Die Studienarbeit untersucht, auf welchen Wegen deutsche Propagandaverbände und politische Akteure gegen die "Schwarze Schmach" argumentierten. Dabei liegt der Fokus auf der Konstruktion weißer und schwarzer Männlichkeitsvorstellungen. Wie waren die Begriffe "Weißsein", "Deutschtum", "Rasse" und "Männlichkeit" konnotiert und welche Rolle spielte die Sexualität weißer Frauen bei der Debatte um "die deutsche Ehre"?
Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg sah sich Deutschland mit einer unbekannten Situation konfrontiert, die rassenpolitische Diskurse anstieß: Die Besetzung des Rheinlandes durch französische Kolonialsoldaten. Die Debatte um Sexualität und "Rasse" wurde durch das Selbstverständnis vieler Deutscher als "Volksgemeinschaft" befeuert. Einen maßgeblichen Einfluss hatte dabei die nationsübergreifende Propagandakampagne gegen die sogenannte "Schwarze Schmach".
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Fragestellung und methodisches Vorgehen
1.2. Forschungsstand und Abgrenzung der Arbeit
1.3. Definitionen zentraler Begriffe
1.4. Terminologie und Typographie
2. Analyseüberblick
2.1. Annäherung an historische Geschlechterstereotype
2.2. Quellenkritik
3. Deutsche Männerbilder vor und nach dem Ersten Weltkrieg
3.1. Die erste Krise der Männlichkeit
3.2. Die zweite Krise der Männlichkeit
4. Konstruktion Schwarzer Männlichkeitsbilder
4.1. Der Primitive
4.2. Der Grausame
5. Nachkriegsweiblichkeiten
5.1. Selbstbild und Wiederbelebung alter Rollenmodelle
5.2. Appelle und Hilferufe an die »Männerwelt«
6. Konstruktionen weißer deutscher Männlichkeitsbilder
6.1. Der Kulturmensch
6.2. Der Schwächling
7. Fazit
7.1. Zusammenfassung
7.2. Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Konstruktion von weißer und Schwarzer Männlichkeit in der deutschen Propagandakampagne gegen französische Kolonialsoldaten nach dem Ersten Weltkrieg. Dabei wird analysiert, wie Geschlechterstereotype und rassistische Narrative instrumentalisiert wurden, um politische Ziele zu verfolgen und das nationale Selbstbild im Kontext der Nachkriegskrise zu stabilisieren.
- Konstruktion von Geschlechterrollen im Kontext der Weimarer Republik
- Die Rolle der "Schwarze Schmach"-Propaganda zur Krisenbewältigung
- Wechselbeziehung zwischen nationaler Identität und Rassismus
- Darstellung französischer Kolonialsoldaten als rassistische Projektionsfläche
- Instrumentalisierung der "Ehre" deutscher Frauen für nationalistische Zwecke
Auszug aus dem Buch
4.2. Der Grausame
Nach Morels Publikation sammelten deutsche Behörden verstärkt Propagandamaterial für eine Kampagne. Wie die Recherchen Christian Kollers zeigen, kam jedoch für die Anfangszeit der Besatzung ab 1918 kaum Material zusammen, obwohl die Kolonialtruppen seit Kriegsende im Rheinland stationiert waren. Dies könne, wie Koller vermutet, an einer Eigendynamik der Propagandakampagne liegen. Die Frage nach dem Wahrheitsgehalt der in der Propaganda geschilderten Gewalttaten soll hier nicht ausführlich thematisiert werden. Wichtig zu wissen ist, dass sich die amtlichen Quellen aus Frankreich und Deutschland teilweise widersprechen. Vertuschungsvorwürfe – ob wahr oder falsch – waren also ebenso Teil der anti-französischen Propaganda.
Eine Interpellation aller im Reichstag vertretenen Parteien – mit Ausnahme der USPD – von 1920 greift die Propaganda auf:
»Franzosen und Belgier verwenden auch nach Friedensschluß farbige Truppen in den besetzten Gebieten der Rheinlande. Die Deutschen empfinden diese mißbräuchliche Verwendung der Farbigen als Schmach und sehen mit wachsender Empörung, daß jene in deutschen Kulturländern Hoheitsrechte ausüben. Für deutsche Frauen und Kinder – Männer wie Knaben – sind diese Wilden eine schauerliche Gefahr.«
Betrachtet man die Rhetorik der Interpellation, fällt die eindeutige Diskrepanz zwischen der Beschreibung der Schwarzen Besatzer und der eigenen deutschen Nation auf. So liegen im Terminus »mißbräuchliche Verwendung« gleich mehrere propagandistische Aussagen:
Das Wort »mißbräuchlich« verweist einerseits auf die als unrechtmäßig empfundene Besatzung, andererseits greift es geschickt die Narrative des Schwarzen Vergewaltigers an. Bei der Durchsicht der Primärquellen fällt auf, dass sich Worte wie »Vergewaltigung« nicht nur auf den körperlichen, sexuellen Mißbrauch beziehen, sondern immer auch auf die empfundene Schmach als deutsche Nation. Auch hier werden also das Kriegstrauma und die Krise deutscher Männlichkeit sichtbar.
