Diese Arbeit widmet sich der Frage, ob Myōan Eisai in erster Linie als nationalistischer Propagandist innerhalb des Buddhismus zu verstehen ist und ob er damit eine Neuerung in der Geistesgeschichte Japans vertreten hat. Der Fokus soll auf einer religionsgeschichtlichen Methode zur Ergründung der Frage liegen, weshalb auf tiefgehende Diskussionen buddhistischer Dogmatik weitestgehend verzichtet wird. Stattdessen werden die historischen Bedingungen zur Entstehung der Rinzai-Zen-Schule auf japanischem Boden nachgezeichnet.
Mit dem Wort "Zen" sind in westlichen Ländern wie Deutschland oder den USA häufig eine Menge falscher Zuschreibungen verbunden, die mehr über die eigenen spirituellen und religiösen Sehnsüchte der Menschen aussagen, als es auf Zen-Buddhismus in Japan tatsächlich zutrifft. So sind etwa Vorstellungen von friedfertigen Mönchen, die auf eine religiöse Erfahrung hin meditieren, nicht selten.
Fragwürdige Zuschreibungen sind aber auch im zeitgenössischen Japan in Bezug auf die eigene religiöse Tradition zu finden. Ein Beispiel ist dafür die Person des als Gründer der Rinzai-Zen-Tradition in Japan bekannten Myōan Eisai (1141-1215), der mit seinem Traktat Kōzen gokokuron hauptsächlich in den Bereich nationalistischer Propaganda gerückt wird.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Historische Voraussetzungen
2.1 Die politischen Entwicklungen in Japan unter dem Einfluss des Kriegeradels
2.2 Zentrale Entwicklungslinien im japanischen Buddhismus bis Eisai
2.2.1 Der Buddhismus etabliert sich in Japan
2.2.2 Frühe synkretistische Tendenzen als Erfolgsfaktor
2.2.3 Staatliche Reformen und die sechs Schulen von Nara im 8. Jahrhundert
2.2.4 Die Tendai- und Shingon-Schulen
2.2.5 Krise des Buddhismus
3 Eisai und die buddhistische Reformbewegung des Rinzai-Zens
3.1 Die Biographie Eisais
3.2 Frühe Formen des Chan-Buddhismus auf japanischem Boden
3.3 Politisches Interesse an einer buddhistischen Neuausrichtung
3.4 Das Sutra für die Gütigen Könige als ideengeschichtliche Voraussetzung
3.5 Eisais Hauptschrift Kōzen gokokuron
3.5.1 Die Frage der authentischen Sukzessionslinie
3.5.2 Die Frage des Verhältnisses von Chan zu den buddhistischen Traditionen
4 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, ob Myōan Eisai primär als nationalistischer Propagandist innerhalb des japanischen Buddhismus zu verstehen ist oder ob sein Wirken im Kontext einer historisch gewachsenen, inklusivistischen Tradition betrachtet werden muss. Dabei steht die Entstehung der Rinzai-Zen-Schule auf japanischem Boden unter Berücksichtigung der politisch-religiösen Bedingungen der Kamakura-Zeit im Fokus.
