichtlichen Grund oder Motiv führen laut Hans Magnus Enzensberger zwangsläufig dazu, Terrorismus als eine „strukturelle Eigenschaft unserer Zivilisation [stv. für Gesellschaft]“ anerkennen zu müssen (vgl. Enzensberger 2016: 246ff., zitiert nach Lehmann 2016: 17).

Sebastian Lange definiert Terrorismus ebenfalls als Kommunikation, da er Teil eines sozialen Systems innerhalb der Gesellschaft sei (vgl. Lange 2019: 68f.). Soziale Systeme liegen immer dann vor, wenn Menschen miteinander kommunizieren. Kommunikation findet selbst dann statt, wenn „expressive“ Akte, wie z.B. Terroranschläge, von anderen (z.B. Politik/ Gesellschaft) bewusst oder unbewusst wahrgenommen werden (vgl. ebd. :69). Innerhalb dieses sozialen Systems sind Kommunikationsbeziehungen zwischen Sender und Empfänger nicht linear, sondern zeichnen sich durch Rückkoppelung in Form von „feedback“ aus. Das bedeutet jede (kommunikative) Wirkung hat auch eine Ursachen-bezogene Rück-Wirkung (z.B. Anschlusskommunikation nach einem Terroranschlag in den Massenmedien der öffentlichen Kommunikation und der Politik). Da es aber keine erste alles auslösende Ursache gibt, kann man das soziale System der Wechselwirkung zwischen Terrorismus und Politik als einen immerwährenden Kreislauf aus Handlung und Gegenhandlung sehen, in dem es keinen Anfang und kein Ende mehr gibt (vgl. ebd.: 72ff.). Dort, wo politische Maßnahmen als militärische Interventionen umgesetzt wurden, z.B. in Afghanistan, zeigt sich ein Anstieg terroristischer Anschläge und andersrum lässt sich eine Zunahme an sicherheitspolitischen Maßnahmen dort nachweisen, wo der Staat mit vermehrten Terroranschlägen konfrontiert wird oder eine (aus politischer Sicht) erhöhte Gefahrenlage herrscht (vgl. ebd.: 116).

Das soziale System von Terrorismus und Politik bzw. Gesellschaft kann als Konfliktsystem verstanden werden, in welchem beide Seiten kommunizieren, ohne miteinander jemals in (den direkten) Dialog zu treten. Die Handlungen beider Parteien werden wechselseitig legitimiert, bauen aufeinander auf und beeinflussen das Verhalten des Gegenübers (vgl. ebd.: 100ff.).

Andreas Elter sieht im Gegensatz zu Peter Waldmann Terrorismus nicht primär als Kommunikationsstrategie, sondern die Ausübung von physischer und psychischer Gewalt als vordergründiges Motiv der Terroristen. Er deklariert die Öffentlichkeit ebenfalls als Hauptzielgruppe der terroristischen Kommunikation. Terroristen, über deren Taten man nichts in der Öffentlichkeit erfahre, wären nicht existent, aus diesem Grund kommt Elter zu dem Schluss, die Tat sei nicht von ihrer kommunikativen Wirkung zu trennen. Terrorismus sei somit auch (und nicht hauptsächlich) eine Kommunikationsstrategie (vgl. Elter 2008: 11).

[...]

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Medialer Terror? Zum Verhältnis von Terrorismus, Kommunikation und Massenmedien
Hochschule
Fachhochschule Kiel
Note
1,3
Autor
Jahr
2021
Seiten
44
Katalognummer
V1023390
ISBN (eBook)
9783346420107
ISBN (Buch)
9783346420114
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Medienethik, Kommunikationswissenschaft Terrorismus
Arbeit zitieren
Alex Ehler (Autor:in), 2021, Medialer Terror? Zum Verhältnis von Terrorismus, Kommunikation und Massenmedien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1023390

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Medialer Terror? Zum Verhältnis von Terrorismus, Kommunikation und Massenmedien



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden