Eschatologie und Türkenkritik bei Martin Luther. "Vom Kriege widder die Türcken" und "Eine Heerpredigt widder den Türcken"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

31 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Historischer Kontext der Schriften
2.1 „Türkengefahr“ in den 1520er Jahren
2.2 Die Verfasstheit des Osmanischen Reichs
2.3 Die innenpolitische Verfasstheit des Heiligen Römischen Reiches und die Beziehung zu den südöstlichen Nachbarn
2.4 Luthers Situation und Reaktion auf das Vordringen der Osmanen vor Abfassung von Vom Kriege wider die Türken 1529

3 Vom Kriege wider die Türken
3.1 Inhalt und Argumentation
3.2 Luthers Quellen zu Türken, Islam und Koran
3.3 Luthers Wissen über und die Auseinandersetzung mit dem Islam

4 Eine Heerpredigt wider den Türken
4.1 Inhalt und Argumentation
4.2 Reformation und Endzeit
4.3 Luthers Geschichtsverständnis und Endzeiterwartung
4.4 Die Rolle der Türken in der Geschichtsauffassung Luthers

5 Zusammenfassung und Fazit

6 Abkürzungsverzeichnis

7 Literaturverzeichnis
7.1 Quellen
7.2 Sekundärliteratur

1 Einleitung

Die Auseinandersetzungen zwischen Islam und Christentum stellten für die Geschichte des europäischen Kontinents prägende Ereignisse dar. Nur kurze Zeit nach der Entstehung des Islams breitete sich das neue religiöse Bekenntnis über Syrien, Ägypten und weite Teile Nordafrikas bis nach Spanien aus. Hierbei handelte es sich nicht nur um die Ausbreitung einer neuen Religion, sondern auch um die Entstehung eines neuen Großreiches. Erst die Franken unter Karl Martell konnten 732 n. Chr. in der Doppelschlacht von Tours und Poitiers einen Sieg gegen die Muslime erringen und einer weiteren Ausbreitung des Islam entgegentreten.1

Die ständige Präsenz des Islam im Europa des Mittelalters war Anlass für die verschiedensten Äußerungen und Maßnahmen bedeutender Theologen, die in Abgrenzung zum Islam die Wahrheit der christlichen Tradition zu stärken beabsichtigten. Mit den Erfolgen des ersten Kreuzzugs erwuchs in Europa das Verlangen, den Islam näher zu erforschen, was sich jedoch vornehmlich in der Verbreitung abenteuerlicher Erzählungen niederschlug.2 Während etwa Petrus Venerabilis im 12. Jahrhundert den Versuch unternahm, über den Islam, insbesondere durch eine lateinische Fassung des Koran, Kenntnisse zu erlangen, um der „Häresie Mohammeds“ mit geistigen Mitteln die Stirn bieten zu können, rief sein Zeitgenosse Bernhard von Clairvaux zum erneuten Kreuzzug auf.3 Allerdings bahnte sich in dieser Zeit auch neidvolle Bewunderung den Weg, waren die Muslime des Mittelalters dem christlichen Okzident doch kulturell und wissenschaftlich weit voraus. Exemplarisch hierfür etwa war die Verbreitung der Schriften des Aristoteles, die im 12./13. Jahrhundert ihren Weg über Süditalien nach Europa fanden und für den weiteren Aufschwung der christlichen Scholastik von höchster Bedeutung waren.4

Die militärischen Erfolge des Osmanischen Reiches beförderten auch ein Vordringen der religiösen und kulturellen Überzeugungen aus dem Orient nach Europa. Nach der Eroberung Konstantinopels 1453 sah sich auch bald die Bevölkerung des Heiligen Römischen Reiches (HRR) einer direkten Bedrohung ausgesetzt, die in der Belagerung Wiens 1529 sehr konkrete Züge annahm. Damit betrat ein neuer Akteur die politische Bühne Europas, zu dem sich auch, neben vielen christlichen Denkern der Zeit, der Reformator Martin Luther äußerte. Auch wurde es recht bald im innerchristlichen Diskurs üblich, im Rahmen von Polemiken den Opponenten als Türken zu bezeichnen.5 Die nachfolgende Seminararbeit wird sich anhand seiner zwei großen Türkenschriften Vom Kriege widder die Türcken und Eine Heerpredigt widder den Turcken der Frage widmen, wie Martin Luther seine Türkenkritik mit seinem eschatologischen Erfahrungshorizont in Verbindung brachte. Dabei soll der These nachgegangen werden, in wie weit Luther den Vorstoß der osmanischen Heere als weiteres Zeichen der anbrechenden Endzeit interpretierte und ob die Osmanen daher im Rahmen seiner theologischen Erkenntnisse der 1520er Jahre zu kategorisieren waren.