Das Wort »Verwendung« hingegen suggeriert eine Objektivierung der französischen Kolonialsoldaten. Sie werden verwendet, wie man einen Gegenstand gebraucht. Die Objektivierung dient mehreren Zielen. Erstens werden die Soldaten damit entmenschlicht. Dies wiederum hat zur Folge, dass sowohl ihre moralischen als auch ihre intellektuellen Fähigkeiten abgewertet werden und der Soldat somit rhetorisch entmachtet wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der rassistisch motivierten Propagandakampagne im Rheinland und Definition des Untersuchungsrahmens.
2. Analyseüberblick: methodische Herangehensweise an Geschlechterstereotype und kritische Einordnung der herangezogenen Primärquellen.
3. Deutsche Männerbilder vor und nach dem Ersten Weltkrieg: Untersuchung der gesellschaftlichen Krisensituation und ihrer Auswirkungen auf das Verständnis von Männlichkeit.
4. Konstruktion Schwarzer Männlichkeitsbilder: Analyse der rassistischen Zuschreibungen wie "primitiv" oder "grausam", die zur Abwertung der Soldaten dienten.
5. Nachkriegsweiblichkeiten: Darstellung der Instrumentalisierung des Frauenbildes im Rahmen nationaler Identitätspolitik.
6. Konstruktionen weißer deutscher Männlichkeitsbilder: Analyse der Idealisierung deutscher Männlichkeit durch Abgrenzung vom Feindbild.
7. Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse zur Veränderbarkeit von Männlichkeitskonzepten durch gesellschaftliche Milieus und Krisen.
Schlüsselwörter
Schwarze Schmach, Männlichkeitsbilder, Propaganda, Weimarer Republik, Kolonialsoldaten, Rassismus, Geschlechterrollen, Rheinlandbesetzung, Nationale Identität, Volksgemeinschaft, Frauenbild, Fremdwahrnehmung, Geschlechterstereotype.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die rassistische Propagandakampagne gegen französische Kolonialsoldaten im besetzten Rheinland nach dem Ersten Weltkrieg und deren Einfluss auf die Konstruktion deutscher Männlichkeits- und Weiblichkeitsbilder.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Fokus stehen die Themenfelder Nationalismus, Geschlechterrollen, rassistische Stereotypisierung, mediale Propaganda und die Bewältigung des nationalen Statusverlustes nach dem Ersten Weltkrieg.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie deutsche Akteure durch die Konstruktion von Feindbildern und die Instrumentalisierung von Geschlechterrollen versuchten, eine kriselnde nationale Identität zu stabilisieren.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt die Analyse von Primärquellen wie Flugblättern, Karikaturen und privater Korrespondenz, ergänzt durch eine diskursanalytische Betrachtung im Kontext der Geschlechterforschung und der Postcolonial Studies.
Welche Inhalte bilden den Hauptteil?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Krisensituation des deutschen Mannes, die Konstruktion des Schwarzen "Anderen" als Gefahr und die Reaktionen des deutschen Frauenbildes auf die Besatzungssituation.
Welche Schlagworte charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich besonders durch Begriffe wie "Schwarze Schmach", "Krisenmännlichkeit", "Rassenstereotypisierung" und "nationale Ehre" definieren.
Warum wurde die "Schwarze Schmach"-Propaganda auch zur Abwertung eigener Bürger genutzt?
Die Propaganda diente dazu, die "Volksgemeinschaft" zu festigen, indem sie Abweichler oder Personen, die sich nicht im Sinne der nationalen Ideologie verhielten, als ehrlos oder fremdbestimmt markierte.
Inwiefern beeinflussten Geschlechterrollen die propagandistische Darstellung?
Die Propaganda nutzte das Bild der "wehrlosen deutschen Frau", um männliche Solidarität und nationale Abwehrreflexe zu provozieren, und verknüpfte die moralische Reinheit der Frau direkt mit der nationalen Stärke.
Welche Rolle spielte der Begriff des "Kulturmenschen" in der Argumentation?
Der "Kulturmensch" wurde als Gegenentwurf zum "primitiven" Besatzer konstruiert, um eine kulturelle Überlegenheit zu behaupten, die den rassistischen Anspruch auf Vorherrschaft rechtfertigen sollte.
- Citar trabajo
- Julia Preißer (Autor), 2020, Weiße und schwarze Männlichkeitskonstrukte. Propagandaschriften gegen französische Kolonialsoldaten, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1023919