- Religionsgeschichtliche Einordnung von Myōan Eisai
- Politische und soziale Rahmenbedingungen der Kamakura-Zeit
- Bedeutung von Zen-Buddhismus für Staat und Gesellschaft
- Analyse des Werks Kōzen gokokuron
- Diskussion um das Verhältnis von Zen zu etablierten buddhistischen Traditionen
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Biographie Eisais
Entgegen seines Rufes als Begründer der Rinzai-Schule des Zen in Japan, deren Lehre er von seinem zweiten Aufenthalt in China 1187-1191 mitbrachte, blieb Eisai zeitlebens in der esoterischen Tendai-Praxis verhaftet.75
Als Sohn eines Schrein-Priesters in der Provinz Bitchū geboren, wurde er mit 14 Jahren auf dem Berg Hiei zum Tendai-Mönch geweiht. Da sich auch bei ihm der Eindruck des Verfalls innerhalb seiner Schule einstellte, reiste er auf der Suche nach neuen Impulsen in das China der Song-Dynastie im Jahre 1168. Zwar musste er dort erkennen, dass mittlerweile die Chan-Schule die buddhistische Landschaft Chinas dominierte, doch widmete er sich nach seiner Rückkehr nach Japan im selben Jahr weiterhin ausschließlich der Tendai-Praxis.76
Auch er lebte in den Vorstellungen seiner Zeit, wenn er der Meinung war, dass die Endzeit des Dharma angebrochen sei. Entgegen anderer Zeitgenossen wie seinem Ordensbruder Hōnen war Eisai jedoch nicht der Meinung, dass dies eine Abkehr von den nunmehr schwer einzuhaltenden Regeln und den komplizierten Übungen nötig mache, sondern dass in dieser Zeit ein besonderer Fokus auf die vinaya, die Ordensregeln und Mönchsdisziplin, zu legen sei.77
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Arbeit hinterfragt gängige Klischees über Zen in Japan und leitet die Untersuchung zu Myōan Eisai ein, wobei ein religionsgeschichtlicher Fokus statt dogmatischer Debatten gewählt wird.
2 Historische Voraussetzungen: Dieses Kapitel skizziert den Aufstieg des Kriegeradels sowie die Entwicklung des Buddhismus in Japan, um den Nährboden für die Entstehung der Rinzai-Schule aufzuzeigen.
3 Eisai und die buddhistische Reformbewegung des Rinzai-Zens: Hier werden Eisais Leben, sein politischer Kontext sowie sein Hauptwerk Kōzen gokokuron analysiert, um sein Handeln als Reformer zu verstehen.
4 Fazit: Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass Eisais Reformvorhaben eher als Restauration der Tendai-Tradition mit Fokus auf Disziplin zu verstehen ist und nationalistische Zuschreibungen anachronistisch sind.
Schlüsselwörter
Eisai, Rinzai-Zen, Kamakura-Zeit, Buddhismus, Kōzen gokokuron, Japan, Tendai, Ninnō kyō, Mönchsdisziplin, Religionsgeschichte, Synkretismus, Chan, Staatsbuddhismus, Sukzession, Ideengeschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die historische Rolle von Myōan Eisai und seine Gründung des Rinzai-Zen vor dem Hintergrund der sozio-politischen Umbrüche der japanischen Kamakura-Zeit.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zu den Schwerpunkten zählen die Entwicklung des japanischen Buddhismus, der Einfluss des neuen Kriegeradels, die Bedeutung klösterlicher Disziplin sowie das Verhältnis von Religion und staatlicher Ideologie.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es soll geklärt werden, ob Eisai primär als nationalistischer Propagandist zu verstehen ist oder ob seine Reformen eine Antwort auf den als krisenhaft wahrgenommenen Zustand des Buddhismus darstellten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin oder der Autor verwendet eine religionsgeschichtliche Methode, um die historischen Bedingungen der Rinzai-Entstehung nachzuzeichnen, anstatt sich in rein dogmatischen Debatten zu verlieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Biographie Eisais, die frühen Einflüsse des Chan-Buddhismus, das politische Umfeld des Kamakura-Shōgunats und das Werk Kōzen gokokuron im Kontext des Sutras für die Gütigen Könige.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Eisai, Rinzai-Zen, Kamakura-Zeit, Kōzen gokokuron, Tendai und der Zusammenhang zwischen buddhistischer Disziplin und Staatswohl.
Warum wird Eisai oft als Nationalist bezeichnet?
Diese Zuschreibung resultiert häufig aus der Interpretation seines Traktats Kōzen gokokuron als Mittel zur Stärkung der Nation, was jedoch laut Arbeit eine anachronistische Projektion darstellt.
Welche Rolle spielte das Sutra für die Gütigen Könige?
Das Ninnō kyō lieferte das ideengeschichtliche Fundament für das Verständnis des Herrschers als Beschützer des Dharma, was Eisai als Rechtfertigung für seine Zen-Reform nutzte.
- Quote paper
- Michel Neubert (Author), 2018, Myōan Eisai. Gründung des Rinzai-Zen und Nationalismus in Japan, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1023844