Zunächst soll dazu ein Überblick über die historische Entwicklung der „Türkengefahr“ bis zum Zeitpunkt der Abfassung von Vom Kriege gegeben werden. Zudem soll kurz auf den Zustand des Osmanischen Reiches und die innenpolitische Situation im HRR sowie die Beziehung des HRR zu seinen südöstlichen Nachbarn eingegangen werden, bevor Luthers persönliche Situation thematisiert wird. Anschließend erfolgt eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der Schrift Vom Kriege und ihrer Argumentation, danach soll Luthers Kenntnis- und Quellenstand zum Zeitpunkt der Abfassung behandelt werden. Der Hauptteil schließt mit der Analyse der Heerpredigt in Bezug auf Inhalt und Argumentation, um anschließend endzeitliche Vorstellungen zur Zeit der Reformation und das Geschichtsverständnis Luthers zu erörtern. Die vorliegende Arbeit schließt mit einem zusammenfassenden Fazit, das die genannte These der Arbeit erneut aufgreift und überprüft. Zudem sei vorweg darauf hingewiesen, dass die Bezeichnungen „Osmane“ und „Türke“ synonym verwendet wird, ohne damit selbst irgendeine Form der Diffamierung implizieren zu wollen.

2 Historischer Kontext der Schriften

Luthers Auseinandersetzungen mit dem Islam, den Türken und der von ihnen ausgehenden militärischen Bedrohung bildeten eine Position innerhalb eines zeitgenössischen Diskurses, der auch literarisch großen Niederschlag erfahren hatte.6 Um Luthers in seinen Türkenschriften von 1529 geäußerte Position adäquat einschätzen und beurteilen zu können, ist deshalb einerseits eine Skizzierung der wichtigsten politischen Ereignisse und Faktoren unerlässlich, die das Thema der „Türkengefahr“ in das gesellschaftliche und politische Zentrum haben treten lassen. Andererseits ist aber auch die Klärung Luthers Vorgeschichte mit diesem Thema und seiner persönlichen Situation im Jahre 1529 von zentraler Bedeutung.

2.1 „Türkengefahr“ in den 1520er Jahren

Der maßgebliche Grund für die Auseinandersetzung mit den Türken waren die militärischen Eroberungen von Südosten her in Richtung Mitteleuropa unter Suleiman II. (1520-1566) mit dem Fall Belgrads 1521, der Eroberung Rhodos‘ und Zyperns (1522) als Erweiterungen des Osmanischen Reiches. Dadurch geriet Mitteleuropa immer näher in den Einflussbereich der Sultane von Konstantinopel. Höhepunkte dieser Entwicklung waren die Schlacht bei Mohacs (1526) und die Belagerung Wiens (1529).7 Nach diesen Ereignissen ließ sich jeweils eine Zunahme publizistischer Aktivitäten in Mitteleuropa zum Thema feststellen.8

2.2 Die Verfasstheit des Osmanischen Reichs

Die Nachfahren Osmans schafften es innerhalb von ca. 200 Jahren ihr vergleichsweise unbedeutendes Herrschaftsgebiet in Kleinasien zu einer Großmacht aufsteigen zu lassen, die die europäische Ordnung und damit das Heilige Römische Reich unmittelbar bedrohte.9 10 Als besonders einschneidendes Ereignis für die west- und mitteleuropäischen Machthaber ist die Eroberung Konstantinopels der Osmanen unter Mehmet II. 1453 zu werten. Dadurch wurden in Europa Überlegungen zu einem neuen Kreuzzug angestoßen. 10 Von herausragender Bedeutung war dabei der religiöse Gegensatz zwischen dem seit Selim I. sunnitisch-orthodoxen Osmanischen Reich und dem christlichen Heiligen Römischen Reich.11 Denn der Islam durchdrang die komplette gesellschaftliche Ordnung im Osmanischen Reich inklusive der Rechtsprechung. Dies hatte zur Folge, dass das weltliche mit dem religiösen Recht untrennbar verbunden war.12 Konsequenz der Vereinigung von rechtlichen und religiösen Normen in der osmanischen Judikative war der umfassende Geltungsanspruch des prophetischen Gesetzes. Dies hatte zur Folge, dass das Osmanische Reich als „ein eigentlicher Kriegerstaat“13 gegen die nicht islamische Welt und damit auch gegen das christliche Reich, in dem Luther lebte, von seiner Grundausrichtung auf militärischen Konflikt und Eroberung ausgerichtet war.14 Positiv auf den militärischen Erfolg der Osmanen wirkte sich der Erbfolgestreit um die böhmische und ungarische Krone nach dem Tode Ludwigs II. in der Schlacht von Mohacs 1526 aus. Dadurch wurden die innenpolitischen Machtverhältnisse im Reich in Frage gestellt und mussten zwischen den verschiedenen Parteien, vornehmlich dem Haus der Habsburger und den ungarischen Ständen, ausgehandelt werden.15

2.3 Die innenpolitische Verfasstheit des Heiligen Römischen Reiches und die Beziehung zu den südöstlichen Nachbarn

Die politische Situation in Ostmitteleuropa zu Beginn des 16. Jahrhunderts war keineswegs spannungsfrei. So bestand seit dem Tod Kaiser Sigismunds von Luxemburg im Jahre 1437 ein anhaltender Konflikt um die Ansprüche auf die Kronen von Böhmen und Ungarn.16 Die Dynastie der Habsburger, die mit Karl V. den Kaiser des HRR stellte, versuchte, ihren Einfluss durch Übernahme der ungarischen Krone auszuweiten. Nachdem sie die böhmische Krone bereits erworben hatten, unternahmen die ungarischen Stände ihrerseits den Versuch, einen von ihnen gewählten König in Ungarn zu installieren.17

Für den Habsburger Ferdinand, den jüngeren Bruder Karls, der auch die Verwaltung der österreichischen Erblande in Abwesenheit seines Bruders innehatte, ergab sich nach dem Tode Ludwigs II. 1526 die Gelegenheit, seinen Erbanspruch auf die ungarische Krone durchzusetzen. Die rechtliche Grundlage hierfür bildeten die Wiener Verträge von 1515.18 Die ungarischen Stände dagegen strebten einen König aus ihren eigenen Reihen an, um ihre Unabhängigkeit zu bewahren. Deshalb wählten sie den Woiwoden Johann Zapolya von Siebenbürgen in Stuhl weißenburg 1526 zum König. Da Ferdinand nun versuchte, seinen Anspruch militärisch durchzusetzen, unterstellte sich Zapolya dem Schutz den Osmanen im Jahre 1528. Damit machte er den von ihm beherrschten Teil Ungarns zu deren Vasallenstaat.19 Dies wiederum begünstigte das Vordringen des osmanischen Heeres bei seinem Versuch, Wien im Jahre 1529 zu erobern.20

Mit Hinblick auf das politische Vorgehen gegen die Reformation lässt sich daher neben dem Krieg gegen das von Franz I. geführte Frankreich die Bedrohung des Reiches durch die Osmanen als wichtigen Faktor anführen, die die lutherische Bewegung förderte, da sie zur Aussetzung des Wormser Ediktes führte. So fürchteten einige Teile der altgläubigen Seite im Reich, dass sich die evangelischen Reichsstände mit den Osmanen verbünden könnten, um ihre Anliegen gegen Kaiser und sie selbst durchzusetzen.21 Die aus der Belagerung Wiens gesammelten Erfahrungen waren in diesem Zusammenhang prägend, die unter anderem auch den Weg zum Nürnberger Anstand von 1531 ebneten. Hierdurch sollte die vorläufige politische Einheit im Reich hergestellt werden, um der anhaltenden Bedrohung durch das osmanische Heer begegnen zu können.22

Die Staatenlenker der Zeit vernachlässigten die theologischen Motive weitestgehend gegenüber den politischen. Gut zu sehen war dies am Krieg der Habsburger auf der einen Seite und die in der sogenannten Liga von Cognac verbündeten Parteien Frankreich, der Papststaaten und Venedig auf der anderen Seite. Denn hier waren sogar die Nachfolger Petri der Zeit mit politischen Bündnissen etwa auch mit den Osmanen einverstanden, während sie gleichzeitig zum Kreuzzug gegen diese aufriefen.23 Dies stand in starkem Kontrast zu der Konzeption Martin Luthers, da sich Luthers politische Theorie direkt aus der Bibel ableitete und die Politik der Theologie klar nachgeordnet war.24 Zunächst soll jedoch Luthers historische Situation beleuchtet werden, um die Motive zu ergründen, die zur ausführlichen Stellungnahme seinerseits eines Vorgehens gegen das türkische Militär im Jahre 1529 geführt haben.

2.4 Luthers Situation und Reaktion auf das Vordringen der Osmanen vor Abfassung von Vom Kriege wider die Türken 1529

25 Im Gegensatz zur allgemeinen politischen Situation außerhalb des Reiches, von der Luther nur am Rande Kenntnis erlangte, war die Bedrohung durch das Osmanische Reich ihm in seiner persönlichen Betrachtung stark präsent.26 Bereits 1517 in den 95 Ablassthesen und den Resolutiones disputationum de indulgentiarum virtute im darauffolgenden Jahr nahm Luther mit der Erklärung seiner 5. Ablassthese Bezug auf den von der Kirche geplanten Kreuzzug als Reaktion auf das Vordringen der Türken auf dem Balkan.27 Dort nutzte Luther die jüngsten Eroberungen der Türken bereits für die metaphorische Interpretation als „Zuchtrute Gottes“, die die Menschen im Reich aufgrund ihrer Ungerechtigkeiten gegen Gott heimsuchten. Daher wäre zuallererst innerliche Buße im Hinblick auf die eigenen Verfehlungen notwendig und nicht der äußere Kampf gegen die Züchtigung, also die Türken. Dies wäre wiederum Ungehorsam gegenüber Gott.28 Diese bußtheologischen Ansichten Luthers wurden ebenfalls in der päpstlichen Bannbulle Exsurge Domine 1520 gegen ihn verwendet. Die Kirche leitete hieraus den Vorwurf ab, dass Luther jegliches militärische Vorgehen für falsch erachtete und deshalb ablehnte.29 Dabei handelte es sich bei diesem bußtheologischen Motiv keineswegs um eine Erfindung Luthers, sondern war bereits als Kennzeichen der Mentalität im Reich um 1480 zu finden.30 Dieser Vorwurf aus den Reihen der Kurie hatte Luther jedoch lange verfolgt. Noch nach der Schlacht von Mohacs 1526 war Luther die Schuld für die Niederlage der christlichen Verbündeten gegeben worden. Auch bei der Abfassung von Vom Kriege wider die Türken waren für Luther die Anschuldigungen gegen seine Person durchaus präsent.31

Mit Blick auf die drei Nürnberger Reichstage 1522-24, die sich mit der virulent werdenden „Türkengefahr“ befassten, lässt sich feststellen, dass die Entscheidungen der Reichstage eine Vermischung der Causa Lutheri mit der Diskussion um das Vorgehen gegen die türkische Bedrohung aufwiesen.32 Dabei ist vor allem ein Ergebnis des dritten Nürnberger Reichstages 1524 zu nennen, das die Durchsetzung des Wormser Edikts vom 8. Mai 1521 durch das Reichsregiment suspendierte. Dies belastete das Verhältnis des damals auswärtigen Kaisers Karl zu seinem Bruder Ferdinand, der als Leiter des Reichtags und sein Stellvertreter fungierte.33 Als Antwort darauf verfasste Luther im gleichen Jahr mit der apologetischen Schrift Zwei kaiserliche uneinige und widerwärtige Gebote, den Luther betreffend eine Stellungnahme, die sein Verhältnis zur Obrigkeit gegen die Vorwürfe von Aufruhr und angeblicher Obrigkeitsverachtung klären sollte.34

Im Zusammenhang mit dem Reichstag 1524 war die verheerende Kritik, die Luther insbesondere am Kaiser übte, zusätzlich problematisch. Denn für den Reformator war klar, dass der Anspruch des Kaisers, oberster Schutzherr der Christenheit zu sein, vermessen war, da der Kaiser den Glauben gar nicht beschützen könnte, ist dieser doch eine von Gott eingesetzte Macht. Daraus leitete Luther ein klares Unterordnungsverhältnis des Kaisers Gott gegenüber ab.35

Im Jahr 1526 verfasste Luther die Schrift Ob Kriegleute auch in seligem Stande sein können. Bedeutsam im historischen Kontext war in dieser nach der Schlacht von Mohacs verfassten Schrift, dass er am Ende des Werks ankündigte, an anderer Stelle ausführlicher über die Türken schreiben zu wollen. Denn zum Zeitpunkt der Abfassung hätten sich die Türken bereits wieder zurückgezogen, die Deutschen daher ohnehin das Interesse an der Problematik verloren.36 Das Vordringen der Türken und die berichteten Gewalttaten hatten allerdings starke Emotionen in der Bevölkerung ausgelöst. So opponierte beispielsweise Johann Cuspinian in Wien gegen Luther, der dessen Fokussierung auf die Bußtheologie scharf verurteilte. Genauso gab es einige Stimmen, die die Türken als eine Strafe für den Verrat am althergebrachten Glauben wahrnahmen. Luther reagierte indes mit einem Verweis auf seine Obrigkeitsschrift, aus der die Möglichkeit zur Verteidigung klar ersichtlich wäre.37

Ab Ende 1527 bzw. Anfang 1528 begann sich das Vorhaben, eine größere Abhandlung gegen die Türken zu schreiben, aufgrund der erneut wachsenden militärischen Aktivitäten dieser zu verdichten. So sprach Luther in einem Brief vom 29. Dezember 1527 an Wenzeslaus Link38 und in einem weiteren Brief einen Tag später an Amsdorf39 von neuen Truppenbewegungen der Türken, die zum Ziel die Unterstützung Johann Zapolyas gegen die Truppen Ferdinands hatten und erstmals das Reichsgebiet unmittelbar bedrohten.40 An dieser Stelle entwickelt sich nach Ansicht Ehmanns auch das dichte Nebeneinander der doppelten Bedrohung für die innere Reinheit der Lehre und die Rezeption der militärischen Gefahr und führen damit zu einer Verstärkung der eschatologischen Interpretation Luthers.41

Dabei nahm Luther auch durchaus die durch die Konfessionsfrage verursachte innenpolitische Uneinigkeit wahr, die die Chancen auf einen glücklichen Ausgang des Angriffes der Türken weiter schmälerte.42 Auch in Bezug auf die Deutung persönlicher Rückschläge, dazu gehörten auch Glaubensanfechtungen und körperliche Gebrechen, dominierte der eschatologische Horizont, wie aus dem Brief an Agricola vom 11. September 1528 hervorgeht: „Elsulam meam tulit Dominus, ne videret mala“43.44 Die Stärke der eschatologischen Erwartung zeigte sich nicht zuletzt auch darin, dass Luther Gerüchte über etwaige Bündnisse von Vertretern der Reichsstände zum Beispiel vom Ritter Nikolaus von Minkwitz mit den Türken ernstnahm und sich dadurch in seiner Sichtweise weiter bestätigt sah.45

Schlussendlich resümiert Ehmann: „In dieser Situation entsteht die Türkenschrift, also in Zeiten innen- und außenpolitischer Gefahr, familiärer Unglücksfälle, kosmischer Zeichen, die sich der genauen Deutung entziehen, aber bedrohlich wirken, schließlich körperlicher Beschwerden und Anfechtung des Glaubens. Bei all dem sieht Luther den Satan in seinem letzten Kampf am Werk [.. ,].“46

Aus dieser Zusammenfassung wird ersichtlich, dass sich Luther von allen Seiten existenziell bedrängt sah. Hinzu kommt, dass er seit Jahren einerseits viele Anfragen erhalten hatte, sich zu einem Krieg gegen die Türken zu äußern,47 und andererseits selbst ein solches Vorhaben verfolgte.48 Dass dies die entscheidenden Gründe zur Abfassung der ersten Türkenschrift sein müssten, begründet Ehmann schlüssig damit, dass die Abhandlung bereits am 16. April vom Buchdrucker fertiggestellt wurde,49 noch vor der großen Offensive der Türken von Mai bis September bzw. Oktober 1529. Deshalb war Vom Kriege weniger situationsgebunden entstanden als die im gleichen Jahr veröffentlichte Heerpredigt,50 die in ihrer endzeitlichen Prägung ungleich stärker erscheint.

3 Vom Kriege wider die Türken

Die Schrift Vom Kriege wider die51 Türken verfasste Luther sowohl als fürstliche Ermahnung zum Widerstand als auch als praktische Anweisung52 für Pfarrer und Prediger zur Belehrung des Volkes. Dabei war sie als Summarium der theologischen Einsichten Luthers, die er in den Schriften der 1520er Jahre zu Papier gebracht hatte, zu betrachten.53

[...]


1 Vgl. Raeder, Siegfried: Der Islam und das Christentum. Eine historische und theologische Einführung, Neukirchen-Vluyn 2001, 165-166.

2 Vgl. A.a.O., 176.

3 Vgl. A.a.O., 176-178.176-178.

4 Vgl. A.a.O., 178-179.

5 Vgl. Kaufmann, Thomas: "Türckenbüchlein". Zur christlichen Wahrnehmung "türkischer Religion" in Spätmittelalter und Reformation, Göttingen 2008, 42-55.

6 Vgl. Ehmann, Johannes: Luther, Türken und Islam. Eine Untersuchung zum Türken- und Islambild Martin Luthers (1515 - 1546) (Quellen und Forschungen zur Reformationsgeschichte 80), Gütersloh 22015, 227­228.

7 Vgl. Rabe, Horst: Deutsche Geschichte 1500 - 1600. Das Jahrhundert der Glaubensspaltung, München 1991, 37.

8 Vgl. Göllner, Carl: Turcica. Die europäischen Türkendrucke des XVI. Jahrhunderts (Band 1), Bukarest/Berlin 1961, 7.

9 Vgl. Rabe: Deutsche Geschichte, 36-37.

10 Bobzin, Hartmut: "Aber itzt ... hab ich den Alcoran gesehen Latinisch..." Gedanken Martin Luthers zum Islam, in: Medick, Hans/ Peer Schmidt (Hrsg.): Luther zwischen den Kulturen. Zeitgenossenschaft - Weltwirkung, Göttingen 2004, 260-276, 262.

11 Vgl. Rabe: Deutsche Geschichte, 37-38.

12 Vgl. A.a.O., 38.

13 A.a.O., 38-39.

14 Vgl. A.a.O., 37-39.

15 Vgl. Brendle, Franz: Das konfessionelle Zeitalter, Berlin [u.a.] 22015, 47.

16 Vgl. Rabe: Deutsche Geschichte, 34-36.

17 Vgl. A.a.O., 36.

18 Vgl. Ehmann: Luther, Türken und Islam, 228.

19 Vgl. Bobzin: Gedanken, 263.

20 Vgl. Brendle: Zeitalter, 47.

21 Vgl. Bobzin, Hartmut: Martin Luthers Beitrag zur Kenntnis und Kritik des Islam, in: Neue Zeitschrift für Systematische Theologie und Religionsphilosophie 27 (1985), 1, 262-289, 262-263.

22 Vgl. Raeder, Siegfried: Luther und die Türken, in: Beutel, Albrecht (Hrsg.): Luther Handbuch, Tübingen 32017, 224-231, 224-225.

23 Vgl. Bobzin, Martin Luthers Beitrag, 263.

24 Vgl. Ehmann, Johannes: Reformation und Politik - Luthers Zwei-Reiche- bzw. Regimenten-Lehre, Jahrbuch für badische Kirchen- und Religionsgeschichte 8/9 (2016), 157-167, 160-161.

25 Auf einige in diesem Unterabschnitt benannten Sachverhalte ist Luther selbst in Vom Kriege wider die Türken eingegangen. Daher sei an dieser Stelle auf Kapitel 3.1 verwiesen, in dem auch die entsprechenden Textbelege in den Anmerkungen aufgeführt werden.

26 Vgl. Brecht, Martin: Ordnung und Abgrenzung der Reformation 1521 - 1532, Stuttgart 1986, 350.

27 Vgl. Bobzin: Gedanken, 264. Außerdem vgl. Bobzin, Martin Luthers Beitrag, 267.

28 Wörtlich schreibt Luther: „Licet plurimi nunc et iidem magni in ecclesia nihil aliud somnient quam bella adversus Turcam, scilicet non contra iniquitates, sed contra virgam iniquitatis bellaturi deoque repugnaturi, qui per eam virgam sese visitare dicit iniquitates nostras, eo quod nos non visitamus eas.“ WA 1, 535.

29 „Proeliari adversus Turcas est repugnare Deo visitanti iniquitates nostras per illos.“ DH 1484.

30 Vgl. Kaufmann: "Türckenbüchlein", 62.

31 Vgl. WA 30/2, 107-109.

32 Vgl. Ehmann: Luther, Türken und Islam, 228-229.

33 Vgl. A.a.O., 230.

34 Vgl. A.a.O., 230-231.

35 Vgl. Brecht, Martin: Luther und die Türken, in: Guthmüller, Bodo/Kühlmann, Wilhelm (Hrsg.): Europa und die Türken in der Renaissance (Frühe Neuzeit 54), Tübingen 2000, 9-27, 12-13.

36 Vgl. WA 19, 662.

37 Vgl. Mau, Rudolf: Luthers Stellung zu den Türken, in: Junghans, Helmar (Hrsg.): Leben und Werk Martin Luthers von 1526 bis 1546 (1. Band), Göttingen 1983, 647-662, 648-649.

38 Vgl. WA.BR 4, 310.

39 Vgl. WA.BR 4, 311.

40 Vgl. Ehmann: Luther, Türken und Islam, 268.

41 Vgl. A.a.O., 268-269.

42 Vgl. A.a.O., 269.

43 Vgl. WA.BR 4, 558.

44 Vgl. Ehmann: Luther, Türken und Islam, 269.

45 Vgl. A.a.O., 269-270.

46 A.a.O., 270.

47 Luther bezeugt dies selber in Vom Kriege wider die Türken: „Es haben mich wol für funff iahren ettliche gebeten, zu schreiben vom kriege widder den Turcken und unser leute dazu vermanen und reitzen. Und itzt, weil eben der Turck uns nahe kompt, zwingen mich solchs auch meine freunde zuvolenden WA 30/2, 107.

48 Vgl. WA 19, 662.

49 Vgl. WA 30/2, 97: „Gedruckt zu Wittemberg durch Hans Weiss M.D.XXIX. Am .XVI. tag des April.“

50 Vgl. Ehmann: Luther, Türken und Islam, 270-271.

51 Vgl. WA 30/2, 107-148.

52 Vgl. die Ausführungen zur Predigtgestaltung, WA 30/2, 117-119.

53 Vgl. Ehmann: Luther, Türken und Islam, 268.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Eschatologie und Türkenkritik bei Martin Luther. "Vom Kriege widder die Türcken" und "Eine Heerpredigt widder den Türcken"
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,5
Autor
Jahr
2017
Seiten
31
Katalognummer
V1023843
ISBN (eBook)
9783346422750
ISBN (Buch)
9783346422767
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Martin Luther, Luther, Türkenkriege, Osmanen, Türken vor Wien 1529, Eschatologie, Endzeit, Evangelische Theologie, Apokalyptik, Reformationszeit, Luthers Ethik, Gerechter Krieg
Arbeit zitieren
Michel Neubert (Autor:in), 2017, Eschatologie und Türkenkritik bei Martin Luther. "Vom Kriege widder die Türcken" und "Eine Heerpredigt widder den Türcken", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1023843

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